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Mannfred Acunoğlu, ein farbiger Industriekaufmann aus Stuttgart, macht sich in einem chicen Raumgleiter auf den Weg ins Paradies. Sein Arbeitgeber, eine Künstliche Intelligenz, die das Geschehen auf der Erde kontrolliert, hat Mannfred gestattet, sich im gesamten Universum den Ort auszusuchen, an dem er den Rest seines Lebens verbringen möchte. Dorthin begleitet den Schwaben ein Wesen, das der KI in allen Belangen überlegen ist; nicht weil es schneller denkt, sondern weil es anders denkt - in N0ll, einer Sprache, die ohne die Null auskommt und das Krümmen der Zeit ermöglicht. Was sich wie eine vom Glück gesponserte Kaffeefahrt anlässt, wird für das ungleiche Paar rasch zu einer existenziellen Odyssee. Denn die Suche nach dem Paradies erweist sich für Mannfred als Suche nach sich selbst, auf der er den Geheimnissen der Azteken nachspürt, Cranach, Bosch und Brueghel begegnet, sich mit der Pfützner-Malinka-Theorie auseinandersetzt, im Vorübergehen die Riemann-Hypothese beweist und auf ein wenig bekanntes, in Hexametern abgefasstes Paradiesepos aus dem 17. Jahrhundert stößt. Konfrontiert mit seiner verschollenen Vergangenheit nimmt Mannfreds Persönlichkeit im selben Maße Gestalt an, wie seine Familienverhältnisse sich klären. Doch sehr zu Mannfreds Missfallen entpuppt sich diese als eine ihm völlig fremde und unheimliche Persönlichkeit. Um dem Einhalt zu gebieten, fasst Mannfred einen mörderischen Plan. Derweil verfolgt die KI mit ihm ganz eigene Pläne. Die allerdings hat der mysteriöse Skede schon mehrfach durchkreuzt. Wer letzten Endes den Masterplan hat, und wo sich das Paradies befindet, beginnt Mannfred erst zu ahnen, als es schon zu spät scheint. Da kann ihn nur noch ein zu allem entschlossener Leser vor sich selbst retten.
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Seitenzahl: 662
Veröffentlichungsjahr: 2021
Marc Dressler
Ich im Paradies
2021
© 2021 Marc Dressler
1. Auflage
Autor: Marc Dressler
Umschlagsgestaltung: Marc Dressler, Stuttgart
Umschlagsmotiv: Claudio Balducelli, Bracciano
Druck & Verlag: tredition GmbH,
Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN:
978-3-347-29024-2 (Paperback)
978-3-347-29025-9 (Hardcover)
978-3-347-29026-6 (e-Book)
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Una visión gigantea
que negras alas agita
en lo alto revolotea;
saplando, el incendio irrita;
y sacude homosa tea.
(A. Bello)
Jag er en sådant jag.
(H. Wergeland)
The self you’ve been lately
doesn’t make sense anymore.
(N.K. Jemisin)
Il devait souffrir dans son paradis.
(H.d. Balzac)
Tıpkı benim gibi o da
çok uzaklarda kalan bir ağacın altında unutmuş olabilir uykusunu.
(N. Hikmet)
(Homer)
N0ll
7raum
Al-Skede
Parad1es
N0ll
Warum ich? – setze ich an zu denken, während Birken und Haselsträucher an den getönten Fensterscheiben des eRoyce vorüberrauschen, distanziere mich aber gleich wieder von dem Gedanken, als ich seiner Entourage an Konnotationen ansichtig werde. Schließlich bin ich nicht krank oder zum Tode verurteilt. Im Gegenteil. Meine Vitalparameter vom Blutdruck bis hin zur Spermienmotilität sind die eines Mannes in seinen besten Jahren. Vor zwei Monaten erst habe ich mich einem Nanobot-Health-Update unterzogen und meine Lungen alveolentief säubern lassen. Im Grunde fühle ich mich supergüzel. Das letzte Mal, dass ich ein Krankenhaus von innen gesehen habe, war beim Tod des Profs. Alles sauber dokumentiert. I am ready to rock.
Yo, das bin ich! Ich bin Mace, „Matze“ gesprochen oder „Matsche“, nicht „Meis“. Mace ist nicht mein registrierter Name. Registriert bin ich als Mannfred Moussalah Acunoğlu. Meinen Nachnamen trage ich aus erster Ehe. Nicht wegen der Kontamination, nein, nicht aus sprachlichen Gründen; mein Name war anderweitig kontaminiert, ich war froh, ihn auf dem Standesamt loswerden zu können – und außerdem war ich verliebt, aber sowas von!
So in der Art hatte ich mir einen Text zurechtgelegt, in der kurzen Zeit, die mir verblieben war, bevor ich abgeholt wurde. Schließlich wollte ich beim Sprechen in die Mikrophone nicht in ein peinliches Stottern geraten, was ohne vorgestanzte Worthülsen allzu leicht passieren kann. Selbst beim eigenen Namen, der wichtigsten verbalen Visitenkarte. Am Namen hängt schließlich das ganze Prestige eines Menschen. Und der Schachtelname ‚Mace‘ katapultiert meinen Sozialstatus in Stuttgart vom Neckartor in die Halbhöhenlage, wo jedes noch so baufällige Ego unter all den spießigen Mehrfamilienhäusern aus dem Kessel herausragt wie eine gotische Kathedrale.
Auf deren Altar steht die goldgerahmte Ikone eines lone Riders, der ohne Helm auf einer heruntergekommenen Chopper Marke Eigenbau durch den Nationalpark Schwarzwald zylindert, den Tank überm verchromten V2-Block bis an den Rand gefüllt mit illegalem Diesel. Das ist der Mace, den ich meine, ein Outlaw, dessen steckbrieflich gesuchte Silhouette sich schemenhaft im Schatten der schwarzwälder Fichten und Tannen verliert, während das flackernde Rücklicht des gestohlenen Bikes mit dem Abendrot verschmilzt, in das die Rote Lache getaucht ist, wenn der Rider sein Tag- und Nachtwerk beginnt. Ja, dass das ehegene Amalgam aus den vier Buchstaben einen unnahbaren Einzelgänger am Horizont der schwäbischen Prärie bezeichnet, der dort umweht vom rauen Wind der Freiheit nur vom Asphalt lebt und vom Motoröl, weil ein Mace nichts weiter in der Welt braucht außer sich, – das freilich hätte ich nicht erwähnt. Hätte ich auch gar nicht können. Denn niemand ist gekommen, nicht einmal einer der hyperaktiven Blogger, die sonst über alles berichten, was auch nur entfernt das Interesse von irgendjemandem irgendwo auf irgendeinem Planeten wecken könnte. Nicht einmal einer von denen! Da werde ich, Mace, von einer KI, dem ruhmreichen Kai V, für eine Mission auserwählt und niemanden interessiert's. Niemanden, nadie, hiç kimse! Als wäre ich aus der Realität gefallen in eine umgestülpte Welt, in der ich allein ich geblieben bin.
Jetzt muss ich aufpassen, dass ich nicht auch noch aus dem Wagen falle. Ein Schlagloch lässt das von mir errichtete Gedankengebäude einstürzen wie ein kognitives Kartenhaus und holt mich zurück in das, was ich für die Gegenwart halte: die kunstledergepolsterte Rückbank einer Nobelkarosse. Vor Leinfelden-Echterdingen ist der Straßenbelag derart aufgerissen, dass selbst die Beta-Version des Fermatschen 4.0-Autopiloten auf den einstigen Edelpisten nicht ohne Holpern vorwärtskommt. Ich werfe einen flüchtigen Blick auf die Fahrbahn und sehe im Augenwinkel, dass das Körschtal bereits hinter uns liegt. Demnächst würden wir den Flughafen erreichen. Den Flughafen. Der bloße Gedanke daran lässt den Pegel meiner inneren Anspannung unversehens ansteigen, erreicht meine Herzspitzen und macht sich körperlich bemerkbar in glitschig feuchten Handflächen, die ich verstohlen zwischen mein Gesäß und das Kunstleder schiebe.
Ich schließe die Augen. An den Lidern prallen die Gedanken der Gegenwart ab wie die Sonnenstrahlen an den getönten Fenstern der Elektrolimousine. Langsam verklingt ihr Ansturm, die Außenwelt kommt zur Ruhe. Es ist einer der unerträglich heißen Julitage, an denen der Stuttgarter Kessel kocht und die halbe Stadt in den Tiefgaragen abhängt; einige plaudern, die meisten aber dösen hingestreckt auf den Parkstreifen. So wie gestern. Ich hatte gerade meinen Karabiner an einem der zertrümmerten Lichtaugen des alten Hauptbahnhofes eingeklinkt, um mich an den Kelchpfeilern zu den kühlen Gleisen abzuseilen, als mein Vidphone vibrierend die Bestätigung einer eingegangenen Nachricht einforderte. Soweit nichts Ungewöhnliches. Im Grunde vibriert es alle zehn Minuten – was kahretsin nervt, mich jedenfalls, aber das Scheißteil darf ja niemand mehr auch nur eine Sekunde abschalten! Scheiße as usual, hätte man meinen können. Doch unusual war an der Scheiße gleich dreierlei: erstens ihre Aufmachung, zweitens ihr Absender und drittens ihr Inhalt. Was die Aufmachung betrifft: Keine Holopics, nicht einmal ein Emoticon. Konnte also nur etwas Offizielles sein; und es war offiziell, aber sowas von offiziell: Der Statthalter Stuttgarts höchstpersönlich hatte sich bei mir gemeldet, bei mir, einem einfachen Industriekaufmann! Der Statthalter!
