Ich bin dann mal Ex! - Bärbel Stolz - E-Book

Ich bin dann mal Ex! E-Book

Bärbel Stolz

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Beschreibung

Heute muss eine Frau die unterschiedlichsten Rollen spielen: Mutter, Hausfrau, emanzipiert, aber bitte sexy, Karrierefrau, Geliebte und auch noch beste Freundin – ein Ding der Unmöglichkeit! Doch plötzlich tauchen immer mehr Frauen auf dem Spielplatz auf, die total entspannt sind. Warum? „Ich habe mich getrennt“, lautet die Zauberformel. Mit viel Witz und Ehrlichkeit erzählt Bärbel Stolz von den höchst absurden Selbsterkenntnissen der Single 2.0-Phase und „womansplaint“ auf höchst unterhaltsame Weise, wie frau sich ihr Leben zurückerobert.

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Seitenzahl: 375

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Buch

Heute muss eine Frau die unterschiedlichsten Rollen spielen: Mutter, Hausfrau, emanzipiert, aber bitte sexy, Karrierefrau, Geliebte und auch noch beste Freundin – ein Ding der Unmöglichkeit! Doch plötzlich tauchen immer mehr Frauen auf dem Spielplatz auf, die total entspannt sind. Warum? »Ich habe mich getrennt«, lautet die Zauberformel. Mit viel Witz und Ehrlichkeit erzählt Bärbel Stolz von den höchst absurden Selbsterkenntnissen der Single-2.0-Phase und »womansplaint« auf höchst unterhaltsame Weise, wie frau sich ihr Leben zurückerobert.

Autorin

Bärbel Stolz, geboren 1977, ist eine bekannte Schauspielerin und Bestsellerautorin. 2016 hat sie mit ihrer Figur der »Prenzlschwäbin« auf humorvolle Weise mit schwäbischen, deutschen und großstädtischen Vorurteilen aufgeräumt und mit ihren YouTube-Videos und Live-Auftritten viele Menschen im ganzen Land begeistert. Jetzt erzählt Bärbel Stolz von ihren persönlichen Abenteuern und trifft wieder einmal den Nerv der Zeit.

Außerdem von Bärbel Stolz im Programm

Isch des bio? (auch als E-Book erhältlich)

Bärbel Stolz

Ich bin dann mal

Ex!

Storys einer Heldin von heute

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1. Auflage

Originalausgabe Mai 2019

Copyright © Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlag: Uno Werbeagentur, München

Autorenfoto: © Benjamin Diedering

Typographie und Illustration: FinePic®, München

Redaktion: Carla Felgentreff

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-23657-1V001

www.goldmann-verlag.de

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Für Sebastian

Inhalt

Am Anfang war das Happy End

Superpower

Ehe ist over

Alleinerziehende haben ungezogene Kinder

Erwachsenenspaß

It’s a man’s world

Immer ich

Ab ins Nest

Monogam, polygam, Bonobo

Happiness is a choice

Beziehung ist Arbeit

Komm, wir trennen uns

Trennung ist in

Da ist der Wurm drin

Bioschmuddelhipstermütter

Die moderne Prinzessin

Schick ohne Filter

Single in Berlin

Und jetzt? Na, Yoga!

Toller Arsch

Nett because I can

Himmel und Erde

Diese jungen Leute

Verwahrlosung

Tinder

Von den Rollen überrollt

Beziehungsstatus: unkompliziert

Tindergarten

Cornflakes oder Pizza

Frauenschnupfen

Schubladen

Was heißt hier Liebe?

Dämmerung

Happy End? Beziehung 2.0

Danke

Am Anfang war das Happy End

Liebe Leserin, lieber Leser,

schön, dass ihr da seid. Ich duze euch, denn das macht man so in Berlin im Prenzlauer Berg, und da sitze ich und schreibe dieses Buch. Im Prenzlauer Berg sind wir einfach lässig und fühlen uns jung, und dazu passt das Du. Ihr könnt auch Du zu mir sagen.

Jedenfalls sagt mir mein Lektor, dass ich eine Einführung schreiben soll, weil ihr sonst nicht wisst, worum es geht. Gut, mache ich.

Tschanz ist der Mörder!

Das stand mit Bleistift in meiner Schulausgabe von »Der Richter und sein Henker« ganz vorne reingeschrieben. Da hatte ich eigentlich schon keine Lust mehr, das Buch zu lesen. Ich musste trotzdem.

Deswegen sage ich euch jetzt, worum es geht, ohne zu spoilern, wer der Mörder ist. Sonst wollt ihr die restlichen Kapitel vielleicht nicht mehr lesen. Wäre aber schade drum.

Dieses Buch beginnt mit dem Happy End und endet beim Happy End. Wie kann das sein? Jetzt verrate ich euch eine schmerzhafte Wahrheit, die könnt ihr mit Bleistift vorne reinschreiben: Das Happy End ist eine Lüge! Es ist nicht das Ende und schon gar kein glückliches. Es ist nur ein klitzekleines Häkchen auf der nicht endenden, immer weiterwachsenden To-do-Liste des Lebens. Tut mir leid. Aber ihr seid erwachsen (glaubt ihr zumindest, aber das ist auch ein Prozess) und müsst damit klarkommen.

Die Ehe war zum jrößten Teile

vabrühte Milch un Langeweile.

Und darum wird beim happy end

im Film jewöhnlich abjeblendt.

(Kurt Tucholsky)

Das Versprechen ging eigentlich einmal so: Mach die Schule fertig, lerne einen Beruf, finde einen Partner, gründe eine Familie, baue ein Haus, pflanze einen Baum oder Tomaten oder einen Kaktus. Wer die Punkte erfolgreich abhakt, bekommt sein Happy End. Ich stellte mir darunter einen Zustand immerwährender Zufriedenheit vor, ein geruhsames Fließen im Happy-End-Flussbett.

Aber kein Wunder, dass im Kino nach dem Happy End immer Schluss ist. Etwa, weil dieses zufriedene Dahinfließen ja irgendwann langweilig wird? Sie lebten glücklich und zufrieden, und wenn sie nicht gestorben sind und so. Gähn. Nein!

Wenn der Hochzeitstag der glücklichste Tag des ganzen Lebens ist, kann es danach ja nur noch bergab gehen. Das wäre nicht gut. Dann sollte man erst auf dem Sterbebett heiraten. Das bringt aber steuerlich nichts mehr. Zum Glück ist es ja auch nicht so. Es gibt noch viele glücklichste Momente, die nach der Hochzeit kommen können. Die Geburt des ersten Kindes. Die Geburt des zweiten Kindes. Erste Zähne, erste Schritte, erste Platzwunde. Erster Abend ohne Kind. Erste Scheidung. Zweite Hochzeit. Dritter Frühling. Und dazwischen fließen wir. Wir sind ein Teil des großen Lebenskreislaufs, und dem können wir uns gelassen anvertrauen.

Kreislauf. Das ist ein gutes Stichwort. Ich habe gerade nicht das Gefühl, im gewaltigen Riesenrad des Lebens mit meiner Familie weit oben in einer Gondel zu schaukeln und den Ausblick genießen zu können. Ich sehe mich eher im Hamsterrad. Das läuft nicht von selbst einfach weiter, während ich in der Gondel sitze und eine Brezel esse, ich muss es dauernd in Bewegung halten.

