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In unserer Verfassung steht: "Jeder Schweizer ist verpflichtet, Militärdienst zu leisten." Dieser massive Eingriff in die Freiheit junger Männer soll das Fundament unserer Verteidigung und Sicherheit legen. Dies ist die Geschichte eines solchen Mannes und wie er sich in 124 Tagen vom demotivierten Rekruten langsam und mühsam zu einem Soldaten entwickelt. Diese Erzählung in Tagebuchform gewährt Einsicht in Alltag und Gedankenwelt eines Angehörigen der Armee während einer Pandemie.
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Seitenzahl: 73
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Für meine Familie
Diese Geschichte ist der Versuch, einige wilde Gedankengänge eines Rekruten der Schweizer Armee zu strukturieren und in einen verständlichen Kontext einzubetten.
Tag 1
Tag 2
Tag 3
Tag 4
Tag 5
Tag 8
Tag 9
Tag 12
Tag 18
Tag 22
Tag 29
Tag 30
Tag 38
Tag 44
Tag 46
Tag 53
Tag 65
Tag 71
Tag 80
Tag 89
Tag 94
Tag 107
Tag 108
Tag 117
Tag 124
Stolz und doch so erschöpft steht die Kaserne Auenfeld an dieser Strasse schon Jahrzehnte. Gezeichnet von einer früheren Zeit, als ihr grünes und von der Tierwelt bewohntes Naturschutzgebiet noch von Panzern befahren wurde. Heute bleiben die vielen Panzerpisten aber unbefahren. Am heutigen Montag, Ende Juni, werden in der zweiten Panzerhalle keine neuen Panzer willkommen geheissen, sondern eine Kompanie an Rekruten. Genauer gesagt drei Kompanien, wobei die erste Kompanie schon weiterreist, ehe überhaupt alle angekommen sind.
Unter diesen vielen hundert Männern – ja ich schliesse hier die weibliche Form bewusst aus, denn ich nehme mir die Freiheit auf die insgesamt 3 Frauen der dritten Kompanie nicht weiter einzugehen – stehe auch ich mit viel Unterwäsche und einem grossen Stück Neugier bepackt. Sie ersetzt an diesem Montag nicht nur meine Motivation, sondern auch die der vielen jungen Männer um mich herum, die mich seit der Zugfahrt nach Frauenfeld begleiten.
Pünktlich, wie fast alle Rekruten, stehe ich nun vor einer ehemaligen Panzerhalle. Heute braucht man sie für die Nahkampfausbildung, Dienstbesprechungen und als Garage für die unheimliche Menge an Fahrzeugen, die meine Kompanie zu beherbergen hat. Nach einem ersten Posten, wo ich unter anderem meine Essgewohnheiten angeben muss, werde ich meinem Zug zugewiesen. Zug Meier. Ein blonder grösserer Mann steht hinter einer Holzpalette. Er ist ein Leutnant. Er ist mein Zugführer. In 18 Wochen wurde er erst zum Soldaten ausgebildet, dann in 4 Wochen zum Wachtmeister, bevor er innerhalb von 15 Wochen zu einem Subalternoffizier, was ein rangniederer Offizier ist, geformt wurde. Auf mich allerdings wirkt er durchaus bedeutungsvoller. Von nun an bin ich Teil seines Zuges.
Zug Meier besteht aus 37 Rekruten. Die meisten haben gerade ihre Lehre oder Matura abgeschlossen und sehen sich in der Pflicht, die 18-wöchige Rekrutenschule zu absolvieren. Jeder einzelne wurde aus seinem eigenen Leben gerissen und in eine Art „Auszeit“ katapultiert, welche er weder ersehnte noch erwünschte. Doch da stehen wir nun. Von nun an werden wir kaum mehr als Individuen wahrgenommen, sondern vielmehr als Teil dieses Zuges, dieses Zuges Meier.
Bereits um fünf Uhr nachmittags essen wir zu Abend. Am ersten Tag der Rekrutenschule gibt es immer Ravioli mit Salat. Das Essen hätte zwar ein wenig mehr gewürzt werden dürfen, nichtsdestotrotz schmeckt es ganz gut und wir können nach einem informativen Nachmittag neue Kräfte für das Abendprogramm tanken.
An diesem ersten Tag habe ich meine Umwelt nur nebensächlich wahrgenommen. Ich habe weder meine Kameraden kennen gelernt, noch habe ich mich besonders für sie interessiert. Ich war viel mehr auf mich konzentriert und mit dem Sortieren und Verarbeiten meiner Gedanken überfordert. So bin ich froh, als wir gegen späten Abend unseren ersten militärischen Tag beenden können und schliesse, nach kurzer Zeit in meinem Bett, mein Buch „A farewell to arms“ von Ernest Hemingway, das die Geschichte eines amerikanischen Sanitäts-Offiziers, der während dem ersten Weltkrieg die italienischen Streitkräfte unterstützt, erzählt.
Ein nächster, zweiter Tag wird durch das unsanfte Wecken der uns vorgesetzten Wachtmeister eingeläutet. Meine digitale Armbanduhr zeigt gerade halb sechs und in 20 Minuten haben wir bereits vor unserer Unterkunft zu stehen. Nicht nur bereit, um zu essen, sondern auch um einen rund halbstündigen Fussweg zu einer Logistikbasis aufzunehmen und dort nebst unserer kompletten Ausrüstung auch unser Gewehr zu fassen.
