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Billy Plimpton liebt es, Witze zu erzählen – für jede Situation hat er den passenden Witz auf Lager. Doch Billy hat ein großes Problem: Er stottert. Damit er an der neuen Schule nicht selbst zur Witzfigur wird, versucht er, einfach gar nichts zu sagen. Aber eigentlich will Billy alles andere als unsichtbar sein. Sein großer Traum ist es, als Komiker auf der Bühne zu stehen und die Menschen zum Lachen zu bringen. Doch wie soll er das schaffen, wenn er nicht bis zum Ende des Satzes kommt und damit ständig seine Pointen versaut? Deshalb fasst Billy einen Entschluss: Er wird sein Stottern loswerden und am Ende des Jahres als Komiker beim Talentwettbewerb der Schule auftreten. Er hat auch schon einen Plan. Aber dann läuft nichts so, wie er sich das vorgestellt hat …
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Seitenzahl: 287
Veröffentlichungsjahr: 2021
Helen Rutter
Ich heiße Billy Plimpton
Aus dem Englischen von Henning Ahrens
Die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft gingen in eine Bar.
Sie hatten eine richtig irre Zeit.
Alles, was ich sage, ist wichtig. Jedenfalls meint das meine Mum. Manchmal verlangt sie von mir, dass ich das laut wiederhole. Dann möchte ich am liebsten im Boden versinken. Für jemanden wie mich kann es echt superpeinlich sein, etwas laut zu sagen.
Trotzdem tue ich das jetzt. Ich übe. Immer wieder, vor dem Spiegel. Ihr findet mich hier oft, wie ich so vor mich hin quatsche, beobachte, wie ich die Augen zusammenkneife und wie sich mein Unterkiefer verkrampft.
»I-i-ich heiße B-B-B-Billy Pliiimpton, u-u-u-und ich stottere. Ich heiße Billy Plimpton, und ich stottere. Ich h-h-heiße Biiiilllly, und ich st-t-t-t-tottere.«
Wenn ich das sage, ohne zu stottern, laufe ich knallrot an. Als würde ich mein Spiegelbild betrügen. Und wenn ich ins Stocken komme, laufe ich auch rot an, weil ich es idiotisch finde, mich selbst anzustottern. Aber meine Logopädin sagt, ich soll regelmäßig üben. Also tue ich es. Bis zum ERBRECHEN.
Ich sage diesen Satz nie zu anderen Leuten, sondern immer nur in meinem Zimmer zu mir selbst. Ich wünschte, ich müsste gar nicht erst erklären, dass ich eine Sprechstörung habe. Es hilft aber, wenn neue Bekannte im Vorfeld Bescheid wissen. Dann müssen sie sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, was los ist. Es gibt Leute, die eine extrem lange Leitung haben. Ich finde es schrecklich, sie anschauen zu müssen, während sie versuchen, ihre Mimik in den Griff zu bekommen. Sich fragen, ob ich bloß einen Witz mache. Tja, schön wär’s.
Das übe ich übrigens auch. Witze zu erzählen. Ich LIEBE Witze. Ich finde es super, mit Wörtern zu spielen. Die Leute mit einer Pointe zu überraschen. Mein Spiegelbild anzulachen.
»W-w-w-w-was liegt a-a-a-am Strand und spricht u-u-undeutlich? – Eine N-N-Nuschel!«
Aber wie soll ich witzig sein, wenn ich nicht mal richtig sprechen kann? Es ist nicht gerade leicht, einen Witz zu erzählen, wenn man die Wörter nicht rausbekommt. Ich ruiniere meine Pointen. Das ist mega-ärgerlich. Stundenlang schaue ich mir Komiker auf YouTube an. Wie flüssig sie reden, wie rasant. Das amüsierte Publikum. Ich versuche verzweifelt, sie nachzuahmen.
Man merkt nicht immer gleich, dass ich stottere. Manchmal lege ich zwischen zwei Wörtern eine Pause ein, und manchmal singe ich ein Wort endlos lang, was absolut bescheuert klingt. Als würde ich mit mir selbst wetteifern, wie lange ich einen Ton halten kann. Heute Nachmittag bin ich eine gefühlte Ewigkeit an dem Wort »Zitronenkuchen« hängen geblieben. Als ich es schließlich herausgebracht hatte, war mir die Lust auf Zitronenkuchen fast ein bisschen vergangen. Wenn ich stocke, bin ich nicht nur auf mich, sondern manchmal auch auf die Wörter sauer, als wären sie mit Absicht so bockig.
Aisha, die Freundin meiner kleinen Schwester Chloe, war heute zum Abendessen bei uns. Beide galoppierten mit Klipp-Klopp-Geräuschen durch die Küche. Chloe steht total auf Ponys. In ihrem Zimmer wird mir immer fast übel, weil dort so viele Plüschponys herumliegen und Unmengen von Pferde-Postern an den Wänden hängen. Ich finde Pferde ein bisschen unheimlich, aber das würde ich nie zugeben. Stattdessen gehe ich einfach nicht so oft in ihr Zimmer.
Aisha war zum ersten Mal bei uns. Während des Abendessens sang ich mich durch meinen neuesten Witz: »M-m-m-mit welcher Hand kann man besser schreiiiiben?«
Aisha wollte wissen: »Warum sprichst du so komisch?« Sie fragte das einfach so geradeheraus und sah mich dabei über ihre Gabel voller Spaghetti an.
