Ich habe überlebt - Aaron Rabensteiner - E-Book

Ich habe überlebt E-Book

Aaron Rabensteiner

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Beschreibung

10. Februar 2009. Busfahrt in den peruanischen Anden. Ein Tag wie kein anderer im Leben von Aaron. Aaron Rabensteiner, ein junger Südtiroler aus Villanders, verliert an diesem Tag seine drei Freunde Barbara, Esther und Helmut bei einem schrecklichen Busunglück. Er überlebt. Aaron stellt sich dem Lebe... Er geht seinen Weg.

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Seitenzahl: 223

Veröffentlichungsjahr: 2018

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ICH HABE UBERLEBT

BUSFAHRTOHNE WIEDERKEHR

2013 · Zweite Auflage

Alle Rechte Vorbehalten

© by Spectrum | Verlagsanstalt Athesia AG, Bozen (2013)

Design & Layout: Athesia Verlag

ISBN 9788868390259

www.athesia.com

[email protected]

ICH HABE UBERLEBT

BUSFAHRTOHNE WIEDERKEHR

Aaron Rabensteiner Artur Schmitt

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

Der Tag, der alles veränderte – Peru, 10.02.2009

Sehnsucht!

Allein!

Gedankensammlung

Zurück am Unfallort

Rückkehr

Südtirol – 17.02.2009

Zeitlos

Beerdigung

Leben?

Suche nach Sinn

April 2009

Eine besonders schöne Begegnung

Die Idee Benefizkonzert

Unser Projekt „Sunside Rock“

Rene und Sandra aus Berlin

Benefizkonzert – 23.05.2009

Mein neuer Weg

20. Juni 2009

Sommerjob

Alltag in Innsbruck und auf Reisen

Verlustangst

Rom – eine weitere Reise

Das erste Weihnachten nach dem Unglück

Willkommen 2010!

Die Pflicht ruft

Das Wiedersehen

Rückkehr nach Quito

EINLEITUNG

Mein Name ist Aaron Rabensteiner, ich bin 26 Jahre alt und komme aus Villanders/Südtirol. Der Inhalt des Buches, das Sie gerade in Ihrer Hand halten, stellt einen wichtigen Abschnitt meines Lebens dar. Innerhalb des Zeitraumes vom 10. Februar 2009 bis zum 10. Oktober 2012 konnte ein persönlicher Kreis, der mein Leben auf vielseitige Weise verändert hat, geschlossen werden.

Über die „letzte Busfahrt“ in den peruanischen Anden, die für meine Freunde Helmut, Esther und Barbara tödlich endete, und von meiner Rückkehr nach Südamerika erzähle ich in diesem Buch. Die ebenfalls thematisierte Zeit dazwischen stellt einen intensiven, von Leid und Trauer sowie Hoffnung und Mut gekennzeichneten Abschnitt dar, der, im Nachhinein betrachtet, mein Leben auch bereichert hat. Dass einem während der Suche nach verborgenem Sinn auf wundersame Weise neue Türen geöffnet werden, spiegelt sich in meinem Weg wider. So kommt es beispielsweise nicht von ungefähr, dass ich das Buch zusammen mit dem Neustifter Chorherrn Artur Schmitt geschrieben habe.

Der ursprünglich angedachte Titel des Buches „Auf den Flügeln des Lebens“ erklärt für mich besonders eindrucksvoll die Lebenssituationen, in denen wir alle stecken. Wie ein Andenkondor, der sich in der Nähe von Felsvorsprüngen immer wieder von Neuem dem Abenteuer in berauschenden Höhen stellt, haben wir alle imaginäre Flügel, die uns durch das Leben tragen.

Der Kondor kann sich auf die Thermik der Luft verlassen, wir auf die Liebe unserer Mitmenschen. Diese Liebe, diese zentrale Kraftquelle, sorgte dafür, dass ich die Stärke besessen habe, die für das Verfassen dieses Buches notwendig war.

Ich nenne und erwähne viele betroffene Personen, Freunde, Angehörige, Bekannte in meiner Erzählung. Das bedeutet für mich, ihnen gegenüber meine aufrichtige Dankbarkeit auszudrücken. In erster Linie jedoch ist mein Buch Barbara, Helmut und Esther gewidmet. Außerdem kommen die Einnahmen aus dem Verkauf einem Sozialprojekt in Quito/Ecuador zugute.