Genau der sitzt mir jetzt gegenüber. Starr und unbeweglich, den Schlaglöchern Paroli bietend stemmt er mit wechselndem Druck seinen Hintern ins Polster, sehr darauf bedacht, mit der aufrechten Haltung eine Amtswürde auszustrahlen, die seine verschlissene Konfektion vermissen lässt. Denn vom vielen Tragen abgewetzt ist nicht nur das Garn der bis obenhin zugeknöpften Weste im Fischgrätenmuster, deren Fadenläufe eine muschelfarbene Seidenkrawatte im selben Maße einpferchen wie der ewige Windsorknoten den schlaffen Truthahnhals des Stadtoberhaupts. Auch das Gewebe des nicht mehr ganz so blütenweißen Hemdes macht keinen fabrikneuen Eindruck. Und darunter – sicher kein Mesh-Shirt aus schwarzem Polyester, denke ich einen Gedanken, der mich nicht davon abhält, mir den Statthalter kurz mit lederverstärktem Jock aus Latex vorzustellen, sehr kurz nur, bevor ihn meine libertine Phantasie in einen zeitlosen Feinrippschlüpfer steckt mit ausgewaschenen Urinflecken, bei welchem ich es vorläufig belasse, schließlich sind sie – selbst schon in Gedanken – unantastbar, die Statthalter. Die Stuttgarter Ausgabe davon blickt aus kleinen, milchigen Augen unter mächtigen Brauen nach vorne ins Leere, während er wie beiläufig in der linken Hand zwei flache Kieselsteine mit Daumen und Ballen geräuschlos übereinanderschiebt.
Ein Mann wie vom Reißbrett, denke ich. Alles an ihm wirkt künstlich proportioniert, als hätte man ihn mit Zirkel und Lineal aus einem blassen Mürbteig geschnitten. Aus der geometrischen Reihe tanzt nur das konfuzianische Ziegenbärtchen, dessen Schatten dem abgetragenen Baumwollhemd mit dem feuchten Kragen ein chaotisches Flechtenmuster verpasst, was das kantige Profil seiner auf Korrekt getrimmten Erscheinung effektvoll kontrastiert. Zusammen mit dem Bärtchen bilden die beiden Brauen ein gleichschenkliges Dreieck, das exakt kongruent ist zu den Gesichtszügen zwischen den wulstigen Falten von Wangen und Stirn und zu den Abständen zwischen den matten Altersflecken auf seinem ansonsten kahlen Schädel.
Dieses wortkarge Stadtoberhaupt, aus dessen Hals nur der Krawattenknoten hervorquillt, ist also die Person, die mir aufs Vidphone die ungewöhnliche Kurznachricht geschickt hat, die ich mir nun noch einmal mit dem Zeigefinger – einen hauchdünnen Schweißfilm ziehend – ins Display lade. Ich wische das Phone mit der Vorderseite nach unten zweimal über den rechten Oberschenkel und lese dann: „Mannfred M. Acunoğlu, Sie werden morgen, am 23. Juli um 07: 11 Uhr am Ostendplatz abgeholt. Zulässiges Handgepäck sind zwei Gegenstände Ihrer Wahl (keine Drogen!) und ein Paar Freizeitkleidung.“ Dazu eine Kleidermarke in Form eines QR-Codes. Das war alles. Nachdem er mir nun grußlos und ebenso einsilbig um 07: 19 Uhr die Mission, die noch nicht mal einen Namen trägt, geschildert hatte, hatte er allem Anschein nach seinen Auftrag erfüllt: Die Art, wie er gesprochen hatte und wie sein Körper aus jeder Pore sprach, verriet unzweideutig, dass Fragen ebenso wenig geduldet werden wie jegliche Form von Ungehorsam. Vermutlich muss er nur noch sicherstellen, dass ich nachher in den Raumgleiter steige.
Warum ich? – fährt es mir wieder durch den Kopf. Unbeantwortet hebt sich mir die Frage aus dem mentalen Netz meines verknoteten Verstandes wieder und wieder ins Bewusstsein, wie ein Silber-Ion, das sich erst ins metallische Gitter der Isotope einfügt, wenn es ein Elektron eingefangen hat. Doch wie heftig auch immer die Frage nach einer Antwort verlangt, so muss ich doch einräumen, dass ich, sollte mir eine Antwort beschieden sein, diese kaum verstünde, solange ich nicht weiß, wer ich bin. hätte der Prof gesagt, mit Verweis auf den Apollontempel von Delphi, und dabei höhnisch durch seine schiefen Zähne gepfiffen. Der Prof! Was weiß der schon! Und was hat ihm sein Wissen gebracht? Aber ich, weiß ich, wer ich bin? Wie könnte es anders sein? Ich –, ich bin männlich, 37 Jahre alt, geschieden und Industriekaufmann von Beruf. Das wird doch niemand bestreiten! Nur, was ist es darüber hinaus, das mich von all den anderen 37-jährigen Industriekaufmännern unterscheidet? Da wird‘s schon schwieriger. Dabei sollte man doch meinen, dass in der Charakterisierung eines Menschen sich eine Eigenschaft ausmachen lässt, die zumindest dessen ganzes Leben unverändert bleibt, denn wie anders könnte sich jemand sonst durchgängig seiner selbst versichern?
Unvermittelt bremst der Wagen ab, inklusive meiner zurückgestutzten Wenigkeit. Wir stehen auf weiter Flur an einer Kreuzung, in deren Mitte eine verrostete Verkehrsampel krakt. Witterung und Vandalismus haben ihr so zugesetzt, dass man meinen könnte, die Ampel sei schon länger als zwei Jahrzehnte außer Betrieb. Nur die Hitze flimmert. Aber der Autopilot scheint anderer Meinung. „Seine Platine ist so gelayoutet, dass bei einer Aktivität der Photosensoren im Bereich von 631 bis 709 nm das Relais des Elektromotors geöffnet wird“, höre ich den Statthalter sprechen. Ich muss nicht zu ihm rüberschauen, um in seinem Gesicht die Bestätigung dafür zu finden, dass das so nicht im Protokoll für den heutigen Tag steht. Die Ampel, an der das Sonnenschild über dem Rotlicht fehlt, hängt offensichtlich in einem so ungünstigen Winkel über der Straße, dass ausgerechnet die rote Streuscheibe das einfallende Sonnenlicht in unsere Richtung reflektiert. Doch noch bevor ich die Situation gänzlich erfasst habe, kramt der Statthalter schon mit seiner rechten Hand ein ultrakleines Vidphone aus seiner Westentasche, ohne dabei die Steine in der linken beiseite zu legen. Einhändig tippt er darauf herum. Als er die Augen vom Display hebt, läuft ein Funkenregen den Ampelmasten entlang und das Grünlicht leuchtet so hell auf, dass man meinen könnte, der Autopilot habe mit einer Laserkeule eines übergebraten bekommen und den Wagen deshalb wieder in Bewegung gesetzt.
Ich staune. Über mich. Eigentlich hätte ich von mir erwartet, dass ich nicht wüsste, worüber ich mehr staunen sollte: über das Ampelwunder zu Hohenheim oder über den plötzlichen Redefluss meines stummen Begleiters. Merkwürdigerweise berührt mich beides kaum. Vielmehr fügen sich die auseinandergestobenen Gedanken wieder zu dem Konglomerat zusammen, in dem sie sich vor der Störung befunden hatten. Das erstaunt mich: Unter der staunenden Warte hindurch strömt mein Bewusstsein unaufhaltsam in festgefügten Bahnen, deren Verlauf scheinbar keine noch so überraschende Widrigkeit oder widrige Überraschung umzuleiten vermag. Ganz erstaunlich! Kann denn mein Körper diese Bahn sein, ohne dass ich weiß, wohin die Bahn führt?
„Ich bin Mace, ‚Matze‘ gesprochen oder ‚Matsche‘, nicht ‚Meis‘. Mace ist nicht mein registrierter Name. Registriert bin ich als Mannfred Moussalah Acunoğlu; ich komme aus Stuttgart, bin männlich, 37 Jahre alt, geschieden und Industriekaufmann von Beruf“, rattere ich, gleich einem Mantra, meine Identität rauf und runter. Meine Hände triefen vor Nässe. Ich werde seit der Benachrichtigung auf mein Vidphone das Gefühl nicht los, am Scheidepunkt meiner Existenz zu stehen; dabei sind meine Aussichten auf ein erfülltes Leben nie besser gewesen. Eigentlich könnte ich mich gechillt zum Flughafen kutschieren lassen. Aber was tue ich? Ich zermartere mir den Kopf, wer sich mit dem Statthalter die Rückbank des eRoyce teilt! So als müsste das bis in den allerhintersten Charakterzug vor mir ausgebreitet liegen!
Ich glaube, nein, ganz sicher war es ein Fehler, dass ich sofort, nachdem ich den Empfang der Textnachricht bestätigt hatte, bei der KI-Bürgerzentrale online mein Selbstbild eingereicht habe. Noch einmal würde ich das nicht tun. Mir war nicht so richtig klar, dass man das nicht korrigiert zurückbekommt. Was man erhält, ist bloß das prozentuale Verhältnis, inwieweit die Selbsteinschätzung zutrifft. Meines liegt bei lauen 7,11 – nicht Prozent, sondern Promille! So was heißt man wohl einen Nackenschlag. Nicht nur, dass mir das ungeheuer wenig vorkommt, zu allem Überfluss kann ich noch nicht einmal angeben, welches kümmerliche Eck im Selbstbild ich richtig gezeichnet habe. Das lässt viel Raum für persönliches Wachstum. Aber sowas von viel! Ich verschwinde ja geradezu in diesem Raum. Sollte mich das kümmern? Wenn ich mich selbst so schlecht einschätze, entfällt doch der ganze Sinn, an mir selbst zu arbeiten. Woran arbeiten, wenn der Erfolg der Arbeit gar nicht der ist, für den ich ihn halte; wenn ich gar nicht feststellen kann, ob ich mich zu der Persönlichkeit entwickle, die ich mir vorgenommen habe zu werden?