Chloe erklärte es für mich: »Er bleibt an Wörtern hängen. Er weiß, was er sagen will, aber sein Gehirn macht nicht mit. Du musst einfach warten, bis er fertig ist.«
Aisha dachte eine Weile nach, schlürfte dann ihre Spaghetti und meinte: »Das gefällt mir!« Das war nett von ihr. Sie lachte sogar über meine Pointe: »Mit keiner, d-d-d-denn m-mit einem Stift schreibt man am besten!« Und das war noch netter.
Aisha war wenigstens ehrlich. Kinder verhalten sich bei einer ersten Begegnung besser als Erwachsene. Sie fragen wie Aisha entweder sofort, ob ich stottere, oder sie ignorieren mein Stottern. Wenn jemand so tut, als würde er nichts bemerken, und einfach wartet, bis ich fertig bin, ist das optimal – diese Menschen vertrauen darauf, dass ich den Satz irgendwann beende. Mum meint, viele Probleme auf der Welt liegen daran, dass die Leute immer so in Eile sind, und sie sagt, ich würde ihnen einen Gefallen tun, indem ich sie zwinge, etwas mehr Geduld aufzubringen.
Ich bekomme erst Probleme, wenn Kinder kapieren, was mit mir los ist. Wenn ihnen dämmert, dass sie mich mit dem Stottern aufziehen oder mich auslachen können. Meist bemerke ich nur, wie Kinder alberne Grimassen ziehen oder hinter vorgehaltener Hand kichern, wenn ich etwas sagen will. Wenn jemand danach fragt, wie Aisha, ist das prima. Das ist mir lieber als die halb lächelnden und halb stirnrunzelnden Gesichter, die Erwachsene ziehen, wenn ich zum ersten Mal mit ihnen rede. Die Mundwinkel hochgezogen, die Stirn in Falten gelegt. Ich hasse es, wenn man mich so ansieht. Die Leute sollen richtig lächeln, nicht mit gerunzelter Stirn. Ich kann ihnen ansehen, wenn der Groschen fällt. Wenn sie schnallen, dass das, was sie hören, an einer Sprechstörung liegt. Und dass ich nichts dafür kann. Dann wirken sie erleichtert, ja selbstzufrieden. Weil sie nun damit angeben können, wie super sie mit meinem Stottern umgehen. Meiner Erfahrung nach gibt es vier Hauptkategorien von Erwachsenen:
Die Ermutiger
Sie setzen eine lächelnde, gelassene Miene auf und sagen ständig Sachen wie: »Nur weiter«, »Interessant« oder »Verstehe«. Ermutiger sind okay. Sie können aber auch nerven, wenn sie es übertreiben und Bemerkungen machen wie: »Hol erst mal tief Luft« oder »Bleib ganz locker«. Wenn man jemandem, der mit etwas kämpft, den Rat gibt, locker zu bleiben, dann ist das so, als würde man jemandem, der vor einem Tiger wegrennt, zurufen: »Lauf schneller!« Was man ja auch tun würde, wenn man es nur könnte.
Die Gedankenleser
Das ist die häufigste und nervigste Kategorie. Es gibt viele Erwachsene, die sich Kindern gegenüber immer so verhalten, selbst gegenüber denen, die nicht stottern. Aber in meinem Fall tun sie das so RICHTIG. Die Leute in dieser Kategorie bilden sich ein, genau zu wissen, was ich sagen will, und beenden den Satz »netterweise« für mich. Was sie dann sagen, ist meistens voll daneben. Ich spiele oft mit, weil ich keine Lust habe, wieder von vorn anzufangen. Einmal bin ich sogar auf Toilette gegangen, obwohl ich gar nicht musste. Die Dame am Kinoschalter glaubte offenbar, ich wollte fragen: »Wo sind die Toiletten?«, aber eigentlich hatte ich »Wo gibt es hier Popcorn?« fragen wollen. Sie brachte mich direkt zu den Toiletten, obwohl da ein riesiges Schild mit einem Pfeil hing, was ich sowieso gesehen hätte. Trotzdem bin ich reingegangen. Am Ende kaufte ich nicht mal Popcorn.
Als ich mich wieder setzte, erklärte ich Mum, ich hätte es mir anders überlegt, und sie nannte mich einen »komischen Vogel«. Das ist auch etwas, das passiert, wenn man stottert. Die Leute halten dich entweder für blöd oder für komisch.
Die Scherzbolde
Die ärgerlichste Kategorie. Das sind Erwachsene, die nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen, und mich dann »zum Scherz« nachäffen. Und glaubt mir: Das passiert öfter, als man meint. Neulich war ich im Supermarkt und musste einen alten Mann mit brauner Mütze bitten, den Schoko-Milchshake oben aus dem Regal zu nehmen. Er sah mich an und reagierte mit den Worten: »J-j-j-j-j-ja, mache ich doch glatt!«, und dann lachte er, weil er sich unglaublich witzig vorkam. Schwer zu sagen, was Erwachsene dazu treibt, sich so zu verhalten. Eigentlich ist es zu verwirrend, um nervig zu sein. Ich fand es aber trotzdem ätzend.
Die Abwartenden
Die beste Kategorie und jene, in die ihr euch auch einreihen solltet, falls ihr mal einem Stotterer begegnet. Das sind die seltenen Menschen, denen es nichts ausmacht, abzuwarten, und die so lange zuhören, bis ich ausgespuckt habe, was ich erzählen will. Meist ein neuer Witz. Ihr könntet ziemlich lange warten, bis ich zum letzten Wort eines Einzeilers komme. Denn so funktioniert das. Je mehr ich etwas sagen will, desto stärker sträubt sich etwas in mir dagegen, es auszusprechen. Das ist an sich schon ein schlechter Witz.
