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"Eine Haltestelle vor dem Bahnhof bemerke ich, wie der Typ neben mir aufsteht und das Tram verlässt. Ich atme kaum hörbar auf. Er hat mich zwar nicht belästigt, aber ich mag es nicht sonderlich, von Menschen angesprochen zu werden. Nicht weil ich Angst habe, es ist mir einfach irgendwie unangenehm." Eine Begegnung und Lucys Welt steht plötzlich Kopf.
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Seitenzahl: 176
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Lucys Sicht
"Schneller, mach schon!", schnauft Fiona hinter mir. Ich atme ein, lege einen Sprint hin und schaffe es, die Bustür noch einmal zu öffnen. Schnell steige ich ein und halte ein Bein zwischen die Tür, sodass Fiona auch noch einsteigen kann. Wir sehen uns an und müssen automatisch grinsen. Wie nicht anders zu erwarten sehen wir richtig scheisse aus, nach diesem scheiss Sprint. Rote Wangen und zerzauste Haare. Scheiss Bus. Warum muss der eine Minute nach Unterrichtsschluss fahren? So müssen alle Schüler immer einmal quer über das ganze Schulgelände rennen.
Aber egal, ärgern können wir uns ein anderes Mal. Heute ist Freitag und Fiona und ich haben beschlossen nach Zürich zu fahren um ein bisschen shoppen zu gehen.
Die Busfahrt dauert zum Glück nur wenige Minuten und wir steigen am Bahnhof aus. Da steht schon der silberne Mini, der dem Freund von Fiona gehört.
Sie geht strahlend auf ihn zu und küsst ihn zur Begrüssung. Danach grinst er mich an und umarmt mich.
"Na, Lulu?"
Ich zeige ihm einen Vogel und muss lachen. Er mit seinen Spitznamen. Das werde ich nie verstehen können. Warum gibt man Leuten einen Spitznamen, deren Name sowieso nur aus vier winzigen Buchstaben besteht.
Wir steigen in sein Auto ein. Fiona und Sandro vorne, ich setze mich auf die Rückbank.
Viele würden sich seltsam vorkommen, etwas mit der besten Freundin und ihrem Freund zu unternehmen. Aber nicht ich. Ich weiss, dass Fiona mich niemals ausschliessen würde. Ausserdem verstehe ich mich auch ziemlich gut mit Sandro. Nicht zu gut, aber so gut es halt eben erlaubt ist. Fiona hat kein Problem damit, schliesslich weiss sie, dass für mich die Freundschaft immer vorgeht.
Das einzige was mir ein wenig Sorgen bereitet, ist Sandros Fahrstil. Er hat seinen Führerschein seit einem guten Jahr, aber er fährt ziemlich schnell. Eigentlich sogar gefährlich schnell. Eine Strecke die normale Menschen in 30 Minuten schaffen, schafft er locker in 20 Minuten.
Da er wieder mal um eine Kurve rast, klammere ich mich an der Tür fest. Er sieht es und lacht nur. Ich werfe ihm nur einer meiner berühmten bösen Blicke zu, was ihn nur noch mehr zum Lachen bringt.
"Jetzt schau mal auf die Strasse, Schatz!", befiehlt Fiona. Sie ist auch nicht so begeistert von seinen Fahrkünsten. Aber sie kann sich glücklich schätzen, dass er überhaupt ein Auto hat. Das kann man von einem 19-jährigen nicht unbedingt erwarten. Aber er arbeitet schon, während Fiona und ich die 11. Klasse eines Gymnasiums besuchen.
Nach einer witzigen, aber schnellen Fahrt lässt Sandro uns beim Bahnhof in Zürich aussteigen. Er erklärt uns noch kurz, wo er Fiona um 21 Uhr abholen wird, dann küsst er sie zum Abschied und umarmt mich.
