Ich bin also im Gepäcksnetz gestorben - Hans Bednar - E-Book

Ich bin also im Gepäcksnetz gestorben E-Book

Hans Bednar

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Beschreibung

Ich bin also im Gepäcksnetz gestorben - Reisetagebücher aus den wilden Jahren. Reisen in den 1970iger Jahren, quer durch Nordamerika und nilaufwärts in den Sudan, eine Arbeitsbrigade im revolutionären Kuba, die Erlebnisse als Schilehrer und eine Wanderung in der Provence. Ein Zeitdokument, wie Jugendliche damals die Welt erobern: ins Blaue fahren, meist per Autostop, praktisch ohne Geld, naiv und zu jeder Dummheit aufgelegt. Die Welt ist offen und weit, man braucht nur den Daumen auszustrecken und kann in Länder fahren, die man nur vom Hörensagen kennt. Viele träumen von einer Revolution, auch einer sexuellen Revolution, und Mädchengeschichten spielen eine wichtige Rolle. Alle Texte sind in ihrer Originalversion wiedergegeben, illustriert mit Originalzeichnugen von den jeweiligen Reisen.

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Seitenzahl: 176

Veröffentlichungsjahr: 2021

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INHALT

Vorwort

Auf nach Amerika!

Den Nil hinauf

No somos turistas

Wintersport

Java

Momente

Provence

Aus einem Brief aus Kanyanga

Nachwort

VORWORT

Frühjahr 2020. Etwas in unserer Zeit noch nie Dagewesenes hält das Land, ja die ganze Welt in seinem Bann: eine Virusepidemie, die bei uns Corona-Krise genannt wird. Niemand soll das Haus verlassen, die Enkel sollen die Großeltern meiden, die Schulen sind geschlossen, wer kann, arbeitet zu Hause am Computer. Keine Flugzeuge am Himmel. Kein Reisen in die weite Welt.

Das ist der Moment, die Innenwelt meines Zimmers zu erforschen. Und so stoße ich auf alte Manuskripte, Text- und Bildskizzen, alte Tagebücher in exotische Schulhefte gekritzelt und und und. Je mehr ich krame und lese, desto mehr kippe ich in diese alte Welt.

Wie auf einem Flohmarkt finde ich unter einigem an Schund und Mittelmäßigkeit auch ein paar Kostbarkeiten, oder was ich dafür halte. Zu diesen Schätzen zählen die Reisetagebücher, die ich im Alter zwischen 19 und 31 Jahren geschrieben habe.

Zugegeben, die Texte, die ich damals geschrieben habe, sind keine literarischen Höhenflüge. Manches kommt mir heute platt vor, nach heutigem Dafürhalten unkorrekt. Aber die Erlebnisse selbst! So schlägt man sich nur durch die Welt, wenn man so jung ist. Einige der Manuskripte sind schon abgetippt, schon vor Langem wollte ich sie veröffentlichen. Sind sie das aus meiner heutigen Sicht wert? Wenn ja, so wie sie sind? Einiges ist gut erzählt, anderes im Dialekt, manches recht deftig. Sich so auszudrücken gehörte damals für unsereins dazu. Ich fürchte, meine Enkel werden für die Dialektpassagen einen Übersetzer brauchen, falls es dann noch Kundige gibt. Bei der jetzigen Bearbeitung der Tagebücher habe ich nichts Wesentliches geändert, zwar einiges weggelassen, aber kaum etwas hinzugefügt. Das sollen keine Memoiren sein, sondern eben Tagebücher.

Es war eine Zeit, in der für uns die Welt weit offen stand, wir waren davon überzeugt, dass sich die Welt zum Besseren drehen würde. Viele träumten von einer Revolution, und damit war für uns auch eine sexuelle Revolution gemeint. So ist Sex auch immer wieder ein Thema. Wir waren ja gerade in unseren Zwanzigern.

“Auf nach Amerika” beschreibt die Schiffsreise und den Autostopp-Alltag der Reise, die ich 1967 gemeinsam mit meinem Schulkollegen Christian im Anschluss an die Matura unternommen habe. Die Reisenotizen hören leider bald einmal auf, über den eigentlichen Höhepunkt der Reise - San Francisco im “summer of love” - ist leider kein Tagebuch erhalten.