Gerade schleppe ich schnaufend die Einkäufe nach Hause, ich bin spät dran, Beeilung! Da hebe ich den Blick und lese an der Hauswand gegenüber ein Graffiti, das schon lange da stehen muss, denn es ist schon ganz verwittert. Aber ich sehe es heute zum ersten Mal. Da steht:

Bist du glücklich?

Ich bleibe stehen. Was für eine Unverschämtheit, fremden Leuten solche schwierigen Fragen zu stellen! (Außerdem ist das Vandalismus.) Bin ich glücklich? Sind wir glücklich? Als Familie, als Paar, als Individuum? Wir hätten jeden Grund. Aber ist es auch so? Der Alltag frisst uns auf, Spontaneität muss gut geplant werden, wir fühlen uns überfordert und haben das Gefühl, zu kurz zu kommen. Ständig poppen neue Punkte auf der To-do-Liste auf: Marathon laufen, Hunde züchten, ein gemeinsamer Urlaub mit allen Expartnern und deren Kindern, beruflich erfolgreich sein und sexy aussehen, schwierige Yogafiguren fototauglich hinbekommen, zehn Kilo abnehmen, IKEA-Hacks entwickeln … Und die anderen scheinen das alles mühelos hinzukriegen.

Ich stehe in der Blüte meines Lebens. Ich habe Kinder, Wohnung, Job und Partner erfolgreich eingesammelt. Wie geht es jetzt weiter mit dem großen Glück? Muss ich es pflegen? Aber wie? Es ist ja keine Anleitung dabei wie bei einem Küchengerät. Die Spülmaschine verlangt selbstständig nach Klarspüler. Dass die Beziehung gewartet werden müsste, merkt man oft erst zu spät. Dann scheint sie schon so schrottreif, dass es sich nicht lohnt, noch was in sie zu investieren. Vielleicht schaut man dann lieber gleich nach was Neuem? Oder wem Neuen? Aber wie sollte der Neue sein? Jemand, dem wieder Dinge an dir auffallen, die der Partner nicht mehr bemerkt? Jemand, der selbst Kinder hat, sodass ihr eine lässige Patchworkfamilie sein könnt? Oder ein Millionär, der alle lästigen Alltagspflichten einfach outsourct?

Soll ich weniger arbeiten, um mehr Zeit für die Familie zu haben? Oder soll mein Mann weniger arbeiten? Wie emanzipiert und gleichberechtigt leben wir eigentlich wirklich in unseren perfekten, progressiven, privilegierten Akademikerfamilien in Berlin, München, Hamburg oder Reutlingen? Wer kocht für die Kinder? Wer putzt das Klo? Bin ich eine emanzipierte Frau, wenn ich den Haushalt scheinbar mühelos nebenbei schmeiße und gleichzeitig Karriere mache? Oder heißt Feminismus heute, dass sich mein Mann um den Haushalt kümmert? Am Wochenende darf er dann mal ausschlafen und ich mache Rühreier.

Jede dritte Ehe wird geschieden. Ist das Konzept vielleicht überholt? Wir haben so viele Alternativen: Polyamourie, Tinder, offene Beziehung, jemand Jüngeres, jemand Älteres … Aber wäre es mit jemand anderem wirklich besser? Oder verlagert man so das eigentliche Problem nur? Was ist denn eigentlich das Problem? Bin ich glücklich? Oder könnte ich in einem anderen Leben vielleicht glücklicher sein? Kommt (noch mal) ein Happy End?

Gut – ich verrate euch jetzt doch die Lösung. Für alles: viel Wasser trinken! Und mindestens acht Stunden Schlaf. Aber nicht pro Woche, sondern pro Tag. Fertig.

Superpower

Männer nerven!

Bist du eine Frau? Dann erzähle ich dir damit nichts Neues.

Bist du ein Mann? Dann musst du jetzt ausnahmsweise mal ein bisschen stark sein und durchhalten. Das wird dir bestimmt nicht schaden, bei deinen ganzen Schwierigkeiten mit der Rolle des Mannes in der zeitgenössischen Gesellschaft.

Außerdem – wenn du als Mann dieses Buch liest, bist du ja sowieso ein aufgeklärter, selbstironischer Typ, und es ist natürlich fies von mir, dich hier so pauschal mit abzustempeln. Aber du hast bestimmt genug Humor, das richtig zu verstehen.

Wenn du als Frau deinem Mann was über Beziehung erklärst, glaubt er dir nicht. Nur wenn es ihm ein anderer Mann erzählt, scheint es ihm valide. Oder wenn es auf Facebook (oder Twitter) gestanden hat.

Die Voraussetzungen sind ja gleich: Mann und Frau haben beide zwei Arme und zwei Beine, einen Kopf und Augen darin. Aber was sie damit anstellen, ist komplett unterschiedlich. Zumindest, wenn man eine Familie hat.

Als Studentin und eigentlich die längste Zeit meines mehr oder weniger erwachsenen Lebens habe ich auch noch vor mich hin gelebt, wie ich wollte. Ob was Essbares im Kühlschrank ist – nicht so wichtig. Aufräumen in der Küche oder im Schlafzimmer – dafür lasse ich doch keine Vergnügung sausen. Steuererklärung pünktlich abgeben – hä? Knirscht der Boden beim Drüberlaufen – ziehe ich eben Schuhe an, dann bleiben die Krümel nicht in den Socken hängen. Ordnung ist nicht meine Stärke, meine geheime Superpower ist locker bleiben, spontan sein, Spaß haben!

Hach. Herrliche Zeiten. Lange, herrliche Zeiten. Mit achtzehn dachte ich, dass ich spätestens mit fünfundzwanzig heiraten und Kinder kriegen würde. Fünfundzwanzig schien so alt. Tatsächlich war ich aber mit einem Vierteljahrhundert nicht plötzlich weise und gesetzt, sondern genauso wie als Teenager, und das Leben ging lustig weiter. Den Plan von Familie, mich niederlassen und ankommen, verschob ich einfach weiter nach hinten. Ich wollte mich beruflich ausprobieren, machte viele freie Theaterprojekte und obskure Kurzfilme für wenig oder gar kein Geld, weil ich Lust hatte und weil es schlichtweg nichts anderes zu tun gab. Eines Tages würde ich schon genug Geld verdienen mit tollen Rollen, die mich herausfordern und meinen Horizont erweitern, mit Büchern, die ich schreiben wollte, wenn ich dann mal erwachsen wäre. Ich habe gern allein oder in WGs gewohnt, jedenfalls nicht mit meinen damaligen Geliebten. Ich war auf Partys, diskutierte mit Freunden oder Fremden nächtelang das Weltgeschehen, erfand die Formel für dauerhaften Weltfrieden und schaffte es manchmal doch nicht bis zum Club, weil ich mit der besten Freundin beim Schminken Sekt trank und quatschte, bis wir auf dem Sofa einschliefen. Anstrengende Beziehungsgespräche waren mir zu anstrengend. Dafür gab es zu viele andere Männer, die auch lustig und sexy waren, wenn auch manchmal nur für ein paar Stunden. Meine Frauenärztin war die Erste, die mich freundlich daran erinnerte, dass wir uns zwar lange jung fühlen, der Biologie aber nicht zu entkommen ist. Ob ich denn keine Familie wolle? Doch, klar. Wollte ich. Aber das bricht man doch nicht übers Knie. Dafür musste ich erst mal meinen absoluten Traummann treffen. Und der Weg zu ihm war bunt und lustig.