Aaron Rabensteiner

DER TAG, DER ALLES VERÄNDERTE

Peru, 10.02.2009

Ich öffne meine Augen, versuche mein Bewusstsein zu kontrollieren und mich zu konzentrieren.

Der gegenwärtige Moment erscheint mir so seltsam, dass ich verwirrt in alle Richtungen blicke. Ich muss mich in einem Transportwagen befinden, der sich nicht fortbewegt. Mein Kreislauf wirkt ruhig, mein Kopf ist leer, doch diese unbekannte Situation muss ich erst einmal verstehen. Wahrscheinlich bin ich vom Geschrei geweckt worden, das eine Frau, die neben mir liegt, vor lauter Schmerzen verbreitet. Ich blicke in ihre Augen und erlebe dabei, wie qualvoll sich dieser Moment für sie anfühlen muss. Meine rechte Hand ertastet die Liegevorrichtung, auf der ich soeben erwacht bin. Ich nehme wahr, wie eine weiße Decke meine Beine wärmt.

Ich schließe meine Augen. Aber auch das Schließen der Augen erzeugt keine Klarheit in meinem Kopf. Die Hintertür des Wagens steht weit offen und ich erkenne eine Person, die gerade auf mich zukommt. Spontan bewege ich meine Finger in Richtung des Kopfes, um zu fühlen, ob ich verletzt bin. Eine Binde bedeckt mein Gesicht und Blut klebt an meinen Händen.

Mittlerweile steht ein Mann vor der Wagentür und beginnt mit mir zu reden. Es gelingt mir kaum, seine Worte zu verstehen. Ich schaffe es, ihm verständlich zu machen, dass ich ein Mobiltelefon benötige. Warum mir genau dieser Gedanke in den Kopf kommt, bleibt mir unklar.

Als er sich wieder auf den Weg macht, beginnt mein Gehirn den kurzen Dialog in seine Einzelteile zu zerlegen. Der Mann hat spanisch gesprochen und mir gesagt, dass ich mich auf dem Gelände eines Krankenhauses befinde. Ich habe in derselben Sprache geantwortet. Spanisch zu sprechen ist mir irgendwie vertraut. Der Gedanke an den Mann und das Spanische erwecken in mir Einblicke in die jüngere Vergangenheit.

Explosionsartig springt das vertraute Bild von Barbara, Helmut und Esther auf meine Gedankenleinwand. Warum bin ich nicht bei ihnen? Diese Frage holt mich aus meiner bisherigen geistigen Abwesenheit und ich spüre augenblicklich eine große Aufregung in mir. Mein Herz nimmt schlagartig die Verbindung zu Barbara auf. Barbara – ich habe in den letzten Jahren eine sehr enge, innige Beziehung zu ihr aufgebaut …

Das erneute Erscheinen dieses fremden Mannes von vorhin, sein äußeres Erscheinungsbild und die spanische Sprache signalisieren mir, dass er Bewohner eines Andenlandes ist. Plötzlich begreife ich – ich bin in Peru.

Der fremde Mann drückt mir ein Handy in die Hand, das ich dankend annehme. Noch immer bin ich mir nicht sicher, wen ich damit eigentlich anrufen soll. Mein Gehirn sucht ergebnislos nach gespeicherten Zahlenfolgen … dann tippe ich die mir einzig bekannte Nummer ins Handy – die Telefonnummer meines Elternhauses. Nachdem ich die grüne Taste zum Bestätigen gedrückt habe, klingelt es. Dann höre ich am anderen Ende der Leitung die Stimme meiner Mutter. Als sie meine Stimme vernimmt, die Stimme ihres Sohnes, versteht sie augenblicklich, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ihre Stimme zu hören gibt mir Sicherheit! Oft schon hat mich meine Mutter durch ihre tatkräftige, spontane Art unterstützt und aufgerichtet.

„Was ist passiert?“, fragt sie.

Es fällt mir schwer, zusammenhängende Worte von mir zu geben. Zum Teil liegt dies auch am Kopfverband, der mir bis zum Mund reicht.

„Gib mir … ich brauche die Handynummer von Helmut, nein … und von Esther … alle beide. Sie sind nicht bei mir“, bringe ich stockend über meine Lippen.

Diese Aussage erschreckt meine Mutter:

„Wie geht es dir? Was ist passiert?“

Wieder versuche ich mit aller Kraft den Mund zu öffnen: „Ich bin verletzt und bin im Krankenhaus … Ich werde mich wieder melden, tschüss.“

Unmittelbar nach dem Drücken der roten Taste erblicke ich einen weiteren Mann vor der Wagentür.

