Ich klick dich weg - Lucy Sykes - E-Book

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Lucy Sykes

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Beschreibung

Die eine hat Follower, die andere Erfahrung. Was zählt mehr beim Zickenkrieg in der Redaktion? Ein stylisher, herrlich böser Roman aus der Welt der Mode und der Medien. Imogen Tate kehrt nach längerer Abwesenheit zurück an den Schreibtisch der Chefredakteurin des Magazins ›Glossy‹, nur um auf ihrem Stuhl ihre frühere Assistentin Eve vorzufinden. Eve plant einen komplett digitalen Relaunch des Magazins als App, keine dicke 400-Seiten-September-Ausgabe. Imogen kennt zwar alle wichtigen Designer und Supermodels persönlich, hat aber keinen Schimmer von Dingen wie Community Management in den sozialen Netzwerken oder dem verkaufsfördernden Einsatz von Instagram und Snapchat. Und sie ruft tatsächlich noch Menschen an, statt einfach eine E-Mail zu schreiben oder eine WhatsApp-Nachricht zu schicken. Um ihren Job zu behalten, muss sie den Kampf gegen die TechBitch aufnehmen.

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Seitenzahl: 588

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Lucy Sykes | Jo Piazza

Ich klick dich weg

Roman

 

Aus dem Amerikanischen von Birgit Schmitz

 

Über dieses Buch

 

 

Imogen Tate kehrt nach längerer Abwesenheit zurück an den Schreibtisch der Chefredakteurin des Magazins ›Glossy‹, nur um auf ihrem Stuhl ihre frühere Assistentin Eve vorzufinden. Eve plant einen komplett digitalen Relaunch des Magazins als App, keine dicke 400-Seiten-September-Ausgabe. Imogen kennt zwar alle wichtigen Designer und Supermodels persönlich, hat aber keinen Schimmer von Dingen wie Community Management in den sozialen Netzwerken oder dem verkaufsfördernden Einsatz von Twitter, Instagram und Snapchat. Und sie ruft tatsächlich noch Menschen an, statt einfach eine E-Mail zu schreiben oder eine WhatsApp-Nachricht zu schicken. Um ihren Job zu behalten, muss sie den Kampf gegen die TechBitch aufnehmen.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

 

Lucy Sykes hat als Stylistin und als Modereakteurin gearbeitet. Sie war sechs Jahre lang Modechefin des Magazins ›Marie Claire‹ und hat eine eigene Kindermodekollektion entworfen, die weltweit verkauft wurde. Zuletzt war sie Modechefin bei Rent the Runway. Die gebürtige Engländerin zog 1997 gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester, der Bestsellerautorin Plum Sykes, von London nach New York, wo sie heute mit ihrem Ehemann und ihren beiden Kindern lebt.

Jo Piazza ist Journalistin und Buchautorin. Darüber hinaus ist sie Beraterin für Technologiefirmen und Start-ups. Sie lebt mit ihrem riesigen Hund in New York.

Impressum

 

 

 

Dieses Buch ist ein Werk der Fiktion. Namen, Personen, Unternehmen, Organisationen, Schauplätze, Ereignisse und Vorkommnisse sind entweder der Phantasie der Autorinnen entsprungen oder werden fiktional verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, lebenden oder verstorbenen, Ereignissen oder Orten, ist rein zufällig.

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Die amerikanische Originalausgabe erschien

unter dem Titel ›The Knockoff‹ bei Doubleday, New York

 

Copyright © 2015 by Lucy Sykes

All rights reserved. Published in the United States by Doubleday,

a division of Penguin Random House LLC, New York.

 

Covergestaltung: bürosüd°, München

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-403346-4

 

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Inhalt

Für die Jungs: Euan, [...]

Ȇbe Nachsicht mit deinen [...]

