Ich bin Chris! - Sven Rühl - E-Book

Ich bin Chris! E-Book

Sven Rühl

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Beschreibung

Wie findet man den Mut, man selbst zu sein? Chris fühlt sich gefangen – in den Erwartungen anderer, in den Ängsten, die ihn nachts wachhalten, und in einer Welt, die ihn nicht so akzeptiert, wie er ist. Auf einer Party begegnet er Tobi, einem Jungen, der etwas in ihm verändert. Zum ersten Mal fühlt sich alles leicht an. Doch die Dämonen der Vergangenheit lassen sich nicht so einfach abschütteln. Während Chris mit seinen Gefühlen kämpft, zieht ihn die falsche Freundschaft mit Tom immer tiefer in einen Strudel aus Selbstzweifeln und Drogen. Zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit und der Angst vor Ablehnung beginnt für Chris eine Reise – eine, die ihn zu sich selbst führen könnte. Doch wie viel Schmerz muss er ertragen, bevor er endlich den Mut findet, für sich einzustehen? Eine Geschichte über Liebe, Freundschaft, Selbstfindung – Mobbing und Outing.

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EPUB
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Seitenzahl: 289

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Sven Rühl

Ich bin Chris!

Sven Rühl

ICH BINCHRIS!

Roman

edition fischer

im

R. G. Fischer verlag

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2025 by R. G. Fischer Verlag

Sontraer Str. 13, D-60386 Frankfurt/Main

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Schriftart: Times Ten

Herstellung: rgf/2A

ISBN 978-3-8301-9397-5 EPUB

Inhalt

Kapitel 1: Ich bin Chris!

Kapitel 2: Kiffen

Kapitel 3: Die Party

Kapitel 4: Schrecklich, schmerzhaft und unvergesslich

Kapitel 5: Der Klassenausflug

Kapitel 6: Osterferien

Kapitel 7: Der Abgrund

Kapitel 8: Koma

Kapitel 9: Rückkehr ins Leben

Kapitel 10: Vertrauen

Kapitel 11: Zwischen Angst und Mut

Kapitel 12: Pläne

Kapitel 13: Fußballspiel

Kapitel 14: Mut

Kapitel 1: Ich bin Chris!

Hi. Ich bin Chris. Offiziell heißt das wohl »Christian«, aber wer nennt mich schon so? Außer meine Mutter vielleicht, wenn sie sauer auf mich ist. Also Chris. Einfach nur Chris. 18 Jahre alt, Schüler, ehemaliger Klassensprecher, Katzenliebhaber und … na ja, schwul. Klingt irgendwie wie eine Checkliste, oder? Aber diese letzte Sache – dieses »schwul« – das ist der Teil, der sich immer wie ein Stempel anfühlt. Warum kann ich nicht einfach Chris sein, ohne dass dieses Wort alles überschattet?

Also gut, wo fange ich an? Ich bin ein ziemlich normaler Typ, denke ich. Ich liebe Hunde und Katzen, bin der Typ Mensch, der nicht an einem streunenden Tier vorbeigehen kann, ohne es für ein paar Minuten zu füttern. Vor zwei Jahren habe ich sogar mal eine streunende Katze mit nach Hause gebracht. Meine Mutter war nicht gerade begeistert. »Chris, wir können nicht jeden Vierbeiner aufnehmen, der dir leidtut!« Aber ich meine, wie hätte ich diese winzige, zitternde Katze einfach ignorieren können?

Neben meiner Tierliebe gibt es da noch meine Leidenschaft für Fasching. Klingt komisch, oder? Aber diese bunten Kostüme, die Musik, die Menschen … es ist wie eine andere Welt. Eine Welt, in der ich für einen Moment alles vergessen kann, was mich belastet. Ich kann jemand anderes sein. Oder vielleicht auch einfach mehr ich selbst? Die Schule war lange Zeit mein sicherer Hafen. Ich war Klassensprecher, sogar Stufensprecher. Verantwortung übernehmen, Leuten helfen – das hat mir immer gelegen. Aber das mit dem »sicheren Hafen« hat sich geändert. Seit ein paar Monaten ist alles … anders. Schwerer. Als ob ich in einer Welt leben würde, in der ich mich selbst verstecken muss, nur um nicht unterzugehen. Denn in der Schule weiß es niemand. Dass ich schwul bin, meine ich. Es wissen nur Jenny, meine beste Freundin, und Tom.

Tom. Er war … jemand Besonderes. Mein erster Freund. Er hat mich in eine Welt geführt, die sich am Anfang aufregend angefühlt hat – Partys, Freiheit, keine Regeln. Aber irgendwann hat es mich aufgefressen. Das Kiffen, die Leute, diese ständige Suche nach dem nächsten Kick. Ich habe alles verloren, was mir wichtig war. Jenny hat versucht, mich zurückzuholen, aber ich habe sie immer wieder weggestoßen. Doch irgendwann habe ich mich zusammengerissen, Tom hinter mir gelassen und versucht, wieder der alte Chris zu werden. Aber irgendwie fühle ich mich seitdem … leer.

Meine Familie? Oh, die ist liebevoll, keine Frage. Meine Mutter Tina ist die Art von Mutter, die bei jedem Schülerprojekt mit Herzblut dabei ist. Mein Vater Rolf ist ein wenig ruhiger, aber ich weiß, dass er mich liebt. Und dann ist da noch Alex, mein kleiner Bruder. Manchmal nervig, meistens chaotisch, aber irgendwie doch immer für einen da.

