Ich bin mein eigener Erbe - Christian Schojer - E-Book

Ich bin mein eigener Erbe E-Book

Christian Schojer

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Beschreibung

Die unglaubliche Story eines Wiedergeborenen, der sein Vermögen ins nächste Leben rettete. Reinkarnation (Wiedergeburt) schenkt jedem Menschen zahlreiche Leben. Begleiten Sie Peter Becker auf seiner fantastischen Reise die im Jahre 1796 begann und im Jahre 2012 niedergeschrieben wurde. Erfahren Sie alles über sein ungewöhnliches Schicksal. Wie kam er zu seinem Reichtum? Wie oft erlebte er Tod und Wiedergeburt? Wie vererbte er sich sein eigenes Vermögen? Was können Sie aus seinen Erfahrungen lernen?

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Seitenzahl: 347

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Christian Schojer

Ich bin mein eigener Erbe

Ein Reinkarnationsroman

Books on Demand

Irgendwo und irgendwann findet jeder Mensch sein Glück.

Möge es allen Lesern dieses Buches schon bald begegnen.

Gewidmet

Melitta Schojer und Heribert Schojer

denen ich weit mehr als nur mein Leben verdanke.

Speziellen Dank an

Ying Feng (Name geändert)

ohne die es dieses Buch nicht gäbe.

sowie

Uta Schuffenhauer

für ihre Tätigkeit als Lektorin und Layouterin

Christoph Prantl

für die Covergestaltung

Inhalt

Top Story

Das erste Leben

Top Story

Das zweite Leben

Testament

Top Story

Das zweite Leben

Top Story

Das dritte Leben

Top Story

Side Story

Das letzte Leben

Top Story

„Das ist einfach nicht wahr! Wir sind hier in New York und nicht in Indien!“; rief Jeff Webster nachdem ich meine Aussage gemacht hatte. „Müssen wir uns nach diesen absurden Lügen wirklich noch weitere Zeugen anhören? Dieser Peter Becker gehört in eine Anstalt für geistig Verwirrte und diese lächerliche Verhandlung könnte noch heute beendet sein.“

Es wurde laut im Gerichtssaal. Es war eine Mischung aus Lachen und allgemeinem Gemurmel. Der Richter klopfte mit seinem Hammer energisch auf den Tisch. Nur mit großer Mühe konnte er den Lärm wieder eindämmen. Ich, Peter Becker wurde aufgefordert den Zeugenstand zu verlassen und setzte mich wieder neben meinen Anwalt.

Dr. Stone, der Rechtsvertreter von Jeff Webster, beruhigte seinen Mandanten. Der setzte sich ebenfalls wieder hin und sah den Richter erwartungsvoll an.

„Wenn sie nichts dagegen haben, Mister Webster, dann möchten wir gerne mit der Vernehmung ihres Majordomus beginnen", sagte der Richter in freundlichem, aber bestimmten Ton.

„Ich werde ihn später beim Kreuzverhör fertigmachen", flüsterte Dr. Stone seinem Klienten, Jeff Webster zu. „Vertrauen sie mir, auch ihr ehemaliger Majordomus wird diesem Peter Becker nicht helfen können."

Mein Anwalt, Dr. Hugles, nickte mir freundlich zu während der Majordomus vereidigt wurde. Mir war gar nicht wohl zumute. Meine Hände fühlten sich feucht an. Ich bebte innerlich vor Aufregung.

Von der Aussage dieses Zeugen hing meine weitere Zukunft ab. Viel zu lange hatte ich auf diesen Augenblick gewartet. Nun war es endlich soweit. Wenn der Richter und die Geschworenen dem Zeugen Glauben schenkten, dann hatte sich der ganze Aufwand gelohnt.

Mein Anwalt Dr. Hugles, der mittlerweile zu einem guten Freund geworden war, bat den Majordomus seine Version der Vorkommnisse wahrheitsgemäß zu erzählen.

Der Majordomus war ein Herr in den besten Jahren, das Haar mit etwas Gel streng nach hinten gekämmt. Seine Gesichtszüge wirkten gütig und ehrlich. Er war in seiner Dienstkleidung erschienen. Mit seinen blank polierten Schuhen und seinem perfekt sitzenden Anzug machte er einen sehr soliden und seriösen Eindruck.

Mein Prozessgegner, Jeff Webster und sein Anwalt Dr. Stone konnten sich allerdings nicht minder gut in Szene setzten. Auch ihr Auftreten wirkte ernsthaft und vertrauenswürdig. Beide sahen nicht unattraktiv aus. Sie trugen Designer Anzüge, teure Uhren und wirkten auf jedermann authentisch und glaubwürdig.

Ich war die Freak Show. Billige Klamotten, dunkle Schatten unter meinen übermüdeten Augen und ein starker ausländischer Akzent der beim Publikum nicht wirklich gut ankam. Meine Anschuldigungen, die ich gegen Jeff Webster vorbrachte, hätte ich als Außenstehender höchstwahrscheinlich auch nicht geglaubt.

Der Majordomus bestätigte meine zuvor gemachte Aussage. Er begann zu erzählen:

„Vor zwei Monaten besuchte der Kläger, Peter Becker meinen damaligen Boss, Herrn Webster. Herr Becker behauptete, dass er vor mehr als einem Vierteljahrhundert bei dessen Vater ein Testament hinterlassen hätte. Ich dachte zuerst, er sei verrückt. Immerhin wirkte er jünger als 25 Jahre. Doch es kam noch toller. Er bezeichnete sich als den rechtmäßigen Erben von Mister Websters Anwesen und erhob Anspruch auf das Millionenerbe eines gewissen Bill Toscanny. Eine Urkunde, die sich angeblich im Haus befand, sollte beweisen, dass der Ausländer Peter Becker der wiedergeborene US-Bürger Bill Toscanny sei. Mister Webster fackelte nicht lange und ließ Herrn Becker aus dem Haus werfen. Zum Haus möchte ich gerne noch einige Anmerkungen machen.“

„Einspruch, euer Ehren!“ unterbrach Dr. Stone die Aussage des Majordomus. „Wir haben alle Urkunden vorgelegt, welche eindeutig beweisen, dass das Haus in dem mein Mandant lebt, in den 1950iger Jahren, von Bill Toscanny an den Vater von Jeff Webster vererbt wurde. Bill Toscanny war ein alter einsamer Mann, der seinem besten Freund sein ganzes Vermögen geschenkt hat. Dieses Vermögen hat mein Mandant danach von seinem Vater geerbt. Wir können alles lückenlos beweisen. Warum müssen wir uns diesen Schwachsinn von der angeblichen Wiedergeburt anhören?“

„Um mir ein Bild zu machen, möchte ich die ganze Geschichte hören", unterbrach der Richter den Anwalt. "Ich bitte den Zeugen fortzufahren."