Jetzt haben wir vier Stunden Zeit um das zu tun, was wir wollen, in der coolsten Stadt der Schweiz. Zürich. Vergleicht man es mit London oder Paris ist es natürlich nichts, aber für die Schweiz ist das schon ziemlich cool.
So verfressen wie wir sind gehen wir gleich zum Starbucks, der auf der anderen Strassenseite ist. Wir holen uns beide einen riesigen Schoko-Cookie und schlendern an der Bahnhofstrasse entlang. Dabei lästern wir über unsere Lehrer, einige Mitschüler und füllige Frauen, die sich in enge Leoprint-Leggins quetschen. Das ist genau unser Ding. Essen und lästern.
Obwohl man sagen muss, dass wir seit ein paar Monaten zwei Mal pro Woche in ein Fitnessstudio gehen.
Als wir vor Zara stehen, schauen wir uns nur kurz an und nicken. Da sowieso die meisten Kleidungsstücke um 30% reduziert wurden, war es klar, dass wir da rein gehen.
Ein weiteres Hobby von uns war es, tausende Dinge anprobieren und dann trotzdem nur wenige Teile zu kaufen, da unsere Geldbeutel leider nicht so gut gefüllt sind.
Fiona steht einfach alles! Sie ist gross, blond, blaue Augen und sie kann essen was sie will, ohne zuzunehmen. Ich bin genau das Gegenteil. Klein, braune Haare, braune Augen und muss auf meine Linie achten, dass ich nicht aufgehe wie ein Brötchen im Ofen.
Ich kaufe schliesslich ein gelbes Basic Top, welches bei meiner leicht gebräunten Haut ziemlich toll aussieht. Ich will dieses Top auf jeden Fall in den Sommerferien anziehen.
Fiona kauft sich ein schwarzes, schulterfreies Top, welches ihre Oberweite toll zur Geltung bringt. Auf ihre Oberweite war ich schon immer ein klein wenig neidisch. Aber ich bin mir sicher, dass Sandro dieses Top lieben wird.
Ausserdem kaufte sie sich eine hellblaue Jeans-Shorts.
Wir verlassen Zara nach einer knappen Stunde und gehen direkt auf unser Lieblings-Geschäft zu. Müller. Wenn man keinen dm hat, wie in Deutschland, ist Müller alles was einem noch bleibt. Deshalb lieben wir es, dort durch das Geschäft zu laufen und alle Produkte anzuschauen.
Ich muss gestehen, dass ich eine kleine Sucht nach Kosmetikprodukten entwickelt habe. Nicht Make Up, eher so Pflegeprodukte. Mit Make Up kann ich nichts anfangen. Ich habe einfach nicht die Geduld, mir einen perfekten Lidstrich zu ziehen oder mir die Nägel zu lackieren. Aber Duschgele, Shampoos und Bodylotions besitze ich dafür richtig viele. Die meisten Leute würden behaupten, dass ich gar keinen Überblick mehr habe, aber das stimmt nicht. Ich habe alles schön sortiert. Das einzige Problem ist, dass ich mir jedes Mal wenn ich im Müller bin, neue Produkte kaufe, obwohl ich die alten Produkte noch nicht aufgebraucht habe.
So auch heute. Ich kaufe mir eine Bodylotion von bebe, einen neuen Labello und ein paar Gesichtsmasken.
Fiona tickt da genauso wie ich. Wenig Make Up, dafür viele Pflegeprodukte. Und auch sie schlägt zu und kauft einige Dinge.
Als wir Müller mit schwerem Herzen verlassen, haben wir beide erneut Hunger. Ohne lange diskutieren zu müssen, sind wir uns einig, dass wir uns etwas bei McDonalds holen und uns damit an den See setzen, obwohl es schon ziemlich dunkel ist.
So kommt es, dass wir zwanzig Minuten später mit unseren McDonalds-Tüten am See sitzen, essen und über belangloses Zeug reden.
"Sag mal, weisst du eigentlich wie spät es ist?", fragt mich Fiona als sie fertig ist mit essen.
