Ice Cream Star - Sandra Newman - E-Book

Ice Cream Star E-Book

Sandra Newman

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Beschreibung

Auf der Suche nach einem Gegenmittel für eine Grippeepidemie, die sie durch die Reste einer vergangenen Zivilisation führt, erlebt eine unerschrockene Heldin Fanatismus, Gier und sinnlose Gewalt genauso wie Loyalität, Güte und Hoffnung. Eine sprachmächtige Irrfahrt durch die höchsten Höhen und finstersten Abgründe des Menschseins. In einer nicht allzu fernen Zukunft sorgt eine Pandemie dafür, dass in Amerika die Weißen vollständig aussterben, während die Schwarzen höchstens 18 Jahre alt werden. Die Welt von Ice Cream Star ist eine Welt der Kinder, die mit Findigkeit und Witz die Ruinen der heutigen Welt umdeuten und für ihre Zwecke nutzen. Mit 15 Jahren gehört Ice Cream schon zur älteren Generation, als sie zur Anführerin berufen wird, um über das Schicksal ihrer Leute zu entscheiden. Fest entschlossen, ein Heilmittel zu finden, führt ihr Weg sie von den Wäldern Massachusetts' bis nach New York, wo katholische Extremisten ein korruptes Regime errichtet haben, an dessen Spitze sie sich bald befindet. Doch der Preis für diesen unverhofften Aufstieg ist hoch: Ihr treuer Begleiter Pascha – ein Weißer, der behauptet, 30 Jahre alt zu sein – soll am Kreuz sterben, wie alle anderen weißen Männer auf den Darstellungen der Passion Christi. Es folgt eine Odyssee, an der nicht nur ihre Freundschaft, sondern auch Ice Creams sonst unerschütterlicher Optimismus zu zerbrechen drohen. "Wirkmächtig, anregend und kathartisch." - The Guardian "Ice Cream Star, die Heldin dieses Romans, ist der Frodo Beutlin, den unsere Zeit verdient. Ice Cream Star konfrontiert uns mit der unwiderlegbaren Tatsache, dass die Bürger der Zukunft die Geschichte wiederholen müssen, die wir heute für sie machen." - The New York Times

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SANDRA NEWMAN

Ice Cream Star

Roman

Aus dem Englischenvon Milena Adam

Hier is die Geschichte, wie ich das Heilmittel in die Vereidigten Staaten bring, all die ärmlich kurzlebigen Kinder rette. Wie ne Stadt an eigennützer Liebe stirbt und aus dieser selben Kleinheit wieder aufersteht. Der Beginn vom neuen Amerika, in Kriegen gegen jede Hoffnung – son Land mit keiner Macht, in ner Welt, die ihr Leben hasst. So war der Glaube, den ich geschworn hab, und keine Übel in der Welt noch Gräuel in der roten Hölle trüben das werte Herz von Ice Cream Star.

Für Helen Trickett

INHALT

IN MASSA2. Tober – 1. Vember

1 Meim Ärger sein Anfang: 2. Tober•2 Von den Rous früher•3 Vom 2. Tober, Fortsatz•4 Von Crow, meim Animosen•5 Mein Parlier mit den Christlingen•6 Von Pascha Rou•7 Im Lowellwerk•8 Auf Drivers Versteckwiese: 3. – 15. Tober•9 Von den Nat Mass Armies•10 Von Pascha Rou sein Lügen•11 Bei der Jagd mit Pascha Rou: 15. – 29. Tober•12 Dem 29. Tober seine furchtsame Nacht•13 Von der Radiostimme•14 Das Parlier über die Rous•15 Von Crow seim Verrat•16 Vom Papa-Tee•17 Von rouischen Gaben•18 Von der geholten Dame•19 Meine Zeit als Sergeant beginnt•20 Der Frühling, wo ich Mamadou liebe•21 Dem 31. Tober sein Übel•22 Was im Tofethaus war•23 Von Rettungsverzweiflungen•24 Von Dima Rou•25 Unser Fliehn•26 Erstläufer, bei den Armies geborn•27 In El Mayor seim Schlafraum•28 Die Papa-Krankheit•29 Von gestohlnen Kindern•30 Um Nachtmitte•31 Unser letzter Aufbruch

DURCH LASSENE WÄLDER1. – 28. Vember

32 Unsere Reise: 1. – 26. Vember•33 Das Scheinmädchen, von ihren Leuten•34 Von der Gefahr, die kommt•35 Die Straßenleute•36 Nach Marias•37 Meine Befragung zur Maria•38 Von Untersuchungen•39 Die Nacht jenseits von unserm Leben•40 Vom Beweisen•41 Von Anselm Wiesel•42 Das Parlier für mein Krieg•43 Simón und die gestorbene Maria•44 Mein schlimmstes Aposteltreffen•45 Die Rous im Massawald•46 Im Waffenraum•47 Letzte Unterhaltungen an diesem enormen Tag

GÖTTER IN MARIAS28. Vember – 25. Zember

48 Erste Göttertage: 28. Vember – 10. Zember•49 Vom Spioniern•50 Von verschwundenen Leuten ihrem Auftauchen•51 Bei Simón Zelote•52 Von ersten Aufständen•53 Die ersten Toten von Nochebuena•54 Der Suchtrupp im Massawald•55 Die Rede in Metro•56 Felipe seine Religion•57 Nach Loisaida in unsrer Kriegsnacht•58 Die dachene Unterhaltung•59 Von Quantico sein Kriegen•60 Die letzten Treffen dieser Nacht•61 Diesem Morgen seine Bonessen und Übel•62 Von Navidad ihrer letzten Trauer•63 Pascha Rou seine Kriege•64 Quantico•65 Der Krisenraum•66 Von rouischen Gefangenen

KRIEG IN QUANTICO26. Zember – 6. Januar

67 Mein Krieg beginnt•68 Von Rous ihrer Gesellschaft•69 Von verschiedenen Schlachten•70 Von unsern letzten Verzweiflungen•71 Fort Myer, beim Neukönig•72 Die Flucht aus Arlington•73 Von meim letzten Krieg•74 Von drei Wünschen•75 Mein letztes Parlier

IN MASSA

2. Tober – 1. Vember

1

Meim Ärger sein Anfang: 2. Tober

Ich bin Ice Cream Fünfzehn Star. Mein Bruder is Driver Achtzehn Star, und mein Geisterbruder is Mo-Jacques Fünf Star, tot, als ichselber erst sechs war. Immer noch is mein Herz Regen für ihn, mein Bruder, der klein an Posies gestorben is.

Meine Mutter und meine Urgroßen und meine Ururgroßen warn reine Sengles. Unsere Leute sind ne teerige Nachtart, lang und dünn. Mein Bruder Driver klettert nur mit den Händen auf Bäume, weil unsere Knochen so leicht sind und die Muskeln maßlos stark. Wir fliegen wie Libellen überm Wasser, wir kämpfen wie zehn Knarren und sehn prächtig aus. Andere Kinder werden verrückt und unberechenbar für unsere Liebe.

Wir Sengles sind ne wanderne Art. Wir ham nie irgendwo was angebaut, hatten kein Toffelacker oder Kornfeld. Sind Diebe, mutige Jäger. Son Sengle hat sogar Hunger, wenn er grad was isst, und auch wenn er reich is, will er trotzdem klaun und räubern, er hat Hunger auf was, das er noch nie gesehn oder gedacht hat. Wir warn so stolz, wir warn lächerlich, wie wilde Tiere, aber prächtig und stark.

Zur Zeit meiner Urgroßen komm wir vom Chespeawasser rauf; ham friedlich bei Two Towns gelebt, bis die Halsvisagenmörder komm. Dann fliehn wir zum Massawald. Hier räubern wir gut. Wir leben genauso lang wie die Lowells – manchmal zwanzig oder einundzwanzig Jahre. Jeder Sengle hat n Messer, und zusammen ham wir zwei Knarren. Driver hat ne Pistole, die schießt, und Crow Sechzehn hat ne kaputte Flinte, immer noch zum Erschrecken gut.

Am Tag, wo meine Geschichte anfängt, ham wir die Evaks ausgelumpt. Diese Evaks stehn sich Haus an Haus in Zwillingsreihn gegenüber. Die Häuser sind runtergefault und oll, jo, die Straße dazwischen is von rauswachsenen Gräsern geplatzt. Gibt so fünfzig Häuser in einer Straße und zwanzig Straßen in einer Stunde Fußweg. Als die Häuser alle voll warn, gabs mehr Leute als Eichhörnchen. Jetz lebt keiner mehr.

Die Beute hier is alt, aber viel. Wir finden alles Mögliche – Medikamente, Dosenfutter, Klamotten. Zigaretten. Die sind oll und schmecken nach Pilz, aber kann man noch rauchen. Was ich am liebsten mag: Dosen mit Beef-a-roni. Ich ess sie kalt. Ich ess Beef-a-roni auf jede Art. Der Mensch, der Beef-a-roni erfunden hat, war n wertiges Genie.

Das Kommando besteht diesmal aus Jermaine Vierzehn, Asha Badmouth Fünfzehn und meim Bruder Driver Achtzehn, der damals Sergeant der Sengles war. Und mein Lieblingskleines, Keepers Acht, war Späher. Wir gehn mit zwei Pferden los, mein eigenes petete tupfiges Pony Money und Big Smoke, der nen Schlitten zieht.