Meine wohl dramatischste Reise führte mich vier Jahre später über die Levante und Ägypten in den Sudan, der gerade von einem Staatsstreich erschüttert wurde und auch damals schon Schauplatz eines Bürgerkriegs war. In meiner Naivität hatte ich von alldem zu Reisebeginn keine Ahnung. Ich hatte das Schuljahr zuvor als Austauschlehrer in England verbracht. Von dort aus hatte ich per Briefpost mit einem anderen Schulkollegen, Michl, vereinbart, dass wir uns an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit in Alexandria am Bahnhof treffen und dann nilaufwärts fahren wollen. Wir liefen einander aber schon in Beirut über den Weg, Michl hatte unerwarteterweise ein Mädchen mitgenommen, Vroni. Sie arbeitete schon als Lehrerin und musste die Reise in Khartoum abbrechen, Michl und ich fuhren zu zweit weiter und es war gar nicht einfach, wieder heil zurückzukommen.

1974 ergab sich die Möglichkeit, an einer Arbeitsbrigade in Kuba teilzunehmen. Wir erlebten das Land in einer Aufbruchsstimmung und waren begeistert.

Im Herbst dieses Jahres schloss ich mein Studium ab und hatte vor, bis zu meinem Arbeitsbeginn ein Jahr lang durch die Welt zu fahren. Ich hatte während des Studiums immer wieder als Schilehrer gearbeitet, diesmal blieb ich die ganze Wintersaison über in Saalbach. Gereist bin dabei nicht ich, stattdessen sind jede Woche neue Gäste – darunter auch Mädchen – ins Skidorf gekommen.

Mit meinem Freund Norbert, den ich von Kuba her kannte, flog ich im kommenden Sommer nach Indonesien. Norberts Schwager arbeitete zu dieser Zeit in Djakarta an der österreichischen Botschaft. Nach ein paar Tagen in dieser Umgebung fuhren wir auf eigene Faust durchs Land. In Lombok wohnte ich ca. eine Woche mit einigen einheimischen Burschen zusammen, die ein Taxi betrieben. In dieser Zeit sah ich keinen einzigen weißen Touristen in Lombok. Auf dieser Reise sind nur einige bruchstückhafte Impressionen entstanden. Damals bin ich schon mehr dazu übergegangen, meine Reiseeindrücke in Zeichnungen festzuhalten.

Unter die Reiseberichte habe ich an dieser Stelle ein paar kurze gereimte und ungereimte Texte gemischt. Eine kleine Auswahl von vielen Texten, in denen ich versuchte, Momente einzufangen. Und ein paar Kostproben meiner nicht-autobiographischen Kreativität. Diese Texte zeitlich einzuordnen wäre schwierig. Die meisten von ihnen fallen in dieselben Jahre wie die Tagebücher.

Bei der nächsten hier beschrieben Reise, einer Osterreise in die Provence, bin ich zu Fuß und per Autostopp durch das Land getingelt und habe alten Freundinnen Besuche abgestattet. Es ergibt sich ein Blick auf das Beziehungstohuwabohu dieser Zeit. Ich arbeitete damals schon seit vier Jahren als Lehrer, die Reise fiel in die Osterferien des Jahres 1979. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich schon am Herbst desselben Jahres in Montpellier ein weiteres Studium beginnen und zwei Jahre später statt als Doktor als frischgebackener Vater nach Österreich zurückkehren würde.

So gehen die wilden Jahre auch bald vorbei, die Reiselust nicht so schnell. In einem Brief aus Kanyanga erzähle ich von meinem Alltag als Landkartenzeichner in einem entlegenen Dorf in Sambia. Ich schrieb diesen Brief 1985 an meine damalige Freundin und heutige Frau Traude. In mehreren Folgejahren arbeitete ich jeweils im Sommer als Geograph bei Entwicklungshilfeprojekten mit.

Von etlichen Reisen gibt es keine Tagebücher. Eine davon möchte ich trotzdem hier erwähnen: 1968 lud mich wiederum ein Schulkollege, Franz Horner, zu einer Faltbootfahrt ein, die uns auf der Donau nach Bulgarien führen sollte. In Jugoslawien beschlossen wir, das Boot heimzuschicken und per Autostopp weiterzureisen. Franz wollte zu seiner Sneja nach Sofia, ich hatte keinen Plan und fuhr immer weiter, bis ich auf Umwegen über Griechenland und die Schwarzmeerküste in Persien landete. Dort drehte ich um. Von dieser Reise gibt es keine Texte oder Bilder, nur solche in meinem Kopf. Z.B eine Fahrt auf der Ladefläche eines kleinen Lastwagens, eingepfercht unter dutzenden Schafen, durch das großartig öde Anatolien. Franz ist Jahre später von einer Radtour in Tibet nicht mehr zurückgekommen.

