Ich bin Mose - Heiko Kuschel - E-Book

Ich bin Mose E-Book

Heiko Kuschel

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Beschreibung

Zweimal im Jahr, mitten in der Nacht in der dunklen Schweinfurter Johanniskirche: Ein Lichtstrahl beleuchtet eine einzelne Figur. Sie scheint zu erwachen. Erzählt aus ihrem Leben, klagt, lobt Gott, predigt und verzagt auch manchmal. Andere Figuren und Kunstwerke stimmen ein. Literarische Texte aus allen Epochen verweben sich im Dunkel mit leiser Musik. Zur Ruhe kommen im Dunkel der Nacht. Nachdenken über Fragen des eigenen Lebens. Den Kirchenraum neu entdecken. Kirchenführung, Advents- oder Passionsandacht, literarische Lesung, Liederabend: Die Schweinfurter „Klänge in der Nacht“ haben von all diesen etwas und sind doch mehr als das. In diesem Buch finden Sie Texte, die für die ersten zehn „Klänge in der Nacht“ geschrieben wurden. Zum Nachlesen und Nachspüren. Zum Träumen und Hoffen. Ein ungewöhnlicher Zugang zur Kunst, nicht nur für Schweinfurter.

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Seitenzahl: 82

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Das Buch

Zweimal im Jahr, mitten in der Nacht in der dunklen Schweinfurter Johanniskirche: Ein Lichtstrahl beleuchtet eine einzelne Figur. Sie scheint zu erwachen. Erzählt aus ihrem Leben, klagt, lobt Gott, predigt und verzagt auch manchmal. Andere Figuren und Kunstwerke stimmen ein. Literarische Texte aus allen Epochen verweben sich im Dunkel mit leiser Musik.

Zur Ruhe kommen im Dunkel der Nacht. Nachdenken über Fragen des eigenen Lebens. Den Kirchenraum neu entdecken. Kirchenführung, Advents- oder Passionsandacht, literarische Lesung, Liederabend: Die Schweinfurter „Klänge in der Nacht“ haben von all diesen etwas und sind doch mehr als das.

In diesem Buch finden Sie Texte aus den ersten zehn „Klängen in der Nacht“. Zum Nachlesen und Nachspüren. Zum Träumen und Hoffen. Ein ungewöhnlicher Zugang zur Kunst, nicht nur für Schweinfurter.

Der Autor

Heiko Kuschel ist evangelischer Pfarrer in Schweinfurt. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

Inhalt

Passion 2010

Mose

Junker Wolff von Steinau Steinrück

Rosette

Maria

Gedanken zum Magnificat

Altarbild in St. Johannis

Advent 2010

Mose

Johannes der Täufer

Taufstein

Blauer Engel

Krippe

Passion 2011

Mose

Lukas

Vierung der Kirche

Kreuzigungsbild von Emil Scheibe

Johannes im Kreuzigungsbild

Kruzifix im Chorbogen

Osterkerze

Advent 2011

Mose

Der Engel an der Kanzel

Der Heilige Geist

Die Tür

Altarbild: der Tod

Maria

Weißer Engel

Roter Engel

Passion 2012

Mose

Johannes an der Kanzel

Foto der Schule

Hoffnungsbaum

Maria (Marienkapelle

)

Advent 2012

Mose

Der Engel auf dem Kanzeldeckel

Taufstein: Petrus und der Schlüssel

Die alten Orgeln

Stille

Sonne in der Vierung

Der weiße Engel

Frieden!

Passion 2013

Mose

Herrenchor

Sehnsucht

Andreas

Grabmal Amalia von Pomersfelden

Stuhlschildchen

Was bleibt?