Aber sie wissen nichts. Nicht das Geringste. Weder von Tom noch davon, dass ich schwul bin. Ich stelle mir oft vor, wie es wäre, es ihnen zu sagen. Manchmal sehe ich in Gedanken ihren Gesichtsausdruck. Würden sie es verstehen? Oder würde ich in ihren Augen diese winzige Veränderung sehen – diese Enttäuschung, die sie niemals laut aussprechen würden?

Heute Morgen stand ich wieder vor dem Spiegel. Ich habe mich angesehen und versucht, diesen »Chris« zu erkennen, den alle zu kennen glauben. Der Chris, der lacht, der die lustigen Kommentare bringt, der immer für andere da ist. Aber manchmal frage ich mich, ob ich diesen Typen wirklich spiele oder ob ich wirklich – er – bin.

Eines weiß ich jedoch: Ich kann nicht ewig so weitermachen. Irgendwann werde ich aus diesem Netz aus Lügen ausbrechen müssen. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber irgendwann. Denn tief in mir drin will ich nicht nur »Chris, der schwule Junge« sein. Ich will einfach nur Chris sein. Und vielleicht – nur vielleicht – finde ich irgendwann jemanden, der mich genauso sieht.

Aber bis dahin, willkommen in meinem Leben! Es wird chaotisch sein, es wird schwierig sein und manchmal wird es wehtun. Aber ich verspreche dir, es wird auch Momente geben, die alles wert sind.

Kapitel 2: Kiffen

Jenny und ich saßen im Mathekurs wie immer nebeneinander. Jenny war gut in Mathe, ich hingegen hasste es. Zahlen hatten für mich etwas Unberechenbares, etwas Kaltes. Ich konnte nie einen Zugang zu ihnen finden. Sie hatte diese unglaubliche Fähigkeit, andere zu motivieren, selbst, wenn sie selbst am Verzweifeln war. Mathe war ihr Lieblingsfach, und sie sah es als Herausforderung, mir zu helfen, obwohl sie wusste, dass ich Zahlen hasste. Ich bewunderte ihre Geduld, ihren Optimismus und wie sehr sie sich bemühte, mich nicht aufzugeben, selbst wenn ich mich in meinen eigenen Gedanken verlor. Sie redete schon die ganze Zeit von der nächsten Klausur, die wir nächste Woche schreiben würden.

»Du musst einfach mehr üben, Chris«, flüsterte sie und stupste mich an. »Ich helfe dir auch dabei. Wir schaffen das!«

»Schon klar«, murmelte ich und kritzelte mit meinem Stift irgendwelche Strichmännchen in mein Heft. Ehrlich gesagt war Mathe das geringste meiner Probleme. Der Unterricht zog sich dahin, bis Jenny sich plötzlich zu mir beugte und grinsend flüsterte: »Hast du den Neuen gesehen?«

»Wen?«, fragte ich desinteressiert.

Sie deutete mit einem Nicken nach hinten. Ich drehte mich leicht um und sah ihn. Da saß er: groß, blond, blaue Augen, kurze Haare, ein breites, ansteckendes Lächeln und legere Kleidung. Seine Arme ließen erahnen, dass er regelmäßig Sport machte. Es war schwer, ihn nicht anzusehen.

»Du meinst ihn?«, flüsterte ich.

Jenny grinste noch breiter. »Ja, genau den. Tom heißt er, glaube ich. Er ist mir in den letzten Tagen aufgefallen. Sieht echt nicht schlecht aus. Findest du nicht auch?«

Bevor ich antworten konnte, setzte sich Lisa, Jennys beste Freundin, zu uns. »Worüber tuschelt ihr beiden denn da?« »Über Tom«, sagte Jenny und grinste mich schelmisch an. Lisa lachte. »Der sieht schon gut aus, oder? Und ist total freundlich. Gestern hat er einem Typen aus der Oberstufe geholfen, der seine Bücher fallen gelassen hat.« Sie schaute mich neugierig an. »Was sagst du, Chris? Findest du ihn auch nett?«

Mein Herz begann schneller zu schlagen. »Ich … keine Ahnung. Ich kenne ihn doch gar nicht.« Ich blickte wieder nach vorne, fühlte aber Jennys und Lisas Blicke auf mir.

Jenny stupste mich an. »Du bist ja ganz rot, Chris. Na los, gib’s zu: Du findest ihn interessant.«

Zum Glück schrillte in diesem Moment die Schulglocke. Ich stand hastig auf und warf mir meinen Rucksack über die Schulter. »Kommt, wir haben Schluss.«

Wir gingen zur Bushaltestelle, wo wir noch auf unseren Bus warten mussten. Jenny und Lisa quatschten weiter über Tom, während ich still danebenstand. Im Bus versuchte Jenny noch mehr aus mir herauszubekommen, aber ich blockte ab. »Chris, du kannst mir alles erzählen«, sagte sie sanft. Ich antwortete nur mit einem knappen Lächeln und stieg an meiner Haltestelle aus.