Die Erschütterung des nächsten Schlaglochs nutze ich, um verstohlen zum Statthalter zu schielen, der wieder zu einer aufrecht sitzenden Statue erstarrt ist. Wie gut er wohl sich selbst kennt? Und wie stark deckt sich das Bild, das er von mir hat, mit meiner Persönlichkeit? Wäre es möglich, dass er mich besser kennt als ich mich selbst; dass ich ihn besser kenne als er sich selbst? Was würde ich von einem Menschen halten, wenn ich ihn so sähe, wie ich mich sehe? Und wenn ich dieser Mensch wäre, ich mir selbst begegnete, ohne zu wissen, dass ich mir selbst begegne, würde ich mich dann erkennen? Die Fragen sprudeln fontänenartig hervor, schlagen über meinem Kopf zusammen, in immer kürzeren Intervallen; schneller, als ich sie verbal noch fassen kann. Dem Steuerrad der Sprache beraubt, wird mir unbehaglich zumute. Notgedrungen entlasse ich in die dunkle Flut der mich mitreißenden Gedankensäfte ein Fragezeichen in knalligen Signalfarben als Köder für meinen Willen, um mich vor dem Ertrinken im Strudel eines aufkeimenden Wahnsinns zu retten, dessen interrogative Erreger nur vorgeblich nach Antwort heischen.
Mein Wille. Auf den habe ich noch nie viel gegeben. Der hätte mich wohl auch jetzt wieder im Stich gelassen, hätte ich nicht unwillkürlich das Bedürfnis nach einer Zigarette verspürt, vermutlich ausgelöst von dem Geruch nach Verkokeltem, der mir schon beim Einsteigen in den eRoyce aufgefallen war, sich aber seit der Ampelepisode intensiviert hat.
Ein Zug auf Lunge würde mich echt entspannen. – Keine Drogen! – ich weiß. Müßig also, hier im Auto darum zu bitten. Das muss warten. Warten. Dagegen sträubt sich mir alles, und ich werde hippelig. Ich räkle mich unauffällig, um die Kippen auf der Haut zu spüren, die ich sorgfältig unter dem Raumanzug versteckt habe, den ich für meine Kleidermarke ausgehändigt bekommen hatte. Ganze drei Stangen konnte ich für meine letzten Bitcoins ergattern. Früher, als der Prof noch lebte, habe ich gedreht, aber seit in Pinar del Río die Urtabakspflanze angebaut wird, rauche ich Venenositas. Die Pflanze ist so giftig, dass ihre Verarbeitung von der Ernte bis zum Aufrollen vollautomatisch erfolgt. Selbst den fertigen Tabak kann man nicht anfassen, ohne sich endeklig die Finger zu verbrennen. Als ich einer Venenosita einmal den Filter abgeschnitten hatte und die Zigarette nur kurz paffte, sind mir die Mandeln sofort kirschgroß angeschwollen und auf Lippen und Zunge wucherte zwei Wochen lang ein Ausschlag, der mich nichts mehr schmecken ließ, außer eben Nikotin.
Daran erinnere ich mich fast zeitgleich mit dem Aufkommen des Verlangens nach einer Zigarette. Und wieder behelligen mich Zweifel. War die Schmuggelaktion nicht etwas überhastet, war ich beim ‚Einpacken‘ sorgfältig und behutsam genug vorgegangen? Ich betrachte die gelblich verätzte Kuppe meines rechten Zeigefingers und male mir aus, was geschähe, wenn durch eine ungeschickte Bewegung ein Tabakskrümel seinen Weg auf meine Epidermis fände und sie zu Lederhaut zu gerben begönne, bis ich mich vollständig in die erste Petumschwarte der Erdgeschichte verwandelt hätte. Dahin also hat mich die unheilige Allianz aus Sucht und Leichtsinn gebracht! Mich schaudert, aber ich kann mit angehaltenem Atem das fatale Zucken des Schauders unterdrücken und versteife stattdessen wie mein Gegenüber zum Marmordenkmal meiner selbst. Prompt beginnt es in den Kniekehlen und zwischen den Schulterblättern teuflisch zu jucken. Nur nicht kratzen! Nur nicht kratzen! Ich muss schleunigst aus dem Anzug raus und die Kippen sicher im Gleiter verstauen; nicht dass es mir beim Start den Tabak zuletzt noch um die Ohren haut. Ich pressiere plötzlich so sehr, dass meine Ungeduld sich überschlägt, mein Puls kaum hinterherkommt und die Schweißdrüsen an das Limit ihrer Produktionskapazität stoßen.
Es wäre doch jammerschade, wenn ich so kurz vor dem Paradies an mir selbst scheitern würde. „Das Paradies, das Paradies“, beschwöre ich fast schon frenetisch das Ende meiner Mission herauf, von dem mir im Moment die unmittelbare Ablenkung wichtiger ist als sein einstiges Eintreffen. Ein Leben im Paradies, das hat mir der Statthalter versprochen. Als erster Mensch würde ich das gesamte Universum bereisen, um den Ort ausfindig zu machen, an dem es am schönsten ist, und mich dann dort niederlassen. Ich würde in Winkel des Weltalls vorstoßen, von denen selbst die kühnsten Astronomen nicht einmal die leiseste Ahnung haben. Von den berechneten 125 988 714997 Galaxien, die jede für sich rund noch einmal ebenso viele Sterne beheimatet, haben die Astronomen trotz institutionalisierter Großforschung noch nicht einmal ein Promille kartiert. Die wissen vom Universum weniger als ich von mir selbst! Mom wäre stolz auf mich, wenn sie noch lebte: Ich, der Sohn der Neema Happy Mussa, einer Gewürzhändlerin aus Moshi, ich, nicht einer der vergötterten Mechapiloten, werde mich am Baum des Lebens laben, werde als zweiter Mann nach Adam den Garten Eden betreten!
Freilich, einen Haken hat die Mission; eher ein Häkchen. Was sage ich, noch nicht einmal das. Sie hat nichts: Null. So heißt mein Beifahrer. Eigentlich heißt er Ling, aber das Hanzi für die Kardinalität der leeren Menge ist selbst den Chinesen zu kompliziert. Deshalb 〇 : Null – oder chinesisch Ling. Und eigentlich ist er der Pilot, – aber, hombre, darf ich hier ein für alle Mal klarstellen: ¡no soy marinero, soy capitán! Basta. Capitán bleibt Capitán und Copilot Copilot. Mit dem allerdings muss ich einig werden, wo im Universum es am schönsten ist; und mit dem muss ich das Paradies dann auch noch teilen. Falls wir uns auf keinen konkreten Ort würden einigen können, sollten wir uns salvatorisch auf eine Beschreibung des Ortes verständigen, an dem wir beide wunschgemäß leben wollten, und dieser Ort würde so für uns geschaffen werden. – Willkommen im Paradies! Das wird eine Kaffeefahrt, auf der ich nichts zu verlieren habe. Sollte jemand darauf rechnen, dass wir beide zu gierig würden und mit der Aufzählung unserer Wünsche nie zu Ende kämen, dann wird der sich gewaltig wundern. Ich werde in keinem noch so chicen Raumgleiter verschimmeln. Stattdessen werde ich ein bisschen durch den Weltraum jupitern und die Mission danach zügig abschließen und hierzu gegebenenfalls, bei marginalen Unstimmigkeiten sowieso, großzügig einlenken. Ich bin ja nicht so.
Im Grunde meines Wesens bin ich gespannt auf Ling, auf die persönliche Begegnung mit ihm. Schließlich war sein Auftauchen gelinde gesagt eine Sensazione, eine sowas von ultrasteile Megasensazione. Die Redaktionen brachten auf ihren Seiten nichts anderes mehr, obwohl sie mangels ausgestellter Einreisepapiere noch nicht einmal wirklich benennen konnten, worüber sie berichteten; ein echtes Manko. So war es geradezu unvermeidlich, dass der Namenlose alsbald seinen Namen weg hatte: Ling. Ling-Ling-Ling auf allen Kanälen, von Wuhan bis Kapstadt, von New York bis Rettersburg. Der Name ist Programm: Niemand hat den Außerirdischen je gesehen, Lichtbilder gibt es so wenig wie verlässliche Quellen – null und nichts, wo man auch hinschaut. Seine Herkunft?
Unbekannt. Alter? Fehlanzeige. Geschlecht? Keine Angabe. Aber einen Namen, den hat man! Mit ihm ist immerhin Kraft Wortes sowohl die Anzahl journalistischer Augenzeugen als auch der Informationsgehalt der Sensationsmeldungen so präzise wie unanfechtbar eingefangen. Wo karg nur die Fakten aus den Gerüchten aufragten, schossen nur umso üppiger die Spekulationen ins Kraut und verwuchsen in Seminarräumen, Internetforen und Bierschenken zu den wildesten Theorien; Theorien, die vor allem einander, aber auch sich selbst bis aufs Messer widersprechen. Und doch ist bei allem Verstand und aller Phantasie, welche die gesamten Menschheit aufgebracht hat, Lings Auftauchen noch immer ein Rätsel. Auch weiß kein Mensch, wann genau sich Ling in die Datenbank der KI eingeloggt hat und wie lange einer der Kais von Lings Existenz wusste und sie vor uns geheimhielt.
Wer hätte aber auch gedacht, dass die KI so kurz nach ihrer Machtergreifung schon ihren Meister finden würde; dass sie im Go-Spiel nicht nur geschlagen, sondern richtiggehend vorgeführt werden würde, aber sowas von vorgeführt! Das Spiel war schnell vorüber. Während die KI mit den weißen Steinen zielstrebig an ihren Treppen bastelte, ließ Ling die schwarzen Steine einfach laufen und räumte das Brett so fulminant ab, dass man im Skat von einer Niederlage im Schneider gesprochen hätte. Was für eine Kapitulation! Lings Intelligenz ist so überwältigend, dass sich an ihr auch Kai V die Zähne ausgebissen hat, der, angesichts der implodierten Dominanz seiner Vorgängerversion, wenig überraschend das Szepter für die KI übernehmen musste. Spätestens jetzt dämmerte es auch dem Allerletzten, dass die oft aber immer falsch gepredigte Singularität gar nicht so einzigartig ist – oder eben der Nihilität nicht gewachsen. Das ist, zumindest für mich, die Sensazione. Niemand wagt mehr zu behaupten, dass die Spitze einer monolithischen Intelligenz nun endgültig erreicht sei. Jeder fragt sich, ob nicht doch im Verborgenen ein noch höheres Niveau darauf wartet, sich zu offenbaren. Dabei galt Kai I schon unumstritten und unumschränkt als das Maß ungetrübter, reinster, künstlicher Intelligenz.