Grabmal Margaretha von Wenkheim

Advent 2013

Mose

Der Engel an der Kanzeltreppe

Das geteilte Gewölbe

Zerstörtes Wappen

Chorraum: Maria und das Jesuskind

Rose am Stamm

Der Engel mit dem Rosenbogen

Passion 2014

Mose

Andreas

Märtyrergebet

Reichsvogt Konrad von Seinsheim

Johannes der Täufer

Kreuz-Fresko

Und ich träumte

Altarbild: Der Auferstandene

Advent 2014

Mose

Lukas

Adventsvorbereitungen

Grabmal Graf Christoph Carol Schlick

Der Graf

Before I die

Der Hauch des Todes

Johannes der Täufer

Gottes Lamm

Petrus

Der Engel mit dem Rosenbogen

Abläufe

Klänge in der Nacht 19.3.2010 21:00

Klänge in der Nacht 10.12.2010 20:00

Klänge in der Nacht 18.3.2011 21:00

Klänge in der Nacht 9.12.2011 20:00

Klänge in der Nacht 9.3.2012 21:00

Klänge in der Nacht 7.12.2012 20:00

Klänge in der Nacht 8.3.2013 21:00

Klänge in der Nacht 13.12.2013 20:00

Klänge in der Nacht 4.4.2014 21:00

Klänge in der Nacht 5.12.2014 20:00

Danke

Abbildungen

Literatur

Mehr von Heiko Kuschel

Die Ringe sind im Auto

Plötzlich bist du da

Die Sonne ist ein Säugetier

Passion 2010

Mose

Ich bin Mose. Vor über dreitausend Jahren führte ich das Volk Gottes aus der Sklaverei in die Freiheit. Am Berg Sinai sprach ich mit Gott. Von Gott, so erzählt eure Bibel, bekam ich die Zehn Gebote. Gebote, die euch Freiheit schenken sollten. Frei von Angst, frei von Schuld solltet ihr leben können. Wie wäre euer Leben, wenn alle sich daran halten würden?

Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.

Du sollst den Feiertag heiligen.

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.

Du sollst nicht töten.

Du sollst nicht ehebrechen.

Du sollst nicht stehlen.

Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat.

Die Zehn großen Freiheiten hat man sie genannt, diese Gebote. Wie frei, wie unbeschwert wäre euer Leben, wenn ihr euch daran halten würdet! Doch was tut ihr? Neidisch seht ihr auf das, was der andere hat. Ihr stehlt. Ihr tötet. Ihr betet das Geld an, den Erfolg, die freie Marktwirtschaft. Ihr unterdrückt die Armen.

Sündig seid ihr. Ihr missbraucht eure Freiheit. Habt euch abgesondert von Gottes Willen. Lebt nicht so, wie Gott euch gewollt hat.

Ich bin Mose. Vor über dreihundert Jahren stellte man mich unter diese Kanzel. Als ein Zeichen für die Menschen: Die Predigten hier, sie stehen auf dem Grund der Zehn Gebote. Die Predigten, die hier gehalten werden, sie fußen auf dem Alten Testament. Ihr habt gemeinsame Wurzeln mit dem Judentum. Manchmal, in eurer Geschichte, da wäre es gut gewesen, ihr hättet auf dieses Zeichen geachtet.

Ich bin Mose. Vor über dreihundert Jahren stellte man mich unter diese Kanzel.

Manchmal kommt es mir vor, als müsste ich die ganze Welt auf meiner Schulter tragen.

Große Aufgaben hatte Gott mir gegeben.

Ein großer Prophet sollte ich sein.

Ein Bote Gottes.

Heute noch eine Stütze der Predigt auf dieser Kanzel.

Nicht immer war ich dem gewachsen.

Hatte Angst.

Zweifelte und suchte meinen eigenen Weg.

Manchmal kommt es mir vor, als müsste ich die ganze Welt auf meiner Schulter tragen.

All die Schuld.

All das Leid.

Die schweren Gedanken.

Die unerreichten Ziele.

Die ungesprochenen Worte.

Die gesprochenen Worte, die jemanden verletzten.

Den Neid.

Den Hass.

Die Armut dieser Welt.

Wer trägt mich?

Wer fängt meine Tränen auf?

Junker Wolff von Steinau Steinrück

Gestatten, Junker Wolff von Steinau Steinrück mein Name, genannt von Schweinfurt. Viel ist nicht von mir bekannt, nur dieses Grabmal zeugt von meiner Existenz. Mein Leben habe ich gelebt als Kämpfer.

Euch mag das seltsam vorkommen. Doch zu unserer Zeit war das etwas Besonderes. Ein Privileg. Immer hatte ich Gutes im Sinn. Wollte edel leben. Wollte das Evangelium verbreiten. Den Menschen helfen. Nun, am Ende meines Lebens, lege ich meinen Helm ab. Lege ihn vors Kreuz. Schaue auf zu meinem Herrn Jesus.