Natürlich gibt es nicht ganz so gute Abwartende. Ihr glaubt ja nicht, wie offensichtlich es ist, wenn jemand abwartet, obwohl er oder sie eigentlich überhaupt keine Lust dazu hat. Das ist ätzend. Zu diesen Leuten würde ich am liebsten sagen: »Lass es einfach. Du hast doch sicher etwas Besseres zu tun. Das ist für uns beide kein Spaß.« Aber ich sage es nicht, denn das würde noch länger dauern.
Als ich mich zum Spiegel umdrehe, um noch einmal »Ich heiße B-B-B-B…« zu üben, steckt meine Mutter den Kopf zur Tür herein.
»Mit wem sprichst du, Billy?«, fragt sie.
»Mit n-n-niemandem«, antworte ich, indem ich auf mein Spiegelbild zeige.
»Mensch, wenn der Spiegel doch nur sprechen könnte. Er hat sicher allerhand von dir erfahren.«
»W-w-was man dem Sp-p-piegel sagt, das b-b-behält d-der Spiegel für sich, k-kapiert?« Das sage ich mit meiner besten Gangster-Stimme. Mum ist eine ziemlich gute Abwartende. Aber sie hat natürlich auch viel Übung.
»Gut, du kannst noch zehn Minuten mit deinem Spiegel plaudern, dann gehst du ins Bett, okay? Morgen ist ein großer Tag, und du brauchst Schlaf.« Sie zwinkert mir zu, und ihr Kopf verschwindet aus der Tür. Wenn ich normal sprechen könnte, ja, dann wäre der erste Schultag an der Bannerdale High School ein Zuckerschlecken. Deshalb werde ich alles tun, was mir einfällt, um das Stottern loszuwerden und so zu sein wie alle anderen. Oder vielleicht sogar besser. Ich könnte der beliebteste Junge in der ganzen Schule sein, stellt euch das mal vor.
»Kennst du Billy Plimpton? Der ist echt super und außerdem IRRE witzig.«
»Ja, alle wollen mit Billy Plimpton befreundet sein. Ich glaube, er wird mal so richtig berühmt.«
»Erzähl uns noch einen Witz, Billy, komm schon!«
Während der Mittagspause würden mich alle umlagern, verzweifelt versuchen, meine Freundschaft zu gewinnen, und mit gespitzten Ohren meinen Witzen lauschen … vorausgesetzt, ich werde das Stottern los. Wie es auf der Bannerdale sein wird, wenn ich das nicht schaffe, stelle ich mir lieber gar nicht erst vor.
Ich habe alles aufgelistet, was ich sagen werde, sobald ich wie ein normaler Elfjähriger klinge. Ich finde es super, Listen anzulegen, für alle möglichen Dinge. Dafür habe ich ein echt cooles Notizbuch in Form einer Rakete, das ist die optimale Form. Ich befestige die Listen an der Pinnwand in meinem Zimmer, hake die Punkte nacheinander ab und notiere neue, wenn mir etwas einfällt. Die Pinnwand ist richtig voll. Ich brauche bald eine zweite.
Das sind ein paar meiner Lieblingslisten:
Diese Liste verändert sich ständig. Zurzeit lautet die Nummer eins:
Warum lief das Kind quer über den Spielplatz zur Rutsche? Um keinen Tunnel graben zu müssen.
Das klingt nach einer fiesen Liste, aber so ist sie nicht gemeint. Chloe heult bei der kleinsten Kleinigkeit. Und als ich mal Langeweile hatte, habe ich die verschiedenen Anlässe aufgelistet. Wenn ich sie lese, kringele ich mich jedes Mal vor Lachen. Hier die drei aktuellsten:
Wenn man glaubt, sie hätte gefurzt, obwohl sie es gar nicht getan hat.
Wenn man ihr sagt, dass es keine Einhörner gibt.
Wenn ich einen ihrer Teddys mit dem nackten Fuß berühre.
Und nun meine neueste und wichtigste Liste:
Üben vor dem Spiegel
Der heißeste Tipp meiner Logopädin Sue. Ich finde sie ja echt nett, aber die Treffen mit ihr haben noch nichts gebracht. Seit meinem siebten Lebensjahr gehe ich einmal im Monat zur Sprechtherapie. Ich begann mit fünf zu stottern. Mum glaubt, dass es anfing, nachdem ich einmal fast im Schwimmbad ertrunken wäre. Schwer zu sagen, ob ich mich wirklich daran erinnern kann, im Wasser versunken zu sein, oder ob ich mir diese Erinnerung bloß einbilde. Wie etwas, das man eigentlich gar nicht selbst erlebt hat, sondern nur von einem Foto oder einer oft erzählten Geschichte kennt. In meiner Erinnerung taste ich mit den Füßen nach dem Grund des Beckens, finde ihn aber nicht. Panik. Ringsumher strampelnde Beine und die gedämpften Rufe der Menschen über mir. Ich bin bis heute nicht besonders wild auf Schwimmen.