„Como te llamas – Wie heißt du?“, fragt er mit lauter Stimme.

„Aaron.“

„Vienes de Puno – Kommst du von Puno?“

Ich denke nach. Viele Gedanken schwirren in meinem Kopf herum: Puno ist eine Stadt am Titicaca-See. Doch die war nie unser Ziel, die wollten wir nicht erreichen. Als ich vorhin verstanden habe, dass ich in Peru bin, hat mir mein Gehirn Bilder des Ortes unseres letzten Aufenthalts gezeigt: „Nein, wir wollten von Arequipa nach Cusco und anschließend wieder zurück.“

Unser Reiseziel Cusco ist mir schlagartig in den Sinn gekommen. Auf der Suche nach Hinweisen, die mir Klarheit verschaffen könnten, suche ich angestrengt nach weiteren Anhaltspunkten.

„Hast du schon mit einem Mitarbeiter der Botschaft gesprochen?“, möchte der Mann noch wissen.

Den Zusammenhang dieser Frage verstehe ich nicht:

„Nein“, antworte ich.

Dann verschwindet er.

Nach dem erneuten Schließen der Augen, möchte ich nichts weiter, als meinen körperlichen Zustand begreifen. Mein Drang, die Beine zu bewegen, kann kaum befriedigt werden. Nicht Bewegungen, sondern nur starke Zuckungen der Füße sind die Ergebnisse meiner Bemühungen. Zwar gelingt es mir, das linke Bein einige Zentimeter nach außen zu drehen, doch das rechte Bein scheint wie einbetoniert. Diese körperliche Trägheit wird von einer psychischen Starre verstärkt; ich stehe unter Schock. Und ich schließe meine Augen, weil mir dies der einzige Ausweg aus meiner unbegreiflichen Lage scheint.

Das nächste Mal erwache ich in einer großen Halle. In meinem Kopf formen sich nun deutlichere Bilder und ich kann wieder einen klareren Gedanken fassen. „Ich bin in Peru! Doch ich kann nicht alleine hier sein! Zusammen mit Barbara bin ich nach Südamerika aufgebrochen.“ Das Bild des Strandes von Montanita, an dem wir Silvester gefeiert haben, erscheint klar vor meinen Augen. Scherben der Erinnerung.

Was ist aber vor und nach dem Start ins neue Jahr 2009 geschehen? Wenn wir damals in Ecuador waren, dann müssen wir einige Wochen später die Grenze nach Peru passiert haben. Mit einem Male taucht das Lächeln ecuadorianischer Kinder in meiner wiedergewonnenen Erinnerung auf. Ich sehe die Kinder des Sozialprojektes „Para dar Esperanza“ in Quito spielen. Barbara und ich müssen dort von Oktober bis kurz vor Silvester gearbeitet haben. An die Hauptstadt Ecuadors mit der kolonialen Altstadt, dem Ausgeh-Viertel „La Mariscal“ und unserer Unterkunft „La Vida Verde“ kann ich mich bestens erinnern.

Allmählich finde ich Gefallen daran, die Einzelteile des Flickenteppiches, die in meinem Kopf zerstreut sind wie Puzzleteile, zusammenzusetzen. Die Hoffnung, mit Hilfe dieser Denkarbeit irgendwann zu Helmut, Esther und Barbara zu gelangen, mindert zwischenzeitlich meine starke Sehnsucht nach ihnen.

Während ich mich abermals zwinge meine Gedanken zu sammeln, nähert sich eine Krankenschwester und spricht mich an:

„Kannst du mich deutlich sehen und hören?“

Wie des Öfteren in Peru erlebt, hält mich die Dame für einen „Gringo“, das heißt für einen Ausländer, der die Landessprache nicht beherrscht. Überzeugt antworte ich ihr auf Spanisch:

„Si señora, ich verstehe Sie!“

Während sie das Blut von meinem Gesicht und meinen Händen wäscht, denke ich darüber nach, wo sich Barbara, Esther und Helmut gerade aufhalten. Plötzlich kommt es wie aus einer Pistole geschossen:

„Wo sind meine Freunde?“

Leider kann mir die Krankenschwester keine hilfreiche Antwort geben. Sie erklärt mir:

„Du befindest dich in einer Klinik in Arequipa. Es hat einen Busunfall gegeben.“

Im nächsten Moment möchte ich die Liege verlassen. Ich möchte aufstehen, meine Freunde suchen und weiterreisen. Nichts ergibt mehr einen Sinn.