Jo, das war n fürchteriger Tag, weil wir n Schläferhaus gefunden ham. Da warn zwei Schläfer, lagen zusamm im Bett. Einer erwachsen, einer so groß wie acht oder so. Beide warn mit der Zeit zu Flecken und Knochen vergang. Die Rippen der Skelette verschränkt, das geisterne Haar ne einzige Strähne.

In Häusern mit Toten nehm wir keine Beute mit. Das is unglückseliger Besitz. Is auch kein gutes Tabu, das Haus so zu lassen. Man muss es mit sauberm Feuer wegmachen. Driver, Jermaine und Asha Badmouth legen das Feuer, während ich mit der drängeligen Keepers Acht durch die Häuser außenrum jage. Wir forschen barfuß in die flutenen Keller, stürzen wieder rauf durch jeden Raum, bis wir dem kaputten Dach sein Sonnlicht treffen. Dann das Haus daneben.

Das is ne dreckige Arbeit. Egal, wie perfekt was im Schrank aussieht. Wenn man es hochhebt, fliegt der Staub rum. Tut boshaft im Auge weh. Manchmal sind da flattrige Motten, sehn aus wie plötzlich vom Staub geborn. Aber die Klamotten gehn oft noch.

An dem Tag gibts kaum Sachen, die das Schleppen wert sind. Das Essen is faulig, der Stoff schimmelt, die Bücher bröseln wie trockene Erde. Kein Metall mehr, nur noch Rost. Keepers frustriert sich ordentlich, flucht wie n mieses Baby. Das Kind hat nen turbulenten Willen, würd nem Schaufler noch die Schnürsenkel vom Schuh klaun. Aber diese Evakstraße is echt ärmlich. Wir lumpen fünf Häuser aus und fallen müde in son fransiges Bett oben in nem kalten Haus mit fast kein Fenstern. Wir warten, dass das Feuer gegenüber korrekt losgeht. Dann könn wir zum Starren rausgehn, das Gesicht wärmen.

Die einzige Beute, die wir finden:

5 Dosen Suppe, 2 Dosen Mais, 1 Dose Kondensmilch, sauber und gut. Andere Dosen warn nutzlos verrostet.

1 Schachtel Allergiemedizin, 1 Robitussin-Hustensaft.

Großer Mantel für Asha Badmouth, wenn ihr schwangerer Bauch wächst. Echt nich preziös, aber riecht ok.

1 Flasche Whiskey, 1 Flasche Gin. Die andern Flaschen warn offen und der Suff stinkig.

Evakmitteilung von den Schläfern.

Son Plastikbaby mit Armen und Beinen zum Drehn. Die pinselnen Augen fast ab, ne schauerliche Ansicht. Sieht aus, wie Staub im Auge sich anfühlt.

Son Plastikbaby bringt Pech. Die kleinen Kinder sagen, es heißt, dass einer stirbt. Die Wahrheit is, dass die Kleinen sich immer son Aberglaube ausdenken. Son einziges Kleines sagt sowas, und alle glauben das und sagen es weiter. Manchmal denk ich, dass die Schauflergötter aus der Magination von sonem Kleinen komm. »Da is son Mann in den Wolken, der dich bestraft, wenn du faul bist.« Sabbergerede aus unfertigen Köpfen. Jedenfalls fürchtet meine Keepers jetz.

Um ihren Hals trägt sie das lastische Band von soner Zuckerkette. Nu, mit sorgenen Nerven, wickelt sie das Band um ihren Zeigerfinger. Guckt zu, wie die Fingerspitze hell anschwillt, als ob sie die eigene Angst drosselt. In der andern Hand hat sie ne Zigarette. Sie raucht und schüttelt die Asche auf ihren selbigen Kopf. Ihr ganzes buschiges Haar is voller Asche, weil sie denkt, dass Asche gegen Nissen hilft. Keepers hatte nie Nissen. Für sie heißt das, es wirkt.

Und Keepers is son kämpfisches, dreckiges Junges, sie tut meim Herz weh. Ich weiß nich, was andere Kinder fühlen, aber ich schwör, ich fühl mehr. Ich seh meine Keepers fürchten und es is, als würd ich Eis schlucken.

Jo, das Kind is so wahrhaftig stolz, dass es ihre Arroganz verletzt, wenn ich sie streichel oder irgendwie anfass. Wie sie so auf dem schorfigen Bett sitzt und in ihr Elend schaut, will ich ihr übern Kopf streichen. Aber man kann nich einfach übern Kopf soner stolzen Acht streichen.

So Glaubenssachen sind ansteckig. Bald sind meine Nerven selber ganz zitterig. Einer wird sterben – jo scho, einer stirbt immer. Kein Jahr, an das ich mich erinner, wo keiner gestorben is. Aber Keepers is zu klein zum Sterben, und jedes Kind lieb ich zu nötig, und meine Sengles sind zu wenige.

»Verdammt, Keeps«, sage ich. »Die Person kann irgendwo sterben. Kann son Massensterben bei den Armies sein. Is doch toll, wenn mehr von denen sterben.«

»Nein, muss jemand sein, den ich kenn. Ich hab das Baby gefunden!« »Jo scho. Vielleicht is es Mouse.«

Sie schreckt auf und guckt froh und kriegsäugig hoch. Aber Gedanke für Gedanke hört der Glaube auf.

»So viel Glück hab ich nie im Leben«, moniert Keepers. »Wetten, Mouse findet son Baby. Er will, dass ich sofort sterbe. Er will, dass ich krank sterbe.«

Jetz riechen wir das Feuer gegenüber, ne heiserne Süße.

Ich sage: »Du hörst jetz auf, Dummkopf.«

»Bin nich dumm! Ich weiß es richtig.«

»Manchmal benimmste dich wie Keepers Zwei.«

»Gar nich. Benehm mich wie Keepers Zwölf.«

»Keepers Krachmacher, das is alles.«

»Du hasst Mouse. Sag, du hasst ihn und sag, dass ich nich sterbe. Jemand Altes wie du stirbt.«

»Verdammt, lass das«, sag ich. »Sonst gehste nächstes Mal mit Asha Badmouth.«

Keepers macht son Furzgeräusch mit ihren Lippen und flucht wieder. Ich dreh mich um und greif nach dem Evakbrief. Fang an, laut vorzulesen, und will sie mit der Leseübung ablenken. Aber sie macht nur die Augen zu und schreit die Wörter der Mitteilung. Kennt fast alle auswendig. Dann gehn wir beide los, lachen und schreien, wer es lauter-schneller sagen kann. Jeder Sengle kennt die Evakuierungsbriefe gut.

Als wir fertig sind, Keepers mit Geschrei und Sprechüben fertig is: »Dann sind die Schläfer evakuiern gegang, und dann nach Europa.« »Klar, Europa.«

»Aber wo is dieses Europa?«, sagt sie. »Du hast Europa nie gesehn.« »Schou, is ne weite Ferne übers Meer.«

Keepers runzelt die Stirn in kleinlicher Verachtung. Sie legt das Plastikbaby auf den Boden, sie is durch mit Sterben. Das Sterben is vorbei. »Weißte nich. Wetten, dass keiner das Meer je gequert hat. Kein Europa.«

»Schou, es gibt Europa. Noch nie ne Karte gesehn?«

»Das sind Bilder. Kein echtes Europa.«

»Gut, also gibts kein Europa. Alle Schläfer verstecken sich im Wald. Die komm jetz raus, stinksauer, weil wir ihre ganze Suppe geklaut ham.«

»Die Schläfer wollen, dass wir die Suppe kriegen. Sie ham sie extra dagelassen. Trotzdem gibts kein Europa. Du lügst und hast gar keine Ahnung und ich bin Keepers Zwölf.«

In Wahrheit is dieses Europa primär ne Geschichte, um Kleine zu beruhigen. Die meisten ältern Kinder denken, dass die Schläfer alle tot sind, aber es gibt kein Beweis. Egal, ob die Schläfer nach Europa oder zur Hölle gefahrn sind, sie hinterlassen dieselbe miese Stille.

Was wir von ihnen sicher wissen, is ne kürzere Liste. Wir kenn ihre Ansicht von Bildern an ihren Wänden, und von Papierzeitschriften. Sie hatten glatte Haare wie Fell. Das wächst in allen möglichen Farben – gelb, orange, schwarz und weiß. Die Haut war primär rosa wie bei Plastikbabys oder Rous. Manche Gesichter sind knittrig und hängen. Manche hatten fast ihre ganzen Haare verlorn. Wie die Lowells sagen, kommt das von den Jahrn – diese Schläfer leben so lang wie Papagein.

Jo, es gibt son paar Bilder, wo die Kinder normal braun drauf aussehn, mit richtigen Haarn statt Fell. Wir denken, dass das unsere Ururgroßen in der Damalszeit warn. Keine Schläfer, sondern richtige Kinder.

Wir wissen, dass die Schläfer vor ner Krankheit geflohn sind, son tödliches Fieber, WAKS geheißen, vor so achtzig Jahrn. Wir kenn ihre Sachen, wir ahn einige Fakten über ihr aufgegebenes Leben. Aber ihre Evakuierung is n mysteriöses Gerücht.