Der Majordomus bedankte sich und erzählte weiter: "Kurz und gut, nachdem Peter Becker vom Sicherheitsdienst hinausgeworfen wurde, begann Jeff Webster sein Haus auf den Kopf zu stellen. Im Schreibtisch seines verstorbenen Vaters fand er dann tatsächlich ein versiegeltes Kuvert. Es war jenes, nach dem Herr Becker gefragt hatte. Mister Webster brach das Siegel auf und las die Urkunde, die sich in dem Kuvert befand. Er wurde blass im Gesicht und warf die Blätter in den offenen Kamin. Während das Papier den Flammen zum Opfer fiel, führte Mister Webster mit mir ein vertrauliches Gespräch. Ich sollte niemandem erzählen, was ich gerade gesehen hatte. Die anderen Hausangestellten bekamen von alledem ohnehin nichts mit.

Viele Stunden später kehrte Peter Becker mit einigen Polizeibeamten zurück. Doch die Suche, nach dem inzwischen vernichteten Beweis, blieb natürlich erfolglos. Ich bin mir heute sicher, dass Mister Webster jenes wichtige Beweismaterial vernichtet hat, das bestätigt hätte, dass Herr Becker tatsächlich im Jahre 1951 seinen Besitz dem Vater von Jeff Webster für einige Jahre zur freien Nutzung überlassen hatte, wie er vor Gericht behauptet. Dass wir jetzt das Jahr 1976 schreiben, und Herr Becker erst 24 Jahre alt ist, spielt keine Rolle. Ich glaube ihm, dass er der wiedergeborene Bill Toscanny ist."

Wie schon zuvor bei meiner Aussage wurde es im Gerichtssaal wieder etwas lauter. Aber der Richter musste nicht nochmal mit seinem Hammer für Ruhe sorgen. Diesmal genügte seine autoritäre Stimme.

„Haben sie noch weitere Fragen an den Zeugen?" wollte der Richter von meinem Anwalt wissen. Dieser verneinte und somit konnte Jeff Websters Winkeladvokat, den Majordomus verhören. Er versuchte die Behauptung, dass Mister Webster die Urkunde verschwinden ließ, mit vielen Suggestivfragen zu entkräften. Mein Herz schlug immer schneller. Ich bekam kaum noch Luft. Ich hoffte, dass der Majordomus jetzt keinen Fehler machen würde. Wenn es diesem Dr. Stone gelang unseren Zeugen als Lügner hinzustellen, dann war meine ohnehin geringe Chance, den Prozess zu gewinnen, und mein Recht zu bekommen, dahin.

„Soviel ich weiß, wurden sie von Mister Webster vor einer Woche entlassen", begann Dr. Stone die Befragung. „Könnte es sich bei ihrer heutigen Aussage nicht um einen kleinen Racheakt handeln?"

„Meine Entlassung hat mit meiner Aussage nichts zu tun", verteidigte sich der Majordomus ruhig und souverän.

„Und warum haben sie sich dann in diesem Prozess nicht schon früher zu Wort gemeldet?" fragte Dr. Stone mit ironischem Unterton.

„Einspruch euer Ehren", unterbrach mein Anwalt das Verhör. "Der Zeitpunkt tut doch nichts zur Sache."

„Einspruch abgewiesen", sagte der Richter. „Fahren sie mit ihrer Befragung fort, Dr. Stone."

„Ist es wahr, dass sie in ihrer Eigenschaft als Majordomus einen Teil der Gehälter, für die ihnen unterstellte Dienerschaft unterschlagen haben, und aus diesem Grund entlassen wurden?" fragte Dr. Stone provozierend.

„Das ist nicht wahr", konterte der Majordomus ruhig und betont gelassen. „Ich wurde entlassen, weil ich mich entschlossen habe hier die Wahrheit zu sagen. Ich arbeitete zuvor sehr, sehr lange für Mister Webster und es gab niemals einen anderen Grund mich zu entlassen. Das wissen sie genau!"

„Ich hoffe Sie sind sich bewusst, wie schwer Ihre Anschuldigungen sind und wie hoch die Strafe für falsche Zeugenaussage ist? " sagte Dr. Stone mit einem eiskalten Lächeln. „Wie viel Geld hat man Ihnen geboten, damit Sie hier Lügen verbreiten?“

„Ich habe Ihr unmoralisches Angebot abgelehnt und kein Geld genommen um zu schweigen und ich spreche hier die Wahrheit ohne mir dafür eine Belohnung zu erwarten“, antwortete der Majordomus beherrscht und aus meiner Sicht glaubwürdig. Aber es war allen klar, dass ich ihn im Falle eines Erfolges nicht vergessen würde.

„Wenn das hohe Gericht es erlaubt, dann tritt Mister Webster gerne den Gegenbeweis an und ruft einige seiner, von diesem Herren geprellten Dienstboten, in den Zeugenstand."

Während er sprach, steigerte er die Lautstärke bei jedem Wort und zeigte mit der ausgestreckten Hand theatralisch auf den Majordomus. Die Zuseher betrachteten ihn misstrauisch.

„Ich bin ein ehrlicher Mann", verteidigte sich der Majordomus. „Seit über 30 Jahren diene ich im Haus der Familie Webster und ich habe mir in all den Jahren noch nie etwas zu Schulden kommen lassen. Ich bin froh, dass ihr Vater nicht mehr miterleben muss was aus Ihnen geworden ist. Er würde sich im Grabe umdrehen."

„Ich zeige Sie nicht nur wegen falscher Zeugenaussage an, sondern auch noch wegen übler Nachrede", schnaubte Jeff Webster. „Ein Verfahren wegen der Veruntreuung läuft ja ohnehin schon gegen Sie.“

Der Anwalt setzte noch eines drauf. Er wendete sich an das Publikum und schwenkte dann beim Sprechen seinen Blick zu den Geschworenen und dem Richter. In künstlicher Aufregung rief er: „Ein Straftäter, ein zukünftiger Gefängnisinsasse, das ist der Kronzeuge von Peter Becker.“

Im Gerichtssaal wurde es wieder laut. Hunderte Schaulustige wohnten schon seit Beginn des Prozesses jeder Verhandlung bei. Es verging kein Verhandlungstag, ohne das Zeitungen, Radio und Fernsehen über diesen ungewöhnlichen Prozess berichteten.

Meine Geschichte fiel in die sogenannte allsommerliche "Saure Gurken Zeit.“ Im ganzen Land wurde darüber berichtet. Auf den Straßen wurden illegale Wetten über den Ausgang des Prozesses abgeschlossen. Die Quoten für mich standen sehr schlecht. Nur wenige Leute glaubten, dass ich auch nur den Hauch einer Chance hätte, diesen Prozess zu gewinnen. Je mehr Details bekannt wurden, desto geringer wurde die Zahl jener, die an meinen Erfolg glaubten.