Die Texte unterscheiden sich stark voneinander. Ich habe sie in ihrer zeitlichen Abfolge angeordnet. Zwischen 19 und 31 ändert sich viel, die Sprache, die Art der Erlebnisse, die Beziehungen und so stammt jedes Tagebuch aus einer anderen Welt. Auch die Illustrationen spiegeln diese Veränderung, sie sind weitgehend auf den jeweiligen Reisen entstanden, mit Ausnahme der Bilder zur Fahrt in den Sudan, die ich viel später gemalt habe.

Ich hoffe, dir liebe/r Leser/in, bereitet die Lektüre einiges Vergnügen.

Juni 2020

AUF NACH AMERIKA!

Per Autostopp über Paris nach Le Havre. Mit dem Schiff über den Atlantik. Einige Tage bei Freunden in New York. Besuch meiner Schwester in Traverse City, Michigan. Geldverdienen im Schlachthof und auf der Farm. Ein Abstecher nach Montreal, dann quer durch Kanada Richtung Vancouver.

Freitag, 16. Juni 1967

Wir sitzen (bzw. liegen) gerade in einem Feld in der Normandie. Wir hatten gar nicht vorgehabt, uns hier umzusehen, aber das Stoppen ging so gut, daß uns viel Zeit blieb. Am Montag kamen wir bis Baden-Baden. Unser Regenschirm, auf den wir LE HAVRE - NEW YORK geschrieben hatten, wirkte vor allem auf Amerikaner. Auch in Karlsruhe ging es verhältnismäßig schnell weiter. Wenn es regnete, saßen wir immer in Autos. Gegen Abend wurde es schön. In Baden - Baden kontrollierte uns die Polizei, blieb aber harmlos. Wir schliefen in der Nähe der Autobahn in einem Föhrenjungwald.

Dienstag, 13.6., hatten wir Glück und Pech. Zuerst nahm uns jemand direkt bis Strasbourg mit‚ dort standen wir 2 1/2 Stunden, wurden durch die Stadt geführt und erwischten ohne Warten ein Auto bis La Houguette. Dort warteten wir geschlagene 4 Stunden, dafür ging es dann bis Paris.

Am Bahnhof am Montparnasse lassen wir das Gepäck (4 Franc). Wir durchstreifen in dieser Nacht das Quartier Latin und verlieren uns am Boulevard Saint Michel aus den Augen. Ich trinke ein Bier, lerne eine Deutsche kennen und komme daher nicht mehr rechtzeitig zurück. Nach einer durchlaufenen Nacht - zum Schlafen ist es zu kalt - hole ich mir den Schlafsack und lege mich ans Seine-Ufer. Nach 3 Stunden verjagt mich die Polizei. Ich zigeunere mit meinem Schlafsack an der Seine umher und treffe in einem Park bei der Notre Dame Christian. Es war vorauszusehen, daß wir uns auf einer Bank an der Seine treffen würden, da wir beide sowohl Schlaf als auch Sonne nötig haben. Also schlafen wir jetzt gemeinsam in der Sonne.

Als es uns genügt, wollen wir Trine besuchen, die wir im Vorjahr kennengelernt haben. Auf der Suche nach der norwegischen Botschaft (sie arbeitet dort) kommen wir zu Fuß durch halb Paris. Vom Palais Luxembourg wandern wir bis zur Rue Pigalle. Die Botschaft finden wir nicht. Jeder nennt uns eine andere Adresse, wir werden von einer Straße in die andere geschickt (zum Teil auch, weil wir das Französisch wenig verstehen), bis wir darauf kommen, daß die Botschaft in ein anderes Viertel übersiedelt ist. Das gibt uns den Rest. Wir geben auf und setzen uns in ein Lokal. Dort trinken wir Milch. Je mehr wir trinken, desto größer wird der Durst. Seit Linz haben wir nur eine Flasche Orangeade gemeinsam getrunken (in 2 1/2 Tagen). Wir trinken alles, was wir bekommen: Milch, Wasser, Orangeade‚ Wein. Nach einigem Suchen finden wir die Jugendherberge. Dort machen wir Bekanntschaft mit drei Amerikanern, die uns nach Kalifornien einladen.