Aber dann! Dann begegne ich tatsächlich meinem Traummann. Er ist klug, witzig und sexy, leidenschaftlich, humorvoll und großzügig.

Und was mir besonders gefällt: Bei ihm ist es so aufgeräumt, viel aufgeräumter als bei mir! Er hat immer tolle Sachen im Kühlschrank und kocht mir was Leckeres daraus. Wenn ich nichts zum Anziehen mitgenommen habe, gibt er mir ein frisches Hemd. Es ist gebügelt und riecht gut. Verliebt sieht er über meinen Krimskrams hinweg, der mir aus den Taschen purzelt und sich in seiner Wohnung verteilt. Diesen Mann will ich behalten. Mit ihm will ich bis ans Ende meiner Tage zusammenleben. Es wird der Himmel auf Erden!

Er will zum Glück auch. Also ziehen wir zusammen. Ich lasse meine niedlichen Kerzenständer und bemalten Steine und Blumenlichterketten in einer Kiste, denn er mag es lieber minimalistisch. Gefällt mir ja auch, irgendwie. Nur wo ich die Kiste hinpacken soll, weiß ich nicht. »Der Keller ist total voll. Ich weiß ehrlich gesagt selbst nicht genau, was da alles drin ist. Muss ich mal ausmisten«, sagt er.

Ich schiebe die Türen des großen Einbauschranks auseinander. Und stutze. Wo ist denn der Minimalismus hin? Im Schrank war wohl kein Platz mehr für ihn. So kann man es auch machen, damit es ordentlich aussieht – einfach alles in den Schrank stopfen, Tür zu und hoffen, dass sie zu bleibt. Michael muss das schon einige Jahre praktizieren, denn der Schrank ist so voll wie die U-Bahn in Tokio zur Rushhour, wenn in dieser U-Bahn auch noch der halbe Flohmarkt vom Mauerpark mitfahren würde. Ich schiebe und stopfe, aber es ist nichts zu machen. Bevor ich das komplexe Kräfteverhältnis des in jahrelanger Stopfarbeit aufgetürmten Hausrats durcheinanderbringe und unter einer Lawine aus alten Barttrimmern, ISDN-Modems und unbenutzten Sportgeräten erschlagen werde, gebe ich auf.

Er nickt zerknirscht. »Uh, stimmt, da müsste ich dringend mal Ordnung machen. Habe ich schon ewig vor.«

Ich bin verliebt und finde das süß. Meine Krimskramskiste stelle ich kurzerhand zu meiner Freundin Mara auf den Flohmarkt. Alles für einen Euro. Ich bin ein bisschen gerührt. Über die Freude, die jemand an meiner alten Glitzerlampe hat. Und über mich, die sich so einfach davon trennt. Ein bisschen dekoriere ich unsere gemeinsame Wohnung aber doch. Ein paar bunte Kissen auf dem Sofa, das gefällt ihm auch, sagt er. Das ist doch ein schöner Kompromiss in unserer erwachsenen Beziehung. Wir sind uns so einig. Plötzlich fällt uns auf: Wenn wir beide Kinder machen, werden das vermutlich die großartigsten Menschen, die die Welt je erlebt hat. Das dürfen wir der Menschheit nicht vorenthalten. Begeistert machen wir uns ans Werk. Erfolgreich.

In der Schwangerschaft lassen die Hormone oder irgendwas mich häuslicher werden, ich koche und backe plötzlich und finde alles Mögliche niedlich und kuschelig und heimelig und möchte unsere Wohnung damit vollstellen. Nestbautrieb nennt mein Mann das. Wir haben inzwischen geheiratet. Deswegen räume ich irgendwann sogar die Küchenschränke aus. Hier hat mein Ehemann offenbar ein ähnliches Ordnungskonzept verfolgt wie beim Einbauschrank. Amüsiert werfe ich Asia-Nudel-Päckchen weg, die vor fünf Jahren abgelaufen sind, und wische tote Tierchen aus den Ecken der Schubladen. Natürlich mache ich etwas mehr im Haushalt als er, ich bringe sogar seine Hemden in die Reinigung, weil ich als schwangere, freiberufliche Schauspielerin doch auch mehr Zeit habe als er. Aber immerhin – er kocht immer noch für mich. Selbstverständlich räume ich danach auf, alles andere wäre ja unfair. Mein Mann kocht spektakulär, aber man merkt trotzdem, dass ich viel mehr Zeit in der Küche verbringe als er. Ich weiß immer, wo die Käsereibe ist, denke schon beim Kochen daran, wie die Küche hinterher aussehen wird, und betreibe nebenher ständig Schadensbegrenzung. Ich schmeiße die Zwiebelschalen in den Müll, während die Soße reduziert, wische die Arbeitsplatte ab und stelle die Butter zurück in den Kühlschrank. Wenn die Bolognese auf den Tisch kommt, ist die Küche sauber. Er macht das anders. Wenn er nach dreieinhalb Stunden hingebungsvollen Rührens und Abschmeckens gegen halb elf abends seine Bolognese aus Lammschulter, Rinderbeinscheiben und handgezupftem Schweinenacken serviert, sieht die Küche aus, als hätte dort ein stark sehbehinderter Aktionskünstler auf Speed gewütet. Und als Aktionskunst sieht er das natürlich auch. Er lässt das alles stehen und liegen, voller Stolz als Zeugnis und Denkmal seines Werkes, welches den flüchtigen Moment eines köstlichen Essens überdauert und seinem Schöpfer zur Ehre gereicht, bis sich alles gut festgebacken hat und der krönende Abschluss meines Abends am Spülbecken stattfindet. In Villabajo wird währenddessen schon gefeiert. Ich wollte immer sein wie die in Villabajo. Effektive Organisation, damit mehr Zeit zum Feiern ist. Die lassen nichts antrocknen und Häutchen bilden, und die schalten auch bestimmt nicht die Spülmaschine mit vier Weingläsern drin ein, während sich darüber das blanke Grausen stapelt.

»Die kriegen einen milchigen Schleier, wenn man die nicht separat spült! Und es war die zweite Spülmaschinenladung des Abends«, soll ich Sie wissen lassen. Mein Mann macht sich große Sorgen, dass er hier falsch dargestellt wird – völlig zu Recht natürlich. Aber es ist ja schließlich mein Buch, oder?

Trotzdem genieße ich die Zeit der Schwangerschaft. Ich arbeite weniger – als Schauspielerin praktisch zwangsläufig, denn mit dem Bauch bin ich schwer für was anderes als eine Schwangere zu besetzen. Und die kleine Rolle im Kinofilm fällt flach, weil es fies wäre, wenn eine schwangere Stewardess abstürzt. Schreiben funktioniert noch, aber langes Sitzen ist nicht gut für meine neue Körperform. Dafür unternehmen wir viel zu zweit. Wir gehen ins Kino und auf Konzerte, wir verreisen noch mal zusammen, ich esse alles, was ich möchte, werde rund wie eine Robbe, und er liebt mich immer noch.

