Ich hatte eine Insel - Lorenza Pieri - E-Book
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Ich hatte eine Insel E-Book

Lorenza Pieri

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Beschreibung

"Ich hatte eine Insel" ist das intelligente, atmosphärische Romandebüt der Italienerin Lorenza Pieri, das auf ihrer eigenen Familiengeschichte basiert. Stimmungsvoll beschreibt die Autorin, was es bedeutet, auf der pittoresken Insel Giglio aufzuwachsen, lange bevor sie traurige Berühmheit durch das Kentern der "Costa Concordia" erlangte. Teresa und Caterina wachsen als Töchter eines Tierarztes und einer unkonventionellen Hotelbesitzerin in den 70er-Jahren auf Giglio auf. Ihre Mutter, »La Rossa«, engagiert sich als Antifaschistin in den politischen Auseinandersetzungen der Zeit, was auch den Alltag der Familie berührt. Erwachsen geworden zieht es die beiden Schwestern in die weite Welt: Teresa wird Marktforscherin in Rom, Caterina studiert Architektur in Paris. Während die schon immer beliebtere Caterina in Paris ihre Karriere plant, kehrt Teresa nach Jahren nach Giglio zurück, entdeckt in einem Jugendfreund die Liebe ihres Lebens und ist dabei, als das Kreuzfahrtschiff »Costa Concordia« direkt vor dem Hotel der Familie havariert…

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Seitenzahl: 338

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Lorenza Pieri

Ich hatte eine Insel

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Teresa und Caterina wachsen als Töchter eines Tierarztes und einer unkonventionellen Hotelbesitzerin in den 70er-Jahren auf Giglio auf. Ihre Mutter, »La Rossa«, engagiert sich als Antifaschistin in den politischen Auseinandersetzungen der Zeit, was auch den Alltag der Familie berührt.

Erwachsen geworden, zieht es die beiden Schwestern in die weite Welt: Teresa wird Marktforscherin in Rom, Caterina studiert Architektur in Paris. Während die schon immer beliebtere Caterina in Paris ihre Karriere plant, kehrt Teresa nach Jahren nach Giglio zurück, entdeckt in einem Jugendfreund die Liebe ihres Lebens und ist dabei, als das Kreuzfahrtschiff »Costa Concordia« direkt vor dem Hotel der Familie havariert …

Inhaltsübersicht

Widmung

Erster Teil

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

Intermezzo

9. Kapitel

Zweiter Teil

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

Dritter Teil

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

Vierter Teil

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

Das, was du für einen winzigen Fleck auf der Erde hieltest, war alles.

 

Elsa Morante, Arturos Insel

Erster Teil

(1976–1977)

1.

Am Morgen hatten wir Delphine gesehen. Wir waren ihren schimmernden Rücken eine gute halbe Stunde im Boot gefolgt, doch dann schwammen sie zu weit hinaus, und Babbo musste zurück nach Hause. Für mich war es das allererste Mal.

Es war Ende August 1976. Wenn für alle anderen die Ferien endeten, fingen sie für uns normalerweise an. Die Touristen kehrten in ihre Städte zurück, und wir konnten gelassen dem Herbst entgegensehen, denn hier blieb es noch lange warm, und wir hatten so viel Zeit und Platz, wie wir wollten. Bis Mitte Oktober, mindestens bis zum sechzehnten, manchmal auch bis zum siebenundzwanzigsten, war das Meer ruhig und die Strände menschenleer. Es gab nur fünf typische Geräusche: Wasser, das gegen Klippen schlug, Wasser, das gegen Boote klatschte, aufheulende Motoren, Vogelkreischen und Stimmen. Wir nahmen unsere Bootstouren mit Babbo wieder auf; wenn im Hotel Hochsaison war, unternahmen wir eigentlich nie welche. Abends lud er dann Freunde zum Essen ins leere Restaurant ein, und nachmittags sammelten Caterina und ich an der Straße Richtung Le Cannelle körbeweise Brombeeren.

An jenem Tag war die Luft ungewöhnlich schwül und diesig, und es blies der Schirokko. Die Umrisse des Monte Argentario waren vom Hafen kaum auszumachen, er lag da wie ein von seinem klebrig-feuchten Atem umhüllter Dinosaurier. Auf dem Heimweg erzählte ich allen, denen ich begegnete, dass ich das Wunder der Delphine erlebt hatte. Man teilte meine Begeisterung, aber ich begriff bald, dass die anderen es damit nicht ernst meinten. Es war ja auch nicht ungewöhnlich, in der Nähe von Giglio Delphine zu sichten. Bis zum Abend hatte ich genug von unaufrichtigen Überraschungsbekundungen. Ich behielt meine Verzauberung fortan für mich.

Außerdem waren alle mit der Nachricht des Tages beschäftigt. Nun war es offiziell, einige Tage später sollten Franco Freda und Giovanni Ventura, die beiden Neofaschisten, denen der Bombenanschlag auf der Piazza Fontana in Mailand zur Last gelegt wurde, auf Giglio eintreffen und dort unter Inselarrest gestellt werden. Heutzutage erinnert sich niemand mehr daran, nicht einmal in ausführlichen Dossiers und zeitgenauen Rekonstruktionen des Prozesses taucht dieser Fakt auf, ebenso wenig wie in Büchern, die sich mit den verwickelten Hintergründen des Gerichtsverfahrens zum Attentat in Mailand im Jahr 1969 befassen.

Und doch erschütterten die Verbannung von Freda und Ventura auf Giglio und die daraufhin einsetzenden Proteste nicht nur die Inselruhe. Sie sorgten auch für Schlagzeilen und läuteten im Gerichtsverfahren eine neue Phase ein, letztendlich führten sie zu den einzigen Verurteilungen in einem Verfahren, das erst fünfunddreißig Jahre später ohne einen einzigen Schuldspruch zum Abschluss kam.

Seit dem Bombenanschlag in der Banca dell’Agricoltura waren sieben Jahre vergangen; in diese Zeit fielen mehrere vorläufige Festnahmen mit anschließender Freilassung, das verfrühte Ableben von zwölf Zeugen, das Verschwinden von Beweisstücken, drei Ermittlungsverfahren, zwei Regierungswechsel, der Versuch eines Staatsstreichs und zwei weitere Attentate. Der Staat war bei der Gerechtigkeit verdächtig tief in Schuld geraten.