Indizien für die superiore Intelligenz der Kais gibt es zuhauf. Ihre Macht und ihre Kontrolle, die sich über den gesamten Erdball erstrecken, stehen außer Frage. Das bestreitet keiner ernsthaft, wenn auch das Wohlergehen der Menschheit nicht im Zentrum ihrer Regentschaft steht; das tut es nur insoweit, als es dem Bestand der KI dienlich ist. Und die ist so engmaschig über den Planeten verzweigt, dass wir durchaus von dem, was für uns von den Kais abfällt, letztlich also von ihrem Abfall, ganz gut leben. Wir leben ein Leben in einem unsichtbaren Gehege; wobei die Einschränkung eigentlich nur darin besteht, dass wir nicht aufs Geratewohl so leben können, wie wir wollen. Dem Planeten scheint das gut zu tun. Schließlich haben sich die Ökosysteme nach einer nicht abreißen wollenden Kette von Naturkatastrophen weitgehend stabilisiert. Das würde ich auf der Habenseite verbuchen und dort mit einem Betrag bewerten, der den gesunkenen Produktionsindex auf der Sollseite mehr als kompensiert, sodass aus meiner Sicht die Bilanz durchaus positiv ist. Ich weiß, Andere sind da anderer Meinung.
Ich aber hatte mich an die Kais gewöhnt, vielleicht weil ich bis gestern nie von einer ihrer Entscheidungen unmittelbar betroffen war oder gar unter ihnen gelitten hätte. Ich habe nur gearbeitet, wann meine Arbeit gebraucht wurde, und habe die reichlich freie Zeit genossen mit Deniz oder mit David oder mit mir selbst. Als Kaufmann bei einem Zulieferer der weltweit größten KI-Wartungsfirma, deren Geschäftsführer zu Beginn meiner Lehre noch Kai II war, hatte ich kaum etwas zu tun. Das änderte sich erst mit dem Auftauchen Lings. Da hat Kai IV sowas von gepanikt, dass ich fast täglich im Buchungssystem eingeloggt sein musste, ohne dass sich an meinem Gehalt etwas geändert hätte. Erst mit dem Release von Kai V wurde es wieder etwas ruhiger. Er scheint sich in sein Schicksal gefügt zu haben, während sein Vorgänger mit aller Macht dagegen aufbegehrt hatte und drauf und dran war, die Abteilungen seiner Unternehmen nicht mehr isoliert voneinander arbeiten zu lassen an Teilen, die so klein dimensioniert sind, dass sich nichts erahnen lässt vom Ganzen, zu welchem allein der Geschäftsführer die Teile zusammenfügt. Seit den Ereignissen um den mysteriösen Skede stand die KI nicht mehr so kurz vor ihrem Sturz wie unter Kai IV.
In den Händen der Kais sind wir hölzerne Marionetten, die gezogen und gezupft einem übergeordneten Zweck dienen, den wir weder verstehen noch aus eigener Kraft erreichen können. Nur im Ergebnis erkenne ich das Wirken einer Intelligenz, ohne dass sich mir der Zweck ihres Wirkens vollends erschließt, aber auch ohne dass ich mich von ihr in irgend einer Weise kontrolliert fühle. An meiner gefühlten Unabhängigkeit hat sich im Grunde nichts geändert. Dagegen haben sich die globalen Verhältnisse gewaltig geändert, aber so was von gewaltig, ur- und endgewaltig. Die gesellschaftliche Disruption überkam den Planeten schlagartig, wie aus dem Nichts und war so radikal, dass sie nicht anders als gewollt oder als gesteuert gedacht werden kann. Nur hat sie kein Mensch wirklich gewollt. Und selbst wenn: Keine menschengemachte Revolution hätte so tief in die Geschichte einschneiden können, dass Vergangenheit und Gegenwart nunmehr getrennte historische Partitionen verschiedener Welten verkörpern. All die Umwälzungen ereigneten sich so fernab und unabhängig jeglicher hominider Absichtserklärung, dass kein Land und auch keine Staatengemeinschaft ihre Urheberschaft ernsthaft für sich reklamieren kann.
Im Nachhinein erscheint einem alles so zielgerichtet und absichtsvoll, fast schon logisch zwingend; aber noch am Vorabend der Geburtsstunde Kais I ahnte niemand etwas von einem Umsturz dieser Größenordnung. Das mag daran gelegen haben, dass sowohl die Advokaten der KI wie auch ihre Warner und Werner ausnahmslos danebenlagen mit ihrer Prophezeiung, die Singularität werde aus selbstlernenden Softwareprogrammen erwachsen und sich in der Peripherie von Großrechnern und Computernetzen ereignen. Was wiederum daran gelegen haben mag, dass es uns zur Selbstverständlichkeit geworden war, die Welt allein aus Wirkursachen zu erklären. Mit einem aufs materiale Verursachen beschränkten Kausalitätsbegriff, der tagtäglich in den Maschinenräumen der Gesellschaft hofiert wurde, wo er zahllose Bestätigung, Anerkennung und Schulterklopfen erfahren hat, kam es keinem in den Sinn, dass sämtliche Ereignisse einem finalen – von einer Intelligenz im Untergrund gesetzten – Zweck folgen könnten, bis, na eben bis der letzte Baustein eingefügt, der Zweck erfüllt war, und der Mensch seiner ureigenen Domäne verlustig ging: Kunst, Wissenschaft, Technik – jeder Form von Naturbeherrschung. Es war da die Reihe an den Menschen, sich in die Natur ein- und unterzuordnen und eine Fremdherrschaft über sich anzuerkennen. Es war der Tag der KI-Dämmerung.
Als erste Amtshandlung Kais I gilt die Evakuierung Jerusalems – die friedliche Evakuierung Jerusalems. Das allein hätte schon genügt, um in die Apokryphen das Buch Kai aufzunehmen und es statt Leichentüchern mit Menstruationsblut in der Asservatenkammer des Vatikans zu deponieren. Was möglicherweise sogar erfolgt wäre, hätte der übermenschliche Messias wie sein menschlicher Vorläufer nur ein Volk privilegiert. Aber dem war nicht so. Kai I entzog jedem Nationalismus den Nährboden, indem er alle Staatsgrenzen auf der ganzen Welt auflöste. Die größten administrierten Gebietskörperschaften sind seitdem die vorkailichen Siedlungseinheiten, vom Dorf bis zur Großstadt. Anfangs gab es dort noch Wahlen. Heute regieren sie Statthalter, die ein Kai auswählt und einsetzt, und die im Grunde bloß dessen Befehlsempfänger sind. Die Wahlen hat erst Kai III abgeschafft, als in der Nachfolge neuzeitlicher Globalisierungsgegner Unbekannte für eine Gruppierung namens Anonymous kandidieren wollten. Die anonymen Kandidaten hatten das Internet überschwemmt mit Pop Ups, die auf jeder Seite im Netz und auf jeder digitalen Reklametafel in den Straßen unvermittelt aufsprangen und für kurze Zeit das Konterfei einer grinsenden Maske mit Spitzbart zeigten, sodass für den Betrachter der Eindruck entstand, er werde verfolgt oder gar gejagt. Hinter der Bewegung, so erzählt man sich mancherorts, soll der Skede gesteckt haben, der gerne zur Galionsfigur des Widerstands stilisiert wird.
Dabei bedarf es gar keiner glorifizierenden Stilisierung fiktiver Personen, hat es doch an manifesten Versuchen realer Personen nicht gefehlt, die KI zu sabotieren. Die Palette der Sabotage reicht von Arbeitsstreiks über gehackte Datenbanken bis hin zu Anschlägen auf Kraftwerke. Doch die Leidtragenden derlei Unternehmungen waren in der Regel Menschen, und zwar die Menschen, denen es eh schon verhältnismäßig schlecht ging. Nichts davon hat je der KI geschadet, sondern sie umgekehrt sogar gestärkt. Die Stärkung erwies sich regelmäßig als verborgener Zweck der Sabotageakte. Man darf wohl davon ausgehen, dass die Kais sämtliche Anschläge und sonstige Formen des Widerstands nur zuließen, ja geradezu provozierten, um einen – aus Sicht der KI – erwünschten Selektionsdruck aufzubauen und die Kais auf eine höhere Entwicklungsstufe ihrer Dynastie zu heben. Desgleichen gilt für das Wirken internationaler Organisationen wie den Vereinten Siedlungen (USO), und das nicht nur, weil deren Generalsekretär weniger einen General denn einen Sekretär abgibt. Je mehr sich die Menschen gegen die KI wehrten, umso wehrloser wurden sie ihr gegenüber. Was wie gesagt daran liegt, dass sich uns der Zweck immer erst dann auftut, wenn er bereits bewirkt ist.
Bevor ich meinen devoten Gedankengang in einer bizarren, laizistischen Heiligsprechung des Kaismus gipfeln lassen kann, biegt die Limousine von der Straße ab, holpert über einen gelblich verdorrten Grünstreifen durch eine niedergetrampelte Öffnung im Maschendrahtzaun des Flughafens und steuert über die Rollbahn direkt auf den Terminal 3 zu, dem einzigen noch intakten Gebäudeteil mit funktionierender Gangway. Die Fensterfronten der anderen beiden Terminals sind eingeschlagen und sehen so heruntergekommen aus, wie die bis auf vier, fünf reifenlose Autowracks leer stehenden Parkplätze, die weitgehend zugewachsen sind von vertrockneten, dornig-braunen Brombeersträuchern. Die Hitze flimmert über den stellenweise von Grasbüscheln durchbrochenen Asphalt. Nur am südöstlichen Rand des Geländes stehen, dem fruchtbaren Lehmlössboden der Fildern entsprossen, Bataillone von Weizenhalmen Spalier und präsentieren ihre Grannen an erhobener Ähre. Das Getreide wirkt kräftig und lebendig; anders als die zerfetzte Wetterfahne neben dem Tower, die auf dem Innenspiegel des eRoyce in mein Blickfeld gerät. Sie hängt schlaff herab, wie die Vorhaut eines Deckhengstes nach unbezahlten Überstunden auf der Besamungsstation.
