Ich grase meine Gehirnwiese ab - Paul Valéry - E-Book

Ich grase meine Gehirnwiese ab E-Book

Paul Valéry

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Beschreibung

»Vor fünf aufgestanden – um acht scheint es mir, dass ich schon einen ganzen Tag geistig gelebt, somit das Recht erworben habe, bis zum Abend dumm zu sein.« Paul Valérys berühmte Cahiers, seine »Denkhefte«, wurden fast täglich und über ein halbes Jahrhundert lang mit Notizen gefüllt und erst 1945 nach seinem Tod veröffentlicht. Sie sind ein einzigartiges Denklaboratorium des modernen Menschen und ein Paradebeispiel lebensphilosophischer Selbsttherapie.

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Seitenzahl: 378

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Herausgegeben von Thomas Stölzel

Ich grase meine Gehirnwiese ab

Paul Valéry und seine verborgenen Cahiers

Herausgegeben von Thomas Stölzel

 

 

Über dieses Buch

 

 

Weit über 300 Schulhefte füllte Paul Valéry über ein halbes Jahrhundert nahezu täglich mit Notizen, die später in 31 Rubriken unterteilt wurden, wie etwa Ego, Sprache, Gedächtnis, Zeit, Eros. Sie bilden zusammen die berühmten ›Cahiers‹. Minutiös erkundet der französische Philosoph und Literat alltägliche Bewusstseinsprozesse, von den Empfindungen, Wahrnehmungen, Wünschen und Träumen über die Willensbildung und den Handlungsvollzug bis zum sprachlichen Ausdruck.

 

Thomas Stölzel, der Herausgeber dieser erstmals in ›Die Andere Bibliothek‹ erschienenen Auswahl und Verfasser der begleitenden Texte, zeichnet in seinem Essay die intellektuelle Biographie Paul Valérys nach und vermittelt eine Vorstellung von den geistigen Konturen dieses Homme de Cahiers.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Paul Valéry, geboren am 30. Oktober 1871 in Sète, Languedoc-Roussillon, starb am 20. Juli 1945 in Paris. Er war ein französischer Lyriker, Philosoph und Essayist. Seine Gedichtsammlung ›Charme‹ wurde 1925 von Rainer Maria Rilke ins Deutsche übertragen. Zu seinen bekanntesten Werken gehören, neben den ›Cahiers‹, ›Monsieur Teste‹ und ›Mein Faust‹.

 

Thomas Stölzelist als systemischer Therapeut und Berater, Philosophischer Praktiker und Coach sowie als Autor, Herausgeber und Publizist tätig. Er lebt in Berlin.

 

Weitere Informationen, auch zu E-Book-Ausgaben, finden Sie bei www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Covergestaltung: buxdesign, München

Coverabbildung: Getty Images

 

Erschienen bei FISCHER E-Book

Frankfurt am Main, Januar 2016

 

Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung des Aufbau Verlags GmbH & Co. KG, Berlin

›Ich grase meine Gehirnwiese ab. Paul Valéry und seine verborgenen Cahiers‹

Ausgewählt und mit einem Essay von Thomas Stölzel

Auf der Grundlage der von Hartmut Köhler und Jürgen Schmidt-Radefeldt besorgten deutschen Ausgabe der Cahiers/Hefte in sechs Bänden

© AB - Die andere Bibliothek GmbH & Co. KG, Berlin 2011

Die französiche Ausgabe der ›Cahiers‹ erschien 1973 und 1974 in der Bibliothèque de la Pléiade, Editions Gallimard, Paris

Deutsche Ausgabe in sechs Bänden:

© 1987–1993 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderrichstraße 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-403309-9

 

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Inhalt

Aus den Cahiers von Paul Valéry

Die Wissenschaft vom Menschen

Blicke auf die eigene Person

Ich, Selbst und die Individualität

Sprachliches – Allzusprachliches

Nachdenken über das Denken

Leibliches Denken

Wahrnehmen und Aufmerksamkeit

Selbstsorge

Skepsis

Was kann ein Mensch?

Meine Spezialität, das ist mein Geist

Anhang

Zu dieser Ausgabe

Quellennachweise

Die Wissenschaft vom Menschen

Blicke auf die eigene Person

Ich, Selbst und die Individualität

Sprachliches – Allzusprachliches

Nachdenken über das Denken

Leibliches Denken

Wahrnehmen und Aufmerksamkeit

Selbstsorge

Skepsis

Was kann ein Mensch?