Wir wollten zur ehemaligen Hauptstadt des Inkareiches Cusco und von da zur Ruinenstadt Machu Picchu. Warum bin ich in Arequipa? Alles scheint so kompliziert. Ich muss verletzt worden sein, als ich alleine mit dem Bus weggefahren bin! Barbara, ihrer Schwester Esther und Helmut geht es gut. Vermutlich sind sie schon in Cusco angekommen. Busunfall!? Warum kann ich mich nicht daran erinnern? Verzweifelt warte ich auf irgendwelche Zeichen oder neue Meldungen.

Ich teile diese Halle mit mehreren anderen Verletzten. Offensichtlich reden die Schwestern über mich mit einem jungen Mann. Im Moment, als die drei zu mir blicken, macht er sich auf den Weg, um sich mir vorzustellen:

„Ich heiße Jose, bin 22 Jahre alt, komme aus Amerika und absolviere gerade ein Praktikum in diesem Krankenhaus.“ Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu:

„Ich mache mir Sorgen, da hier das Gerücht die Runde macht … du wärst nach dem Busunfall auf der Suche nach deinen Freunden.“

Wer soll das wissen? Kennt mich hier jemand? Jose möchte womöglich eine Antwort:

„Das stimmt!“, sage ich

Von diesem Zeitpunkt an weicht er nicht mehr von meiner Seite. Als Jose bemerkt, wie sehr ich mich nach meinen Freunden sehne, fordert er mich auf, von gemeinsamen Erlebnissen zu erzählen. Ich zögere nur kurz:

„Meine Freundin Barbara und ich sind nach Ecuador gereist, um dort in einem Sozialprojekt für Kinder zu arbeiten. Nach dieser Tätigkeit sind wir über die Grenze nach Peru gefahren und haben nach vielen Zwischenstopps die Hauptstadt Lima erreicht. Anfang des Monats … Welchen Monat haben wir gerade? … Dann sind Esther, die Schwester meiner Freundin Barbara, und ihr Freund Helmut dazugekommen. Seitdem sind wir zu viert unterwegs. Wir wollen noch weiterreisen.“

Jose sieht mich besorgniserregend an:

„Ruh’ dich aus.“

Dann schlafe ich ein. Als ich wieder erwache, sind das Erste, was ich höre, seine Worte:

„Möchtest du mein Mobiltelefon benutzen?“, fragt er.

Da mir klar ist, dass Helmut und Esther ihre Handys dabeihaben, nehme ich sein Angebot gerne an. Barbara und ich haben unsere Handys in Quito zurückgelassen. Am Ende unserer Rundreise werden wir sie dort wieder abholen. Die einzigen Wertsachen, die ich ständig bei mir habe, sind in der Umhängetasche unter meinem T-Shirt versteckt. Ich öffne den Reisverschluss und kontrolliere, ob nichts fehlt. Es befinden sich mehr als 200 peruanische Soles in der Tasche, meine Bankomatkarte, ein USB-Stick mit Fotos unserer gemeinsamen Tage und der Reisepass. Neben diesen Sachen liegt auch mein Schlafsack direkt neben meinem Bett. Schuhe besitze ich anscheinend keine mehr. Womöglich habe ich sie während der Busfahrt ausgezogen, um mich in den Schlafsack zu legen.

Jose leiht mir sein Handy und ich beschließe Barbaras Eltern in Villanders anzurufen. Ich muss mich einige Sekunden konzentrieren, bis mir die Nummer wieder einfällt. Kurz denke ich daran, wie ich in meiner Innsbrucker Wohnung versucht habe Barbara zu Hause anzurufen. Nun fällt mir auch die Nummer wieder ein.

Auf dem Display erkenne ich das heutige Datum: Es ist Dienstag, der 10. Februar 2009.

Das Telefon klingelt und Marianna, Barbaras Mutter, nimmt den Hörer ab.

„Baumgartner“, sagt sie deutlich.

„Hallo, hier ist Aaron! Weißt du … wo Barbara, Helmut und Esther sind?“

Marianna versucht die Situation zu verstehen:

„Deine Mutter hat mir mitgeteilt, dass du im Krankenhaus liegst. Wie geht’s dir?“, fragt sie.

„Meine Mutter? … Ich denke, Barbara, Helmut und Esther sind schon weitergereist. Ich brauche … sie nur anzurufen. Kannst du mir ihre Nummer geben?“, erwidere ich.