Zu Hause saß ich vor meinem Abendessen und dachte wieder an Tom. Sein Lächeln ging mir nicht aus dem Kopf. Es war … ansteckend. Ich wollte mehr über ihn wissen, aber gleichzeitig war da dieses Gefühl von Unsicherheit. Was, wenn er mich nicht leiden kann? Noch am selben Abend suchte ich ihn auf Social Media. Sein Instagram-Profil war öffentlich. Er postete viele Bilder mit seinem Hund Milo und er spielte Handball. Deswegen hat er so trainierte Arme. Oft war er im Pinewood Park zu sehen. So jemand wie er würde sich doch nie für jemanden wie mich interessieren, dachte ich.

Meine Gedanken über Tom ließen mich nicht mehr los. Ich würde ihn so gerne ansprechen! Aber warum sollte er mit mir sprechen? Es war schon spät, also ging ich schlafen. Als ich am nächsten Tag aufwachte, war ich völlig durcheinander. Tom hatte mich bis in meine Träume hinein verfolgt. Sein Lächeln ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich machte mich auf den Weg zur Schule. Wie immer startete der Freitag mit Mathe. Zwei Tage in Folge Mathe und ich hasste es jedes Mal! Ich saß allein im Matheunterricht, weil Jenny bei Lisa am Tisch einer Freundin saß. Ich starrte auf mein Heft und kritzelte wieder vor mich hin, als ich plötzlich eine tiefe Stimme vernahm.

»Hey, du bist doch Chris, oder?«

Ich sah auf und da stand er:Tom. Mein Herz hämmerte wie verrückt. »Äh … ja.«

Er setzte sich einfach neben mich. »Warum sitzt du alleine?«

»Jenny ist grade drüben bei Lisa und eigentlich ist sie meine Partnerin«, antwortete ich unsicher.

»Na, dann bin eben ich jetzt dein Partner, solange Jenny nicht da ist.« Er lächelte und zog seinen Stuhl heran. »Ich habe übrigens bemerkt, dass du mich öfter ansiehst.«

Mein Gesicht wurde knallrot. »Ich … ähm …«

Tom lachte leise. »Schon okay. Ich finde das irgendwie … na ja, süß.«

Mir stockte der Atem. Hat er das gerade wirklich gesagt? Er findet mich süß? Ich glaube, er will mich auf den Arm nehmen. Er begann, mir bei den Matheaufgaben zu helfen, und ich staunte, wie gut er erklären konnte. »Du hast das echt drauf«, murmelte ich.

»Mathe liegt mir einfach«, meinte er und zuckte lässig mit den Schultern. »Wenn du willst, kann ich dir nach der Schule ein bisschen helfen.«

Ich nickte zögernd. »Vielleicht. Mal sehen.« Meine Gedanken waren völlig durcheinander, ich konnte sie einfach nicht ordnen. Will er mir wirklich helfen oder verarschen mich die anderen wieder mal? Wieso sollte er mir helfen wollen? Ich bin doch nichts Besonderes.

Jenny kam wieder an meinen Tisch, weil unsere Lehrerin, Frau Müller, die Aufgaben besprechen wollte. Tom ging zurück an seinen Platz. »Bis dann, vielleicht überlegst du es dir ja noch mal.« Noch bevor Jenny Gelegenheit hatte, mit mir zu reden, nahm mich Frau Müller dran. Was ein Glück! Jenny schaut schon wieder so neugierig, was soll ich nur bloß sagen?!

In der Pause musste ich länger bleiben, weil Frau Müller mir noch etwas erklären wollte. Danach folgten zwei Stunden Sport und zwei Stunden Kunst. Diese Fächer habe ich bei anderen Lehrkräften als Jenny. Sonst hätte sie mich schon längst ausgefragt.

Jenny kam nach dem Unterricht sofort auf mich zu. »Hast du vorhin in Mathe mit Tom gesprochen?«

Ich nickte und spürte, wie ich wieder rot wurde. »Er hat mir bei einer Aufgabe geholfen. Er wollte, dass wir nach der Schule zusammen lernen.«

»Echt jetzt? Das musst du nutzen! Er wirkt nett, und gut in Mathe ist er auch. Lass dir das bloß nicht entgehen!«

Ich zuckte mit den Schultern und lächelte nur verlegen. Vielleicht treffe ich mich wirklich mit ihm, aber fürs Lernen? Ich kenne ihn ja kaum. Jenny war an diesem Wochenende bei ihrem Vater, also würde ich sie kaum sehen. Wir verabschiedeten uns, da ihr Vater sie direkt an der Schule abholte.

Noch im Bus schrieb mir Tom über Chatter: »Lust, heute im Park spazieren zu gehen?« Mein Herz machte einen Satz. Ohne groß nachzudenken, antwortete ich: »Ja, gerne.« Wir trafen uns am Nachmittag im Pinewood Park. Tom hatte seinen Hund mitgebracht, der ist so was von süß! Milo sprang fröhlich umher, während Tom und ich nebeneinanderher gingen. Die ersten Minuten schwiegen wir nur, es war beinahe unangenehm. Ich dachte schon, es wäre ein Fehler gewesen, mich mit Tom zu treffen, als er plötzlich fragte: »Magst du Handball?«

»Nicht wirklich«, antwortete ich ehrlich. »Mein Vater wollte immer, dass ich Handball spiele, aber ich habe absolut kein Talent für Sport. Ich zeichne lieber.«

Tom sah mich interessiert an. »Zeichnen? Was denn so?« »Tiere, Landschaften, manchmal auch einfach Dinge, die mir in den Kopf kommen. Beim Zeichnen kann ich die Welt um mich herum ausblenden.« Dass ich aktuell ein Bild von IHM zeichne, kann ich ihm nicht sagen. Das käme total komisch.

