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„Meine Geburt fing mit einem Faustschlag an. Den gab es bereits im Mutterleib. Jedenfalls blutete ich auf der Nase, als ich das Licht der Welt erblickte.“ Die Hebamme wollte nach der Geburt nach Hause gehen, als sich noch ein Kind unerwartet ankündigt. Statt der Nachgeburt kommt Greta auf die Welt. Auch der weitere Lebensweg ist wenig harmonisch. Lügen, Streit, Neid und die aufgezwungene Enge in der Zwillingsgemeinschaft belegen Kindheit und Jugend mit Düsternis.
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Seitenzahl: 230
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Dieser Roman basiert auf einigen Erlebnissen meines Lebens. Darüber hinaus ist jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen sowie realen Geschehnissen rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Prolog
Eigentlich wollte man mich wegschmeißen
Einschulung im April
Opas Tod
Geheimnisse
Nachbarschaft
Mein Zuhause
Weihnachten in den 50ern
Milch gänzlich unkontrolliert
Pfichten ohne Freiheit
Das Fernsehen 1957
Schlachtfest, Taschengeld und Kloppe
Konfrmation
Sommer in Ostfriesland
Noch nicht erwachsen
Männer
Tatort Waschküche
Der liebe Gott sieht alles
Vergaloppiert
Musik fürs Leben
Schicksalsreise
Mein Mann der Säufer
Nie mehr allein
Pitt – endlich der Richtige
Beruf und Berufung
Es ist noch nicht das Ende
Muttis 80. Geburtstag – Verwandt mit Königs?
Abschied aus dem Knast
Der unwürdige Tod
Epilog
Zwei Schwestern, die im Krieg geboren wurden und der Krieg zwischen beiden niemals aufgehört hat. Der Kampf begann bereits im Mutterleib. Enge und ärmliche Verhältnisse trugen mit dazu bei, als sie auf der Welt waren. Die Ohnmacht, Kinder richtig zu erziehen, das Unwissen und die Hemmnisse es zu erkennen, brachte oftmals das Fass zum Überlaufen. Prügelstrafen, Hausarrests und Verbote waren an der Tagesordnung und führten kaum zum Ziel. Kleinbürgerliches Moralempfinden erstickte spontanes und freudvolles Leben meist schon im Keim. Aus der Reihe tanzen wurde nicht toleriert. Alle mussten in der Familie gleich sein. Keine eigene Identität wurde zugelassen. Schon gar nicht für Zwillinge. Vieles spielte sich im Verborgenen ab. Kein sich mitteilen, wenn Probleme den Alltag belasteten. Ich war allein. Kein Verständnis, keine Umarmung, kein Aufmuntern, nur Kritik. Eine fast freudlose Kindheit, wenn man nicht die Gabe hatte, in kleinen Dingen ganz großes zu sehen. Selbstvertrauen musste ich mir selbst hart erarbeiten, ohne dass die Familienmitglieder es merkten. Auslachen, den anderen lächerlich machen, um von sich selbst abzulenken, den anderen dabei in die zweite Reihe schieben, war das Talent des einen Zwillings – meiner Schwester. Angst vor Konkurrenz, Angst, nicht die Erste zu sein, Angst, nicht die Schönste zu sein, Angst, nicht die Beste zu sein. Entsetzliche Angst davor, dass alles mal raus käme, was niemand jemals erfahren sollte. Neid, wenn der andere Zwilling, ich, besser war oder mehr hatte, was immer es auch sein mochte. Ich schwieg zu all dem. Auch zu den schlimmsten Dingen, die mir auf der Seele lagen. Das hat auch Schlimmeres verhindert.
Eigentlich hob man alles auf, wer wusste schon, ob man es jemals wieder bekommen könnte. Es war Krieg und alles war so sinnlos. Meine Geburt fing mit einem Faustschlag an. Den gab es bereits im Mutterleib. Jedenfalls blutete ich auf der Nase, als ich das Licht der Welt erblickte. So erzählte man es sich beim Kaffeekränzchen mit Verwandten und Nachbarn. Wahrscheinlich wollte ich zuerst raus. Mir war es dort zu eng, wo ich gerade war, denn das andere Wesen neben mir war doppelt so dick und nahm mir die Luft weg. Das andere Wesen gewann den Kampf. Plötzlich hatte ich Platz. Ich genoss noch kurz den großen Raum und machte mich dann auf den Weg. Man wartete draußen nicht auf mich, sondern auf die Nachgeburt. Der Arzt war schon gegangen und die Hebamme geriet plötzlich in Panik. Sie rannte aus der Wohnung, den engen Gang zur Straße entlang und schrie dem Arzt hinterher: „Da kommt noch eins!“ Ich rutschte unerwartet nach. Ungewollt und doch da. Eine Nachgeburt mit beweglichen Armen und Beinen und schreiend.