Das meiste wissen wir von den Evakbriefen. Diese Nachrichten sind alle gleich, nur Nummer und Straßenname sind anders. Da steht genau das:

BENACHRICHTIGUNG ÜBER DIE EVAKUIERUNG

Dies ist der letzte Hinweis. Das Gesundheitsamt Massachusetts hat die Evakuierung Ihrer Straße für MONTAG, DEN 15TEN MÄRZ angeordnet. Ein klimatisierter Bus der Ersten Klasse wird planmäßig um 15 UHR am MONTAG, DEN 15TEN MÄRZ in der SLEIGH ROAD 1 bereitstehen, um die Anwohner zu einer Behelfsunterkunft zu bringen. Ihre Behelfsunterkunft ist RAMADA INN, WESTFORD, MA. Wir bitten die Anwohner, nicht mit dem Auto zu den Behelfsunterkünften zu fahren. Die Einhaltung der zugelassenen Gepäckmenge von maximal zwei Gepäckstücken pro Haushalt wird strengstens geprüft. Ein Gepäckstück darf nicht mehr als 70 Pfund wiegen. Beide Gepäckstücke zusammen dürfen nicht mehr als 120 Pfund wiegen. Zusätzliches Gepäck kann in den Bussen nicht verstaut werden und wird an der Straße zurückgelassen.

Der Einstieg in den Bus kann erst nach einer medizinischen Untersuchung erfolgen. Um die Sicherheit aller Fahrgäste zu gewährleisten, dürfen Anwohner, die an WAKS erkrankt sind, in den Bussen nicht befördert werden. An WAKS erkrankte Personen und ihre Angehörigen erhalten beim Gesundheitsamt unter der Rufnummer (617) 256-2412 weitere Informationen. Körperliche oder verbale Gewalt gegen das medizinische Personal wird mit nicht weniger als 30 Tagen Haft und einer Geldstrafe von bis zu $ 5,000 geahndet.

Der Nothilfekoordinator von Middlesex County

Victor Espinoza

Wir wissen nichts von diesem WAKS, der Krankheit, die sie kaputtgemacht hat. Warn achtzig Jahre Ruhe. Keine Erinnerung reicht zu diesem Fakt. Manche Kinder denken, dass WAKS die Posies sind, aber keiner weiß es. Die toten Schläfer lagen so lange rum, da gibts keine Haut mehr, auf der man Posies sehn kann. Son Körper sagt dir nichts, außer »du hast Schiss wie n Schaufler, Kleines. Du wirst zittrig und schwach, wenn du mich anguckst.«

Und keiner mag es, son Haus mit toten Schläfern drin zu finden. Wenn einer drin is, verbrenn wir das Haus mit allem Drumunddran. Es is immer gloriös, wenn das Haus sich zu flockiger Asche und Stöckern zehrt, macht die Augen froh. Es flammt aus den orangenen Fenstern. Dann fällt das Haus auf die Knie. Bäume zittern außenrum, aufgekratzt durch die irre Hitze. Und danach is alles schwärzlich gut. In nem Jahr wachsen da Blumen. Macht dich stolz, n Sengle zu sein, Säuberer der kränklichen Welt.

Dann also sehn wir zu, wie das Feuer beginnt, ich und Keepers Acht Fofana oben am Fenster. Das Feuerhaus steht schräg gegenüber von unserm, gut zu sehn, und Driver und Jermaine und Asha Badmouth komm raus, fertig mit Anzünden. Sie stehn da und gucken, daneben son Haufen Wasserbeutel und nasse Decken, falls das Feuer ausschlägt. Ehrlich, heute wird sich kein Feuer verbreiten. Is noch klatschnass vom Morgenregen. Trotzdem bringt Driver jeden dazu, nen Beutel und ne Decke zu halten. So is die Regel.

Das Haus sieht son bisschen kratzig aus, bevor das Feuerlicht kommt. Als das Flackern hochsteigt, zeigt es sich klar in den rausgebrochnen Fenstern, als ob wir n Leben drin aufgeweckt ham. Dann wird das Dach schwarzfleckig, und Feuer quetscht sich durch den Fleck. Das Feuer macht n Loch, und Flammen wachsen aus dem Dach wie wütige Haare.

Flamme und Himmel ham zwei verschiedene Arten von hell. Die Sonne sieht zahm und schläfrig aus, während das Feuer so riesig nach links und rechts geht. Das macht uns groß und hell in den Nerven, obwohl wir Sengles sind und Feuer unsere Sache is. Keepers starrt mit offenem Mund in die Flammen.

Dann guckt Driver zurück und sieht uns. Er zuckt unfroh. Als Nächstes stolziert er mit wütigem Gesicht zurück zum Haus.

Keepers guckt zu mir rüber. Ich sag: »Jo, Driver hält mir ne Rede.«

»Klar, du musst auf ihn hörn«, sagt Keepers. »Man muss hörn.«

»So wie du.«

»Wenn keiner hört, geht alles in Trümmer.«

»Schlau wie sonstwas biste. Weiß nich, ob es Dreck oder Holz is.«

Keepers macht n Furzgeräusch und grinst.

Ich sag: »Schlau wie n Dreckfuß biste.«

Dann is Driver hinter uns in der offenen Tür. Er nickt mich raus, und ich komm drießlich mit. Wir gehn den Flur runter, weil Driver seine Angelegenheiten nich vor den Kleinen macht. Is alles ne Würde für ihn.

Driver is erst seit nem Jahr der Älteste. Er war Sergeant in unserer wölfischen Zeit, als die Sengles reich geräubert ham. Alle Mädchen verlieben sich nach ihm. Hunde und Ponys ham Furcht und Vertraun. Driver hat, soweit ich weiß, vier Babys gemacht, und drei davon leben noch. Und er hat ne wohle Stärke, is wie n großes, warmes Haus, das man schlagen und treten kann, und es schwankt nie. Es steht dir zum Trotz und weiß, was es vorher wusste.

Jetz hält er sich locker, obwohl er gekomm is, um mich runterzuweisen. Ich guck trüb auf sonen Teppich. Der Teppich is ganz gut und sauber. Nur n keiliger Schatten aus Schimmel is da beim Fenster. Schimmel kommt, wenns reinregnet. Alles riecht davon grün und faulig, wie meine Gedanken.

Mein Bruder sagt: »Du musst dich mal verantworten, Ice. Ich kanns nich sehn, wie du hier mit Keepers rumklieschst wie n Kleines.«

»Diese ärmlichen Häuser, man findet nichmal Müll hier oder irgendwas. Hat nichts mit Verantwortung zu tun.«

Driver hört nich auf blödsinniges Gerede. Du sagst was Dummes und er tut, als ob es Waldgeräusche sind, die ihn nichts angehn. Also sagt er, als ob ich nie geredet hab: »Wenn du nich arbeitest, denkt kein Kleines dran, zu arbeiten. Bist ja die Drittälteste.«

»Bin ich nich. Crow is dritter.«

Er verdreht mir seine Augen. »Zählste Villa mit, du Baby? Villa is hirnlos wie ne Motte.«

»Ich zähl in Zahlen und es sind drei vor mir. Du und Crow und Villa. Macht mich die Nummer vier.«

Driver kriegt seine seriösen Augen. Ich guck weg und seh dann erst das Badezimmer. Habs vorher nich bemerkt, Keepers hat es auch nich bemerkt. Seh da Handtücher in Perfektesse häng. Die meisten Sengles ham Handtücher, aber diese Handtücher sind schwer zu halten. Jeden Winter wächst der Schimmel drüber, das kriegt man nich wieder sauber. Wenn da Handtücher sind, gibts vielleicht Seife und Robitussin, irgendwas.

Dann ärger ich mich nur noch schlimmer. Is nich gerecht, dass Driver recht hat.

Er sagt: »Du hast echt ne Selbstsucht gekriegt. Wütest hier durch die Gegend. Fünfzehn Jahre alt und kein Plan für Babys.«

»Ich mach, was mir richtig is. Ich mach sicher nichts wegen was Falschem.«

»Du machst nichts, weil du faul bist.«

»Ich mach keine Babys mit Crow oder Jermaine.«

»Ice Cream!«, sagt mein Bruder und seine Augen wüten. Dann stockt er und alles andere auch. Ich hör das Feuer wie schnarchenen Schlaf. Und Driver hustet. Hustet heftig und guckt überrasch. Er legt die Finger auf die Brust, dann nimmt er die Finger weg, prüft die Fingerspitzen, als ob er erwartet, dass Blut dran is. Als ob Blut durch seine Haut sickern würde. Klar, is nichts.

Aber klar seh ich, dass das Husten wehtut. Und Driver schluckt und leidet, um nich wieder zu husten. Er grübelt seine Nerven.

»Driver, alles gut«, sag ich in plötzlicher Angst. »Kommt vom Rauchen.«

»Klar.« Aber Driver hustet wieder und greift wieder so an seine Brust.

»Musst nich immer rauchen, gottverdammt.«

»Is nich vom Rauchen. Is auch nich dein Problem.«

»Klar, is ja nich mein Husten. Verdammich fürs Kümmern. Werd aufhörn damit.«

»Gibt nichts zu kümmern, Ice Cream«, sagt Driver kurz. »Kümmer dich um dein faules Selbst.«

Dann dreht er sich um und geht runter, und ich bleib zitterig dastehn. Is nichts passiert, aber ich weiß schon. Driver is achtzehn geworden, und meistens leben Kinder bis achtzehn-neunzehn. Dann kriegen sie ihre Posiekrankheit. Er guckt mich mit dem Wissen in sein Augen an, lässt mich sein furchtsames Wissen spähn.

