Ich hab jetzt auch Knie - Berta Bobs - E-Book

Ich hab jetzt auch Knie E-Book

Berta Bobs

0,0

Beschreibung

Bomben beim Bingo, Krabbensalat bei Friede auf Erden, ein farbenblinder, hochbetagter Rentner beim Spielenachmittag. Es sind manchmal ins Groteske ausufernde Geschichten, die so gar nicht in die Vorurteile über das Alter passen wollen und die haarscharf an der Wirklichkeit entlang schrammen. Nachdenklichkeit und Schadenfreude wechseln sich beim Lesen ab, der Spaß überwiegt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 94

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mein Dank geht an meine Freundin Franzi, die nicht so heißt und auch nicht so ist wie in den Geschichten. Aber ohne sie wären sie nicht entstanden.

Den Ausdruck „die beste Freundin von allen“, der in den Geschichten hin und wieder fällt, möchte ich als Hommage an den großen Ephraim Kishon verstanden wissen.

Inhalt

Mein Leben mit Karl

Der unsichtbare Oberbürgermeister

Internet, ich kommeeeee!!

Ich hab jetzt auch Knie

Kultur im Stadtpark

Warten auf Jutta

Bingo

Der Unfall

Die kulturgeschichtliche Einordnung der Erdbeertasche

Spielenachmittag

Friede auf Erden

es dröhnen die Lieder

der Herr Amstetter

Mein Leben mit Karl

Karl kam am 31.12. mittags zu mir. Ich war skeptisch, da er mir ein wenig zu groß vorkam, aber wie sich zeigte, war er klappbar.

Ein Leben ohne Karl kann ich mir nicht mehr vorstellen.

Er stützt und hält mich, trägt meine Einkäufe nach Hause, ist wasserdicht und noch nie habe ich ihn wegen zu hoher Arbeitsbelastung murren hören.

Er gibt keine unnötigen Geräusche von sich.

Allerdings quietscht er manchmal in den Kurven, aber das kann ich ihm verzeihen.

Wenn ich auf dem Weg eine Pause brauche, steht er mir freundlich und zuverlässig zur Seite.

Es macht ihm nichts aus, wenn ich ihn manchmal irgendwo abstelle, er bekommt dann eine abschließbare Kette um die Hüften und wartet geduldig auf mich.

Im Bus wird er mit einem Gummiband an eine Halterung gehängt und ich setze mich auf ihn.

Er bewegt sich dann ein wenig hin und her, aber trotzdem hält er mein Gewicht gut aus.

Karl ist mein Rollator.

Warum er den Namen Karl bekommen hat, weiß ich nicht.

Er sieht keinem der vier Karls ähnlich, die ich kenne.

Er hat noch nicht einmal eine Glatze wie der Hausmeister des Nachbarhauses, der auch so heißt.

Bevor Karl zu mir kam, kannte ich keinen anderen Rollator näher.

So etwas war nur für alte Leute und alt war ich nicht.

Aber dann musste ich mein Auto aufgeben und es stellte sich heraus, dass ich fürs Fahrrad nicht mehr fit genug war.

Wie sollte ich meine Einkäufe nach Hause tragen?

Ich hatte zwar ein Ziehwägelchen, aber meine Hüfte vertrug das seitliche Gewicht nicht.

Im Internet hatte ich schon einige Zeit nach einem preiswerten Rollator gesucht, aber nur halb-herzig, denn, wie ich schon einmal bemerkt habe, Rollatoren waren was für alte Leute und alt war ich nicht.

Zwar hatten weder meine Großmutter noch meine Mutter mein Alter erreicht, aber das sagt ja nichts.

Ich blätterte also immer mal wieder die Seiten mit Rollatoren durch, aber keiner gefiel mir.

Dann sah ich Karl.

Es war Liebe auf den ersten Blick.

Wie er so da stand, nagelneu und stolz, von allen Seiten gut aus-sehend, kraftstrotzend und doch schlank und elegant.

Und käuflich.

Und sogar noch für kleines Geld.

Meine Vorsicht ermahnte mich, nicht so voreilig zu sein.

„Wenn er dich nicht mag, dich im Stich lässt, nicht so hübsch aussieht wie auf dem Bild, was machst du dann?“ fragte mich meine innere Stimme.

Ich teilte ihr mit, dass das in Zeiten des Internets kein Problem sei.

„Dann schicke ich ihn zurück“.

Meine innere Stimme zuckte zusammen.

Sie hatte mich nicht so kaltherzig in Erinnerung.

Als ich auf den „kaufen“ Knopf drückte, schlug mein Herz schneller.

Jetzt war es passiert. Ich würde in Kürze nicht mehr allein sein.