Abbildungsnachweise

Aus den Cahiers von Paul Valéry

Um dieses Unternehmen zu verstehen,

müßt ihr alle literatische Gewohnheit abstreifen –

selbst die schlichte Logik – jede Seite –

da fängt etwas an, das mit der vorhergehenden

nur durch das Ziel verbunden ist –

Und es ist dennoch ein einziger durchgehender Satz …

Die Wissenschaft vom Menschen

Valérys Frage nach dem Potential des Menschen brachte ihn immer wieder in Kontakt mit anthropologischen Beobachtungen und Reflexionen, wie sie vornehmlich die sogenannten Moralisten gemacht und nuanciert haben. Ein Moralist ist nach französischer Definition ein Mensch, der über das tatsächliche Verhalten seiner Mitmenschen schreibt; was beinahe in direktem Widerspruch zu der deutschen Begriffsverwendung im Sinne eines ›moralinsauren‹ Sittenpredigers steht. Bei den Moralisten handelt es sich um verschiedene, vor allem in Frankreich bekannt gewordene Schriftsteller-Philosophen, denen es in ihrer science de l’homme darum ging, den Menschen mit möglichst all seinen Ab- und Hintergründen zu erfassen und darzustellen – statt das Fehlen einer bestimmten, idealbildhaften Moral zu beklagen. Valérys Beobachtungsintention und seiner Menschenanalyse ist der Gestus des konstruktiven und dabei stilbildenden Desillusionierens ebenso eigen wie die literarischen Formen, deren er sich dabei bedient: Aphorismus, Maxime, Fragment, Reflexion, Dialog und Essay. Diese bilden die ›offene‹ Basis einer literarischen Menschenbetrachtung, wie sie seit Montaigne und La Rochefoucauld unternommen worden ist. Und dies sind auch die Gattungen, in denen sich Valéry – von der Lyrik abgesehen – in seinem zu Lebzeiten erschienenen ›offiziellen‹ Werk vornehmlich ausgedrückt hat. In seinen verborgenen Cahiers mit ihrer absichtlich fragmentarisch gehaltenen Gestalt praktizierte er noch stärker verschiedene Verkürzungs- und Pointierungsstile, um in fortwährender, skeptischer Umkreisung seines Gegenstandes – dem geistigen Vermögen des Menschen – diesem auf die Spur zu kommen.

… mein philosophisch-literarisches Ziel war es, die verschiedenen Ordnungen, welche die Komplexität des Menschen ausmachen, in Aktion zu zeigen, und zwar gleichzeitig –, Ordnungen, die sich gegenseitig fordern und fördern und die gleichsam die Grundbestimmung des Denkens bilden, seine Elastizität.

*

Was man versuchen muß zu begreifen, ist die Gesamtfunktionsweise des Menschen.

*

Der Mensch sieht, hört, berührt nur sich selbst. Die Physik ist bloß anthropomorph.

*

Wie ich das Lebewesen sehe? – Ich abstrahiere von seiner Entscheidung. Ich sehe weder Pferd noch Mensch – Sondern seltsame Darstellungen davon.

Diese Graphiken notieren »Funktionen«. Ich betrachte das Lebewesen als System von Funktionen – mehr oder weniger unabhängigen Funktionen – jede mit ihrem monotonen Zyklus. Die einen intermittierend, die anderen ununterbrochen. Ihre Resonanzen und Interferenzen. Wie sie sich kombinieren, behindern, erregen, bekämpfen, stützen, fortsetzen, ersetzen, verstärken, zerstören – unterschiedliche Geschwindigkeiten. Wie läßt sich diese Komplexität überschauen? Wie zum Beispiel auf diesem Ozean von sich kreuzenden Reizen und Reizbeantwortungen – einem Interesse, einem festen Vorhaben Dauer verleihen, wo sich doch eine natürliche Erneuerung in ganz bestimmter Richtung vollzieht – ein dominantes Austauschgesetz –

*

Die Wissenschaft vom menschlichen Wesen gäbe es nicht, wenn man es in seiner ganzen Komplexität ernst nähme. Doch der Mensch selbst sieht sich nur in und durch Vereinfachungen.

*

Ein Mensch ist komplizierter – unendlich komplizierter – als sein Denken.

Man müßte wohl dahin kommen – unsere Philosophie auf diese Grundlage zu stellen – daß wir auf einer höllischen Komplikation von Elementen und Elementarvorgängen beruhen.

Ein Geist, der fähig wäre, die Kompliziertheit seines Gehirns zu begreifen, wäre also komplexer als das, was ihn zu dem macht, was er ist …

*

Der Mensch ist ein Versuch, eine extreme Spezialisierung mit einer extremen Anpassungsfähigkeit zu verbinden.

Die Bedingungen seiner Existenz und seiner Fortpflanzung sind sehr eng; doch es ist ihm vergönnt, sich nicht aufs Hinnehmen zu beschränken. Er ist fähig zu verändern – hervorzubringen, wessen er bedarf. Insofern ist er zur Arbeit verdammt. Seine defensive Anpassung wird ergänzt durch eine offensive Anpassung. Dies geht bis zur Erzeugung von Bedürfnissen selbst.