Ich hole mein Handy aus der Tasche und muss feststellen, dass es schon viertel vor neun ist und wir uns auf den Weg zum Treffpunkt machen sollten.
Als wir dort ankommen, steht Sandros Mini schon da. Er steigt aus und kommt auf uns zu.
"Ich hab mir Sorgen um euch gemacht um", sagt er und umarmt Fiona. Sie flüstert ihm etwas ins Ohr und löst sich von ihm. Sandro wendet sich dann zu mir und fragt: "Soll ich dich nach Hause fahren?"
Ach ja, Fiona übernachtet heute ja bei ihm. Ich will ihnen nicht zur Last fallen, deshalb lehne ich dankend ab. Ausserdem liebe ich es irgendwie, mit der Bahn zu fahren. Musik hören, einfach da sitzen und aus dem Fenster schauen. Genau mein Ding. Aber das will ich ihnen nicht unbedingt erzählen.
"Wie du willst. Ich will einfach nicht, dass dir etwas passiert.", meint Sandro fürsorglich und nimmt Fiona Hand.
"Nein, ich komme schon alleine klar. Ausserdem weiss ich, wie man einem Typen in die Eier tritt.", entgegne ich.
Die beiden lachen nur und umarmen mich zum Abschied. Dann steigen sie in den Mini und brausen davon.
Ich hole erst einmal mein Handy und die Kopfhörer aus meiner Tasche und mache mich auf die Suche nach einer Tram-Station.
Keine zwei Minuten später stehe ich an der Haltestelle, für die Tramlinie, die an den Bahnhof fährt. Zum Glück ist der Automat frei und ich kann mir gleich ein Ticket lösen.
Ausser mir stehen noch eine ältere Frau und zwei Typen in meinem Alter an der Haltestelle. Aber ich beachte sie nicht weiter. Viele Mädchen hätten bestimmt Angst, im Dunkeln alleine mit dem Tram durch Zürich zu fahren. Mir macht es seltsamerweise nichts aus. Ich kann es mir selbst nicht erklären, aber es macht mir einfach keine Angst. Vielleicht weil ich so nach dem Motto lebe: Irgendwann werde ich eh sterben.
Zum Glück kommt auch schon das Tram. Ich steige ein, lasse mich auf einen freien Sitz fallen und lehne den Kopf ans Fenster. Dann setzt sich das Tram auch schon in Bewegung.
Lucys Sicht
Ich schaue aus dem Fenster und schaue, wie Häuser, Menschen und die Lichter der Stadt vorbeiziehen. Total in der Musik versunken, versuche ich krampfhaft, nicht einzuschlafen und muss in mich hineingrinsen. Heute werde ich nicht all zu früh ins Bett kommen und morgen gehe ich mit ein paar Freundinnen auf ein Festival. Dann werde ich auch erst gehen vier Uhr morgens ins Bett kommen. Aber ist ja auch scheiss egal, ich bin ja noch jung.
Plötzlich liegt eine Hand auf meiner Schulter. Ich zucke zusammen, ziehe mir die Kopfhörer aus den Ohren und drehe langsam den Kopf. Eigentlich will ich gar nicht wissen, zu wem diese Hand gehört. So ein scheiss Arschloch. Der hat sich mit der Falschen angelegt.
Völlig überrumpelt muss ich feststellen, dass da plötzlich so ein Typ auf dem Sitz neben mir sitzt. Und er hat seine Hand auf meiner Schulter. Und er schaut mich an.
Bevor ich mich entscheiden kann, was ich tun soll, beginnt er zu sprechen und nimmt auch schon die Hand von meiner Schulter. „Das ist schon die Tramlinie, die zum Bahnhof fährt, oder?“
Ah, ein Deutscher. Typisch. Egal, immerhin scheint er ziemlich harmlos zu sein. Ich vermeide es, ihn anzusehen und nicke nur, in der Hoffnung, dass er mich in Ruhe lässt.