Das erste Kind ist da! Das Leben ist durcheinander. Aber das macht nichts. Erst mal. Wir sind beide übermüdet, vollgekotzt und ungewaschen. Wir bestellen öfter mal Essen vom Lieferdienst und schlafen ein, ehe er klingelt. Immerhin schaffe ich es meistens, die Waschmaschine anzustellen, ehe wir alle nur noch nackt rumlaufen können. Wir kaufen einen Wäschetrockner und amüsieren uns darüber, dass wir jetzt auch so ein Spießerteil haben. Aber ich muss zugeben, dass es praktisch ist.

Dazwischen bewundern wir das großartige Kind, das schon so einzigartig lächeln kann, so hochbegabt robben und so musikalisch brabbeln. Dann ist seine Väterzeit zu Ende, und er geht wieder arbeiten. Klar, dass ich ihn nachts schlafen lasse, er muss ja im Büro mit erwachsenen Menschen sprechen. Ich muss nur einigermaßen funktionieren, mit dem Baby kuscheln und bisschen den Haushalt machen. So traumhaft ist mein Leben als Hausfrau und Mutter.

So ein Haushalt ist ein Fass ohne Boden, denke ich plötzlich, als ich mit Baby vorm Bauch und Einkäufen auf dem Rücken in den fünften Stock schnaufe. Hatte ich mir das Leben so vorgestellt? Als Hausfrau und Mutter? Dauernd muss ich Wäsche waschen, trocknen und dann auch noch zusammenlegen und in die Schränke räumen. Dauernd muss ich was einkaufen, dauernd muss ich was wegräumen, um zwei Meter weiter wieder über was anderes zu stolpern.

»Wäre super, wenn wir den Einbauschrank benutzen könnten«, sage ich zu meinem Mann. »Den wolltest du doch schon lange mal entrümpeln.«

»Puh, ja, wollte ich. Mach ich auch. Am Wochenende.«

Ein paarmal habe ich noch nachgefragt. Und was soll ich euch sagen? Er hat es gemacht! An dem Wochenende, bevor wir umgezogen sind. Drei Jahre später.

Ich will nicht nur Hausfrau und Mutter sein, denn das ist mir auf Dauer zu langweilig. Mein Beruf macht mir Spaß. Und ich möchte eigenes Geld verdienen. Also fange ich wieder an zu arbeiten. Durch die Schwangerschaft war ich ja eine Weile raus aus dem Job, jetzt muss ich mich bemerkbar machen, mir originelle Geschichten ausdenken, meinen After-Baby-Body in Form bringen. Und es klappt. Ich entwickle ein YouTube-Format und bekomme einen Buchvertrag. Viel Arbeit, aber irgendwann wird sich das auszahlen, da bin ich sicher. Es ist toll, auch wieder mit Erwachsenen reden zu können. Allerdings bleibt dafür kaum Zeit. Ich lerne schnell, extrem effizient zu arbeiten, denn ich muss den Kleinen ja aus der Kita abholen, vorher schnell einkaufen und nach dem Spielplatz Abendessen kochen. Ich krieg das alles irgendwie hin. Aber jetzt stehe ich ständig unter Strom, mache mir Listen, im Kopf und auf Papier und im Smartphone, damit ich an alle Termine denke, alle Sachen einkaufe und auch mal den Babysitter für einen Abend zu zweit organisiere.

Nun sind es schon zwei Kinder. Wirklich bemerkenswerte Menschen, originell und zauberhaft. Aber auch ganz schön anstrengend. Und sie bringen das Leben durcheinander. Und mich auch. Plötzlich merke ich: Ich habe eine neue Superpower. Ganz ohne dass ich das bemerkt habe, scheine ich jetzt immer ein Cape zu tragen, auf dem in Leuchtschrift Mami macht das steht.

Auch mein Mann hat das offenbar verinnerlicht. Je organisierter und multitaskingfähiger ich werde, desto mehr wird an mich outgesourct. Er stellt mir Fragen wie:

»Bärbel, wo ist denn die Butter?«

»Wo ist denn mein Geldbeutel?«

»Wo ist denn nur mein Wintermantel?«

Noch bevor er überhaupt nachgeschaut hat. Das ist auch so eine Auswirkung des digitalen Zeitalters. Anstatt selbst zu überlegen, googeln wir alles. Anstatt selbst nach dem Schlüssel zu suchen, geben wir die Suchanfrage bei Bärbel ein, die hat das doch alles im Kopf. Natürlich habe ich das. Weil ich muss. Weil wir sonst nur noch suchen würden. Leider kann man ja außer dem Handy nichts klingeln lassen, um es wiederzufinden. Wusste ich früher nur, unter welchem Kleiderhaufen die Handtasche liegt, in der mein Lippenstift ist, notiere ich heute blitzschnell im Kopf, wer in unserer Familie was wo abgeworfen hat und was draufgefallen ist. Ich merke mir, wohin er seine Schlüssel gelegt hat, in welcher Kiste seine Wintersachen sind und welcher Wochentag heute ist. Ich merke mir, in welche Sofaritze unser Sohn das Pokémon gestopft hat, wo Andreas Lieblingshaarspange ist und auf welcher Seite im Buch wir waren. Alles gleichzeitig im Kopf zu haben, das ist meine neue geheime Superpower. Die alte Superpower »Spaß haben und locker bleiben« war auch nicht schlecht, nur kann ich damit im Augenblick weniger anfangen und sie verblasst immer mehr, weil ich sie so wenig benutze.

Wenn Michael nach Hause kommt, legt er grundsätzlich seinen Fahrradhelm und seine Tasche und die Post auf die Kücheninsel. Es ist genau die Stelle, über die er beim Einzug sagte, dass wir die nicht so vollmüllen dürften. »Das sieht sonst blöd aus.« Ja, stimmt, sieht blöd aus. Und jeden Tag ein bisschen blöder.

Und unpraktisch ist es außerdem, weil ich dann immer alles beiseiteschieben muss, wenn ich Brot schneiden oder die Küche sonst wie als Küche benutzen will und nicht als Fundsachen-Sammelstelle. Zum Glück verschwinden die Sachen, die er da hinlegt, irgendwann einfach an ihren Platz. Zauberei? Nein. Meine zweite geheime Superpower, um die ich nie gebeten hatte: aufräumen.

Wer hätte das gedacht? Meine Mutter lacht sich jetzt kaputt – ich und aufräumen! Darin war ich früher nie besonders gut und hatte auch wenig Lust darauf. Meine Singlebuden sahen immer schlimm aus. Aber ich wusste ungefähr, in welchem Berg ich wühlen musste, um einen bestimmten Schal oder eine Salatschüssel zu finden. Mit Familie ist das schwieriger. Zwei Menschen machen mehr als doppelt so viel Unordnung wie einer. Und zwei Kinder mehr als doppelt so viel wie zwei erwachsene Menschen. Mit Kind steigt die Unordnung exponentiell, mit zwei Kindern wird sie n-fach potenziert oder so. O. k., in Mathematik war ich jetzt nie so wahnsinnig gut – es wird jedenfalls schlimm! Da muss man eine wasserdichte Strategie entwickeln, um nicht zu versinken. Unsere funktioniert so: Ich räume auf. Nur mein eigener Papierkram bleibt manchmal liegen. Am Ende der Woche schiebt mein Mann dann gerne alle meine Unterlagen auf dem Schreibtisch zu einem Haufen zusammen und stopft sie in irgendeine Schublade. Er sagt dann, er wolle »endlich mal Ordnung machen«, weil ihn das sonst störe.