Die Verhandlung wurde unterbrochen, und sollte am nächsten Tagfortgesetzt werden. Ich ging mit meinem Anwalt Dr. Hugles aus dem Gerichtsgebäude. Zum Glück scharten sich diesmal die Journalisten und Paparazzi um den Majordomus. Ich konnte ausnahmsweise unbehelligt zum Wagen gelangen. Dr. Hugles klopfte mir aufmunternd auf die Schulter.

„Nur Mut Peter, jetzt, wo wir den Majordomus endlich überreden konnten, für uns auszusagen, wird es aufwärts gehen", sagte er.

Ich war mir da nicht so sicher. Trotzdem gelang es Dr. Hugles, mir etwas Mut zu machen. Ohne ihn hätte ich schon lange aufgeben müssen. Er gehörte zu jenen Anwälten, die für Zivilprozesse nicht sofort Geld sehen wollten, sondern erst im Erfolgsfall ein ordentliches Erfolgshonorar kassierten. Ich war finanziell total am Ende und eine normale Kanzlei hätte mich niemals zu diesen Bedingungen vertreten. Meine Erfolgsaussichten waren so gering, dass die meisten Anwälte keinen Tag Arbeit in meinen Fall investiert hätten. Dr. Hugles half mir, weil er davon überzeugt war, dass meine Geschichte stimmte. Ich hoffte, dass es mir bald möglich sein würde, ihn für seine Loyalität zu belohnen.

In seinem Auto war es unerträglich heiß. Das Geld für die Reparatur der Klimaanlage fehlte. Dr. Hugles investierte alle seine Dollars in meine Verteidigung und finanzierte zu dieser Zeit auch mein Leben. Ich schwitzte erbärmlich und freute mich auf eine kalte Dusche.

Das Jahr 1976 hatte es in sich: Mein Lieblingssänger Elvis Presley weilte noch unter den Lebenden. Bei den Olympischen Sommerspielen in Montreal, erreichten die Vereinigten Staaten, hinter der UdSSR und der DDR den dritten Rang. In Seveso, einer kleinen italienischen Stadt in der Nähe von Mailand zerstörte eine Dioxin Katastrophe die Lebensgrundlagen dieses Ortes. Die Bevölkerung musste evakuiert werden.

In vielen Städten der USA und Westeuropas war die Luft ebenfalls immer wieder von Smog beeinträchtigt. Bei den kürzlich fertiggestellten "Twin Towers" in Manhattan drehte eine Filmcrew aus Hollywood die letzten Szenen für das Remake von „King Kong". Das Original hatte ich in den 1930er Jahren in einem Kino bewundert, dass mittlerweile zu einer Burger King Filiale umgebaut worden war.

Etwa zur gleichen Zeit fand der Präsidentschaftswahlkampf statt. Der Erdnussfarmer Jimmy Carter gewann die Wahl gegen den Republikaner Gerald Ford. Ich hätte, wie früher, die „Grand Old Party“ gewählt, aber offiziell beide Kandidaten finanziell unterstützt. Leider war ich seit meinem Ableben kein US-Bürger mehr. Meine einzelne Stimme hätte Gerald Ford aber mit Sicherheit auch nicht mehr geholfen.

All diese Ereignisse bekam ich allerdings nur am Rande mit. Der Prozess gegen Jeff Webster beanspruchte 110% meiner Aufmerksamkeit.

Dr. Hugles besprach mit mir während der Fahrt nicht nur die Ereignisse der letzten Stunden, er wollte mich auch auf den nächsten Prozesstag vorbereiten. Ich war erschöpft, und hatte große Mühe, ihm geistig zu folgen.

Mir war voll bewusst, dass der nächste Tag mein Schicksal entscheiden konnte. Bedauerlicherweise hatte ich nicht nur ein Problem mit meiner Glaubwürdigkeit. Meine Herkunft machte mich auch nicht gerade beliebt in der Öffentlichkeit. Diese stand mehrheitlich auf der Seite von Jeff Webster, der den einzigen konkreten Beweis für die Richtigkeit meiner Aussagen vernichtet hatte. Ich konnte den Zweiflern nicht einmal böse sein. Sie besaßen, im Gegensatz zu mir, ja keine 180-jährige Lebenserfahrung. Alles was ich hatte, war die Hoffnung, dass der schon etwas angegraute Richter mit seiner langen Berufserfahrung erkennen konnte, wer log und wer die Wahrheit sprach.

Der Wagen hielt schließlich vor Dr. Hugles Haus in New Jersey. Es war eines dieser netten mittelgroßen Reihenhäuser in einer für New Jersey typischen Wohnstraße. Verglichen mit meinem Anwesen in den Hamptons, in dem sich Jeff Webster breit gemacht hatte, war diese Unterkunft eher bescheiden.

Ich lebte seit Prozessbeginn bei meinem Anwalt. Wenn er mich nicht bei sich aufgenommen hätte, dann wäre ich in New York, wo ich Anfang der 50iger Jahre zu den reichsten Unternehmern zählte, ohne festen Wohnsitz gewesen.

Dr. Hugles war mein einziger Halt in diesen finsteren Tagen. Als ich ihn vor 25 Jahren zum ersten Mal sah, da war er etwa so alt wie ich, und mein damaliges Leben ging dem Ende zu. Nun war er so um die 50. Sein einst so junges Gesicht hatte einige Falten bekommen. Trotzdem sah er noch ganz passabel aus. Nach seiner Entlassung durch Jeff Webster war dieser Prozess die beste Werbung für ihn. Verlor er, dann war das für ihn nicht so tragisch wie für mich. Gewann er aber widererwartend, dann winkten ihm Ruhm und Klienten ohne Ende. Aber das war nicht der einzige Grund, warum er mir half.

Wir betraten das gut klimatisierte Haus. Mir war hundeelend zumute. Trotz meines jugendlichen Alters fühlte ich wieder einmal, dass ich schon seit mehr als 180 Jahren existierte. Ich verzichtete auf die Dusche und warf mich erschöpft und noch völlig bekleidet aufs Bett. Ohne mich zuzudecken, schlief ich auf der Stelle ein.

Obwohl ich unsagbar müde war, hasste ich den Schlaf. Seit ich mich wieder an meine Vorleben erinnern konnte, träumte ich jede Nacht von längst vergangenen Jahrhunderten. Die Geister der Vergangenheit lagen wie ein Fluch über mir. Jede Freude, die ich je empfunden hatte, löste Wehmut aus und jeden Schmerz den ich je erlebt hatte, musste ich immer und immer wieder durchleiden.