Aber war ja klar, dass er mich nicht einfach so in Ruhe lassen kann.
„Es tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken oder belästigen. Ich habe dich gefragt, ob der Platz noch frei ist, aber du hast mich nicht gehört wegen der Musik.“
Ich schaue ihn kurz an und er scheint es wirklich ernst zu meinen. Ein harmloser Typ Anfang Zwanzig. Deshalb lächle ich ein klein wenig und nuschle: „Kein Problem.“
Aber jetzt habe ich keinen Bock mehr auf Small Talk. Ich will einfach nur ungestört Musik hören und nachdenken. Deshalb setze ich meine Kopfhörer wieder auf, drehe die Musik noch ein klein wenig lauter auf lehne meinen Kopf gegen die Scheibe. Aus dem Augenwinkel nehme ich wahr, dass dieser Typ mich unauffällig beobachtet. Hat der ernsthaft das Gefühl, ich würde sowas nicht merken? Egal, einfach ignorieren, denke ich mir. Ich bin eh bald zu Hause.
Eine Haltestelle vor dem Bahnhof bemerke ich, wie der Typ neben mir aufsteht und das Tram verlässt. Ich atme kaum hörbar auf. Er hat mich zwar nicht belästigt, aber ich mag es nicht sonderlich, von Menschen angesprochen zu werden. Nicht weil ich Angst habe, es ist mir einfach irgendwie unangenehm.
Als ich wieder aus dem Fenster schaue, sehe ich wie dieser Typ die Strasse überquert und auf das Hotel Schweizerhof zugeht. Wow, der muss Kohle haben! Was macht ein junger Typ alleine in Zürich und dann noch in einem so tollen Hotel? Naja, was weiss ich schon über ihn?! Das Tram setzt sich wieder in Bewegung und ich werfe einen letzten Blick auf ihn.
Wie nicht anders zu erwarten hat sich das Tram verspätet und ich muss rennen um meinen Zug nicht zu verpassen. Das passiert auch nur mir!
Zum Glück erwische ich den Zug noch in letzter Sekunde. Laut schnaufend und mit geröteten Wangen setze ich mich in ein freies Abteil. Der Rest der Zugfahrt verläuft wie ich es mir erhofft hatte. Musik hören, raus schauen und nachdenken. Nur der Kontrolleur unterbricht meine Gedanken für wenige Augenblicke.
Es ist schon kurz nach elf Uhr, als ich endlich die Haustür aufschliesse. Meine kleine Schwester übernachtet bei einer Freundin und meine Mutter ist mit ihrem Freund weg, wie sie mir per Whatsapp Nachricht mitgeteilt hat. Sturmfrei. Ganz genau nach meinem Geschmack.
Ich ziehe mein Schlafshirt an, schminke mich ab und mache mich bettfertig. Dann mache ich mir noch einen Tee, wie jeden Abend und setze mich mit meinem Handy ins Bett um noch ein paar Youtube Videos zu schauen.
Viele würden jetzt an einem Freitagabend noch feiern gehen. Ich bin nicht so der Typ dafür. Ich gehöre eher zu den Menschen, die schon um 22 Uhr mit einer Tasse Tee im Bett sind und noch Videos, Filme oder Serien gucken. Oder irgendwas lesen. Aber nicht feiern. Ich verstehe das Konzept dahinter einfach nicht. Klar habe ich auch schon getrunken oder so, aber ich war mit meinen siebzehn Jahren noch nie sturzbesoffen. Und ich habe auch nicht vor, das bald zu ändern.
Bevor ich dann kurz nach Mitternacht einschlafe, denke ich an morgen. Ein Festival mit Freundinnen. Das wird bumsgeil.