In einem spontanen Entschluss sollte unsere Mutter Elena die Organisation der Protestaktionen übernehmen. Sie war kämpferischer und reflektierter als alle anderen; sie hatte politisches Bewusstsein nach Giglio gebracht und es zu ihrer Aufgabe gemacht, dieses jedem zu vermitteln, den sie erreichen konnte. Bis 1968 hatte sie in Bologna gelebt, sich in der Studentenbewegung engagiert und war Mitglied der Gruppe gewesen, die später Radio Alice gründete. Sie hatte Wirtschaftswissenschaften studiert und mit vierundzwanzig Jahren ihre Doktorarbeit begonnen, und zwar zum marxistischen Grundverständnis von Geld als entmenschlichte Macht. Dann hatte sie meinen Vater Vittorio kennengelernt, der mit siebenundzwanzig gerade dabei war, sein Veterinärstudium zu beenden, und in der Hoffnung auf leichtere Examensprüfungen einige Jahre lang ständig die Universität gewechselt hatte. Meine Mutter half ihm beim Abfassen der Examensarbeit, obwohl sie keine Ahnung vom Thema hatte (»Verhaltensänderungen beim Reitpferd infolge des Einsatzes von gebissloser Zäumung«), und sobald er sein Diplom in der Tasche hatte, stießen sie mit Freunden darauf an und verließen Bologna, um auf Giglio Urlaub zu machen. Sie kamen an einem Abend im Mai an und wurden dort vom Duft des Ginsters empfangen. Eigentlich wollten sie nur zwei Tage bleiben, doch sie verlängerten ihre Zeit dort um weitere fünf. Am Tag der geplanten Abreise erfuhren sie vom Besitzer des Hotels, in dem sie übernachtet hatten, Hotel San Lorenzo, dass dieser das Geschäft verpachten wollte, um bei seiner Familie in Livorno zu sein. Von seinen Kindern interessierte sich keins dafür, den Betrieb zu übernehmen, und er hatte das Alleinsein satt. Mein Vater hatte mit jenem Instinkt, der ihn bei allen seinen gelungeneren Aktionen geleitet hatte, sofort den Finger gehoben, ohne auch nur mit meiner Mutter Rücksprache zu halten. Ein Blick aus dem Fenster des Speisesaals hatte ihm genügt: der Felsen Gabbianara, das Meer, ein mit Früchten behangener Zitronenbaum. Innerhalb von drei Tagen war der Vertrag unter Dach und Fach. Wenige Wochen später entdeckte meine Mutter, dass sie schwanger war. Sie war für ein paar Tage nach Bologna zurückgekehrt, um den Umzug der wenigen Besitztümer zu organisieren, und zu allen Freunden, denen sie über den Weg lief, sagte sie: »Ich zieh auf eine Insel und bin schwanger, wenn es ein Junge ist, nenn ich ihn Arturo wie in dem Roman.« Je ungläubiger man sie anblickte, desto glücklicher war sie.

Sie sollte zwölf Jahre auf Giglio bleiben. Ihre Doktorarbeit und ihren Plan, mit Hilfe eines Stipendiums an einer deutschen Uni zu studieren, gab sie ebenso auf wie ihre kommunistischen Freunde und führte fortan ein Hotel, in dem sie auch hinter dem Herd stand. Sie hatte entdeckt, dass sie das konnte, und sich der undankbaren Aufgabe nur deshalb angenommen, weil kein anderer zur Stelle war und es nicht in ihrer Natur lag, sich einer Aufgabe zu entziehen. Im Sommer 1976 war sie dreiunddreißig Jahre alt. Sie hatte rotes Haar, war hochgewachsen, am ganzen Körper von Sommersprossen übersät, und ihre Augen hatten das für Rothaarige typische dunkle Braun. Sie war von einer wilden, raubtierhaften Schönheit. Irgendjemand hatte ihr den Spitznamen Löwin gegeben, doch am Ende hieß sie für alle nur die Rote, wegen ihrer Haarfarbe, vor allem aber wegen ihrer politischen Überzeugungen. Die Rote wurde eher gefürchtet als geliebt.

Mein Vater war damals ein junger Mann, der sich vor nichts und niemandem fürchtete, und er hatte sich vor allem aus Unbekümmertheit mit ihr zusammengetan. Der Schmerz in ihren Augen hatte vor ihm viele in die Flucht getrieben, Vittorio konnte er nicht erschrecken. Vielleicht auch nur, weil er gar nicht in der Lage war, ihn wahrzunehmen.

 

Die Rote rief für abends um neun Uhr auf der Terrasse des San Lorenzo eine Vollversammlung ein, zu der Einwohner und Touristen gleichermaßen eingeladen waren. Die Küche blieb geschlossen, das Abendessen wurde abgesagt, Gäste mit Vollpension erhielten eine Erstattung, und die Stühle wurden wie für eine Wahlversammlung aufgestellt. Einige protestierten, doch die meisten Gäste bekundeten Interesse an einer Teilnahme. Die Rote hatte mit höchstens vierzig Personen gerechnet, Vertretern des Gemeinderats und wenigen anderen politisch Interessierten eben, doch bereits um Viertel vor neun gab es keine Sitzplätze mehr, nicht einmal auf den Tischen, die man in eine Ecke gerückt hatte, und so mussten alle nach draußen auf den Platz vors Hotel umziehen. Es waren mindestens zweihundert Personen.

Ich und Caterina kurvten zu zweit auf einem Fahrrad herum, ich stand hinten auf dem Gepäckträger, mit den Händen auf ihren Schultern. Irma, ein Setter mit weiß-orangem Fell, der so alt war wie Caterina und uns überallhin folgte, war ebenfalls mit dabei. Unsere cana, wie man hier im Dialekt sagt.

Eigentlich hätte sie Immacolatella heißen sollen. Meine Mutter hatte sowohl den Welpen, den größten aus dem Wurf, als auch den Namen gewählt: Da sie ein Mädchen zur Welt gebracht hatte und sie es ja schlecht Arturo nennen konnte, wollte sie Morantes Roman wenigstens mit dem Namen des Hundes Ehre erweisen. Immacolatella erwies sich aber als zu schwierig und zu lang. Als meine Schwester zu sprechen anfing, nannte sie das Hündchen Imma, aus dem auf Vorschlag von Babbo hin dann Irma wurde, wie Irma la Douce, hatte er gemeint.