Mum meint, dass ich am Tag darauf plötzlich gestottert hätte. Das hat sie Sue erzählt. Mein Urgroßvater stotterte angeblich auch. Sue meint, es könnte durchaus in der Familie liegen. Das sind die zwei Dinge, denen Mum die Schuld gibt: ein Schwimmbad und ein Uropa, dem ich nie begegnet bin. Ich habe gewisse Zweifel, was das Beinahe-Ertrinken betrifft. Ich kenne Videos, die mich lange vor dem Vorfall zeigen. Die Ringe für meine Eltern haltend, die geheiratet haben, als ich drei war. Eine kleine Weste tragend. Eins zeigt, wie ich mit vier einen Klopf-Klopf-Witz erzähle! Dad meint, ich hätte Witze schon geliebt, bevor ich sie kapieren konnte. In dem Video sage ich: »Klopf, klopf«, und dann hört man Dad hinter der Kamera fragen: »Wer ist da?« Und ich antworte »P-Puh«, und fange an zu lachen wie ein Verrückter. Ich gebe keine Antwort, als Dad fragt: »Puh wer?« Ich kugele mich auf dem Fußboden, weil ich glaube, der Witz wäre auserzählt, obwohl die Pointe fehlt. Dad erzählt, das bloße Wort »Puh« hätte bei mir hysterische Lachanfälle ausgelöst. Ich glaube, das hat alle irre genervt, und ich bin froh, nun etwas älter zu sein und bessere Witze zu erzählen, auch wenn ich selten Gelegenheit dazu habe. Ich würde nie zulassen, dass Dad mich filmt, wenn ich einen Witz erzähle, um keinen Preis der Welt.
Ich habe den Eindruck, dass ich schon in dem Video stottere. Mit fünf hat es sich bloß verschlimmert. Sue glaubt, es könnte sich »verstärkt« haben, als Chloe zu sprechen begann. (Sie sagt immer »verstärken« statt »verschlimmern«. Wahrscheinlich will sie nicht, dass ich mein Stottern für schlecht halte, obwohl es das natürlich ist, absolut. »Verstärkt« klingt netter als »verschlimmert«.) Weil ich dann öfter unterbrochen wurde. Wenn ihr mich fragt – ich finde das einleuchtender als das Beinahe-Ertrinken. Ich glaube, Mum will nicht, dass ich Chloe die Schuld gebe. Es ist leichter, einem Schwimmbad oder einem Urgroßvater die Schuld in die Schuhe zu schieben. In meinem siebten Lebensjahr verschwand das Stottern eine Weile, aber dann ging es wieder los. Seither gehe ich zu Sue.
Ich rede nun schon zwei Jahre mit meinem Spiegelbild, man sollte also meinen, dass es allmählich wirkt. Vielleicht tut es das ja auch und würde sich ohne die herrlichen Selbstgespräche wieder verschlimmern! Das herauszufinden, finde ich zu riskant.
Sophie Bells Buch Leben ohne Stottern lesen
Mum war mit mir in einem Geschäft, weil ich Schreibsachen und Bücher für die Schule brauchte, und während sie auf Toilette war, kaufte ich das Buch heimlich mit meinem Büchergutschein. Mum soll nicht wissen, wie dringend ich das Stottern loswerden will, denn sonst macht sie sich wieder Sorgen und will ständig alles »durchdiskutieren«. Es war das einzige Buch zum Thema Stottern, das im Geschäft zu finden war.
Als sie schließlich zurückkehrte, versuchte ich, entspannt zu wirken, aber meine Miene war wie erstarrt, und beim Verlassen des Geschäfts stieß ich eine riesige Maus aus Pappe und haufenweise Bücher um. Mum nannte mich einen Tollpatsch, und wir mussten alle Bücher wieder aufstapeln. Jedenfalls fange ich morgen direkt an, das Buch zu lesen.
Einen Kräutertee namens Matricaria recutita trinken, von dem ich im Internet gelesen habe.
(Sprecht diesen Namen mal aus, wenn ihr stottert. Ich habe es versucht – eine Katastrophe.) Ich hatte im Blog eines Stotterers namens John davon gelesen. Er meint, der Tee beruhige ein »überreiztes Gehirn«. Kann sein, dass ich daran leide. Ich werde den Tee einen Monat lang täglich trinken. Ich habe mein Taschengeld dafür gespart. Aber zuerst muss ich einen Laden finden, in dem man ihn bekommt. Ich war in zig Supermärkten, aber sie haben ihn nicht im Angebot.
Zu den Göttern des Sprechens beten, damit meine Logopädin Sue einen Zauber gegen das Stottern findet.
Das ist natürlich ziemlich unrealistisch, denn Logopäden tun das nicht. Sie können das Stottern nicht wegzaubern. Sie können aber helfen, es zu lindern. Sue zeigt mir Sprechübungen und erkundigt sich, was ich besonders quälend finde, nicht nur beim Sprechen, sondern überhaupt. Sue ist fröhlich und richtig nett, sie hat lockige Haare, die direkt über der Kopfhaut etwas grau sind, und sie trägt Halsketten, die an riesengroße, knallbunte Süßigkeiten erinnern. Wir haben das Stottern während all der Jahre nicht groß reduzieren können. Vielleicht sollte ich deshalb nicht nur beten, sondern auch die Hausaufgaben machen, die sie mir aufgibt. Beim letzten Mal hat sie mir eine Broschüre mit Figuren gegeben, die mich daran erinnern sollen, wie ich reden muss, um nicht mehr so stark zu stottern. Sie heißen Smoothies. Jeder steht für einen Trick:
Schleicher sieht aus wie ein Wurm und soll einen ermahnen, langsam zu sprechen. Kein besonders origineller Name, ich weiß!