Männer nerven. Echt. Die einzige neue Superpower, die sie entwickeln, ist Dickfelligkeit. Und wenn sie dann doch einmal die Spülmaschine ausräumen, erwarten sie, dass man sie ausführlich dafür lobt. Neulich erzählte eine Mutter auf dem Spielplatz, dass ihr Mann nachts die Windeln des Kleinen wechsle. Ohne Aufforderung. Alle umstehenden Mütter jauchzten auf. »Oh, wie toll. Was für ein super Vater.«

»Ich habe das auch gemacht«, sage ich laut. »Die Windeln gewechselt. Ohne Aufforderung.«

Ich erntete verwirrte Blicke.

Ich will das nicht. Das muss sich ändern. Ich muss einen Plan machen. Aber erst mal räume ich die Spülmaschine aus.

Ehe ist over

»Mamiii!«

Andrea kommt mit ihren kurzen Beinchen auf mich zugestürmt. Ihr geblümtes Kleidchen ist dreckverschmiert, und ihre Zöpfchen haben sich aufgelöst, aber sie strahlt. Hinter ihr kommt Robin-Legolas angeschlurft, seine Baseballkappe lässig schräg auf dem Kopf.

Bei unserem ersten Kind haben wir tagelang Namensbücher gewälzt und eine Liste angelegt, in die wir immer wieder einen Namen eingetragen haben, der uns besonders erschien. Dann wussten wir es: Robin-Legolas. Wegen Christopher Robin aus Pu der Bär, unserem liebsten Kindheitsbuch, das heute noch genauso bezaubernd ist wie früher. Deswegen liegt es auch auf allen Nachttischen in allen Kinderzimmern im Prenzlauer Berg. Dass nicht alle Jungs zwischen zwölf und zwei Jahren Robin heißen, ist eigentlich erstaunlich. Auf den Spielplätzen haben wir trotzdem schnell festgestellt, dass wir mit unseren originellen Einfällen nicht alleine sind. Alle Eltern hier rufen ihren Kindern ausgefallene Doppelnamen hinterher, gerne kombiniert mit etwas Klassischem oder Astrid Lindgren oder Fantasy. Na gut. Beim nächsten Kind wissen wir Bescheid. Wir nehmen dann einen ganz schlichten Namen, irgendwas aus den Achtzigern vielleicht. Damit ist es auch wieder was ganz Besonderes. Sabine zum Beispiel, Thomas oder Andrea. Hehe, nicht schön, aber ganz sicher originell. Denkste. Kaum war das zweite Kind spielplatzreif, merkten wir, dass wir auch diesmal voll im Trend lagen. Egal. Trotzdem sind unsere Kinder natürlich einzigartig. Ich schaue die beiden Dreckspatzen verliebt an. Was sind die Kinder groß geworden. Immer wieder überkommt mich das plötzlich. In einem Anfall von Rührung drücke ich die beiden an mich, wobei Robbie sich heftig wehrt. Dann nicke ich den Erziehern zu und schiebe die Kinder zum Tor hinaus auf die sonnenhelle Straße.

»Wollen wir ein Eis essen gehen?«

»Jaaa! Aber eins vom Kiosk, bitte«, ruft Robbie.

»Auf gar keinen Fall. Wir gehen zu Frollein Smilla und essen leckeres selbst gemachtes Bio-Eis. Jeder kriegt eine Kugel.«

Robbie mault noch ein bisschen. »Warum denn immer zum Frollein? Ich will Calippo-Cola.«

Meine Kinder sind leider kulinarische Vollhonks. Und das, obwohl sie mitten im Prenzlauer Berg groß werden. Dem Gebiet mit der wahrscheinlich größten Dichte an handwerklich hergestellten Bio-Gelato in Mitteleuropa. Mindestens. Ich habe sie trotzdem lieb. Und ich verstehe sie ja auch. Mein größtes Glück als Kind war Himbi. Oder Flutschfinger. Aber diese Kiosk-Eissorten gehören ja fast alle zu Nestlé oder irgendeinem anderen fiesen Konzern, der Mensch und Umwelt ausbeutet, das kann ich mit meinem Gewissen nur sporadisch vereinbaren.

Ich setze die zwei ins Lastenfahrrad und strample los. Vorsichtig radle ich vom Gehweg auf den Fahrradweg rüber und winke dabei ein paar Eltern zu, die ihren Kindern noch die Sonnenhüte festzurren. Die Straße runter kann ich den Fernsehturm gegen den blauen Himmel glitzern sehen. Wir fahren langsam über das holprige Pflaster, und ich mache mir im Geiste Notizen: hier in der fairen Rösterei morgen Kaffeebohnen holen, die äthiopischen waren sehr gut; im Alleshandgemachtimprenzlbergladen sind handgenähte Kinderhosen im Angebot (heißt hier: 89,90); beim Unverpackt-Laden Haferflocken und Dinkel abfüllen fürs Brotbacken und Müslirösten.

Die Kinder kichern über zwei Möpse, die sich in einer Art unbeholfenem Liebesspiel ineinander verkeilt haben. Ihre Beine sind einfach zu kurz. Eine bildschöne schlanke Blondine in mauvefarbenem Leinenkleid und passendem Babytragetuch versucht mit gequältem Lächeln, ihr Tier wegzuziehen, während ein Hipster-Daddy mit beinahe knielangem Bart, kurzen Hosen und tätowierten Waden seinen als Piraten verkleideten Kindern erklärt, dass die zwei sich grade ganz doll liebhaben.

Schön ist es, ein fast dörfliches Gefühl von heiler Welt, in die nur von ferne diverse Sirenen von Polizei und Rettungswagen dringen, weil es im benachbarten Wedding wieder mal eine Messerstecherei gegeben hat. Bin ich froh, dass es hier im Prenzlauer Berg so idyllisch ist. Obwohl ich die anderen Teile von Berlin auch mag, klar. Kreuzberg zum Beispiel, das immer noch bunt und anarchisch wirkt, wo linksliberale Hanfträger beim konservativ eingestellten Türken einkaufen. Berlin ist toll. Das muss ich mir zwischendurch auch mal wieder bewusstmachen, wenn ich hier durch die Gegend hetze und im Kopf schon beim nächsten Punkt der To-do-Liste bin.

Vor der Eisdiele ist schon eine Schlange. Klar, Abholzeit. Jetzt gehen alle zum Frollein. Ich stelle mich hinten an. Die Kinder rennen vor die Theke und beraten sich, welches Eis sie nehmen wollen.

»Mami, ich nehm Himbeer-Basilikum«, ruft Andrea und drückt ihre Nase an mein Knie.

»Und ich Mohn-Mandel«, sagt Robbie.