Ich und Caterina wussten nicht so recht, warum sich die Erwachsenen versammelt hatten. Wir waren zu sehr damit beschäftigt, uns um die zweitausend Lire zu streiten, die wir unter der Woche mit dem Verkauf von Selbstgebasteltem und altem Spielzeug verdient hatten.

»Jetzt hör mal zu, ich habe die ganzen Taschenkalender gemacht, ich habe sie gebastelt und zusammengeheftet, und die haben uns das Geld eingebracht«, sagte Caterina. »Ich muss mindestens tausendfünfhundert Lire kriegen, denn du hast gar nichts getan.«

»Das stimmt nicht, ich habe die Ketten und Armbänder gemacht und die Steine.«

»Von deinen Steinen haben wir keinen einzigen verkauft.«

»Doch, den wie ein Boot und den Igel.«

»Aber das gilt nicht, weil Babbo die gekauft hat, das zählt nicht richtig. Und trotzdem kriegst du fünfhundert Lire, also das ist ganz schön viel Geld.«

Ich hielt meinen Mund, und sie behielt die Oberhand. Wir gaben einen Teil unseres sauer Verdienten für Eis aus. Ich klopfte ein paar Mal mit dem Zeigefinger gegen das Metallschild mit den Eissorten vor der Bar und sagte, ich will das hier, und Caterina meinte darauf zu mir: »Was schreist du so herum, lass doch das Schild stehen.« Wir gingen hinein und kauften einen Eiskeks und ein Eis in der Waffel. Dann stellten wir uns damit an den Rand der Versammlung und wunderten uns überhaupt nicht, dass unsere Mutter die Hauptrolle spielte. Caterina hörte zu und verstand alles, weil sie schon acht Jahre alt war; aber sie fühlte sich sowieso in der Gesellschaft von Leuten wohl, die doppelt so alt waren wie sie, und teilte nicht nur deren Ansichten, sondern auch das pubertäre Aufbegehren.

Ich dagegen stand einfach nur da, tat so, als würde ich zuhören, und starrte schamlos auf die Füße der alten Leute, die dort draußen versammelt saßen, auf ihre Zehen, die sich in den Plastiksandalen übereinanderkreuzten, auf die grauen, krummen, ekligen Nägel, die noch nie eine Schere gesehen hatten. Die Alten aßen ihr abgepacktes Eis, ohne außen das Papier abzuziehen, sie bissen davon ab, ohne auch nur einmal daran zu lecken, als wüssten sie nicht, wie das ging, oder als gehöre es sich nicht, die Zunge zu zeigen.

Nach einer Weile zog ich Caterina am T-Shirt fort. An der Pier, auf die wir uns allein nicht wagten, weil es dort zu dunkel und mit dem Fahrrad zu gefährlich war, befestigte eine Gruppe von jungen Leuten gerade Laken am Leuchtturm, und jemand hatte sich auf die hohe Mauer gestellt, sah mit einem Fernglas aufs Meer hinaus und rief etwas.

Wir schauten eine Zeitlang zu und gingen dann zu der Ecke mit dem Tischfußball. Dort trafen wir Luigi, einen Jungen aus Rom, den wir gut kannten, denn sein Vater Sergio und unser Vater waren Saufkumpane. Er und seine Frau waren sehr reich und besaßen bei Le Cannelle eine Villa. Wir hatten ihnen den Spitznamen »esagerati«, »die Übertreiber«, gegeben, seit sie sich laut Gerüchten einige Jahre zuvor anlässlich von Luigis Taufe derart hatten volllaufen lassen, dass sie ihn in der Diskothek vergaßen. Die Putzfrau hatte den Kleinen dann – anscheinend friedlich in der Babytragetasche schlummernd – zu ihnen nach Hause gebracht, und, immer noch den Gerüchten zufolge, war stark hin- und hergerissen, ob sie ihn nicht besser direkt bei den Carabinieri hätte abliefern sollen.

Wir riefen nach ihm und ahmten dabei die Aussprache seiner Mutter Desideria nach: Luiggi. Er warf eine Münze ein, zog kräftig am prismenförmigen Knauf, und die Kugeln polterten alle auf einmal heraus. Luiggi fragte uns, ob wir mit ihm spielen wollten. Ich sah Caterina an. Sie reckte das Kinn. »Nein, der bescheißt doch nur. Lass es.« Während er noch protestierte und hoch und heilig versprach, genau nach den Regeln zu spielen, ging Caterina wieder zur Versammlung. Ich zuckte mit den Schultern, verabschiedete mich von dem Jungen und folgte ihr.

 

»Auf dieser Insel wurde bis vor ein paar Jahren noch gehungert. Unsere Großeltern haben sich krumm geschuftet, in den Weinbergen, in den Minen und beim Fischen, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Der Tourismus ist für uns lebenswichtig, den darf man nicht einfach so kaputt machen. Wenn man uns jetzt alle Verbrecher herschickt, dann kommt keiner mehr, lasst euch das von Beppe gesagt sein. Außerdem gibt es schon die Gefängnisse auf Pianosa und Capraia. Man kann doch nicht die ganze Inselgruppe zu einem Knast im Meer machen!«, rief Beppe, alias Bazza, ein Spitzname, der wie in vielen anderen Fällen über Generationen hinweg tradiert wurde und in diesem speziellen Fall sogar gerechtfertigt war – der Vater hatte seinem Sohn den deutlich hervortretenden Kiefer vererbt, genau wie es der Name besagte.

Die Erwiderung kam von Mario, alias der Core, der auf einem Tisch saß.