*

Wir sind ein hochkompliziertes Instrument, auf dem die Sinne spielen – die speziellen Sinne und die viszeralen Sinne – und die »Welt« spielt auf den Sinnen, die gesehene Welt, die verspeiste Welt, die geatmete, gerochene, gestoßene Welt oder die sichtbare, eßbare, riechende, widerständige, atembare Welt.

Es gibt auch die wiederkehrende Welt oder Gedächtnis.

*

Solange die Dinge eine Bedeutung und sogar eine Form haben, befinden wir uns im Anthropomorphismus.

*

Wenn

Der Mensch ist von Wenn umgeben. Wenn ich diese Vase hinunterwerfe, wird sie zerbrechen. Wenn ich diese Schublade öffne, werden Gegenstände erscheinen. – Wenn ich diese Seite anschaue, werde ich dort das und das Gedicht lesen.

Wenn, wenn und wenn …

Die Summe der WENN, oder vielmehr ihre Menge, ist eingegangen in den allgemeinen Akt des Wiederkennens seiner selbst, des Ortes, des Augenblicks; und wir begreifen den Augenblick nur über eine Menge von virtuellen Variationen oder eventuellen Transformationen der Sphäre der gegenwärtigen Gegebenheiten.

*

Für jeden Menschen gibt es ein Kriterium für verlorene Zeit. Jede Dauer, die nicht von einer funktionellen Errungenschaft geprägt und von dem Gefühl begleitet ist, im Innern eine Beute zu ergattern, und zwar kräftigende Nahrung und nicht nur Kostprobe für meine Neugier, ist für mich verlorene Zeit. Was gewisse Konsequenzen nach sich zieht.

Homo trachtet danach, alles Vermögen, das er in sich spürt, auch anzuwenden, wie man an den Kindern sieht, die alles anfassen.

Man denkt, die Dinge ziehen ihn an und er ist neugierig auf sie. Aber es ist eher so, daß die Fähigkeiten des Anfassens, Handhabens und Umänderns ihm keine Ruhe lassen und die Dinge dabei nur Vorwand sind. Das Vermögen arbeitet in ihm und erregt Handlungsbedürfnisse. Was sich an den geschlechtlichen Fragen beobachten läßt, insbesondere in der Pubertät. –

Man sieht es auch am Intellekt – der sich Probleme sucht, die er verschlingen kann – und der seine mathematischen oder anderen Appetitanfälle hat …

*

Das größte Vergnügen ist das Nahen des Vergnügens.

*

Zwischen unserem mentalen Funktionieren und uns gibt es keine Kommunikation. Das Innerste des Menschen sieht nicht menschlich aus.

*

Der Mensch ist nur an seiner Oberfläche Mensch. Blicke unter die Haut, seziere – schon beginnen die Maschinen. Dann verlierst du dich in einer unerklärlichen Substanz, die allem, wovon du weißt, fremd und doch die wesentliche ist.

Ebenso geht es mit deinem Verlangen, mit deinem Fühlen und Denken. Die Vertrautheit und die menschliche Erscheinung alles dessen schwinden bei näherer Prüfung. Und wenn man die Sprache abnimmt und unter diese Haut blickt, so bestürzt mich, was hier zutage tritt.

*

Das Alter des Warum

Die Kinder fragen Warum? – Also bringt man sie in die Schule, die sie von diesem Instinkt kuriert und Neugier durch Langeweile besiegt …

*

Die Macht des Menschen gründet in seinem Blick, in dem Winkel, der Bewegung, der Festigkeit, der Unabhängigkeit, die er sich in seinem Blick bewahrt hat.

*

Eine Erkenntnis, also ein Ensemble von Ideen und Beziehungen, das innerhalb des Machtbereichs des Geistes vom Rest abgetrennt bleibt, die eine abgeschlossene Domäne bildet, derart, daß man diese entleeren und ihren Inhalt außer Gebrauch setzen könnte, ohne irgendwelche Folgen für das allgemeine Funktionieren der »Responsivität«, – die also keinerlei Anteil an der allgemeinen Politik des geistigen Lebens hat – die dem Rest weder Beziehungen noch Ausdrücke eröffnet –, hat ihren maximalen Wert nicht erreicht; und der Mensch, der sie besitzt, ist arm, und hätte er gleich eine Bibliothek im Kopfe.

*

Kein philosophischer Irrtum ist so ungeheuerlich wie der, nur die Philosophen zu den Philosophen zu rechnen, während doch alle Menschen von einer gewissen Größe notwendigerweise ihre eigene Philosophie ausgebildet haben; und wenn sie sie nicht im technischen Sinne und in der technischen Sprache der anerkannten Philosophie ausgedrückt und verdeutlicht haben, dann lag das vielleicht daran, daß sie das Gefühl hatten, ihre Philosophie sei um so mehr philosophisch wahr, als sie nicht als solche deklariert war. Wahr, d.h. genutzt und angewandt – verifiziert.