»Das klingt cool«, sagte Tom. »Ich wünschte, ich könnte so was.«

Wir unterhielten uns weiter über Schule und Hobbys. Ich fragte ihn direkt: »Wie schaffst du es, so fit zu sein? Das kommt doch nicht nur vom Handball.«

Tom lachte. »Ich achte einfach auf meine Ernährung. Viel Wasser, viel Obst und so was.«

Ich nickte. Er faszinierte mich immer mehr. Sein Handy klingelte. Seine Mutter fragte, wann er nach Hause kommen würde.

»Ich muss los«, sagte er und sah mich an. »Treffen wir uns morgen wieder?«

Mein Herz schlug wie wild. »Ja, gerne.«

Er grinste. »Cool. Dann bis morgen, Chris.« Als er ging, spürte ich, wie mir plötzlich etwas fehlte. Meint er das wirklich ernst? Warum sollte jemand wie er mit mir abhängen wollen? Und warum lächelt er mich so häufig an? Ist er etwa auch schwul? Oder bi?

Die nächsten Tage trafen wir uns immer häufiger. Nach der Schule gingen wir in den Park oder hingen einfach nur ab und plauderten zwanglos miteinander. Es war völlig unbeschwert. Es war schön. Tom brachte mich zum Lachen und für einen Moment konnte ich all meine Sorgen vergessen. Doch es dauerte nicht lange, bis ich merkte, dass er öfter irgendwie … geistesabwesend war. Und er roch, als würde er kiffen …

»Am Freitag steigt eine Party. Komm mit!«, sagte Tom eines Nachmittags, als wir auf einer Bank im Park saßen. Milo lag zwischen uns und döste. »Ein paar Freunde von mir feiern. Das wird voll cool.«

Ich zögerte. »Ich weiß nicht. Ich kenne da doch niemanden.« »Du kennst mich«, antwortete er mit einem Lächeln. »Das reicht.«

Wie sollte ich bitte schön diesem Lächeln widerstehen können! Also sagte ich zu. Ich wusste, dass ich nicht dorthin gehörte. Aber wenn Tom wollte, dass ich dabei war, dann musste es doch richtig sein, oder?

Die Party war laut und die Luft stickig. Die Musik dröhnte, und ich fühlte mich wie ein Fremdkörper. Tom schien sich mühelos in die Menge einzufügen, während er von einer Gruppe zur nächsten wanderte, Witze machte und lachte. Ich hingegen stand an der Wand, mein Bier fast unangetastet, und versuchte, die aufkommende Unsicherheit zu unterdrücken. Jeder schien hier seinen Platz zu haben, nur ich nicht. Meine Gedanken kreisten um Tom. Warum kümmert er sich nicht um mich? Er wollte doch, dass ich dabei bin. Außerdem hasse ich Bier und möchte eigentlich nur noch nach Hause. Es war falsch, mitzukommen. Warum hatte er mich eingeladen, wenn er mich jetzt allein ließ? Sollte ich ihn darauf ansprechen oder einfach gehen?

Plötzlich tauchte Tom vor mir auf. »Hey, alles okay?«, fragte er, sein Lächeln so charmant wie immer.

»Ja, klar«, log ich und zwang mich zu einem Lächeln. Eigentlich würde ich ihm jetzt gerne sagen, dass ich nach Hause möchte und mich hier nicht wohlfühle!

Er zog einen Joint aus seiner Tasche. »Willst du?«, fragte er beiläufig, als wäre es das Normalste der Welt.

Mein Herz raste. Mein Kopf sagte Nein, aber ich wollte dazugehören, wollte ihm gefallen. Wenn ich ihm gefallen möchte, muss ich es machen. Er ist der Erste, der etwas mit mir unternehmen will. Ich muss es einfach machen. Für Tom. Für mich. »Klar!«, sagte ich und nahm den Joint entgegen. Der Rauch brannte in meiner Lunge und ich hustete heftig, was Tom zum Lachen brachte.

»Du gewöhnst dich schon noch dran«, meinte er und klopfte mir auf die Schulter, bevor er wieder in der Menge verschwand. Ich blieb allein zurück, fühlte mich benommen, aber auch … verloren. Warum hatte ich das überhaupt getan? War es das wert, nur um Toms Aufmerksamkeit zu erlangen? Die restliche Party verbrachte ich am Rand, beobachtete, wie Tom lachte und sich mit anderen unterhielt, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen. Habe ich wirklich einen Joint geraucht? Warum mache ich alles, was er will?

Gegen 23:30 Uhr ging ich nach Hause, Tom hatte es nicht mal gemerkt. Mein Kopf tat weh und ich wollte einfach nur schlafen.

Als ich am nächsten Tag aufwachte und auf mein Handy blickte, sah ich, dass die erste Nachricht von Tom war. »Wann bist du gegangen? Ich hatte dich gesucht. Bin heute nicht in der Schule, sehen wir uns trotzdem heute Mittag?« Ich antwortete nicht, weil ich nicht wusste, ob ich das überhaupt wollte. Was sag ich ihm? Will ich das wirklich so? Er hat mich zum Kiffen gebracht …

Ich schrieb ihm dann aber doch zurück. »Hey, ja, war müde und wollte schlafen. Gerne heute Mittag im Park?« Und schnell wie immer antwortete Tom: »Ja, wie immer.«

Es war Punkt 14:00 Uhr und da kam Tom auch schon mit seinem Hund. Milo sprang fröhlich zwischen uns herum, während ich mit meinen Gedanken kämpfte. Alles an der letzten Nacht fühlte sich falsch an, doch Tom schien davon unberührt.