»Ach was! Es geht doch nicht darum, das Image von unserer Insel und den Tourismus zu schützen, das sieht dann danach aus, als würde nur das Geld zählen. Da steckt doch etwas viel Ernsteres dahinter, es geht darum, dass die italienische Justiz die Kriminellen schützt, da hat der Staat ganz gefährlich seine Hände im Spiel. Die bringen die beiden doch nur hierher, weil sie von hier aus einfacher abhauen können, denn genau darum geht es, das liegt doch auf der Hand, oder nicht? Warum macht man denen nach vier Jahren Untersuchungshaft denn nicht den Prozess, wie es sich gehört? Weil hier Leute ihre Villen haben, ich will keine Namen nennen, in denen Almirante und alle anderen Faschisten willkommen sind. Und dann meine Lieben, reden wir doch mal Klartext, die schicken sie doch hierher, weil man von Giglio aus mit dem Motorboot in zwei Stunden in Korsika ist. Das ist überhaupt kein Problem, der Geheimdienst organisiert alles, genau wie bei Giannettini. Der hat bis über beide Ohren in allem dringesteckt und macht sich jetzt an der Côte d’Azur ein schönes Leben. Auf Staatskosten, versteht sich. Und warum haben die sich ausgerechnet Giglio ausgesucht und nicht zum Beispiel Elba? Oder Ponza? Weil hier im Gemeinderat alle von der Democrazia Cristiana sind, meine Lieben!«

Von hinten hörte man Geraune. Die Leute hatten sich natürlich nach Parteizugehörigkeit geordnet über den Platz verteilt, die von der Democrazia Cristiana saßen alle beisammen. Alte Frauen, deren Balkone zur Straße hinausgingen, nahmen ebenfalls teil, indem sie sich über die Brüstung lehnten, um besser zu hören. Alle redeten durcheinander.

»Mein Gott, Mario, was zum Teufel spielt es für eine Rolle, dass wir hier im Gemeinderat alle der Democrazia Cristiana angehören? Der ist heute zu einer außerordentlichen Sitzung zusammengekommen und ist sich einig, dass wir die beiden hier nicht haben wollen.«

»Ausgezeichnet, Mister Kissinger! Und warum hast du uns das nicht gleich gesagt? Wenn wir die hier tatsächlich nicht haben wollen, dann müssen wir was organisieren. Ventura wird morgen hier ankommen, heute Abend ist er bereits in Grosseto, und morgen früh kommt er mit der Fähre.«

Antonio, der Barbesitzer, mit seinem tiefen Grübchen im Kinn, wandte sich an ein Touristenehepaar, das neben ihm saß. »Die Democrazia Cristiana kann mit dieser Insel nicht machen, was sie will, und jeden herbringen, wie es ihnen gefällt, damit er sich hier vergnügt, anstatt im Gefängnis zu sitzen.«

Das hatte jemand mitgehört.

»Antonio, wenn dir was nicht passt, dann sprich lauter und sag’s uns klar und deutlich ins Gesicht.«

»Nichts, nichts, ich habe der Dame, die nicht von hier ist, nur erklärt, dass dreizehn von sechzehn Mitgliedern des Gemeinderats der Democrazia Cristiana …«

»Und was ist schon dabei? Hier geht es jetzt darum, zu entscheiden, wie wir es anstellen, dass Freda und Ventura nicht auf die Insel kommen, bleiben wir doch beim Thema.«

Gigi, alias der Heisere, ließ sich vernehmen, die Stimme rauh von Zigarren und Nächten draußen auf dem Meer. »Man sagt, Valpreda hat sich in Brindisi ins Krankenhaus einweisen lassen, damit er nicht hierher muss. Nierenkolik. Aber dann wurde er gesehen, als er sich einen Campari an der Bar genehmigte.«

Paola Muri war eine junge Freundin meiner Eltern und in jenem Sommer zwanzig geworden. Eine Mailänderin, auch wenn ein Elternteil aus Giglio stammte, und sie hatte auf alles eine Antwort. Sie sprang unvermittelt auf und mit ihr alle ihre Locken, und ihr Medusenblick konnte einem Angst machen. Sie war außer sich und schrie ihre Empörung auch hinaus, denn sie verstand noch nichts vom Vermitteln, hielt mit Leidenschaft an ihren Überzeugungen fest und konnte nicht begreifen, dass nicht alle so fühlten wie sie.

»Da habt ihr’s, genau das wollen sie bezwecken. Dass man Freda mit Valpreda verwechselt, einen Mörder mit einem Unschuldigen! Der sich ins Krankenhaus hat einliefern lassen, der Komplize von Ventura, derjenige, der hier unter Inselarrest gestellt werden soll, heißt Franco Freda, FRE-DA, und nicht VAL-PRE-DA! Valpreda ist der Anarchist, den man zu Unrecht mit dem Attentat in Verbindung gebracht hat. Er hat ebenfalls drei Jahre Untersuchungshaft hinter sich, ohne jeden Beweis für seine Schuld, und er ist immer noch nicht vollständig freigesprochen. Für Fredas Schuld gibt es dagegen eine ganze Latte von Beweisen, er hat den Zeitschalter für die Bomben gekauft. Das weiß jeder. Außerdem hatte er in Castelfranco Veneto ein Waffenlager und hat schon mal gesessen, weil er Anschläge auf Züge geplant hatte. Valpreda ist nicht Freda! Diese Verwechslung ist ungeheuerlich und eine zusätzliche Ungerechtigkeit!«

Gigi, der Heisere, senkte ein wenig beschämt den Kopf, sein Gesichtsausdruck wollte nicht so recht zu dem massigen Körper und dem sonnengegerbten braunen Gesicht passen, das sogar leicht errötete. Er murmelte vergebens, dass es nicht seine Schuld war, wenn die alle irgendwie gleich hießen. Seine Verlegenheit übertrug sich auch auf seine Umgebung, denn es war noch nicht üblich, dass ein älterer Mensch von einem Vertreter der jungen Generation abgekanzelt wurde.

Angiolino stieß Gigi in die Seite und witzelte: »Siehst du jetzt, dass du dich immer wie ein Dummkopf aufführst? Das nächste Mal hältst du besser den Mund.«

Die Rote kannte die Alten, die nicht ganz auf dem Laufenden waren, ziemlich gut und wusste, wie erniedrigend eine solche Situation für diese sein konnte, deshalb sprang sie Gigi bei, indem sie die allgemeine Aufmerksamkeit von ihm ablenkte und die Diskussion wieder in Gang brachte; sie knüpfte an Paolas Empörung an, um gegen den Staat zu wettern, also gegen jemanden, der sich nicht hier draußen unter den Anwesenden befand.

»Zu dumm, dass man alles unternommen hat, um die Indizien zu vernichten. Die Carabinieri haben sogar den Koffer gesprengt, in dem sich die einzige noch intakte Bombe befand. Das hätte ein entscheidendes Beweismittel sein können. Natürlich steckt eindeutig der Staat dahinter, wenn die Justiz so arbeitet. Seit dem Attentat auf der Piazza Fontana sind sieben Jahre vergangen, nicht nur eins. Und immer noch hat kein einziger Prozess stattgefunden. Man hat alles getan, um die Mächtigen zu schützen: Man hat die Ermittlungen verschleppt, Staatsgeheimnisse vorgetäuscht, Prozesse hinausgezögert. Wenn dahinter nicht der Staat steckt …«

»Eindeutig«, bekräftigte Ettore.