Der Philosophiespezialist fängt nichts mit seiner Philosophie an: er ist unter allen derjenige, der am wenigsten von ihr Gebrauch macht.

*

An der Stelle jedes Menschen, mit denselben Materialien, sind mehrere »Personen« möglich. Bisweilen koexistieren sie, mehr oder minder gleich. – Bisweilen periodisch. Die einen immer gröber als die anderen – primitiver – ungeschickter. Bisweilen kommt eine kindliche mitten in einem Vierzigjährigen wieder zum Vorschein. Man glaubt, man sei derselbe. Es gibt keinen Selben.

*

Je weiter ich komme, desto mehr messe ich die Menschen an ihren Intentionen. Die allgemeine Absicht zeigt sie am besten – als Figuren der Welt – Nicht die Resultate – nicht einmal – – Sondern die Intention, ihr Öffnungswinkel, ihre Genauigkeit, der Punkt, von dem sie ausgeht, ihre Autorität, Unbeugsamkeit oder Geschmeidigkeit – ihre scheinbare Veränderung usw.

*

Stets wollte ich das Porträt eines Menschen schaffen. Doch nicht so wie die Romanschreiber.

Ein Maler ist stets genötigt, das Ohr anzubringen, Auge, Mund, Nase – Er hat vorgegebene Bedingungen. Für das geschriebene Porträt, das mir vorschwebt, müßte man zuerst die Bestandteile der Person, der Persönlichkeit, der mentalen Mechanik ermitteln, die Besonderheiten, anschließend sie an Ort und Stelle ausführen.

Ein Gedächtnis aufzeichnen können, eine allgemeine Sensibilität, eine Rasse oder Erbanlage, eine Vergangenheit, ein höchstes Ziel, eine Art des Agierens und Reagierens; die Grenzen, die Ressourcen, die Reserven; Scham und Scheu, Geheimnisse, Lücken, Phobien und Manien eines Individuums.

Und zunächst als Dinge, die bei allen Individuen vorkommen. Normalerweise übergehen die Schriftsteller gerade das Wesentliche, sind nur auf das Charakteristische aus.

*

Der innere Mensch, verwirrt und plötzlich seiner innewerdend, nicht mehr wissend, was er ist, statt dessen ein panisch unerträglicher Gedankenausstoß, ein irrendes Insekt auf trocken rieselnder Sandschräge –: so einer ruft sich zur Hilfe den von außen gesehenen Menschen. Der Tiefstinnere, gesichtslose, formlose, ruft nach dem Passanten, nach des Menschen greifbarer Geschlossenheit und Festigkeit. Und er fragt ihn: Was tun die Menschen in solcher Lage? Denn ich bin kein Mensch mehr. Ich erkenne die Grenzen nicht mehr zwischen meinen Gedanken und meinen Handlungen und meinen Dingen. Erinnere mich daran, daß ich umgrenzt bin und aufrecht wie du. Wenn ich bin wie du – so kann es nur ein Teil meines Ichs sein, was mir zusetzt und mich quält. Wirf mir das Bild meiner Ganzheit zurück.

*

Die Autorität, die ein Mensch dank bestimmter Momente von sich oder bestimmter Dinge erworben hat, überlebt diese Momente und verbleibt ihm, verleiht seinen Ansichten, Handlungen und Urteilen, selbst wenn sie noch so nichtig und oberflächlich sind, das Gewicht, das er zu anderen Zeiten mit seiner Person verbinden konnte. Er ist gleichsam der Erbe eines durch jemand anderen erworbenen Vermögens.

*

Sich selbst gefallen ist Stolz; dem anderen Eitelkeit.

Es gibt ihn nicht, den Menschen, der stark genug wäre, sich selbst so zu behandeln, wie er die anderen behandelt – sich selbst gegenüber so gleichgültig zu sein, so loyal, so mißtrauisch.

*

Ein wirklicher Mensch, ich, du – ist stets nur ein Fragment; wie immer sein Leben sein mag, es ist stets nur ein Probestück, ein Hinweis, ein Muster, ein Entwurf – mit einem Wort: etwas in seiner Gesamtheit Geringeres als das Wesen, das mittels dieses gegebenen Menschen möglich ist.

Ungeheuere Rolle, die in den menschlichen Beziehungen die zurückgehaltenen Worte spielen, die Eloquenz und die Präzision der verdrängten Dinge, der abgewiesenen Erwiderungen, Vorwürfe, Verurteilungsenergien …

*

Ein äußerstes Erkennen seiner selbst würde der Mensch nicht aushalten. Denn Was sein will und Was erkennen will vernichten sich gegenseitig.

