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Die Erzählung handelt von Christian und Bärbel einem älteren Ehepaar. Bärbel erkrankt an Demenz, und Christian sieht sich plötzlich ihm bisher unbekannten Aufgaben gegenüber. Er entscheidet, nicht zu resignieren. Die täglichen Ereignisse, die die Krankheit mit sich bringt, werden im Wechsel mit Rückblicken auf vergangene gemeinsame glücklicher Zeiten in kleinen Geschichten beschrieben. Anhand der Begebenheiten erfährt der Leser, wie Christian mit den täglichen Belastungen und seinen Zweifeln umgeht, wie er seine Aufgaben erfüllt. Die Geschichte ist als Hilfestellung und Trost für pflegenden Angehörige gedacht.
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Seitenzahl: 58
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Dieter Frommhold
„ICH HATTE SOLCHEANGST“
– Eine Heimkehr –
Engelsdorfer Verlag Leipzig 2024
Über den Autor
Dieter Frommhold ist 1943 in Leipzig geboren. Von Beruf Diplom-Lehrer für Physik und Mathematik, war er als Lektor im Fachbuchverlag Leipzig und anschließend als Programmierer und Lehrer in der Weiterbildung für Erwachsene für EDV viele Jahre tätig.
Er ist Autor einer Artikelserie bei akademie.de und verfasste zwei Bücher über VBA Programmierung beim TEIA - Internet Akademie und Lehrbuch Verlag und einen Erzählband beim Engelsdorfer Verlag.
Bibliografische Information durch die
Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über https://dnb.de abrufbar.
Copyright (2024) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt
Titelbild © achyutanand [Adobe Stock]
www.engelsdorfer-verlag.de
Cover
Titel
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Das große runde Kissen auf der Couch ist für immer verwaist.
Fast täglich hat Bärbel dort gesessen, meist schon in die warme Jacke für baldiges Weggehen gekleidet, mit scharlachrotem Schirmmützchen und Schal, ihre kleine rote Tasche vor sich auf dem Schoß.
So wartete sie jeden Tag vor dem eingeschalteten Fernsehapparat darauf, nach Hause gehen zu dürfen.
„Bärbelchen, du bist doch zu Hause.“
„Nein, bin ich nicht!“
„Wohin willst du denn?“
„In die Hagenstraße zu meiner Mutti.“
Dort ist Bärbel vor über 75 Jahren aufgewachsen.
Jetzt ist sie im Heim. Christian, ihr Mann, konnte sie nicht mehr weiter betreuen, er war den täglichen Anforderungen der Pflege nicht mehr gewachsen.
Beim Einzug in das Heim sagte die Pflegerin, die sich als Sabine vorstellte, zu ihm: „Stellen Sie sich auf Veränderungen bei Ihrer Frau ein.“
Ihr Kissen ist leer.
Eine kleine Delle darin erinnert an Bärbels einstigen Sitzplatz.
Eine Spur ihres Lebens.
Sie zeigt, dass Bärbel hier einmal lebte.
Christian hat lange überlegt, ob er seine Bärbel in andere, fremde Hände zur Pflege gibt.
Er hat alles gegeben, hat sich auch gern um Bärbel gekümmert. Doch nun ist er mit seinen Kräften am Ende. Er kann diese Aufgabe nicht mehr bewältigen.
Er erinnert sich an den letzten Abend, als er Bärbel in ihr Bett brachte. Er sah sie lange an, wie sie da lag, friedlich schlafend, nicht wissend, dass es ihre letzte Nacht in ihrem eigenen Bett sein wird. Christian betrachtete sie lange und fühlte sich ganz elend.
Bärbels Umzug war für Christian die schwerste Entscheidung in seinem Leben. Schlechtes Gewissen und Erschöpfung begleiteten ihn dabei.
*
Die Ehe von Bärbel und Christian war eine schöne Zeit, von der sich beide wünschten, sie möge nie zu Ende gehen.
Sie verstanden sich prächtig und hatten sich viel mitzuteilen. Bärbel meinte: „Wir haben eben immer etwas miteinander zu schnattern.“
Christian freute sich jeden Tag während der Arbeit auf den Abend mit ihr.
Ein freudiges innerliches Singen begleitete deshalb oft seinen Alltag.
Das gemeinsame Leben begann fast wie in einem Märchen …
„Nun komm schon. Sei doch nicht so lahm“, drängt Bärbel ungeduldig.
„Wie macht sie das bloß, so leichtfüßig hoch auf den Müggelturm zu steigen?“, denkt Christian, für den die Treppe endlos zu sein scheint.