Der frühe Morgen brachte doppeltes „Glück“. Ratlos und auch ziemlich fassungslos standen Arzt und Hebamme mit Oma und Opa im Schlafzimmer von meinen Eltern herum. Da stand das dunkelbraune Doppelbett mit den dreiteiligen Matratzen und der weißen Bettwäsche. Links und rechts die Nachtschränke und Platz neben den Betten für viele Kindskieker. Der alte braune, dreitürige Kleiderschrank gegenüber verdunkelte das Zimmer zusätzlich. Es war noch früher Morgen an diesem Septembertag. Mein Vater war nicht da. Er kämpfte für das Vaterland an der Ostfront. Genau wusste es keiner. Meine Mutter und er hatten sich 1943 im Bahnhofshotel kennengelernt. Meine Mutter, Kaltmamsell in der Hotelküche, folgte einer entlaufenen Katze, die sich zu den Soldaten in die Empfangshalle flüchtete. Mein Vater fing die Katze ein und übergab sie meiner Mutter. Die Verlobung folgte Ende 1943 im Hause von Oma und Opa. Heirat März 1944 in Neumünster. Kein Hochzeitskleid, keine kirchliche Trauung. Der Abmarschbefehl bestimmte die Feier. Er wusste, dass Nachwuchs erwartet wurde. Wenn es ein Mädchen werden würde, sollte es Berta Marie heißen und ein Junge Gerald. Nun waren da zwei Mädchen. Ich habe den ganzen Plan durcheinander gebracht. Bin gerade auf der Welt und verursache schon Chaos. Welchen Namen wollten sie mir geben? Es fiel ihnen kein ähnlich klingender Name ein. Ich war nun mal die Zweite. Was würde passen? Lange hat man wohl nicht überlegt.
Greta war geboren. Wie einfallslos. Wie unpassend oder doch passend? Schließlich waren wir Zwillinge. Ähnlich klingende Namen wären hier doch angebracht gewesen. „Heidemarie, Annamarie, Anneberta, Geraldine“ hätten mir auch gefallen. Aber so ein ganz anderer Name. Wie könnte man ihn abwandeln? Mit „i“ am Ende? Wie klein! Niedlich wollte ich nun wirklich nicht sein. In der Straße waren wir eine Sensation. Zwillinge, das war was. Wir sahen beide gleich aus, nur die Erstgeborene hatte doppeltes Gewicht, während ich mit streichholzdünnen Fingern nach dem Leben griff. Alle waren froh darüber, dass während der Niederkunft meiner Mutter keine Luftangriffe stattfanden. Die kamen aber später über andere Stadtteile. Gegenüber auf der anderen Straßenseite von Omas und Opas Haus war in einem Mädchenheim ein Luftschutzraum. Dicht gedrängt zwischen all den Menschen standen die Kinderwagen mit schreienden Babys. Angeblich sollen wir beide immer ruhig gewesen sein. Wahrscheinlich, weil der Fußboden des Kellergewölbes bei den Bombeneinschlägen vibrierte.
Im Oktober 1944 wurde versucht, die Eisenbahnstrecke Hamburg-Kiel durch Bomben zu zerstören. Der nördliche Teil der Stadt wurde getroffen, nur die katholische Kirche in der Nähe der Bahngleise nicht. Der nächste Angriff erfolgte Anfang November 1944 wieder im nördlichen Teil. Es starben viele Menschen. Die Anscharkirche in der Christianstraße wurde teilweise zerstört. Die meisten aus unserer Straße flüchteten zum Friedhof oder suchten Schutz in den Luftschutzräumen. Im Winter 44/45 blieben die Luftangriffe aus. April 1945 ging es wieder los. Die Stadt wurde mehrmals gnadenlos bombardiert. Brachenfeld und Umgebung und auch unsere Straße blieben verschont. Es war eines dieser kleinen alten Fachwerkhäuser aus dem Jahre 1850, das Oma und Opa gehörte mit einem großen Versorgungsgarten mit verschiedenen Obstbäumen, Strauchfrüchten, Gemüsesorten, Kartoffeln und Hühnern. Ganz hinten im Garten war der Brunnen mit Wasserpumpenschwengel. Den nutzten viele Nachbarn, wenn das Wasser mal wieder knapp wurde. Im Haus wohnten noch Onkel Otto mit seiner Frau Agnes und den Söhnen Günther und Hans-Otto und Tochter Helga. Hans-Otto wurde einen Tag nach der Hochzeit meiner Eltern geboren. Ich fragte in späteren Jahren bei meinen Eltern nach, ob sie damals nicht neidisch auf Onkel und Tante waren, zumal sie einen Tag vorher geheiratet hätten. Sie hätten doch das Kind vom Klapperstorch kriegen müssen! Oder? Das Kind hätte ihnen doch zugestanden.