Ich will runtergehn und übel weiterstreiten. Mein Bruder muss mir nich sagen, wer Drittältester is, wer Zweitältester. Driver bleibt der Älteste. Ich sag ihm in meim Kopf: Du kannst nich sterben. Ich sterb, bevor du stirbst. Crow is Sergeant, wenn du stirbst. Crow is n Giftbrunnen und ne Made, was er aus der Senglestadt macht, willste nich. Mein Bruder, bleib bei mir.

Dann schreit Keepers Großmaul mein Namen. Ich muss zu Keepers halten, die kein Bruder und keine Schwester hat. Die in wilder Solitüde aufwächst, ohne nen verlornen Bruder zu betrauern. Ich fürchte nichts schlimmer als ihren selbigen Tod.

In dem Zimmer hat meine Keepers nen Stuhl zum Fenster gestellt. Sie steht auf diesem Stuhl und hält mein Schlagstock aus Eiche in ihren Händen. Zielt auf son Glasquadrat, das in der obern Ecke vom Fenster noch über is. »Werd dieses Glas kaputt haun«, sagt sie.

»Jo scho, hast es ja erst gesehn«, sag ich, und in meim Hals schliern ungeweinte Tränen. »Mach Krieg, komm schon.«

»Willste nich?«

»Klar will ich. Sag nur, du hast es ja erst gesehn.«

Keepers zwickt ihre sommersprossene Nase. Sie sieht, wie mir das Glas egal is. Und sie schmeißt den Schläger zu Boden. Das macht mehr Lärm, als ich erwarte, son schallenes Bamm. Der Krach schreckt mich schwach. Mein Herz sagt immer weiter: Nee, mein Driver kann nich sterben, und mein Kopf denkt dann, dass es wahr sein kann. Der laute Krach scheint wie alle Dinge auf Erden, denen egal is, ob du fürchtest.

Ich sag mit vorsichtliger Stimme: »Ja, mach das besser nich kaputt. Du kriegst Glas ab. Das Glas kann weh tun.«

»Du musst hier mit mir stehn«, sagt Keepers. »Du gehst immer irgendwohin und dann weiß ich nich.«

Also kletter ich auf den Stuhl und steh. Keepers lehnt sich zurück an meine Wärme. Das Feuer geht weiter, geht jetz schon ne Stunde so. Der obere Teil vom Haus sieht dunkler aus, als das Dach in Teile fällt.

Driver geht über die Straße zu Asha Badmouth. Er tut seine Hand auf ihren Babybauch, und sie schiebt seine Hand weg. Das passiert unten in meiner Sicht, aber ich guck lieber dem Feuer zu. Ich krieg ne Trance vom Zugucken. Keepers starrt neben mir.

Alle Kinder sind froh, son Feuer zu sehn. Es hilft, die Sachen zu fühlen, die man fühlen muss, wie Whiskey trinken. Also lehn ich mich meim Kummer entgegen und guck ner heikligen Flamme bei sonem Fenster zu. Sie bewegt sich da wie rastloses Wasser, blau und golden und weiß. Ich fühl meine Sorge, aber ich denk an Neukönig Mamadou, den Jungen in mein Träumen. Stell mir vor, wie er mich eines Tages mit seim Messer umbringt. Und ich fühl das Weinen wie ne wehe Kälte in meim Kiefer. Aber ich wein nich.

Dann schlägt die Tür vom brennenen Haus auf, flattert wild. Rauch schleiert raus, und aus dem Rauch rennt n Mensch.

Ich schrei und Keepers schreit. Ich schreck sinnlos für mein Driver, jede Angst blitzt weiß in mir. Aber Driver, Asha Badmouth und Jermaine stehn da und schrein wie wir. Sind nich unsere Leute im Feuer. Es is n fremder Junge. Erst sieht er wie n Schatten aus, schwarz gegen das Feuerhell. Dann kommt er ganz raus und rennt heftig. Er allein schreit nich.

Is kein Feuer auf ihm, als er rauskommt, aber Asha Badmouth fürchtet. Bespritzt ihn wild. Er schreckt sich, rutscht aus und fällt hin. Dann packt ihn Driver. Mein Bruder denkt nie nach, ob jemand n Risiko hat. Er is kämpfisch und speziell, hält jeden erstmal auf.

Er ringt mit dem fürchtenen Jungen, bis er ihn im Schwitzkasten hat. Für nen Atemmoment is es ruhig. Nur das Feuer stürmt und knackt noch. Dann brüllt Driver, der Junge tritt wieder.

Keepers flucht und sagt zu mir: »Ice Cream, das is n Schläfer. Is nich in Europa.«

»Was?« Ich versuch zu hörn, was Driver sagt. »Was is los?«

»Die Schläfer sind nich in Europa.«

Der Junge windet sich und ich seh ihn klar. Ich atme kalt in mich rein. Sein Kopf hat gelbes, felliges Haar. Der Junge hat Plastikbabyhaut, er is n gelber Rou. Driver hält nen Rou fest. Panik fasst mein Atem.

Ich renn runter, bevor ich denke. Irgendwo schreit Keepers mich an, ganz hoch und fürchterig, bis ich die Tür hinter ihrer Stimme schließ. Draußen trifft mich der Tag heiß und kalt vom Feuer.

2

Von den Rous früher

Ich bin der einzige lebene Sengle, der je nen Rou gesehn hat. Bis heute ham die im Massawald schon seit Jahrn keine Probleme mehr gemacht. Nur Junos, die dreizehn oder älter sind, kenn noch ihre Angst.

Is n Monat her, im Tember, als noch Sommer war. In dieser Nacht war ich zum Schlafen in der Bücherei, alleine mit meiner Stute und meim Hund. Ich mag es, von den Sengles weg zu sein, und ich mag es, mein Pony und mein Hund mitzunehm. Is süß, in der Trennung ihr Vertraun zu spürn. Driver hat mir ne Rede zu dieser Gewohnheit gehalten – er sagt, ich bin unmöglich, seit ich n Pferd hab. Die Rede is wahr, aber er begreift nich, dass es besser so is.

Die Bücherei is n preziöses und saubernes Gebäude. War n Ort für Bücher in den Schläferzeiten, aber die Bücher sind jetz weg. Zu Zeiten meiner Mama ham wir sie rausgelumpt und nach Lowell verkauft. Gibt nen obergeschossigen Raum in dieser Bücherei, der is rund. Dieser runde Raum is meine liebste Freude.

Meine Money is stur für keine Treppen. Sie will anhalten, sie spannt die Hufe. Aber wenn man sie gertet, trabt sie schnell und plötzlich hoch wie son Treppenhochlaufpferd, das nur dafür gezüchtet is. Der Raum stinkt beachtlich von ihr, aber mit Fenster auf kann man ohne Unfreude atmen. Jo, mein Hund ABC hat das meiste von ihrem Schee gefressen, als Putzhilfe.

Unterm Büchereifenster is ne Straße, der größte Teil is zu Busch geworden. Is ne struppige Wiese mit kahlen Flecken, wo noch Straße is. Auf der andern Seite der Wiesenstraße is Friendly’s, wo auf nem Schild FRIENDLY’S steht, und auf nem andern steht FRIENDLY’S ICE CREAM. Das war son Laden zum Essen kaufen. Aber ich mag es nich, Friendly’s irgendwas zu heißen. Ich weiß, dass die Schläfer nich mich gemeint ham, aber das is echt eklig. Dann fällt mir ein, dass Eis n Essen is, dass ich nie probiert hab. Ich frag mich, was meine Mama geträumt hat, um mich wie dieses Essen zu nenn, als ob sie mich Was Verlornes nennt.

An diesem Tembermorgen, wo ich die Rous gesehn hab, wach ich früh auf. Rauch meine Aufwachzigarette am Büchereifenster, guck raus, und n harziger Luftzug kommt rein und glänzt in mein Augen. In der Nähe wächst ne Platane. Zwischen ihren fingerigen Blättern kann ich Teile vom Friendly-Laden spähn. ABC steht neben mir und winselt. Sie denkt, dass meine Zigarette was zu essen is. Lernt die nie; sie guckt zu, wie sie zu meim Mund geht.

Jo, über die Wiesenstraße da unten läuft ne Hirschkuh. Sie schnuppert sorgig an den Büschen, wie Hirsche das machen. Ich guck ihr zu, wünsch mir, ich hätte mein Bogen. Denk nich, dass ich von hier aus treffe, aber ne Glückshoffnung gibts immer.

Dann kommt n knackener Lärm. Er kommt wieder, wie n Reißen oder n Specht, der heftig hackt, aber zwanzig mal so groß. Auf dem Feld springt die Hirschkuh auf und stolpert unwuchtig zur Seite. Dann fällt sie um, und ich seh das Vieh durch und durch erschossen. Hat mehr Blut verlorn, als noch drin is.

Und son Junge rennt in die buschige Öde.

Dann übergeht mich ne Furcht. Ich fühl schwarzes Wasser in meim Kopf vor Angst. Er is n Rou. Hat braunes, felliges Haar auf seim Gesicht und Hals. Er trägt nen Rouanzug – son grau-grün sprenkelnes Teil, reicht nich, dass es eine hässlige Farbe is, es muss gleich doppelt hässlig sein. Die Kreatur is bestimmt zweimal so groß wie ich. Und seine Haut weißlich wie n Unglückshimmel. Dann komm son paar dutzend Rous mit felligen Gesichtern und hässligen Anzügen raus und sammeln sich auf der Straße.