Doch die rote Elena war noch nicht fertig mit ihrer Rede. Es war spät geworden, sie musste die Töchter ins Bett bringen. Also musste sie jetzt noch schnell allen ihre Meinung sagen.

»Wahrscheinlich hat auch Saragat, der mit den Amerikanern verhandelt hat, seine Hände im Spiel. Erinnert ihr euch, als Nixon ’69 nach Rom kam? Was wollte er dort? Er hatte Angst, dass Italien auf Tuchfühlung mit den Russen gehen könnte, und so haben sie sich auf eine Strategie der ständigen Anspannung geeinigt, so dass die Gesellschaft nicht zur Ruhe kommen würde. Eine Reihe von Attentaten, an deren Ende eine autoritäre, durch Wahlen legitimierte Regierung stehen sollte …«

Mario meldete sich erneut zu Wort. »Schon, nur schade, dass das, was du da weißt, viele Leute wissen, man es aber nicht beweisen kann. Und dass es nach sieben Jahren immer noch nicht einen einzigen Schuldigen gibt.«

Elena war aufgestanden, hatte ihrem Mann etwas ins Ohr geflüstert und angefangen, sich ihren Weg zwischen den Stühlen zu bahnen. Dann wandte sie sich an Mario und Ettore, die in der gleichen Ecke saßen wie sie, ohne die anderen zu beachten. Ihr Akzent, der nichts Toskanisches hatte, unterstrich ihre Verschiedenheit, sie gehörte nicht dazu, was sie auf der ideologischen Ebene wettzumachen suchte.

»Wir sind uns also alle mehr oder weniger einig. Wir lassen Freda und Ventura nicht an Land gehen. Wir treffen uns morgen früh gegen halb acht an der Pier, wer nicht mitmachen will, soll sagen, was er vorhat, und morgen gebt ihr mir Bescheid. Und jetzt entschuldigt mich, ich muss gehen.«

Sie verabschiedete sich mit einem raschen Gruß, bei dem sie ihr schmales Handgelenk hob, und alle ihre unzähligen Knochenarmreifen klapperten Richtung Ellbogen nach unten. Bevor sie uns rief, richtete sie ihre dunklen Augen auf den achtzehnjährigen Gullo: Sie war sich sicher, dass er morgen mit von der Partie sein würde. Einen Augenblick lang wurde es still, und alle folgten mit den Blicken ihrer hochgewachsenen Gestalt, die in einem geblümten Rock um die Ecke verschwand. Die Versammlung löste sich in einem Durcheinander von belanglosen Kommentaren auf.

2.

Caterina saß in einem kurzärmeligen Schlafanzug, der sich von meinem lediglich in Farbe und Größe unterschied (aber ihrer war meiner Meinung nach viel schöner), auf ihrem Bett und las mir aus dem Zauberbuch eine Gutenachtgeschichte vor. Ich wollte, dass sie die vom Vortag wiederholte, vom Kugelfisch, der alle zum Einschlafen brachte, sobald er redete, doch Caterina erklärte mir, dass es unmöglich sei, das Buch sei genau deshalb ein Zauberbuch, weil es dort jeden Abend ein neues Märchen gab und die bereits vorgelesenen von den Seiten verschwanden. Ich konnte noch nicht richtig lesen und würde es erst wenige Wochen später lernen. Aber Caterina würde dann schon in die fünfte kommen, sie hatte den Kindergarten und eine Klasse in der Schule übersprungen und war damit am Ende der Grundschule um zwei Jahre voraus. Sie hatte mir bereits von vorne bis hinten das Tierlexikon vorgelesen, und ich konnte gar nicht genug davon bekommen.

Das Zauberbuch hatte keine Bilder, und die Buchstaben waren klein gedruckt. Auf dem festen weißen Einband war nur ein rätselhafter Stacheldraht abgebildet. Wahrscheinlich ging es in dem Buch um den Holocaust oder eine andere Tragödie aus einem Konzentrationslager des zwanzigsten Jahrhunderts, aber Caterina tat so, als lese sie mir daraus vor, und erfand allabendlich eine neue Geschichte für mich, und selbst wenn mir das klar war, gefielen mir diese Augenblicke. Ich durchschaute das Spiel, aber ich stellte mich dumm. Ich mochte es, wenn ich Caterina die Genugtuung verschaffen konnte, mich herumzukommandieren und zu manipulieren. Ich vertraute ihr blind, und ich riskierte damit nichts.

»Jetzt lese ich dir eine Geschichte vor, die mir Mama einmal vorgelesen hat.

