Iassine Shaka - Stefan Zackariat - E-Book

Iassine Shaka E-Book

Stefan Zackariat

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Beschreibung

"Was tut ein König, wenn er scheitert? Entweder er geht freiwillig oder er wird gegangen." Nach seinem kometenhaften Aufstieg und der Kür zum "König von Paris" wechselt Iassine Shaka überraschend ins fußballerisch bedeutungslose Katar. Allerdings zieht das erst 20-jährige Ausnahmetalent durch seinen Transfer den Hass aus aller Welt auf sich. Während er in Al-Rayyan wie ein König lebt, werfen ihm Fans und Familie Geldgier und einen schwachen Charakter vor. Auch im Verein des Prinzen hängt die Wirklichkeit dem Anspruch weit hinterher. Iassine entfremdet sich zunehmend von der Welt um sich herum, bis er vollkommen die Kontrolle verliert.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 314

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

02. Juni 2025 (20 Jahre alt)

03. Juni 2025 (20 Jahre alt)

07. Juni 2025 (20 Jahre alt)

26. Juni 2025 (20 Jahre alt)

28. Juni 2025 (20 Jahre alt)

01. Juli 2025 (20 Jahre alt)

2. Juli 2025 (20 Jahre alt)

16. Juni 2025 (20 Jahre alt)

16. Juli 2025 (20 Jahre alt)

18. Juli 2025 (20 Jahre alt)

06. Dezember 2025 (20 Jahre alt)

13. Januar 2026 (20 Jahre alt)

15. Februar 2026 (20 Jahre alt)

30. März 2026 (20 Jahre alt)

03. April 2026 (20 Jahre alt)

05. April 2026 (20 Jahre alt)

09. April 2026 (20 Jahre alt)

11. April 2026 (20 Jahre alt)

15. April 2026 (20 Jahre alt)

19. April 2026 (20 Jahre alt)

21. April 2026 (20 Jahre alt)

25. April 2026 (20 Jahre alt)

26. April 2026 (20 Jahre alt)

29. April 2026 (20 Jahre alt)

03. Juni 2026 (21 Jahre alt)

28. November 2026 (21 Jahre alt)

24. April 2027 (21 Jahre alt)

14. Juli 2027 (22 Jahre alt)

18. Juli 2027 (22 Jahre alt)

19. Juli 2027 (22 Jahre alt)

28. Februar 2028 (22 Jahre alt)

03. Juli 2028 (23 Jahre alt)

4. Oktober 2028 (23 Jahre alt)

28. Dezember 2028 (23 Jahre alt)

09. Januar 2029 (23 Jahre alt)

17. Mai 2029 (24 Jahre alt)

12. Januar 2030 (24 Jahre alt)

16. März 2030 (24 Jahre alt)

08. Mai 2030 (25 Jahre alt)

22. Mai 2030 (25 Jahre alt)

27. Juni 2030 (25 Jahre alt)

04. Juli 2030 (25 Jahre alt)

05. Juli 2030 (25 Jahre alt)

12. Juli 2030 (25 Jahre alt)

Epilog

02. Juni 2025 (20 Jahre alt)

@1GPontee

Was für ein *****sohn.

@NiceNizzaNice

Unfassbar :o Wie kann man nur so geldgeil sein? Der

Fußball stirbt einen weiteren Tod.

@LePariser06

Jetzt kann der König mit den Fürsten frühstücken. :D Nur

noch lächerlich.

@DanielDanielsonYesx3

Putain de Paris – Verräter. Mehr kann man dazu nicht

sagen. Der kann was erleben, wenn er wieder in unsere

Stadt kommt.

@IbringLaposte9

Zitat:

Was für ein *****sohn.

Zitatende

Das hat ja nicht lange gedauert, bis die verbitterten

auftauchen. :D

Reisende soll man nicht aufhalten. Wenn er auf seiner

Reise viel Geld machen will, dann soll er halt machen.

Paris wird daran nicht zu Grunde gehen, im Gegenteil,

Spieler mit einer besseren Mentalität werden uns zurück an

die Spitze führen.

Ici c‘est Paris

@Robespiére22

Hahaha, da lacht das Herz. Das größte Talent der Welt

verlässt Paris, weil er lieber in der Wüste kicken will.

Seid wohl doch nicht so groß, wie ihr dachtet. Europa

zieht uns davon, aber immerhin wird die Liga mal wieder

spannender.

@RororobertoCafu

Was für ein steiler Abstieg unseres Königs #PutainDeParis

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder heulen soll.

@ZverevGOAT

Ein schwarzer Tag für den Fußball. Während Menschen

auf der ganzen Welt hungern, stopft er sich das Maul voll

mit mehr Scheinen, als man drucken kann. #PutainDeParis

Iassine drückte den Knopf am Rande des Tablets. Das Display wurde schwarz. Lang atmete er ein und wieder aus. Den gesamten Flug über hatte er sie gelesen, die Stimmen der Zuschauer, der Fans und Experten. Keinen einzigen positiven Kommentar fand er, höchstens verständnisvoll zeigten sie sich, doch verstanden nicht.

Sie sahen nur das Gehalt, das in den Medien herumgeisterte und folgten der alten Formel: Spieler X wechselt von Team 1 zu Team 2. Bei Team 2 verdient er mehr Geld als bei Team 1. Ergo ist er nur wegen des Geldes gewechselt. Iassine dachte über die Hasskommentare nach. Vielleicht konnte er sie eindämmen? Eine Erklärung geben? Er selbst hatte sich noch gar nicht zu dem Transfer geäußert.

Wieder drückte Iassine den Knopf am Display, wischte über den Sperrbildschirm. All seine Gedanken sammelte er und schrieb sie in königlicher Diplomatie nieder, doch nach kurzem Überlegen löschte er sie wieder. Er atmete aus. Nur wenige Minuten später meldete sich der Pilot. Der Landeanflug begann – Abidjan, Elfenbeinküste. Seine Mutter hatte ihn eingeladen. Es war das erste Gespräch Iassines mit seinen Eltern, seitdem der Wechsel zu Al-Rayyan verkündet wurde.