Mein Herz flattert, scharrt in meiner Brust. ABC holt Luft, um zu belln, und ich greif schnell ihre Schnauze. Drück ihre Nase runter, press meine Finger in ihre Braue. Ihre bugligen Augen starren mich an. Ich schüttel den Kopf, aber sie spannt immer noch ihren Mund. Also halt ich ihre Schnauze fest, während ich späh, wie die Rous ausschwärmen; durch die Platane guck ich zu.

Rous ham katziges Haar, das nie lockig is. Sind alles Jungs – oder ihre Mädchen sind eckig und bärtig wie die Jungs. Die Kinder sagen, die werden sieben Fuß groß, größer als jeder Mensch. Alle Rous ham das Gleiche an. Nichmal Hirsche ham alle genau das gleiche Fell. Rous ham immer die gleiche Verpackung, wie Beef-a-roni.

Rous renn in Rudeln und jagen unsere Leute. In mein Fohlenjahrn wurden drei Kinder vom Massawald geholt. Ja, einmal wurde son Kind aus Lowell tot gefunden, erschossen. Das warn die Rous. Vielleicht sind sie Sklaver – oder sie essen Kinder, wie die Christlinge sagen. Keiner weiß es.

Die Rous sind also seit son paar miesen Jahren da. Keiner weiß, woher, die komm aus der Luft und gehn ins Nichts. Alles, was wir über die Rous wissen, is, dass sie unsere Kinder holen und die Kinder nich wiederkomm.

Ich steh da und guck den Rous zu. Is jetz n extra Dutzend, schwärmt zum blutenen Hirsch. Dann gehn sie zu zweit und zu dritt weiter. Is wie n Bach, der sich um nen Felsbrocken sammelt und dann weiterrauscht.

Jeder von ihnen hat n Gewehr als Knarre, lang und schwarz. Einer von den Rous hat die Jacke ausgezogen, trägt das Gewehr auf der Haut. Hat kein Fell unterm Nacken, obwohl die Kinder das sagen. Ja, die Rous reden, obwohl ich keine besondern Wörter hörn kann. Alle tragen Rucksäcke. Manche rauchen wie n Mensch. Und in meim Kopf ahn ich, dass die Rous auch wanderne Hauslumper sind. Und ich seh, dass sie schön und wertig sind auf ihre struppige Art.

Dann späh ich die schwärzlichen Kinder, die gestohlenen. Ich zähl siebzehn. Sind nich angebunden, sie gehn frei, ham aber keine Knarren. Sind nackig hilflos mit diesen jumbogroßen Rous. Dann kämpf ich in mein heißen Handflächen mit meim Mitleid.

Die Kinder sind keine Sengles, sonst geh ich in Krieg für sie, gegen hundert Rous oder mehr. Aber diese gestohlenen Kinder sind mein Augen fremd. Sie sehn auch nich furchtsam aus, ham kein Blut oder Stellen auf dem Gesicht. Sie gehn langbeinig, stark. Einer trinkt Pabst-Bier, oder es is Wasser in ner Pabst-Dose. Einer von den Rous redet mit nem schwärzlichen Kind und das Kind lacht. Jo, das Kind is fast so groß wie die Rous, nur dünner gebaut. Es beruhigt meine miesen Nerven, zu sehn, dass die Rous niemals sieben Fuß groß sind. Sie sind lang, aber immer noch menschengroß.

Die Rous ham den Hirsch zerlegt und Fleisch und Innerein eingepackt. Die Rous fließen wie son hässliger, sprenkelner Fluss, spülen das unglückene Tier mit sich fort. Und sie gehn vorbei und verschwinden. Nur noch zerstreute Innerein und Hufe sind von der Hirschkuh über, und ne rote Verwirrung im platten Gras.

Die Rous warn nich wieder gesehn. Ne Woche lang bleiben wir dicht bei der Stadt, dann vergessen wir sie primär.

Nur manchmal hör ich n komisches Geräusch und halt mit atemlosen Nerven still. Wird nur ne Amsel sein, die unlenk landet – aber ich stell mir Hundert Rous hinter den Versteckbäumen vor. Dann sehn unsere trauten Wälder wie n Traum aus. Sehn aus wie die Sicherheit, die man kennt, besonders süß, wenn man in den großen Tod fällt.

3

Vom 2. Tober, Fortsatz

Jetz renn ich zu diesem Rou, am Tag von Drivers Husten. Die Evaktür schlägt laut zu, und ich renn raus, wo Driver mit dem gelben Jungen kämpft. Ich fang mich und halt nen Schritt vorher an, neben Jermaine und Asha, die sich sperren. Keiner will zwischen Driver und sein Ärger komm. Mein Bruder is stolz, dankt die Hilfe nich.

Dieser Rou is so groß, dass es aussieht, als ob Driver mit nem Pony ringt. Aber Driver hat nen Arm um sein Hals und würgt ihn gut. Der Rou greift mit seim Mund nach Atem und kann nich. Er scheint in seiner Anstrengung zu wachsen und zu wachsen, dann lässt er nach. Driver sagt: »Tritt mich und ich schneid dein gottverdammten Hals durch. Lieg still!«

Dann lässt Driver locker und der Rou stößt Luft aus, doch er wirkt geschlagen und zahm. Als er den Arm hebt, würgt mein Driver wieder seine Stimme. Der Rou stummt und schnappt nach Luft.

Wie er so liegt, is der Junge schauerlich. Hat n Gesicht, das so komisch geformt is wie seine Stimme, flach wie bei ner Eule. Furchtsame bläuliche Augen, und die Farbe in seiner Haut wie frisch geborn. Wie Wurmhaut. Er denkt in sein Augen. Seine Arme und Beine sind wie bei Menschen. Hat auch keine rouischen Sachen an. Jeans und Shirt wie alle.

In dieser ruhigen Pause sagt Jermaine nerviös zu mir: »Ice Cream, alles klar? Keine Fremden gefunden?«

Ich guck, wo Keepers oben im Fenster raucht. Ich schrei hoch: »Irgendwelche lebenen Schläfer da oben?«

Dann muss ich lachen, weil Keepers vom Fenster verschwindet, kann ihre Füße die Treppe runterstampfen hörn. Ich sag zu Jermaine: »Pass auf, Keepers hat bestimmt keine Angst. Frag sie.« Meine Stimme is hoch und furchtsam, und mein Lachen auch.

»Bestimmt hat die Angst«, sagt Jermaine überrasch. Dann kapiert er, was ich mein, und lacht: »Ja, Keepers is stolz wie Hass, klar.« Keepers stürmt raus und schreit: »Du musst es töten, Driver! Es is n Rou!«

Jermaine und ich lachen wild. Jermaine sagt zu Keeps: »Was biste brutal, Kleines! Machst mir Angst!«

Dann sagt Driver, die Stimme ganz gespannt vom Kampf: »Ice Cream? Is das n Rou?«

Als Driver mich anguckt, guckt der Rou auch. Er kann sein fürchtenen gelben Kopf nich drehn, aber seine Augen drehn sich. Dann kann man wissen, dass alle Kinder mich ansehn.

»Ice Cream«, sagt Driver wieder, »is das n Rou?«

So wie es is, hab ich kein Grund oder Sinn, dem Jungen zu helfen. Aber seine Augen leben. Augen bedeuten mir was, und ich fühl, dass Driver nen Rou tötet. Is der einzige Mensch, den er töten kann.

»Eher nich«, sag ich. »Kann was anderes sein. Irgendwas Seltsames.« Ich halt die komischen Augen vom Rou mit mein selbigen fest, erwarte, dass er dankbar is. Aber die Augen gucken unwissen zurück. Verstehn kein Wort.

Driver sagt dem Rou: »Ganz ruhig, Kind.« Er lässt sein Arm locker.

Der Rou reißt sich frei und rennt. Rennt, wie n fürchtener Mensch vor Feinden wegrennt. Wir brüllen überrasch. Der Rou sprintet und quert die Straße in ner dünnen Sekunde, rennt wie n Pfeil. Keepers ruft: »Töte es! Jag es!« Dann zieht Driver seine Knarre und feuert. Ne Schnur aus Gras und Nässe fliegt hoch.

Jermaine und Asha Badmouth fluchen. Und in der kaputten Straße kauert der Rou, ballt sich zusamm und dreht sein Gesicht zu uns. Ne Knarre guckt aus sein Händen. Die Knarre guckt zurück zu Drivers Gesicht.

Ich schrei »Nee!« und fluch. Dann renn ich los, um diesen Rou zu fang, ich renn ganz traumbeinig und müde. Halt meine leeren Hände hoch und sie fühlen sich nackt an, fürchterig, als wenn die mehr als irgendwas wehtun, wenn er drauf schießt.

Ich bleib zwischen meim Bruder und der Knarre, so gut ich kann. Ich bin zu furchtsam, um an irgendwen außer Driver zu denken. Ich denk gar nicht.

Der Rou guckt mich zuerst an. Ich krieg seine Knarre auf mich und irgendwas passiert in sein tauben Augen. Ich denk: Du siehst mich. Bring mich um, wenn du hungrig nach Tod bist.

Der Rou brüllt, reißt die Knarre rum. Ich geh langsam, und ich geh zu ihm, und er schreckt böse auf.

Würd sterben, um mich aufzuhalten. Ja, er wird näher, größer, als ich weitergeh. Er steht auf und is riesig wie n Bär. Die Knarre wird meine Hand in Stücke fetzen. Die Knarre wird mein Kopf zerlegen.