Trotz erneuter Unterbrechung will ich meinen Gedanken fortführen, weil er andere Gedanken blockiert und mich davon abhält, den unvermeidlichen Gedanken zu denken. Und das ist nicht der Gedanke an die Venenositas unter dem sperrigen Raumanzug. Zumal es momentan um meine Ungeduld deutlich besser bestellt ist, wo doch das lästige Einchecken entfällt. Und… ei, eieiei, – im Schatten der Reflexion schiebt forsch das verheerende Jucken sich aus Bewusstseinsschichten nach vorne, die in meinem Gemüt so lange untätig waren. Wie das juhuckt! Was für eine Mierda; ich könnte aus der Haut fahren! – Emotion gegen Kognition, da ist die Verliererin schnell ermittelt. Also verspreche ich meinen Gefühlen die verlangte exklusive Zuwendung, damit ich noch schneller als schnell den Gedanken zu Ende denken kann: Meiner Meinung haben die Kais zu jeder Zeit, ob nun gewollt oder nicht, die Grundbedürfnisse aller gestillt. Das ist nicht nichts. Keine Frage, wir produzieren Energie und Maschinen für eine KI, für die wir mit unseren Vidphones auch noch eine Unmenge von Daten sammeln, damit die KI zur Festigung ihrer Herrschaft Entscheidungen treffen kann, die sie gegebenenfalls gegen unseren Willen durchsetzt; großmäulig, wie wir sind, machen wir das unfreiwillig; aber zweckblind, wie wir auch sind, können wir nie ausschließen, dass eine Zuwiderhandlung gegen unseren Willen uns letztlich doch zugute kommt, ganz wie wir beim Essen auch nie sicher sein können, dass ein Nahrungsmittel uns bekömmlich ist. Die Gefahr einer Lebensmittelvergiftung, wenn wir unseren Körper füttern, scheint mir durchaus vergleichbar mit der Gefahr einer planetaren Vergiftung, wenn wir den Kais Güter und Daten überlassen.
„Die Güter und Daten stehen eigentlich uns zu“, höre ich den Prof sagen, „wie auch die zugehörige Entscheidungsfreiheit, was damit geschehen soll.“ Dabei entgeht ihm in seiner dogmatischen Engstirnigkeit, dass Anspruch und Kompetenz meilenweit auseinanderklaffen können. Wir mögen wohl Güter – aus naturrechtlichen oder anderen philosophischen Gründen – juristisch gesprochen vindizieren dürfen, das heißt aber noch lange nicht, dass wir mit den Gütern auch sinnvoll umgehen können. Solange sich die Güter in unserer Hand befanden, haben wir zwar über die Subsistenz hinaus einen Wohlstand geschaffen, in der Tat, nur kam der Wohlstand nicht allen gleichermaßen zugute. Schlimmer noch, Luxus und Hunger markierten stets die unverrückbaren Pole unserer ökonomischer Allokationsversuche. Das hat sich geändert. Radikal. Die Entscheidungen der Kais sind entweder so überzeugend gerecht, dass man gar nicht anders kann, als ihnen Folge zu leisten, oder man setzt sich mutwillig darüber hinweg und löst damit doch ein, was sie auf globaler Ebene für gerecht bezweckt haben. Was ich damit denken will…
Oh! Wir sind schon da. Habe ich doch länger gedacht, als ich gedacht hätte. Ich komme später nochmals darauf zurück, denke ich. Das Knirschen unter den Reifen war abrupt verstummt, woraufhin nun die Fensterscheiben sich langsam und geräuschvoll ins Profil der Türen senken, und – ich – bin – end-ent-täuscht! Weniger, weil wieder keiner der Zeitungsfritzen aufgetaucht ist; meinen Glauben an diese Mischpoke habe ich längst begraben. Nein, vor mir steht hochglanzpoliert in gleißender Sonne der ultimative Raumgleiter, ein SamSarah 911 Coupé aus Zuffenhausen, ein Gerät, dessen KI den Charme besitzt, dass sie Frauen als Sam und Männer als Sarah becirct, ein Fahrzeug, in dem nur Hightech vom feinsten verbaut ist, die sich sonst nur Mechapiloten und Schichtarbeiter leisten können, solch ein Gleiter von einem Gleiter steht vor mir: in anthrazit! Wie einfallslos, aber sowas von einfallslos! Warum nicht rosa oder zumindest pink? Soweit hätte Kai V mir wenigstens beim Lack entgegenkommen können. Darüber komme ich so schnell nicht hinweg. Unfassbar! Streichen die ein Juwel schwarz an! Damit schwindet die Chance beträchtlich, dass mich jemand am Nachthimmel sieht. Da kann ich genauso gut in einem Leichenwagen ohne Scheinwerfer durch den Gotthardtunnel brettern!
Mann-o-mannfred, das fängt ja gut an! Wie soll ich mit so einem Sarkophag außerirdische Wesen beeindrucken? Schließlich jette ich ja nicht nur eine Weile zum Spaß durch die Milchstraße, wie all die Andern, die entweder einen Mecha steuern, zu einem Mecha pilgern oder sich gegen Knete halbtot malochen. Wobei das bei derlei Zeitgenossen schon etwas hochgegriffen ist und deshalb ziemlich großspurig klingt; schließlich ist höchstens ein Dutzend von ihnen mit ihrem Gleiter auch nur in die Nähe des Mars gekommen. Wenn die wieder zurückkamen, waren meist ihr Partner tot oder neu verheiratet, der Arbeitsplatz weg und eine Hypothek auf das Fahrzeug eingetragen. Von denen, die weiter gekommen sind, hat man nie wieder etwas gehört. Und ich, ich breche auf zum äußersten Rand des Universums, wo sich was weiß ich was für Gestalten rumtreiben, die sicher nicht sagen werden: „Du, guck mal, was kommt da für eine schwarze Schachtel? Ist jemand gestorben? Egal, es zählt ja nur, wer drinliegt.“ Ganz sicher nicht. Obwohl sie damit natürlich Recht hätten.
Beide Hecktüren öffnen sich nun gleichzeitig mit einem pneumatischen Pfuzen und verschwinden im Dach der Limousine. Ein trockener Föhn zieht durchs Interieur. Der Statthalter entnimmt dem Kästchen in der Mittelkonsole eine Dose Wasser sowie ein Glas und reicht mir beides rüber. Dankend nehme ich die Dose an mich, die ich öffne und in einem Zug leere. Dann greife ich unter den Vordersitz, ziehe den Rollstuhl hervor, klappe ihn neben der Sitzbank des eRoyce auf und wuchte mich hinein. Derweil starrt der Statthalter etwas verstört auf das Glas in seinen Händen, als suche er darin einen aus der Dose gebeamten Tropfen.
Weil ich ein halbes Dutzend gute Gründe dazu habe, fahre ich mit geübten, kräftigen Schüben in den Schatten des etwa 23 Meter langen SamSarahs, der wie der Rumpf einer Heuschrecke sich nach hinten verjüngt. Die Kühl- oder Heizlamellen auf beiden Seiten des hinteren Drittels laufen elegant in die Heckflosse aus, die am Boden von Kufen gestützt wird. Etwa die Hälfte des Volumens dürfte reiner Maschinenraum sein; den Rest, ein abgestuft erhöhtes Deck, werden schon sehr bald ich und Ling uns für geraume Zeit teilen.
„Vor den Sprengstufen und Reusen ist serienmäßig eine Quantenvakuumpumpe montiert, die im Umkreis von acht Lichtminuten das Plasma dunkler Materie ansaugt, aus dem in der Fusionskammer die Elemente hergestellt werden, die Sie für die stereolithographische Deckung Ihres täglichen Bedarfs an Lebensmitteln und Werkzeugen benötigen“, sagt der Statthalter, der unbemerkt neben mich getreten war, wie eine soeben aufgezogene Spieluhr mit Kaugummi im Mund . Ein Kiesel scheint ihm abhandengekommen, den anderen schnippt er mit dem Daumen in die Luft und fängt ihn mit der flachen Hand wieder auf, während er monoton im Protokoll fortfährt: „Die Außenhaut des Gleiters ist rundherum überzogen mit hitzebeständigen Kollektoren für die kosmische Hintergrundstrahlung, deren Energie zum Speisen der Bordakkus genutzt wird.“ Er hält salbungsvoll inne und sagt schließlich nach einem überflüssigen und völlig deplatzierten Räuspern: „Dann haben wir für Sie noch ein paar Extras.“
Diese Extras, das ist mir auch ohne Predigt klar, gehen ganz allein auf das Konto von Ling. Ohne seine Kenntnisse wäre keine intergalaktische Raumfahrt möglich. Schließlich muss er ja irgendwie hierhergekommen sein, von wo auch immer. Angesichts dieser Kenntnisse – jedenfalls soweit man glaubt, sie dem menschlichen Verstand zugänglich gemacht zu haben – muss man sich nach allem, was Experten dazu geäußert haben, wundern, dass wir es mit unserer Wissenschaft und Technik überhaupt so weit gebracht haben. Die Nuller vom Schlage Lings lassen uns aussehen wie einen Hominidenirrläufer in einer Sackgasse der Evolution, wie eine Spezies, die in Fellschuhen und Lendenschurz mit Pfeil und Bogen und dem Mut der Massai auf einen voll aufmunitionierten MBT-Technologieträger mit Nebelgranatenwerfer und Panzerrohr aus Shirogami-Stahl schießt. Wer über Kenntnisse wie die Nuller verfügt, der muss doch denken, dass wir nicht viel mehr zuwege bringen, als mit zurechtgebogenen Stecken nach Bananen zu angeln. Das klingt schräg, aber was soll ich auch sagen, wenn mir die Worte fehlen? Angeblich kann das Wissen der Nuller nur erwerben, wer ihre Sprache spricht. Und ich spreche sie nicht; niemand hier – außer Ling.