»Hey, Chris!«, begrüßte er mich lässig und setzte sich auf die Bank. »Du hast gestern echt was verpasst, nachdem du gegangen bist. War noch ’ne coole Runde.« Er hat nicht mal mitbekommen, wann ich gegangen bin. Wie will er wissen, was ich verpasst habe?

Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Klingt … nett.«

Tom zog wieder einen Joint aus seiner Tasche. »Bock?«, fragte er und hielt ihn mir hin.

»Tom, ich weiß nicht«, murmelte ich und wich seinem Blick aus. »Ich glaube, das war gestern schon keine gute Idee.«

Er lachte leise. »Chris, komm schon. Du bist viel zu angespannt. Gestern hat es dir doch auch gefallen.«

Ich zögerte, doch als er mir den Joint direkt vor die Nase hielt, griff ich schließlich zu. Der Rauch brannte wieder in meiner Lunge, doch ich zwang mich zu lächeln, um ihm zu gefallen.

»Siehst du? Ist doch gar nicht so schlimm«, meinte Tom, während er sich zurücklehnte. »Manchmal musst du einfach entspannen, Chris. Du denkst viel zu viel nach.«

»Vielleicht hast du recht …«, sagte ich leise, aber tief in mir wusste ich, dass das nicht stimmte. Doch anstatt etwas zu sagen, zog ich ein weiteres Mal. Toms Mutter rief an und bat ihn, sofort nach Hause zu kommen. »Meine Mutter will, dass ich nach Hause komme, keine Ahnung wieso. Bis morgen in der Schule, ich hab dich lieb.« Noch bevor ich antworten konnte, war er schon mit Milo am Rennen. Ist das grade wirklich wieder passiert? Habe ich schon wieder gekifft, nur wegen ihm? Hat er grade wirklich gesagt, dass er mich lieb hat? Ich kann das gar nicht glauben!

Am Montag stand eine Gruppenarbeit in Geschichte an. Ich war mit Jenny und Lisa in einer Gruppe. Wir sollten eine Präsentation über die Industrialisierung vorbereiten. Während Lisa die Materialien auspackte und Jenny Notizen machte, saß ich da und starrte vor mich hin.

»Chris, kannst du bitte die Aufgaben verteilen?«, fragte Jenny und sah mich mit einem erwartungsvollen Blick an. »Äh … ja, klar«, murmelte ich und griff nach den Blättern. Doch meine Hände zitterten und ich ließ sie auf den Tisch fallen. Lisa hob eine Augenbraue und tauschte einen Blick mit Jenny.

»Alles okay bei dir?«, fragte Lisa vorsichtig.

»Ja«, antwortete ich etwas zu schnell. »Ich bin einfach nur müde.«

Jenny beobachtete mich genau, während sie weiter an ihren Notizen schrieb. »Chris, was ist los? Du wirkst … anders.«

»Nichts!«, sagte ich und schüttelte den Kopf. »Lass uns einfach anfangen.«

Wir versuchten, uns auf die Aufgaben zu konzentrieren, aber ich konnte meine Gedanken nicht ordnen. Immer wieder verlor ich den roten Faden, brachte keine vernünftigen Sätze heraus und verwechselte Daten. Nach einer halben Stunde legte Lisa ihren Stift hin.

»Chris, das funktioniert so nicht. Du bist komplett geistesabwesend.«

Jenny verschränkte die Arme und sah mich durchdringend an. Sie schaute mir in die Augen und roch an mir, und da wusste sie es sofort. »Hast du … Chris, hast du gekifft?« Mein Herz raste und ich senkte den Blick. »Vielleicht«, murmelte ich.

Jenny schnappte hörbar nach Luft. »Vielleicht?! Chris, ernsthaft! Du weißt, dass ich das hasse!«

»Ich … ich weiß«, sagte ich leise. »Es war nur … Tom hat es angeboten am Samstag auf der Party und gestern im Park. Ich dachte, es ist nicht schlimm.«

Lisa stand auf und holte tief Luft. »Das erklärt zumindest, warum du gerade komplett daneben bist.«

Jenny lehnte sich zurück und schüttelte den Kopf. »Chris, das bist nicht du! Warum machst du so was?«

Ich fühlte mich, als würde ich mich gleich unter ihrem Blick auflösen. »Ich wollte einfach nur dazugehören. Ich wollte, dass er mich mag. Und das tut er! Er hat gestern sogar gesagt, dass er mich lieb hat.«

Jenny seufzte und legte ihre Hand auf meinen Arm. »Chris, du musst dich nicht für jemanden verändern. Vor allem nicht, wenn es dir schadet. Das bist nicht du!«

»Jaja, du verstehst das einfach nicht! Können wir jetzt einfach weitermachen?« Es war still, wir bearbeiteten alle jeweils eine Aufgabe und sprachen kein Wort miteinander. Die Schulglocke erlöste uns von dem allen und ich sprang erleichtert auf.

Nach der Schule fing mich Jenny ab. Ihr Blick war ernster, als ich es gewohnt war. »Chris, du veränderst dich. Was ist mit dir los? Ich mache mir Sorgen.« Sie hat recht, ich verändere mich, aber liegt das wirklich an Tom?