Ich schließ den Lauf in meine Hand, und alle meine Kinder schrein und rufen. Ich drück den Lauf runter. Ziel auf mein Herz, meine Innerein. Die Erde. Meine Finger drücken sanft und ich sag: »Lass los, lass los. Wirst mich nich umbring, Dummkopf.«

Der furchtsame Rou starrt auf mein Gesicht. Ich merk, dass ich weine. Wein für alle von uns, die sterben müssen. Und wenn das Feuer so gewaltig, der Himmel so gewaltig is, sind wir sprottenklein und voll Liebe. Das fühl ich. Das Metall liegt schlicht in meiner Hand.

Der Rou lässt die Knarre los. Jermaine rennt zu uns, und Driver rennt zu uns, und sie greifen den Rou. Wir brüllen vor und zurück, ich weiß nich, was wir brüllen. Als Nächstes boxt meine lärmige Keepers gegen meine Beine und schreit: »Du Schwachkopf! Lässt dich nich umbring! Du gottverdammter Schwachkopf, schee!« Ich lach, die Augen nerviös auf dem Rou, als Driver und Jermaine anfang, ihn zu fesseln. Er wehrt sich nich, is weich zu halten – als ob die Pistole seine letzte Stärke war, die ich von sein Händen genomm hab. Ja, seine Augen halten sich seltsam auf mir.

Sie binden ihn fest, dann schnürn sie ihn auf den Schlitten. Keepers verliert ihre Angst und klettert auf ihn, reitet auf seiner Brust nach Hause. Ich sitz auf Money, Driver sitzt hinter mir. Er drückt mich schützen gegen sich, sein großer Arm um meine Hüfte, und ich drück ihn nich weg. Will ich gar nich. Big Smoke vorne is zappelig, wegen den miesen Nerven, die alle ham.

Das is, wie ich mir meine Pistole geholt hab, die erste von all mein Knarren. Das is, wie mein Pascha Rou nach Senglestadt kommt.

4

Von Crow, meim Animosen

Auf dem Nachhauseritt folgen wir der Straße 27 durch die ältern Wälder. Is ne Stunde zu Fuß, und man kann auf diesen kaputten Straßen nich traben. Sind nur Löcher und Hubbel. Das Pferd geht spreizig, wie besoffen.

Es dämmert, und die Birkenstämme glimmern weiß wie Mondpfade. Son Birkenblatt gelbt hier und da, der Herbst beginnt zu komm. Ahornkronen flecken rot und orange, und die Straße 27 is teilweise mit diesen farbenen Blättern berieselt. Gibt Häuser auf dieser Strecke, aber alle ham Ruinendächer und rotten im Innern. Telefonmasten lehn noch in ihrer Reihe, aber alle Kabel sind gelumpt. Hier und da zeigt ne Schwärze, wo wir n Schläferhaus verbrannt ham. Manche sind schon zu Espen geworden, manche sind angefangene Blumwiesen.

Wo wir von der 27 abbiegen, steht n Schläferschild, helloranges Metal mit schwarzen Buchstaben: BLINDE ACHTUNG KINDER. Dahinter is der Blinde-Achtung-Teich. In dieser Nacht knarzen die Frösche alle laut. Wo es Frösche gibt, sind zwanzig mal so viele Mücken, und die Nacht is kühl geworden. Wir klieschen hier, um Jacken anzuziehn.

Meine Jacke is von der Sorte Patagonia. Dieses Wort stickt auf der Brust. Sie is leicht, aber faltet sich zu ner gierigen Größe aus. Kann zwei Hemden drunterziehn. Jetz hab ich meine Pistole in der Jeans, der Lauf liegt unterm Gürtel an meiner Haut. Als ich Patagonias Band zuzieh, piekt die Knarre in mein Bauch. Dann fühl ich die Schüsse, die da warn, und wie die Knarre auf mein Gesicht gezielt hat.

Als ich mich umdreh, um zu gucken, is der Rou still, als ob er schläft. Er is von den Füßen bis zum Hals an den Schlitten gebunden, mit Seil und orangener Kordel. Nur seine Finger sind lose. Aber seine Geisteraugen gucken und blinzeln. Er hat ne kalte Farbe wie ne Knarre. Is n furchtsames, birkenes Kind.

Keepers reitet prinzen auf ihm. Als es losgeht, hockt sie rücklings auf seiner Brust, guckt in sein Gesicht. So wahrt sie die Sicherheit. Aber Keepers langeweilt schnell. Bald klettert sie aufunab, steht prekär auf sein Oberschenkeln. Der Rou hat keine Wahl, als es auszuhalten. Also wird Keepers mit ihm warm.

Jetz holt sie ne Decke, wickelt den Rou gegen die Mücken ein. Aber diese Decke is nass vom Feuerlöschen. Der Rou fängt an zu zittern.

»Der Rou leidet«, merkt Keepers.

Asha Badmouth sagt zu Driver: »Warn blinde Kinder, die im Teich ertrunken sind. Is ne Achtung für andere geworden, ja. Blinde Achtung Kinder.«

»Das Schild gibt kein Sinn«, sagt Driver. »Bedeutet nichts, is wie Schrift auf nem T-Shirt.«

Jermaine pfeift vor Ekel. »Fou, haste letzes Mal schon gesagt. Hab dir da erklärt, warum es falsch is.«

Driver hustet, aber redet weiter: »Klar sag ich es zweimal, und beide Male is es wahr.«

»Es is hundert Mal schwachsinnig«, sagt Asha.

Keepers ruft: »Mein Rou leidet!« Alle gucken. Der Rou liegt in sein Seilen und zittert. Sieht nich so groß aus, wie er so liegt. Aber sein Gesicht hat nen Spuk. Die bläulichen Augen sehn aus, als ob sie Gedanken kenn, für die n Kind nich gemacht is. Ich krieg selber ne zitterne Angst. Driver spannt sich hinter mir.

»Muss kein Rou sein«, sag ich. »Kann sein, dass es n Schläfer is oder was auch immer.«

Keepers grübelt mir ihre Würde zu. »Der hier lebt, der schläft ja nich. Und du kannst es nich Schläfer nenn. Macht den Kindern Angst.«

»Den Kindern geheißen Keepers«, sagt Jermaine.

Ich sag höflich: »Er braucht ne Jacke, ja.«

»Jo scho«, hofiert Keepers mich zurück: »Is ne Freundlichkeit für michselber und für mein Rou.«

Ich lach. »Is Keepers’ Rou, keiner fasst diesen Rou ohne Erlaubnis an.«

Ich mach Patagonia auf. Meine ganze Haut mag die Idee nich, aber ich werf sie zu der vergnügigen Keepers. Sie zieht die feuchte Decke weg, und sein ganzer Körper entspannt sich. Als ob das Zittern von ihm weggezogen is. Dann macht die Jacke sein Gesicht freundlich.

Das is der Moment, in dem er spricht, seine birkenen Augen auf mir. Das Wort is so einfach, dass jeder es hörn muss. Er sagt es deutlich. »Spasiba.«

Dann fürchten wir alle, als ob das Reden ne Waffe is. Driver schließt sein Arm heftig um mich. Ich atme gegen seine Stärke.

Nur Keepers kümmerts nich. Sie schüttelt ihren moppigen Kopf. »Nee, musste ›dank dir‹ sagen, mein Rou. Oder ›dank dir schön‹«.

»Du weißt nich, was sein Blabbern heißt, Kleines«, sagt Asha Badmouth. »Er sagt: ›Ich bring dich um, ich ess dein Kopf mit Soße.‹«

»Mein Rou sagt dank dir schön«, sagt Keepers, zurückhaltend vornehm. »In sein Wörtern is das spasiba.«

Driver lacht. Dann lachen alle, und Keepers ruft: »Ich hab n Rou zum behalten! Mein Rou kann sprechen! Mein Rou isst Mouse’ Kopf mit Soße!« Wir alle kichern atemlos. Die Pferde trippeln und schnauben wirr. Asha Badmouth lacht in ihrer kämpfischen Melodie, das Mädchen kann ihre Stimme in son Tal voll Raum sing. Is alles durchgedreht und sternenschön.

Als das Lachen nachlässt, hat Driver mich in nem Klemmgriff. Ich leg mein Kopf gegen sein Kinn. Er lacht und lässt mich los, quetscht mein Kopf. Ich will wieder lachen, aber mein ganzes Lachen is irgendwie weg. Is nur die Besinnung, wie klein unser Lachen in all dieser Nacht is. Die Knarre kühlt meine Haut.

Dann zieht Driver für mich seine Jacke aus. Wir rangeln son bisschen, aber ich erlaub das Geschenk. Werd sein Kümmern nich beleidigen. Als Money wieder zu laufen anfängt, hab ich seine Carhartt an, kann seine Wärme noch im Stoff fühlen.

Unser Pfad zieht vorbei, und die Zeit zieht mit. Bald wird das Licht ganz Mond. Jo, das war ne Stunde zu reiten, und Driver hat nur einmal gehustet. Ich behalts im Kopf. Schließ im Innern die Faust drum. Einmal denk ich an mein Geisterbruder Mo-Jacques Fünf. Als unsere Mutter Shasta stirbt, hab ich ihn zum behalten gekriegt – son drängeliges Ferkel mit nem Mund wie Keepers. Er war der Bruder meiner Arme. Son kleines Kind stirbt schnell an Posies, is keine Hässligkeit und kaum Schmerz. Jetz schwimm Tränen mein Gesicht runter. Fühlt sich an, als würden sie sich mit Mondlicht füllen, fühlt sich an, als wärn sie trauerfarben.