Gemeinsam saßen sie am Tisch. Nubia wollte gerade aufstehen, um abzuräumen, als Iassine sich räusperte und wohl überlegte Worte sprach: „Also, Mama, Papa, ihr habt in den letzten Tagen und Stunden schon viel gehört über den Wechsel von mir zu Al-Rayyan. Und ich wollte wirklich, dass ihr die Wahrheit von mir persönlich erfahrt, aber ihr wisst ja, wie das abläuft: Zuerst kann man gar nicht genug Stillschweigen vereinbaren, doch wenn‘s dann final ist, platzen sie nur so damit heraus.“

Iassine lächelte. Nubia sah hinüber zu Didier, der seinen Sohn schon den gesamten Abend mit funkelnden Augen strafte. Während seine rechte Hand am Ohrläppchen herumzog, kaute er unablässig auf seiner Unterlippe herum. Einige Sekunden herrschte eine unheimliche Stille, in der Iassine nur das Mahlen seiner Zähne hörte. Doch plötzlich schüttelte Didier den Kopf: „Du kannst nicht nach Katar gehen.“

Überrascht runzelte Iassine die Stirn. „Was soll das denn heißen? Ich habe keine Lust mehr auf Paris! Eine ganze Saison wird da heruntergebrochen auf zwei Spiele! Das sind lächerliche Ansprüche! In Katar kann ich endlich wieder befreit aufspielen … und ich verdiene da knapp 30 Millionen Euro im Jahr! Da sind die Werbeeinnahmen noch nicht mal mit eingerechnet. Das ist eine … das ist eine Menge Geld, wir haben ausgesorgt, Papa. Für immer haben wir ausgesorgt … Aber es geht nicht ums Geld.“ Unter dem Tisch ballte Iassine wütend seine Faust. Warum redete er vom Geld?

Nubia schaute abwechselnd von ihrem Gatten zu ihrem Sohn. Als sie das Jahresgehalt hörte, wiederholten ihre Lippen stumm die genannte Summe. Eine unwirkliche Zahl konnte in ihrem Kopf keine Relation zur Realität finden. Sie sah wieder hinüber zu Didier, der seine Paris-Cap vom Kopf zog, sie auf dem Tisch ablegte und sich mit den Händen durchs Gesicht fuhr. Ruckartig stand er auf. Die hölzernen Beine schrammten über den Holzboden, als er den Stuhl nach hinten schob, bevor er wortlos den Esstisch verließ. Kurz darauf hörten Iassine und Nubia, wie die Tür des Wohnzimmers sachte ins Schloss fiel.

„Ist schon gut, Iassine, schon gut. Lass deinen Vater machen. Er ist stolz auf dich, das weißt du“, brach die Mutter eine unangenehme Stille. Iassine blieb ruhig, reagierte nicht auf die aufmunternden Worte. Stattdessen wischte er sich mit einer Serviette den Mund ab und verließ genauso wortlos das Haus, suchte Ruhe auf der Terrasse.

Ebenfalls stumm räumte Nubia das Geschirr vom Tisch, ehe sie ihrem Mann in das Schlafzimmer folgte.

„Er hasst mich“, seufzte Didier.

„Was? So ein Unsinn!“ Nubia setzte sich neben Didier auf die Bettkannte. „Das tut er nicht.“

„Ziné, er ist mein Ziné. Er sollte groß werden.“

„Aber er wird 30 Millionen im Jahr verdienen, das ist doch groß.“

„Du verstehst das nicht.“

„Fang bloß nicht so an! Ich weiß, dass du eine große Karriere für ihn geplant hattest, aber denk doch mal an die Familie! Wir geben zurzeit 50.000 Euro im Jahr aus, höchstens, und sogar das kommt schon von Iassine. Bei unserem Lebensstil könnten Generationen nach uns 600 Jahre von seinem Verdienst leben … und das nach nur einer Saison! Wir können anderen helfen, wo wir wollen! Wir–“

„Wir brauchen nicht so viel Geld, Nubia! Niemand braucht so viel Geld!“ Didier stand auf. „In Paris hätte er locker 15 Millionen verdient, das sind dann wieviel? 300 Jahre? Reicht uns das nicht? Seit wann? Der Junge hat in Staub und Sand Fußball gespielt und jetzt reichen 15 Millionen nicht mehr? Und es ist nicht nur das Geld! Er kriegt Prestige, Ansehen, Fans, Frauen, alles was er braucht! Aber nein, es muss mehr Geld sein. Noch mehr, immer noch mehr.“

„Es ist nicht das Geld!“ Beide drehten sich um. Iassine stand im Türrahmen. Er hatte die aufgebrachten Stimmen hinter dem dünnen Holz gehört. „Ihr wisst gar nicht, wie das ist! Diese Scheinheiligkeit! Der Präsident verehrt den Trainer und feuert ihn am nächsten Tag. Die Fans feiern unsere Siege, doch wenn man eine Halbzeit schlecht spielt, wenn man den Ball nur mal hinten rumspielt, dann pfeifen sie!“

„Was sind denn schon ein paar Pfiffe?“, warf Didier ein.

„Nicht nur die Pfiffe, sondern das, was sie transportieren! Die ganze Zeit unter Beobachtung zu stehen, keine Fehler machen zu dürfen. Dabei sind 99% davon keine falschen Entscheidungen, sondern pures Pech! Du kennst mich, Papa, ich mache keine Fehler! Für mich ist das kein Problem, wenn mich mal jemand auspfeift. Aber wenn mir ahnungslose Zuschauer erzählen, wie ich mein Spiel zu spielen habe, dann macht das keinen Spaß!“

Kurze Ruhe gefolgt von leisen Worte Didiers: „Du warst der Golden Boy.“ Sofort seufzte Iassine auf, aber Didier sprach mit lauter Stimme darüber hinweg: „Ist dir das überhaupt klar?“

„Natürlich, Papa!“

„Der Golden Boy! Das größte Talent der Welt! Was für eine Karriere für dich vorgesehen war!“

„Aber offensichtlich will ich diese Karriere nicht! Ich will Spaß am Spiel!“

„Du willst das Geld! Hör auf mich anzulügen! Nicht deinen Vater!“ Didiers Nasenspitze berührte fast die seines Sohnes.

Iassines Augen blitzen hinüber zu seiner Mutter, die einfach nur auf dem Bett saß. Dann verließ er wutentbrannt das Zimmer, schlug die Tür hinter sich zu. Noch im Auto, vor roten Ampeln, suchte er nach Flügen Richtung Paris. Im Hotel wurde er schließlich fündig. Am nächsten Morgen, 5:27.

