Icelands - K. C. Wiefelspütz - E-Book

Icelands E-Book

K. C. Wiefelspütz

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Beschreibung

"Zeigt mein Kind Anzeichen einer Begabung? Verschwinden neuerdings immer wieder kleine Gegenstände in seiner Umgebung? Kann es fliegen? Dinge mit Gedankenkraft bewegen? Herzlichen Glückwunsch! Ihr Kind ist begabt! Melden Sie es noch heute auf dem Icelands an, um sich in seinen Fähigkeiten ausbilden zu lassen! Ab dem 14. Lebensjahr ist hier jeder willkommen, sei es nun ein Feuerelementarist oder ein Telekinet. Wir vom Icelands versprechen jeden jungen Begabten zu lehren seine Kräfte in sicherer Umgebung für die Gesellschaft einzusetzen." Der Prospekt des "Icelands" war voll mit Fragen und Antworten rund um Begabungen, die Unterkunft der Kinder und den Lehrmethoden des Internats. Seit der großen Krise 2015 war es Pflicht für sämtliche Begabte sich im Umgang mit ihren Kräften ausbilden zu lassen, um ein sicheres Zusammenleben zwischen Begabten und Nicht-Begabten Menschen zu gewährleisten. Die ersten 14 Jahre ihres Lebens glaubte Mona Koch, ein ganz normaler Mensch zu sein, bis eines Tages bei einem Familienausflug ihre Kraft aus ihr heraus brach. Plötzlich war sie nicht mehr einfach nur die stille Einzelgängerin ihrer Schule, sondern ein Freak, eine Laune der Natur, die in der Lage war, Dinge einzufrieren, wo sie doch Kälte so sehr hasste. Mona lässt sich jedoch nicht unterkriegen und versucht an der neuen Schule Anschluss, ja vielleicht sogar Freunde zu finden, doch dieses Unterfangen stellt sich als ausgesprochen schwierig heraus.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 277

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Icelands

der Anfang

von K.C.Wiefelspütz

Für Nina und Ulrike, ohne die dieses Buch nie entstanden wäre,

Für Norman, für das großartige Cover.

Und für alle meine Freunde, die mit Rat, Tat, Kaffee und Rotstift dabei waren.

VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE

Hallo liebe Leser:innen, Fans und Kritiker:innen!

Danke, dass ihr mein Buch gekauft habt — oder euch zumindest die Vorschau anschaut. Es ist jetzt sieben Jahre her, dass die erste Version dieses Buchs erschienen ist, ist denn das zu glauben?

Und Band zwei ist gerade auch unterwegs in die Weiten des Internets!

Die zweite Auflage dieses eBooks beinhaltet ein paar kleinere Korrekturen — nichts Inhaltliches, nur ein paar Fehler, die sich eingeschlichen haben wurden korrigiert und die Formatierung wurde ebenfalls angepasst.

Ein Buch zu schreiben, oder gar eine ganze Reihe, ist viel anstrengender, aber auch schöner, als ich es mir vorgestellt habe. Ich bin froh darüber, diesen Weg eingeschlagen zu haben! Ich habe viel gelernt, das ich hoffentlich in meinen nächsten Büchern anwenden kann.

Aber genug der Vorrede, viel Freude beim Lesen!— Kim

PROLOG

Das erste Auftauchen der Homo Extraordines lässt sich nicht exakt datieren, jedoch wird allgemein der 1. Juli 1969 als der »Tag des Erwachens« angenommen. Für unsere Untersuchungen haben sich einige freiwillige Probanden in den Laboren eingefunden und sich untersuchen lassen. Ihnen war durchweg gemein, dass sie über genau eine Begabung verfügten, die von den gewöhnlichen Fähigkeiten eines Menschen in höchstem Maß abweichen.

Die am häufigsten beobachtete Gabe, war eine Steigerung der körperlichen Fähigkeiten, wie z.B. besondere Stärke oder Schnelligkeit. Eine Probandin war in der Lage Gegenstände alleine durch Willenskraft durch die Luft schweben zu lassen. Jüngst wurde ein Fall bekannt, in dem ein junges Mädchen aus Seattle das Abbrennen ihres Elternhauses durch pure Willenskraft verhindert hat.

— Auszug aus der »Abhandlung über die Homo Extraordines — Beobachtungen, Experimente und Fakten« aus dem Jahre 1973, von Prof. Dr. Bewert, Cambridge

»Ich sag’s euch! Der Typ ist vom Dach gesprungen, wollt sich umbringen oder so. Aber nicht mit meinem Nachbarn! Der kam auf einmal um die Ecke, sieht den Kerl fallen und fliegt nur so durch die Luft, schnappt den Typen und fliegt mit ihm davon. Alter, voll krass!«

— aufgeregter Passant, Miami 1983

»Es kann nicht sein, dass wir in ständiger Angst vor Übergriffen leben müssen! Erst gestern hat einer dieser Elementaristen wieder ein Haus nieder gebrannt. So kann es nicht weiter gehen, diese ‘Begabten’ müssen nach strengen Auflagen leben und nicht frei unter uns. Wir müssen endlich handeln und nicht nur reden!«

— Web Blog der G.E.M., 2015 kurz vor der zweiten großen Krise

KAPITEL 1 — EINE REISE

Das Haus der Familie Koch war schon von weitem gut erkennbar. Es lag etwas außerhalb der Stadt auf einem Hügel, umringt von Bäumen und einer kunstvoll gehauenen Steinmauer. Eine lange Auffahrt schlängelte sich hinauf, führte durch ein gusseisernes Tor, durch den liebevoll gepflegten Garten, bis hin zu der marmornen Treppe. Eine filigran verzierte Eingangstür hieß schließlich die Besucher willkommen. Für gewöhnlich lag das Anwesen friedlich da, doch heute herrschten Aufregung, Hektik, Lärm und Geschrei. Ein Junge weinte.