Ich seufzte und wich ihrem Blick aus. »Nichts, Jenny. Lass mich einfach«, sagte ich und versuchte, an ihr vorbeizukommen. Doch sie stellte sich mir in den Weg und verschränkte die Arme.

»Nein, Chris. Ich lasse dich nicht. Du bist mein bester Freund, und ich sehe, dass etwas nicht stimmt. Du bist geistesabwesend, du redest nicht mehr mit mir, und ich weiß, dass Tom dich zum Kiffen bringt. Er tut dir nicht gut.«

Ich ballte die Fäuste und schaute sie an, meine Stimme lauter, als ich wollte. »Du verstehst das nicht! Er versteht mich. Er gibt mir das Gefühl, dass ich nicht allein bin.«

Jenny schüttelte den Kopf, ihre Augen wurden glasig. »Chris, ich verstehe mehr, als du denkst. Du fühlst dich allein, ich weiß das. Aber Tom ist nicht die Lösung. Er zieht dich in etwas rein, das dir schadet, und du merkst es nicht einmal.«

»Was soll ich denn sonst machen, Jenny?«, rief ich und spürte, wie die Verzweiflung in meiner Stimme wuchs. »Du hast keine Ahnung, wie es ist, sich jeden Tag wie ein Niemand zu fühlen. Er sieht mich wenigstens!«

Jenny atmete tief durch und trat einen Schritt näher. »Chris, ich sehe dich! Jeden verdammten Tag sehe ich dich! Du bist für mich der stärkste Mensch, den ich kenne, auch wenn du das gerade nicht fühlst. Aber wenn du so weitermachst, verlierst du dich selbst. Willst du das wirklich?«

Ich spürte, wie ihre Worte mich trafen, als hätte sie direkt in mein Innerstes gesehen. »Ich weiß nicht … ich weiß einfach nicht, was ich tun soll«, flüsterte ich. Meine Stimme brach. Soll ich mich von Tom trennen? Kann ich das? Was mache ich ohne ihn?

Jenny legte ihre Hand auf meine Schulter. »Fang damit an, dir selbst wieder wichtig zu sein. Lass mich dir helfen, Chris. Bitte. Ich will dich nicht verlieren.«

Ich nickte langsam, konnte ihr aber immer noch nicht in die Augen sehen. »Okay. Ich … denke darüber nach.« Ich weiß, dass sie recht hat, ich weiß, dass das Kiffen nicht gut ist und dass Tom keinen positiven Einfluss auf mich hat. Ich will doch einfach nur dazugehören.

Doch ihre Worte ließen mich den ganzen Abend nicht los. Ich wusste, ich musste etwas ändern, und ich wusste, dass es mir schwerfallen würde. Es würde Wunden schlagen.

Noch am Abend schrieb ich mit Jenny über Chatter.

»Du hast recht! Ich habe mich verändert und ich habe vor allem dich total außer Acht gelassen. Ich muss mich von Tom trennen, aber es jetzt schon nur zu schreiben, tut so verdammt weh!« Jennys Antwort kam schnell. »Ich weiß. Ich kann dir bei diesem schweren Schritt nicht helfen, aber ich kann danach für dich da sein. Du bist mein bester Freund und du bist für mich wie ein großer Bruder. Ich bin da und eins sollst du wissen: Du bist großartig – so, wie du bist! Und nur so sollte dich ein Typ auch wollen, ohne dich zu verändern. Ich muss jetzt schlafen gehen. Gute Nacht.« Auch wenn ich traurig war und nicht wusste, wie ich es bewerkstelligen sollte, wusste ich, dass ich es so schnell machen sollte, wie es nur ging. Ich schrieb Tom eine Nachricht. »Hey. Können wir uns morgen nach der Schule treffen?« Ist das wirklich die richtige Entscheidung? Wie soll ich ihm es sagen? Toms Antwort war kurz und knapp. »Ja klar. 16:00 Uhr im Park an der Bank wie immer. Nachti!« Damit war klar, morgen würde ein schwieriger Tag für mich.

Am nächsten Tag ging der Schultag schnell vorüber. Tom war wieder nicht in der Schule gewesen. Ich ging nach Hause, wo ich eilig einen Happen zu mir nahm, um dann zu Tom in den Park zu gehen. Mache ich das Richtige? Jeder Schritt in den Park fühlt sich so verdammt schwer an …

Die Entscheidung, Tom zu verlassen, war das Schwerste, was ich je getan habe. Wir saßen im Park, und ich spürte die Last meiner eigenen Gedanken auf meinen Schultern. Milo lag zu Toms Füßen. Die Abendsonne warf ein warmes Licht auf uns, das seltsam friedlich wirkte, während in mir ein Sturm tobte. Außer »Hey« hatten wir noch kein Wort miteinander gewechselt.

»Tom …«, begann ich zögernd, meine Hände ineinander verschränkt, um das Zittern zu verbergen. »Ich … ich kann das nicht mehr.«

Er sah mich überrascht an. »Was meinst du?«

»Das … das mit uns«, sagte ich, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. »Ich brauche Zeit für mich. Für die Schule, für meine Familie und für meine Freunde.«

»Chris, das ist doch Blödsinn«, entgegnete er, seine Stimme scharf und verletzt. »Wir brauchen uns. Du brauchst mich.« Hat er damit recht?