03. Juni 2025 (20 Jahre alt)

„Hey, Iassine, hey“, rief einer der Fluggäste.

Mit hochgezogenen Augenbrauen drehte sich Iassine um.

„Gibst du mir ein Autogramm?“

„Haben Sie einen Stift?“

Eilig klopfte sich der Passagier die Taschen ab, bis er in der Brusttasche seines Hemdes fündig wurde: „Hier, unterschreib einfach auf … ähm … einfach … verdammt.“

„Sollten wir vielleicht lieber ein Foto machen?“, lachte Iassine.

„Das wäre super“, freute sich der Passagier. Eilig zückte er sein Smartphone, streckte seinen Arm um die hohen, breiten Schultern des Fußballers.

„Hey“, rief jemand von der Seite. „Putain de Paris! Verdammter Verräter!“

„Tut mir leid“, flüsterte der Fan, drückte auf den Auslöser.

„Schon gut.“ Schnellen Schrittes verließ Iassine das Terminal. Ehe er sich versah, saß er im Flugzeug, setzte sich die Kopfhörer auf, holte Schlaf nach. Über dem Mittelmeer weckten ihn die zarten Bässe der Musik. Zwei Stunden später wackelte das Flugzeug zum Landeanflug. Bereits am Kofferband bemerkte er die Presse und zahlreiche Zivilisten, die in der Eingangshalle warteten. In Abidjan musste der Fan sein Foto hochgeladen haben. Soziale Netzwerke hatten es gesehen, waren aufmerksam geworden.

Augenrollend zog Iassine seinen Koffer vom Band, stürmte durch das Blitzlicht, vereinzelte Fragen der Medien blieben hängen.

„Einige Worte zu den Aussagen Ihres Beraters?“

„Haben Sie Ihr Comeback nach Europa bereits geplant?“

„Wie lange bleiben Sie in den Emiraten?“

Zwischen die Fragen mischten sich die zur Gewohnheit gewordenen Beschimpfungen der Pariser Anhängerschaft.

„Verdammtes Arschloch, verschwinde aus unserer Stadt!“

„Putain de Paris, niemand will dich hier.“

„Nimm dein Geld und hau ab, man!“

Sie entwickelten sogar neue Gesänge. Doch aus dem früheren Roi de Paris, dem König, wurde der Putain de Paris. Noch am Taxi klopften Journalisten und ehemalige Fans an das Fenster, schlugen teils mit voller Wucht gegen die Karosserie. Mit einem Wisch über die Kopfhörer machte Iassine die Musik lauter, bevor er auf dem Smartphone den Namen seines Beraters suchte.

„George Mendes News“

Sofort präsentierten sich zahlreiche Websites, die allesamt Auszüge aus dem aktuellen Interview des Beraters zeigten. Auf der Suche nach der Originalquelle stolperte er besonders über eine Überschrift: „Shaka Berater Mendes ‚nicht glücklich‘ über Wechsel“.

„Verflucht, Georges, was hast du erzählt?“, murmelte Iassine vor sich hin. Doch schließlich fand er das Original-Interview.

„In den letzten Jahren haben sie vielleicht mitbekommen, wie Iassine mehr und mehr die Last des ganzen Vereins tragen musste. Aber egal wie gut er gespielt hat, egal wie reif er wirkte, man hat nie vergessen dürfen, dass da ein Jugendlicher auf dem Platz stand. Ein Jugendlicher, der noch vor dem 20. Geburtstag zum König ernannt wurde. Vier Jahre in Paris, vier großartige, vier sehr erfolgreiche Jahre in Paris hat er hinter sich gebracht, aber immer mit einem Haken. Das wiederholte Scheitern in den wichtigsten Augenblicken – dazu gehören auch die ausbleibenden Nominierungen für die Nationalmannschaft – wurde dem König nicht nur zur Last, sondern zur Qual. Zu scheitern gehörte nicht zu seinem Plan. Und was tut ein König, wenn er scheitert? Entweder er geht freiwillig, oder er wird gegangen. Iassine hat sich für Ersteres entschieden.“

„Bereuen Sie den Wechsel?“

„Natürlich bin ich nicht glücklich darüber. Mit Iassine können wir noch immer Großes erreichen. Ich hoffe, dass sein Ausflug in die Emirate nur von kurzer Dauer ist und er sein eigentliches Ziel nicht aus den Augen verliert.“

Erleichtert atmete Iassine aus, weniger schlimm als er erwartet hatte. Plötzlich bremste der Fahrer. Iassine sah durch das Fenster zum Eingangstor inmitten einer langen Mauer. Fußballfans belagerten sie wie die Mauer einer mittelalterlichen Burg, doch wandten sich rasch dem Taxi zu.

„Herr Gott … fahren Sie rein.“ Iassine drückte einen Knopf in seiner Hosentasche, das Tor öffnete sich. Langsam rollte das Taxi an den Menschen vorbei, die glücklicherweise hinter den Mauern zurückblieben.

„Wenn Sie einen ernsthaften Schaden am Auto haben, dann rufen Sie diese Nummer an.“ Iassine zog ein kleines Kärtchen aus seinem Portemonnaie, als sie vor der Villa hielten. „Die helfen Ihnen.“

„Ich will Ihr dreckiges Geld nicht.“ Der Fahrer sah sich nicht einmal um.

„Okay“, hauchte Iassine, ließ die Karte auf den Sitz fallen, stieg aus dem Taxi und holte seine Tasche aus dem Kofferraum. Sofort sauste das Auto davon. Iassine ließ sich auf die steinige Auffahrt fallen. Minutenlang genoss er die Stille, einzelne Vögel sangen. Beleidigungen, Pöbeleien, Respektlosigkeiten gerieten in kurze Vergessenheit.

Dann vibrierte sein Smartphone. Zwar war ihm die Nachricht auf dem Display nicht wichtig, aber sie erinnerte ihn daran, dass er seinen Berater Mendes anrufen wollte. Es klingelte zweimal, bevor sich der Berater meldete.

„Iassine, was kann ich für dich tun?“

„Keine Ahnung, ich dachte, ich müsste was für dich tun.“

„Wie kommst du darauf?“

„Wegen deiner Aussagen – Ich werde überall damit konfrontiert.“

„Ach Gott, Iassine, tut mir leid, ich habe mich da hinreißen lassen. War doch nur ein Nebensatz.“

„Nein, nein, ich verstehe dich … deine Aussagen. Aber vielleicht hätte ich dich früher verstehen sollen.“

Stille am anderen Ende.

