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Klaus Peter Larsen, vermutlich ein junger Mann zwischen 25 und 35, hält in einem verborgenen Raum im Keller seines Hauses eine junge Frau gefangen, die er Claudia nennt. Sie liegt nackt auf einem Bett, ist an Armen und Beinen gefesselt und trägt eine Augenbinde. Sie ist ihm vollkommen ausgeliefert. Er will zunächst ihren psychischen und schließlich ihren physischen Zerfall beobachten. Sie ist sein Experiment. Nicht sein erstes und nicht sein letztes. Dass mit Larsen etwas nicht stimmt, ist sofort klar. Er nennt seine Opfer Claudia, nach einer Jugendlichen, die in seiner Nachbarschaft wohnt und die er liebt, aber nicht anrührt. Er beobachtet Claudia von seinem Haus aus und sieht eines Tages, wie Claudia von ihrem Vater sexuell belästigt oder gar missbraucht wird. Claudia, die Larsen vertraut, versteckt sich bei ihm. Larsen wird bald darauf verhaftet, weil die Nachbarn gesehen haben, wie Claudia zu ihm gegangen ist. Seitdem wird sie vermisst. Nachdem Claudia bei der Polizei war und ihnen erklärt, was tatsächlich geschehen ist, wird Larsen auf freien Fuß gesetzt. Aber die Polizei behält ihn im Auge, da auch seine Mutter von den Nachbarn vermisst wird, zumindest stimmt etwas nicht. Mit Perücke und Frauenkleidung spielt er seit Tagen den Nachbarn vor, dass seine Mutter lebt. Seiner Umwelt spielt er den leicht durchgeknallten Irren vor. Tatsächlich ist er alles andere als ein harmloser Irrer, sondern ein mordender Psychopath, der den Bezug zur Realität vollkommen verloren hat. Er schafft sich seine eigene Realität und schreibt Geschichten. Geschichten, in denen er das beschreibt, was er tatsächlich tut: foltern, quälen und morden. Er lernt seine Opfer durch das Internet kennen, tötet sie entweder sehr schnell oder versteckt sie im Keller, in dem geheimen Raum, über Wochen hinweg. Die Morde geschehen im Verborgenen, in der Dunkelheit und in aller Stille.
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Seitenzahl: 269
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Marc Rosenberg
Ich bin dein Hirte
Dieses eBook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
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17.
18.
19.
20.
21.
22.
23.
Impressum
1.
„Am Leben bleiben“, flüstert sie.
Ich liebe sie für ihre Worte, ich liebe diese Stimme umso mehr, je öfter ich sie höre, ihren Klang, ihren Ton, die Vibrationen, die sie erzeugt.
„Du musst nur lebendig bleiben“, fährt sie fort, „nur am Leben bleiben. Reiß dich zusammen. Es ist unbedingt notwendig am Leben zu bleiben ... am Leben bleiben. Es ist lebensnotwendig“, sagt sie nachdrücklich, aber ihre Angst und ihre Nervosität sind nicht zu überhören. Sie ist kurz vor der Panik.
Schön. Noch kann sie sich kontrollieren. Noch. Obwohl sie flüstert, spricht sie sehr deutlich, jedes einzelne Wort. Wie um sich selbst von der Bedeutung und der Kraft ihrer eigenen Wörter zu überzeugen. Sie ist noch stark. Faszinierend. Ah, meine Haut kribbelt. Ist das gut.
Dann atmet sie wieder schnell. Und seufzt tief. Atmet ein und atmet aus. Deutlich hörbar.
Ich weiß schon, was jetzt kommt.
„Ich will doch nur leben“, flüstert sie noch immer. „Am Leben bleiben. Atmen. Ich muss doch nur einatmen und ausatmen. Das ist einfach, das schaffe ich. Ich schaffe es“, macht sie sich Mut. „Das ist einfach. Ich bleibe am Leben. Irgendwie. Ich zähle bis zehn, und dann wache ich auf, und wenn nicht, dann fange ich wieder von vorn an. Ja, das schaffe ich.“
Ihre Stimme wird noch leiser und bricht am Ende, sie beginnt zu schluchzen. Und hustet. Ich kann alles gut hören, die Mikrofone sind gut, auch die Bilder, viele Details sind zu sehen. Das Gesicht. Ihre Haut. Die kleinen Härchen, die ihr an Armen und Beinen zu Berge stehen. Selbst ihre Scham steht ihr zu Berge. Vor Aufregung. Was für ein Anblick! In ihrem Innersten bebt und zittert sie. Ich kann es sehen.