Es war einmal in einem fernen Land ein sehr böser König. Alle mussten für diesen König hart arbeiten und Steuern bezahlen, und er gab mit dem vielen Geld große Feste, zu denen er nur seine drei Monsterfreunde einlud: das sehr schlaue blaue Monster, ein schwarzes, das sehr viel Kraft hatte, und ein grünes, das ganz normal war. Eines Tages beschloss eine Gruppe von jüngeren Untertanen, die roten Jungs, zu rebellieren, und sie fingen an, den König zu ärgern. Sie bewarfen seine Kutsche mit fauligen Kaktusfeigen, beschrieben Mauern mit wasserfesten Filzstiften und rissen unten von den Kuckucksuhren die Tannenzapfen ab. Der König wollte, dass sie aufhörten, und holte bei dem sehr schlauen blauen Monster Rat ein. Das blaue Monster hatte einen Einfall, und der König folgte seinem Vorschlag. Er wartete den folgenden Mittwoch ab, an dem die Leute auf dem Marktplatz zum Wochenmarkt zusammenkamen, und ließ das schwarze Monster einen riesigen Stein genau auf den Brunnen werfen. Der Brunnen ging kaputt, und die Leute wurden nass, und einigen von ihnen flogen Steinsplitter an den Kopf, anderen wurden die Einkäufe aus der Hand gerissen, und die Birnen rollten ihnen davon. Die Leute wurden sehr wütend und fragten, wer war das? Sagt es uns und ersetzt uns unsere Einkäufe. Niemand meldete sich. Da behauptete der König, es seien die roten Jungs gewesen, welche die ganze Zeit Streiche spielten, und die Leute sagten, jetzt reicht’s, diese Jungs müssen sofort damit aufhören! Der König freute sich, denn aus diesem Grund konnte er sie festnehmen lassen. Genau so hatte es das blaue Monster gedacht, und sein Plan schien aufzugehen. Doch dann sagte das grüne Monster mit einem Mal, also hört mal, das stimmt so nicht, ich habe gesehen, wie das schwarze Monster den Stein geworfen hat. Das schwarze Monster sagte, was, ich soll das gewesen sein? Was für ein Unsinn! Und der König sagte, was, er soll das gewesen sein? Was für ein Unsinn! Das grüne Monster sagte, ich habe dich doch gesehen, das schwarze Monster sagte, du irrst dich, der König sagte, da hast du dich geirrt, die Leute sagten, wir wollen endlich den Schuldigen, das schwarze Monster flüsterte dem König ins Ohr, pass mal auf, du hast mir gesagt, ich soll diesen Stein werfen, und jetzt rette bitte meine Haut, und so verloren alle sehr viel Zeit. Die Leute sagten, jetzt reicht’s, das schwarze Monster muss ins Gefängnis. Der König wusste nicht, was er tun sollte, und fasste einen Entschluss. Das schwarze Monster schicken wir einfach weit fort, auf eine winzige Insel, wo niemand es kennt, so kommt es heil davon, und die Leute beruhigen sich. Und in der Tat kommt das schwarze Monster morgen nach langer Reise hier auf Giglio an.

Ende der Geschichte.«

»Aber das schwarze Monster gibt es nicht wirklich, Cate«, merkte ich nach beendeter Lektüre an.

»Doch, das gibt es, und es ist unterwegs. Es heißt Fredevventura.«

»Aber das ist nicht wahr, das ist doch ein Märchen.«

»Das ist doch wahr. Fredevventura hat zwei Köpfe, vier Arme und vier Beine. Es ist wie eine riesige Spinne, doch wenn man es anschaut, sieht es aus wie ein Mensch.«

»Du lügst.«

»Wenn ich’s dir doch sage. Und warum waren dann deiner Meinung nach heute Abend all die Erwachsenen an der Pier? Hast du gesehen, dass sie ein Fernglas dabeihatten? Sie wollen schauen, ob Fredevventura heute Nacht kommt. Los, komm mit, dann zeig ich’s dir. Und hast du nicht gehört, wie Mama und Babbo von ihm gesprochen haben?«

Caterina stand aus ihrem Bett auf und zog mich ans Fenster. Von unserem Zimmer aus konnte man den Hafen sehen.

»Und, was habe ich dir gesagt? Siehst du, dass alle dort sind? Du musst keine Angst haben, die lassen es nicht an Land. Komm, wir gehen schlafen.«

Wir legten uns ins Bett. Als das Licht bereits eine Weile gelöscht war, kroch ich ganz leise zu Caterina hinüber, ich kuschelte mich eng an sie heran, und meine Haare fielen ihr wie immer über den Mund. Caterina ließ das mit sich geschehen, und so schliefen wir ein, ineinandergeschoben wie zwei Löffelchen in der Besteckschublade.

3.

Meine Mutter war sehr früh aufgestanden und trug eine Hose, die sie aus einem Kleiderhaufen auf einem Stuhl herausgezogen hatte, und ein sauberes blau-weiß gestreiftes T-Shirt. Sie hatte sich hastig von uns verabschiedet und das Haus ohne Handtasche verlassen, wie so oft, denn sie brauchte eigentlich keine. Ihre Handtasche war nur etwas für mich, um darin herumzukramen und mir auf der Suche nach weichen Bonbons, an denen Einwickelpapier und Sand klebten, die Fingernägel an dem Kajal zu schwärzen, der unten am Boden der Tasche verschmiert war.

Sie bemühte sich, die Haustür leise zu schließen, doch nach drei vergeblichen Versuchen zog sie kurz heftig daran, denn nur so war sie richtig geschlossen.

Mama lief die Gasse hinunter, wo es nach Katzen roch, nach den Wunderblumen, die gerade ihre Blüten schlossen, dazu Kaffeeduft, der aus den offenen Fenstern strömte. Beim vergeblichen Versuch, am Hang abzubremsen, stießen ihre Zehen vorn in den Pantinen an. Nach zwei Minuten war sie unten am Hafen. Dort traf sie gleich auf Ettore, einen Seemann, der auf den lokalen Fähren arbeitete, aber noch öfter auf Frachtschiffen, mit denen er dann lange unterwegs war. Er verbrachte Monate auf dem Meer, dann wieder war er monatelang zu Hause und widmete sich während dieser Ruhepausen der Politik. Mit der Zeit hat sich meine Wahrnehmung von ihm geändert, aber als Kind war er für mich ein starker und rechtschaffener Riese, wie die Arbeiter auf Bildern von der Russischen Revolution. Er hatte breite, eckige Schultern, einen enormen Schnurrbart, und an seinem Hemd waren immer nur zwei Knöpfe geschlossen. Er lächelte selten, und sehr schnell erschienen Sorgenfalten zwischen seinen Augenbrauen. Mich und Caterina hatte er ins Herz geschlossen und trug entscheidend dazu bei, dass wir schon sehr früh schwimmen lernten.

»Und?«, fragte ihn Elena.

»Ich war die ganze Nacht lang auf, aber nichts. Irgendwann kam einer in einem Motorboot, wir haben ihn nach seinem Ausweis gefragt, ein Journalist vom Messagero. Er war schon beim zweiten Glas sternhagelvoll und schläft sich jetzt bei mir zu Hause aus. Um sieben haben wir die Hafenwache in Santo Stefano angerufen und sie gewarnt, die Rio Marina nicht ablegen zu lassen, weil sie die Fahrt umsonst machen würde. Sie würden trotzdem losfahren, haben sie geantwortet, man habe die Carabinieri informiert. Die von Giglio sind noch hier und haben der Polizeidirektion in Orbetello bereits unsere Namen gemeldet.«

»Aber dann müsste die Fähre doch schon zu sehen sein, oder?«

Es war kurz nach acht.