»Mona soll nich’ gehen«, nuschelte der Siebenjährige, strampelte sich los und rannte hinüber zu Mona.

Mona, das war seine sieben Jahre ältere Schwester. Sie war für ihr Alter hoch gewachsen und zeigte auch keinerlei Ambitionen bald mit dem Wachsen aufzuhören. Im Gegensatz zu Léon, der mehr nach ihrer Mutter kam, war Mona sehr blass. Und anders als ihr Bruder war sie meistens beherrscht und ruhig, aber am heutigen Tag war das anders.

»Ich will das nicht anziehen!«

Mit vor der Brust verschränkten Armen starrte sie voller Abscheu auf das Kleidungsstück, das ihre Mutter ihr hinhielt.

»Schätzchen, grün ist trés chic und passt ‘ervorragend zu deinen Augen«, betonte ihre Mutter. »Außerdem ist es Pflicht an deiner neuen Schule.«

Mona war es egal, wie gut grün zu ihr passen würde. Sie trug nichts Buntes. Seit ihrem elften Lebensjahr hatte sie nur noch schwarze Kleidung getragen. Was dachte sich diese blöde neue Schule überhaupt, ihr vorschreiben zu wollen, was sie zu tragen hatte? »Cherié, bitte. Wir sin‘ spät dran.«

Mona warf ihr nur einen bösen Blick zu.

»Schick Mona nicht weg, Mama!«, flehte Léon und schmiegte sich an Monas Bein.

Mona reichte es. Genervt blies sie sich eine Strähne aus dem Gesicht und riss ihrer Mutter die Uniform aus der Hand.

»Man, ich geh nur auf ‘ne andere Schule. Hör auf so zu heulen, wie alt bist du, zwei?«, blaffte sie ihren Bruder an, wandte sich abrupt ab und stapfte auf ihr Zimmer. Auf dem Weg die Treppe hinauf hörte sie noch, wie ihre Mutter versuchte, ihren Bruder zu beruhigen.

Mona ließ die Tür zu ihrem Zimmer hinter sich ins Schloss fallen und lehnte sich dagegen. Missmutig betrachtete sie die Uniform in ihrer Hand, schloss die Augen und atmete tief durch. Es brachte nichts, sich wie ein kleines Kind zu benehmen. Immerhin war sie schon vierzehn! Und sie musste auf diese Schule, dieses Internat, gehen. Ob sie wollte, oder nicht. Vielleicht war der Schulwechsel ja sogar etwas Gutes, zwang sie sich zu denken. Immerhin wäre sie dann unter Leuten, die — wie hatte ihr Vater es genannt?

›Die genau so besonders sind wie du, mein Schatz.‹

»Besonders. Na klar«, flüsterte sie.

Aber vielleicht, ganz vielleicht, war es der Ort, an den sie passte. Vielleicht würde sie an dieser neuen Schule Freunde finden. Mona seufzte und ging zu ihrem Schreibtisch. Dort lag ihre Aufnahmebestätigung und ein mittlerweile stark zerlesenes Prospekt der Schule. Die Aufnahme war eine reine Formsache, Mona hatte gute Noten und ihre Eltern konnten die Schulgebühr problemlos bezahlen. Seit der großen Krise vor zehn Jahren war es zur Pflicht geworden, dass sich Begabte in der Verwendung ihrer Kräfte ausbilden ließen. Mona hatte von den Unruhen damals nichts mitbekommen, sie war noch zu klein gewesen, aber laut ihrem Vater und ihrer großen Schwester war es wohl eine schlimme Zeit. Sie legte die Kleidung über den Stuhl und betrachtete das Prospekt. Abgebildet war ein Schloss auf einem Berg, in der rechten unteren Ecke war ein stilisierter Vogel zu sehen. In geschwungenen Lettern prangte zentral der Name der Schule:

»Icelands«

Allein schon der Name ließ Mona einen Schauer über den Rücken laufen. Die Schule lag weit im Norden, so weit nördlich, dass es schon fast nicht mehr Deutschland war. Der Gedanke so weit weg von zu Hause zu sein, ohne jemanden, den sie kannte, war beängstigend.

Mona fröstelte und vergrub sich tiefer in ihrem Pullover. Sie mochte die Kälte nicht und doch war sie ihr neuer, stetiger Begleiter. Ihr war seit einem Monat nicht mehr wirklich warm geworden. Nicht seit jenem Tag auf der Spree.

Einen Monat zuvor …

Es war ein sonniger Tag, Ende Juli. Die Sonne strahlte auf die Menschen hinab und ein warmer Windhauch strich über das Deck des Tour-Schiffes. Ganz Berlin war vollgestopft mit Touristen. Auch dieses Schiff stellte keine Ausnahme dar.