Am Abend streifen wir in der Gegend um den Place Pigalle umher. Um das letzte Geld kaufen wir eine Flasche Wein, eingelegte Heringe und Oliven. Ich schnorre dazu noch eine Handvoll Brot und dann kann es losgehen. Auf einer Bank sitzend lassen wir es uns gut gehen und unterhalten uns mit den Passanten (oder besser: auf Kosten der Passanten). Wir prosten allen zu und wollen die vorüberfahrenden Autos taufen (alle auf den Namen Fipsi). Ich glaube, wir sind die einzigen Touristen, die Paris feiern, ohne vom großen Touristennepp eingefangen zu werden. Wir machen uns unseren Spaß selber. Mit der halbvollen Flasche wandern wir weiter. Einem Clochard bieten wir einen Schluck Wein an, wir sind gleich gute Bekannte. Er meint, er hätte etwas für uns und packt ein paar Schuhe aus. Wir tauschen, er hat nun die Flasche und wir die Schuhe (Wir tragen sie noch heute, jeder einen, in unserem Rucksack mit. Sie sind gar nicht so schlecht, abgesehen davon, daß beide ein Loch haben). Jeder einen schwarzen und einen weißen Schuh an, laufen wir weiter. Mit unseren restlichen 20 Centimes wollen wir in ein Nachtlokal, können aber den Hinausschmeißer nicht dazu bewegen, uns hineinzulassen. Auch bei den Huren geht nichts um 20 Centimes. Die sind übrigens ganz hübsch in Paris, im Gegensatz zu Linz. Kurz vor Torschluß kommen wir in die Jugendherberge und schlafen uns dort endlich einmal aus.

Donnerstag, 15.6.

Wir beschließen, Paris zu verlassen. Es ist zu teuer, auch wenn man nichts ausgibt. Die Nacht hat 6 Franc gekostet. Wir gehen über den Montmartre (Sacré Coeur) zu einer Ausfahrtsstraße und kommen schnell weg. Unser Schiff nach New York fährt erst in fünf Tagen, wir haben also viel Zeit bis Le Havre. So betreiben wir das Stoppen nur nebenbei, wir lassen den Schirm für uns arbeiten. Wir selbst liegen in der Sonne oder sehen uns um Essen um. Neben unserem nächsten Warteplatz liegt ein Erbsenfeld. Erbsen allein werden auf die Dauer fad. Wir brauchen Brot, ich gehe daher zum nächsten Haus und frage. Die Frau gibt uns gleich eine ganze Stange, dazu ein Glas Marmelade und Käse. Das hebt unsere Stimmung noch mehr. Wir liegen auf einem Heuhaufen, essen, trinken und sonnen uns. Drei Autos (einer davon ist stehen geblieben, ohne daß wir stoppten) weisen wir ab, weil sie nur bis Pontoise fahren. Den vierten, auch nach Pontoise, nehmen wir. Von Pontoise kommen wir auch schnell weg, bis Richeville. Dort betreiben wir nur mehr Nobel-Stoppen. Wir stellen unser Zeug auf, legen uns in die Sonne, wenn ein Auto kommt, winken wir mit der Hand unter dem Schirm hervor.

Wir wollen eigentlich nicht mehr weiter. So gefällt es uns: kein Zeitdruck, schönes Wetter, kein Hunger. Eine Flasche Bier hätte uns noch gefehlt.

Die Umgebung ist recht hübsch. Nicht die Landschaft, aber die Dörfer mit den kleinen Fachwerkhäusern mit einem oft sehr gepflegten Hof. Viele Häuser sind mit Wein verwachsen und so wirken die Dörfer alt und verschlafen. Mir gefällt das richtig. Im Zentrum steht meist eine gotische oder normannische Dorfkirche.

Wir entschließen uns, von einem Dorf ins andere zu gondeln, bis wir in Le Havre ankommen. Christian will unbedingt ans Meer zum Baden. (Heute, Freitag, waren wir am Meer. Uns war sogar im dicken Walkjanker kalt.)

Während wir uns schon um eine Schlafstelle umsehen, klaubt uns eine sehr nette Lehrerin auf. Sie führt uns in ein anderes, genauso verschlafenes Dorf. Wir wollen unbedingt von ihr eingeladen werden (sie hat auch eine hübsche Tochter), so stoppen wir an einer möglichst ungünstigen Stelle und führen dabei noch recht ein Theater auf. Während wir singen und mit dem Hut wacheln, bleibt ein Autobus stehen und nimmt uns mit, bis 50 km vor Le Havre. Wir sind fest davon überzeugt, daß uns die Lehrerin eingeladen hätte, wenn wir noch länger gestanden wären. Einmal kam sie aus dem Haus, wir warteten auf die Einladung, sie aber sagte uns nur, daß wir sehr ungünstig stehen. Wir übernachten in Yvetot auf der Tribüne eines Fußballplatzes.