»Alles klar. Geht gleich los.«

Die beiden hüpfen ungeduldig auf und ab, und ich linse in den Laden. Warum dauert das denn so lange? Die Schlange hat sich kaum bewegt. Normalerweise geht das hier ruckzuck, selbst bei vielen Kindern. Da erspähe ich Manuela. Ich seufze. Na, dann kann es dauern. Manuela Schäuffele kennt fast jeder in unserem Kiez. Sie ist als »Prenzlschwäbin« mit ihren YouTube-Videos so etwas wie eine Berühmtheit geworden. Dabei vereinigt sie in ihrer Person alle Klischees über den Prenzlauer Berg: Besserverdiener, Besserwisser, Bioschwaben, die den armen Ossis ihr ehrliches Arbeiterviertel mit ihrem geerbten Geld einfach unter dem Hintern weggentrifiziert haben. Und Manuela geniert sich kein bisschen dafür, sondern tut weiter überall lautstark ihre Meinung kund und mischt sich ungefragt in alles ein, was sie interessiert und was sie besser weiß. Also alles eigentlich. Nun steht sie vorne am Tresen und diskutiert mit Smilla über die Zutaten der einzelnen Eissorten, während ihre Kinder Wikipedia und Bruno-Hugo-Luis an der Scheibe lecken, die sie zum Glück von den Eistöpfen trennt. Ich höre ihre durchdringende Stimme bis draußen.

»Und die Orangen im Blutorangen-Stracciatella? Wo sind die her? Aus Sizilien, aha. Aber die sind trotzdem bio, oder? Was für Agriculturas oder wie des heißt, sind des, wo Sie die herholen? Wissen Sie ganz sicher, dass die nicht gespritzt sind? So? Ah, die Schale machet Sie trotzdem nicht mit nei. Ja, des isch wahrscheinlich auch besser so. Hä? Noi, danke, das nehm ich net. Ich mag keine Orangen. Ich nehm – also, bei der Tonkabohne hätt ich jetzt aber auch noch a kurze Frage. Wo wird des eigentlich angebaut?«

Du liebe Zeit. Bis die sich durch sämtliches Eis gequatscht hat, ist es Winter.

»Kommt, Kinder, ihr kriegt heute ausnahmsweise doch ein Kiosk-Eis.«

Wenig später sitzen wir mit unserem quietschbunten Eis auf dem Spielplatz. Ich blinzle in die Sonne und versuche zu sehen, ob irgendwer von meinen Freunden oder Bekannten schon da ist. Andreas Kleidchen ist jetzt vollkommen verdreckt, aber das macht nichts. Sie wird sich sowieso gleich komplett ausziehen, um in der Matschepampe zu spielen. Robin-Legolas balanciert auf einem Stamm. Beide Kinder sind zufrieden und beschäftigt. Ich lehne mich zurück und zücke mein Smartphone. Dann kann ich ja noch schnell nach Kuchenrezepten googeln. Andrea hat nächste Woche Geburtstag, und in der Kita gibt es neue Unverträglichkeiten. Hoffentlich ist bis zur Geburtstagsfeier bei uns nicht mehr Lala-Kerima ihre beste Freundin. Die darf nämlich überhaupt keinen Zucker essen, Obst nur ab und zu und nur bestimmtes. Aber momentan wechseln Andreas Lieblingsfreunde täglich, das kann ich bestimmt deichseln. Was soll ich denn sonst machen? Ich kann doch nicht drei Kindern Kuchen geben und einer … ’ne Gurke?

»Wie ein Vater! Sitzt auf dem Spielplatz und guckt ins Smartphone nei, glaubsch des«, höre ich eine durchdringende Stimme neben mir. Ich zucke zusammen. Manuela lässt sich neben mir nieder. Na wunderbar.

Schuldbewusst stecke ich das Handy ein und lächle dann strahlend. »Manu, schön, dich zu sehen! Setz dich doch.«

»Gern. Wart gschwind. Wikipedia, zappel net so, ich will dir den Mund abwischen. So. Möchtest du auch ein Feuchtie? Für die Andrea?« Sie hält mir eine Packung Feuchttücher unter die Nase.

Ich winke ab. »Danke, die geht eh gleich in die Matschepampe. Na, was gab’s denn für ein Eis?«

»Erdbeere. Isch am sicherschten. Sonst weißt du doch nie genau, was eigentlich drin isch.«

Robin-Legolas kommt angehüpft und hält mir sein abgelutschtes Stäbchen hin. Sein weißes T-Shirt hat grelle Flecken. Manuela zieht die Augenbrauen hoch, ich lächle sie an. »Bei uns gab es heute krasses Farbstoff-Eis. Man konnte ja nicht absehen, wann du deine Bestellung loswirst«, sage ich mit freundlich gemeinter Ironie.

»Na, du muscht wissen, wen du unterstützen willst«, gibt sie ebenso freundlich-ironisch zurück. »Immerhin, wenn man schon Nestlé-Produkte kauft, dann doch am besten bei diesem Kriminellen. Du weischt schon, dass der des ganze Haus gekauft hat? Mit Drogengeld? Und jetzt setzt er die Mieten hoch. Na ja.«

Manuela grinst. Dabei fällt mir auf, wie gut sie aussieht. Ihre Haare haben einen glänzenden Kastanienton und ihre Augen strahlen. Die Klamotten sehen auch super aus. Nicht grade spielplatztauglich zwar – beige Coulotte, safranfarbene Wildlederboots, blaue Seidenbluse –, aber sehr schick. Sonst ist Manuela meistens eher praktisch angezogen, während sie sich hektisch bis angestrengt durch den Kiez schwäbelt.

»Du siehst ja toll aus«, sage ich ehrlich beeindruckt. »Warst du im Urlaub?«

»Danke. Nein, war ich nicht. Ich hab mich getrennt.«

Ich blicke sie verblüfft an. Verarscht sie mich jetzt? Aber so sieht sie nicht aus. Gelassen schlägt sie die Beine übereinander und zupft ein kupferfarbenes Haar von der Coulotte.

»Ihr habt euch getrennt? Aber …« Hilflos breche ich ab. Was sagt man denn dazu? Mein Beileid? Spinnst du? Glückwunsch? Manuela wirkt jedenfalls total zufrieden.

»Ja, Matthias und ich haben uns getrennt«, wiederholt sie träumerisch.

Ich kann meine Neugier nicht zügeln. »Und warum? Gibt es jemand anderen?«

Manuela lacht. »Nein. Also, net dass ich wüsst. Bisher. Ich hatte einfach die Schnauze voll, weisch. Ich will noch mal richtig läbe, eh ich wirklich alt bin. Keine Kompromisse, weisch. Dafür isch die Zeit au zu kurz. Der Matthias und ich, wir waren einfach kein Liebespaar mehr und Partner au net wirklich. Und da hab ich mir gesagt: Das kann es doch net gewesen sein, oder? Willsch du am Ende auf so ein Läben zurückblicken?«

Sie sagt »Läben« statt »Leben«. Echt. Ich bin ja selbst aus Schwaben und kenne auch viele Süddeutsche im Prenzlauer Berg, aber die meisten haben sich entgegen der allgemeinen Vorurteile sehr gut assimiliert und sprechen richtiges Hochdeutsch, besser als die meisten Berliner. Manuela ist mindestens schon so lange hier wie ich, aber sie spricht wie Wolfgang Schäuble, bestenfalls. Ich kriege immer ein bisschen Gänsehaut, wenn ich das höre. Deswegen fange ich in ihrer Gegenwart oft an zu berlinern. Damit niemand denkt, ich sei auch so eine anstrengende Schwäbin.