„Warte! Ich werde sie dir ansagen. Wie geht’s dir Aaron?“ „Es geht. Habe Verletzungen im Gesicht und am Bein, dem rechten … die anderen werden sicher bald hierherkommen.“

„340 379 08 17 und 349 885 49 20 sind die Nummern von Helmut und Esther“, sagt Marianna.

„Kannst du die Nummern wiederholen, damit sie Jose aufschreiben kann?“, antworte ich.

„Wer ist …? Aaron, bist du auch erreichbar?“

Jose schreibt seine Nummer auf einen Zettel, die ich Marianna schließlich mitteile:

„… tschüss Marianna“, murmle ich.

Nach diesem Gespräch versuche ich immer wieder Helmut und Esther zu erreichen. Ihre Handys sind ausgeschaltet! Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass sie keinen Empfang haben. Barbara und ich haben während der gesamten Zeit in Ecuador unsere Handys nicht nutzen können. Auch deshalb haben wir sie nicht mit nach Peru genommen.

Ich bitte Jose die beiden Nummern zwischenzeitlich zu speichern, damit ich den Anruf jederzeit wiederholen kann. Verbunden mit der einbrechenden Dämmerung breitet sich in mir eine tiefe Dunkelheit aus, die laufend neue Formen annimmt. Zwischen dem hoffnungserfüllten Abwarten, dem verzweifelnden Nachdenken und dem Annehmen der Situation liegen oft nur Sekunden.

Seit meinem ersten Erwachen sind schon mehrere Stunden vergangen und noch immer keine Nachricht von meinen Freunden. Es ist die Angst vor der ersten Nacht ohne Barbara! Wird sie mich heute nur in den Träumen besuchen? Jose beobachtet meine emotionalen Regungen lange; es scheint, als stoße er selbst an die Grenze der Belastbarkeit. Dann sagt er zu mir:

„Das Hospital heißt Honorio Delgado und du bekommst bald ein eigenes Zimmer. “

Damit durchbricht er die vorangegangene Stille. Etwas scheint ihn sehr bewegt zu haben. Unerwartet verlässt er den Platz neben mir.

Jose kommt mit einem Rollstuhl zurück. Er hilft mir in den Rollstuhl. Bevor ich in ein eigenes Zimmer verlegt werde, muss die Schnittwunde oberhalb meines linken Auges genäht werden. Der junge Amerikaner fährt mich in den Behandlungsraum und wartet vor der Tür auf mich. Bereits im Laufe des Nachmittags hat ein Arzt mit Hilfe einer Spritze die Betäubung für den Eingriff injiziert. Insgesamt acht Stiche sind für das Verschließen der Wunde notwendig.

Unmittelbar nach dem Nähen bringt mich Jose über einen langen Gang in einen Raum. Das Zimmer ist mit einem Bett, Esstisch, Waschbecken und zwei Stühlen sehr einfach eingerichtet. Eine Krankenschwester begleitet uns dorthin. Sie versucht die gegenwärtige Situation durch ihre belustigende Art aufzulockern. Auf mich wirkt ihre Art allerdings nicht sehr einladend und etwas hilflos. Nur mit großer Mühe kann sie mich vom Rollstuhl auf das Bett heben. Als ich Jose sorgenerfüllt in die Augen blicke, fühlt er sich nahezu gezwungen mir das Angebot zu machen, diese Nacht an meiner Seite zu verbringen. Kaum eine Stunde später schlafe ich ein.

Das Erwachen am nächsten Morgen ist mit großen Schmerzen in meinem rechten Knie verbunden. Sofort meldet mein Gehirn, dass es bereit für einen Neustart ist. Meine Gedanken wirbeln wieder umher: Barbara, Esther und Helmut sind am gesamten gestrigen Tag nicht erschienen. Ich kann sie auch nicht übers Handy erreichen. Daheim weiß niemand über ihren momentanen Standort Bescheid. Da ich offenbar in einen Busunfall verwickelt worden bin, an den ich mich nicht erinnern kann, liege ich hier im Krankenhaus.