Freitag, 16. 6.

Dort schliefen wir sehr lange, bis uns ein Arbeiter aufweckte, der zu mähen anfing. Wir packten schnell zusammen, als wir fertig waren, sah er uns. Wir verflüchtigten uns, als ob nichts gewesen wäre, und stoppten direkt vor den Fußballplatz. Wieder nahm uns eine - diesmal junge - Lehrerin mit, die nach Fecamp fahren wollte. Wir änderten unseren Plan und stiegen ein. Sie zeigte uns die Stadt, ein richtiges Fischernest‚ in einer Bucht umrahmt von steilen Kreidefelsen. Der Wind blies kalt, die Wellen schlugen ans Ufer, alles zusammen rau und gewaltig. Es wäre sehr schön gewesen, dort zu bleiben, wenn das Wetter freundlicher wäre. Aber hier bläst es dauernd. Wir blieben daher der Lehrerin treu und gelangten so ins Landesinnere. Wo sie uns absetzte, machten wir es uns auf einem Strohhaufen gemütlich, kochten, schliefen und schreiben jetzt Tagebuch. Mit einem Wort: wir faulenzen. Soeben kam die Lehrerin mit ihren Schülern vorbei. Sie wurde ganz rot.

Samstag,17.6.

Gestern legten wir uns bald nieder und schliefen wieder lange (bis 9h) in unserem Strohhaufenquartier. Es wird hier ca. um eine Stunde später finster, das fällt mir erst jetzt auf. Weil es zu nieseln begann, brachen wir auf und stoppten von Goderville weiter nach Le Havre. Vor Le Havre fanden wir einen Heustadel, in dem wir bis Montag wohnen werden. Wir essen, schlafen und lesen den ganzen Tag. Linz kommt uns zeitlich schon recht weit weg vor. Trotzdem muß ich jetzt, da wir so viel Zeit haben, immer wieder an einige Dinge denken, die ich unerledigt ließ. So fiel mir heute ein, daß der Zaun nicht fertig geschnitten ist und es im Keller noch nach dem letzten Fest ausschaut (ich glaube es war das mit Christian, Evelyn, Inge und mir). Damals war die Sache mit Inge. Ich habe sie seither nicht gesehen.

Auf kurze Zeit habe ich jetzt das Schreiben unterbrochen. Wir haben uns gerade mit den Kühen, die hier weiden, und mit einem Hund unterhalten. Außerdem würfelten wir, wer Wasser holen müßte. Ich verlor, aber wir gingen beide. Außer dem Kochen und den Tieren gibt es keine Abwechslung. Wir freuen uns schon beide auf das Schiff, auf gutes Essen und Unterhaltung.

Mit dem Essen steht es jetzt sehr schlecht. Seit Paris haben wir kein französisches Geld mehr. Hier finden wir auch keine Möglichkeit zum Wechseln. Daher leben wir von unseren eigenen Vorräten: einmal täglich eine dicke Suppe, dazu naschen wir Traubenzucker und Schokolade. Abends trinken wir Tee und naschen wieder. Der Magen ist schon so klein, daß ich von einer Schüssel Suppe richtig satt werde. Da wir nur faul herumliegen, brauchen wir wenig Kalorien. Ohne jede Abwechslung wird das Faulenzen mit der Zeit fad. Außerdem wird die Kälte ungemütlich. Gestern hat es uns noch recht gefallen, das war die natürliche Reaktion auf die Erlebnisse in Paris. Jetzt aber schlagen wir nur mehr die Zeit tot. Ich bin schon gespannt auf die Überfahrt. Auf das Essen und das Waschen freue ich mich jedenfalls jetzt schon. Ich bin neugierig, ob in Le Havre Post für uns auf dem Postamt liegt. Wir werden zwar versuchen, noch vor der Überfahrt heimzuschreiben, aber ich bin mir nicht sicher, ob wir ohne Geld Briefmarken auftreiben werden. Bezüglich des Israelkonflikts wissen wir nichts Neues, es scheint sich aber nichts geändert zu haben, sonst hätten wir es in den Schlagzeilen gemerkt.

Sonntag‚ 18.6.