Bärbel zeigt ihrem Christian Berlin. Wie ein kleines harmloses, begeistertes Mädchen, das soeben einen Freund gefunden hat und ihm nun vertrauensvoll seine Lieblingsdinge zeigt, was nur eben kein Spielzeug ist, sondern ihr Berlin.
Endlich sind beide oben.
Die Aussicht ist fantastisch. Überall Wald, große Wasserflächen blinken in der Ferne durch den Dunst des Wintertages. Weit hinten ist die Silhouette der Stadt mit dem Fernsehturm und dem Rathaus zu erkennen.
„Und dort“, Bärbel weist auf das glitzernde Wasserband, das sich durch die Landschaft schlängelt, „dort habe ich an den Wochenenden immer mit meinen Sportfreunden gerudert. Schau nur, und vergiss nicht, wir sind immer noch mitten in Berlin.“
Das hübscheste Mädchen der Welt zeigt Christian seine Stadt.
Beides ist zum Staunen.
Hand in Hand wandert das junge Paar am stillen Teufelssee vorbei, sie genießen den gemeinsamen kleinen Ausflug. Leichter Nebel liegt über dem stillen Weiher. „Sicherlich schlummern hier viele Geheimnisse“, denkt Christian.
„So richtig verwunschen ist es hier“, bemerkt Bärbel flüsternd. Sie schaut Christian mit großen Augen an. Was für ein Leuchten!
„Im dichten Schilfgürtel des Teufelssees lag früher der Prinzessinnenstein, denn hier stand einst ein prächtiges Schloss. Die Prinzessin wurde verzaubert und ist samt ihrem Palast im Moor versunken“, raunt sie und fügt nach einer Pause mysteriös hinzu: „Manches Mal kommt sie wieder zum Vorschein. Sie gibt sich aber nie zu erkennen. Keiner weiß es, wenn sie vor einem steht.“
Bärbel steht vor Christian und schaut ihn mit ihren leicht schrägstehenden blauen Augen geheimnisvoll an.
Dazu zeigt sie ihr liebstes Mädchenlächeln.
Die Bratwurst im „Rübezahl“ am Rande des großen Sees bringt beide wieder aus den Träumen zurück.
Leute laufen einzeln oder in kleinen Gruppen über den See an das gegenüberliegende Ufer.
Dass das Gewässer zugefroren ist, ist eine wahre Seltenheit. Was für ein Glück, das zu erleben!
Niemals wieder danach bot der See solch ein seltenes Ereignis. Eissegler gleiten mit knatternden Segeln an den beiden vorbei. Eng hintereinander marschieren sie im Gleichschritt über den See, Christian hat seine Hände auf die Schultern von Bärbel gelegt.
Dann hat Bärbel Christian zu leben gezeigt, und wie sie zusammen glücklich sein können
Beide gingen von nun an gemeinsam viele schöne Jahre harmonisch durchs Leben.
*
Eine nicht enden wollende Unruhe zehrte Christian regelrecht auf. Die ständig geforderte Aufmerksamkeit für Bärbel erlaubte ihm keine Pause. Nie wusste er, was sie als Nächstes tun, was der nächste Moment bringen würde.
„Was macht sie jetzt?“
„Schläft sie friedlich?“
„Findet sie die Toilette?“, das ist vor allem nachts ein Problem.
„Benutzt sie sie auch richtig?“ – Manchmal war der Küchenboden oder die Couch unerklärlich feucht.
„Habe ich alles abgeschlossen?“
„Wo sind die Schlüssel sicher versteckt?“
Fast hätte Bärbel Christian einmal im Winter auf dem kalten Balkon ausgesperrt.
Oft schaute sie ihn wie einen Fremden an. Wusste sie noch, wer er ist, und was dachte sie wohl über ihn?
Ihr Verhalten wurde immer seltsamer.
Saß sie eben noch still auf ihrem Kissen, schimpfte sie plötzlich empört auf ihre pelzbesetzte Jacke an der Garderobe ein und stritt mit ihr. „Was will die Frau hier?“, klagte sie Christian vorwurfsvoll an. Bärbel war sehr erbost und ungehalten.
Später wollte sie völlig verwirrt aus der Wohnung laufen und rüttelte wild an der verschlossenen Wohnungstür.
Die Demenz begann mehr und mehr Bärbels liebes Wesen unbarmherzig aufzulösen.
Eines Tages saß ein fremder junger Mann im Wohnzimmer. Bärbel hatte ihn, für Christian unbemerkt, einfach eingelassen. Angeblich wollte er den Fernseh-Kabelanschluss