Trotzdem bin ich überrascht wie viel Lebenswille, wie viel Kraft sie noch hat. Es freut mich. So habe ich mehr davon, und sie auch. Ja, sie nötigt mir Respekt und ein kleines Lächeln ab. Ich schalte die Mikrofone aus und auch die Kameras. Dann erst öffne ich langsam die Tür. Sie knarrt. Sie zuckt zusammen und ... erstarrt. Und dreht den Kopf ruckartig in meine Richtung. Sie hat in der Zeit, in der sie bei mir ist, gelernt auf jedes kleine Geräusch zu achten. Hochachtung. Ich warte kurz und genieße, was ich sehe, dann erst bewege ich mich langsam und vorsichtig, nahezu geräuschlos, in ihre Richtung. Meine nackten Füße berühren den kalten Boden. Das ist angenehm. Ihr Kopf folgt mir. Sie ahnt, sie fühlt, wo ich mich befinde. Aber sie sieht mich nicht, sie kann mich nicht sehen. Ihr Körper ist angespannt, in Erwartung des Unerwarteten. Des Nichtvoraussagbaren. Unberechenbar. Das fördert die Angst. Ich habe sie soweit. Es ist Angst. Sie zittert. Erst war es Ungewissheit, dann Hoffnungslosigkeit, und jetzt ist es reine, pure Angst. Ihre Brüste sind gespannt, ihre Brustwarzen hart. Deutlich zu sehen. Sie erwartet mich. Aber ich werde sie nicht berühren, noch nicht. Auch wenn sie nicht weiß, was sie erwartet. Ich bin freundlich gewesen, nicht unhöflich oder grob. Ich bin zu ihnen immer freundlich. Sie bekommt, was sie braucht. Und zärtlich bin ich. Ja, ich kann sehr zärtlich sein.
Ich stehe direkt vor ihr. Und warte. Sie spürt meine körperliche Nähe. Ich spüre ihre Wärme. Und ihre Angst. Ich rieche sie, ich kann ihre Angst riechen. Und drunter: sie selbst. Es ist überwältigend.
Die meisten können nicht warten. Das ist für viele unerträglich. Nicht zu wissen, wann es passiert, oder wann überhaupt etwas passiert. Was passiert. Aber es passiert immer etwas, irgendwann passiert es. Und selbst wenn nichts passiert, passiert etwas, denn mit Nichts muss man auch umgehen können. „Nichts“ wird unterschätzt. Sträflich vernachlässigt. Das rächt sich eines Tages. Denn auch Nichts ist etwas. Das wissen die wenigsten. Ich weiß es, ich habe es erfahren. Ja. Ich weiß, was Dunkelheit ist. Darin befindet sich das Nichts.
Sie darf mich nicht sehen.
Es ist so still. So entsetzlich still. Und dunkel. Fast greifbar. Feste Dunkelheit. Als könnte ich sie mit einem Messer schneiden und zerlegen.
„Mama?“
Nichts.
„Mama! Bitte!“, flüsterte ich. Aus Angst, dass er mich hören könnte. Wie lächerlich.
„Lass mich nicht allein, Mama. Lass nicht zu, dass er mir weh tut. Und warum ist es so still? Wo bist du?“
Und wieder höre ich nur Geräusche. In der Dunkelheit. Ich lauere und warte. Und mache mir meine eigenen Bilder. Ja, eigene Bilder. Noch darf sie mich nicht sehen.
Ich kann warten. Auf den richtigen Moment. Den gibt es, immer. Ich habe immer schon warten können. Bis ich bekam, was ich wollte. Heute helfe ich nach. Wenn es nicht anders geht. Ich mache mir meine eigene Wirklichkeit. Fantasie ist nichts dagegen. Wirklichkeit wird zur Fantasie.
Und sie denken, dass es Fantasie ist. Am Ende werde ich lachen. Über sie. Und sie werden sich um mich reißen, um meine Geschichten. Sie wollten es so haben.
Ich gehe um das Bett herum. Langsam, und schaue sie mir an. Ihr Kopf folgt mir. Hatte sie ihren Kopf als ich den Raum betrat noch hoch erhoben, um zu hören wo ich bin, nimmt ihr Körper langsam eine zurückhaltende, geduckte Haltung ein. Aber schützen wird sie sich nicht können. Ihr gesamter Körper ist angespannt. Dass sie dafür noch die Kraft hat! Respekt. Schon wieder. Was ist anders mit ihr? Anders als bei den anderen ... Sie weiß, dass ich sie beobachte. Sie spürt meine Blicke auf ihrer Haut, auf ihren Brüsten, auf ihren Beinen und zwischen ihren Schenkeln. Sie weiß, wohin ich schaue. Weil sie es erwartet. Sie erwartet mich. Sie erwartet, dass ich ihr wehtue.
Aber sie hält es nicht lange aus. Ihre Lippen zittern, ihre Gesichtszüge drohen zu entgleiten.
„Bitte“, fleht sie, „tun Sie mir nicht weh.“ Nicht zum ersten Mal. Und wieder. „Bitte.“
Ich habe ihr nie wehtun wollen. Ich verabscheue physischen Schmerz. Und ich weiß, was das ist, Schmerz. Ich kenne Schmerzen. Ich weiß, was Schmerzen sind.
Sie sieht nicht, wie ich lächle. Schade eigentlich.
„Bitte, tun Sie mir nicht weh.“
„Warum klammerst du so?“, flüstere ich.
„Was?“, fragt sie mit zitternder Stimme. Sie hat gehört, was ich sagte, aber sie kann es wohl nicht verstehen.
„Warum klammerst du dich so sehr an dein erbärmliches, kleines Leben?“
Sie schluchzt.