Man kann noch so oft sagen: meine Verzweiflung ist nur … eine Verzweiflung. Sie ist aus den und den Teilen zusammengesetzt; sie hat ihr Rezept und ihre Verfahren; sie schwächt sich zu der und der Zeit ab – –

*

Ein Mensch fühlt sich dumm – verstört, nicht mehr präsent, geistlos, und er wird sich dessen bewußt. Wo ist denn der, der etwas taugt/taugte/, fragt er sich? – Er betrachtet seinen abhanden gekommenen Witz so, wie er seinen kranken oder müden Körper betrachten würde. Wo ist meine Kraft? Wo mein Mut? Wo sind meine Worte, meine gewohnten Einfälle? Geist und Kraft wären also geliehene Fähigkeiten, wie äußerliche Güter, Juwelen oder Waffen, die verlorengehen.

*

Sehr wichtig im Menschen ist der Affe, der ihm dazu dient, sich selbst nachzuäffen. Schließlich sind wir derjenige, den wir am häufigsten nachahmen – und wohl auch am besten.

*

Der Mensch: Vater und Sohn der Gedanken, die ihm kommen.

*

Ich wundere mich darüber, daß man nicht versucht hat, das Maximum unserer Erkenntnis festzulegen, das Eichmaß – des Wissens oder des Verstehens und Begreifens. In welchem Fall und unter welchen Bedingungen sind wir über irgendeinen Punkt vollständig befriedigt?

*

Das erste Lächeln des Kindes, etwa mit 2 Monaten, ist ein einfaches Aufgehen … welches eine unvorstellbare Organisation des Ausdrucks, selbst in statu nascendi, voraussetzt. Denn dies ist der erste Luxus des Menschenwesens – Es ist nicht mehr das Bedürfnis, welches weint und schreit – Es ist die Ouvertüre des unnützen Bedürfnisses, für etwas anderes als die Befriedigung eines Durstes zu kommunizieren – – – Von diesem Lächeln bis zu Herrn von Talleyrand.

*

Hauptfrage meiner Psychologie.

Was bewahrt sich durch alle Zustände? was erhält sich im Schlaf, im Traum, in der Trunkenheit, im Entsetzen, dem Liebestaumel? dem Irrsinn?

*

Was bleibt von Zustand zu Zustand erhalten?

Hängt ein Zustand von dem unmittelbar vorangehenden ab – oder von früheren Zuständen? – Wo hält sich der frühere Zustand auf, bevor er in der Gegenwart wirkt? Muß der frühere Zustand unbedingt wieder auftauchen oder kann er versunken bleiben?

Muß ich die Kontinuität mit Gewalt einführen und dazu vielleicht einen geschickteren Begriff entwickeln als das Unbewußte?

*

Man soll nur an das glauben, was man selbst erfunden hätte.

*

»Zufall oder Genie«

Was bei den einen als Zufall gilt, wird bei den anderen dem Genie zugeschrieben. Die ersteren sind bei weitem zahlreicher.

Genie: einer Person angetragener sehr günstiger Zufall. Es kann sein, daß die Arbeit des Geistes in ihren diversen Formen (Aufmerksamkeit, Neugier oder innere Unruhe) die Zahl der Spielrunden ungeheuer steigert, und damit auch die Gewinnchancen. Doch ebensosehr wie die Herstellung der Kombinationen ist bei dieser Sache das Auswählen von Bedeutung, das Empfinden für die Werte dessen, was der Kopf dem Bewußtsein und dem Augenblick hinwirft. Und hinzu kommt noch jene Fähigkeit, ohne welche das übrige nur ein Strohfeuer ist – nämlich das Vermögen, dem Augenblicksfund aufs rascheste eine nutzbare, ausbau- und übertragungsfähige Form zu geben. Es muß etwas da sein, womit man ihn fassen kann (und bisweilen erzeugt diese Fähigkeit, zu erfassen, aus schierem Betätigungsdrang den Fund sogar selbst).

*

Die größten Aktionen waren das Werk von Leuten, die im Grunde an nichts glaubten, es sei denn an die Leichtgläubigkeit derer, die sie führten.

Caesar, Friedrich, Napoleon.

*

Wie der Schatten dem Körper folgt, so folgt die Dummheit der Macht.

*

Es sind keineswegs die »Bösen«, die das größte Unheil in dieser Welt anrichten.

Es sind die Unbeholfenen und die Leichtgläubigen. Die Bösen wären machtlos ohne viele Gute.