Helga und Günther waren die älteren Geschwister von Hans-Otto. Die drei Kinder hatten oben im Dachgeschoss zum Hof raus zwei ausgebaute Räume zum Schlafen mit Waschgelegenheit. Nach vorne oben zur Straße hin die Einzimmerwohnung mit Küche war vermietet. Toilette im Hausflur unten. Toilettenpapier bestand aus ordentlich gerissenen Rechtecken aus alten Zeitungen oder aus roten Spitztüten vom Kaufmann. Saugfähiges Papier wurde nie weggeworfen, sondern in der Kammer auf einem Stapel fein säuberlich und glatt gestrichen aufbewahrt. Die einzelnen Zettel spießte man dann in Reichweite auf einen Nagel in dem Toilettenverschlag auf. Oberhalb der jeweiligen Schüsseln, der Wasserbehälter mit Zugketten und weißblauen Keramikbommel. Die Wohnung zum Hof hatten meine Eltern, zwei Zimmer Südseite, Küche mit Eingang vom schmalen „Knüppelgang“ zwischen den Häusern, Kammer, Plumpsklo genannt „Tante Meier“ auf dem Hof, im Stall, ohne Licht. Taschenlampe war mitzunehmen. Im Wohnzimmer vor dem Fenster befand sich ein brauner Rauchtisch und links und rechts davon je ein weinroter Plüschsessel mit offenen geschwungenen, schmalen Holzlehnen. Der Sesselrücken hatte in breiten Abständen zwei farblich passend aufgenähte Kordeln, die ein wenig Verzierung brachten. An der Außenwand zum schmalen Gang stand ein schwarzbrauner halbhoher Wohnzimmerschrank Hochglanzlack mit Schiebetüren, in der Mitte ein Fach verglast, Sichtfenster für das gute Geschirr. Alle Türen waren mit einem schmalen Messingband umrandet. Er hatte schräg nach außen stehende runde dünne Beine. Der Fußboden bestand aus dicken Holzbohlen, die dunkelrot gestrichen waren. Unten drunter war Sand. Inmitten des Raumes befanden sich ein großer, runder, dunkler Holzesstisch und vier Stühle; Rückenlehnen, die in Wellen unterbrochen waren, gepolsterte Sitze im roten robusten Blumendruckmuster zum Herausnehmen. Ein halbhoher Kachelofen an der Wand zur Küche wärmte das Wohnzimmer. Links zur Schlafzimmertür stand die mechanische Singer Nähmaschine auf einem verschnörkelten imposanten Eisengestell. Sie war ständig in Benutzung. Es war ja immer etwas kaputt. Gardinen in Weiß, wie selbst gehäkelt. Nach vorne von der Straße aus gesehen links lebten Oma und Opa. Im ganzen Haus nur kaltes Wasser. Opa saß im Rollstuhl. Er konnte sich mit seinem Stock nur mühsam fortbewegen. Seine Gehbehinderung war die Folge einer Kinderlähmung.
Während des Krieges kam überfallartig die Gestapo in das Haus. Opa wurde festgenommen und mit aufs Revier geschleppt. Panische Angst und Unfähigkeit, etwas zu sagen, machte sich breit. Keiner von ihnen wagte, etwas entgegenzusetzen. Alle bangten um ihn, denn mittlerweile war vielen bekannt, was die regierende Partei tat. Opa gehörte der SPD an und war somit Staatsfeind. Er war doch Ernährer der Familie und zu Hause selbstständig mit seiner Zigarrenmacherei. Versteckt zwischen Obst und Gemüse im Hausgarten wurde auch Tabak angebaut.