„Ich will doch nur leben. Ich mache, was Sie wollen, aber lassen Sie mich am Leben. Tun Sie mir nicht weh. Bitte.“
„Na dann. Auf die Knie!“
„Was?“ Sie horcht. Und ist erschrocken.
Ich warte. Und sie bewegt sich, will vom Bett herunterrutschen, um vor mir auf die Knie zu fallen. Fast kommen mir die Tränen, ich spüre fast so etwas wie Rührung. Aber es ist noch nicht Zeit. Noch nicht. Ich habe sie erst vor ein paar Tagen von der dritten Fessel befreit. Das hatte sie sich verdient. Bewegungsfreiheit. Ein bisschen Sicherheit, Vertrauen, Dankbarkeit. Bisher konnte sie sich nur zum Duschen frei bewegen und wenn sie auf die Toilette musste. Auch da würde bald vorbei sein. Ansonsten mag ich Sauberkeit. Sie riechen so gut. Aber Zerfall ist etwas anderes.
Sie kniet vor mir und hebt schon die Hände. Und bewegt ihren Kopf in die richtige Richtung. Es ist genau die passende Höhe. Wunderbar.
„Nein!“, flüstere ich. Das macht ihr Angst. Allen, wenn ich flüstere. Allen macht das Angst. Ich bekomme selber eine Gänsehaut. Noch immer. Immer wieder ist es ein erhabener Moment.
„Denk darüber nach“, sagte die Stimme.
Und jetzt sitze ich hier und denke nach, aber mir fällt nichts ein. Ich sehe nichts und höre nichts. Ich weiß nicht, worüber ich nachdenken soll.
„Was? Hab ich was falsch gemacht? Bitte.“ Sie hebt bereits die Hände zum Schutz nach oben.
„Nein, es war nur ein Scherz.“
Sie zieht die Nase hoch.
Wir kennen uns nun schon vier Wochen und wieder einmal frage ich mich, ob ich ihr nicht das DU anbieten soll. Sie ist zäh. Und hält bisher gut durch. Bis hierher schaffen es nicht alle.
„Warum denkst du, dass ich dir wehtun will?“
Sie zögert.
„Aber warum bin ich denn hier?“
Höre ich da Hoffnung in ihrer Stimme? Sie hebt den Kopf. Sie öffnet sich für einen unvorsichtigen, kurzen unüberlegten Moment. Wenn ich jetzt zuschlagen würde, würde ich sie hervorragend treffen. Genau auf den Punkt. Ein gezielter Schlag würde vollkommen ausreichen. Und sie würde die Hand nicht kommen sehen.
„Nennst du das Leben?“
Sie fällt augenblicklich wieder in sich zusammen und fängt hemmungslos an zu weinen. Das ist erbärmlich und jämmerlich, aber auch faszinierend, wie schnell das wechselt.
„Was ist so besonders an deinem Leben?“
Ich warte, aber sie kennt die Antwort nicht. Oder kann sie mir nicht geben.
„Was ist es, das es rechtfertigt, dass du am Leben bleibst, dass ich dich am Leben lasse?“
„Ich, ich“, sie sucht verzweifelt nach der richtigen Antwort, „ich weiß es nicht.“
Schade, dass sie nicht sieht, wie ich lächle. Ich lächle viel und gern. In den letzten Tagen wieder mehr als sonst. Ich fühle mich wieder wohler. Das war nicht immer so. Aber im Moment geht es. Sie hilft mir dabei. Ich habe sie in meiner Hand. Und sie weiß es. Was gibt es Erhebenderes. Verzweiflung, Angst. Ausgeliefert.
„Siehst du. Ach, nein, du siehst es ja nicht. Im übertragenen Sinn meine ich, siehst du, du weißt es nicht. Ich weiß es auch nicht, weil es nichts zu wissen gibt, da ist nichts.“
„Aber ich ... ich will leben.“
Neben der Resignation höre ich auch eine gewisse Auflehnung gegen das Unvermeidbare, also gegen mich. Ja, ich bin unvermeidbar. Ich bin ihr passiert. Ich bin kein Statist in ihrem Leben. Ich bin die Hauptrolle. Und die spiele ich gut.
„Warum?“
Sie schweigt. Vielleicht überlegt sie.
„Ich frage noch einmal: Nennst du das hier Leben?“
Ich warte vergeblich auf eine Reaktion. Auf einen überzeugenden Einwand.
„Wenn du sehen könntest, wie lächerlich du aussiehst. Du bist erbärmlich und hässlich geworden.“
Sie hebt den Kopf etwas.
„Aber ich sah mal ganz normal aus.“
„Normal?“
„Ja, ganz normal.“
„Wer will schon normal!“
„Ich war sogar schön“, fährt sie fast trotzig fort.
Ob sie etwa in Erinnerungen schwelgt?