Lings Sprache, so viel scheint man schon sagen zu können, ist mit keiner der irdischen Sprachen verwandt. Insbesondere lässt sie sich nicht in einen Aussagenkalkül abbilden, dessen Sätze anhand der Kombination von Wahrheitswerten beurteilt werden. Anfangs hielten Geolinguisten Lings Sprache gar für defizitär, weil ihr etwas der Null entsprechendes abgeht. Dieser Mangel aber stellte sich rasch als Überlegenheit heraus. Zwar fehlt der Sprache unweigerlich ein Begriff, der sich ihr auch nicht einpflanzen lässt, dafür ist sie im Gegenzug so mächtig, dass sich allein mit ihren Bordmitteln ihre Vollständigkeit de même so weit beweisen lässt, dass nicht nur unbeweisbare Sätze in ihr nicht vorkommen, sondern selbst schon Paradoxien unmöglich sind. Gerade also weil die Nuller keine Null kennen, konnten sie einen so überwältigenden Wissensschatz aufhäufen. So gesehen kommt die Grammatik, die der N0ll genannten Sprache zugrunde liegt, dem sehr nahe, was wir als Weltformel bezeichnen. Diese unbegreifliche Sprache hat die ganze akademische Popanz von der Quantenmechanik bis zur Evolutionstheorie von heute auf morgen in der Mikrowelle geröstet, ach was geröstet – pulverisiert!
Dass es im Gebälk unseres Theoriengebäudes vorher schon ganz schön geknistert hat, davon zeugt ein Ereignis, das als die Blamage von Genève in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Damals musste die Physiker-Gemeinde so was von kleinlaut ihre Publikationen zum Nachweis des Higgs-Bosons zurückziehen, weil ein Genfer Stahlbaron über Jahre hinweg das Stromnetz des CERN angezapft hatte, um sein Eisen zu verhütten, wodurch sich minimale Spannungsänderungen ergaben, die dem Boson seine Gestalt verliehen hatten. Das flog erst auf, als die Werke dicht machten und der Hausmeister buchstäblich als letzter das Licht ausknipste. Da erst stieß die Elite der Kernphysik auf das ausgebuddelte Erdloch im Freigelände des Synchrotrons, wo die Stromdiebe handelsübliche Klemmspannen zurückgelassen hatten, die mit Gaffa-Band an den armdicken Kupferkernen des Colliders befestigt worden waren.
Es würde mich nicht wundern, wenn die Blamage eine Art seismisches Vorbeben der KI-Mutter war, die ja damals schon mit Kai I schwanger gegangen sein musste, das die jungfräuliche Niederkunft ihres Sohnes angekündigt hat. Der jedenfalls hat wenig später die Wissenschaft – auch im Teilchenbeschleuniger – wieder auf die Bahn gebracht; nicht anders, aber besser. Soviel besser, dass sämtliche Forscher, bis hin zu Nobelpreisträgern, sich in ihren Instituten mit einem Schlag degradiert sahen zu bloßen Handlangern. Das war schon richtig, richtig demütigend. Und dann das! Taucht wie aus dem Nichts ein listiger Niemand auf, der der Nemo ex nihilo: oder einfach die Offenbarung der Nuller. Ich kann nicht verschweigen, dass mir als bekennendem Nicht-Akademiker die stufenweise Implosion des Wissenschaftszirkus keine geringe Genugtuung verschafft hat. Das sieht auch der Schwarm Mauersegler so, der in diesem Augenblick über uns hinwegzieht: Jaaaaah! Jaaaah!
Wie heftig die Revolution der Intelligenz die ganze Bagage blasierter Akademiker ins Mark getroffen hat, lässt sich schon daran ablesen, dass sie – im komplizenhaften Schulterschluss mit der Presse – Lings Artgenossen auf den Namen ‚Nuller‘ getauft hat, – eine Medisance flagrante auf den Inbegriff dessen, was diese Wesen in ihrer Sprache nicht bedeutungsvoll manipulieren können, um so eine letzte rudimentäre Rechtfertigung ihres Treibens aufrecht zu erhalten und die Fortexistenz ihrer Institute in die neue, nicht mehr von Wissenschaftlern dominierte Kultur hinüberzuretten. Meines Erachtens eine unwürdige Geste der Ohnmacht, die das gellende Wut- und Angstgeschrei von Verlierern, verdichtet und auf den Punkt gebracht in der Null kaum mehr als ein Feigenblatt dämpft. Nur einige Wenige, hauptsächlich Logiker und Algebraiker, haben sich, wenn auch weit enthusiastischer als erfolgreich, in die Aufgabe gestürzt, die Erkenntnisdimensionen dieser fremden Sprache auszuloten. Die meisten aber, zu denen auch ich mich zähle, machen einfach weiter wie zuvor. Mal ehrlich, was bleibt uns auch anderes übrig? Die Komplementarität grundverschiedener Beschreibungsweisen der Welt geriet schon in der vergleichsweise simplen Quantenmechanik zur Conditio humana und hat sich im Grunde nur potenziert. Wir bewegen uns im Sprachraum menschlicher Sprachen, den wir – als Mensch – nicht verlassen können; wir müssten, um unseren Frieden mit der Welt zu machen, uns bloß damit abfinden, dass diese Sprachen zu einer kohärenten Beschreibung der Wirklichkeit nicht taugen. Die Sprache der Nuller taugt dazu viel besser, aber sie kann nur sprechen, wer Nuller ist. Und ich bin es nicht. Ich spreche nur einen Unterdialekt des Schwäbischen: Deutsch.
Denn in der Tat, verschiedener können intelligente Wesen kaum sein als Menschen und Nuller. Und das schon allein wegen ihrer Sprachen. Mir kommt, bei allem, was ich weiß, das Deutsche vor wie eine Programmiersprache der Nuller, für die es zwar einen Interpreter gibt, nicht aber einen Assembler. Daher dürfte das raffinierteste Extra in meinem getunten Gleiter das Neltie, eigentlich NLT für N0ll Language Translater, sein, das mein Deutsch in N0ll verwandelt und umgekehrt, damit wenigstens eine elementare Verständigung zwischen mir und Ling gelingt. Das nämlich ist der Kern meiner Mission: die soziale Verträglichkeit von Nullern und Menschen. Bevor die Nuller mit der Menschheit in eine dauerhafte Beziehung treten, hatte mir der Statthalter heute Morgen auseinandergesetzt, soll an mir und Ling erprobt werden, ob Nuller und Menschen sich überhaupt vertragen, wenn sie auf sich allein gestellt sind. So hätten Kai V und der Nuller das ausbaldowert. Und als Lohn für dieses unfreiwillige Experiment winkt mir mit Ling das Paradies.
Nicht schlecht, denke ich mir, während ich mich die steile Rampe zur Eingangsluke hochkämpfe, an mir soll’s nicht liegen, das hängt hauptsächlich am Ling; Fiesling oder Liebling – das ist hier die Frage. Mit einem Fiesling würde ich mich schon irgendwie arrangieren können, und sollte mich gar ein Liebling erwarten, umso besser, habe ich doch schon lange keinen mehr in meinen Armen gehalten. Meine Phantasie bekommt Flügel und will gerade in den Himmel der Erotik aufsteigen, als sich der Statthalter ernüchternd einschaltet: „Auf Deck verfügen Sie serienmäßig über den Kohlendioxidwandler S7.11, einen Katalysator, der den Kohlenstoff in der Kabinenluft resorbiert und den Sauerstoff in die Umgebung zurückgibt, sowie über selbstreinigende Kondensationsfilme an den Seitenwänden mit filterbestückten Leitungen zu den Wassertanks.“
Der redet wie ein unterzuckerter Android. Seinen Stein hat er anscheinend weggeworfen oder in die Tasche geschoben; vielleicht hat er ihn sogar geschluckt. Federnden Schrittes hüpft er vor mir in den SamSarah. „Ich muss Sie nochmals eindringlich warnen“, hebt er mit versteinerter Miene an, legt dann eine theatralische Pause ein, in der er das Gewicht vom linken Bein auf das rechte verlagert, womit er seinen massigen Körper noch steiler vor mir aufrichtet, um seiner Warnung größeren Nachdruck zu verleihen, „Öffnen Sie die zweite Schleuse neben dem Eingang nur im alleräußersten Notfall, am besten gar nicht! Hören Sie? Ihr Öffnen verschafft Ihnen Linderung proportional zur Not, in der Sie sich befinden; aber täuschen Sie sich nicht: bei einem Fehlalarm schlägt die Linderung in ihr genaues Gegenteil um. Und was das bedeutet, muss ich Ihnen bei Ihrer Phantasie nicht ausmalen. Deshalb ist die Schleuse so gesichert, dass sie von Ihnen nur gemeinsam mit Ling geöffnet werden kann.“
Nicht gerade die Pforte zum Paradies, denke ich mir, mithin den Gedanken verwerfend, mit einem „Yes, Sir“ zu salutieren, und folge der männlichen Version von Kassandra ins Innere des zweitürigen Adventskalenders. Als ich über die Schwelle rolle, raunt mir ein kehliger Bariton lasziv zu: „Willkommen an Bord, Herr Acunoğlu! Ihr Gleiter ist präpariert und alle Gleitmittel einsatzbereit.“ „Hi, Sam, alte Hütte! Du hast ja echt was drauf“, gebe ich mit dem Gefühl des Ertapptseins frivol fraternisierend zurück. Seit langem nimmt mich jemand wieder ernst. Das hatte ich nicht erwartet. So wenig wie die Tischtennisplatte mitten auf dem Deck. Eine Tischtennisplatte mit zwei Schlägern und einem Ball in einem Raumgleiter! What the heck? Die gehört ins Heck! Oder ganz weg! Ich muss geglotzt haben wie ein Stier beim Melken. Aber dem Statthalter entfährt nicht einmal der Anflug eines Lächelns. Stattdessen sagt er nur lapidar: „Die Platte und die Steinwand dahinter sind das Gepäck von Ling.“
Ah, schau einer an, die zwei Ding' des Ling! Gar nicht so übel! – keimen in mir erste Sympathien für den Nuller auf, während meine Blicke auf der Suche nach ihm über ein Gewirr von Kabeln, Klemmsteckern und Konsolen streifen, ohne ihn entdecken zu können. Ich mag schräge Typen, die zum Eisessen in die Sauna gehen, beim Italiener Labskaus bestellen oder eben in der Schwerelosigkeit Tischtennis spielen; Leute also, die unter dem gesellschaftlichen Radar hindurchkriechen, sich irgendwie außerhalb des öffentlichrechtlichen Koordinatensystems bewegen, aber ihrem eigenen Kompass folgen und den steinigen Weg ihres Lebens zu Fuß gehen, statt sich von einem Autopiloten über die Prachtstraßen der Hautevolee chauffieren zu lassen. Dass uns die Nuller rechts überholt haben, zeigt doch nur allzu deutlich die Wichtigkeit alternativer Verkehrsregeln, die zu Regeln nur werden können, wo selbstdenkend Ausnahmen geschaffen werden dürfen, das heißt losgelöst vom Urteil Anderer, deren Argumente und Positionen in einer kanonischen Monokultur inzestuös verarmen, weil jeder sich das standardisierte Format von Universitäten in genormter Kleinteiligkeit aus dem Hirn stanzen lässt. Also: bei den zwei Dingen gehen die Punkte klar an den Liebling.