»Vielleicht. Aber ich brauche mich selbst mehr«, erwiderte ich mit zitternder Stimme. »Ich verliere mich in alldem, Tom. Meine Noten, meine Freundschaften, sogar Jenny … ich kann so nicht weitermachen.«

Tom sah mich an, sein Blick durchdringend, fast flehend. »Du willst mich wirklich verlassen? Nach allem, was wir hatten?«

Ich nickte, Tränen stiegen mir in die Augen. »Es tut mir leid, Tom. Aber ich muss an mich denken. Ich muss mich selbst finden, bevor ich für jemand anderen da sein kann.« Er schwieg lange, bevor er schließlich nickte. »Ich hoffe, du findest, was du suchst«, sagte er leise und wandte sich ab. Ich blieb noch einen Moment sitzen, bevor ich aufstand und ging. Jeder Schritt fühlte sich schwerer an als der Schritt davor.

In dieser Nacht saß ich lange in meinem Zimmer, das Handy in der Hand, aber mir wollten einfach nicht die richtigen Worte einfallen. Schließlich schrieb ich Jenny. »Ich hab’s getan und jetzt sitze ich hier weinend im Zimmer und weiß nicht, was ich tun soll.«

Die Antwort kam schneller, als ich erwartet hatte. »Ich bin immer für dich da, Chris. Immer. Was machst du gerade?« »Nachdenken«, tippte ich zurück. »Über alles. Über Tom. Über mich. Darüber, wie ich überhaupt hier gelandet bin.«

»Das Wichtigste ist, dass du wieder zurückfindest«, antwortete sie. »Und ich helfe dir dabei. Schritt für Schritt.«

»Ich geh schlafen, das ist grade das Einzige, was hilft, nicht an Tom zu denken. Bis morgen.«

Das Einschlafen fiel mir sehr schwer. Ich konnte nur an Tom denken, aber ich spürte, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Es wird mit der Zeit besser werden! Ich werde irgendwann stärker sein!

Kapitel 3: Die Party

Die Tage nach meiner Trennung von Tom verliefen wie in Trance. Es gab Momente, in denen ich mich an unsere schönsten Erinnerungen klammerte – wie zum Beispiel das eine Mal, als wir mitten in der Nacht durch die Stadt liefen und Tom mir sagte, ich sei der einzige Mensch, bei dem er sich wirklich verstanden fühle. Doch genauso oft tauchten Erinnerungen an die Schattenseiten unserer Beziehung auf: seine Unnahbarkeit, die Momente, in denen ich nicht gut genug war, egal wie sehr ich mich bemühte. Es war ein ständiges Auf und Ab zwischen Sehnsucht und Erleichterung.

Ich schwankte permanent zwischen Schmerz und Entspannung. Ich vermisste die Momente, in denen wir zusammen lachten, seine Stimme und das Gefühl, jemandem wichtig zu sein. Gleichzeitig fühlte ich mich frei von der Last, ständig jemand sein zu müssen, der ich nicht war, nur um ihm zu gefallen. Ich habe wegen ihm das Kiffen angefangen. Ich habe meine Noten ignoriert und meine Freunde hängen lassen. Es war ein widersprüchliches Chaos in meinem Kopf, das mich nicht losließ. Mein Kopf war ein einziges Durcheinander. Erinnerungen an unsere gemeinsamen Momente mischten sich mit Wut und Enttäuschung, und gleichzeitig spürte ich eine leise Erleichterung, die ich mir kaum eingestehen wollte. Ich vermisse ihn jeden Tag, und das, obwohl wir nicht lange zusammen waren. Ich vermisse sein Lachen, aber ich weiß, dass er mir nicht guttut. Ich muss mich wieder auf mich selbst konzentrieren. Ich muss mit dem Kiffen aufhören.

Jenny war meine einzige Konstante in diesem Chaos. Sie kam fast jeden Nachmittag vorbei, manchmal mit einer Kleinigkeit aus der Bäckerei oder einer Playlist, die sie für mich erstellt hatte. »Du brauchst Musik, um wieder klarzukommen!«, hatte sie einmal gesagt, als sie einen Bluetooth-Lautsprecher auf meinen Schreibtisch stellte und sich weigerte zu gehen, bis ich wenigstens eine ihrer empfohlenen Songs angehört hätte. Es war ihre Art zu sagen: »Ich bin hier«, ohne dass sie es aussprechen musste. Einmal hatte sie sogar einen Stapel meiner Lieblingscomics mitgebracht und gesagt: »Du musst nicht reden. Aber ich werde nicht zulassen, dass du dich hier vergräbst.« Sie schaffte es, dass ich mich zumindest ein wenig normal fühlte, selbst wenn ich es ihr nie sagte. Ihre Geduld schien unerschöpflich, auch wenn sie manchmal an ihre Grenzen stieß. Sie war immer da, brachte Essen vorbei, hörte mir zu oder blieb einfach still an meiner Seite. »Ich bin hier, Chris. Egal wie lange es dauert.« Und das meinte sie ernst. Womit habe ich diese beste Freundin aller Zeiten verdient? Sie macht alles für mich, damit es mir besser geht, und das seit mehr als zwei Wochen. Ohne sie wäre ich nur am Weinen, voller Selbstmitleid oder ich wäre wieder zu Tom zurückgegangen. Oder noch schlimmer, ich hätte mich gar nicht erst von ihm getrennt. Auch wenn es mir grade nicht gut geht, weiß ich, dass es für meine Zukunft besser ist, dass ich Tom verlassen habe.