Schmuser (noch so ein genialer Name!) erinnert daran, dass man weiche Laute hervorbringen sollte. Das bedeutet, dass man starke Konsonanten am Beginn eines Wortes nach Möglichkeit meidet. Als wäre man zu angeödet oder zu müde, um das Wort korrekt auszusprechen. Probiert es selbst: Sagt mal »Ball« ohne B, aber so, dass es sich anhört, als würdet ihr doch »Ball« sagen. Seltsam, oder?
Überschall will, dass man vor Wörter ein lautes »ähem« setzt. Wenn man oft bei Wörtern stockt, die mit einem S beginnen, soll man ein »ähem« davorsetzen. Man würde also »Ähemsuppe« statt »Suppe« sagen. Sue meint, das würde niemand mitbekommen, aber ich finde, es ist unüberhörbar. Warum sollte »Ähemsuppe« besser sein als »S-S-S-Suppe«? Ich will einfach »Suppe« sagen können wie jeder andere.
In der Broschüre gibt es auch Bilder der Figuren. Schmuser sieht aus wie ein fetter Schneeball mit einem blauen Schal. Überschall ist der »coole Kumpel«. Wer benutzt schon das Wort »Kumpel«? Voll peinlich. Manchmal denke ich, dass Erwachsene, die sich so was ausdenken, ein Kind bräuchten, das alles überprüft, damit sie nicht auf Schwachsinn wie »cooler Kumpel« kommen. Um ganz ehrlich zu sein, finde ich diese Smoothies etwas kindisch, aber Sue ist ganz versessen darauf. Ob sie noch von ihnen spricht, wenn ich zwölf bin? Hoffentlich nicht. Ich will nicht auch noch auf der weiterführenden Schule an Schleicher und Schmuser denken müssen.
Morgen muss ich den ersten Tag an der Bannerdale irgendwie überstehen. Wenn ich doch bloß nichts sagen müsste. Vielleicht kann ich nur mit Mimik und Gestik kommunizieren, wie Charlie Chaplin. Das würde bei einer Horde aggressiver Teenager sicher gut ankommen, wenn ich ihnen pantomimisch so etwas andeute wie »Bitte tut mir nicht weh. Ich bin klein und schwach«, während sie mich verprügeln.
Zumindest habe ich jetzt die Chance, an einem neuen Ort komplett von vorne zu beginnen. Ich kann mich ganz neu präsentieren, denn keiner kennt mich. Vielleicht wird es ganz anders, vielleicht werde ich viele Freunde finden, weil niemand merkt, dass ich stottere. Aber ich habe auch schreckliche Angst, weil ich vermute, dass mich dort noch mehr Kinder auslachen werden als in der Grundschule.
In der Grundschule hatten sich wenigstens alle an mich gewöhnt. Mein Stottern war für sie normal, deshalb konnte ich die meiste Zeit vergessen, dass es das eigentlich nicht war. Mrs Jackson, meine Lehrerin, war auch in Ordnung. Sie rief immer dieselben Schüler auf, und das fand ich super (weil ich nicht dazugehörte), und es störte sie auch nicht, wenn ich mit dem Stift auf meinen Knien trommelte. (Im Gegensatz zu Mr Allsop im Jahr zuvor. Er fand es grässlich! »Billy Plimpton, ich sage das jetzt zum zehnten Mal: Lass diesen Krach!«) Die sechste Klasse war die beste, weil ich der Älteste war. (Nicht der Größte, denn ich bin winzig, aber der Älteste.) Alle älteren Kinder, die mich im Vorjahr in der Mittagessenschlange angerempelt hatten, waren weg, und das war toll. Bei Versammlungen saß ich auf den Bänken der Sechstklässler, und in der Mittagspause durften wir auf den Spielplatz mit den Reifen.
Mein bester Freund in der Grundschule war Ash – jedenfalls irgendwie. Schwer zu sagen, ob ich auch sein bester Freund war, aber umgekehrt war es auf jeden Fall so. Er war an jedem Donnerstag nach der Schule bei uns, weil meine Mum mit seiner Mum befreundet ist. In gewisser Weise blieb ihm also gar nichts anderes übrig, als sich mit mir anzufreunden, aber ich glaube, das war ihm ziemlich schnurz. Er übte immer seine Strafstöße mit mir im Garten.
Als Mum und ich die Bannerdale auf dem Bewerbungsformular als erste Wahl angaben, fand ich das toll, obwohl alle anderen aus meiner Klasse auf die Hillside wollten.
»Wirst du Ash denn nicht vermissen?«, fragte Mum, kurz bevor sie das Formular am Computer abschickte.
»Ich treffe mich w-w-weiter mit Ash. Du triiiffst dich ja auch oft mit seiner Muuum.«
»Ja, das stimmt, Liebling. Ich möchte nur, dass du dich nicht einsam fühlst.«
Ich verschwieg ihr, dass ich mich sowieso immer einsam fühle. Und dass Ash in der Schule selten mit mir abhing. Und auch sonst niemand. Ash wollte in der Mittagspause zu den coolen Kindern gehören. Sie hockten auf den Stufen und quatschten über YouTuber, während ich mit den Fünftklässlern Basketbälle warf. Deshalb entschied ich mich für die Bannerdale High School – ich wollte die anderen loswerden und von vorn beginnen. Ich verriet Mum auch nicht, dass Ash donnerstags nach der Schule nicht mehr zu uns kommen wollte.