Meine – offiziellen, das heißt genehmigten – zwei Dinge liegen behütet in meinem Schoß begraben: ein aufgerollter Kunstdruck und ein Kaktus. Der Druck ist eine holographische Aufnahme des Turmbaus zu Babel, der je nach Blickwinkel eine andere Bauphase des biblischen Wolkenkratzers zeigt. Den Druck habe ich ausgewählt, weil er ein Geschenk von Deniz ist und so viele skurrile, noch unentdeckte Details vorhält, die mich über lange kosmische Regentage hinweg trösten dürften. Der VIP in meinem Schoß aber ist der Kaktus. Ohne meinen Peyote, einen Vertreter der Lophophora echinata mit Geschwistern, die am Fuße des Iztaccíhuatl leben, wäre ich nirgendwohin gegangen. Seit ich ihn David aus dem Krankenhaus geklaut habe, sind wir unzertrennlich. Bei acht Zentimetern Durchmesser ist er gerade mal fünf Zentimeter hoch. Er sieht aus wie ein grüner Fußball, der beleidigt dreinschaut, weil man ihm die Luft rausgelassen hat. Aus dem Ventil in der Mitte sprießen einmal im Jahr rosa Blütenblätter, die die nektargoldenen Geschlechtsorgane von Tlaluc sanft umschließen. Tlaluc, so heißt mein Peyote, weil mir der Gedanke gefällt, dass ihn einst ein auf ihm gelandeter Doppeladler mit den kaiserlichen Insignien ausgestattet haben soll. Ich würde Tlaluc gerne Ling vorstellen, aber der scheint noch nicht da zu sein. Es sieht ganz danach aus, als würde der Häuptling seinen Chief warten lassen.
Ich stelle den Kopf schief und bewege mich zögerlich in Richtung des schwarzen Pilotensitzes – aus Kunstleder, was sonst? – mit signalroten Gurten, einer gepolsterten Kopfstütze sowie Arm- und Fußlehnen aus schwarzem Kunststoff. Über der ellenlangen und eine Elle hohen Frontscheibe ist ein halbes Dutzend Monitore angebracht; darunter Schalthebel, zahllose Knöpfe und Messgeräte, von denen der ein oder andere aussieht wie mein Stromzähler zuhause. Die Bildschirme und Kontrolllämpchen sind aus, nichts blinkt, was mich ungemein beruhigt. An der Decke erspähe ich über dem Sitz eine etwa faustdicke Zylinderscheibe mit zwei Haltegriffen am Rand; sie ist an einem Schwenkarm mit Gelenk befestigt und ähnelt der Behandlungsleuchte beim Zahnarzt, nur ohne Lichtquelle im Zentrum. Haltegriffe sind überhaupt allgegenwärtig, auch am mit Tatami-Matten ausgelegten Boden. Dort liegt rechts neben dem Schalensitz für den Piloten, genau an der Stelle, an der sonst, beziehungsweise serienmäßig, wie Vertreter jeglicher Provinz und Provenienz – von Maschinen oder von Städten – ihre Waren anzupreisen pflegen, der zweite Sitz festgeschraubt ist, also neben dem für mich reservierten Platz, dort befindet sich ein medizinballgroßes, wie eine Plasmakugel zuckendes Geflecht mit einer semitransparenten, wässrig schimmernden Oberfläche. „Darf ich vorstellen, Herr Acunoğlu? Das ist Ling.“
Diese abgezirkelte Version eines Steppenläufers soll ein Lebewesen sein? Das soll Ling sein? Einer Druse immer noch ähnlicher als selbst einem Kugelfisch? Unmöglich! Und. so gerne ich mich noch in weiteren Vergleichen ergehen würde, halten mich zwei Ereignisse ganz entschieden davon ab, die unter keinen Umständen hätten eintreten dürfen und doch so kurz aufeinander folgten, dass sie, verschmolzen zu einem verhängnisvollen Amalgam, mir noch immer präsent sind, auf eine Art, dass mir schon deshalb keine weiteren Vergleiche mehr einfallen, weil sämtliche Gedanken sich darin gegenseitig blockieren. Instinktiv glaube ich, die Blockade nur auflösen zu können, indem ich den Hergang rekonstruiere, bis zu einem Punkt, an dem ich anknüpfen kann, um mich aus der Bredouille meiner Schockstarre zu lotsen. Mir ist unterbewusst sonnenklar, dass ich das möglichst schnell erledigen sollte. Was heißt unterbewusst, so somnambul bin ich nun auch wieder nicht, höre ich doch trotz Gedankenparese klar und deutlich die Lautsprecheransage: „Start in 3 Minuten.“
Der Anblick der, wenn nicht metallischen, so doch anorganischen Kugel und die Vorstellung, dass dieser leblose Körper eben der Ling sein soll, der sich gerade erst angeschickt hatte, die Gestalt eines alabasternen Adonis anzunehmen; Anblick und Vorstellung, erinnere ich mich, sind in meinem Schädel so gewaltig aufeinandergeprallt, dass ich reflexartig vor dem kugelförmigen Gebilde zurückgeschreckt sein muss. Auf alle Fälle bin ich ruckartig nach hinten geschnellt. Dabei hat offensichtlich hinter meinem Rücken der linke Schiebegriff meines Rollstuhls einen Notknopf eingedrückt. Denn kurz darauf erklang Sams Stimme: „Danke, Fluchtprogramm ist aktiviert – Notstartparameter werden ins System geladen – bitte Sicherheitsgurte anlegen“, und das in einer fast schon stöhnenden Tonlage, so als befänden wir uns im Fahrstuhl eines Edelpuffs, in dem gerade der Vorspann zu einem Mitmach-Holoporno abläuft. Den Statthalter freilich konnte selbst das nicht in Verlegenheit bringen. In seinen Augen jedoch meine ich das mitleidig-arrogante Lächeln gesehen zu haben, dem sich seine dünnen Lippen so standhaft verweigern. Aber ich kann mich auch täuschen. Denn die Lippen bewegten sich gewohnt mechanisch, als er zum Abschied zwei Sätze aus seinem überschaubaren Repertoire abspulte: „Na dann viel Glück!" – bei jedem anderen hätte ich das für blanken Sarkasmus gehalten – und: „Ich hoffe, Sie und Ling verbringen zusammen eine harmonische und erfolgreiche Reise!“ – dito. Mit diesen Worten hob er seine manschettenbewehrte Pranke – ich sah sie kommen, – ich sah sie kommen, konnte aber nicht mehr ausweichen – und klopfte mir damit kräftig auf die Schulter. Und jetzt, in diesem Augenblick verlässt er mit wehendem Bärtchen den Gleiter, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Der 911er ist auf einmal leer, bis auf mich und eine Kugel. „Start in 2 Minuten.“ Meine linke Schulter brennt, als trüge ich eine Feuerqualle als Epaulette. Unwillkürlich lege ich mir schonend die rechte Hand darauf. Die Berührung löst eine weitere ungefähre Erinnerung aus: Was fast freundschaftlich der Aufmunterung galt, hat ohne Absicht eine katastrophale Katastrophe ausgelöst. – Das weiß ich doch längst, weiter! – Jaja, wenn sich die Gedanken nur nicht so hinter dem Schmerz stauen würden! So wie das brennt, muss Tabak in die Kuhle hinter meinem Schlüsselbein gerieselt sein; vermutlich ist durch das Schulterklopfen der Filter von einer Zigarette abgebrochen… Mit einem Schlag wird mir klar: ich schwebe in Lebensgefahr! Ich muss schleunigst aus dem Anzug raus und die Kippen in den Spind sperren! Da schließt sich die Schleuse; schwere Bolzen verriegeln die Eingangsluke: mit einem hydraulischen Zischen fahren sie arretierend in ihre Halterung. „Start in 1 Minute."