„Ich war schön, die Männer liebten mich, sie schauten mir nach und drehten sich nach mir um.“
„Ist das erstrebenswert? Ist das lebenswert? Männern den Kopf zu verdrehen?“
„Das habe ich doch nicht mit Absicht gemacht!“, sagt sie. Es klingt fast wie eine Entschuldigung. „Es ist passiert. Ich kann nichts dafür, dass ich so aussehe, wie ich aussehe. Das habe ich doch nicht mit Absicht gemacht.“
„Aber du fandest es toll, wie du auf Männer gewirkt hast.“
„Attraktivität ist kein Verbrechen.“
„Hört, hört.“
„Ich mache viel Sport und achte auf meine Ernährung.“
„Und es hat alles nichts genutzt.“
„Doch. Ich fühle mich wohl.“
„Tatsächlich?“, frage ich grinsend, schade, dass sie es nicht sieht. „Es hat dich hierher geführt, zu mir.“
Sie schweigt.
„Warum ich?“, fragt sie.
Und ich bin ein wenig überrascht. Das freut mich. Ich lasse mich gern überraschen. Das kommt zu selten vor, dass man mich überrascht. Ist auch nicht einfach. Mich zu überraschen. Das ist schon eine Weile her. Eigentlich fällt mir nur Mutter ein. Wenn ich es genau bedenke. Mutter.
Ich schaue sie an. Sie kniet noch immer vor mir. Ihr Kopf hat genau die richtige Position. Ich lege meine Hand auf ihren Kopf. Sie lässt mich gewähren. Fügt sich.
„Hm, das hat keinen besonderen Grund. Nenn es Zufall. Zur falschen Zeit am falschen Ort.“
„Sie hatten es gar nicht auf mich abgesehen?“
„Doch, natürlich. War nur ein Scherz. Ich habe dich beobachtet, seit Wochen schon. Ich wollte genau dich. Nur dich.“
Ich beobachte, wie sie sich vorstellt, wobei ich sie beobachtet haben könnte. Ihre letzten Wochen in Freiheit, in ihrem sogenannten „Leben“ ziehen kurz an ihr vorbei.
„Warum tun Sie das? Warum quälen Sie mich so? Warum ich, was habe ich Ihnen getan?“
„Nichts. Du bist einfach nur Teil meines kleinen Experiments. Teil meiner Welt.“
„Experiment?“, ruft sie außer sich, reist sich dann aber doch zusammen. Die Angst geschlagen zu werden ist übermächtigt, beherrscht sie immer mehr. Sie kontrolliert ihr Handeln.
Trotzdem, sie ist kurz davor zu explodieren. Das sieht gut aus. Sie zornig zu sehen. Ich lasse ihr einen Moment, um sich zu beruhigen. Ihre Haut ist angespannt. Ihre Brüste heben und senken sich. Noch widerstehe ich dem Wunsch, dem Verlangen sie zu berühren. Das ist nicht leicht. Zu widerstehen. Sie ist mir ausgeliefert, schutzlos. Ich kann machen, was ich will und wann ich will, jetzt, später, gar nicht. Aber ich will. Ich werde es tun. Ich will spielen.
Ist das gut. Oh, ist das gut. Sich zu beherrschen in Anbetracht der Begierde, des Verlangens. Sie zu beherrschen in Anbetracht ihrer Bereitwilligkeit.
„Bin ich hier, weil ich aussehe, wie ich aussehe?“
Sie will es begreifen, immer noch. Sie scheint sich noch nicht abgefunden zu haben, mit dem Unausweichlichen.
„Nein, es hat damit nichts zu tun. Du könntest auch hässlich sein. Das hat auch seinen Reiz. In gewisser Hinsicht.“
Sie hat wirklich noch viel Kraft und Energie.
„Ich studiere den Zerfall.“
Ich warte und gebe ihr Zeit, es zu verstehen.
„Erst den inneren, dann den äußeren Zerfall. Ab einem bestimmten Zeitpunkt verläuft beides parallel. Das ist sehr interessant. Weil es unterschiedlich ist. Ich habe den Eindruck, dass es etwas mit der psychischen Konstitution zu tun hat.“
Obwohl ich ihre Augen nicht sehen kann, spüre ich deutlich, fast sinnlich das Entsetzen, das sie erfasst. Sie hat es verstanden.
„Ich bin nicht die erste.“
„Und nicht die letzte.“
„Oh, mein Gott.“
„Der wird dir nicht helfen. Der hat noch niemandem geholfen. Der ist auf meiner Seite. Sonst wärst du nicht hier, bei mir. Denn ich bin der Hirte. Ich werde dich weiden und zum frischen Wasser führen. Denn ich bin dein Hirte. Ich bin da. Ich werde für dich sorgen, in der Dunkelheit. Werde dich trösten, wenn du traurig bist.“
Ich drehe mich um und lasse sie damit erst einmal allein.
„Du musst mehr trinken.“
„Sie gehen schon wieder?“ Sie kniet noch immer, jetzt nur noch neben dem Bett, nicht mehr vor mir.
„Trink.“
Das bereitet ihnen den meisten Stress, das Alleinsein. Damit können sie überhaupt nicht umgehen. Es ist nicht die physische Bedrohung. Es sind die elementaren Dinge wie Licht, Zeit, Wasser, Kontakt, Berührungen, Nacktheit. Kommunikation. Gefickt werden oder eben nicht gefickt werden. Und das Gefühl, ausgeliefert zu sein. Hilflosigkeit. Sie hat angefangen sich an alles zu klammern, was Erlösung bietet. Milderung.
Schade. Vollkommen überflüssig. Nutzlos.