Jetzt bin ich doch vor allem auf mich und meine stark eingeschränkte Morgenroutine konzentriert, als mich ein Zimmergenosse auf mein Buch anspricht. Ihm fiel auf, dass nur wir beide uns gestern Abend einem Buch widmeten. Und so verstricken wir uns in ein erstes Gespräch. Er heisst Noah Fischer, ist 20 Jahre alt, kommt aus Schaffhausen, hat seine Lehre als Heizungsinstallateur bereits vor einem Jahr abgeschlossen. Seither hat er die Berufsmatur gemacht. Er ist etwas grösser als der durchschnittliche Rekrut, hat schwarze Haare und einen dunklen Bart. Seine äusseren Erscheinungsmerkmale gleichen den meinen, doch unterscheiden wir uns stark. Ich bin viel breiter gebaut und gut ernährt, während er eher dünn ist. Sein Kopf ist schmaler und sein Haarschnitt zwar ebenfalls kurz aber viel wilder. Natürlich stelle auch ich mich vor. Ich bin 19 Jahre alt, komme aus einer Agglomerationsgemeinde der Stadt Bern und habe in den letzten vier Jahren das Gymnasium besucht.
Unsere Kaserne umfasst nebst der bereits erwähnten Panzerhalle noch zwei weitere grosse Mehrzweckhallen und eine zum Essen umfunktionierte und mit einer Küche versehenen Halle, welche mit einem grossen Zelt erweitert wurde, um noch mehr Essplätze für Rekruten zu schaffen. Zusätzlich gibt es auch noch vier verschieden grosse Baracken, welche teilweise miteinander verbunden sind und die Kommandoposten, eine militärische Bezeichnung für Kanzlei, der beiden angesiedelten Kompanien umfassen.
So laufen wir, nach einem zufriedenstellenden Frühstück mit Brot und Haselnussaufstrich in der Kaserne, der Logistikbasis und dem Sonnenschein eines heissen Juni-Tages entgegen.
„Gott sei Dank regnet es nicht“, pflichte ich meinem Nachbar bei, der neben mir zu laufen hat, weil wir uns stets in einer Zweierkolonne bewegen müssen. Wir sind beide ehemalige Gymnasiasten. Er ist durchschnittlich gross, hat schwarze Haare und eine ziemlich unauffällige Natur. Sein Name ist Jonas Metzger, er kommt aus dem kleinen Urkanton Uri und vermisst, ähnlich wie ich, seine alte Schule. Wir beide teilen eine gewisse Missgunst gegenüber dem Dienstbetrieb oder zumindest dem gegenüber, was wir bisher miterlebt haben. Wir beide sind uns noch ziemlich unbekannt. Im ganzen Zug haben sich erst kleinere Bekanntschaften und Gruppen gebildet.
Geplagt von einer unglaublichen Demotivation, die durch den sehr harschen Umgangston zumindest mitgeprägt ist, stehe ich wie im falschen Film da und halte das gerade erhaltene Material weit in die Luft, damit es mein Wachtmeister kontrollieren kann. Mittlerweile scheint die Sonne hell und stark, sodass uns der Schweiss über unsere Gesichter fliesst. Als wir die Materialkontrolle der ganzen persönlichen Ausrüstung beendet haben, dürfen wir den von einem Veloständer geworfenen Schatten als Pausenzone nutzen.
Nun sind wir mit dem wichtigsten Material des Soldaten ausgerüstet. Wir haben unsere Marschschuhe, den berüchtigten Kampfstiefel 90, unsere Uniform und auch unseren Helm gefasst. Der wichtigste Begleiter eines jeden Soldaten fehlt aber noch. Als nächstes können wir, unter Einhaltung eines strikten Ablaufs, unser Gewehr entgegen nehmen. Es bildet sich vor einem improvisierten, aus Holzpaletten bestehenden, Tisch unseres Kompaniekommandanten, einem durchschnittsgrossen und sympathisch wirkenden Englisch- und Geschichtsstudenten der Universität Basel, eine Einerkolonne. Ein Rekrut nach dem anderen tritt nach vorne und meldet sich bei ihm an. Das funktioniert ganz einfach. Man steht stramm da, salutiert mit der rechten gestreckten Hand und sagt: „Oberleutnant,“ (Das ist sein Grad, während Kompaniekommandant seine Funktion ist.) „Rekrut Häfeli“. Infolgedessen nimmt er den Gruss ab und man kann in einer vorgegebenen Position gelassen stehen. Der Oberleutnant reicht einem die Waffe, die man bestimmt packen muss, um sie ihm förmlich aus den Händen zu reissen. Jedoch sagt er erst noch laut und bestimmt: „Ihre persönliche Waffe!“, worauf man „Verstanden, meine persönliche Waffe!“, erwidert. Nach diesem Prozedere kann man sich abmelden, was das Pendant zum Anmelden ist. Das Ganze ist eigentlich ganz einfach, doch sind einige wohl sehr nervös und ihnen misslingt ihr Teil. Das ist wohl darauf zurückzuführen, dass der Oberleutnant aufgrund seines Grades viel mächtiger und grösser wirkt als er wirklich ist. Sein junges Gesicht wird mit einem kurzen Bart verdeckt und durch eine rassige Kurzhaarfrisur abgerundet. Ich bin froh, als ich das Ganze doch ohne Fehler absolviere und nun mit einem, nein meinem Sturmgewehr ausgerüstet bin.