Am letzten Grundschultag, als alle gegenseitig auf ihren T-Shirts unterschrieben, sagte er: »Da wir auf unterschiedliche Schulen gehen, ist es wohl am besten, wenn wir uns neue Freunde suchen, und außerdem sagt meine Mum, ich kann jetzt donnerstags allein zu Hause bleiben, bis sie kommt. Wir werden uns also nicht mehr sehen. Viel Spaß auf der Bannerdale!«
»Oh, okay«, sagte ich. »M-m-m-möchtest du, dass iiich meinen Naaamen auf dein …« Aber er war schon wieder zur coolen Truppe verschwunden. Er war trotzdem nie gemein zu mir, nicht so richtig, und er hat mich auch nie ausgelacht, weil ich stottere.
Die anderen taten das manchmal, wenn ich im Unterricht etwas laut vorlas. Oder als ich beim Weihnachtsspiel als Schaf »Määh« sagen musste. Eine richtig gute Idee, denn wenn jemand etwas sagte, antwortete das Schaf stets mit »Määh«, und das passte immer. Aber da es mir nicht mal gelang, das »M« über die Lippen zu bringen, war das ein Griff ins Klo.
All meine Klassenkameraden kicherten, und ich glaube, auch manche Mütter und Väter lachten hinter vorgehaltener Hand. Es war einer der schlimmsten Tage des Schuljahres, und ich musste über Weihnachten ständig daran denken. An die Gesichter der Leute, wie sie lachten, ohne mich anzusehen, den Mund höhnisch verzogen und die Augen verdrehten. Alle bis auf Ash. Ich schaute durch die Schafsmaske zu ihm, und er sah mich bloß an und wartete, bis ich das »Määäh« herausgebracht hatte. Genau darum war er mein bester Freund. Noch ein Grund, an einem Ort neu anzufangen, wo sich niemand an die Krippenszene und alle anderen Gelegenheiten erinnert, bei denen ich ins Stocken kam. Wo es vielleicht mehr Menschen wie Ash gibt, die sich das Kichern verkneifen.
Das ist meine schlimmste Befürchtung, was die Bannerdale betrifft. Dass mich alle auslachen. Ich möchte, dass sie gemeinsam mit mir lachen, über meine Witze, nicht über mich. Solange ich stottere, kann ich aber keine Witze erzählen. Und wenn ich es doch täte, würden sie wie beim Weihnachtsspiel aus dem falschen Grund lachen. Dann wäre ich der Witz.
Aber ich habe eine Idee. Meine Mitschüler können nicht über mein Stottern lachen, wenn sie mich nicht hören, richtig? Deshalb werde ich versuchen, den Mund zu halten. Ich werde kein einziges Wort sagen. Bis ich meine Liste komplett abgearbeitet habe. Bis ich nicht mehr stottere. Und dann werde ich nicht mehr Billy Plimpton, der Stotterer, sein, sondern Billy Plimpton, der witzigste Typ an der ganzen Schule.
Drückt mir die Daumen.
Warum haben Gefangene im Kerker einer Burg immer so schlimm gestunken?
Weil sie dann nicht verduften konnten.
Ich schaue wieder mal in den Spiegel, gähnend. Meine Haare sind strubbelig, und ich habe Schlaf in den Augen. Durch den Spiegel betrachte ich meine Bannerdale-Schuluniform, die an der Tür hängt. Sie wirkt wichtig, Furcht einflößend und aufregend, alles zugleich.
»Guten Morgen«, sage ich zu mir selbst, als ich die Arme über den Kopf recke. Dann beuge ich mich nachdenklich zum Spiegel und betrachte mich genauer. Ich kneife die Augen nicht zu, sondern schaue entspannt aus. Verändert. Ich bin schlagartig hellwach. Zuerst ist es nur ein Hoffnungsschimmer, die leise Vermutung, es könnte sich etwas getan haben. Ich kenne das, es passiert oft im Vorfeld eines wichtigen Ereignisses, bei dem ich etwas sagen muss. Ich bilde mir ein, ein Wunder sei in Erfüllung gegangen. Aber es könnte ja sein, dass es dieses Mal tatsächlich so ist. Je größer meine Hoffnung, desto schneller mein Puls. Ob es wahr ist? Ist mein Stottern über Nacht verschwunden?
»Ich heiße Billy …«
Es klappt. Es klappt tatsächlich! Es ist weg, mein Stottern ist weg, pünktlich zum Schulbeginn! Mein Stottern ist weg! Dann fahre ich fort: »… P-P-P-P-P-Plimpton.« Mist! Mein Herz setzt kurz aus, und ich komme mir auf einmal total albern vor. Ich zeige meinem Spiegelbild die geballte Faust.
Manchmal frage ich mich, ob es nicht besser wäre, mir überhaupt keine Hoffnungen zu machen. Denn am Ende bin ich immer traurig. Ich ziehe frustriert meine neue Schuluniform an und höre, wie Mum unten ruft, ich solle mich beeilen.
Nach dem Frühstück pfriemelt sie an meiner Krawatte und sagt Sachen wie:
»Du siehst so winzig aus! Du bist viel zu klein für die weiterführende Schule.«
»Mum! Llllass das!«, fauche ich und knöpfe meinen Blazer zu, um meine Krawatte vor weiteren Angriffen zu bewahren.