Opas Schwester Alwine hatte Kontakt zur Nazi-Partei. Ihre Schwägerin Käte, Schwester von Alwines Ehemann Klaus, war mit einer Nazi-Größe verheiratet. Wenn sie durch die Straßen spazierten, nutzten sie nie den Bürgersteig, sondern gingen mitten auf der Fahrbahn. Schließlich zählten sie zu den „Herrenmenschen“. Sie kamen nie zu den Großeltern ins Haus. Man hatte kaum Kontakt. Aber nun versuchte die Familie, über Käte verdeckt und heimlich, etwas zu erreichen. Es verging eine bange Zeit. Opa kam wieder frei. Wieso und warum, darüber wurde nie gesprochen. Die Angst ließ alle verstummen. Auch innerhalb der Familien. Man wusste ja nie. Von alledem habe ich bewusst nichts mitbekommen. Schließlich lag ich mit meiner mopsigen Zwillingsschwester zusammengepfercht in einem Kinderwagen.
Unseren Vater lernten wir erst viel später kennen, da konnten wir wohl schon laufen. Papa kam aus der Kriegsgefangenschaft aus Frankreich. Zuvor war er an der Ostfront gewesen und mit seinem Lungendurchschuss ausgeflogen worden, bevor alles dicht war.
Opa fuhr nach dem Krieg mit uns beiden, links und rechts von seinen Beinen auf seinem Rollstuhl sitzend, nach Gadeland. Er wollte sich das Ausmaß der fürchterlichen Bombardierung ansehen. Sein Rollstuhl hatte hinten zwei große Räder, worauf sich ein Holzgestell befand, wie ein Sessel gefertigt. Für seine ausgestreckten Beine war ein langes Holzteil auf einem kleineren beweglichen Speichenrad angebaut. Bewegt wurde das Ganze mit einer Vorrichtung vor und zurück mittels beider Arme. Opa hörte plötzlich ein Flugzeug. Er bekam Panik. Seine Armbewegungen wurden hektisch und er dirigierte seinen Rollstuhl direkt in den angrenzenden Knick am Rande des Weges. Wir kippten um und landeten im Graben. Die Schrecken des Krieges saßen ihm immer noch in den Knochen. Gott sei Dank mussten wir nicht lange so verharren. In diesen Tagen suchten stets viele Leute nach Knickholz oder Essbarem am Wegesrand oder auf den angrenzenden Feldern. Sie packten gleich an und befreiten uns aus dieser misslichen Lage. Ich muss ungefähr drei Jahre alt gewesen sein und habe dieses Bild immer noch vor Augen. Wenn Flugzeuge den Himmel laut kreuzen, werde ich anhaltend an diesen Moment erinnert, nur ziehe ich heute nicht mehr meinen Kopf ein. Das war mein erstes großes Erlebnis, woran ich noch heute denke.
Die gröbsten Arbeiten wurden im und am Haus von den Frauen erledigt. Sie waren alle unversehrt und nicht wie die Männer gezeichnet. Da lag die Wäsche der kleinen Kinder, die Windeln aus alten Nachthemden, Unterhemden oder dünnen Laken zurechtgeschnitten, die Deckchen und Unterlagen der Kinderwagen neben all der anderen Wäsche der vielen Erwachsenen im Haus. Anzuziehen hatte man nicht so reichlich. Geld war nicht vorhanden. Man sah sich vor. Die Frauen trugen Kittelschürzen, statt Kleidern, Rock und Bluse, die Männer in Arbeitsbekleidung. Die Wäsche wurde montags in der Waschküche auf dem Hof gewaschen. Die Familien wechselten sich mit den Zeiten ab, je nachdem, wer am meisten zu waschen hatte. Aber so ging es ja vielen. Es fiel nicht weiter auf.
Opa konnte nicht laufen. Papa war oft nicht da, weil er auf Arbeitssuche war. Onkel Otto hatte epileptische Anfälle. Er wurde während des Krieges an einem Gehirntumor operiert und das waren die Folgen. Agnes machte jeden Tag gründlich sauber. Sie wischte und feudelte, was das Zeug hielt. Sie war besonders penibel mit ihren Sachen. Otto fegte oftmals den Bürgersteig. Man hielt das Haus sauber. An meine Eltern habe ich, bevor ich sechs Jahre alt wurde, keine Erinnerung. Es waren zu viele Personen im Haus, sodass ich mir darüber wohl keine Gedanken gemacht habe. Oma und Opa habe ich noch stark im Gedächtnis. Opa schwarzes Haar und Oberlippenbart. Oma schwarzes Haar mit Knoten im Nacken und weite Kleider tragend, weil sie ziemlich rundlich war. Sie saß ständig an der Nähmaschine oder hatte Handarbeiten auf dem Schoß. Ich muss wohl noch nicht ganz sechs Jahre alt gewesen sein, da fiel mir meine Mutter auf, die auch so dick war und auch Tante Hilda. Ich fragte nach: „Warum seid ihr alle so dick?“ „Das ist nun mal so, wenn man älter wird“, war die Antwort meiner Mutter. Mein Vater hatte für mich bis dahin kaum Bedeutung. Er war morgens schon weg, wenn wir aufstanden, und kam abends spät wieder. Wir bekamen ihn selten zu Gesicht.