„Ich habe nie wirklich mit dir darüber gesprochen, nie gefragt, was du von dem Wechsel hältst. Es tut mir leid.“

„Komm schon, Iassine, was redest du? Ich bin dein Berater, ich mache meinen Job und du machst deinen. Du wolltest wechseln, also sind wir gewechselt.“

„Aber vielleicht habe ich einen Fehler gemacht. Alle hassen mich, alle! Die Fans, die Journalisten, die Menschen. Mit Pierre oder Ruud habe ich seit Tagen nicht gesprochen, sogar mein eigener Va–“

„Iassine!“, rief Mendes dazwischen. „Du warst erst einmal in Katar, nur zur Vertragsunterschrift, klammheimlich. Wie kannst du jetzt schon zweifeln? Klar, Frankreich solltest du vielleicht erstmal meiden, aber in Katar lieben sie dich. Du bist der größte Star des Landes. Du bist der König im Verein eines Prinzen. Verstehst du die Metapher?“

„Ich bin größer als der Clubbesitzer?“

„Sag ihm das bloß nie ins Gesicht! … Keine Ahnung wie die Strafen in dem Land aussehen.“

Ein Grinsen stahl sich auf Iassines Lippen. „Na, jetzt habe ich überhaupt keine Angst mehr.“

Georges lachte auf. „Mach dir einfach keine Sorgen. Die Fußballwelt ist schnelllebig. Bald hat dich jeder vergessen.“ Sofort räusperte sich der Berater. „Das klang falsch.“

„Schon gut“, wickelte Iassine ab. „Danke, dass du für mich da bist und dass du mich nicht hängen lässt.“

„Dafür bezahlst du mich schließlich.“ Iassine konnte das Zwinkern sogar durch die Lautsprecher spüren. „Wir sehen uns bei deiner offiziellen Vorstellung. Genieß bis dahin den Afrika-Cup.“

Eben diesen Afrika-Cup hätte Iassine am Liebsten vergessen, aber der „Größte Sommer Afrikas“ nahm medial alles unter Kontrolle. Der afrikanische Fußball rückte international in den Vordergrund. Sie bauschten das Ereignis zu einer Revolution auf. Überall warb man mit den großen Stars, die am Wettbewerb teilnahmen. Domenéc Touré, Alassane Diallo, Ousmane Baghdad und natürlich Rudolph Koné waren nur einige der Namen. Iassine hatte bereits mit ihnen zusammengespielt, aber er selbst würde nicht teilnehmen.

Der ewige Streit mit dem Nationaltrainer der Elfenbeinküste, Vincent Bakaray, verhinderte seine Nominierung – trotz zahlreicher Titel, trotz seines Stammplatzes in Liga, Pokal und Champions-Liga, trotz überzeugender Auftritte gegen die ganz großen Vereine Europas. Dem wohl talentiertesten Spieler der Welt blieb aufgrund einiger weniger falscher Worte die Nationalmannschaft verwehrt.

Iassines größtes Problem daran war, dass Bakaray wahrscheinlich Trainer bleiben konnte, solange er wollte. Wie sich allmählich zeigte, war Iassine Teil einer goldenen Generation. Überall in Europa sprossen großartige ivorische Talente aus dem Boden, versprachen dem Nationaltrainer größtmöglichen Erfolg. Entsprechend galt die Elfenbeinküste als großer Favorit auf den Titel bei dem anstehenden Turnier.

Jo, Pierre, bock auf Afrika Cup am Samstag?

Große Lust darauf, das Turnier allein zu verfolgen, hatte Iassine nicht. Sein deutscher Freund und ehemaliger Teamkollege sollte ihn ablenken. Nur einige Häuser weiter wohnte Peter „Pierre“ Hennings, den die Öffentlichkeit aufgrund seiner kämpferischen Spielweise respektvoll den „General“ nannte.

Sorry, bin im Urlaub. Warum bist du nicht in der

Heimat?

Lange Geschichte, aber viel Spaß :*

Wuchtig warf Iassine sein Smartphone in die Kissen seines Sofas. Aus der Tasche kramte er das Tablet hervor, öffnete eine Meldung über Mendes‘ Aussagen und versank in den Kommentaren.

07. Juni 2025 (20 Jahre alt)

„Und … jetzt … ist es rum, ja. Die hochfavorisierten Elefanten der Elfenbeinküste verlieren ihr Auftaktspiel beim wohl größten Afrika-Cup aller Zeiten. Extrem intelligente und vor allem extrem effiziente Tunesier ließen fast keine Chancen zu, und nutzten ihrerseits die seltenen Kontergelegenheiten.

Die Elfenbeinküste gerät damit schon früh unter Druck und es ist eindeutig, woran das Team arbeiten muss. Trotz überzeugenden 70 Prozent Ballbesitz gelang es dem Team kaum, Torchancen zu kreieren. Der junge Zehner Owusu konnte seine Kreativität kaum einbringen, ließ sich immer wieder von der engen Manndeckung unter Druck setzen – und er war diesem Druck heute schlichtweg nicht gewachsen.“

„Tja, Owusu ist eben kein Spielmacher“, seufzte Iassine und durchforstete die französischen Foren. Seit vier Tagen hatte er sich in seine Villa zurückgezogen. Vor den Toren war inzwischen ein „Zu verkaufen“-Schild aufgestellt worden. Essen bestellte er, manchmal kam es an, manchmal hungerte er. Auf dem Laufband konnte er sich einigermaßen fithalten, bevor er in drei Wochen nach Katar aufbrechen sollte.

Einige Tage später spielte die Elfenbeinküste ihr zweites Spiel gegen Burkina Faso. Im Turnierverlauf hatten sich viele Favoriten schwergetan, auch die schwächeren Teams Afrikas hatten sich taktisch verbessert. Ihr Fokus lag meist auf der Defensive, teilweise grundlegendster Fußball. Selten fielen Tore, torlose Unentschieden standen auf der Tagesordnung. Entsprechend ernüchternd war der größte Afrika-Cup aller Zeiten für viele Zuschauer.

In Iassines Kopf schwirrten die Gedanken. Die Aufstellung überraschte ihn. Owusu spielte wieder als Spielmacher im Zentrum. „Zieh ihn zurück“, dachte Iassine. „Mach Tempo über Außen und warte nicht auf geniale Pässe.“ Auf dem Fernseher lief Vincent Bakaray die Seitenlinie entlang, um den gegnerischen Trainer zu begrüßen.