Sie schaut mich abwartend an, und ich schüttle die Gänsehaut ab und konzentriere mich auf den Inhalt ihres Geschwäbels. Ehrlich gesagt bin ich beeindruckt von ihrer Ehrlichkeit. Irgendwie macht sie das sympathisch. Und außerdem ist sie zum ersten Mal nicht perfekt. Ich juble innerlich ein bisschen. Die Superüberfrau, die immer alles im Griff hat, ist tatsächlich mal gescheitert. Dann pfeife ich mich zurück. Wie gemein von mir. Die beiden waren doch lange zusammen, bestimmt zehn Jahre. Und haben zwei gemeinsame Kinder. Und eine riesige Dachgeschosswohnung. Ob die schon abbezahlt ist?

Manuela bekommt meine inneren Dialoge nicht mit. Sie plaudert weiter. »Ja, weischt, ich hab mir älles mal ganz offen und ehrlich angeschaut und Bilanz gezogen: Guck amal, ich bin noch voll jung, eigentlich, und ich wollt nie auf dem Dorf hängen bleiben wie meine Schulfreundinnen. Und jetzt tu ich des doch. Bloß halt in Berlin. Ich wollte mich immer selbst verwirklichen, stattdessen dekorier ich die Wohnung, koche fettfrei und vegan und Matthias wird trotzdem immer dicker. Und findet sich aber toll. Ich möchte nimmer zuerst an alle anderen denken, sondern Zeit und Kraft für meine eigenen Bedürfnisse haben. Und da hab ich mir eine Pro-Kontra-Lischte gemacht. Die sah für den Matthias dann net so gut aus.«

Sie kichert. »Handwerklich zum Beispiel bin ich einfach begabter – und dann muss ich trotzdem immer wochenlang warten, eh ich die Lampen dann selber anschraub, weil er des doch ›total gern machen will‹, die Kinderbetreuung bleibt zum größten Teil an mir hängen, obwohl ich ja auch arbeite, und selbst wenn er’s versprochen hat, schafft er es dann meistens doch nicht, mal früher zu kommen und die Kinder zu übernehmen. Ganz zu schweigen vom Zuhausebleiben, wenn eins krank ist. Einkaufen, Wäsche, Kochen, Putzen … irgendwie war da ganz selbstverständlich nur ich zuständig. Und dann …«

Manuela hält plötzlich inne und sieht mich unsicher an. Geniert sie sich jetzt für ihre Offenheit? So dicke sind wir schließlich nicht befreundet. Sie ist mir einfach zu anstrengend. Obwohl die Kinder eigentlich ganz gern zusammen spielen, wenn sie sich treffen.

Ich möchte sie gern ein bisschen aufmuntern. »Du, ich versteh das alles, was du sagst, ich glaube, da kann sich fast jede Frau ein bisschen wiederfinden. Und es ist echt schwer, auch dann noch verliebt zu sein, wenn er schon wieder nicht mal die Milch mitgebracht hat, um die man ihn gebeten hatte.«

Manuela nickt erleichtert. »Ja, genau. Da hat man einfach ein Kind mehr, dem man alles zehnmal sagen und hinterhertragen muss. Also, das killt ja auch einfach die Luscht, verschtehscht.«

Bei »Luscht« zucke ich noch mal zusammen. Das muss ich ganz schnell wieder vergessen, sonst killt das auch was. Die Pazifistin in mir beispielsweise.

Manuela grinst verlegen. Ich merke, dass es ihr einerseits unangenehm ist, darüber zu sprechen, und andererseits ein großes Bedürfnis. Und sie hat sich mich ausgesucht, um ihr Herz auszuschütten, also werde ich einfach die Ohren zusammenbeißen und sie freundlich behandeln. Der Entschluss stimmt mich milde, ich bin ein bisschen gerührt von mir selbst.

Mein sanftes, verständnisvolles Lächeln scheint Manuelas Vertrauen zu stärken. Sie rückt noch ein bisschen näher und senkt die Stimme zu einem komplizenhaften Flüstern. »Und dann noch beleidigt sein, wenn man nach dem Kücheaufräumen zu müde isch, sich in ein Callgirl zu verwandeln. Dazu fällt dir doch nix mehr ein, oder?«

»Ja, beleidigt ist unsexy«, stimme ich ihr zu. »Da wird die Verantwortung dann wieder uns Frauen zugeschoben.«

Verblüfft merke ich, dass ich tatsächlich verstehe, wovon sie spricht, auch wenn ich darin noch kein großes Problem gesehen habe, schon gar nicht eines, weswegen ich mich trennen würde.

Manuela nickt versonnen und streicht sich anmutig durch das glänzende Haar. »Tja, ich bin da raus. Ehe isch einfach over, weisch. Das passt einfach nicht mehr in die Zeit. Zu dir selbst kommscht nur allein.« Sie reckt die Faust und sagt verschmitzt: »Ehe heißt Unterwerfung, Trennung heißt Emanzipation.«

»Krasser Spruch«, entgegne ich. »Wie meinst du das denn?«

»Na, nur als Alleinerziehende kommt man als Frau wieder ganz zu sich. Weischt, da wird die Zeit mit den Kindern ganz ordentlich auf zwei aufgeteilt, das isch erst mal ein organisatorischer Aufwand, aber dann hab ich unterm Strich viel mehr Zeit für mich.«

»Ernsthaft?« Das möchte ich doch genauer wissen. Ich hab mir bisher nicht viele Gedanken um Alleinerziehende gemacht, aber ich stell es mir eher anstrengend vor.

»Ha ja, jetzt isch er eine Woche dran mit den Kindern und dann eine Woche ich. Stell dir des amal vor! Ich hab ganze Wochenenden nur für mich.«

Tatsächlich. So habe ich das noch nie gesehen. »Also, nicht alleinerziehend, sondern … wie sagt man denn da? Teilzeit? Und wie macht ihr das mit der Wohnung?«

Manuela verzieht das Gesicht. »Des isch natürlich a Problem. Du findescht ja praktisch keine gescheiten bezahlbaren Wohnungen mehr, schon gar net im Dachgeschoss. Also, die Kinder bleiben natürlich in ihrer Wohnung. Ich hab mir eine von meinen Ferienwohnungen hergerichtet, so als Single-Bude. Da isch halt Laminat drin, aber sie isch schon ganz schön. Und gleich ums Eck. Und der Matthias isch da überm Kiosk eingezogen, bei dem Kriminellen. Ich hab ja zwei Ferienwohnungen nebeneinander auf dem gleichen Stock, aber ich wollt ihn net unbedingt als Nachbarn haben – und sie war ihm auch zu teuer. Wobei ich seine Miete auch echt zu viel find. Weischt, da hat fünfzig Jahr so a Paar drin gwohnt, saubillig, und jetzt isch sie gstorbe und er zieht nach Marzahn in ein Seniorenheim. Und der Ganove verlangt glatt das Vierfache. Dabei isch die net mal saniert, gell, bloß renoviert, keine neuen Fenster und Heizung. Des geht eigentlich gar net. Ich hab dem Matthias gsagt, er soll sich an den Mieterschutzbund wenden, aber des will er net. Ich hab da mal hingeschrieben, schließlich brauchen wir ja des Geld, jetzt, wo eine Ferienwohnung wegfällt bei mir.«

Mir schwirrt ein bisschen der Kopf. Entspannt klingt das nicht. »Versteht ihr euch denn noch gut? Also, könnt ihr miteinander reden?«