Mona seufzte und suchte mit den Augen nach ihren Eltern, während Léon neben ihr an der Reling stand und aufgeregt zwischen den Gitterstäben hindurch spähte.

»Hey, Mona! Schau mal da!«

In der Hoffnung, etwas Spannendes zu sehen, folgte Monas Blick dem ausgestreckten Finger ihres Bruders. Was ihn in Aufregung versetzte, war eine Horde alter Trabbis in allen möglichen Farben, die durch die Stadt fuhren.

»Die fahren da jeden Tag lang«, sagte sie gelangweilt und setzte ihre Suche fort. Jemand stieß unsanft gegen sie.

»Pass doch auf, wo du stehst«, schnauzte eine Frau sie an. Mona sah ihr fassungslos ins Gesicht und holte Luft, um ihr die Meinung zu sagen, aber Léon zupfte wie wild an ihrem T-Shirt. »Mona, Mona! Guck mal, ein Zeppelin!«

»Das ist schön, Léon«, presste sie hervor und drehte sich wieder um, um dieser Frau ein paar nicht so schöne Dinge zu sagen. Aber sie hatte sich schon, einer Dampfwalze gleich, durch die Menge gedrückt und war verschwunden. »Wegen solcher Leute mag ich diese Touren nicht«, murmelte sie, »wo sind nur die Anderen?«

Monas Eltern reisten wegen ihrer Arbeit viel und hatten selten Zeit für gemeinsame Familienausflüge. Ihre ältere Halbschwester war seit kurzem mit der Schule fertig und hatte einen Studienplatz weiter weg bekommen. Eigentlich hatten sie heute eine gemeinsame Bootstour machen wollen, aber kurz, nachdem sie an Bord gegangen waren, hatte Léon sich unbemerkt auf Erkundungstour gemacht. Mona hatte ihn gefunden, aber dafür den Rest der Gruppe aus den Augen verloren.

Léon schien es zu genießen mit seiner großen Schwester alleine zu sein. Er zog sie hier hin und dort hin und wollte ihr alles zeigen. »Ich will nach vorne!«, quengelte Léon und zog an Monas Hand. Mona ließ sich ein Stück von ihm ziehen, dann blieb sie stehen.

»Vorne ist es zu voll«, sagte sie, »da kommen wir nicht durch.«

»Aber ich will da gucken!«, protestierte Léon und zog erneut an Mona.

»Wenn Papas Yacht wieder repariert ist, kannst du so viel vorn stehen und gucken, wie du möchtest.«

Mona blieb hart und Léons Unterlippe zitterte verdächtig.

»Bist du ein großer Junge?«, fragte Mona. Léon nickte zögerlich.

»Dann fang nicht an zu flennen. Ich krieg auch nicht immer meinen Willen und ich weine nicht.« Mona streckte sich, während Léon damit kämpfte nicht zu weinen. Ein Rettungsring weckte mit einem Mal seine Aufmerksamkeit.

»Guck mal, Mona! Wofür ist das?«

»Wenn jemand ins Wasser fällt, wirft man den rein, damit die Person sich daran festhalten kann.«

Léon bestaunte den großen, weißen Ring. Mona seufzte. Sie mochte ihren Bruder zwar, aber momentan ging er ihr gehörig auf die Nerven. In diesem Tempo würden sie ihre Eltern nie finden.

»Léon, ich habe eine Idee, wie ich Mama finde. Bleib du hier am Ring, ok? Ich bin gleich wieder da und komme dich holen.«

»Du kommst aber wieder?«

»Ja, ich komme wieder. Ich schau nur kurz nach, ob Mama da hinten ist, dann bin ich wieder da. Spiel du mit dem Ring.«

»Aber das ist langweilig, ich möchte bei dir bleiben!«

Mona sah ihren schönen Plan schwinden und die paar Minuten relative Einsamkeit, die sie sich erhofft hatte, rückten in weite Ferne.

»Hör zu, wir spielen ein Spiel, ok?«

»Au ja!«

»Gut. Du bist der Hüter des Schatzes«, sagte Mona und deutete auf den Ring.

»Habe ich ein Schwert?«, fragte Léon eifrig.

»Ja, du hast ein Schwert. Und eine Rüstung. Ich bin das böse fiese Monster, das deinen Schatz erbeuten möchte.«

»Du kommst nicht an mir vorbei, Monster!«, rief Léon aus. Er stellte sich beschützend vor den Ring und wedelte mit seinem nicht-existenten Schwert in ihre Richtung. Mona griff sich an die Brust und tat so als hätte sie schreckliche Schmerzen.

»Oh nein, du hast mich erwischt!«, stöhnte sie. »Ich werde mich fürchterlich rächen!«

Dabei ging sie zwei Schritte zurück.

»Du wirst schon sehen, warte nur ab! Ich werde trainieren und stärker werden, dann geht’s dir an den Kragen, Hüter des Rings!«

Ein Mann ging an ihr vorbei und Léon verschwand aus ihrem Blickfeld. Mona drehte sich um und ging davon. Alleine kam sie schneller durch die Menge. Jetzt blieb nur zu hoffen, dass sie ihre Eltern auch fand. Sie atmete tief durch.

»Ob es eine gute Idee war, Léon allein zu lassen?«, fragte sie sich und spähte zurück, konnte ihn aber nicht sehen, er war zu klein.