*

Schaffung »künstlicher« Bedürfnisse. Der Mensch ist ein Tier, das sich nicht lediglich an Umstände anpaßt, sondern Umstände schafft, um das Vergnügen zu haben, sich an sie anzupassen – Er träumt im Wachen, und er träumt beim Handeln. Er kann gar nicht längere Zeit befriedigt sein. Das Natürliche ist seine Natur nicht. Wenigstens der westliche Mensch ist so. Dies rührt von einer Besonderheit seines Systems her – in welchem jede Antwort sich leicht in eine neue Frage verwandelt.

Die Zivilisation geht hervor aus der Zunahme der Anpassung, welche unaufhörlich annulliert wird durch die Zunahme der Anpassungsfunktion selbst, wie beim Vorgang des Koitus.

*

Die, denen es an Geist fehlt, an Vorstellungskraft, an Eindringlichkeit und Tiefe, brauchen Emotionen, Leidenschaften, Erhabenes und Katastrophen. Von der Scheingröße der Phänomene, ihrer Intensität lassen sie sich packen und messen ihnen Bedeutung bei in Funktion der Intensität.

Es gibt eine Sucht nach Heftigkeit, nach Gram und Jammer, nach Gemütsaufwallung und sogar nach Wirrsal.

Und doch ist diese Unordnung unendlich weniger reich, weniger bedeutsam, weniger groß als die Phänomene, die unsere Klarheit erhalten und uns instand setzen, den Schein vom Sein unterscheiden und die Ordnungsbereiche in uns selbst gesondert zu wahren.

*

Politik ist die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht.

*

Die Formel: Der Staat bin ich hat die Formel erzeugt: Der Staat ist ein Ich – das war die schreckliche politische Neuheit. Nachdem der König-als-Mensch abgeschafft war, blieb ein monströser Egotismus zurück.

*

Was die »Konservativen« ruiniert hat, war die schlechte Wahl dessen, was zu konservieren war.

*

Es gibt kaum etwas Dümmeres, als von Lektionen der Geschichte zu sprechen. Von der Geschichte erfahren wir nur etwas über die Historiker, ob sie Stil haben, ob sie Geist haben usw. Und über jene, die sich ernst nehmen, müssen wir lächeln.

*

Das wirkliche Handeln kann nichts anfangen mit guten Schülern. Noch weniger mit brillanten Kandidaten; die behalten von ihren Anfängen vor allem einen Überlegenheitsdünkel zurück –

*

Der Mensch verbirgt – zwangsläufig, was er nicht sagen kann, und freiwillig, was er mit den anderen gemeinsam hat und was die anderen niemals sagen. Er imitiert ihr Geheimnis. Das Identischste, was die Menschen haben, ist auch das Verborgenste – Sie verbergen ihre Ähnlichkeit …

*

Man redet ungeheuer viel über Moral. Aber ich behaupte, daß keiner wirklich seine eigene kennt, also streng aufzeigen kann, nicht was er an schaumigen Meinungen hat, sondern was das Gesetz seiner Handlungen ist.

*

Der Mensch hat Wert nur insofern, als er sich nicht manövrieren läßt von der Natur, von seinen Instinkten, von der Gesellschaft, von der Nachahmung, von der Eitelkeit – kurz, von dem, was war, vielmehr einzig durch die Überlegung dessen, was sein kann oder nicht sein kann.

*

FURCHT VOR SICH SELBST ist der Auftakt zur Moral. Nicht wagen, das zu sein, was man ist.

*

Es ist schwer und es ist hart, zu sein, was man ist – nicht das zu sein, was man gern wäre. – Hart vor allem für die »gebildeten« Leute.

Hart und schwer, weil … kein augenfälliger Vorzug oder hinreichender Reiz darin liegt, gerade so zu sein – Das ist niemals etwas Besonderes.

Jeder »große Mann« ist nicht eigentlich er selbst – sondern er hat es geschafft, sich nach einem Modell oder einem gegebenen Maßstab zu erschaffen.

Was da er selbst ist, sein »Genie« – das ist ebenjenes Vermögen, sich neu zusammenzusetzen, und nicht das, was er war, und ebensowenig das, was er schließlich geworden ist.

*

Alle Moral ist künstlich – ist sie doch darauf aus, einen Teil der ursprünglichen Regungen zu unterdrücken, einen anderen zu entwickeln. Gäbe es ein Wesen, das von Natur aus diese Veranlagung böte und spontan einem erfolgreich moralisierten Wesen gliche, so wäre es nicht moralisch, denn es würden ihm Kunstgriff und Zwang abgehen. In dem Augenblick, in dem es den Kunstgriff gibt, muß es ein Ziel geben. Ist dieses Ziel aber enthüllt, geklärt, kontrollierbar – so verliert die Moral alles Prestige. Der Diebstahl etwa kann nur in einer Gesellschaft geächtet sein, in der die Besitzenden herrschen und über ehrbar und ehrlos bestimmen. Ihr Interesse ist es, zu erniedrigen, was ihnen schadet. In einer anderen Gesellschaft, wo es ehrlos wäre, zu besitzen, ist der Räuber ein Gendarm.