„Langweilig! Es gibt Spiele, da siehst du Offensivspektakel, es gibt Spiele, die taktisch geprägt sind. Aber heute? Das ist einfach ideenlos, uninspiriert, langweilig … Und wieder über Koné. Die Ivorer schieben sich die Kugel hinten ‚rum, als hätten sie ihr Auftaktspiel mit 4:0 gewonnen, aber wenn hier Burkina Faso ein Tor schießt, dann sind sie raus.“

Plötzlich nahmen Spieler in dunkelgrünen Trikots Tempo auf. Über drei Stationen gelang der Ball schnell vom eigenen Strafraum in die gegnerische Hälfte. Von Linksaußen sprintete einer der Flügelspieler Richtung Sechzehner, zwei Verteidiger reihten sich vor ihm auf, doch er spielte den Ball geschickt zwischen beiden hindurch. Von der anderen Seite erlief sich der Stürmer den Pass und lupfte ihn mit dem ersten Ballkontakt aus elf Metern über den herausstürmenden Torwart in die Maschen. Burkina Faso führte mit 1:0.

Iassine riss es vom Sofa. Würde seine Elfenbeinküste etwa ausscheiden? Aufrecht stand er vor dem Fernseher, bis der Schiedsrichter zur Halbzeit pfiff. Langsam ließ er sich wieder auf die Kissen fallen. Allzu gut konnte sich Iassine vorstellen, wie Bakaray seine Spieler zusammenfaltete, sie anschrie, ihnen Können abverlangte, aber kein Wissen vermittelte.

Ein Wechsel leitete den zweiten Durchgang ein. Für Owusu kam Montplaisir Matayo. Der suchte sich seinen Platz an der rechten Seitenlinie, während der bisherige Rechtsaußen zum Spielmacher umfunktioniert wurde.

Ungläubig stieß sich Iassine seine Fernbedienung immer wieder gegen die Stirn. Das Spiel der Ivorer wurde nicht besser, im Gegenteil – die zunehmende Angst vor dem Ausscheiden ließ sie unvorsichtig werden. Burkina Faso spielte immer mehr Konter aus, oftmals mehr schlecht als recht, doch kamen sie dem 2:0 deutlich näher.

„Du Idiot“, rief Iassine laut aus, als Bakaray seinen Jugendfreund Rudolph „Ruud“ Koné auswechselte. „Hauptsache einen großen Stürmer vorne drin, der auch keine Bälle bekommt!“

Tatsächlich brachte der inzwischen dritte Stürmer keine weitere Torgefahr. Stattdessen entwickelte sich die ivorische Hintermannschaft in einen vogelwilden Haufen. Angriff über Angriff rollte über die Elfenbeinküste hinweg, Burkina Faso musste gar nicht viel riskieren. Zwei, drei Spieler reichten aus, um die ivorische Verteidigung zu beschäftigen. Der Rest kümmerte sich um die Defensive, doch Tore fielen keine.

„Was machst du denn?“, fragte Iassine den Bildschirm, als Matayo wieder einen hohen Ball geradewegs in die Arme des Torwarts flankte. Zeitschindend warf sich der Torwart auf den Boden, vergrub den Ball unter sich. Als er sich langsam wieder aufrichtete, schielte der Schiedsrichter kurz auf seine Uhr und pfiff das Spiel ab.

Iassines Smartphone vibrierte, eine App meldete sich. Die Elfenbeinküste war aus dem Afrika-Cup ausgeschieden. Langsam lehnte er sich zurück. Erst jetzt bemerkte er, wie sehr ihn das Spiel mitgenommen hatte. Wieder vibrierte das Smartphone.

Was war da denn los? :o

Ein Grinsen huschte über Iassines Antlitz. Er hatte keine Ahnung. Aber bevor er antworten konnte, zog der Afrika-Cup wieder das Interesse auf sich. Bakaray verschwand schnellen Schrittes in der Kabine, die Spieler in den grell orangenen Trikots standen hilflos vor den mitgereisten Fans. Sie konnten ebenfalls nicht fassen, was gerade geschehen war. Die Zuschauer pfiffen nicht, der Schock ließ sie verstummen.

Iassine entdeckte Ruud, regungslos starrte er in den hellblauen Himmel. Ein Schnitt auf die jubelnden Spieler, den jubelnden Anhang Burkina Fasos. Doch bald wurden wieder die Elefanten gezeigt, die stumm in die Kabine schlichen. Eilig zückte Iassine sein Smartphone, wischte das Gespräch mit Pierre zur Seite, schrieb Ruud.

Tut mir Leid, man. In einem Jahr ist WM, da läuft‘s besser.

Eine gefühlte Ewigkeit wartete Iassine auf die Antwort, kaum 20 Minuten.

Hoffentlich dann mit dir. Bakaray tritt zurück. Halt dich bloß fit.

„Was?“, flüsterte Iassine, während er die Worte immer und immer wieder las. Ein Scherz? Rasch überschlug er die vergangene Zeit. Zwanzig Minuten, davon zehn Minuten duschen … und dann? Ansprache, Rede, Worte des Trainers, der seinen Rücktritt verkündete.

„Verflucht“, murmelte Iassine, bevor er eilig einige Worte in sein Smartphone drückte. Er musste die Pressekonferenz sehen, die obligatorisch nach dem Spiel abgehalten wurde. Beide Trainer mussten dort sein, beide Trainer würden reden, verkünden.

Doch während Iassine immer verzweifelter nach einer Plattform suchte, die die Pressekonferenz live übertrug, schob sich das Banner einer App von oben in das Suchfeld – eine heimische, eine ivorische App.

„Nationaltrainer Vincent Bakaray verkündet Rücktritt“

Tränen schossen Iassine in die Augen. Bakaray trat tatsächlich zurück. Plötzlich war sie da, die Chance. Die Chance, endlich für die Nationalmannschaft auflaufen zu können, endlich das grell orangene Trikot tragen zu können, endlich ein Elefant sein zu können.

Als Iassine mit fünf Jahren das Fußballspielen begonnen hatte, war das sein Ziel gewesen. Als er gesehen hatte, wie die ghanaische Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika stellvertretend für den gesamten Kontinent um das Halbfinale betrogen worden war, war das innere Feuer entflammt. Es hatte ihn getrieben. Er musste besser sein, er musste größer sein, er musste dieses Halbfinale, das Finale und schließlich den Titel erreichen. Doch jetzt spielte er in Katar. Welcher Weltmeister spielte in Katar?