»Ach, was soll schon passieren, Léon ist alt genug. Außerdem muss er ja auf den Ring aufpassen«, murmelte sie, um ihr Gewissen zu beruhigen. Zu ihrem Missfallen fand Mona weder ihre Eltern noch ihre Schwester. Frustriert kehrte sie zu der Stelle zurück, an der sie Léon stehen gelassen hatte. Ihr Herzschlag setzte für einen Moment aus. Léon war nicht mehr an dem Ring.

Hektisch sah Mona sich um. Von ihrem kleinen Bruder keine Spur. Sie fluchte leise. Wo war er nur?

»Haben sie meinen Bruder gesehen? So groß, braune Haare, blaues T-Shirt?«, fragte sie einen Mann der in der Nähe stand. Aber er schüttelte nur den Kopf. Mona eilte weiter, quetschte sich durch die Menge. Sie schob sich zwischen zwei Personen hindurch und atmete auf, als sie ein blaues T-Shirt sah. Dann sah sie, wo es war.

»Léon, komm runter von der Reling!«, rief sie. Ihr kleiner Bruder zog sich gerade an der Reling hoch und schien einen Heidenspaß dabei zu haben. Das erste Beinchen schwang sich über das Metall.

Ein Mann in seiner Nähe schien das zu bemerken und ging mit erhobenem Zeigefinger auf ihn zu. Léon bemerkte ihn zu spät. Die nächsten Augenblicke sah Mona wie in Zeitlupe. Der Mann griff nach Léon. Léon erschrak. Riss einen Arm hoch. Eine kleine Hand traf in ein bärtiges Gesicht. Léon kippte zur Seite. Für einen Moment schien Léon in der Luft zu schweben, die Hände weit von sich gestreckt, als er dann mit einem lauten Schrei in die Tiefe stürzte.

Mona sprang nach vorne, sie prallte mit Wucht gegen die Reling, stürzte beinahe selbst hinunter. Ihre Finger krallten sich in das weiß lackierte Metall. Jemand schrie. Vielleicht war sie es selbst.

Hektisch ließ sie ihren Blick über das Wasser gleiten. Mona sah, dass Leute an die Reling strömten und aufgeregt hinunter deuteten. Sie sah, dass sie redeten, aber sie nahm die Worte nicht wahr. Wo war Léon? Wo war ihr kleiner Bruder? Verzweiflung machte sich in ihr breit und ein kribbelndes Gefühl brodelte in ihrer Brust. Dann durchbrach eine Hand die Wasseroberfläche und prustend tauchte Léon auf. Monas Herz begann wieder zu schlagen. Aber das kurze Glücksgefühl schwand, denn schon tauchte er wieder unter, strampelte verzweifelt. Der Knoten in Monas Brust war wieder da, ihre Finger gruben sich tiefer in den Lack. Plötzlich war ihr ganz kalt. In hohem Bogen flog ein Rettungsring ins Wasser. Mona sah wie Léon danach griff, aber der Ring glitt ihm aus den Fingern und plötzlich wurde er unter Wasser gezogen.

»Die Schiffsschraube! Der Sog ist zu stark! Anhalten!«, rief jemand. Mona wurde eiskalt. Über den Lärm, den die Menschen machten, hörte Mona eine Stimme ganz deutlich. Auch, wenn es unmöglich war. Sie hörte Léons Stimme, die verzweifelt rief: »Mona, hilf mir!«

Der Knoten in ihr löste sich, das kribbelnde Gefühl aus ihrer Brust breitete sich über ihren ganzen Körper aus. Ihre Muskeln spannten sich an und mit einem Mal wurde es um sie herum still. Still und kalt. Wie in Zeitlupe sah sie Menschen auf das Wasser deuten, Menschen am Ufer hin und her rennen, als plötzlich eine Eisscholle durch die Wasseroberfläche brach. Sie sah Menschen entgeistert die Münder aufreißen, aber ihre Konzentration galt einzig und allein dem Eis. Sie nahm kaum wahr, dass sie jemand packte und sofort wieder losließ. Wichtig war nur das Eis dort unten. Sie musste Léon helfen. Nur das zählte.

Eine weitere Eisscholle brach durch die Wasseroberfläche. Das Schiff durchfuhr ein heftiger Ruck und von irgendwo, ganz weit weg, drang ein unglaublich lautes Knirschen an Monas Ohren. Auf der dritten Eisscholle dann, sah sie Léon liegen. Direkt neben dem Rettungsring. Ein zufriedenes Lächeln umspielte Monas Lippen, als sie erschöpft zusammen brach.

Das Prospekt in Monas Hand zitterte. Nach dieser Sache war sie im Krankenhaus aufgewacht. Sie wusste nicht, was schlimmer war: die Reporter, die sie interviewen wollten, die Mitglieder von G.E.M, die verlangten, dass man sie wegsperrte, oder die Bootsgesellschaft, die Mona anzeigen wollten, weil sie das Schiff zerstört hatte. Sie schüttelte den Kopf und versuchte nicht weiter darüber nach zu denken. Von unten drang die Stimme ihrer Mutter hinauf, die zur Eile mahnte. Mona schlüpfte voller Widerwillen in den grünen Schulpullunder, zögerte kurz und zog sich schließlich auch den grauen Faltenrock an, der zu der Uniform gehörte. Dann schnappte sie sich ihre Umhängetasche und ihren Rucksack, trat hinaus auf den Flur und warf noch einen letzten Blick auf ihr Zimmer. Frühestens Weihnachten würde sie wieder in ihr Reich zurückkehren können. Wenn ihre Eltern dann nicht wieder auf Geschäftsreise waren.