Lucys Sicht
Es ist erst neun Uhr, als ich am nächsten Tag aufwache. Samstag. Und die Sonne scheint. Ich schlage die Augen auf und atme einmal tief durch und beginne augenblicklich zu lächeln. Mein Leben ist richtig toll! Klar könnte es besser sein, aber was will man schon?! Ich habe eine tolle Mutter, eine super nette Schwester, die besten Freunde überhaupt und besuche ein Gymnasium. Das Einzige worüber ich mich beklagen könnte, sind Jungs. Ich hatte noch nie einen Freund. Ich hatte zwar schon was mit zwei Typen aber es kam nie zum Punkt, wo es richtig ernst wurde. Das kommt schon noch, rede ich mir immer ein. Und eigentlich muss ich mir ja auch keinen Stress machen, denn mit siebzehn hat man ja noch das ganze Leben vor sich. Ausserdem kommt der passende Typ schon noch. Man kann auch ohne einen Freund glücklich sein.
Ich schlage die Decke zurück, stehe auf, öffne das Fenster und begebe mich in die Küche um mir einen Kaffee zu machen. Meine Mutter schläft wohl noch und meine Schwester ist noch nicht zurückgekommen.
Mit der Kaffee-Tasse setze ich mich wieder ins Bett und schnappe mir das Handy. Ich schreibe kurz mit Fiona. Sie wird am Abend mit Sandro ins Kino gehen und sich „Spy“ ansehen. Der Film ist einfach super witzig! Auch Julie hat mir eine Nachricht geschrieben. Sie freut sich schon so richtig auf das Festival. Da muss ich augenblicklich wieder grinsen. Der heutige Abend wird auf jeden Fall richtig toll!
Anschliessend schaue ich mir meinen Instagram Feed durch und gucke mir ein paar Vlogs von Youtubern an. So sieht mein perfekter Samstagmorgen aus.
Es ist schon fast Mittag, als ich mich endlich dazu aufraffen kann, aufzustehen und mir Frühstück zu machen. Im Moment liebe ich es, ein Haferflockenmüsli mit Blaubeeren und Joghurt zu essen.
Nachdem ich noch einen Teil der Hausaufgaben erledigt habe, ist es auch schon Zeit, mich für das Festival bereit zu machen. Duschen, Tasche packen, anziehen und ein bisschen Schminke muss auch sein. Aber nur Mascara, Puder und Labello. Wie immer halt.
Um 15 Uhr verabschiede ich mich von meiner Mutter und gehe zum Bahnhof. Ich muss nur zwei Stationen fahren, bis zum Treffpunkt, den ich mit Julie und ihrer Mutter ausgemacht habe. Julies Mutter hat uns freundlicherweise Angeboten und zum Festivalgelände zu fahren.
Als ich aussteige, steht Julie schon breit grinsend da und winkt mir zu. Ich renne zu ihr hin und umarme sie, während sie mir ins Ohr quietscht, wie aufgeregt sie doch ist. Sie freut sich total auf die Acts. Ich muss zugeben, dass ich gar keine Ahnung habe, wer da überhaupt auftritt. Und als sie mir die Namen aufzählt merke ich, dass ich die Hälfte gar nicht kenne. Egal, es kommt ja nicht unbedingt auf die Acts darauf an, sondern auf die Leute mit denen du dahin gehst.
Auf der Fahrt lachen wir uns über jeglichen Scheiss halb tot und die Stimmung ist einfach super. Mit Julie hat man einfach immer Spass!
Schlussendlich sind wir früher da als erwartet, weshalb wir dann auch den grössten Teil von Luca Hännis Auftritt mitbekommen.
„Mensch, den wollte ich gar nicht sehen!“, mault Julie neben mir. Ich kann nur lachen. Wir sind beide nicht seine grössten Fans. „Egal, der nächste Act wird bestimmt besser!“, versuche ich sie aufzumuntern. Dann schnappe ich mir zwei dieser blauen Hüte, die rumliegen und setze ihr einen auf. So laufen wir einmal über das ganze Festivalgelände um uns einen Überblick zu verschaffen.