Sofort sprang Iassine vom Sofa aufs Laufband. Er verließ wieder sein Haus, ignorierte die Anfeindungen der fremden Menschen, im Auto hörte er sie kaum. Er suchte das Pariser Vereinsgelände auf, für vierzehn Tage galt sein Vertrag noch. Im Fitnessraum war er ganz allein, alle anderen Spieler waren noch im Urlaub, auf Veranstaltungen. Doch Iassine trainierte knapp zwei Wochen auf höchstem Niveau, bis er ein Taxi in Richtung des Flughafens rief.

„Ach du heilige … Wenn das nicht Iassine Shaka ist!“, rief der Taxifahrer. „Das kannst du dir abschminken, Putain de Paris.“

„Verfluchter …!“, schrie Iassine dem davonrasenden Taxi hinterher, doch stand verlassen an seinem Tor. Wütend trat er seinen Koffer um, bevor er sein Smartphone zückte, einen Anruf tätigte. Eine Viertelstunde später keuchte ein dicklicher, alter Mann um sein Auto, öffnete den Kofferraum, in den Iassine seine Sachen werfen konnte.

„Ich kann dir gar nicht genug danken, Reinier“, lächelte er, als er sich neben den Fahrer des Pariser Mannschaftsbusses setzte. Dieser antwortete seinerseits mit einem fetten Grinsen.

„Immer gerne, Junge. Du bist ein Guter.“

„Du bist nicht sauer wegen meines Wechsels, oder?“

„Unsinn, Unsinn“, winkte Reinier ab, während er losfuhr. „Ici c‘est Paris, schon vergessen? Wir sind royal, wir sind würdevoll. Das ändert sich nicht, nur weil mal ein Spieler wechselt.“

„Erzähl das mal den ganzen Fans“, seufzte Iassine.

„Lass ihnen ihre Emotionen, Junge, sonst stirbt der Fußball.“

Iassines Zähne mahlten aufeinander. Reinier hatte Recht. Doch die Emotionen verfolgten Iassine einmal mehr auch am Flughafen. Anfeindungen mischten sich mit Fragen von Fotografen, die irgendwie Wind davon bekommen hatten, wann er nach Katar fliegen würde.

„Putain de Paris“, waren die letzten Worte, die er hörte, bevor er in das Flugzeug stieg. Sieben Stunden konnte er sich entspannen, die Ruhe genießen, bevor sich wieder alle auf ihn stürzen würden. Einige Serien versprachen ihm Ablenkung.

26. Juni 2025 (20 Jahre alt)

„Masaa‘An-nur“, flüsterte Iassine, „Masaa‘An-nur …“

„Das klingt doch schon sehr gut, Herr Shaka. Da werden sich die Menschen freuen“, überraschte ihn die Stewardess. „Trotzdem muss ich Sie bitten, sich jetzt anzuschnallen. Wir beginnen den Landeanflug.“

Iassine schielte auf seinen Bildschirm, bevor er antwortete: „Shukraan.“ Sie lächelte und widmete sich den anderen Fluggästen. Seit fünf Minuten erst beschäftigte sich Iassine mit der fremden Sprache. Über den Sandwüsten Arabiens war sie ihm eingefallen. Doch die wenigen Brocken, die ersten Wörter mussten reichen, dachte Iassine, schließlich fängt man ja auch das Fußballspielen nicht mit einem Fallrückzieher an.

Aus dem Flugzeug aussteigend erwartete Iassine gewohnheitsgemäß Anfeindungen irgendwelcher Franzosen, irgendwelcher Fußballfans aus der ganzen Welt, doch überraschte ihn etwas vollkommen Anderes.

Ein wahres Gewitter ergoss sich über ihn. Journalisten und Fotografen blitzten nur so vor sich hin, während hinter ihnen hunderte Fans aus Al-Rayyan aufschrien und sangen. Sie trugen die roten, die schwarzen Trikots ihres Vereins, sie schwangen die Fahnen mit dem Vereinswappen, dem grünen Lorbeerkranz, dem rot-schwarzem Fußball darauf, der Fackel. Sie rissen ihre Schals in die Höhe, darauf hoffend, dass Iassine ihnen seine Aufmerksamkeit schenkte.

„Hier entlang, Herr Shaka.“ Plötzlich fühlte er eine Hand auf dem Rücken, die ihn sachte aber bestimmt gen Ausgang führte. „Wir haben alles für Sie vorbereitet.“

Mit einem Blick bemerkte Iassine, dass sein Begleiter ungefähr so groß war wie er selbst – knappe zwei Meter. Auch die Schultern waren in etwa so breit wie die des Profifußballers, doch elegant versteckt hinter einem teuren Anzug. Das kleine Earpiece im Ohr des Arabers verriet ihn als Sicherheitsmann, der anscheinend vom Verein bereitgestellt worden war.

„Wohin geht‘s denn?“, schrie Iassine durch den Trubel um sie herum.

„Direkt in Ihr Haus, wenn Sie das wünschen“, kam die laute Antwort.

„Einen Moment noch“, rief Iassine, bevor er abrupt stehen blieb. Beim Versuch, sich zu drehen, stieß er einem Fotografen fast dessen Kamera aus der Hand. Überall waren Menschen. Er hatte kaum einen Meter Platz, um sich zu bewegen.

„Any words“, forderten die Journalisten, während sie ihm Mikrofone und Smartphones direkt ans Kinn hielten. Fast verbeugten sie sich unter der Last der nachdrängenden Massen. „Any Words? Mots, monsieur?“

„Masaa‘An-nur“, antwortete Iassine in eines der bunten Mikros. Hinter den grinsenden Journalisten schrien die Fans vor Begeisterung auf. „Und Shukraan … für alles hier. Ihr seid großartig.“

Plötzlich brannte ein rotes Licht im Meer der Menschenmassen auf. Am Ende des Terminals hatte jemand Pyrotechnik und Leuchtfeuer gezündet, sodass die gesamte Halle in einem tiefen roten Nebel versank.

„Jetzt schnell raus hier!“, rief der Sicherheitsmann in Iassines Ohr.