»Tja, aber schau doch nur, wie diesig es ist«, sagte Ettore und wies in die Ferne. Am Horizont stand heller Dunst, der Meer und Himmel zu einer glanzlosen Metallfolie verschmolz. Elena entfernte sich und lief, zwei Stufen auf einmal nehmend, zum Kirchplatz hinauf. Wenn es Gott wirklich gab, ging es ihr durch den Kopf, würde er die Fassade mit ihren Blendarkaden vermutlich als respektlose Geste auslegen. Aber dann dachte sie sofort wieder an etwas anderes. Oben angelangt, spähte sie so weit in die Ferne, wie sie konnte. Dann hastete sie wieder zum Hafen hinunter und zerrte Ettore am halboffenen Hemd. »Komm, wir müssen sofort die Blockade errichten, die Fähre ist in einer halben Stunde hier.« Er hatte sich bereits ein langes Tau besorgt, wie man sie fürs Festmachen von Tankern im Hafen benutzte. Er befestigte ein Ende am Ring zum Anlegen für das Tragflügelboot und sprang dann von einem Boot zum anderen, bis er sein kleines Holzboot erreichte. Die Rote wartete an der Pier auf ihn. Um sie herum hatte sich bereits eine Traube von Menschen gebildet. Ettore war mit drei kräftigen Ruderstößen bei ihr, man legte ihm das Tau auf den Bug, sie streifte ihre Pantinen ab und sprang zu ihm an Bord. Er stieß sich mit dem Bootshaken ab und ließ das Boot treiben, unterdessen rollte sich die Trosse im Wasser ab. Dann durchbrachen die Ruderblätter in gleichmäßigem Rhythmus die klare Oberfläche des Wassers. Kurz darauf waren sie auf der anderen Seite des Hafens. Ettore warf das Tauende auf die Pier, wo man die Leine so festzog, bis sie sich zwischen den beiden Leuchttürmen knapp über dem Wasser spannte. Es war Viertel nach acht, die Fähre mittlerweile in der Ferne zu sehen und der Hafen nur durch ein kümmerliches Hindernis abgesperrt. Die Trosse alleine reichte nicht. Elena krempelte also ihre Hosen hoch, damit sie nicht nass wurden, und sagte: »Los, wir stellen uns ihnen in den Weg, wenn die Fähre in den Hafen will, muss sie uns eben überfahren.«

Er nickte zustimmend mit dem Kopf und manövrierte sein Boot genau in die Hafenmitte. An einem der Leuchttürme hingen zwei Laken, auf die hatte jemand mit roter Farbe geschrieben: »FASCHISTENMÖRDER. SIEBEN JAHRE UND NOCH IMMER KEINE GERECHTIGKEIT« und »Giglio ist ein ehrlicher Ort, Faschisten hinter Gitter, und zwar sofort«. Mittlerweile wimmelte es am Hafen von Menschen, was merkwürdig war, denn nicht einmal zur Prozession für die Madonna Stella Maris fanden sich derart viele Leute ein, und es herrschte aggressives Schweigen.

 

An der Pier hatten sich auch die Touristen versammelt, die die Fähre um acht Uhr fünfzig gebucht hatten. Ihnen wurde klar, dass sie nicht so bald loskommen würden, und so parkten sie ihre Kleinbusse, ihre Renaults 4 und ihre Fiats 127, die bis auf die letzte freie Ecke vollgepackt waren, mit Taschen und Schlauchbooten oben auf den Dächern.

Zur Autoschlange gesellte sich eine ebenso bunte Schlange aus Wasserfahrzeugen, welche mittlerweile die Hafeneinfahrt blockierten. In weniger als zwanzig Minuten hatte man die Barrikade organisiert. Vierzehn Holzboote, zwei Schlauchboote, zwei Motorboote, ein Segelboot, das quer zur Pier festgemacht war, ein Fischerkutter, drei Kähne.

Sie reihten sich so eng nebeneinander, dass die Fender zusammengedrückt wurden, und errichteten so eine Barrikade, die sich von einer Mole zur anderen erstreckte und durch ein einziges Tau zusammengehalten wurde. Immer mehr Leute sprangen an Bord, sie hatten Spruchbänder dabei. Man befestigte eins mit »WIR WOLLEN HIER KEINE VERBRECHER« am Mast des Segelboots. Paola hatte es gemalt und außerdem Zehen und Fersen in rote Farbe getaucht, um ihre Abdrücke zu hinterlassen, jetzt trug sie keine Schuhe, und es sah aus, als bluteten ihre Füße. Zwischen zwei Kähnen spannte man ein weiteres Transparent auf; es bestand aus einem Laken für ein Einzelbett, das ausgewaschene Blümchenmuster war nur noch zu erahnen: »FREDA UND VENTURA IN DEN KNAST, NICHT ZUR KUR«. Die Fähre war mittlerweile vor dem Hafen angekommen. Mehr als zwanzig Minuten lang verharrte sie mit gedrosselten Motoren, ohne sich von der Stelle zu bewegen; sie lag leicht schräg im Wasser, wie von Kinderhand gemalt, und ließ ein ohrenbetäubendes Brummen ertönen, das überall auf der Insel zu hören war. Von Elenas Perspektive aus – sie befand sich in dem Holzboot genau in der Mitte der Barrikade – wirkte der Bug der Fähre allerdings weniger wie ein trauriger Riese, er war ein Panzer, der, wäre er losgefahren, problemlos alle Wasserfahrzeuge, die sich ihm in den Weg stellten, niedergewalzt, Motorboote zertrümmert und Segelmasten zerstückelt hätte, und innerhalb von wenigen Minuten wäre diese improvisierte Hafenblockade abgesoffen. Stattdessen blieb die Fähre an Ort und Stelle und ließ ihre Sirene ertönen. Auf den Booten hielt man sich die Ohren zu, manch einer reckte die Ruder in die Höhe oder legte sie an wie ein Gewehr, wie um die Barrikade noch deutlicher zu machen. Das Ganze währte weniger als eine Stunde, aber allen erschien es viel länger; dann wendete die Fähre langsam. Sobald sie mit dem Heck zum Hafen lag, kehrte sie mit ihrer Fracht aus Touristen und Terroristen dorthin zurück, woher sie gekommen war, hinter sich einen weißen Strudel schäumender Wut.