Erst jetzt bemerke ich, dass Jose nicht mehr neben meinem Bett auf dem Boden liegt. Hilflos wie ein Käfer, der auf den Rücken gefallen ist, rufe ich nach Barbara. Nach Wiedergabe der Buchstaben BARBARA merke ich, wie kraftlos meine Stimme geworden ist. Würde sich eine Person im Eingangsbereich des Zimmers versteckt halten, sie hätte meinen erbärmlichen Hilferuf mit Sicherheit nicht gehört. Noch immer liege ich auf dem Bett und mir schießen schon wieder tausend Gedanken durch den Kopf. Ich denke an die Ankunft von Helmut und Esther. Meine Erinnerung gibt diesen Moment nur sehr verwischt wieder. Es muss in Lima gewesen sein. Dort haben Barbara und ich sehnsüchtig auf das Eintreffen der beiden gewartet.

Meiner Freundin Barbara und mir kam die Zeitspanne, die wir in dieser Metropole verbringen mussten, extrem lang vor. Die historische Innenstadt und das moderne Stadtviertel „Miraflores“ sind einen Abstecher wert, doch viel mehr hat Lima nicht zu bieten. Mit Glück ergatterten wir ein Zimmer in einem Hotel unmittelbar im historischen Zentrum. Dort an der „Plaza de Armas“ stehen wirklich imposante Bauwerke. Wir begannen Arm- und Halsbändchen zu knüpfen, was wir von einem Peruaner an der Küste gelernt hatten. Außerdem gingen wir zwei Mal ins Kino und schauten von einem nahe gelegenen Hügel auf die Elendsviertel der Stadt hinab.

Die Gegensätze zwischen dem zuvor erlebten Urwaldausflug entlang des „Rìo Ucayali“ und dem absoluten Zentrum Perus, der Hauptstadt Lima, hätten nicht ausgeprägter sein können.

Barbara konnte die Ankunft ihrer Schwester Esther kaum erwarten. Ich freute mich insbesondere auf Helmut, die Mitbringsel und die Erzählungen von zuhause.

Ich erinnere mich, dass meine Freundin und ich von Pucallpa aus, einer Stadt am Ufer des Amazonasquellflusses, auf einem motorbetriebenen Boot insgesamt vier Tage durch die reine Natur fuhren, um wilde Tiere zu beobachten. Am Ende des Ausfluges standen Süßwasserdelphine, Affen, Alligatoren, Faultiere und Piranhas auf der Liste unseres persönlichen Freiwilderlebnisses.

Ich bemerke, dass sich, je stärker ich mich an detaillierten Bildern festhalte, neue Verknüpfungen desto leichter öffnen. Plötzlich vernehme ich ein lautes Geräusch, das direkt aus meiner Gedankenwelt zu kommen scheint. Es ist der Start eines Flugzeuges. Mir fällt ein, weshalb wir in Lima eine ganze Woche auf Helmut und Esther gewartet haben. Das hängt mit der Tatsache zusammen, dass Barbara und ich von Pucallpa dorthin geflogen sind. Wir wollten uns die anstrengende und abenteuerliche Busfahrt quer über die Cordillera der Anden nicht noch einmal antun. Uns war die Überfahrt zu gefährlich, da wir bereits Zeugen eines Felssturzes und von weiteren kleineren Unfällen geworden waren. Außerdem sind wir oft nah an einem Abgrund vorbeigefahren, der nicht selten in einer tiefen Schlucht endete.

Ein Quietschen der Zimmertür unterbricht das Zurückkehren meiner Erinnerungen jäh. Kurz darauf tritt ein älterer Herr zögernd in den Raum herein.

„Buenas dias señor!“

„Buenas dias!“

„Ich heiße Giulio, Giulio Spina.“

Giulio ist ein älterer Herr, trägt einen weißen Schnauzer und eine Brille. Er arbeitet im italienischen Konsulat, wie er mir mitteilt, und er wurde mit dem Auftrag zu mir geschickt, sich meiner anzunehmen.

Ich liege regungslos auf dem Bett, sehe den Mann mit großen Augen an. Giulio als Vermittler zwischen Barbara, Helmut, Esther und mir? Wie aus der Pistole geschossen stelle ich die Frage:

„Können Sie mir irgendetwas über meine Freunde sagen?“ Darauf erwidert er: „Ich weiß nicht, wo deine Freunde sind, aber später werde ich es herausfinden.“

All meine Hoffnungen werden mit einem Schlag begraben. Wenn nicht einmal das italienische Konsulat eine Information über den Aufenthaltsort von Barbara, Esther und Helmut hat, dann möchte ich in Ruhe gelassen werden. Giulio bemerkt, wie ich langsam unter der Bettdecke verschwinde und ihm den Rücken zuwende. Beim Hinausgehen verspricht er mir:

„Ich werde mein Bestes geben und noch heute mit sicheren Informationen zurückkehren.“

Im Nachhinein sehe ich jede Kommunikation auch als Möglichkeit, der unerträglichen Einsamkeit zu entgehen, die an mir nagt. Meine überstürzte Reaktion Giulio gegenüber war dumm.