Trotzdem hoffte ich, mein unabwendbares Schicksal überlisten zu können. Der Prozess musste gewonnen werden, über das was später kommen würde, dachte ich gar nicht erst lange nach. Ich merkte gar nicht, was ich anrichtete, je mehr ich versuchte diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

Dabei fing alles ganz harmlos an:

Das erste Leben

Am 10. Februar 1796 erblickte ich in Frankreich das Licht der Welt. In China schrieb man zu dieser Zeit das Jahr des Drachen. Nach dem europäischen Horoskop war ich Löwe.

Meine Eltern Louis und Brigitte Daudon besaßen eine kleine Bäckerei im idyllischen Städtchen Meaux an der Marne in der Nähe von Paris. Sie führten eine für diese Zeit typisch kleinbürgerliche Ehe. Mein Papa war für das Geldverdienen zuständig, meine Mama für Heim und Herd. Manchmal, aber wirklich nur wenn es gar nicht anders ging, half sie auch in der Bäckerei aus.

Obwohl meine Mama sehr hübsch auszusehen war, ließ mein Vater keine Gelegenheit aus, sie mit anderen Frauen zu hintergehen. Er machte es entweder so geschickt, dass meine Mama nie dahinterkam, oder aber sie wusste Bescheid und steckte den Kopf in den Sand. Was sollte eine Frau zu dieser Zeit auch anderes machen, wenn sie vom Mann abhängig war und zwei Kinder hatte.

Vor mir hatten die beiden schon einen Sohn und eine Tochter in die Welt gesetzt. Mein 7 Jahre älterer Bruder trug den Namen meines Vaters. Mich nannten sie Jean. Drei Jahre vor meiner Geburt verstarb meine Schwester Michelle völlig unerwartet im Kindbett. Meinem Vater waren aber zwei stramme Söhne ohnehin lieber als eine Tochter.

In unserem 10-Tausend Einwohner zählenden Städtchen konnte man noch beschaulich und unbehelligt leben. Von der seit 1789 wütenden Revolution und dem darauffolgenden Bürgerkrieg bekamen die Leute in Meaux nicht so viel mit wie die Menschen in der Hauptstadt. In jener Zeit war es von Vorteil, wenn man in der Provinz lebte.

Im nur 30 Kilometer entfernten Paris war hingegen die Hölle los. Politische Massenmorde waren an der Tagesordnung. Niemand war seines Lebens sicher.

König Ludwig XVI und seine aus Österreich stammende Gemahlin Marie Antoinette mussten ebenso ihr Leben lassen, wie zahlreiche Adelige. Wer noch vor kurzem selbst zu der Gruppe gehörte, die bestimmte, wer sterben sollte, den konnte es wenige Monate später ebenfalls treffen. Die Machtverhältnisse änderten sich in den Jahren kurz vor und nach meiner Geburt, ständig.

Aber es traf nicht nur Leute mit politischen Ambitionen. Es reichte schon, einen missgünstigen Nachbarn zu haben, von dem man bei den rasch wechselnden Machthabenden angeschwärzt wurde. In den Wirren der Revolution wurden auf diese Weise viele Unschuldige hingerichtet.

Diese Menschen konnten sich allerdings damit trösten, dass Enthauptungen seit 1791, aus humanitären Gründen, nur noch mit der Guillotine ausgeführt werden durften. Das Köpfen mit dem Schwert erschien den Parisern doch zu grausam und ineffizient. Mit der Guillotine konnten Menschen fast wie am Fließband hingerichtet werden. Dem gemeinen Volk dienten diese öffentlichen Veranstaltungen als schaurige Unterhaltung.

Viele Opfer hatten sich ihr Schicksal durchaus selbst zuzuschreiben. Der Preuße, Friedrich Freiherr von Trenck, wurde wegen seiner Spionage für Preußen, exakt einen Tag nach meiner Geburt enthauptet.

Drei Tage später wurde die Regierung auf die damals übliche Weise abgewählt: Nach Monaten der Schreckensherrschaft in Paris konnte Robespierre am eigenen Leib erfahren, was er tausenden von politischen Gegnern mit der Guillotine angetan hatte. Mit ihm wurde auch der Ideologe Saint-Just hingerichtet. Er war einer der radikalsten Vertreter der Republik gewesen. Erst kurz zuvor hatte seine Karriere begonnen. Er hatte sich damals dafür eingesetzt, dass König Ludwig XVI ohne Prozess hingerichtet werden sollte. Nun ging auch sein steiler Aufstieg auf dieselbe Weise zu Ende. Das Volk applaudierte minutenlang.

Ich bekam von alledem in meinen ersten vier Lebenstagen natürlich nichts mit. Auch der Aufstieg Napoleons wurde von mir kaum wahrgenommen. Die einzigen Erinnerungen, die ich aus dieser Zeit behielt, haben mit der Bäckerei meines Vaters zu tun. Dank seines Berufes und seiner Tüchtigkeit blieben wir von den damaligen Hungersnöten weitgehend verschont.

Ich liebte den Geruch des frisch gebackenen Brotes. Auch machte es Spaß, wenn ich mit meinem älteren Bruder heimlich in der Kornkammer spielte. Wir gruben uns tief in das dort gelagerte Korn und genossen den einzigartigen Duft. Meinem Vater war es nicht recht, dass wir seine Rohstoffe auf diese Weise verschmutzten. Wenn er uns beim Spielen in der Kornkammer erwischte, dann setzte es Prügel. Mein großer Bruder wurde dabei immer strenger bestraft als ich. Schließlich war er der ältere und hatte vernünftiger zu sein. Die zu erwartenden Strafen hielten uns aber nicht davon ab, immer wieder Schabernack zu treiben.

Meine Kindheit war, trotz der unruhigen Zeiten, glücklich. Ich liebte unser kleines Haus neben der Mühle. Obwohl es beim Wasser, welches die Mühlräder antrieb, nicht ungefährlich war, durften wir dort alleine spielen. Wirbeobachteten die Fische und angelten sie manchmal mit Würmern oder selbstgefangenen Grashüpfern.

Mein Bruder war kräftig, gesund und lebensfroh. Ich liebte ihn fast genau so sehr wie meine hübsche Mama. Ich mochte auch meinen etwas grobschlächtigen Papa. Aber ich hatte auch eine ordentliche Portion Respekt vor ihm. Wenn mein Bruder oder ich etwas angestellt hatten, dann war es niemals unsere Mama sondern immer er, der für die Bestrafung zuständig war.