»Endlich, Cherié. Komm.«

Ihre Mutter erwartete sie bereits am Fuß der Treppe. Von Léon war keine Spur zu sehen.

»Du siehst bezaubernd aus, ‘erzchen«, sagte sie lächelnd. Mona verzichtete darauf, etwas zu erwidern. Sie gingen raschen Schrittes zur Garage, während Monas Mutter ihr wieder und wieder versicherte, wie leid es ihrem Vater tat, dass er heute nicht hier sein konnte. »Ja ja, ich weiß. Er ist auf Geschäftsreise«, seufzte Mona. »Du musst mir nicht alles fünf Mal erzählen, Mama.«

Damit stieg sie auf den Beifahrersitz, ihre Mutter setzte sich ans Steuer und das Auto rollte langsam die Auffahrt hinunter. Mona blickte mit einem Kloß in der Kehle zum Haus zurück, dann blickte sie schnell wieder nach vorne. Sie war schon fast erwachsen, sie würde nicht weinen.

Die Fahrt verlief schweigsam. Mona sah aus dem Fenster und sah der Landschaft beim Verschwimmen zu, als sie über die Schnellstraße in Richtung Stadt fuhren. Im Radio sprach ein Sprecher von G.E.M über Begabte aus. » … Gefährlich und beängstigend. Kein Mensch sollte solche Kräfte —« Monas Mutter wechselte den Sender.

»Mama?«, fragte Mona und beobachtete ihre Mutter aus dem Augenwinkel. Sie sah fast so aus wie immer, aber kleine Details verrieten sie. Ihre Frisur saß schief und ihre sonst so fröhlichen Augen glänzen verdächtig.

»Was ist los, mein Spatz?«

»Denkst du ich, bin ein Freak?«

Ein heftiger Ruck ging durch den Wagen, als ihre Mutter hektisch einen Zusammenstoß mit dem Vordermann zu vermeiden versuchte.

»Was?«, fragte sie erschrocken. »Nein, Cherié! Wieso sollte ich?«

Mona sah auf ihre Hände.

»Die kleine Heulboje hat doch Recht, oder? Ihr schickt mich weg, weil ich … weil ich ein Freak bin.«

»Aber nein, Cherié! So etwas darfst du nicht sagen!«

Mona beobachtete ihre Mutter, die ihr immer wieder einen Blick zu warf, während sie sich auf die Straße konzentrierte.

»Du bist immer noch du. Du ‘ast nur eine neue Begabung, eine weitere Art zu glänzen.«

»Aber warum so weit weg? Ich hätte auch auf eine Schule in der Nähe gekonnt.«

Ihre Mutter setzte den Blinker und fuhr die Abfahrt hinunter. Unten mussten sie an einer Ampel stehen bleiben und Mona wurde in eine sanfte, unbequeme Umarmung gezogen. Ihre Mutter drückte ihr einen Kuss auf die Wange.

»Mein Liebling, dein Vater und ich, wir lieben dich. Das Icelands zählt zu den besten Schulen Deutschlands, deswegen — und nur deswegen — schicken wir dich dort ‘in. Wir wollen nur dein Bestes, das weißt du doch.«

Hinter ihnen hupte jemand, die Ampel zeigte grün. Ihre Mutter warf dem Fahrer ein paar hässliche Beleidigungen auf Französisch zu, weil er sie unterbrochen hatte. Sie brachten Mona, trotz ihrer Stimmung, zum Schmunzeln. Monas Mutter setzte den Wagen wieder in Bewegung. »Die Abgänger des Icelands kriegen später häufig gute Positionen«, erzählte ihre Mutter, als sie abbogen. »Militär, Politik, Wissenschaft. Alles steht dir offen!« Das Auto fuhr nun durch die Stadt. Der Verkehr floss zäh dahin und gab Mona Zeit, all die normalen Menschen auf der Straße zu beobachten.

»Ich will das alles nicht«, murmelte sie gegen das Glas. Alles, was sie im Moment wollte, war Ruhe und ein normales Leben. Nicht diese Kraft, die sie zu einem größeren Außenseiter machte, als sie eh schon war. Nicht diese Schule, die so weit weg von allem brachte, was sie kannte. Sie wusste, dass ihre Eltern sie liebten. Sie glaubte ihrer Mutter, dass sie sie nicht wegschickten, weil sie Angst vor ihr hatten. Sie wusste, dass ihr Bruder sie vergötterte. Sie wusste ja, dass sich hinter dem beißenden Spott ihrer Schwester eigentlich nur Zuneigung versteckte. Warum fühlte sie sich dann wie der einsamste Mensch der Erde?

»Ich hasse Gefühle«, flüsterte sie gegen die Scheibe.

»Pardon, Cherié?«

»Nichts, Mama.«

Sie näherten sich dem Bahnhof.

»‘ast du dein Ticket?«

Mona war sich sicher es eingepackt zu haben, zog es aber, um sich und ihre Mutter zu beruhigen, noch einmal aus dem Rucksack. Sie fuhren den Parkplatz an und hievten den Koffer gemeinsam aus dem Auto. Dann machten sie sich daran das Gleis zu suchen.