Wir schlafen (wieder einmal) lange und gehen dann zu Fuß die 9 Kilometer nach Le Havre. Bis wir den richtigen Quai finden, ist unsere Stimmung auf dem Nullpunkt. Alles wirkt wie ausgestorben, besonders im Hafen sieht es trostlos aus. Ich suche noch die Post, dann wollen wir zurückmarschieren. In einem Park lernen wir einen Studenten kennen, dem wir mit der Holzhammermethode eintrichtern, wie schlecht es uns geht. Er führt uns daraufhin zu seiner Mutter, und nach einigem Hin und Her werden wir zu einer Jause eingeladen (Kakao und Brot). Nachher führt uns der Student (er stammt aus Korsika) in der Stadt herum. Wir müssen die Zeit bis zum Abendessen überbrücken.

Das Abendessen:

1. Ei, Salat, Fisch

2. Huhn und Erbsen

3. Salat

4. Käse

5. Erdbeeren

Vorher trinken wir noch einen Aperitif, zu allem immer eine Menge Cidre (ein Mittelding zwischen Apfelsaft und Most, er schmeckt mir sehr gut). Nach den Essen habe ich Bauchweh. Mein Schrumpfmagen ist an solche Mengen nicht gewöhnt. Mir läuft heute noch das Wasser im Mund zusammen, wenn ich an dieses Essen denke. Die Franzosen verstehen zu essen!

Es war genau das Gleiche, als ich das erste Mal in Frankreich eingeladen wurde, vor zwei Jahren bei Cannes, damals hatte ich auch nachher Bauchweh. Christian muß jetzt die Unterhaltung allein weiterführen, ich bin k.o.. Im Fernsehen wird eine Reportage über den 2. Weltkrieg gezeigt (Tobruk). Es ist ein eigenartiges Gefühl, wenn wir daran denken, daß unsere Väter gegeneinander kämpften, wir aber jetzt friedlich miteinander speisen. Die Familie ist gegen die nationalistische Politik De Gaulles, die auch im Fernsehen ihren Niederschlag findet.

Gottseidank brechen wir bald auf. Sie geben uns noch Fahrkarten für den Autobus und begleiten uns zur Station. Um 11h kommen wir ins Heu.

Montag. 19.5.

Es wird am Morgen wieder spät, bevor wir dann nach Le Havre stoppen. Wir legen uns hier an den Strand. Christian wird von einem Mädchen geangelt, ich erledige einige organisatorische Sachen und hole die Post ab (2 Karten). Ich schreibe eine Karte heim, habe aber nur 10 Centimes für die Marke. Ich bin gespannt, ob die Karte ankommt.

Am Nachmittag besteigen wir das Schiff, das uns nach New York bringen soll. In der Kabine, die uns zugewiesen wurde, liegt schon ziemlich viel Gepäck und wir vermuten, in einem Raum gemeinsam mit Mädchen untergebracht zu sein. Es kommen aber immer mehr Burschen. Zum Schluß stellt sich heraus, daß der, den wir aufgrund seines Gepäcks für ein Mädchen gehalten haben, ein Libanese ist. Unsere Kabine: 5 Österreicher, 3 Amis, 1 Finne, 1 Libanese.

Dienstag, 20.6.

Wir wachen in Southampton auf. Untertags nichts Besonderes. Abends Tanz. Ich lerne ein Mädchen aus dem Iran kennen, Shuku. Hoffentlich...

Mittwoch, 21.6.

Wir wachen alle seekrank auf. Die Kastentüren in der Kabine gehen im Rhythmus auf und zu und mein Magen hebt und senkt sich. Zuerst glaube ich, ich sei der einzige, dem der Magen hochkommt. Aber an der Reling stellen sie sich schon an. Das Schiff gleicht immer mehr einem Lazarett. Überall liegen die Leichen herum, die übrigen sind auch alle bleich und sehen aus. als wollten sie die Fische füttern. Mir geht es verhältnismäßig gut. Das Frühstück ist innerhalb von fünf Minuten wieder heroben‚ dann aber bleibt es wieder erträglich. Mit dem Vorsatz „take it easy“ können wir die Situation überbrücken. Mir ist zwar den ganzen Tag schlecht, aber ich bin gut aufgelegt. Christian ebenfalls. Das Abendessen ist bis jetzt noch nicht heraufgekommen. Sonst ist nicht viel los. Nachmittags veranstalten wir ein Österreichertreffen (wir sind 20). Wir singen einige Volkslieder. Gesangsgenie findet sich keines unter uns. Morgen werden wir einige Lieder zum Besten geben. Hoffentlich gibt es heute Tanz.

Freitag, 30.6.

Wir sind jetzt den 2. Tag in New York. Über die restliche Fahrt schreibe ich nur zusammenfassend.