Ich ziehe die Tür hinter mir zu. Und schalte die Mikrofone und die Kameras wieder ein. Es wird still.
2.
Sie beobachten mich. Ich weiß es. Ich fühle es. Mit verbundenen Augen. Ich kenne die Dunkelheit, diese Finsternis, die in mir steckt, weil sie mich umgibt, sie steckt in mir, ich weiß es. Ich sehe, dass sie mich beobachten. Weil ich sie schon vorher sehe, rieche, fühle, spüre. Ich weiß, was um mich herum geschieht, ohne es zu sehen. Meine Sinne, auf die kann ich mich verlassen.
„Ich höre dich, Mama. Ich weiß, dass du kommst.“
Das spüre ich. Ich spüre dich Mama. Gleich kommst du. Gleich bist du da. Ja? Du bist gleich bei mir. Ich warte. Ja, ich kann warten. Ich warte auf dich, weil du gleich kommst.
„Hab einfach keine Angst. Ich habe keine Angst. Keine Angst. Angst tötet dich. Überwinde die Angst. Hab keine Angst vor der Angst. Nimm sie auf. Nimm die Angst in dir auf. Werde eins mit der Angst. Lebe sie. Werde zur Angst, spiel mit ihr.“
Mir reicht es schon, wenn ich morgens aus dem Fenster schaue: Umgeben von der bedeutungslosen und lasterhaften Triebhaftigkeit dieser Leute. Sie kommen immer näher. Gefährlich nah. Gefährlich für sie. Freundlich lächelnd und mitteilungsbedürftig. Aber ich habe angefangen, dem ein Ende zu bereiten. Eigentlich ist es immer nur reine Neugierde, wenn sie fragen: „Wie geht’s?“ Das war immer schon so. Sie drängen sich auf. Sie wollen nicht wissen, wie es einem geht, sie wollen wissen, wie viel schlechter als ihnen es einem geht. Ich schaue hinaus und sehe: Umgeben und bedroht von der Unumgänglichkeit des Aufeinandertreffens mit diesen Leuten. Sozialkontakte. Vollkommen asozial. Distanzlos und aufdringlich. Konfrontiert mit der Unmöglichkeit, nicht zu kommunizieren, der Unausweichlichkeit beim Heraustreten aus meiner wohl geordneten Welt, einem homo sapiens zu begegnen. In meiner Welt. Ein Mensch, der mir freundlich einen guten Tag wünscht, und der mich deswegen schon am Arsch lecken kann, weil ich ihm beim Felgenreinigen zuschauen muss, weil er es tut, während ich aus dem Haus komme. Er dringt ungefragt ein in meine Welt. Sie können einfach nicht nichts tun. Sie schaffen es nicht.
„Sie müssen Ihre Hecke mal wieder schneiden.“
Da kann man doch nur beleidigend werden.
Seine Bedeutungslosigkeit in meiner Welt schreit mich an, von der er aber keinerlei Ahnung hat. Er ist aber davon überzeugt, von Bedeutung zu sein und das auch zur Schau stellen will, mit allen Mitteln und einen viel zu kleinen Schwanz hat. Und ich weiß, dass ein einzelner Finger Wunder wirken und eine geschickte Zunge in Ekstase versetzen kann. Und Angst. Angst, nicht zu wissen, wann er kommt, der Schmerz, man aber weiß, dass er kommt.
Selig eingelullt in seiner mich anspringenden und ankotzenden Bedeutungslosigkeit steht er vor mir und sagt: „Guten Tag.“ Kann es schlimmer kommen? Ja. Viel schlimmer sind jene Mitmenschen, die der festen Überzeugung sind und darin auch noch unterstützt werden, sich vom bedeutungslosen Durchschnitt abzuheben und andere an ihrem Leben teilhaben lassen wollen, ob die nun wollen oder nicht. Die kommen dann im Fernsehen. So oder so. Oder im Internet. Die, die sich das anschauen, wollen sich das auch anschauen. Wir treffen jeden Tag Entscheidungen. Jeden gottverdammten Scheißtag.
All das reicht vollkommen aus, um mir bereits früh am Morgen den Tag zu versauen. Und dann wundern sie sich, wenn es passiert. Gestern, heute, jetzt. Immer wieder, und plötzlich fehlt einer. Manchmal ist es nur der Hund oder die Katze vom Nachbarn, die nervt, und dann eines Tages nicht mehr. Eines schönen Tages wache ich auf und niemand nervt mehr. Für eine gewisse Zeit jedenfalls.
Ich habe gelernt, allein zu sein.
„Ich habe doch gerufen, oder? Aber niemand kommt. Ich habe doch gehorcht, bis ich nichts mehr gehört habe. Nur taube und dumpfe Stille. Und ich habe doch geschaut, bis ich nichts mehr gesehen habe. Nur klare, konturenlose Dunkelheit.“
Ich habe gelernt. Ich habe es verstanden. Ich habe gelernt, mit nichts zu leben. Wenn ich rufe und niemand reagiert. Ich habe gelernt mit mir selbst klar zu kommen, meine Geräusche zu lieben. Weil es das einzige ist, das ich höre. Weil es das einzige ist, das ich habe.