»Ha doch, des geht eigentlich. Der Matthias muss sich erscht noch bissle reinfinden in seine neue Rolle als alleinerziehender Vater in Teilzeit. Der war irgendwie überrumpelt von meiner Entscheidung. Typisch Mann, gell. Ich hab schon monatelang gesagt, so geht des net weiter, aber des hat er halt net ernscht genommen. Aber inzwischen ischer ganz tapfer. Und jetzt isch ja auch des Emotionale raus, so als Paar, gell, da könnet mir alles ganz sachlich ausdiskutiere.« Sie blickt auf die Uhr. »Hoi, mir müsset los. Der Bruno-Hugo-Luis hat Tubaunterricht, und danach gehen mir alle zusammen zur Eltern-Kind-Meditation.«

Ich nicke. »Na, dann alles Gute weiterhin.«

»Danke. Des war echt nett jetzt grad. Könntet wir ja mal wieder mache. Tschüssle.«

Alleinerziehende haben ungezogene Kinder

Ich schaue auf die Uhr. Viertel vor sechs. Zeit, die Kinder einzusammeln und ihnen was zum Abendessen zu machen. Suchend blicke ich mich um. Andrea sitzt komplett verschlammt in einer Matschpfütze im Sand. Als ich sie hochhebe, merke ich, dass sie schon ganz kalte Beinchen hat. Robin-Legolas ist nicht zu sehen. Ich wickle Andrea in ein Handtuch und stapfe mit ihr zum Fußballplatz. Da kickt er mit einem Jungen, der mir bekannt vorkommt. Ach ja, Heinrich-Herodes. Der ist auch in der Kita. Ich konnte den Jungen noch nie leiden. Erst habe ich mich dafür geschämt. Darf man denn ein Kind kacke finden? Aber schließlich sind Kinder ja auch nur Menschen, und da sind einem welche sympathisch und andere eben nicht. Natürlich muss man trotzdem so nett wie möglich zu ihnen sein, denn sie können ja nichts dafür. Mit seiner Mutter habe ich mich aber immer gut verstanden. Da ist sie ja, Tina. Sie sitzt an der Umzäunung und spricht hektisch ins Handy.

Als sie mich sieht, winkt sie freudig. »Mensch, wie schön, dass ich dich treffe. Wir haben uns ja lange nicht gesehen. Und die Jungs haben sich so gefreut.«

Ich nicke verhalten und umarme sie flüchtig.

Tina kitzelt Andrea unterm Kinn. »Auch schon so groß, die Kleine. Du, sag mal, kann ich dich um einen Gefallen bitten? Was hast du denn heute noch vor?«

In mir schwappt Misstrauen hoch. Gefallen, das klingt nicht gut.

»Äh, ich wollte jetzt mit den Kindern nach Hause und ihnen Abendessen machen.«

»Könnte der Heini vielleicht mitkommen? Sein Onkel wollte ihn eigentlich abholen, schon vor ’ner Stunde, jetzt habe ich den endlich ans Telefon gekriegt, aber er hat es vergessen und ist beim Gotcha-Spielen. Zum Kotzen. Und ich habe gleich einen Termin. Es ist so ätzend, als Alleinerziehende muss man sich um alles kümmern.«

Puh. Darauf habe ich so gar keine Lust. Ich finde nämlich, Heinrich-Herodes ist total ungezogen. Wann immer er bei uns war, hat er übers Essen gemäkelt, lautstark Süßigkeiten verlangt und Robin-Legolas zu doofen Streichen angestiftet, die immer eine Riesensauerei zur Folge hatten. Aber Tina sieht echt verzweifelt aus. Sie schaut mich flehend an, und mein Widerstand bröckelt. Klar, die Alleinerziehend-Nummer zieht.

»Ja, gut. Können wir machen, gerne.«

Tina drückt mir einen Jutebeutel in die Hand. »Da sind seine Sachen drin. Danke! Und dann müssen wir auch mal wieder in Ruhe quatschen, ja? Wir haben uns viel zu lang nicht gesehen. Du siehst super aus.«

Ich ziehe die Nase kraus. Komplimente sind eine billige Bestechung, aber sie funktionieren.

Tina rennt zu ihrem Sohn und erklärt ihm, dass er mit zu uns kommt. Er jubelt und boxt Robin-Legolas heftig in die Seite. Der fängt an zu heulen. »Aua, das hat voll wehgetan.«

Tina schaut unschlüssig auf die Szene, dann dreht sie sich entschlossen um und wirft mir ein Küsschen zu.

»Bis später.«

Ich nehme den heulenden Robin in den Arm. »Entschuldige dich mal, Heinrich«, sage ich.

»Heee, das war doch voll pipimäßig, da muss er doch nicht gleich heulen.«

»Tut er aber, also hat es wohl wehgetan. Dann entschuldigt man sich bei seinen Freunden.«

Heinrich sieht mich herausfordernd an. Ich blicke streng zurück. Schließlich senkt er den Blick.

»Tschudigung«, murmelt er und streicht Robin ungelenk über den Arm. »Hey, ich darf mit zu euch kommen. Super, oder?«

»Cool«, sagt Robin grinsend, die Tränen sind schlagartig vergessen.

Zu Hause stürmen die Jungs gleich mit Kriegsgeheul in Robins Kinderzimmer.

»Stopp!«, rufe ich. Ich muss jetzt den Feldwebel spielen, sonst ist hinterher wieder komplettes Chaos.

»Ihr geht jetzt erst mal Händewaschen. Und zwar ordentlich und ohne Sauerei. Und dann könnt ihr spielen. Aber nur im Kinderzimmer, nicht im Schlafzimmer auf dem Bett rumhopsen, ist das klar? Und ihr räumt zusammen auf, wenn ich es sage.«

Dann ziehe ich Andrea frisch an und klopfe an Robins Tür. »Lasst Andrea mitspielen. Und seid nett zu ihr.«

Robin knurrt, aber Heinrich lächelt die Kleine an und reicht ihr ein Legomännchen. Stimmt, er mochte kleine Kinder immer schon gern. Und wünscht sich ein Geschwisterchen, hat Tina mir erzählt. Aber nachdem sein Vater sich schon vor seiner Geburt aus dem Staub gemacht hat, ist das Thema für sie erledigt. Ich weiß gar nicht, ob sie in der Zwischenzeit Beziehungen hatte.

Ich lasse die Zimmertür offen und gehe in die Küche. Das leise Gekicher wiegt mich in Sicherheit. Ich schichte Gemüse, Tomatensoße, Lasagneplatten und Käse in eine Auflaufform und schiebe sie in den Ofen. Dann mache ich einen Salat.

Während ich den Tisch decke, kommt Michael herein und legt seinen Fahrradhelm auf die Kücheninsel. »Puh, war das heute nervig im Büro. Hallo Schatz, wie war dein Tag?«

»Gut. Vorsicht, leg den Helm bitte nicht dahin, da ist es klebrig vom Kochen, da wollte ich grade saubermachen.«

»Mach ich gleich.«

Ich werfe einen zweifelnden Blick auf den Helm. Wer räumt den nachher wohl wieder in die Garderobe? Na ja, egal.

»Wir haben übrigens Besuch. Von Heinrich-Herodes. Tina hatte einen Notfall.«