Dad lächelt mich über seine Cornflakes hinweg an.
Er ist seit Kurzem zu Hause. Die ganze Zeit, weil er letzte Woche einen neuen Job beim Lokalsender angefangen hat und Nachrichten und Wetterberichte filmt. Mein Dad ist Kameramann. Er hat vorher bei Sportereignissen gefilmt, war also viel unterwegs. Im letzten Jahr war er bei den Olympischen Spielen. Manchmal kam es mir vor, als würde er gar nicht zur Familie gehören, jedenfalls nicht so wie wir, sondern als wäre er nur ein Besucher. Einmal stritten sich Mum und Dad in der Küche. Ich hätte eigentlich schlafen sollen, aber ich hörte Mum sagen: »Mensch, Ian, wenn du weg bist, ist es einfacher.« Sie klang richtig kaputt. Ich schlich aus meinem Zimmer und setzte mich unten auf die Treppe, um zu lauschen, bis ich hörte, wie Mum in ihrer Verärgerung den Kühlschrank zuknallte und zur Tür ging. Ich flitzte im letzten Moment die Treppe hinauf, damit sie mich nicht erwischte.
Ich habe mal ein Buch über ein Kind gelesen, dessen Eltern sich scheiden ließen, und es begann mit einem heimlichen nächtlichen Streit. Als ich meine Eltern hörte, dachte ich deshalb zuerst an eine drohende Scheidung. Ich saß auf der Treppe, schob Panik und überlegte, was ich tun konnte, um das zu verhindern. Fragte mich, ob ich schuld daran war. Inzwischen bemühe ich mich, nicht an eine Scheidung zu denken, aber immer wenn ich ins Bett gehe, fällt es mir wieder ein. Ich habe sie seitdem nicht mehr streiten hören, außer wenn es darum ging, wer den Geschirrspüler ausräumen soll, aber ich glaube nicht, dass sich Paare wegen Meinungsverschiedenheiten über den Küchenputz scheiden lassen, oder was meint ihr?
Dad meint, Nachrichten zu filmen sei nicht so spannend wie das Filmen von Sportereignissen, »aber manchmal gibt es Wichtigeres im Leben, Billy«. Ich nehme an, er meint Mum, mich und Chloe. Er wirkt jedenfalls glücklich. Glücklich, weil er die ganze Zeit zu Hause ist, und Mum geht es offenbar genauso. Inzwischen albern sie oft herum. Mum hat sich gestern im Wäschekorb versteckt und Dad erschreckt, als sie plötzlich daraus aufgetaucht ist. Sie verhalten sich wie Kinder. Es freut mich, dass sie ihren Spaß haben, und ich bin froh, dass die Scheidung aufgeschoben ist, aber ein bisschen peinlich ist es schon.
Der Schulbus hält oben in unserer Straße. Ich musste Mum und Dad einhämmern, dass sie auf gar keinen Fall mitkommen und mir winken dürfen. Sie wollten auch Chloe mitnehmen, und Chloe wollte ihre Pompons mitnehmen. Könnt ihr euch das vorstellen? Kann es etwas Peinlicheres geben als eine kleine Schwester, die im Beisein ihrer Eltern mit ihren Pompons ein Tänzchen an der Bushaltestelle hinlegt? Sie setzten eine gespielt traurige Miene auf, als ich sagte: »Nie und nimmer!«, und Dad jaulte: »Aber wir lieben dich doch!«
Der Schulbus ist cool. Wie ein Reisebus mit weichen Sitzen und hohen Rückenlehnen. Es ist kein Doppeldecker, weil es in dieser Gegend nur wenige Kinder gibt, die auf die Bannerdale gehen. An der Haltestelle bin ich der Einzige in Bannerdale-Uniform, aber das ist okay.
Skyla Norkins ist die Einzige aus meiner Klasse, die sich auch für die Bannerdale entschieden hat. Sie ist auch ein bisschen anders. Alle anderen gehen auf die Hillside. Sie tragen rote Pullover mit dem Hillside-Emblem, aber was sie außerdem anziehen, können sie selbst entscheiden. Ich habe mal ein Mädchen mit zerschlissener Jeans, Turnschuhen und rosa Haaren gesehen, das einen Hillside-Pullover trug – der Schule ist es also egal, was man anzieht! Ganz anders auf der Bannerdale. Dort bekommt man angeblich schon Ärger, wenn das Hemd nicht richtig in der Hose steckt!
Um die neue Schuluniform zu kaufen, mussten wir in einem kleinen Sportgeschäft durch eine braune Tür ins Obergeschoss gehen. Ein komischer Ort, um eine Uniform zu kaufen, fand ich. Ich fragte Mum, ob sie mir eine Fälschung kaufen wolle. Sie lachte so schallend, dass ich ihre Zahnfüllungen sehen konnte, beantwortete die Frage aber nicht. Ich hatte das nicht scherzhaft gemeint. Wenn Mum lacht, bin ich manchmal verwirrt – lacht sie mit mir oder über mich? Sie hat jedenfalls nicht gelacht, als ich ihr meinen neuesten Witz Nummer eins erzählte.
Was sagt ein meditierendes Ei?
Ohhhhm-elett.