Ich beneidete meine großen Bruder, weil dieser, seit ich denken konnte schon zur Schule gehen durfte. Ich wartete sehnsüchtig auf meinen ersten Schultag. Sobald ich ebenfalls lesen und schreiben konnte, war ich dem Erwachsensein einen Schritt näher. Ich ahnte ja nicht was für ein Glück ich hatte, der Zweitgeborene zu sein. Doch dazu später.

Ich freute mich auf den Tag, an dem ich selbst eines der wenigen Bücher lesen konnte, die mein Vater besaß. Während es mein Bruder kaum erwarten konnte, die Schule zu verlassen, freute ich mich aufs lernen.

Im Jahr vor meiner Einschulung gab es einige wichtige Ereignisse, die ich viel später einmal im Geschichtsunterricht pauken musste. Am 9. 11. 1799 riss Napoleon in Frankreich die Macht an sich. Noch war die erste Republik nicht zu Ende. Es sollte noch etwas dauern bis er sich selbst die Krone aufs Haupt setzte.

Knapp einen Monat später starb im weit entfernten Amerika George Washington, der erste US-Präsident. Er starb im letzten Monat des letzten Jahres des 18. Jahrhunderts. Während in den Vereinigten Staaten die Republik schon etwas länger existierte, ging es mit jener Frankreichs schon wieder bergab. Die "Grande Nation“ war neben den vielen Monarchien in Europa ohnehin die einzige Republik, gefolgt von der Schweiz. Doch Undank Napoleon sollte sie es nicht mehr lange bleiben.

Die Jahrhundertwende wurde euphorisch gefeiert. Mein Vater spendierte auch uns Kindern ausnahmsweise einen Schluck Champagner. Obwohl in Frankreich oft Wein zum Essen getrunken wurde, kamen alkoholische Getränke in unserer Familie selten auf den Tisch. Doch die Jahrhundertwende wurde auch bei uns ausgiebigst und typisch französisch gefeiert.

Mein großer Bruder war mittlerweile 12 Jahre alt und musste meinem Vater schon fallweise in der Bäckerei helfen. Meine anfängliche Begeisterung für die Schule war schnell verflogen, und ich beneidete meinen älteren Bruder, der sie bald wieder verlassen durfte. Dafür fand ich neue Freunde. Mein Bruder hatte ohnehin kaum noch Zeit, um mit mir zu spielen.

Nach der Schule liefen wir oft zur Marne und ließen dort unsere selbstgebastelten Schiffchen aus Holz schwimmen. Der Großteil meiner Schulkameraden hatte leider nicht so viel Freizeit wie ich. Die Söhne der Bauern mussten viel zu oft am Hof ihrer Eltern mitarbeiten. Manchmal hatten sie so viel zu tun, dass sie nicht einmal in die Schule kamen.

So half ich manchmal freiwillig im elterlichen Betrieb mit. Da kein Zwang dahinterstand, genoss ich die Arbeit. Alleine Spielen machte keinen Spaß. Mein Vater, der einmal die Bäckerei an meinen Bruder vererben wollte, ärgerte sich manchmal darüber, dass dieser nicht so motiviert war wie ich.

Wenn mein Vater mich wiedermal von der Arbeit wegschickte und ich niemanden zum Spielen fand, verbrachte ich über guten Büchern. Dort las ich über reiche und mächtige Könige, prunkvolle Schlösser und hübsche Prinzessinnen. Schon damals nahm ich mir vor, alles zu unternehmen, um reich und mächtig zu werden. In der Schule lernten wir, dass in einer demokratischen Republik alles möglich war. Jeder Bürger hatte nun die Chance so weit zu kommen und so wohlhabend zu werden wie einst der Adel.

Doch unsere erste Republik gab es leider nicht mehr lange. Als ich gerade mal 10 Jahre alt war, führte Napoleon die Monarchie wieder ein. Mein Vater war Bonapartist und freute sich über die Wiederherstellung der Monarchie. Die von Napoleon errungenen Siege steigerten seinen Nationalstolz. Auch mein Bruder und ich wurden von der allgemeinen Euphorie angesteckt.

Der Krönungstag Napoleons wurde bei uns jedes Jahr groß gefeiert. Unsere Bäckerei hatte an diesem Tag immer geschlossen. Mein Vater ließ die französische Trikolore Fahne, die es genau seit meinem Geburtsjahr gab, aus einem Fenster des ersten Stockes unseres Hauses hängen.

1806 änderte mein Vater dann seine Meinung über die Kriegserfolge Napoleons. Mein Bruder Louis Daudon jun. war gerade 18 geworden und hatte sich freiwillig zur Armee gemeldet. Begeistert zog er für Napoleon in den Krieg. Mein Vater war zuerst unglaublich stolz auf ihn.

Unsere Mama aber weinte bitterlich, als er das Haus verließ. Sie zupfte ewig auf seiner Uniform herum, damit er auch ordentlich aussah. Als er dann endlich loszog drängte sie ihm mehr Reiseproviant auf als er tragen wollte. Nur mit großer Mühe konnte er sich aus ihrer Umarmung lösen und seinen Marsch in die Fremde antreten.

Napoleons Erfolge in der Kriegsführung hielten noch einige Zeit an. Ich konnte es kaum erwarten ebenfalls alt genug zu werden um es meinem Bruder gleichzutun. Seine unregelmäßig eintreffenden Briefe berichteten von Eroberungen, Heldentaten und interessanten, unbekannten Ländern. Ich weiß nicht ob es den Soldaten verboten war über die erlebten Schrecken und Gräueltaten der Schlachten zu berichten, oder ob mein Bruder uns in seinen Briefen damit verschonen wollte.

Irgendwann im Laufe des Krieges kam keine Nachricht mehr von der Front. Mein Vater wollte es lange nicht wahrhaben, dass mein Bruder Louis nie mehr wiederkehren würde und stattdessen auf irgendeinem Schlachtfeld für Napoleon und „Le Grande Nation" sein junges Leben gelassen hatte.

Papa hoffte noch viele Jahre auf die Rückkehr von Louis. Die Ungewissheit machte aus ihm nach und nach einen gebrochenen Mann. Seine Kraft und Lebenslust hat er nie wieder erlangt. Meine Mutter war zu alt, um noch ein Kind zu bekommen, und so wuchs ich ab diesem Zeitpunkt als Einzelkind auf. Der Verlust meines Bruders brachte mir die ungeteilte Liebe und Aufmerksamkeit meiner Eltern ein.

Nach dem mutmaßlichen Tod meines älteren Bruders änderte sich einiges in meinem Leben. Bisher stand ihm als Erstgeborenem die Bäckerei zu. Nun war ich der rechtmäßige Erbe. Mein Vater brachte mir alles bei, was ich wissen musste, um auf die Gesellenzeit vorbereitet zu sein. Gleich nach der Gesellenprüfung sollte ich mich, wie zu jenen Zeiten üblich auf Wanderschaft begeben. Erst nachdem ich bei mehreren Meistern viel dazugelernt hatte, sollte ich zurückkommen, um später als Meister die Bäckerei meines Vaters zu übernehmen.