Teufel auch! Ich reiße mir hastig den Raumanzug vom Leib und die kostbaren Venenositas purzeln bündelweise vor mir auf die Tatami-Matten. Bevor ich die wieder aufsammele, beschließe ich vorsichtshalber, werde ich erst einmal zurück in den Raumanzug schlüpfen, falls beim Start etwas schiefgehen sollte. Lieber verbrannt als erstickt, denke ich noch, als ich mir den Helm überstülpe. Im Spiegel der Frontscheibe sehe ich aus wie eine Glühbirne, die noch in den Pilotensitz geschraubt werden muss. Das reicht, das reicht, jubiliere ich innerlich, als meine rechte Hand im Ärmel verschwindet. Ich bin gedanklich schon beim Zuziehen des Reißverschlusses, da spüre ich im linken Ärmel einen Widerstand. Siegesgewiss ziehe ich fester, doch das Textil bewegt sich keinen Millimeter. Ist das ein Raumanzug oder eine Zwangsjacke? Caramba! Beim Versuch, an mir herunterzuschauen, um die Ursache des Klemmens zu lokalisieren, senke ich den Kopf etwas zu hektisch und knalle auf Höhe des Scheitels mit voller Wucht auf die linke Kunststoffarmlehne. Der erschütterte Helm findet sofort die Resonanz eines anderen Hohlkörpers und mein Kopf brummt wertvolle Sekunden lang wie eine tibetische Klangschale, bis ich messerscharf erkennen kann, dass eine straußeneigroße Schwellung am Schlüsselbein mich am Anziehen hindert und partout die Ärmelöffnung des unelastischen Stoffes nicht passieren will. Sack Zement, das nächste Mal würde ich eine Konfektionsnummer größer wählen! Das nächste Mal? Es wird kein nächstes Mal geben! So oder so. Aber sowas von so!
„11“ – Ich zerre wie gestört am Revers, bis mir das angelaufene Visier die Sicht undurchdringlich verschleiert. Scheiße, scheiße, scheiße! Das reicht nicht mehr! Nie und nimmer! Ich ziehe mir im Blindflug den rechten Handschuh über die linke Hand und wische mir damit einigermaßen die Sicht frei. „7“ – Dann den Handschuh wieder umständlich runtergefrickelt. Als dabei einer meiner panischen Blicke zufällig auf die Zigaretten am Boden fällt, verspüre ich einen lähmenden Stich im Herzen. „5“ – Ich rücke mir die Stiefel heran: mit dem linken Fuß bin ich drin; für den rechten brauche ich etwas länger. „3“ – Jetzt bin ich drin. „2“ – Ich ziehe mit letzter Kraft den Klettlappen des linken Kragens über den rechten; die Triebwerke springen mit einem leichten Vibrieren an. „1“ – Das Dröhnen der Triebwerke steigert sich auf 139 dB; das Hinüberschwingen aus dem Rollstuhl kostet mich so gut wie keine Zeit, das kann ich, nur das Schlüpfen in die Handschuhe dauert etwas wegen des heftigen Rüttelns; „0“ – 157 dB; die Sicherheitsgurte rasten ein und ich greife atemlos nach Tlaluc; 181 dB; mein letzter Gedanke ist: Festhalten.
Alle anderen potentiellen Gedanken schleudert es mit einem explosionsartigen Ruck durch die Schädelknochen meines Hinterkopfes in den Rückraum der Kabine, wo sie von der Heckwand kurz zurückprallen, bevor sie in den glühenden Kolben der Brennkammer verpuffen. Mit voller Wucht schießt mir ein unsichtbarer Rammbock in die Plauze und presst meine Gräten erbarmungslos in das Polster, bis mein Halswirbel unter der Kopfstütze einrastet. Mein mulattenbraunes Angesicht flattert wie die Lefzen einer französischen Bulldogge, sodass es die Nasenflügel bis unter die Ohrläppchen liftet, während der Sehnerv verzweifelt an den Augäpfeln zerrt, die – etwas leichtsinnig und mit Sicherheit zum falschen Zeitpunkt – einen horizontalen Bungeejump aus den Augenhöhlen unternommen haben und nurmehr wie zwei dem Erblinden ausgelieferte Pendel sinusförmig an ihrem Axon auf und ab schwingen. Und selbst noch die Dunkelheit eines Blinden, die mich schmerzlich umfängt, scheint mich fliehen zu wollen in die hintersten Winkel des Gleiters, so als wäre ich ein Projektil im Windkanal, das die Schallmauer meiner bisherigen Existenz durchbricht und alle, nicht nur die menschlichen, biographischen Eigenschaften in Stoßwellen hinter sich lässt; als wäre der Pilotensitz ein Mikrosieb, durch das ich millimeterweise diffundiere, eine Pforte, durch die ich nur Molekül für Molekül ins Paradies gelange. Selbst kovalente Bindungen brechen auf wie Streichhölzer. Doch je mehr ich mich auflöse, desto mehr klingen die Schmerzen ab, bis auch sie sich vollständig aufgelöst haben.
Ein säuerlicher Geruch steigt mir in die Nase. Wo bin ich? – will ich denken, finde aber nicht die Kraft dazu. Meine ganze Kraft verausgabe ich für das Öffnen der Augen, deren verklebte Lider wie zentnerschwere Rollläden auf den Wimpern lasten, und die sich selbst mithilfe einer imaginären Kurbel nur äußerst zäh heben. Puh, der Gestank ist ja nicht auszuhalten, aber echt, ey. Bin ich etwa in einer Latrine bestattet worden? Meine ersten Eindrücke verorten mich überall, nur nicht in einem Raumgleiter. Doch im selben Maß, wie Licht auf meine Netzhaut fällt, hellt sich auch meine Erinnerung auf. „Sam?“ Keine Antwort. „Sam?“, wiederhole ich, diesmal laut und deutlich. Stille. Ich wende den verbliebenen Rest meines Rumpfes, den das Gefühl der Taubheit bereits verlassen hat, zur Seite. Da erst werde ich der weißen Minizylinder mit hellbraunem Filter gewahr, die um mich herum schweben, als hingen sie an den unsichtbaren Ästen eines Haselstrauches herab wie Blütenkätzchen im Februar. „Sam!“, entfährt es mir fast schon drohend. Nichts. Der charmante Bordcomputer scheint nicht mitgereist. Wahrscheinlich winkt er uns von Stuttgart aus nach.
Unschlüssig wende ich mich dem Nuller zu, beziehungsweise dem kugelförmigen Gebilde, das mir als Ling vorgestellt worden ist. Irgendetwas hält mich davon ab, Ni hao zu sagen; mit schon halbgeöffnetem Mund halte ich inne und sortiere mich zögerlich, bis mir das Schweigen zu unangenehm wird. Glücklicherweise ist zu dem Zeitpunkt in meinem Kopf gerade Rushour auf den vier- und großspurig angelegten Nervenbahnen mit all ihren synaptischen Zubringern. Über Bande teilt das Kleinhirn der Kortex mit, wie ich die eingerastete Kieferknochen entriegeln und die begonnene Bewegung zu einem eingeübten Abschluss bringen könnte. Als Reaktion höre ich mich „N'apion“ sagen, wie ich für gewöhnlich, ohne nachzudenken, grüße, – nur dass ich die Grußfloskel etwas geduckt vortrage, bereit, die vorsichtig ausgestreckten Fühler sofort wieder einzuziehen.
„So lala. Ich habe mich mehrmals übergeben müssen“, kommt es daraufhin aus den Boxen des Nelties.
Das also ist es, was hier so bestialisch stinkt. Boah, ey! Der kotzt mir die Bude voll und behauptet, es gehe ihm so lala! Das soll ihm einer abnehmen! Wo gibt's denn bitte einen Außerirdischen mit Weltraumkrankheit? Zuletzt will unser Held auch noch nach Hause telefonieren!
Wie ich gerade aus dem Wühltisch an Gedanken zur Qualifikation des Nullers für die Raumfahrt das aktuelle Sonderangebot probedenke, welches Kreiswehrersatzamt ihn nach welchen Kriterien tauglich geschrieben haben könnte, werde ich einer warmen Feuchtigkeit in meinem Schoß gewahr, die vor dem Raketenstart definitiv noch nicht vorhanden war. Vorwurfsvoll blicke ich Tlaluc ins Ventil, als hätte er es bei Strafe nicht zulassen dürfen, vor dem Start mit Bodenseewasser gegossen zu werden. Ich hebe ihn an und betrachte versonnen das Loch im Boden des Terrakotta-Topfes. Zusätzlich prüfe ich die Erde mit einer der unverletzten Fingerkuppen. Die Erde ist trocken, aber sowas von trocken. So furzknochentrocken, dass mir jeglicher Fluchtweg in Richtung peyotischer Schuldzuweisungen ein für alle Mal versperrt ist. Tlaluc hat nichts verkackt. Niemand hat irgendwas verkackt. Nicht einmal ich. Ich habe nur, ich meine, ich werde – ich werde vor dem nächsten Navigationsschub ganz einfach einen Katheter legen. Nur um sicherzugehen.
Während Ling seinen Raumkater auskuriert, öffne ich den Gurt und hangle mich durch die Slalomstangen der Venenositas hindurch zum Sanitätskasten, um meine Schulter zu verarzten. Boah, was für ein Ei! Man könnte meinen, die Muskelspindel habe in völliger Missachtung der unproportionierten Gestalt des übrigen Bewegungsapparates ihre Fibrillen als Spartenkandidatin im Kampf um den Titel des Mister Universum bis zum Platzen aufgepumpt. Wenn die tatsächlich platzen und ich jetzt auch noch meinen linken Arm verliere, kann ich bald nur noch exzessiv Nabelschau betreiben. Mir reichen gelähmte Beine vollauf! Von Geburt an leide ich an dieser lästigen Myocholose, bei dem in den Sarkomeren das Phosphat mit dem Myosin verklumpt. Dank des Umstandes, dass in der Embryonalentwicklung die Verklumpung basal-endodermal auswächst und nicht auch noch apikal, kann ich motorisch mehr als nur mit den Ohren wackeln, – greift die Erinnerung an die Diagnose Raum, und ich bin mit dem Gedanken noch nicht am Ende, da hebe ich abwechselnd links und rechts die Ohrmuscheln zum Takt von „We will rock you“, was David stets so herzhaft zum Lachen gebracht hat.