1950 wurde der Film „Das doppelte Lottchen“ in den Kinos vorgestellt. Neumünster lud alle Zwillinge zur ersten Vorführung ins „Capitol“ ein. Meine Mutter hatte uns knallrosa Mohairpullis gestrickt, dazu einen dunklen Rock genäht. Die üblichen weißen Kniestrümpfe und die braunen Schnürstiefel mussten wieder herhalten. Weil wir so auffielen mit unseren langen dunklen geflochtenen Haaren, den hellen blaugrünen Augen und dem rosa Pulli, setzte man uns in die erste Reihe. Es waren viele Fotografen da. Mein erster Film im Kino. Bloß wusste ich gar nicht, was ein Film war! Es hat mir auch niemand erklärt. Ich hing mehr im Kinosessel, als das ich saß. Meinen Nacken hatte ich auf die Rücklehne gelegt, sonst konnte ich das Geschehen auf der großen Wand, wo an den Seiten riesige Vorhänge hingen, nicht überblicken. Wir waren viel zu dicht dran. Ich verstand auch nicht, wieso die da oben alle spielten und was da so vor sich ging. Ich habe hinterher meine Freundin Wilfriede gefragt. Sie wusste so viel, weil ihre Mutter ihr immer alles erklärte, ohne dass sie vorher fragen musste. Der Film gefiel mir gar nicht. Ich hatte ihn deshalb auch bald vergessen.
Bei uns zu Hause lief alles anders ab. Im Oktober 1950 spielten wir Kinder, Cousin und Cousinen und Freundin Wilfriede auf dem Hof hinter unserem Haus. Papa war da. Keiner von uns durfte ins Haus. Grau und düster zeigte sich dieser Tag; es war bereits kalt draußen. Aus den Schornsteinen der angrenzenden Häuser stieg dichter Qualm auf, es roch nach verbranntem Holz und nach getränkten Eisenbahnschwellen. Auf unserem Stall war ein künstlicher Klapperstorch angebracht. Man erzählte uns, es sollte ein Baby geboren werden und dieser Storch würde dem richtigen Storch den Weg zeigen. Wir Kinder glaubten es. Ich beobachtete ganz genau den Himmel, um den richtigen lebendigen Storch zu erblicken. Plötzlich hörten wir Babygeschrei aus dem Schlafzimmer meiner Eltern hinten zum Hof hin. „Ich habe gar keinen Klapperstorch gesehen!“, wunderte ich mich. „Wie ist der wohl ins Haus gekommen und wo ist er jetzt?“ Unser Vater kam aus dem Haus und erzählte uns Kindern, dass wir eine kleine Schwester bekommen hätten. Ich fragte gleich nach: „Ich habe keinen Storch gesehen. Wie ist der denn ins Haus gekommen? Und wie hat er das Baby gebracht? Im Schnabel?“ „Der Storch? Ja, der Storch, der ist wohl durch den Schornstein geflogen.“ Erleichtert über seine Eingebung ging Papa wieder zurück ins Haus. Am Fenster wurde uns dann später das Baby kurz gezeigt. Wir mussten alle noch draußen bleiben. Mit unseren schmutzigen Gummistiefeln, die wir im Herbst draußen zum Spielen trugen, hätten wir sowieso nicht ins Haus gedurft. Abends holten Oma und Opa uns Zwillinge zu sich in ihre Wohnung. Dort blieben wir dann ein paar Tage, bis unsere Mutter sich erholt hatte. Sie musste das Bett hüten, weil der Klapperstorch in ihr Bein gebissen hatte, als er die kleine Schwester brachte. Ich war ganz schön wütend auf den Storch. An einem Tag, als viele Nachbarn kamen, um die neue Erdenbürgerin zu begutachten, durften wir auch gucken. Ein Baby, nichts Besonderes. Ich empfand nichts. Ich hatte schon öfters Babys gesehen. Folgerte aber nicht daraus, dass das Baby jetzt ständig da sein würde. Es war ein neues Familienmitglied. Tante Hilda kam eines Tages auch mit ihrem kleinen Baby vorbei. Meine Mutter und sie waren nicht mehr so dick. Komisch, aber das Geschrei meiner kleinen Schwester lenkte mich ab, sonst hätte ich wohl gefragt. Meine Mutter lag noch immer im Bett und hatte dicke Handtücher auf ihrem Oberkörper liegen. Tante Hilda nahm Ingrid, so wurde die Kleine genannt, auf ihren Arm, knöpfte ihre Bluse auf und holte was weißes Dickes hervor und schob es der Kleinen in Kopfhöhe entgegen. Sie war still, schrie nicht mehr. Ich staunte. „Wie hast du das denn gemacht und was war das, was du da eben rausgeholt hast?“ Tante Hilda fing an zu lachen: „Das macht man eben so.“ Irgendwie war ich nicht zufrieden. Das würde ich schon rausbekommen. Vielleicht weiß Wilfriede von nebenan mehr.