Wenn ich nur beleidige, haben sie noch Glück gehabt.
Manchmal sage ich auch einfach nur artig „Guten Morgen“, obwohl ich denke: Fick dich doch selbst ganz doll ins Knie. Sonst mache ich es. Nur wieder einer mehr, der mich am Arsch lecken kann. Aber er steht auf meiner Liste.
Und der merkt das nicht einmal. Macht einfach weiter, geht zur Arbeit und funktioniert. Auch abends vorm Fernseher.
Am besten wäre die direkte, schnörkellose und niederstreckende Rückmeldung, Feedback auf Neudeutsch, via Sprache oder Mimik. Minimalismus. Ich muss noch mehr beleidigen. Keine überzogenen Gesten. Die erzeugen nur sinnlose Bedeutungssucht beim Gegenüber. Obwohl es ja kein echtes Gegenüber gibt. Kein adäquates jedenfalls. Es findet ja strenggenommen kein Gespräch statt, keine Kommunikation, keine zwischen Gleichwertigen zumindest. Denn wie will ich mich mit jemandem unterhalten, der meiner Sprache nicht wirklich mächtig ist? Wie will ich reden mit jemandem, der sich nicht auf einer Ebene mit mir befindet, den ich nicht wirklich wahrnehme, in seinem Sosein, in seiner angenommenen Unscheinbarkeit? Doch ich schreie nicht laut los, beleidige nicht, spucke nicht, trete nicht und ziehe auch nicht ernsthaft den Gebrauch einer Schusswaffe in Erwägung. Oder doch solide Handarbeit? Hammer oder Beil? Nein, gelernt ist gelernt, bleibe ich für diesen Moment friedlich, noch, dem Anschein nach, setzte mich in mein Auto und fahre dem Tag entgegen, der eigentlich nicht wirklich gut weitergehen kann, weil es nicht mein Tag ist. Denn noch bin ich nicht soweit. Nicht konsequent genug. Aber das wird schon noch. Im fahrenden Wagen, nicht dem Auto meiner Sehnsüchte, umschmeichelt dann Musik meiner Wünsche mein angekratztes Gemüt. Doch es ist nur befristeter Balsam. Weil vergänglich. Und irgendwann komme ich dann ja auch an, an einem Ort, an dem ich eigentlich nicht wirklich sein will. Treffe auf Menschen, mit denen ich nicht reden will. Überhaupt finde ich mich zu oft an Orten wieder, an denen ich eigentlich nicht sein will. Die ich jedoch gezwungenermaßen aufsuchen muss, so sind die Spielregeln, dass ich Orte aufsuche, die ich nicht brauche, um offizielle Dinge des Lebens zu organisieren: Nahrung, Kleidung, Behörden und öffentliche Dienstleistungsanbieter und natürlich alle nur erdenkliche Formen anderer Annehmlichkeiten, die moderne Konsumtempel bieten. Ja, und ich gebe mich hingebungsvoll ausschweifenden Kaufräuschen hin, um mit einem ambivalenten Gefühl die Markthallen des Kapitals zu verlassen: Glückseligkeit und das Gefühl, noch nicht alles zu haben, was ich meine zu brauchen. Und all das tue ich auch noch freiwillig. Ja? freier Wille? Ich lebe das falsche Leben, wenn ich den gutaussehenden und sportlich aktiven und fitten Menschen im Fernsehen glauben darf. Dann mache ich alles falsch: falscher Schlaf, falsches Frühstück, falsche Zahnpaste, falsche Kleidung, falsche Frau, falsche Kinder, falsches Auto, falscher Job, falscher Computer, falsche Ferien usw. usw., alles falsch bis hierher.
Aber ich habe sie durchschaut. Ich mache nicht mehr mit. Schluss.
Ich habe aufgehört mitzumachen. Ich mache einfach nicht mehr mit. Und einige andere auch nicht mehr, aber das war nicht ihre Entscheidung, das war meine.
Aus gutem Grund wünschte ich mir bisher gelegentlich nur die Annehmlichkeit einer Insel, oder doch „Die Möglichkeit einer Insel“ (Houellebecq)? Der Gedanke ist nicht neu und schon gar nicht von mir, aber manchmal zwingend notwendig. Was falsch war, bleibt falsch, auch wenn ich es anders mache. Deswegen onaniere ich heute nicht unter der Dusche, sondern nehme mir vor, es heute auch tun zu lassen und heute dafür zu bezahlen. Oder bezahlen zu lassen. Ich muss nur herausfinden, wo man das machen kann. Und ich weiß, dass heute Menschen bezahlen werden, dafür, dass sie mich nerven und genervt haben. Heute ist Zahltag. Ab heute ist jeder Tag Zahltag. Und ich fange hier in diesem Haus damit an. Ich schreibe die Rechnungen und nehme die Zahlungen entgegen.
Ja, das fühlt sich gut an. Meine Hände um deinen Hals. Ihr werdet bezahlen. Und ich werde ihr dabei in die Augen sehen und dabei zuschauen, wie das Lebenslicht aus ihren Augen verschwinden wird, wie das Licht verblasst. Verwirrt, erschrocken, entsetzt, zappelnd um sich schlagend. Aber hoffnungslos. Das Leben wird zu Ende gehen. In meinen Händen.