Jenny legte eine beeindruckende Hartnäckigkeit an den Tag, die sie immer wieder dazu brachte, vor meiner Haustür aufzukreuzen, mich zu Spaziergängen zu überreden oder einfach nur mit einer Tüte meiner Lieblingschips vor mir zu sitzen, ohne ein Wort zu sagen. Einmal kam sie vorbei, ohne anzuklopfen, setzte sich einfach auf mein Bett und sagte: »Du kannst mich gern ignorieren, aber ich gehe erst, wenn du isst.« Sie hatte einen Teller mit meinem Lieblingsessen mitgebracht. Ihre Beharrlichkeit brachte mich doch tatsächlich dazu, schließlich zu lächeln. Genau das war Jenny – stur, aber mit einem Herzen aus Gold. Ich bin so froh, Jenny an meiner Seite zu haben, aber was mache ich, wenn ihre Ausdauer nachlässt, weil ich keine Fortschritte mache? Ich wertschätze es, wie sie sich um mich bemüht, aber ich weiß einfach nicht, wie ich Tom aus meinem Kopf bekommen soll.

Gestern nach der Schule tuschelte Jenny mit Lisa und sie schauten dabei zu mir; ich wusste, dass sie etwas vorhatten. Jenny kam zu mir, bepackt mit Chips und Cola, ein breites Grinsen auf dem Gesicht, das ich nur allzu gut kannte. Sie führte etwas im Schilde. »Chris, du kommst heute mit zur Party von Lisa. Kein Aber, kein Nein.« Party?! Hat sie grade wirklich gesagt, sie will mit mir auf eine Party? Spinnt die?!

Ich hob den Blick von meinem Handy und sah sie an. »Jenny, ich bin nicht in Stimmung. Hast du auch nur einen blassen Schimmer, wie ich mich fühle? Glaubst du etwa, ich habe Lust, auf eine Party zu gehen, um mich von diesen Leuten begaffen zu lassen?«

Jenny verschränkte die Arme vor der Brust. »Erstens: Lisa ist meine beste Freundin und sie hat mir gesagt, dass ihr bester Freund Tobi auch kommt. Du weißt schon, der Süße auf ihrem letzten Bild auf Social Media. Zweitens: Du brauchst das. Chris, ich kann nicht tatenlos zusehen, wie du dich weiter in deinem Zimmer vergräbst. Es tut weh, dich so zu sehen. Ich will, dass du wieder lachst. Drittens: Es wird dir guttun. Vielleicht brauchst du diesen Schritt mehr, als du denkst. Glaub mir einfach.« Und wieder mal hat sie recht. So langsam kann ich ihr das aber nicht mehr sagen, sonst wird sie in ihrer Sturheit nur noch mehr bestätigt. Ja, ich muss hier raus, aber gleich eine Party? Ja, doch … ich schaffe das. … Also zumindest hoffe ich das …

Trotzdem wollte ich ihr widersprechen, aber ihr Blick sprach Bände. Wenn ich es nicht für mich tat, dann für Jenny, das schuldete ich ihr nach den letzten zwei Wochen, für all das, was sie für mich getan hatte. Jenny grinste und ich wusste, was jetzt kommen würde. »Super! Ich freue mich. Dann können wir ja jetzt direkt schauen, was dein Kleiderschrank hergibt und was du heute Abend anziehen kannst. Vielleicht triffst du ja dort deine große Liebe.« Jenny ging zu meinem Kleiderschrank und lachte. »Du bist so was von blöd … aber genau dafür liebe ich dich, kleine beste Freundin.« Ein neue Liebe nach nur zwei Wochen? Niemals. Aber vielleicht treffe ich ja jemanden, mit dem ich mich einfach nur gut verstehe. Jennys Ideen sind zugegebenermaßen wirklich immer gut …

Schnell brach der Abend herein und wir machten uns gemeinsam auf den Weg zu Lisa.

Die Party fand in Lisas Haus statt. Während ich mich in der Küche umblickte, bemerkte ich, wie unterschiedlich die Leute hier waren. Einige bewegten sich selbstbewusst durch die Menge, lachten laut und hielten ihre Gläser hoch. Andere, so wie ich, standen eher am Rand, beobachteten die Szene und versuchten, nicht aufzufallen. Eine Gruppe in der Ecke hatte eine Shisha aufgestellt und der süßliche Rauch mischte sich mit dem Duft von frisch gebackenem Brot aus der Küche. Es war gleichzeitig einladend und überwältigend. Das Anwesen mit den hohen Fenstern, einer breiten Auffahrt und einem makellos gepflegten Vorgarten, der in den bunten Lichtern der Party erstrahlte, wirkte fast schon wie ein kleiner Palast. Die Partygäste bewegten sich zwischen Wohnzimmer und Garten, einige lachten ausgelassen, während andere nervös an ihren Getränken nippten. Die Bässe der Musik ließen die Fensterscheiben leicht vibrieren, während Gespräche, Lachen und gelegentliches Klirren von Gläsern die Szenerie überlagerten. Ich stand unsicher in der Küche, während Jenny und Lisa lachend ins Wohnzimmer verschwanden. Das Haus war viel zu groß für eine 16-Jährige.