„Ist das nicht verboten?“, fragte Iassine, während er beiläufig den zahlreichen Fans nachwinkte.

„Natürlich ist es das. Deswegen müssen wir ja raus.“ Bevor Iassine verstand, was der Sicherheitsmann meinte, heulte ein schriller Ton auf. Gerade als die Security die Tür nach draußen aufstieß, ergoss sich ein großer Schwall Wasser über die Menschen hinter ihnen.

Trotz der drängenden, teilweise klatschnassen Journalisten und Fans schaffte es Iassine, die Autotür eines großen SUVs zu öffnen, sich hineinzusetzen und die Tür vorsichtig wieder zuzuziehen. Das Geschrei und Getümmel verkümmerten zu einem dumpfen Brummeln.

„Bonjour, Monsieur. Mein Name ist Ouattara Hamad, wohin darf ich Sie fahren – direkt zur Insel?“

Fast hätte Iassine die Worte nicht gehört, weil er unablässig versuchte, hinter den abgedunkelten Fenstern etwas zu erkennen. Entsprechend kurz war seine Gegenfrage: „Insel?“

„Oui, Monsieur, dort steht doch Ihr Haus“, antwortete der Fahrer stets höflich, obwohl sein Gast nicht ganz bei der Sache war. Aber bei diesen Worten sah Iassine auf.

„Achjaaaa“, raunte er. „Ja, bitte dorthin.“ Bedächtig rollte das Auto los, fuhr womöglich über den ein oder anderen Fuß. Hände quietschten an den hochgelassenen Fensterscheiben, bis sie schließlich davon ablassen mussten. Letzte Blitze zuckten aus den Kameras, ohne etwas zu erkennen. Rotes Feuer brannte im Nebel.

Eine knappe Stunde fuhren sie, bis sie endlich ihr Ziel erreichten. Schlagartig weiteten sich Iassines Augen, als sie auf eine Insel abbogen, er durch die Windschutzscheibe den hellen Sand, die Palmen, die sieben Villen sah, die die gesamte Insel für sich einnahmen. Eine einzige lange, gerade Straße zog sich quer über das Land, an dessen Seiten sich die verschiedenen Grundstücke auftaten.

„Ihr seid ja wahnsinnig“, schluckte Iassine.

Vorne lachte Ouattara auf, bevor er entgegnete: „Wir haben einfach sehr viel Sand.“

„Sehr viel Sand, ja, so kann man‘s auch sagen.“

„Haben Sie die Insel schon aus der Vogelperspektive gesehen?“

„Sollte ich?“ Inzwischen saß Iassine kaum noch auf seinem Platz. Er war nach vorne gerückt, hatte sich abgeschnallt, hielt sich am Beifahrersitz fest, damit er besser durch die Frontscheibe schauen konnte, die nicht abgedunkelt war.

„Oh, ja, sie hat die Form eines siebenzackigen Sterns.“

„Jetzt haben Sie mir aber die Überraschung versaut“, lachte Iassine, woraufhin sich Ouattara verschmitzt entschuldigte. Sie fuhren die Straße entlang, bis sie vor einem Kreisel hielten. Der Kreisel schien nur diese eine Ein- und Ausfahrt zu haben, denn quer gegenüber sahen der Fahrer und Iassine lediglich einen hohen, metallenen Zaun, fast schon eine Mauer, die in regelmäßigen Abständen von kleinen, steinernen Türmchen unterbrochen wurde.

„Würden Sie bitte das Tor öffnen?“

„Welches Tor?“, wunderte sich Iassine. „Und womit öffnen?“

„Haben Sie denn keinen Schlüssel bekommen?“

„Doch, jede Menge sogar, aber die sind im Koffer.“

Sofort stieg Ouattara aus dem Auto aus, lief um das Auto herum, öffnete Iassine im Vorbeilaufen die Tür und schließlich den Kofferraum. Rasch folgte Iassine dem Fahrer, der mit einer Hand auf den vor ihm liegenden Koffer verwies. Iassine kramte den Schlüsselbund aus der Vordertasche, bemerkte den einen Schlüssel mit der Plastikummantelung. Zwei Knöpfe waren darin eingearbeitet.

„Hm“, überlegte Iassine, bevor er den oberen Knopf drückte. Summend schob sich die Mauer hinter dem Kreisel zur Seite, offenbarte eine sandige Fortführung der Straße, eingerahmt von vielen, vielen Palmen und einer großen Wiese. In weiter Ferne brach das hohe Dach einer Villa den Horizont.

Schlagartig legte sich die gesamte Hitze des Wüstenstaats auf Iassines Schultern, ein Schweißfilm bedeckte seine Stirn. Im klimatisierten Flughafen, im Auto hatte er sie vergessen, doch jetzt spürte er die brennende Sonne.

„Soll ich Sie noch zum Haus fahren oder würden Sie lieber in Ruhe Ihre neue Heimat genießen.“

„Nein, nein, gegen eine weitere Fahrt habe ich nichts einzuwenden“, grinste Iassine. Mit dem Ärmel seines Hemdes wischte er sich den Schweiß von der Stirn, bevor er beide hochkrempelte. Gemeinsam fuhren sie den ebenen Weg entlang, das Tor schloss hinter ihnen.

Auf dem ersten Blick ähnelte die Villa einem kleinen Märchenschloss. Zwei Türme mit spitz zulaufenden Dächern ragten zu beiden Seiten in die Höhe. Sie und der Eingangsbereich, übersät von Fenstern, waren aus gelbem Kalkstein gebaut. Eine langgezogene Treppe führte Iassine vom SUV in sein neues Domizil. Die fast schon enttäuschend kleine, weiße Haustür komplettierte das Bild eines zu breit und zu flach geratenen Schloss Schwansteins, das auf einer Insel umgeben von Wüste und Meer errichtet wurde.

Paradox erschien Iassine die moderne Innenausstattung. Farben blieben ihm meist verwehrt. Küche, Wohnzimmer, Flure waren in schwarz-weiß getaucht worden. Purpur und Gold leuchteten manche Spielereien, die an seinen Ruf des Königs erinnerten.

Doch als Iassine den letzten Türrahmen im Erdgeschoss durchschritt, stockte sein Atem. Vor ihm breiteten sich Panoramafenster, unendlich lange Panoramafenster gen Südwesten aus. Ein großer Pool wartete nur darauf, mit Wasser gefüllt zu werden. Eine Bar sollte jegliche Gelüste stillen. Rohe Holzbretter säten den Boden, weckten Erinnerungen an einfache Zeiten im ärmlichen Abobo.