Nach Luca kommt Marit Larsen auf die Bühne, die uns um einiges besser gefällt! Ihre Stimme hat so einen schönen Klang und sie sieht echt hübsch aus. Und es hat nicht so viele zwölfjährige, nervende, kreischende Fans.
„Ich hab Hunger!“, meint Julie nach Marits Auftritt, packt mich am Arm und zieht mich aus der Menge, zu so einer Fressbude. Ich hab die Orientierung verloren, aber ich vertraue ihr einfach.
Wir kaufen uns an dieser Bude zwei Dönerboxen und gönnen uns ein Bier. Eigentlich mögen wir beide kein Bier, aber irgendwie muss das jetzt sein. Damit verziehen wir uns auf eine Wiese im hinteren Bereich und schreiben Niki, die leider erst später kommen kann.
Nach dem Bier kommt uns die Stimmung bei den Auftritten von Müslüm und Dodo noch besser vor als vorher. Wir hüpfen mit der Menge mit, schreien die Texte und lachen die ganze Zeit.
Als der Rapper Stress angekündet wird packt Julie erneut meine Hand und drängelt sich vor, bis wir fast vor der Bühne stehen. Geil! Auch wenn Stress auf Französisch rappt, macht er total Stimmung. Es kommt mir vor, als wäre ich in einer anderen Welt. Weit, weit weg von zuhause. Obwohl es nur wenige Kilometer entfernt ist.
Nach Stress sind Julie und ich nassgeschwitzt und wir müssen dringend aufs Klo. Ausserdem sollten wir gleich zum Eingang, um dort auf Niki warten. Die Toi Toiletten sind zwar eklig, aber wir haben keine Wahl.
Weil wir noch gute fünfzehn Minuten totschlagen müssen, bis Niki endlich kommt, beschliessen Julie und ich uns einen Drink zu besorgen. Da gibt es nur noch ein kleines Problem. Wir sind noch nicht achtzehn und kommen somit nur an Bier ran.
Vor der einen Bar versuchen wir unser Glück. Ich tippe einem Typen auf die Schulter, der bestimmt schon zwanzig ist. Er dreht sich zu uns um und grinst uns an. „Hi die Damen, ich bin Marcel und wer seid ihr?“
„Äh, ich heisse Lucy und das ist Julie.“ Das ist schon ziemlich unangenehm. Deshalb schaue ich verlegen auf die Füsse. Julie übernimmt deshalb für mich: „Wir sind noch nicht achtzehn, deshalb wollten wir dich fragen, ob du uns vielleicht einen Drink kaufen könntest.“
Marcel lacht auf und fragt frech: „Was krieg ich dafür?“
Ich strecke ihm eine zwanziger Note hin und antworte: „Da. Was übrig bleibt kannst du behalten.“
Er stimmt zu und wir sagen ihm, welchen Drink wir gerne hätten. Uh, den ersten Teil haben wir geschafft. Es bleibt nur zu hoffen, dass er jetzt nicht mit unserem Geld abhaut.
Gerade als wir die Hoffnung schon aufgegeben haben, kommt Marcel mit zwei Drinks wieder aus dem Zelt und überreicht sie uns. Er umarmt uns zum Abschied und wünscht uns noch einen schönen Abend. Wir bedanken uns höflich und verziehen uns.
Beim Eingang setzen wir uns auf den Boden, trinken und quatschen über irgendwelche Dinge, während wir auf Niki warten.
Lucys Sicht
Unsere Drinks haben wir zur Hälfte geleert als ich merke, dass Julie und ich schon ein bisschen angetrunken sind. Wir sind beide nicht so trinkfest. Deshalb müssen wir wegen jedem Scheiss lachen. Gerade als Julie sich vor lauter Lachen den Bauch halten muss, setzt sich ein Typ zu uns hin.