Als die Espen vorbei sind, is es offene Nacht. Die Bauernfelder vom Christlingstofet zeigen sich in Quadraten verschiedener Dunkelheit. Ihre Häuser und Scheunen sehn schläfrig aus. Die Fenster winken son rötliches Licht, das heißt, das n Feuer an is, und n weher Rauch kommt von ihrem Schornstein. Der Himmel is voller Kälte, und der Rauch geht in sein Herz, um es zu wärm. Ja, John von Christus, der Ehemann, steht auf der Veranda und grüßt jeden, der kommt, wie Christlingsmänner das bei Sonnauf- und untergang machen. Diese Zeiten heißen Gästeglocken. Aber wir biegen nich in ihre Straße ein.

Zwischen den Bäumen fängt Senglestadt zu riechen an. Is n süßer Stunk, so gemütlich wie mein eigener Furz, oder wie Moneys Furz. Riecht auf ne freundliche Art nach stinkigem Püh meine Stadt.

Sengles sind unmanierlich mit dem Müll, zivilisiern sich da nich. Ham Dosen und Apfelbutzen und Papier, gemischt mit fichtigen Nadeln, allfarbig auf dem Boden liegen. Obwohl wir private Gruben weiter weg schaufeln, ham manche Kleine Angst, sie zu nutzen. Wenn man in der Nähe der Stadt vom Weg abkommt, tritt man wo rein, was man bereut.

Als wir in diesen Nabogeruch komm, locker ich die Zügel. Money hebt die Füße, trabt froh. Der Pfad is glatt und klar, und bald kann ich Lagerfeuer durch den Püh riechen. Weil es kein Krach gibt, weiß ich, dass die Kleinen im Nachtungslager sind. Uns erwartet nichts außer dem Stunk und dem Dunkel und Crow Sechzehn.

Crow steht da zusamm mit meim Hund ABC am Feuer. Das Feuer is gedämmt. Die sprottigen Flammen knistern und rauchen. Crow isst Nillas aus der Packung. Meine ABC kaut selber eins und hat n paar zwischen den Pfoten liegen. Die beiden sehn schläfern aus im seichten Licht.

Crow is n hässliges Kind, mit nem ganz froschigen Mund und fast keim Kinn. Jo, seine Augen sind preziös, schwarz-süß und wimperig. Sein Gesicht sieht aus wie sein Herz, schlau und falsch. Aber meine ABC liebt Crow, und er is immer nett zu ihr. Zu ihrer Welpenzeit warn Crow und ich Animosen. Freunde sind wie Gras und Klee, Animosen sind wie Gras und Grün. So war unsere Wahrheit. Wir ham Frühstück aus ner einzigen Schüssel gegessen. Wir ham unsere Fallen zusamm gestellt. Warn beide kämpfische Kinder: In mein Knochen ham Crows Schläge nachgehallt, und seine Haut war immer wund von mir. Wir ham zusamm in ner Hängematte geschlafen, son einziges Knäul, wie Katzen.

Dann is er weg, um mit Mari’s Ghost Sex zu machen. Mari kriegt davon n Baby, als sie erst zwölf war und Crow vierzehn. Dann hat Crow nich mehr mit mir geredet. Ich stell meine Fallen allein.

Gibt nichts, was so bitter is wie son verlorner Animose. Wie Driver sagt, es gibt keine Liebe wie Hass. Gibt Tage, da will ich Crow ansehn, um sein bugliges Gesicht zu hassen. Ich will Crow niemals umbring, denn wenn er erstmal stirbt, is mein Hass so allein wie ich.

Jetz is Crow ne Minute lang feuerblind, während meine ABC zu mir rennt, dann zurück zu ihren Nillas rollt – Crow steht da, blinzelt auf den Rou. Wir sitzen alle ab, außer Asha Badmouth. Is ne schöne Leichterung, zur funkelnden Wärme zu komm.

Keepers liegt noch eingerollt auf dem Schlitten. Hat ne Zigarette an. Sie raucht und gibt sie dem Rou für nen Zug. Der Rou raucht froh. Seine winterfarbenen Augen gucken auf alles außenrum: Feuer, Crow, Müll.

Jetz flucht Crow leise. Er sagt: »Dachte erst, ihr bringt n paar Waffen mit, aber das.« Sein hässliger Kopf is starr. Dann kommt ne Last über alle.

Keepers sagt: »Das is n Rou oder n Schläfer. Ham ihn in nem Schläferhaus gefunden.«

»Schläfer sind tot. Jo, warum habt ihr das hergebracht?« Crow grinst, nur dass sein Grinsen ärgerlich is.

»Kann lebene Schläfer geben«, sag ich scharf. »Die kenn Wissenschaften und so.«

»Du hast das hergebracht«, sagt Crow und sein halbes Gesicht is grinsene Zähne. »Ich will hier keine Rous oder Schläfer. Willste es aufessen?«

Keepers saugt ihre Zigarette und redet ne Rauchbö: »Mein Rou isst dein Kopf mit Sauce. Crow-Kopf mit Crow-Sauce.«

Driver kommt ans Feuer, und alle lockern sich. Jo, sobald Driver redet, is es, als ob vorher keiner geredet hat. Wir hörn. Er redet in ruhiger Freundschaft mit Crow, erzählt vom Feuer und dem Rou, Crow nickt wie n nachdenkliches Pferd; er liebt mein Bruder noch, obwohl sein Herz ruiniert is. Erst wenn Driver erzählt, wie ich die Knarre genomm hab, guckt Crow mich an, und seine schwarzen, preziösen Augen weiten sich. Dann redet Driver weiter, aber Crow hört nich zu. Und als mein Driver fertig is, sagt Crow böse: »Kann man ja erwarten, dass die Mädchen nen schönen Mann retten. Jo, Ice Cream hat Augen dafür.«

In meim Bauch und in meim Kopf kratzt mein Hass. Crow guckt mich an, Crow guckt weg. Mein Animose, er kennt mein Übel, aber hat mein Gutes vergessen. Meine Haut is heiß und dünn davon, erkannt zu sein.

Keepers sagt: »Der Rou gehört mir. Mit oder ohne Ice Cream.«

Driver lacht am dollsten von allen. Jermaine und Asha Badmouth johlen und rufen mir zu, während Keepers streng guckt. Sie hält ne Hand auf dem Rou seine Schulter. Schüttelt den Kopf, während alle durch ihren Stolz lachen. Der Rou weit weg, mit frostenen Augen und Kummer auf seim blassen Mund. Als sich alle beruhigen, guckt Crow auf mein Gürtel. »Will mal die Knarre sehn.«

Ich geb ihm die Knarre, wie n Sengle nem Sengle gibt. Geben, wenns gefragt is. Wenn Driver da is, sorg ich mich nie, was als Nächstes passiert. Crow nimmt meine Pistole. Legt ihre schwärzliche Nase über seine Handfläche.

Crows Übel sind: eitel sein, andere beschulden, lügen, Pläne machen, egal, ob es wen verletzt. Macht Mari’s Ghost n Baby, als sie erst zwölf is, ruiniert sie ohne Herz. An Crows Gutes kann ich mich nich erinnern, sein Gutes is Zweifel und Nebel. Einmal bringt Crow ne Forelle und sagt: »Der Fisch hat nen Diamant in den Innerein.« Ich glaub ihm nich, also schmeißt er die Forelle zurück in den Blinde-Achtung-Teich. Wir gucken, ob sie nach oben treibt, aber sie kommt nich wieder. Sein Gutes is wie dieser verlorne Diamant.

Jetz fällt meine Laune mit Crows zusamm. Die hübsche Knarre liegt auf seiner Hand, warm von meim Bauch. Seine Finger rolln sich ein, um sie zu greifen, und seine andere Hand schiebt das Magazin raus. Das schiebene Klicken is deliziös exakt. Er freit ne Kugel raus, hält sie ins Feuerlicht. Crow und ich lächeln. (Crow is ne geschlossene Tür im Winter, Crow is n Giftbrunnen. Crow is verlorn. In meim Kopf nenn ich ihn: Crow-Ruine.) Hinter mir hustet Driver.

Ich sag flüstern: »Is ne preziöse Knarre. Ham noch nich probiert, ob sie schießt. Was meinste, Crow?«

Dann is Stille. ABC guckt zu meim Gesicht und wedelt, aber Crow guckt mich nich an. Er blinzelt auf die Kugel. Dann schließen sich seine Finger drum, und seine Augen gehn zu Driver.

»Du bist der Älteste«, sagt Crow.

Driver sagt: »Is wahr. Na und?«

»Der Älteste sucht seine Waffe aus.«

»Ich bin der Älteste, hab schon ne Waffe.« Driver gibt mir sein Nicken.

»Zweitältester bin ichselber«, sagt Crow. »Meine Knarre geht nich.« »Villa is Zweitälteste«, sag ich. »Sie verdient diese Knarre. Sie schießt dir in die Beine und zerrt dich gierig in ihre Hängematte.«

Jermaine und Asha Badmouth lachen heftig. Villa lebt für Männer und sonst nichts. Sie kann nich mal ihren selbigen Fuß jagen, wenn ihn jemand anbindet. Kann nich mal nen gegrillten Fisch fang.