Von da an hatte ich nicht mehr so viel Zeit, um mit meiner Freundin zu spielen. Roberta, so nannte ich Berta Marie, weil sie immer so roh zu mir war, und ich mussten immer mithelfen, den Haushalt zu führen. Die Kleine regelmäßig spazieren fahren in ihrem cremeweißen ovalen Kinderwagen mit den kleinen Tellerrädern. Jetzt waren wir nicht mehr zu zweit, sondern immer zu dritt. Die Kleine war immer und überall dabei. Die Tafel Schokolade, die Onkel Walter uns manchmal mitbrachte, würde irgendwann nicht mehr durch zwei geteilt werden, sondern durch drei. Ich hatte nie eine für mich ganz alleine. Im Schlafzimmer unserer Eltern standen die beiden Ehebetten nebeneinander und daneben das Kinderbett mit Ingrid. Wir Zwillinge schliefen in dem einen Bett in Reichweite von Ingrid und die Eltern in dem anderen. Ich lag dicht am Elternbett und bekam doch einiges mit, konnte es aber nicht deuten, warum mein Vater meine Mutter immer so quälte und sie so unterdrückt stöhnte. Ich versuchte krampfhaft einzuschlafen, damit ich nichts mehr hörte. Es klappte aber nicht immer. Fragen wollte ich auch nicht. Durchschlafen konnte ich auch nicht mehr. Die Kleine schrie oftmals nachts. Es war stets sehr unruhig im Zimmer mit fünf Personen. Ich fing an, mein kleines unerfülltes Leben zu hassen. Ich würde so gerne spielen, toben oder sonst was machen und nicht immer auf andere Rücksicht nehmen.
Eine schreckliche Zeit haben wir mit Keuchhusten zugebracht. Wir zwei haben ständig um die Wette husten müssen. Es hat fürchterlich weh getan. Fast drei Monate hielt dieser Husten an. Bevor wir in die Schule kamen, hatten wir alle im Haus Würmer. Es gab Medikamente in der Größe einer weißen Bohne, die ich stets mit eingeweichtem Zwieback einnahm. Ich konnte sie sonst nicht runterschlucken. Außerdem legte mein Vater abends in die heiße Asche des Kachelofens Schalotten zum Essen hinein. Die wurden dann ganz weich und waren lecker. Angeblich sollten diese Zwiebeln die Würmer vertreiben. Mein Cousin Hans-Otto war schlimmer dran. Er hatte einen Bandwurm. Kopfläuse hatten wohl alle Kinder nach dem Krieg. Von Masern, Windpocken und Mandelentzündungen blieben wir auch nicht verschont.
Es war kalt draußen und früher Morgen. Dächer und Erde waren mit leichtem Schnee wie mit Puderzucker überzogen. Meine Mutter hatte uns fein gemacht. Das erste Mal, dass wir teilweise verschiedene Kleidungsstücke trugen. Beide die gleiche von Mutti genähte anthrazitfarbene Stoffjacke, einreihig mit großen Knöpfen, dazu ein leicht am Bund gekräuselter Rock. Roberta in derselben Farbe wie die Jacke und ich den Rock in einem hellen Grau. Dazu weiße Kniestrümpfe und eine Nummer zu große braune, knöchelhohe Schnürstiefel. Die dunklen Haare zu Zöpfen geflochten und dann mit einem Gummiband zu Affenschaukeln hochgebunden. Oben auf dem Kopf eine Tolle mit einem Kamm drinnen nach rechts eingeschlagen. Alles aus dem Gesicht raus. Ganz stolz waren wir auf unsere glänzenden Schultüten mit einem großen Abziehbild vorne drauf und oben farbiges Krepppapier zum Zubinden. Süßigkeiten und Malstifte waren darin. Einen Schulranzen in brauner genarbter Pappe auf Leder getrimmt - er roch auch so - versehen mit einem Überwurf und zwei Schnappverschlüssen. An einem Band hingen Schwamm und Lappen seitlich heraus. Im Ranzen eine Schiefertafel und Griffel in einem hölzernen Griffelkasten.