*

Moralvorschriften sind äußerst unwirksam – Daher sieht sich jeder Begründer oder Verbreiter von Moral auf zusätzlichen Wirkungszauber angewiesen. Furcht und Exaltation bei den Römern. Beim Protestanten Überlegenheit und auch Sicherheit.

Diese Monstren sind wirksam, wohingegen die nackte Vorschrift gleichsam nichts ist.

*

Ein seines Denkens sehr »bewußter« Mensch kann sein moralisches Bewußtsein nur schwer ernst nehmen – Skrupel, Hindernisse, Hin und Her – usw.

Er erleidet die Triebregung – beurteilt sie als schlecht – sieht sich gedrängt, zurückgehalten, lacht darüber, sich zwischen Gut und Böse zu sehen, findet sich selbst weiter als die Alternative, macht sich über sich selbst lustig – und über die Mechanik seiner Tugendhaftigkeit – Wenn er ihr nämlich folgt und sich ihr folgen sieht, kann er nicht umhin, sie dem Automaten gutzuschreiben – in den alles eingeht, was sowohl gesehen als auch vollendet ist.

*

Es gibt wechselseitige Antipathien, und es gibt einseitige. Ich habe gesehen, wie große Freundschaften sich aus anfänglicher Abneigung entwickelten.

Sympathie und Antipathie lassen sich, wenn sie wesentlich sind, nicht erklären, ebensowenig wie Gleichheit des Geschmacks, der Bildung.

Ich habe an mir selbst beobachtet, daß unter den Menschen, denen ich begegnete, die einen in mir so etwas wie Energie erregten, spontane Wärme und eine vertrauensvolle Öffnung; die andern den gegenteiligen Effekt, so daß man sich verschließt, sich einschließt und entfernt.

*

Das Gedächtnis würde uns nichts nützen, wenn es in striktem Sinne treu wäre.

*

Was mich am Gedächtnis am meisten frappiert, ist nicht so sehr, daß es das Vergangene zurückruft – sondern daß es das Gegenwärtige ernährt.

*

Ständig vergißt der Mensch – sein Gedächtnis. Das Gedächtnis ist das, was wir am leichtesten vergessen.

*

Beim Erwachen findet man seine Gedanken, seine Angelegenheiten, seine Bedürfnisse, seine Kleider wieder – man nimmt die unterbrochene Tätigkeit wieder auf, man nimmt wieder seinen Platz ein in einem System, in dem Gegenstände, Projekte, Vorstellungen, Gefühle und Kräfte miteinander verzahnt sind. Man wird wieder zum Bürger, zum Ehemann, Kranken, Aktionär von – – man schreitet zur Veränderung und Konservation dieses Systems in der Folge – so als wäre man das Zwischenstück, das Bindeglied oder das Tier bzw. Organ, das einen Faden spinnt zwischen gestern und morgen. Gestern und morgen sind Eigenschaften des Systems, und heute ist Eigenschaft des »Ich«.

*

Ein Mensch, der erwacht, ist (so scheint mir) während einer sehr kurzen Zeit vor der Erinnerung, im Stande der Reinheit des Ich, denn er hat auf den Aufruf seiner Präsenz, auf die Neuheit seiner Glieder, seines Gewichts, seines Atems und des Lichtes noch nicht geantwortet, er sei das, was er war und was er sein wird. Er stößt sich an dem, was er ist; und aus dem Schock geht hervor, was er war, welches in sich birgt, was er sein und tun wird.

*

Empfinden beginnt alles, geht allem voraus, begleitet und beendet alles.

Und ist folglich alles.

Weshalb es denn unmöglich ist, unterhalb dieses Wortes zu verharren oder darüber hinauszugehen – – ein Wort, das ein Grenzpunkt ist – oder ein Totalreflektor, der alles zurückspiegelt und nichts absorbiert.

*

Die Sensibilität ist das wichtigste Faktum von allen – es umfaßt alle anderen, ist allgegenwärtig und all-konstituierend. Das, was man Erkenntnis nennt, ist nur eine Komplikation dieses Faktums.

*

Die Würde des Menschen liegt ganz und gar in jenen Augenblicken begründet, in denen er für die Gegenstände der Reflexion ohne praktischen Nutzen und sogar ohne Reiz und ohne Zukunft ebensoviel Aufmerksamkeit und Hingabe aufbringt, wie er seiner Existenz zukommen läßt.

*

Der Mensch, beweglicher Posten – in einem Energiefeld.

*

Die Macht des Menschen wird durch die Tatsache vervielfacht, daß seine gedankliche Reichweite nicht durch seine unmittelbaren Fähigkeiten begrenzt wird – und davon unabhängig ist.