Wo ist Jose? Wahrscheinlich muss er den Tag über arbeiten und kann mich erst am Abend besuchen.

Die nächste Person, die ich erblicke, ist eine Schwester, die mir Frühstück ins Zimmer bringt. Wie gewohnt stellt sie das Tablett mit einem aufgesetzten Lächeln auf den rollenden Tisch und schiebt diesen ans Bett. Als sie mich dennoch nachdenklich ansieht, erahne ich: Meine Geschichte wird überall herumgesprochen. Aber welche Geschichte mag das sein? Die junge Dame verlässt verlegen das Zimmer.

Beim Betrachten des Frühstückstellers weiß ich bereits, dass ich keinen Bissen hinunterbekomme. Lediglich ein wenig Tee, der der Trockenheit meines Halses entgegenwirken soll, gieße ich aus der Thermoskanne in den danebenstehenden Becher. Langsam schlucke ich das heiße Getränk hinunter und spüre dabei, wie schwer sich mein Kopf anfühlt.

Giulio wird mich heute noch besuchen kommen, hat er beim Hinausgehen erwähnt. Was wird er mir dann berichten? Kann er vielleicht Helmut, Barbara oder Esther erreichen? Besteht für ihn die Möglichkeit, auch in Cusco verschiedene Hotels nach neu angekommenen Besuchern abzufragen? Viele Varianten, die mir einen Anhaltspunkt darüber geben könnten, weshalb ich ohne jeglichen Kontakt zu meinen Freunden, verbannt in diesen Raum, bleiben muss, durchdringen meinen Kopf. Gefühlslose Starre verwandelt sich in einen Zustand des Zorns, den ich hier nicht abbauen kann. Am liebsten würde ich den Rest meines Frühstücks mit voller Wucht gegen die Mauer werfen. Nur mit größter Anstrengung und massiver Selbstkontrolle kann ich eine unüberlegte Aktion verhindern.

Ich bin fast erfreut, als die strahlende Krankenschwester abermals mein Zimmer betritt. Sie räumt das Tablett weg und versucht zu meinem Erstaunen ein Gespräch aufzubauen:

„Wie geht’s dir?“

„Hm … ich weiß nicht – würde gerne wissen, wo meine Freunde bleiben.“

Mittlerweile brauche ich aus meiner Angst kein Geheimnis mehr zu machen. Es könnte sogar von Vorteil sein, wenn sich viele Leute auf die Suche nach ihnen machen.

„Wie heißt du?“

„Aaron.“

Ich kann mir vorstellen, wie sehr ihre Gedanken nur um ein Thema kreisen, nämlich, welche aufbauenden Worte sie beim Verlassen des Raumes zu mir sagen könnte. Sie öffnet den Mund, verstummt noch vor dem ersten Versuch und verlässt den Raum.

Um die Mittagszeit kommt Jose zu mir. Ein Gefühl des Vertrauens kommt in mir auf, sobald er mir von seiner Arbeit berichtet. Nur zu gut kann ich mir vorstellen, wie schwierig die Situation für den Neuankömmling hier im Krankenhaus ist. Mit vollster Hingabe kommt der junge Amerikaner den vielen Patienten entgegen und versucht dabei sein erlerntes Wissen einzusetzen. Auch für mich ist Jose eine wichtige Stütze. Während der Mittagspause gönnt er sich nicht mal ein wenig Ruhe, sondern wartet, bis ich mein Essen serviert bekomme, und isst gemeinsam mit mir. Fast zeitgleich nehmen wir die Gabel in die Hand und verspeisen die warme Mahlzeit, ohne ein Wort zu verlieren.

In dem Moment, als Jose das Zimmer verlässt, breitet sich eine bittere Leere in mir aus. Auf der Suche nach dem zerrissenen Faden meiner Vergangenheit versuche ich die entscheidende Lücke zu schließen. Meine Gedanken rasen wie wild in alle Richtungen, in der Hoffnung, dass ich auch nur ansatzweise zu einer Erklärung kommen könnte. Das Ergebnis ist abermals das Ende meiner Erinnerung am Busbahnhof von Arequipa.