Aufgeregt schnatternd mit all den anderen Kindern aus der Straße, die ebenfalls eingeschult wurden, gingen wir mit den Eltern, Omas und Opas oder Tanten den kurzen Weg zur Schule. Es war die Timm-Kröger-Schule, vorher Peter-Schule. Der Eingang zum Schulhof war von der Brachenfelder Straße aus und der Hof reichte bis zur gegenüberliegenden Holstenstraße. Aber auch ein kleiner Weg führte von der Peterstraße dort hin. Der Schulhof war voller Kinder und Erwachsener. Es wurden allein an dieser Schule über 160 Erstklässler eingeschult. Wir Kinder mussten uns vor dem Eingang des Schulgebäudes versammeln und wurden dann nach Klassen mit Namen aufgerufen. Ordentlich, jeweils zu zweit hintereinander betraten wir dann klassenweise das Schulgebäude. Eine kurze breite Treppe führte uns in einen großen breiten Flur, wo viele Türen links und rechts abgingen. Meine Klasse war gleich im Erdgeschoss rechts und dann ganz hinten links. Drei große Fenster zur Brachenfelder Straße. „Oh, sind die groß! Fast wie in einer Kirche“, dachte ich voller Bewunderung. Ganz rechts im Raum stand ein riesiger dunkler Kachelofen. Links davon hing an der Wand eine große grüne Tafel, die aufgeklappt werden konnte. Ganz dicht davor etwas zum Fenster hin, Tisch und Stuhl für die Lehrerin. Dann drei Reihen Bänke mit angebautem schrägem Tisch daran. Sie reichten bis zur hinteren Wand in sieben Reihen. Wir waren über 40 Kinder in der Klasse. Ich saß mit meiner Schwester in der ersten Reihe direkt neben dem Ofen ganz außen rechts. Wir waren nicht die einzigen Zwillinge. Ein Pärchen sah sich nicht ähnlich. Sie hatten verschiedene Haarfarben und waren unterschiedlich groß. Die anderen beiden sahen sich etwas ähnlich. In der Klasse war auch meine Freundin Wilfriede von nebenan. Marlies, Veronika, Monika, Arnhild, Maren, Margot und eine von den Appel-Kindern, alle aus unserer Straße. Vom Großflecken Ute, Monika von der Tischlerei. Von der Ringstraße/Ecke Plöner Straße Sigrid und ihre Schwestern Antje und Margitta. Da war noch Melanie S-z-c-zepaniak. So buchstabierte sie immer ihren Namen. Bei uns Kindern hieß sie schnell nur noch SZCZ. Sie hatte einen Gehfehler, die Folge einer Kinderlähmung. Ihre Ausdrucksweise war für uns alle seltsam. Wenn sie mit dem Bus nach Hause wollte, sagte sie zur Lehrerin: „Ich muss pünktlich los.“ Niemand wusste, was sie eigentlich wollte. Bis nach vielem Nachfragen heraus kam, dass sie stets zur vollen Stunde die Klasse verlassen müsste, um ihren Bus noch zu bekommen. Unsere Klassenlehrerin war Frau Alexandrine von dem Hagen, groß mit aschblonden gelockten längeren Haaren, sehr elegant. Ich fand sie ganz prima. Mein gemeinsamer Schulweg mit den anderen aus unserer Straße war nicht weit. Auf die andere Straßenseite rüber am Mädchenheim vorbei, Schlosserei Lensch, Baufirma August Horn, wo unser Vater arbeitete, am roten Patrizierhaus, in dem unser Hausarzt Ulrich Wohnung und Praxis hatte und die Baufirma ihre Büros. An der Ecke zur Brachenfelder Straße stand ein graues Fachwerkhaus mit einem grauen Zaun drumherum, überragt von zwei großen Linden auf dem Bürgersteig. Dann an der dunkelgrauen Villa mit hohem Eisengitter davor von Nervenarzt Dr. Krey vorbei, auf der anderen Straßenseite das große graue Stadthaus mit der Stadtverwaltung drin. Noch ein paar kleine alte Häuser und dann kam rechter Hand die Schmiede. Natürlich blieben wir Kinder immer stehen, wenn der alte Schmied mit der vorgebundenen, langen Lederschürze bei geöffnetem Tor das glühende Eisen auf den Amboss schlug. Der Geruch von verbrannter Kohle, dem glühenden flüssigen Eisen und dem herben Schweißgeruch dieses Mannes zog uns alle