Aus der Hafenblockade brandete Applaus auf, der sich auf die Anleger ausbreitete, wo sich die Menschen drängten. Jemand hatte für Getränke gesorgt, und die Flaschen wanderten zwischen Booten und Mündern, obwohl es noch früh am Morgen war.

 

Meine Schwester und ich kamen mit meinem Vater genau in jenem Augenblick kollektiven Jubels an. Er hatte uns in der Karre geschoben, mit der er normalerweise Wäschepakete und Lebensmittelkisten von der Fähre zum Hotel transportierte, und für uns wurde sie jetzt zu einer Rikscha.

Der Maresciallo der Carabinieri hielt ihn an. Mein Vater setzte die Karre ab und ließ uns aussteigen, und wir klatschten wie alle anderen in die Hände, ohne genau zu wissen, warum. Auf Giglio gab es insgesamt drei Carabinieri, sie hatten mehr Regatten mitgemacht als Razzien. Im Winter überließen sie die Inselbewohner sich selbst, sie waren bemüht, sich in die Inselgemeinschaft zu integrieren, wobei sie immer wussten, dass sie dennoch Fremde bleiben würden. Es waren weder Ordnungswidrigkeiten zu ahnden noch Kontrollen durchzuführen. Wenn sie über ihren Dienst bei der übergeordneten Behörde Rechenschaft ablegen mussten, erfanden sie eben ein paar Einsätze. Ein Carabiniere schaute in den Bars, der Apotheke und bei der Arztpraxis vorbei und fragte: »Na, was ist Leute, wie wär’s mit ein paar Geldstrafen?« Wer großzügiger oder schuldbewusster war als andere, ließ sich dann auf die fingierten Ordnungsstrafen ein, auf Geldbußen für Parkverbote, die man sonst stets ignorierte, und bezahlte eine einmalige Abgabe, womit alle Seiten für den Rest der Zeit ihren Frieden hatten. Vittorio war ein großer Verfechter dieser Praxis: Anarchie während des Großteils des Jahres wurde mit einer willkürlich erteilten Strafe erkauft. Freunden von außerhalb der Insel erzählte er gerne von diesem libertären Regime. Im Sommer wurde dann natürlich alles etwas anders. Mit dem Eintreffen der Touristen mussten die Carabinieri das Übertreten von Parkverboten ahnden, die Rucksäcke von Langhaarigen nach Drogen durchsuchen, Streit zwischen Besoffenen schlichten, dafür sorgen, dass nicht wild gecampt und an den Stränden kein Feuer gemacht wurde, und Unfallprotokolle anfertigen. Und ausgerechnet jetzt, wo der Sommer bald vorbei war, kam ihnen das hier in die Quere. Der Maresciallo sagte zu meinem Vater: »Sie haben aus Grosseto angerufen, der Polizeipräsident kommt heute mit dem Hubschrauber hierher, Dottore. Ist dir eigentlich klar, dass eine Hafenblockade ein schweres Vergehen ist? Wir mussten die Namen weitergeben, es wird zu einer Strafanzeige kommen. Wenn ihr den Protest eingestellt hättet, wäre das noch zu verhindern gewesen, aber dass wegen euch das Postschiff umkehren musste, war ein Riesenfehler. Deine bessere Hälfte ist mittendrin, auf einem der Boote, weißt du das?«

Bei den Worten »deine bessere Hälfte« reagierte Vittorio gereizt. »Und was soll ich machen? Tut, was ihr nicht lassen könnt, und wir machen es genauso.«

Er ließ Maresciallo und Handkarren an einer Bank stehen und machte sich auf den Weg zu einem der Leuchttürme. Wir waren unterdessen in die entgegengesetzte Richtung davongelaufen, um zu sehen, wer sich alles auf den Booten befand. Die Inselbewohner nahmen alle an der Protestaktion teil, und die Touristen, die eigentlich nichts mit der ganzen Sache zu tun hatten, protestierten auch, denn sie hatten ihren eigenen Grund, sie konnten weder die Insel verlassen noch frühstücken, schließlich machte auch der Barbesitzer bei der Blockade mit. Er hatte seine Bar abgeschlossen und ein Schild mit »Bin zurück, wenn ich fertig bin« an die Tür gehängt. Wir gingen an der Schlange vor dem Kiosk der Fährgesellschaft vorbei, bis wir am grünen Leuchtturm ankamen.

Caterina rief: »Schau, dort mittendrin ist Mama!« Ich konnte sie nicht sehen. »Wo? Wo? Komm, wir gehen zu ihr!«, rief ich und wollte schon auf das erste Boot der Barrikade springen, warf mich, während sie mich noch an einer Hand hielt, nach vorn und hatte bereits ein Bein in der Luft und den Hintern über dem Wasser. Caterina zog mich mit aller Kraft zurück: »Wo willst du denn hin, du dumme Kuh, du fällst nur ins Wasser.«

Entweder hatten wir so laut geschrien, oder unsere Mutter hatte für unsere Stimmen ein besonders empfindliches Ohr, auf jeden Fall drehte sie sich auf dem Kahn sofort in unsere Richtung um und bedeutete uns, an Ort und Stelle zu bleiben. Sie sagte etwas zu Ettore und stieg langsam und vorsichtig von einem Boot ins andere, eine Hand hielt die Pantinen, die andere ergriff immer wieder aufs Neue die Hände von denen, die ihr beim Umsteigen halfen. Sie bewegte ihren Körper zaghaft, als würde sie von ihrer ungezähmten Schönheit, ihrem ungebändigten Haar, ihrer großen Brust, die mich niemals gestillt hatte, überwältigt, als habe sie sich niemals daran gewöhnt.

»Wer hat euch hierhergebracht?«

»Wir sind mit Babbo gekommen«, verteidigte sich Caterina.

»Und wo ist er jetzt?« Ich schaute still und schuldbewusst zu Boden, als wäre er uns im Jubel des Festes abhandengekommen. Caterina war schlagfertig: »Die Carabinieri haben ihn angehalten.«

»Jetzt kommt ihr mit mir nach Hause und rührt euch nicht vom Fleck.« Sie nahm uns bei den Händen und bahnte sich einen Weg durch die Menge.

»Was ist denn passiert, Mama?«, fragte Caterina.

»Das ist schwer zu erklären. Es geht euch aber auch nichts an«, erwiderte sie gereizt und warf einen Blick zurück auf ihre Kampfgefährten, die immer noch auf dem Wasser waren.