Wenige Wochen vor meinem 14. Geburtstag verschleppte Napoleon den Papst, Pius VII, aus Rom. Meine Eltern waren nach dem Tod meines Bruders auf beide nicht mehr sehr gut zu sprechen. Sie waren fromme Leute gewesen, die nach der Devise lebten: "Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist." Vater und Mutter waren von beiden hohen Herrschaften maßlos enttäuscht worden. Sie fühlten sich um meinen gefallenen Bruder und meine früh verstorbene Schwester betrogen.

Auch mir war der Papst egal. Ich wollte nicht mehr glauben, dass es einen Gott gibt, der all die grausamen Dinge zulässt die ich in meinen jungen Jahren erfahren hatte.

Kein Pfarrer und kein Religionslehrer konnte mir einreden, dass Gott meine Geschwister schon so früh zu sich gerufen hatte, weil er sie besonders liebte. Dass Gott für jeden Menschen einen Plan und diverse Prüfungen hat, hielt ich gelinde gesagt für einen ausgemachten Schwachsinn.

Als ich einmal vor versammelter Klasse sagte, dass ich der Meinung sei, Gott sei nur eine Erfindung der Reichen und Mächtigen, damit sie einen Grund hätten, die Armen weiterhin zu unterdrücken, wurde es still in der Klasse. Alle sahen mich entgeistert an. Ich fuhr unbeeindruckt mit meinen Vorwürfen fort: "Die Kirche hat keinen einzigen Beweis für Gott, verspricht aber in seinem Namen das Paradies und droht mit dem Feuer der Hölle, und alles nur damit sich nichts ändert. Einfache Leute sollen wie in den Zeiten vor der Republik keine Chance haben, etwas im Leben zu erreichen.“

Der Pfarrer, der uns in Religion unterrichtete, kam schon mit drohenden Gesten auf mich zu, als ich noch schnell sagte: "Den Himmel gibt es ebenso wenig wie die Hölle. Wenn man stirbt, dann ist es aus und vorbei. Ich werde meinen geliebten Bruder nie mehr wiedersehen. Mord und Selbstmord sind schwere Sünden, aber auf dem Schlachtfeld darf man für einen katholischen Gott töten und sterben. Auf der anderen Seite kämpfen die Protestanten die vom evangelischen Gott die Erlaubnis haben uns zu töten. Wer dieses Märchen über Gott und seinen Sohn glaubt, der soll sich ruhig in seinem Namen weiter von der Kirche und dem Adel ausbeuten lassen.“

Mehr konnte ich nicht mehr von mir geben. Der Pfarrer hatte mich schon gepackt, sah mich völlig entgeistert an und hielt mir den Mund zu.

Mein sogenanntes revolutionäres Wissen hatte ich aus einem der Bücher, die ich daheim gelesen hatte. Ich glaubte mich im Recht und fühlte mich bestätigt, als der Pfarrer mich für meine Meinung über Gott drakonisch bestrafte. Ich musste vor der Klasse so eine harte Tracht Prügel einstecken, dass ich tagelang nicht mehr richtig sitzen konnte. Nicht auszudenken wenn ich auch noch über Allah hergezogen wäre.

Ich traf eine folgenschwere Entscheidung: Von diesem Tag an wollte ich nie wieder Personen, die stärker waren als ich, meine ehrliche Meinung sagen. Ich wollte alles tun und war bereit jedes Opfer zu bringen, um auch zu den Reichen und einflussreichen Menschen zu gehören. Spätestens wenn ich erwachsen war, sollte mir kein Mensch und kein Gott vorschreiben dürfen, wie ich zu leben hatte. Ich sehnte mich nach der totalen Freiheit. Sämtliche Autoritäten, angefangen bei unserem Religionslehrer, über den Kaiser Napoleon, bis hinauf zu Gott, konnten mir gestohlen bleiben.

Ich hoffte, mit genug Geld und Macht mein Leben und mein Glück selbst bestimmen zu können. Der Sinn meines Lebens sollte fortan darin bestehen, soviel Vermögen wie möglich anzuhäufen. Das Paradies, nach dem Tod war doch nur ein lächerlicher Trost für die Naiven und Besitzlosen. Die, die es predigten lebten doch selber in Saus und Braus. Ich wollte ebenfalls mein Leben hier und jetzt genießen. An Gott und sein Paradies sollten jene Leute glauben, die nicht selbstständig denken konnten. Die Reichen und Mächtigen hatten mit Sicherheit keine Angst vor dem Teufel und der Hölle. Sie nützten die Angst und Hoffnung der kleinen Leute um Aufstände gegen diese Ungerechtigkeit im „Hier und Jetzt“ zu verhindern. Das wollte ich in Zukunft auch so machen.

Seit diesem denkwürdigen Erlebnis mit dem Pfarrer benahm ich mich wie man es von mir erwartete und fieberte meinem letzten Schultag entgegen. Kein Lehrer und kein Priester hatten jemals wieder Grund an meiner Loyalität und meinem Glauben zu zweifeln. Als die Schule endlich zu Ende war, begann ich mit meiner Lehre um dann, wie alle Gesellen, die Meister werden wollten, auf die Wanderschaft zu gehen. Ein Studium war für Leute meines Standes so gut wie unmöglich.

Im November 1812 scheiterte Napoleon in Russland. Sein Siegeszug stoppte abrupt und der Abstieg begann. Ich war mittlerweile 17 Jahre alt geworden und sollte wie mein Bruder an die Front. Doch dank meines Vaters wurde ich aus den Kriegswirren herausgehalten. Er wollte nicht auch noch seinen einzigen verbliebenen Sohn opfern, und setzte alle Hebel in Bewegung, um meine Einberufung zu verhindern.

Bis heute weiß ich nicht wie er es geschafft hat meine Einberufung immer wieder hinauszuzögern. Knapp vor Kriegsende konnte er mir auch nicht mehr helfen und ich musste mich wochenlang in einer geheimen Höhle im nahegelegenen Wald verstecken. Nur in der Nacht traute ich mich manchmal nach Hause um Essen zu holen.

Im April 1814 schien der Spuk ein für alle Mal vorbei zu sein. Napoleon musste abdanken und wurde auf die Insel Elba ins Exil geschickt. Dank des Chaos nach den Kriegswirren wurde ich nie als Deserteur erwischt.