an. Es war überragend interessant, wenn er über der Esse den Blasebalg zog, um der Glut mehr Luft zuzufügen, sodass die Funken sprühten. Im weißen Hinterhaus dieser Schmiede wohnte Klassenkameradin Marianne. Ein kleines Stück weiter auf der anderen Straßenseite lag die Schule. Gute fünf Minuten von zu Hause entfernt, wenn man nicht bummelte, um alles Neue in sich aufzunehmen. Während der Schulstunden musste der Ofen geheizt werden, wenn es zu kalt wurde. Frau von dem Hagen holte dafür Kohlen oder Brikett vom Flur. Manchmal musste sie auch kurz nach Hause. Sie wohnte in einer großen roten Villa in der Marienstraße, nicht weit entfernt. Dann kam einer ihrer beiden Söhne zur Freude aller und passte auf uns auf. Ich hatte Spaß am Lernen. Es war alles so aufregend neu. Ich erfuhr so vieles, was ich bis dahin nicht kannte und nicht wusste. Meine Lieblingsfächer waren Malen, Handarbeiten, Aufsätze schreiben, Biologie und Heimatkunde. Inzwischen bestand unsere Schulausstattung aus Bleistift, Buntstift und einem Montblanc-Füller. Ich hatte meine Schulhefte mit vielen Zeichnungen und selbst gefertigten farbigen Landkarten, auch extra welche mit den Bodenschätzen, Blumen, Bäumen und Tieren ausgestattet. Das hat die Zensur aufgebessert und ich habe das Ganze auch mehr verstanden und behalten. Bücher gab es nur wenige und wenn dann nur in der Schule. Zu Hause hatten wir nur das Lexikon von A bis Z. Bücher zum Lernen überhaupt nicht. Ich mochte nicht rechnen, auch Diktate liebte ich nicht. Aufsätze schreiben lag mir mehr, da ich die Wörter aussuchen konnte, um alles richtig zu schreiben. Singen konnte ich auch nicht. Beim Sport mochte ich nur Ballspiele. Reck, Barren, Pferd und Bodenturnen war nichts für mich. Schwimmen habe ich auch nicht gelernt. Ich hatte keinen richtigen Badeanzug. Mutti hat uns einen aus einer alten Strickjacke genäht, wo im Wasser die Träger sich ausdehnten bei einem Rettungsversuch durch die Schwimmlehrerin. Ich bin fast untergegangen. Blamabel und peinlich. Kinder können so grausam sein. Es haben alle gelacht, die das gesehen haben. In unserer Klasse wurde ein großes Wandbild auf braunem Packpapier gestaltet. Ich habe daran mitgewirkt. Es war der Brand in der Brunstraße von 1780, bei dem 46 Häuser abbrannten. Eine auf Zeichenpapier in kräftigen Deckfarben von mir gemalte Hexe mit einem haarigen Muttermal auf der Nase hing gerahmt auf dem Flur der Schule. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass wir beide immer nur Weißbrot mit Margarine und Zucker darauf, manchmal auch etwas Salz, wenn wir es so wollten, als Pausenbrot mit bekamen. Ansonsten nahmen wir je nach Jahreszeit Obst aus dem Garten mit. Zu trinken hatten wir nie etwas dabei. Manchmal gab es Milch in der Schule, aber sehr selten. In der 4. Klasse wurden wir beide für das Gymnasium vorgeschlagen. Doch das konnten sich unsere Eltern nicht leisten. Also merkte man uns für die Realschule vor.
Es sollte die Helene-Lange-Schule in der Roonstraße werden. Alexandrine von dem Hagen, geborene Edle und Freiin von Plotho (*28.11.1914, gest. 15.12.1978), meine Klassenlehrerin und spätere Stadtpräsidentin unserer Stadt, nahm mich nach der Schulstunde beiseite und fragte mich, ohne dass es jemand mitbekam: „Warum schreibst du eigentlich deine ganzen Aufsätze in Wir-Form? Hast du nie etwas allein erlebt? Schreibe bitte künftig alles, wie du es siehst und wie du es erlebt hast. Und alles in ,Ich-Form'! Auch wenn deine Zwillingsschwester dabei war. Denn du kannst für dich alleine sprechen, und musst nicht immer auf deine Schwester hören. Lasse dich nicht ständig beeinflussen. Ich habe das schon lange beobachtet.“