Der Bahnhof war riesig und es waren Unmengen von Menschen unterwegs. Ein paar Punks hingen vor dem Haupteingang rum und schnorrten die Passanten an, Männer und Frauen in Anzügen trugen hektisch Aktentaschen durch die Gegend, eine Grundschulklasse war auf einem Ausflug, Polizisten gingen Streife und sorgten für Ordnung. Mona sah auf die Anschlagtafel, suchte ihren Zug und glich dann die Zeit mit ihrer Armbanduhr ab. Sie hatten noch mehr als zwanzig Minuten bis zur Abfahrt. Das Gleis befand sich direkt in der Nähe des Eingangs.

»Mama?«, fragte sie. »Wieso hast du mich eigentlich so gehetzt?«

Aber sie kannte die Antwort bereits. Ihre Mutter brauchte stets lange, um sich zu verabschieden, und nichts war schlimmer für sie als ein gehetztes Lebewohl. Als die beiden weiter in den Bahnhof hinein gingen, sah er für Mona anders aus als sonst. Sie war häufiger hier, aber nie hatte sie ihn so bewusst wahrgenommen wie heute. Ein Kloß saß in ihrer Kehle und ihr Körper fühlte sich taub an, bei dem Gedanken bald in einen dieser Züge steigen zu müssen. Mona straffte die Schultern und gab sich Mühe nicht zu zeigen, wie sie sich fühlte.

Sie kauften in einer Bäckerei Croissants, Kaffee für ihre Mutter und einen Kakao für Mona. Mona fehlte der Appetit, aber ihre Mutter drängte sie sanft dazu, etwas zu essen.

»Ich weiß, es ist schwer, zu reisen, und man ‘at einfach keinen Appetit. Vertrau mir, iss wenigstens ein bisschen.«

Mona fügte sich und aß langsam.

Es wurde Zeit zum Gleis zu gehen. Der Zug stand bereits dort, spuckte Menschen aus und verschluckte Andere. Weiter hinten auf dem Gleis konnte Mona Jugendliche ausmachen, die ebenfalls die Uniform des Icelands trugen.

»Also, mon Cherié«, verfiel ihre Mutter ins Französische. »Pass gut auf dich auf. Wenn irgendetwas ist, schreib uns oder ruf an.«

Sie drückte Mona an sich. Ein paar Tränen rollten über ihre Wangen und tropften auf Monas Schultern.

»Du weißt ja, du kannst mir immer schreiben. Auch wenn du ‘eimweh ‘ast. Ich weiß noch, wie das war, als ich das erste Mal von zu ‘ause fort war.«

Sie bedeckte Mona mit Küssen. Mona war es unangenehm, gerade hier wo alle es sehen konnten, aber sie ließ ihre Mutter gewähren. Und auch, wenn sie es ungern zugab: Sie wollte nicht, dass sie sie losließ. Sie hatten sich schon öfter voneinander verabschiedet, aber nie war es Mona gewesen, die für längere Zeit wegfuhr. Das Gefühl war neu und ungewohnt. Mona mochte es nicht. Sie fühlte sich krank.

»Damals ‘atte ich aber deinen Vater dabei, das war also-.«

»Mama, ich muss langsam einsteigen«, bemerkte Mona. Sie hasste sich dafür, dass sie ihre Mutter dazu brachte, loszulassen. Aber wenn sie nicht bald einstieg, würde der Zug ohne sie fahren. Ihrer Mutter schoss die Röte in die Wangen und ließ sie noch jünger und hübscher aussehen.

»Natürlich, natürlich«, sagte sie abwesend, fuhr sich mit den Fingern über die Augenränder und winkte dann einen Zugbegleiter herbei.

»Entschuldigung, könnten Sie meiner Tochter ‘elfen, den Koffer in den Zug zu tragen und sie zu ihrem Platz bringen?«

»Das kann ich auch selber«, murrte Mona, aber der Mann lächelte nur freundlich und nickte. »Versprichst du mir, dich zu melden, ‘eute Abend?«

»Ja, Mama.«

Dann war es auch schon so weit. Der Zugbegleiter ließ seine Pfeife schrillen und hob Monas Koffer in den Wagen. Mona bekam einen letzten Kuss von ihrer Mutter und stieg dann in den abfahrbereiten Zug. Die Tür schloss sich hinter ihr. Mona drehte sich doch noch einmal zu ihrer Mutter um. Eigentlich wollte sie es nicht. Sie wollte ihre Mutter nicht weinen sehen. Aber sie konnte nicht anders. Mona spürte Tränen in den Augen. Ärgerlich blinzelte sie dagegen an, zwang sich zu einem Lächeln und winkte. Dann fuhr der Zug los und ihre Mutter verschwand aus ihrem Sichtfeld.

»Junge Dame? Komm, ich denke, du solltest zu deinem Sitz.«

Mona wandte sich von der Tür ab und folgte dem Mann in ein Abteil, in dem ungefähr die Hälfte der Sitze mit Geschäftsleuten besetzt waren.