Meine Lehr- und Wanderzeit dauerte nicht sehr lange. Mein Vater nahm mich früher als geplant wieder zu Hause auf. Ich hatte ihm versprochen, besonders fleißig zu arbeiten, und daran hielt ich mich auch. Mit aller Kraft wollte ich besser sein, als jeder Konkurrent von Meaux bis Paris, um den bescheidenen Wohlstand, in dem wir lebten, noch weiter ausbauen. Mein Vater war sehr stolz auf mich. Meine Mutter war besorgt um meine Gesundheit, weil ich oft bis zur totalen Erschöpfung arbeitete, obwohl das niemand von mir verlangt hatte. Die beiden verstanden nicht was mich antrieb. Ich wollte auf Biegen und Brechen alles erreichen was menschlich möglich war. Meine Mitbürger mit ihrer fatalistischen Lebenseinstellung verachtete ich. Ohne die Gnade einer adeligen Geburt und ohne die Hilfe eines Gottes wollte ich mir im Schweiße meines Angesichts selbst beweisen, dass ich etwas Besseres war.

Über den Wiener Kongress, der 1815 stattfand, und seinen Folgen für Frankreich informierte ich mich regelmäßig in der Zeitung. Jedenfalls war ich noch keine 20 Jahre alt, als Napoleon von der Insel Elba floh und seine 100-Tage-Herrschaft antrat. Der Wiener Kongress wurde daraufhin unterbrochen und die Fackel des Krieges entflammte erneut. Alle Teilnehmerstaaten des Wiener Kongresses zogen gegen Napoleon in den Krieg. In der Schlacht bei Waterloo scheiterte Napoleons Come-Back endgültig. Er wurde auf die südatlantische Insel St. Helena verbannt. Von dort konnte er nicht mehr entkommen. Erst nach seinem Tod wurde sein Leichnam nach Paris zurückgebracht.

Wir Franzosen bekamen einen neuen Friedensvertrag, der noch schärfer abgefasst war, als jener nach Napoleons erster Niederlage. Wir fanden ihn zu hart. Den Deutschen war er zu milde. Meine Bemühungen mich hochzuarbeiten, wurden durch diese Umstände ziemlich beeinträchtigt.

Im Sommer 1816 lernte ich meine zukünftige Frau kennen. Sie hieß Nicola und war gerade 19 Jahre alt geworden. Wir hatten beide den Ehrgeiz mehr aus unserem Leben zu machen. Regiert wurde unser Land vom konservativen Royalisten Armand-Emanuel du Plessis, dem Herzog von Richelieu.

Das Klima in diesem Sommer war verheerend. Es war ungewöhnlich kalt, es gab Missernten, Hungersnöte und ständig Regen. In diesem eiskalten Sommer, der immer noch als Sommer der keiner war, bezeichnet wird, war mir plötzlich warm ums Herz geworden. Ich sah auf einmal alles durch die rosa Brille.

Nicola gab meinem Leben einen neuen Sinn. Ihr pechschwarzes langes Haar und ihre mandelbraunen Augen faszinierten mich. Ihre Ausstrahlung nahm mich voll und ganz gefangen. Am Anfang unserer Beziehung vernachlässigte ich ihretwegen sogar hin und wieder meine Arbeit. Aber Nicola war nicht so wie andere Frauen, denen das gefallen hätte. Sie nahm auf meine Pläne für die Zukunft Rücksicht. Auch sie wollte aus der bedrückenden Enge der Kleinstadt ausbrechen, und ihr Leben verbessern. Wir waren also ein ideales Gespann. Noch im selben Jahr heirateten wir.

Eine Trauung in der Kirche konnte ich zu dieser Zeit einfach nicht verhindern. Nicola und ihre Eltern hatten darauf bestanden. Ich fügte mich. Es bedeutete mir nichts vor Gott den Bund der Ehe geschlossen zu haben. Ich wollte ohnehin keine andere Frau. Affären, wie die meines Vaters, hätten mich nur daran gehindert beruflich vorwärts zu kommen.

Unsere Ehe war von Beginn an glücklich. Ich liebte Nicola wirklich und hatte nicht vor sie jemals zu betrügen, wie es mein Vater bei meiner Mutter praktiziert hatte.

Meine Frau unterstützte mich wo sie konnte und ihre Liebe ließ mich alle Anstrengungen leichter ertragen. Mein Leben bestand fast nur noch aus Arbeit und Schlaf.

Trotzdem setzten wir zwei Kinder in die Welt. 1820 gebar mir Nicola einen Sohn. Wir nannten ihn nach seinem Großvater Louis. Im Mai 1821, kurz nachdem Napoleon auf der Insel St. Helena seine Hand für immer aus der Seitentasche nahm, kam unsere Tochter auf die Welt. Meine Mutter war gerührt, weil sie ihren Namen, Brigitte, trug.

Langsam aber sicher trugen meine außergewöhnlichen Anstrengungen in der Bäckerei die ersten Früchte. Da ich mir nur wenig gönnte und bis zur Selbstausbeutung schuftete konnte ich meinen Kunden etwas größere Baguettes zu günstigeren Preisen anbieten als meine Konkurrenten. Da mein Preis und meine Ware in Ordnung waren, konnte die Bäckerzunft nichts gegen mich unternehmen. Meine Kunden kamen sogar aus entfernteren Stadtteilen, um bei mir einzukaufen.

Als der erste Bäcker in meiner Nachbarschaft schließen musste, weil der Großteil seiner Kunden zu mir übergelaufen war, wusste ich, dass ich mich auf dem richtigen Weg befand. Großzügig bot ich ihm die Übernahme seiner Bäckerei an. Ich hatte ohnehin schon massive Platz- und Kapazitätsprobleme. Eine zweite Bäckerei kam mir gerade recht. Jene Kunden, die von seiner Bäckerei in meine übergelaufen waren, kauften nun wieder bei ihm ein. Die Produkte waren allerdings von mir und der ehemalige Konkurrent arbeitete jetzt für mich.

Im Februar 1826 feierte ich meinen dreißigsten Geburtstag. Mittlerweile war ich aus meinem Elternhaus in meine eigene Villa umgezogen. Dort war für meine beiden Kinder einfach mehr Platz. Anlässlich meines Geburtstages kamen meine Eltern erstmals in mein neues Haus, um es zu bewundern.

Mein Vater war stolz auf mich. Er dachte ich wäre mit meinem Leben zufrieden. Ich hatte mehr erreicht, als er mir je zugetraut hätte. Aber mir reichte das noch lange nicht. Das Geschaffte konnte bestenfalls der Anfang sein. Mit meinen 30 Jahren war ich noch jung; sozusagen in der Blüte meines Lebens. Ich hatte immer noch genau so viel Energie, wie an jenem Tag als ich beschlossen hatte mehr zu erreichen als jeder mir bekannte Mensch.