*

Der »Determinismus« ist die einzige Weise, sich die Welt vorzustellen. Und der Indeterminismus die einzige Weise, in ihr zu existieren.

*

Ich bin Fatalist. Ich glaube, daß unsere Ideen bei den »Ereignissen«, selbst in den Fällen, die in unserer Sicht am meisten von ihnen regiert werden, nur eine scheinbare oder aber lächerlich geringfügige Rolle spielen.

Der Mensch kann zwar »wissen, was er macht«; er kann aber weder wissen, was da macht, noch was das macht, was er macht. Der Zufall läßt ihn auf die Welt kommen; richtet sein Leben aus; verheiratet ihn, gibt ihm seine Gedanken ein, tötet ihn. Wenn er will – so ist sein Wille, quantitativ über sein ganzes Leben hin, doch immer nur kümmerlich wenig.

Es würde sich herausstellen, daß er dann, wenn er »frei« ist und zuweilen sich als »Ursache« vorkommt, doch bloß einen Augenblick in diesem Zustand verweilen kann. Er geht nur hindurch, und noch dazu äußerst selten – (wenn die Hypothese denn gilt).

*

Jeder Mensch macht seinem Ich Angst. Jemand zu sein erstaunt, verwundert, bestürzt das universale Organ dieses Jemand, das, worin er nicht Jemand ist, und das sich, wo es doch ein Ganzes ist, in seinem Teil enthalten sieht, und als Eigenschaft seiner Eigenschaften. Reflexive Verben.

*

Der Mensch ist ein System von Begierden, das durch ein System von Ängsten temperiert wird.

*

Je stärker bei den Menschen der Besitztrieb ist – (Landwirte), desto mehr erachten sie Diebstahl als verabscheuenswert oder geben dies zumindest vor – Eigentum ist eine Angelegenheit der Sensibilität.

Generell verhält sich der Abscheu, der sich an eine Übertretung heftet, proportional zu einem Instinkt, dem diese zuwiderläuft, und er ist daher aufschlußreich für das betrachtete Volk oder die Gruppe.

Beim Besitztrieb nun, der als solcher recht abstoßend ist, frage ich mich, ob er nicht identisch ist – mit dem Sinn für das Ego, mit der Persönlichkeit – Man hätte dann Völker mit markanter Persönlichkeit – sehr eigentumsbezogen – die dies in ihren Gewohnheiten, ihren Ansichten von Ehre und Unehre ausdrücken.

*

Der Tod ist ein Gedanke des Lebenden. Er ist fürchterlich durch die Menge an Leben, die der Lebende dort hineinlegt.

*

In bestimmter Hinsicht ist der Tod etwas schrecklich Unzugängliches. Man würde alles mögliche tun, um ihm zu entgehen. Der ganze mögliche Schrecken bildet ein grenzenloses und grenzenlos zu fürchtendes Land, das zwischen ihm und uns liegt, das heißt zwischen uns und uns.

In anderer Hinsicht jedoch ist er ganz klar, ja klarer als alles, wird plötzlich Ziel aller Mühen, so sehr, daß man unweigerlich an die Absurdität denkt, sich zu töten, um nicht zu sterben, und daß man diesen zweiten Tod für eine Unterstützung gegen den ersten hält, welcher doch derselbe ist. Aber der zweite ist ausschließlich definiert durch einen einfachen, klar gelungenen Akt, der erste durch eine Leidenschaft und einen Zwang.

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Wer träumt, ähnelt dem, der in einem Boot aufrecht geht. Das Boot fährt rückwärts, und der Mensch bleibt am selben Punkte des Meeres stehen. Am Bug des Bootes angekommen, muß er entweder ins Wasser springen oder zurückgehen. Und das Boot kommt wieder und der Gehende kommt von seinem absoluten Ort nicht weg. Ist das Boot unendlich lang, ist die Kette der Bilder und der Emotionen unendlich, so kann er unbegrenzt marschieren und sich abmühen, ohne voranzukommen.

Er sieht zur gleichen Zeit den gleichen Punkt des Meeres und eine Folge von verschiedenen Punkten des Ufers, und schlösse er die Augen, er glaubte voranzuschreiten.

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Das Ziel des Menschen ist die Synthese des Menschen – das Wiederfinden seiner selbst als der äußerste Punkt seiner Suche.

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Jedes Leben ist ein emporgeworfener Stein. Beim Herabfallen aber geschieht es, daß mancher Stein eine schöne Frucht vom Baum im Garten Eden mit herabholt.

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Für den Geist gibt es keine letzte Anstrengung. Das bleibt dem Herzen vorbehalten, dessen letzte Zuckung allem ein Ende setzt.

Es gibt keinen »letzten Gedanken«. Denn es gibt keine Ordnung in den Gedanken, die nicht zufällig wäre.