Zwischendurch zeigt sich mir das Bild einer völlig überlasteten Straße. Mein Gehirn sendet mir laufend den Hinweis, dass wir aufgrund der Verkehrsüberlastung den Bus verlassen haben. Dann trennen sich anscheinend die Wege von Helmut, Barbara, Esther und mir.

Der Besuch eines fremden Landes hat unseren Zusammenhalt gestärkt. Dass wir einander verlieren könnten, hätte ich nie in Betracht gezogen. Bisher traten wir als organisiertes Team auf, das die Schritte ins Unbekannte sorgfältig vorbereitete. Helmut und Esther hatten ihre Reisevorbereitungen im Vorfeld bestens getroffen. Insgesamt waren jedoch unsere spanischen Sprachkenntnisse und die Erfahrungen, die Barbara und ich in Ecuador gesammelt hatten, mit ein grundlegender Faktor unserer gelungenen Tage.

Als ich mich frage, ob wirklich immer alles so harmonisch verlaufen ist, wie ich es mir einbilde, erinnere ich mich an den einzigen Streit, der sich während unserer Reise zugetragen hat. Als wir zusammen in Huacachina südlich von Lima ankamen, waren wir uns nicht einig, wo wir die nächsten beiden Nächte verbringen wollten. Ein Hotel, nahe der bekannten Lagune, stand mit mehreren Zimmern zum Beziehen bereit. Nachdem wir uns bereits nach den Preisen informiert hatten, diskutierten Helmut und ich, ob wir nicht lieber einen Campingplatz mit unserem Zelt aufsuchen wollten. Esther war von der anstrengenden Busfahrt von Pisco nach Ica, das neben Huachachina liegt, noch ein wenig angeschlagen und wollte sich so schnell wie möglich erholen. In der Zwischenzeit überredete mich Helmut die Lagune zu umrunden und nach einer besseren Übernachtungsmöglichkeit Ausschau zu halten.

Im Moment des Aufbruchs warf Esther ihren schweren Rucksack auf den Boden und begann zu schimpfen. Sie befahl uns zurückzukehren, damit wir endlich in ein schönes, ruhiges Hotel gehen könnten. Wir folgten ihren Worten und sahen uns die Anlage genauer an. Erneut beschlossen wir Männer, da weder das Hotel, noch der Pool einladend aussahen, die gesamte Umgebung der Lagune zu erkunden. Esther war inzwischen stinksauer und setzte sich auf dem Boden nieder. Da ihre Schwester sie natürlich nicht im Stich lassen wollte, blieb Barbara bei ihr. Aufgrund ihres Gefühlsausbruchs durften Helmut und ich nicht einmal mehr unsere Rucksäcke bei den Mädchen lassen, während wir uns auf die Suche nach einer anderen Schlafgelegenheit machten.

Kaum waren wir bei der Lagune angekommen, stieg uns ein strenger Geruch in die Nase. Schwefelhaltige Dämpfe, die aus dem Wasser emporstiegen, ließen uns zum Schluss kommen, dass nur abgehärtete Einheimische zum Schwimmen herkommen. Trotzdem fanden Helmut und ich den Ort sehr attraktiv. Auf dem Spazierweg entlang der Lagune entdeckten wir sogleich einen idealen Campingplatz mit Pool und dazugehöriger Bar. Der erste Blick gehörte der Anlage, der zweite dem Freund und die Entscheidung war getroffen.

Auf dem Rückweg sprachen wir darüber, wie wir die Mädels von dem von uns gefundenen Platz überzeugen sollten. Da wir nicht betteln wollten, zeigten wir uns anschließend so sehr vom neuen Standort beeindruckt, dass ihnen kaum eine andere Wahl blieb. Als wir zusammen den Campinglatz ereichten, gehörte der Streit der Vergangenheit an.

SEHNSUCHT!

Der heutige Nachmittag vergeht sehr schleppend. Immer wieder muss ich an Giulio denken, der mich heute noch besuchen wird. Meine Gesamtverfassung sorgt dafür, dass ich laufend einschlafe. Bei jedem erneuten Erwachen benötigt mein Verstand weniger Zeit, um zu erfassen, wo ich gerade bin. Der Raum ist mir mittlerweile vertraut. Sogar die gewohnte Rückständigkeit des südamerikanischen Landes spiegelt sich hier in diesem Zimmer wider. Meine Augen erkennen eine Wand, die einen Neuanstrich, eine Einrichtung, die eine Erneuerung, und einen Boden, der eine Putzkraft vertragen würde.