Meine Eltern hatten kein Verständnis für meine weiteren Expansionswünsche. Das, was ich geschafft hatte, ging schon lange über den Horizont ihrer Vorstellungskraft. Sie hatten keine Ahnung, wie weit ich noch kommen wollte.

Nach und nach kaufte ich alle Bäckereien auf, die zu haben waren. Ich beutete nicht nur mich selbst aus, sondern natürlich auch meine Angestellten. So kam es oft vor, dass ein ehemaliger Besitzer, zuerst wegen meiner Geschäftspraktiken Bankrott ging. Dann musste er als Arbeiter weit mehr schuften als zu jener Zeit, in der er noch der Inhaber seines Ladens war.

Getreide kaufte ich nur noch in großen Mengen ein. Das brachte mir einen zusätzlichen Preisvorteil. Viele Bauern konnten ohnehin nur noch an mich liefern, weil ich die Konkurrenz in der Gegend weitgehend ausgeschaltet hatte. Ich plante eine zentrale Brotfabrik. Immerhin lebten wir im Zeitalter der Industriellen Revolution. In Amerika hatten andere Menschen meine Ideen schon längst verwirklicht.

Ich träumte von einem riesigen Filialnetz in Paris und von der Möglichkeit, eines Tages ganz Frankreich mit meinen Backwaren zu versorgen. Ich merkte gar nicht, dass Nicola und die Kinder gar nichts von mir hatten. Ich war oft tagelang nicht zu Hause, und wenn ich heimkam, dann meistens nur zum Schlafen. Mehr als ein paar Stunden Ruhe gönnte ich mir ohnehin nicht.

1826 entwickelte der Franzose Niépce das 1. Foto der Welt. Meine Kinder gingen zu dieser Zeit gerade in die Grundschule. Ich wollte, dass mein Sohn später einmal in Paris studieren konnte. Meine Tochter sollte einen reichen Mann heiraten.

Ich dachte zu dieser Zeit an keinen Nachfolger. Ich dachte nicht daran, dass meine Zeit auf der Welt begrenzt war, und schuftete noch mehr als meine ehemaligen Konkurrenten, die ich größtenteils zu meinen Angestellten gemacht hatte. Ständig war ich mit meiner Droschke auf Reisen um mein immer größer werdendes Imperium auszubauen und zu kontrollieren.

Etwa 5 Monate nach meinem 35-igsten Geburtstag brach in Frankreich die Junirevolution aus. Karl X, der seit 1824 an der Macht war, musste abdanken. Das Großbürgertum präsentierte Louis Philippe, den Herzog von Orlèans, als geeigneten Monarchen. Als Kind der ersten Republik war ich darüber nicht glücklich. Aber die von Frankreich ausgegangenen revolutionären Ideen, gaben den Anstoß für Unruhen im restlichen Europa.

1832 zog ich mit meiner Frau und meinen Kindern nach Paris. Schon ein Jahr zuvor hatte ich in der Hauptstadt einige Bäckereien erworben. Jetzt wollte ich von Paris aus meine Filialen über ganz Frankreich ausbreiten. Mein Vater konnte es überhaupt nicht verstehen, warum ich ins heißumkämpfte Paris zog. Die meisten Menschen in der Hauptstadt lebten in alten, kleinen Wohnungen und hatten keinen überwältigenden Komfort. Ich zog natürlich in ein gediegenes Bürgerhaus. Nichts auf der Welt konnte mich mehr stoppen. Mein Reichtum vermehrte sich und ich wurde allmählich von Bankern und anderen Industriellen akzeptiert.

Erstmals erlebte ich Politik hautnah. Kurz nachdem wir uns in Paris angesiedelt hatten, gab es die ersten Aufstände gegen den Bürgerkönig. Das Großbürgertum war aber stark genug, um die Wiederkehr der absolutistischen Monarchie zu verhindern. Somit stand mir der eingeschlagene Weg zum unaufhaltsamen Aufstieg weiterhin offen.

In Paris verwirklichte ich schließlich meinen Traum von einer zentralen Brotfabrik. Leider gab es nun immer mehr Unruhen im Volk, die sich auch gegen Leute wie mich richteten. In England wurde ein Gesetz gegen die Kinderarbeit erlassen, und in Lyon kam es am 13.4.1834 zu einem Aufstand der Seidenweber. Ich musste früher oder später auch mit Streiks in meinen Betrieben rechnen. Dem beugte ich vor, indem ich meinen Arbeitern Zugeständnisse machte, die sie davon abhalten sollten sich gewerkschaftlich zu organisieren.

1836 feierte ich meinen 40. Geburtstag. Im selben Jahr gründeten deutsche Intellektuelle in Paris gemeinsam mit Handwerkern und Arbeitern den "Bund der Gerechten". Dieser Bund war eine Art Vorläufer der sozialistischen Partei. Das Gedankengut dieser unsäglichen Bewegung war kommunistisch angehaucht.

Vom Kommunismus, sowie jeder Form des Sozialismus hielt ich ebenso wenig wie von der Kirchenlehre. Die Priester aller Konfessionen versprachen den Menschen ein besseres Leben nach dem Tod. Das fand ich zwar lächerlich, weil ich nicht daran glaubte, aber nun war ich auf der Seite jener Menschen, die Nutzen aus der Naivität des einfachen Volkes zogen.

Den Sozialismus nahm ich ebenfalls nicht ernst. Wie viele andere Menschen erkannte ich nicht die Gefahr dieser Ersatzreligion. Wenn man den Armen die Hoffnung auf ein besseres Leben nach dem Tod nahm und ihnen dafür das sogenannte Arbeiterparadies jetzt und sofort versprach, dann waren Unruhen und Chaos logischerweise vorprogrammiert. Mit Parolen wie „Besitz ist Diebstahl“, „alle Menschen sind gleich“ und jedem stehe das Gleiche zu, sollten diese Volksverhetzer noch viel Unheil anrichten. Doch war es glücklicherweise noch lange nicht so weit, dass sie auch nur den Hauch einer Chance hatten an die Macht zu kommen.

Der Kapitalismus hatte gerade erst begonnen das alte Feudalsystem der Adeligen zu beenden. Diese Ideologie war mir viel sympathischer. Es kam nicht mehr darauf an, wo jemand herkam und aus welcher Familie er stammte. Es ging darum, was jemand schaffte und hatte. Nach dem allmählichen Zusammenbruch der alten Ordnung konnten Menschen, die wie ich, aus einfachen Verhältnissen stammten, alles erreichen. Im aufkeimenden Kapitalismus war zwar nicht jeder Mensch gleich, aber er hatte zumindest fast die gleiche Chance etwas aus seinem Leben zu machen.