»Das Icelands ist ‘ne gute Schule. Meine Schwester ist auch eine Begabte, die war auch da.«

Mona wusste nicht, was sie darauf antworten sollte, also nickte sie nur. Er lächelte und verstaute ihren Koffer in der Ablage über ihrem Sitz. Dann ließ er sie alleine. Mona setzte sich auf ihren Platz, legte den Rucksack neben sich und starrte aus dem Fenster. Die Reaktion des Zugbegleiters war harmlos gewesen. Andere Leute hatten nicht so reagiert. Von Angst, über Ablehnung bis zu verbalen Angriffen war alles dabei, wenn jemand herausfand, dass sie eine Begabte war. Im Krankenhaus hatte sich eine Krankenschwester geweigert, ihr das Essen zu bringen, Mona hatte sie mit der Oberschwester streiten hören. Schließlich hatte die Krankenschwester ihr doch das Essen gebracht, sie aber keines Blickes gewürdigt, nicht gefragt, wie es ihr ginge, und war fluchtartig aus dem Raum verschwunden. Mona verscheuchte den Gedanken daran.

Mona war froh darüber, dass man ihr ihre Kraft nicht ansah, denn sonst wäre sie sicherlich häufiger Opfer verbaler Angriffe. Die meisten Menschen wagten es nicht, Begabten zu nahe zu kommen, aber ihnen von der anderen Straßenseite aus Schimpfworte an den Kopf zu werfen, das trauten sie sich. »Freak« und »Monster« waren noch die harmlosesten.

Die Medien machten die Situation nicht besser. In letzter Zeit gab es im Fernsehen ständig Berichte über normale Menschen, die von den Begabten angegriffen wurden oder anders herum.

Sogar Mona hatte es ins Fernsehen geschafft, auch, wenn der Nachrichtensender die Zerstörung des Schiffes in den Vordergrund gerückt hatte. Die Rettung Léons war nur in einem kurzen Nebensatz erwähnt worden, danach hatte der Sender ein Interview mit jemandem von G.E.M gezeigt. Seitdem sah Mona nicht mehr fern.

Die Zugfahrt war lang und schon bald bereute Mona, ihren MP3-Player auf dem Nachttisch liegen gelassen zu haben. Sie lenkte sich eine Weile damit ab, die Landschaft zu beobachten, aber das wurde ihr schnell langweilig. Ihre Bücher waren tief im Koffer vergraben und die Bordmagazine waren alle für Erwachsen. Sie behandelten hauptsächlich wirtschaftliche Themen, die Mona wenig interessierten. Außerdem brachte ihr die aktuelle Wirtschaftslage im Exil nichts. Sie schnaubte. Gegen Mittag schob ein Imbissverkäufer einen kleinen Wagen mit Kaffee durch das Abteil und wies darauf hin, dass der Speisewagen nun geöffnet sei. Als er Mona sah, hob er eine Augenbraue und rümpfte die Nase. Mona sah ihm trotzig in die Augen. Jemand weiter hinten im Abteil verlangte nach Kaffee und der Verkäufer schob seinen Wagen weiter.

»Verfluchtes Frim«, presste er zwischen den Zähnen hervor.

Mona sah ihm fassungslos hinterher. Frim war ein Kunstwort, das seit neustem die Runde machte und benutzt wurde, um abfällig über Begabte zu sprechen.

Sie biss sich auf die Unterlippe und ließ sich in ihren Sitz zurückfallen, vergrub sich so tief darin, wie es nur ging. Sie war ein Freak, ein Monster, eine Laune der Natur. Sie betrachtete ihre Hände. Sie sahen so aus, wie immer, nur, dass sie nun zitterten. Mona schloss die Augen und wünschte sich weit weg. In ein anderes Leben vielleicht. Während der restlichen Fahrt stiegen noch ein paar weitere Schüler dazu, vor und hinter Mona saßen kleinere Grüppchen, die sich schon länger zu kennen schienen. Sie unterhielten sich, machten Scherze oder spielten Spiele, während der Zug sich unaufhaltsam ihrem Ziel näherte.

Die Sonne stand schon tief, als die Stimme des Zugführers stark verzerrt durch die Lautsprecher dröhnte. Die Anlage war kaputt und knarzte, sodass man kein Wort von dem verstand, was der Zugführer sagte. Die anderen Schüler um sie herum gerieten in Bewegung. Mona stand ebenfalls auf, knackte mit den Fingerknöcheln und dem Nacken. Vom langen Sitzen tat ihr alles weh. Während sie ihren Rucksack aufsetzte, überlegte sie, wie sie ihren Koffer von der Ablage bekommen sollte, ohne dabei unter dessen Gewicht zusammenzubrechen.

»Brauchst du Hilfe?«, fragte jemand.

Mona drehte sich zum Sprecher um. Es war ein älterer Junge. Ohne eine Antwort abzuwarten, trat ein konzentrierter Ausdruck auf sein Gesicht und seine blauen Augen wurden dunkler, fast schwarz. Langsam begann ihr Koffer sich zu bewegen, schwebte aus der Ablage und landete sanft neben ihr.

»Da, bitte«, sagte er stolz. Seine Augenfarbe war wieder ein normales, blasses Blau.

»Wahnsinn, du lernst das schon vier Jahre und kannst endlich einen Koffer levitieren! Das ist ja so beeindruckend!«, höhnte ein Mädchen in seinem Alter.

Mona schnappte sich ihren Koffer, murmelte ein kurzes »Danke« und zerrte ihn am Griff zur Tür. Hinter sich hörte sie wie die beiden sich angifteten und jemand Drittes zu schlichten versuchte. Die Abteiltür glitt auf und Mona schob sich in den Übergang zwischen den Waggons. Der Streit ging sie nichts an.