Ein treuer Gefährte an meiner Seite.

Hatte ich mir das nicht schon lange gewünscht?

Er kam, wie gesagt, am 31.12. gegen Mittag zu mir.

Er war noch schöner als auf dem Foto.

Ich ging mit ihm den Flur auf und ab (Karl dreht sich auf der Stelle) und wusste, dass er mich nicht älter, sondern jünger machte.

Mein Schritt wurde federnder, mein Körper straffte sich, beschwingt hielt ich die beiden Griffe fest.

Karl! Ich liebte ihn vom ersten Augenblick an.

Am selben Abend war in der Nähe ein Feuerwerk.

Kurz entschlossen ging ich mit Karl los.

Ich musste ihn nicht überreden. Er kam gerne mit.

Es war ein wenig glatt auf dem Weg, aber mit Karl war das kein Problem. Er hielt mich fest und ich ging sicher.

Was mir nicht gefiel, waren die Blicke der Nachbarn am nächsten Tag. Ich konnte in ihren Gesichtern lesen: Mein Gott, jetzt ist die alte Schachtel auch auf einen Rollator angewiesen, las ich darin.

Nicht in allen, aber in einigen.

Ich sprach mit Karl darüber.

Er beruhigte mich, meinte, dass der Ausdruck „alte Schachtel“ allein auf meinem Mist gewachsen sei, die Nachbarin auf dem Flur gegenüber hätte ganz sicher nicht „alte Schachtel“, sondern höchstens „ältere Dame“ gedacht.

Ich war beruhigt.

Denn alt war ich ja nicht.

Jetzt, da Karl bei mir war, konnte ich einige Pflichten abgeben.

Ich musste keine Handtasche mehr tragen, denn er hatte vorne eine recht große Tasche, da hatte alles Platz, was ich unterwegs so brauchte.

Geldbeutel, Messer für Obst, Taschentücher, seine Kette, die ich in einem Fahrradgeschäft gekauft hatte, Handschuhe und Schal.

Und kleinere Einkäufe konnte ich auch dort unterbringen.

Größere kamen in großen Plastiktaschen unter, die links und rechts an den Griffen Platz hatten.

Dort hingen auch Klopapier und Küchenrolle, die ich eingekauft hatte.

Perfekt.

Zwar wurde Karl dadurch ein wenig schwerfällig, aber ich zügelte gerne meinen Schritt, um ihm beizustehen.

Er dankte es mir durch seine unbedingte Spurtreue.

Er war halt ein Gentleman. Von den Griffen bis zu den Rädern.

Wenn mein Nachbar am Samstag sein Auto pflegte, wischte ich Karl mit einem weichen Lappen über seine Einzelteile, bis sie glänzten.

Seine Räder wurden gewienert, bis sie sauber waren und anschließend bekam er einen winzigen Tropfen bestes Nähmaschinenöl auf die Naben, das hatte er sehr gern.

Wenn ich das vergaß, rumpelte er vorwurfsvoll durch die Kurven und ließ sein Quietschen hören, zwar dezent, denn er wusste ja, dass ich es nicht mit Absicht vergaß, aber doch gut hörbar.

Hin und wieder ging ich mit Karl auch zu Herrn Hansmann, der vier Häuser weiter wohnte und sein Auto innig liebte.

Er hatte zwar eine Garage, stellte aber das Auto immer in die Auffahrt, damit es alle sehen konnten.

Karl ging nicht so gerne hin, er mochte es nicht, wenn ich andere Dinge mit vier Rädern auch hübsch fand.

Aber Herr Hansmann hatte immer ein nettes Wort für Karl und wir sahen dann auch gerne zu, wenn Herr Hansmann seinen Wagen pflegte und liebevoll streichelte.

Als der im Herbst die Winterreifen bekam, war Karl ein wenig neidisch. Aber das legte sich, als er mitbekam, dass der Wagen trotzdem noch schleuderte, wenn Herr Hansmann zu schnell in die Kurve ging.

Das konnte Karl bei mir nicht passieren.

Ich ging sorgsam mit ihm um und vor allem ging ich keinen Schritt aus dem Haus, wenn Schnee lag.

Langsam begann sich mein Leben zu verändern.

War ich erst froh, wenn ich es bis zum Edeka an der Ecke schaffte, traute ich mir bald längere Strecken zu.

Ich machte Pausen, setzte mich auf den Sitz von Karl und schaute mir so das Leben auf der Straße an.

Seltsamerweise war mir vorher nicht bewusst gewesen, wie viele Leute auch zu Fuß unterwegs waren.

Wenn ich im Auto saß, sah ich nur die anderen Autos und die Straße. Jetzt sah ich Menschen allein oder zu mehreren, die sich ebenfalls bewegten.