Heute.
Morgen.
Jeden verdammten Tag, der mir noch bleibt. In meiner Welt. Ich zerre sie in die Dunkelheit und werde sie führen. Ihr Wasser und Nahrung geben. In der Dunkelheit bin ich ihr Hirte. In der Finsternis. Bin ich ich.
„
3.
Wenn die Post kommt, muss ich das Haus verlassen. Ich gehe nicht gern aus dem Haus. Nur, wenn es absolut notwendig ist. Wenn die Post kommt, ist es notwendig, absolut. Und für das Experiment natürlich. Ich bekomme häufig Post. Gegen zehn schaue ich aus dem Fenster, dann kann ich ihn meistens kommen sehen. Der gelbe Wagen fährt auf das Haus zu. Das Haus steht günstig, als wäre ich beim Einteilen der Grundstücke, bei der Ausrichtung des Hauses und bei der Erstellung der Routen der Postler dabei gewesen. Wenn ich aus dem Küchenfenster schaue, habe ich kompletten Einblick in die Querstraße. Ich muss nicht einmal aufstehen, ich sitze so, dass ich aus dem Fenster schauen kann, wenn ich frühstücke oder zu Mittag esse. So habe ich auch die Nachbarn im Auge, wenn sie die Straße überqueren und sich über den neuesten Tratsch austauschen. Es ist grauenhaft zu sehen, wer wen besucht und vor allem wann, also wer wen, wann besucht, wenn der eine oder andere nicht da ist. Kaum dass ich ihnen den Rücken zukehre, weiß ich, dass sie über mich reden. Sollen sie doch reden. Sie können mich alle am Arsch lecken. Seit Mutter weg ist, haben sie noch mehr zu reden. Ich gebe ihnen, was sie brauchen. Jeder bekommt das, was er verdient.
Sie sind ja nur Marionetten in meinen Händen, sie tun, was ich will, laufen durch meine Inszenierung. Willenlos und mitunter kopflos. Ha.
Ich sehe das Postauto, wenn es in die Straße biegt, sofort. Dann stehe ich auf. Ich gehe in den Flur, schiebe den schweren, dunklen Vorhang etwas beiseite und gehe weiter zur Haustür. Ich schließe sie auf, öffne die Tür und gehe hinaus. Hinter mir ziehe ich die Tür wieder zu. Ich überlege kurz, ob ich abschließen soll. Gehe dann aber los. Bis ich am Gartentor bin, hat der Wagen gehalten und der Mann in gelb und blau ist ausgestiegen. Es ist ein Paket. Für mich. Er kommt zielstrebig auf mich zu. Ich fange die Post und deren Überbringer immer vor dem Grundstück ab. Normalerweise kommt niemand auf das Grundstück. Es ist abgeschlossen. Meine Welt. Mein Reich.
„Hier kommst du nicht rein“, flüstere ich und kichere, „nicht hier rein zu mir. Ich bin Nichts. Hier bekommst du mich nicht. Hier findest du mich nicht. Hier in meinem Kopf. Kommst du nicht rein. Du nicht. Der gehört mir. Das ist meine Welt. In der findest du nur da, was ich zulasse, was ich erlaube, was ich will, dass passiert ist und wie es passiert ist Ich kann es mir so vorstellen, wie ich es will. In der Dunkelheit.“
Denn ich liebe die Dunkelheit. Ich liebe das Dunkle. Dort lauere ich und warte. Dort warte ich in der Dunkelheit. Warte bis es vorbei ist. Höre nur die Geräusche um mich herum, und wenn da keine sind, höre ich die Geräusche in mir drin. Lausche auf das, was sie mir sagen.
Er lässt mich wieder allein. Aber das kann er gar nicht, mich allein lassen. Ich bin bei mir. Ich hüte mich, ich weide mich, ich führe mich. Ins Nichts. Dort, wo er mich nicht hinführen kann.
„Guten Morgen!“, ruft er mir entgegen.
„Woher wissen Sie, dass es ein guter Morgen ist?“, frage ich, ohne dass er es hören kann.
Er sieht, dass ich etwas sage, und schaut skeptisch, aber er lächelt. Er lächelt, weil er glaubt zu wissen, wen er vor sich hat. Als Zusteller begegnet man sicher einer Menge merkwürdiger Menschen. Zu allen muss er freundlich sein.