Aber einfache Zeiten waren vergangen. An der Wand drückte Iassine neben dem Licht einen zweiten Schalter. Plötzlich öffnete sich das steile Dach, die Sonne brach über den leeren Pool hinein. Sonnenliegen rundherum entdeckten ihren Sinn. Ein dritter Schalter zog die Panoramafenster von der Mitte nach außen, offenbarte den direkten Zugang zu einem eigenen Strandbereich.

Die heiße Sonne drückte auf Iassine und erinnerte ihn einmal mehr an seine afrikanische Heimat. Seine Koffer warf er achtlos neben eine der Liegen, sich selbst daneben auf das Holz, als plötzlich sein Smartphone klingelte. Ohne auf das Display zu schauen, nahm er ab: „Ja?“

„Iassine“, rief Georges Mendes, sein Berater. „Bist du schon in Katar?“

„Direkt neben dem leeren Pool. Wo bekomme ich so viel Wasser her?“

„Du bist schon im Haus? Und der Pool ist leer? Darum sollte sich jemand kümmern, aber ich rufe gleich die Kollegen an. Morgen kannst du deine Bahnen schwimmen.“

„Funktioniert hier denn sonst alles?“ Iassine betrachtete kritisch die große, aber leere Bar.

„Ich gehe davon aus, aber vielleicht ist bei dem ein oder anderem Gerät der Stecker nicht drin. Eingekauft wurde schon, zumindest der Kühlschrank sollte voll sein. Kleidung, Anzüge und sowas dürften im Schlafzimmer hängen. Hast du die schon gesehen?“

„War noch nicht oben, nein.“

„Nur der neueste Kram. Ich hoffe, alles zu deinem Geschmack. Wird vom Sponsoring bezahlt.“

„Klingt vernünftig. Hast du deswegen angerufen?“

„Nein, nein, eigentlich dachte ich, dass wegen dieser Sachen zumindest ein Zettel hinterlassen wurde“, lachte Mendes. „Aber passt schon. Ich wollte nochmal den Fahrplan für die nächsten Tage durchgehen …“

„Am 28. landest du hier, am 29. Vorstellung im Stadion und lecker Essen gehen mit dem Präsidenten.“

„Nicht nur Präsident, Iassine, sondern auch Prinz. Vergiss das nicht.“

„Ja, ja“, winkte der junge Ivorer ab. „Jedenfalls dann am 01. Juli Trainingsauftakt mit den Jungs. Ist das eigentlich auch im Stadion?“

„Natürlich“, erwiderte Mendes.

„Warum machen die Vorstellung und Trainingsauftakt nicht an einem einzigen Tag? Ist doch unnötig, das Stadion zweimal aufzuschließen.“

„Da beginnen halt schon die Ticket-Sales. Dein Name wird jetzt verkauft, so oft es geht. Zwei volle Stadien innerhalb von 72 Stunden sind dafür ein guter Start – und eines Königs würdig.“

„Davon träumt sogar der Prinz“, grinste Iassine. Am nächsten Morgen begrüßte er einen jungen Mann, der den Pool füllte und ihm erklärte, wie er ihn zukünftig selbst füllen und leeren könne. Außerdem entdeckte er tatsächlich allerorts kleine Zettel mit hilfreichen Tipps, wo er einkaufen könne, wen er anrufen könne. Vom persönlichen Fitnesstrainer bis zum Alkoholhändler wurde ihm alles geboten, um sich schnellstmöglich einzuleben.

Doch die Stunden bis zur offiziellen Vorstellung nutze er für individuelles Training. Aus dem Fitnessraum in der ersten Etage schleppte er einige Gewichte an den Strand. Im tiefen Sand dachte er, besser trainieren zu können. Wenn er sich abkühlen wollte, warf er sich in den Pool, bevor er auch dort einige Bahnen schwamm. Überall lagen Wasserflaschen herum, meist angebrochen, weil Iassine zwischen den einzelnen Stationen nur einige kurze Schlucke nahm.

Am Abend legte er sich erschöpft auf die Holzbretter. Wenn er sich aufsetzte, schien ihm die Sonne gerade ins Gesicht, also blieb er liegen. Seine Hände suchten das Smartphone, das irgendwo neben ihm liegen musste. Als er es zu packen bekam, öffnete er die neusten Meldungen zum ivorischen Fußballverband.

Der FIF blockte seit Tagen alle Fragen zum möglichen neuen Nationaltrainer. So begnügten sich Presse, Fans und Iassine mit allerhand Gerüchten – von regionalen Namen bis hin zu den absoluten Top-Trainern, die keinen ersichtlichen Grund hätten, tatsächlich die ivorische Nationalmannschaft zu übernehmen. Im Zuge dessen stolperte Iassine über einen ganz besonderen Namen.

Thibault Valbuena bald Nationaltrainer der Elfenbeinküste?

Während eine endgültige Entscheidung für den Trainerjob der Elfenbeinküste erst Anfang Juli erwartet wird, köchelt die Gerüchteküche munter vor sich hin. Neuester Name in der Verlosung ist mehreren übereinstimmenden Medienberichten zufolge der ehemalige Pariser Chefcoach und Champions-Liga-Sieger Thibault Valbuena.

Der 60-jährige Franzose war erst vor wenigen Wochen bei Paris Sporting Club entlassen worden, will aber schon bald wieder auf einem Trainerstuhl Platz nehmen. So verriet er kürzlich in einem Interview, er „brauche keine Pause“.

Pikant an den Gerüchten rund um Valbuena sind die ebenfalls kursierenden Meldungen rund um seinen ehemaligen Schützling Iassine Shaka. Der 20-jährige Mittelfeldspieler steht angeblich kurz vor seinem Debut in der ivorischen Nationalmannschaft und hatte Valbuena unlängst als wichtigen Mentor in seiner Karriere bezeichnet.

„Was ist denn das für ein Müll?“, dachte Iassine laut. Keine Fakten, keine neuen Informationen, keine Stimmen. Ein Zitat von vor Wochen, lose Verbindungen zwischen zwei Namen, die beide noch nichts mit der Nationalmannschaft der Elfenbeinküste zu tun hatten. Da hatte ein Journalist sehr viel Fantasie aufgebracht, um diesen Artikel zu produzieren.