Crow sagt: »Driver zieht seine Schwester vor. Das is alles. Die Knarre sollte meine sein.«

Jermaine sagt: »Verdammt, du warst nich da.«

»Villa braucht diese Knarre, Crow«, sagt Asha Badmouth und lacht noch, »sie jagt dir Fleisch, is klar.«

»Ich geb die Knarre Ice Cream«, sagt Driver. »Ihr könnt mit dem Reden aufhörn.«

Dann senkt und dunkelt sich das Feuer. Der Wald lehnt sich zu uns und scheint zu wachsen in wütigem Dunkel. ABC macht n Geräusch in ihrem Hals.

Crow schiebt die Kugel zurück ins Magazin. Er drückt das Magazin in die Knarre. Alle gucken auf die Knarre, und Crow sagt: »Driver entscheidet, nen Rou aus der Stadt mitzubring. Entscheidet, der kleinen Schwester die Knarre zu geben.« Er sagt das mit saugenem Ärger. ABC schüchtert vor seiner Stimme. Crow schüchtert selber und guckt ABC voller Nerven an.

Dann dreht er scharf ab und zielt die Pistole auf den Rou. Keepers quietscht und duckt sich. Dann hält der Stolz sie still. Die furchtsame Keepers spannt ihren Körper weg, doch sie zwingt sich, auf dem Schlitten zu bleiben.

Der Rou macht die Augen zu. Falls er fürchtet, sieht mans nich. Wahrscheinlich war er die ganze Zeit über fürchterig.

Driver sagt: »Du erschießt nen Fremden, der gefesselt is und sich nich bewegen kann. Was biste dann? Wie wertig biste dann?«

Crows Hand lässt vom Ziel ab. Driver steht stumm, obwohl ich ihn schlucken seh. Er sagt: »Crow, gib Ice Cream die Knarre. Ice Cream, Jermaine, bindet die Pferde an. Könnt den Rou heut Nacht so lassen. Ich bin im Nachtungslager.«

Seine Stimme is wutlos und ruhig. Dann geht er, mein Bruder schwindet ins Dunkel der fernen Bäumen. Kein anderer hört es, aber ich hör ihn ne Minute den Pfad runter heftig husten.

Crow gibt mir die Knarre. Ich nehm sie achtlos. Als unsere Finger sich berühren guck ich in Crows Gesicht. Eines Tages guck ich in Drivers Gesicht, wenn Driver schon tot is. Alle verlorn.

Und Crow dreht sich weg und folgt Driver den Nachtpfad runter. Ich steck die Knarre in mein Gürtel.

»Ich geh nich ohne mein Rou ins Nachtungslager«, sagt Keepers mit Pläsier.

Asha Badmouth sagt: »Ichselber geh nich ohne Big Smoke. Geh nich auf mein Füßen.«

»Das is n anderer Fall«, sagt Keepers. »Ich lieb mein Rou.«

Asha spottet ihren Atem. »Und er liebt dich auch, denk ich mal?«

Ich sag: »Kannst kein Rou zum Nachtungslager bring. Er haut ab und isst uns alle auf.«

»Mit Crow-Sauce«, sagt Asha Badmouth.

»Ich hol uns Hängematten«, sagt Jermaine. »Wir schlafen hier und halten das Feuer am brenn.«

Dann freudet Keepers in ihren Augen. Sie sagt mit froher Stimme: »Spasiba, Jermaine. Heißt ›Dank dir‹ in ihrem Rouisch.«

Unser Nachtungslager is ne Minute von der Stadt zu laufen, sauber von ihrer müllenen Unnettigkeit. Der Sommer is schon dünn geworden, also schnürn wir Hängematten in den rötlichen Ahorn hinterm Christlingstofet. Wenn sie hoch genug sind, komm die Mücken nich hin. Son Bach is da, und alles is das genaue Gegenteil von der Stadt. Wild und groß, mit sterniger Bellesse.

Aber diese Nacht is es n Trost, in unserm Nabostunk zu schlafen. Alle Menschen riechen irgendwie warm, hüllen dich in ihr ungewolltes Leben ein. Jo, Money bleibt freundschaftlich in der Nähe und meine ABC auch. Sogar der Rou scheint freundlicher in meiner Angst, jetz, wo Crow ihn nich mag.

Jermaine bringt vier Hängematten, aber wir nehm nur drei. Keepers nistet beim Rou auf seim Schlitten. Jo, sie fängt an, Rousprache zu reden. Sie plappert jedes Wort nach, das er sagt. Dann plappern ich-Jermaine hinterher, wir alle roun zu den Sternen. Spasiba. Otwjashi mnje. Bolna, sjo taki. Aber bald wird der Rou stumm, er guckt stern-wärts mit sein birkenen Augen. Keepers kringelt sich gegen seine Rippen. Seine große Hand is in Keepers Händen, und sie sind gemütlich wie Zwillinge.

5

Mein Parlier mit den Christlingen

Kein Kind kennt, was ne Zeit der Freude is, bis sie vorbeigeht. Zu der Zeit, wo Pascha kommt, wo wir noch im Massawald lumpen, fluch ich auf alle Sorgen. Doch das war noch, bevor die Nat Mass Armies n Kind aus Massa geholt ham. Driver noch prächtig und wertig, er regiert und schwächt niemals. Wir leben wölfisch durch unsere Kriege.

An diesem Morgen, wo meine Probleme beginn, schickt Driver mich, ne Unterkunft für den Rou zu erbetteln. Seine Schätzung is, dass diese gefährliche Bestie nich sicher bei den Sengles gehalten werden kann. Muss wohin, wo Wände ihn halten. Ja, die Christlinge ham nen Keller, der fürs Gefanghalten gebaut is. Ham da früher schon Armies drin gehalten, in den Mörderkriegen. Also lass ich an diesem Morgen mein Jermaine auf den Rou aufpassen. Ich reit los, um die Schauflerleute im Tofethaus der Christlinge zu besuchen.

Vor den Mörderkriegen gabs zehn Christlingshäuser im Massawald. Diese Leute sind primär nach Norden geflohn. Nur n einziger Christlingstofet bleibt. Ja, in der Damalszeit und jetz leben die Christlinge gleich. Das Haus hat n Mann, der regiert, mit irgendvielen Frauen und jedem Kind, dass sie sich fortpflanzen. Und alle glauben an sonen Gott, der an zwei Stöckern lebt. Jeder Christling trägt ne Kette mit den gekreuzten Stöckern um Hals – und, is wahr, sie sind gesunde Leute. Man kann schon denken, dass dieser Gott irgendwas macht, sie leben fetter als jedes Senglekind.

Sie pflanzen Mais und Toffeln und ham Apfelbäume und Melkkühe. Sie könn Käse machen, und die Sengles bring ihn Wild zum Räuchern fürn Winter. Wir fang ihnen auch Papagein – die Christlinge ham da ne Vorliebe. Die Papagein krächzen durch den Massawald: »Tut Buße« und »Jesus erlöse«. Jo, die Christlinge ham mir auch mein Vermonter Jagdhund Angry Bitch Cub gegeben, als sie n Welpe und ichselber auch n Welpenkind von neun Jahrn war. Wer mir ABC gibt, wird in meim Sinn geschätzt. Also werd ich die Christlinge lieben und nie aufhörn.

Ich reit am haaresbreiten Morgen los. Sorgen sind meine Gesellschaft, über die Rous, über meim Bruder sein Husten. Aber meistens krieg ich es hin, dass mein Kopf still hält. Man kann ohne Frage wissen, dass die Christlinge kein Rou behausen wollen. Also is das Problem, wie ich sie dazu bring, dass unwillige Geschenk zu nehm. Is ne Art von Mutwillen, den ich schon oft vollbracht hab, und bald hellt sich mein Sengleherz, grinst seine wölfischen Lügen.

Dann zeigen sich Tofethaus und Scheune weißlich auf ihrem Boden. Ne rote Kuh guckt mit trübem Verstand hoch. Ich kanter Money beim untern Zaun. Sie überspringt ihn so leicht wie ne Katze, und die ganzen Kühe zockeln zu ihr. Sie macht streikig den Kopf hoch. Tut, als ob die Kühe krätzig wärn, und trottet zur Seite weg. Dann kommt John von Christus den Absatz runter, wo er Cider in nem glasenen Brock auf dem Tisch stehn hat. John von Christus is n gefälliger Mann und langsam vor nettem Leben. Das Kind hält dreizehn Christfrauen, die seiner einzigen Liebe pflichten. Diese Frauen ham John gewählt, nach der Art, wie die Christlinge ihren Mann wählen. Die Frauen beten drei Tage zu Jesus um Rat, dann wählen sie nen Mann. Weiß nich, was Jesus sagt, aber jeder Mann von Christus is n Zuckerstück fürs Auge – katzgesichtig und groß und schön. Aber Jesus is das Hirn egal. Ne Christfrau hat mir mal gesagt, John is telligent genug, um ihren Rat zu hörn, und mehr brauchen sie nich. Ich hab noch nie wen getroffen, der John nich leiden kann.

Ich steig ab und bind meine Money an, geh die säuberlichen Stufen hoch. Immer krieg ich ne Scham für die Schweinigkeit der Sengles, wenn ich herkomm. Man sieht kein Müll. Das Haus riecht nur nach neuem Essen. Alles is weiß gemalert und das is das Ende der Geschichte.

John sagt: »Sei gegrüßt in Seim Wort.«

»Sein Wort bleibt«, hofier ich ihn. Dann nick ich zum Glasbrock.