Seine offen zur Schau gestellte gute Laune kotzt mich sofort an. Ich mag freundliche Leute nicht, weder bekannte noch unbekannte freundliche Leute. Wenn Leute freundlich sind, dann wollen sie, dass man zu ihnen auch freundlich ist, oder sie führen etwas im Schilde, man soll ihnen einen Gefallen tun, oder irgendetwas hintertrieben Hintergründiges für sie machen. Eigennutz. Ohne eigenen Nutzen läuft da gar nichts. Kindergartengerechtigkeit. Und dann sind sie überrascht, wenn man ganz anderes reagiert, wie sie es erwarten. Überhaupt, Erwartungshaltungen kotzen mich besonders an. Gibt es eigentlich dafür schon einen Verein? „Verein für die Förderung und Pflege von Erwartungen“. Und dann diese Nachbarn. Seit Tagen geht das schon so. Unangenehme Fragen, merkwürdige und neugierige Blicke. Schrecklich. So kann ich nicht arbeiten. Ich brauche meine Ruhe, viel Ruhe. Aber irgendwie habe ich das ja auch provoziert. Ich muss kichern. Der Postbote schaut mich komisch an. Hat er was gemerkt? Muss ich ihn herein bitten? Ich schaue ihn an. Nein. Ich lass ihn gehen. Aber nicht, weil er vermutlich ein führsorglicher Vater und Ernährer ist. Von wegen, du verficktes Schwein. Eine der vielen Hausfrauen, die ihm auf seiner Route die Tür öffnen, um Post entgegen zu nehmen, wird es ihm schon außerehelich besorgen. Oder er es ihr. Dreckschweine, verfickte. Ficken ist Macht. Ist das schön. Ich lächle.
Und er fühlt sich aufgefordert, ebenfalls zu lächeln. Ob er doch mit rein muss?
Seit Mutter weg ist, habe ich wenigstens im Haus meine Ruhe. Aber die Leute sind neugierig, oder doch schon misstrauisch? Was bilden die sich eigentlich ein? Haben die kein eigenes Leben?
„Ein Paket für Herrn Larsen“, fügt der Mann von der Post überflüssigerweise auch noch hinzu.
„Tatsächlich?!“ Als wüsste ich nicht, wer ich bin, und dass das Paket für mich ist. Ich bekomme viele Pakete.
Er schaut irritiert auf das Paket. „Ja“, sagt er sehr freundlich und lächelt mich schon wieder an. „Langstraße 3.“ Er schaut an mir vorbei und findet seine Annahme, dass es sich bei der genannten Adresse um das Haus handelt, vor dem er sich befindet, bestätigt. Er nickt zufrieden und geht davon aus, dass er Herrn Larsen vor sich hat. Das bin ich.
„Ich kenne Sie nicht“, sage ich. Er kotzt mich nicht nur an, ich hasse ihn jetzt schon und vermerke ihn auf meiner internen Liste all derer, die mich richtig am Arsch lecken können. Sie wird Tag für Tag länger. Ich bin schon nicht mehr entsetzt darüber, wie leicht es den Menschen fällt, hassenswert zu sein und auf meine Liste zu kommen. Das ist keine Ehre. Früher einmal hat es mich noch entsetzt, heute nicht mehr. Da bin ich tolerant. Wir alle müssen uns verändert können. Flexibel sein.
„Mein Kollege ist krank“, antwortet er und reicht mir das Paket. „Sie sind Herr Larsen?!“
„Ihr Kollege wusste das.“
„Nächste Woche wieder.“
„Wenigstens sind Sie pünktlich.“
Er schaut mich an, als wollte er sagen, was er denkt, überlegt es sich dann aber anders. Ich habe damit keine Probleme. Zu sagen, was ich denke, meine ich. Er aber meint noch immer freundlich bleiben zu müssen. Ich habe nur noch Mitleid für ihn übrig. Ich wünsche ihm nicht einmal, dass ihm seine Frau am Abend schön einen bläst, nicht einmal das.
„Auf Wiedersehen“, sagt er und wünscht mir sogar noch einen „schönen Tag“, dann dreht er sich um und geht.
„Wichser“, zische ich hinter ihm her. Und ich sehe, dass er mich gehört hat, aber wahrscheinlich meint er, nicht richtig verstanden zu haben. Oder er meint, dass er nicht richtig verstanden haben kann, weil es eigentlich absolut keinen Grund dafür gibt, dass ich ihn beleidige. Seinen Körper durchzuckt ein kurzes Zögern, dann geht er weiter. Ich meine, dass er den Kopf schüttelt, ja ich sehe es, ich sehe, wie er mit dem Kopf schüttelt. Das kommt nicht vom Gehen. Er schüttelt den Kopf über mich, auch wenn er mir eigentlich Sachen sagen will, die er mir nicht sagen darf, solange er seine Uniform an hat. Er könnte mir aber abends mal irgendwo auflauern. Ja, das ist alles möglich.
„Ignorant.“
Ich drehe mich um und will schon zurück zum Haus gehen, da sehe ich eine der Nachbarinnen. Sie winkt, als sie sieht, dass ich sie gesehen habe. Ich hebe den Arm und winke mit gestrecktem Mittelfinger zurück.
„Miststück!“
Sie lächelt. Sie meint mich zu kennen. Schön. Schönen Tag, wünsche ich. Hoffentlich nerven die heute nicht wieder. Seit Mutter weg ist, klingeln die ständig und fragen nach ihr. Lästig. Erst wenn man weg ist, wird man interessant, oder was? Oder denken die doch schon, dass ich ein Hinterbliebener bin? Vielleicht muss ich später mal wieder Kasperletheater spielen. Wird vielleicht doch mal wieder Zeit. Damit sie was zu sehen und zu reden haben. Und die Fresse halten. Das müssen sie noch lernen: die Fresse halten.
„Alte, kleine Hexen, alle zusammen.“