Ein meditierendes Ei, das kann doch nur witzig sein, oder? Ich zog ein dummes Hippie-Gesicht, als ich den Witz erzählte, und saß da, als wollte ich meditieren. Ich dachte, das würde zünden, weil sie Yoga macht und ständig versucht, mich zum Meditieren zu bringen, indem sie stumpfsinnige Hörbücher abspielt, in denen davon gesäuselt wird, dass man auf Wolken schwebt, und komische Musik im Hintergrund läuft. Sie sind absolut nicht entspannend. Ganz im Gegenteil. Sie machen mich rasend.
Bei dem Eier-Witz zerzauste sie bloß meine Haare. Sie schien nicht richtig zugehört zu haben. Vielleicht muss ich daran arbeiten, wie ich die Pointe rüberbringe. Ich versuche es mal bei meiner Großmutter – ich habe bisher alle meine Witze bei ihr ausprobiert.
Großmutter war total stolz, als sie mich zum ersten Mal in meiner Schuluniform sah. Die Schuluniform ist dunkelblau mit einem roten Kragensaum und dem Emblem von Bannerdale auf der Brusttasche. Es zeigt einen Pfau, und er ist wunderschön. Ich berühre ihn andauernd, um sicherzugehen, dass er noch da ist. Die Uniform fühlt sich steif und wichtig an. Und ich komme mir genauso wichtig vor, wenn ich sie trage.
Als Großmutter mich darin sah, dachte ich, sie würde gleich heulen. Sie griff mehrmals nach meiner Krawatte. »Das ist mal eine anständige Uniform mit anständiger Krawatte. Anders als diese jämmerlichen Hillside-Pullover. Die sehen so verlottert aus. Eine ordentliche Schule muss eine ordentliche Schuluniform haben, finde ich.«
Als ich an der Bushaltestelle warte, sehe ich, wie sich alle, die zum ersten Schultag auf der Hillside fahren, mit ihren »verlotterten« Pullovern im Bus drängen. Sie drücken ihre Hände auf die beschlagenen Fenster, und in den Kreisen, die freigerieben sind, kann ich bekannte Gesichter sehen. Sie wirken wie Gespenster. Die Mädchen aus der coolen Gang starren nur auf ihre Handys. Ash nickt mir kurz zu, als er meinen Blick bemerkt. Ich komme mir ein bisschen idiotisch vor, als hätte ich bei ihnen bleiben sollen, bei allen. So schlimm waren sie nun auch wieder nicht, und vielleicht waren sie sogar besser als das, was mich jetzt erwartet. Wer weiß?
Dann kommt mein Bus, und ich versuche, sie alle zu vergessen und wieder über mein neues Leben nachzudenken.
Im Bus sind jede Menge Plätze frei, und ich setze mich allein in die Mitte und schaue mich verstohlen um. Alles wie üblich – die lauten Kinder ganz hinten, die Streber ganz vorn. Mit der Schultasche auf den Knien in der Mitte zu sitzen ist ideal, wenn man nicht auffallen will. Die Grundschule war nicht ganz nutzlos. Sie hat mir einige sehr wichtige Lebensregeln beigebracht. So wichtig, dass sie es auf meine Pinnwand geschafft haben, damit ich mich daran erinnern kann, falls nötig.
Nie der Erste sein
Man darf nie zu forsch sein. Chloe will immer alles als Erste tun und ganz vorn in der Reihe stehen, egal worum es geht. Als wir neulich beim Zahnarzt waren und die Dame fragte: »Gut, wer will zuerst?«, sprang Chloe auf und schrie: »ICH!«, als wäre es einfach gigantisch, wenn jemand in deinem Mund rumstochert. Ich hasse es, der Erste zu sein, ganz egal bei welcher Gelegenheit. Sollen andere die volle Aufmerksamkeit bekommen, denn wenn ich dann an der Reihe bin, interessiert sich kein Schwein mehr für mich. Nachdem sich der Zahnarzt alles angehört hatte, was Chloe über Einhörner zu erzählen weiß, hatte er keine Zeit mehr, mir auch noch Fragen zu stellen, ich musste also keinen Piep sagen.
Nie der Letzte sein
Letzter zu sein ist genauso blöd, wie Erster zu sein. Die Kinder, die zuletzt aus der Pause zurückkehren, und jene, die ihre Arbeiten als Letzte abgeben, fallen immer auf. Das sagt ja auch das alte Sprichwort: »Die Letzten werden die Ersten sein.« Will man das? Ich kann euch nur raten: Haltet euch in der Mitte.
Nicht laut niesen
Mein Dad macht beim Niesen immer total komische Laute. Mum lacht jedes Mal so schallend, als würde sie es zum ersten Mal hören. Ich finde das superoberpeinlich. Einmal hat Dad genau so geniest, als er mich von der Schule abholte, und alle haben es mitbekommen. Der nächste Tag war ein Albtraum, weil alle so taten, als müssten sie niesen! Eigentlich war das witzig, aber ich zog daraus die Lehre, niemals zu laut zu niesen.
Nicht rülpsen
In der Vierten stimmte mit Hattie Hislop irgendwas nicht, denn wenn sie rülpste, stank es immer nach fauligen Eiern. Jedes Mal, wenn sie rülpste, brach sie in Tränen aus, und alle wussten, dass man sich die Nase zuhalten musste. Es war der grauenhafteste Gestank auf dem ganzen Planeten, ehrlich. Irgendwann hörte es zwar auf, aber keiner hatte es vergessen. Viele benutzten es jahrelang für Was-wäre-dir-lieber-Fragen.
»Was wäre dir lieber? Zu rülpsen wie Hattie Hislop oder Fürze zu entlassen, die dir einen Stromschlag geben?«