Aus dem Fenster sah sie wie sie über flaches, teilweise zerklüftetes, Land fuhren. Die tiefstehende Sonne tauchte es in lange Schatten. Der Zug wurde langsamer und die ersten Häuser zogen an ihnen vorbei. Ihre Dächer glitzerten im Sonnenlicht, Fenster blickten ihnen entgegen, manche waren blind, andere mit Vorhängen verhangen. Je tiefer sie in das Örtchen hinein fuhren, desto gepflegter wurden die Häuser. Mit einem Ruck kam der Zug zum Stehen.

Mona stieg als eine der Ersten aus und fand sich in dem kleinsten Ort wieder, den sie jemals gesehen hatte. Sie hatte gerade erfolgreich den Koffer aus dem Zug gehievt, als jemand gegen sie stieß.

»Hey, hör auf zu träumen.«

»Pass du doch auf, wo du hinläufst«, gab sie zurück und warf dem Jungen, der sie angerempelt hatte, einen eisigen Blick zu. Er war kaum älter als Mona, hatte kurze, braune Haare und ein breites Gesicht. Er setzte zu einer Antwort an, als ihm ein größeres Mädchen eine Kopfnuss gab.

»Komm schon Max, sonst kriegst du ‘nen schlechten Platz im Bus.«

Nicht ohne Mona noch einen letzten, zornigen Blick zuzuwerfen, folgte er dem Mädchen und rieb sich den Schädel. Mona erkannte sie: Es war diejenige, die sich über ihren Helfer lustig gemacht hatte. Mürrisch setzte Mona sich ebenfalls in Bewegung. Sie hatte keine Lust auf weitere Zusammenstöße und folgte der Masse zu mehreren blassroten Bussen, die schon auf die Schüler warteten.

Ihre Koffer wurden von den Fahrern im Laderaum verstaut. Mona ergatterte einen Platz ganz vorne, neben einem stillen Mädchen, das noch nicht einmal den Blick hob, als sie sich setzte.

Als der Bus gefüllt war, fuhren sie los und bildeten eine Schlange mit den anderen Bussen. Sie ließen das Örtchen hinter sich und fuhren durch ein kurzes Waldstück. Die Umgebung wurde schnell felsig. In langgezogenen, von Bäumen gesäumten, Serpentinen ging es einen Berg hinauf. Und dann, nach einer Biegung sah Mona im letzten Licht des Tages die Schule, die sie bisher nur von ihrem Prospekt kannte. Die Schüler um sie herum wurden still, alle sahen aus den Fenstern.

Hoch oben auf einer Klippe direkt am Meer gebaut, fernab der Zivilisation, erhob sich die Burg, die von nun an ihr neues Zuhause sein würde. Das Gebäude schien aus dem Felsen heraus zu wachsen und durch den Stand der Sonne wirkte es noch größer, als es ohnehin schon war. Türme bohrten sich in den Himmel, Zinnen sahen aufs Meer hinaus, eine Mauer schützte die Burg vor der Außenwelt. Es gab sogar einen ausgetrockneten Burggraben mitsamt Brücke. Rumpelnd fuhr der Bus über die Brücke, während Mona noch über den Sinn eines Burggrabens bei einer Burg auf einer Klippe nachdachte. Aber sie wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen, als sie das Schultor passierten.

Neben den Bussen, auf Fensterhöhe, tauchten plötzlich Gestalten auf. Kleine Kreaturen, die aussahen wie lilafarbene Bälle mit großen Augen und ledrigen Schwingen. Mona schnappte nach Luft. »Was ist das?«, fragte sie und sie war nicht die Einzige. »Das sind Wächter«, murmelte das Mädchen neben ihr, ohne aufzusehen. »Sie passen auf, dass wir nicht raus gehen, wenn wir nicht raus gehen sollen und, dass niemand rein kommt, der nicht rein soll.«

»Woher kommen sie?«, fragte Mona weiter, während eines der Wesen direkt neben ihrem Fenster schwebte und sie beobachtete. Mona wandte den Blick ab.

»Der Direktor kann sie rufen«, flüsterte das Mädchen, »er weiß immer, wo sie sind.«

Sie passierten die Wächter, die mit wachsamem Blick an ihnen vorbeischwebten, und rumpelten in den Innenhof. Mona war angekommen.

KAPITEL 2 — DIE ANKUNFT

Möwen flogen kreischend ihre Bahnen und als Mona aus dem Bus stieg, schlug ihr salzige Luft entgegen. Sie hörte das Meer gegen die Klippe branden. Mona sah sich um. Der Hof war breiter als zwei Fußballfelder und mindestens genau so lang. Die Schüler strömten aus den Bussen, die Fahrer kümmerten sich um das Gepäck und Mona reihte sich in den Schülerstrom ein.

Sie liefen eine breite, aus grobem Stein bestehende Treppe hinauf zu einer ausladenden Terrasse, an die der Bergfried angrenzte. Durch eine große, doppelflügelige Tür aus dunklem Holz kamen sie in eine halbrunde Eingangshalle, die mit Bannern geschmückt war. An den Wänden hingen Wandteppiche und altertümliche Fackelhalter, in denen elektrische Fackeln steckten, die die Halle in ein warmes Licht tauchten. Der Boden war aus dunklem, gut poliertem Stein.