„Spes mea Christus“, Christus ist meine Hoffnung: So steht es auf dem Spruchband zwischen Jesus und mir. Ich frage ihn, meinen Herrn und meine Hoffnung: Hatte mein Leben einen Sinn? Zu dir, Jesus, will ich kommen. Am Ende sagen können: Es war für dich, mein Leben, und es war gut. Wirst du mich annehmen? Werde ich bei dir sein können? Bin ich bei dir? 425 Jahre bin ich nun schon tot. Was bleibt?

Rosette

Kreisrund, lichtdurchbrochen, mitten im Dunkel. Jetzt, in der Nacht, verirren sich nur wenige Lichtstrahlen durch die Rosette. Nehme ich sie noch wahr? Habe ich noch Augen für das bisschen Licht, das hier in diese Kirche strahlt?

Kreisrund, lichtdurchbrochen, mitten im Dunkel. Schon immer stand der Kreis, die vollkommenste geometrische Figur, für Gott. Er symbolisiert die Vollkommenheit der sich nach allen Seiten verbreitenden Liebe Gottes.

Die Verzierungen lenken meinen Blick auf das Zentrum. Ich komme zur Ruhe. Halte die Dunkelheit und Stille aus, die so ungewohnt ist. Ich frage: Was ist mein Zentrum? Was macht mein Leben vollkommen? Wo gehöre ich hin?

Kreisrund, lichtdurchbrochen, mitten im Dunkel. Mein Leben ist nicht vollkommen. Es ist nicht wie dieser Kreis. Oft ist es dunkel in meinem Leben. Doch durch das Dunkel, das Wirrwarr, bricht das Licht von Gottes Liebe. Kann ich es noch wahrnehmen? Ich komme zur Ruhe und nehme in der Stille mein Leben wahr.

Maria

Maria ist mein Name. Ein einfaches Mädchen war ich, doch kaum jemand ist heute auf so vielen Statuen und Bildern abgebildet wie ich. Mutter Gottes, so nennt ihr mich. Auch in der evangelischen Kirche habe ich meinen Platz. Keinen so bedeutenden wie bei euren katholischen Mitchristen. Aber doch bin ich da. Kann selbstverständlich hier stehen, neben dem Evangelisten Johannes, dem Täufer Johannes und Bischof Kilian. Ich stehe hier und erinnere euch daran: Gottes Sohn ist Mensch geworden. In meinem Leib. Ich habe ihn geboren. Welch ein Wunder! Gott kommt mitten hinein in unsere Welt.

Ein Engel hat es mir verkündet. So erzählt es der Evangelist Lukas. Und dieses große Wunder, es hat mich ergriffen. Ich fing an zu singen und Gott zu loben. Leidenschaftlich, hingerissen, stolz, begeistert: So hat Dietrich Bonhoeffer mich beschrieben, und ja, das war ich. Doch hört mein Lied. Leidenschaftlich, hingerissen, stolz, begeistert. Ich singe es für euch.

Meine Seele erhebt den Herrn,

und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;

denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.

Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.

Denn er hat große Dinge an mir getan,

der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.

Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht

bei denen, die ihn fürchten.

Er übt Gewalt mit seinem Arm

und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.

Er stößt die Gewaltigen vom Thron

und erhebt die Niedrigen.

Die Hungrigen füllt er mit Gütern

und lässt die Reichen leer ausgehen.

Er gedenkt der Barmherzigkeit

und hilft seinem Diener Israel auf,

wie er geredet hat zu unsern Vätern,

Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.1

Ehre sei dem Vater und dem Sohne

und dem Heiligen Geiste,

wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Gedanken zum Magnificat

Gott. Mein Gott!

Wie gern würde ich das:

Dich erheben.

Auf, meine Seele, erhebe Gott!

Mein Geist freue sich!

Nun freu dich schon!

Nicht mehr viel da, was ich erheben könnte.

Irgendwo im Alltagsgerümpel,

irgendwo in meinem Kopf:

Eine kleine, verstaubte Schachtel, innendrin:

Mein letztes Stückchen Gott.

Nicht theologisiert, exegesiert, problematisiert.

Auch nicht groß, stark, mächtig.

Einfach nur: Gott.

Siehst du mich?

Schau endlich her, Gott, du!

Hörst du mich?

Antworte mir doch, antworte mir!

Ich weiß: du hast schon Großes an mir getan.

Hast mir so vieles gegeben, so viel Gutes.

Hast mich verschwenderisch ausgestattet

mit so vielen, vielen Gaben.