„Na Ladys, amüsiert ihr euch schön?“, fragt er uns grinsend und lässt seinen Blick auf unsere Drinks gleiten.
Julie muss daraufhin nur noch mehr lachen. Ich finde es eigentlich nicht ganz so witzig. Deshalb rutscht mir ein „Na super, ein Deutscher“ raus. Normalerweise würde ich das nur denken, aber durch den ganzen Alkohol habe ich ein loses Mundwerk gekriegt. Beschämt schaue ich auf den Boden und streiche meine Haare zurück.
Jetzt muss auch der Typ lachen und nennt seinen Namen. Leider verstehe ich es aber nicht, da Julie schon wieder einen Lachanfall hat. Und dieses Mal muss ich mitlachen. Wir sind einfach so schlimm und peinlich! Wir können uns nicht mal normal mit einem Typen unterhalten. Dann ist es wohl kein Wunder, dass wir beide noch single sind.
Der Typ muss wieder grinsen und ich sehe, dass er plötzlich eine Zigarette in der Hand hat, die er anzündet. „Und ihr seid?“, fragt er mit einem leicht ungeduldigen und fordernden Unterton.
„Julie“, presst sie hervor und wedelt mit ihrer Hand vor ihrer Nase rum, um den Rauch zu vertreiben.
Ich nehme noch einen Schluck von meinem Drink, dann sage ich mit einer ungewöhnlich hohen Stimme: „Lucy“
Der Typ nickt bloss und bläst mir den Rauch seiner Zigarette einfach direkt ins Gesicht. So ein Arschloch! Das hätte ich ihm am liebsten auch gesagt, aber da packt mich ein Hustenanfall. Für einen kurzen Moment denke ich echt, dass ich sterben muss, aber so schlimm ist es dann auch wieder nicht. Oh man, ist das peinlich!
Und Julie, anstatt mir zu helfen, lacht sich halb tot. Auch dieser Typ muss lachen, klopft mir aber freundlicherweise auf den Rücken und fragt, ob alles okay ist.
„Jaja, es geht schon wieder“, murmle ich, als ich mich so halbwegs erholt habe. Hastig trinke ich ein paar Schlucke von meinem Drink.
„Darf ich auch einen Schluck?“, fragt mich der Typ. Ich strecke ihm wortlos meinen Drink hin. Er nimmt einen grossen Schluck und gibt mir den Becher zurück. „Was macht ihr zwei Ladies eigentlich hier hinten? Die Party findet vorne statt!“
„Wir warten“, platzt es aus Julie raus und sie muss wieder lachen. Uh, die ist aber schon ziemlich angetrunken. Das kann ja noch heiter werden heute Abend.
„Auf wen wartet ihr denn, wenn ich fragen darf?“, hakt der Typ grinsend nach. Julies Lachanfälle scheinen ihn zu amüsieren.
Muss der so neugierig sein? Langsam wünsche ich mir, dass er weg geht. Nicht dass er irgendwie gefährlich wirkt oder schlecht aussieht, ich wünschte halt einfach, ich könnte jetzt mit Julie alleine auf Niki warten. Ausserdem stellt er ziemlich viele Fragen.
„Auf eine Freundin“, antworte ich dann seufzend.
Der Typ beginnt nun seltsam mit seinen Augenbrauen zu wackeln und meint: „Hm, Ladies night, ich verstehe schon!“ Dann wirft er seinen noch glühenden Zigarettenstummel weg.
Ich weiss echt nicht, was ich zu ihm sagen soll. Erstens ist es mir immer noch total peinlich, dass ich ganz am Anfang über die Deutschen gelästert habe und zweitens weiss ich, dass ich unter Alkoholeinfluss oft Dinge sage, die ich später bereue, wie gerade eben schon.
Plötzlich wedelt dieser Typ mit seiner Hand vor meinen Augen rum. „Erde an Lucy!“, ruft er ein bisschen zu laut.