Manchmal waren es sogar Leute, die ich kannte und wir hielten ein kleines Schwätzchen.

Eine neue Welt tat sich vor mir auf, die Welt der Fußgänger.

An einem sonnigen Sommermorgen wagte ich den ganz großen Schritt und ging bis in die Innenstadt.

Euphorie breitete sich in mir aus.

Das war die Freiheit.

Zurück musste ich den Berg hinauf gehen, aber mit Karl war auch das kein großes Problem.

Ich machte lange Pausen und als ich daheim ankam, war ich so müde, dass ich auf dem Sofa einschlief, aber jetzt war mir klar, dass ich den großen Schritt in die Freiheit getan hatte.

Jeden Tag übte ich und ging ein bisschen schneller und weiter und bald lag mir unsere kleine Stadt zu Füssen.

Ich war fitter als in meiner Autozeit.

Und als ich die Wege kannte, lud ich meine Lieblingslieder auf mein Smartphone und kaufte mir einen Kopfhörer und zwar einen Richtigen, zum über den Kopf streifen, er war lila und rot und sah schon sehr gewagt aus.

Und so schritten Karl und ich und die Flippers oder andere Schnulzensänger einträchtig den Berg hinauf und hinunter und wenn niemand in der Nähe war, sang ich auch schon einmal mit.

Ich ging zu Veranstaltungen in die Stadt. Auf dem Marktplatz saß ich auf meinem Sitz und ließ das Leben um mich herum toben.

Der Sitz war so bequem, dass ich Stunden darauf verbringen konnte.

Mit der Zeit merkte ich, dass die Leute freundlich und nett waren, wenn ich mit Karl ankam.

Ich musste nur „Platz da“ rufen und sie ein wenig zur Seite schubsen, dann konnte ich in die erste Reihe kommen.

Manche mussten natürlich auch erst zur Freundlichkeit gezwungen werden, indem ich ihnen mit Karls Rädern über die Füße fuhr, aber sie lernten recht schnell.

Karl war das nicht recht, er war ja ein Gentleman, aber ich war nicht so vornehm.

„Schieb alles auf mich“, sagte ich zu ihm und genau das tat er.

Ich habe jedenfalls nie gehört, dass sich jemand bei ihm selbst beschwert hätte.

Jetzt ist Karl schon lange bei mir und er ist alt geworden.

Er hat ein paar blanke Stellen oben und eins seiner Räder läuft nicht mehr so ganz rund.

Ich fuhr mit ihm zu einer Autowerkstätte, aber der Mechaniker sagte, da kann man nichts machen. Innen an der Nabe ist ein kleines Stück abgebrochen.

Karl eiert jetzt und ich muss das Gewicht ganz sorgfältig verteilen und das Klopapier und die Küchenrolle darf ich nur noch auf einer Seite anbringen.

Ich gebe zu, dass ich hin und wieder an einen Nachfolger denke und im Internet blättere, um mich zu informieren.

Karl sieht das nicht, er steht vor der Eingangstür, das ist um die Ecke. Ich weiß nicht so recht, was ich machen soll, ich will ihn ja nicht kränken. Ich muss mich informieren, ob es so etwas wie ein Altersheim für Rollatoren gibt.

Herr Hansmann sagt, dass er ihn problemlos in der Garage unterbringen kann, da hat er Ruhe und er bekommt eine Decke, damit er warm und bequem stehen kann.

Aber noch kann ich mich nicht dazu entschließen.

Wenn ich ihn dann besuche, will ich seinen Nachfolger nicht mitnehmen, damit Karl sich nicht grämt.

Vielleicht morgen, oder nächste Woche, oder vielleicht kann ich noch bis Ostern warten.

Karl wird mir so fehlen.

Der unsichtbare Bürgermeister

„Weißt du“, sagte die beste Freundin von allen, „es ist mir aufgefallen, dass wir zwar alle möglichen Leute kennen, aber nicht unseren Oberbürgermeister“.

Wir hatten in unserer kleinen Stadt einen Oberbürgermeister, einen Kulturbürgermeister und noch einen Bürgermeister, der für irgend etwas anderes zuständig war.

Das wusste ich auch nur deshalb, weil ich in einer Broschüre darüber gelesen hatte.

Den Kulturbürgermeister, von dem ich lange annahm, dass er unser einziger Bürgermeister sei, kannte ich von allen möglichen Veranstaltungen.

Ein älterer Mann mit silbernem Bart und der Ausstrahlung eines Weihnachtsmannes von Januar bis November.

Immer kurz davor, wirklich professionell zu wirken und in der Lage, zu jedem Zweck ein Grußwort zu fabrizieren und dabei auch noch glaubwürdig zu bleiben.