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

Epilog

Dank

Für die Jungs: Euan, Heathcliff und Titus

Für John und Tracey

Für alle Imogen Tates

»Übe Nachsicht mit deinen Feinden. Nichts wurmt sie mehr.«

– Oscar Wilde

»Wer unersetzlich sein will, muss vor allem eins sein: anders.«

– Coco Chanel

Prolog

5. September 1999

Die hübsche junge Redakteurin schlug ihre nackten Beine übereinander und ließ den rechten Fuß nervös auf und ab wippen. Für die erste Reihe war ihr Bleistiftrock aus schwarzem Bouclé vielleicht doch einen Hauch zu kurz. Im Großen und Ganzen fiel sie zwischen all den schwarzgekleideten Frauen und Männern hier aber nicht weiter auf. Wohin sie auch schaute, sah sie feinste italienische Stoffe, die in ihrer Verarbeitung sowohl französischem Chic als auch amerikanischem Anstandsempfinden genügten. Sie war richtig angezogen und passte genau ins Bild. Trotzdem konnte sie nicht glauben, dass sie wirklich dort saß. Nie im Leben hätte sie gedacht, dass sie irgendwann in der ersten Reihe einer Modenschau bei der New Yorker Fashion Week sitzen würde. Zum wiederholten Mal klappte sie die imposante Einladungskarte auf und überflog den goldgeprägten Text. Alles korrekt. 11 A war ihre Platznummer. Sie war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Imogen war jetzt sechsundzwanzig, und hinter ihr lagen fünf Jahre, in denen sie mit ihrer Vorgesetzten bei Moda sämtliche Fotos von den Shows der Fashion Week genauestens studiert hatte, aber leibhaftig dabei gewesen war sie noch nie. Und auch diese traumhafte Platzkarte für die Runwayshow von Oscar de la Renta hatten die verantwortlichen Redakteure ihr nur deshalb überlassen, weil sie selbst absolut keinen Termin mehr in ihre überfüllten Kalender quetschen konnten. Bridgett Hart, eine wunderschöne Schwarze, die mit ihr und zwei anderen Frauen in einer Dreier-WG wohnte und als Model arbeitete, war für diese Show gebucht. Imogen sah auf die Uhr. Siebzehn Uhr dreißig. Die Modenschau sollte offiziell um siebzehn Uhr beginnen, aber die Reihen waren noch nicht annähernd gefüllt. Obwohl Bridgett sie vorgewarnt hatte, dass während der Fashion Week nie irgendetwas pünktlich anfing, war Imogen um Punkt sechzehn Uhr fünfundvierzig da gewesen. Früh da zu sein war immer das Beste. Imogen überlegte, ob sie noch einmal aufstehen sollte, um ihre Freundin Audrey zu begrüßen. Audrey arbeitete als Pressefrau bei Bergdorf Goodman und plauderte gerade wenige Meter entfernt mit einem Reporter von der Tribune. Aber Imogen hatte Angst, dass ihr jemand den Platz wegnehmen könnte. Man hatte sie vor einer besonders wachsamen neureichen Dame gewarnt, die nie einen Platz in der Front Row ergattern konnte, aber für den unwahrscheinlichen Fall, dass jemand nicht kam, stets am Rand stand und auf ihre Chance lauerte.

Imogen fiel eine Haarsträhne ins Gesicht, und sie strich sie schnell wieder hinters Ohr. Erst letzte Woche hatte ihre neue Haarkoloristin sie dazu überredet, nach einer Reihe von dramatischeren, dunkleren Farbtönen zu ihrem natürlichen Blond zurückzukehren. Das war schlicht und elegant. Und elegant war genau das richtige Wort, um ihr neues Leben in Amerika zu beschreiben. »Au!« Imogen zog ihren Fuß ein und strafte den Paparazzo vor ihr mit wütenden Blicken. Dieser Grobian war ihr auf den kleinen Zeh getreten, der in ihren besten (und einzigen) Riemchensandalen aus Schlangenleder sehr exponiert war.

»Sie sind im Weg«, sagte er ungerührt.

»Ich sitze auf meinem Platz«, gab Imogen in ihrem distinguiertesten Britisch und mit Betonung auf »mein« zurück. Dies war in der Tat ihr Platz, und ihr Name stand auf der Einladung. Das war alles andere als unbedeutend. Die Modebranche war ein abgeschotteter Zirkel aus Designern, Redakteuren, Einzelhandelskunden und handverlesenen reichen Erbinnen. Dieser Art von Events beizuwohnen war nur Auserwählten gestattet, und die Erlaubnis konnte leicht wieder entzogen werden.

»Aber Ihr Platz ist in meinem Weg«, erwiderte der Mann gereizt und stürmte dann quer über den mit Plastikfolie abgedeckten Laufsteg, um Anna Wintour, die Chefredakteurin der Vogue, zu fotografieren, die gerade anmutig ihren Platz einnahm. Wenn Anna saß, konnte die Show endlich beginnen. Sicherheitsleute in unförmigen schwarzen Rollis, die klobige Walkie-Talkies in den Händen hielten, drängten die Fotografen in ein abgegrenztes Areal ganz am Ende des Laufstegs zurück. Sämtliche Bilder von der Show waren bis zur Freigabe durch den Modeschöpfer mit einer strikten Sperrfrist belegt. Imogen hatte eine kleine Kompaktkamera bei sich, wagte aber nicht, sie herauszuholen. Sie hatte schon viele Bilder vor den Zelten im Bryant Park gemacht und wollte den Film auf dem Weg ins Büro bei einem der Läden abgeben, die binnen einer Stunde entwickelten. Stattdessen griff sie nach ihrem kleinen schwarzen Notizbuch und zog es aus der Handtasche.

Von Kopf bis Fuß schwarzgekleidete Assistenten rissen die Plastikfolie vom Laufsteg, und darunter kam eine makellos weiße Fläche zum Vorschein. Dann fuhren die Lichter herunter, und es wurde still im Raum. Die Besucher schoben respektvoll ihre Handtaschen und Aktenmappen unter die Stühle. Sie waren dem Geschehen auf dem Laufsteg gegenüber so ehrerbietig, dass sie, sobald das Licht gedimmt war, weder mit ihren Sitznachbarn zu tuscheln wagten noch mit den Zetteln raschelten, die sie im Schoß hielten.

Dann durchbrach ein Beat die Stille; »Livin’ La Vida Loca« von Ricky Martin erklang, und grellweißes Licht ergoss sich auf den Laufsteg. Models schritten, den Blick unverwandt geradeaus gerichtet, nacheinander auf und ab. Imogen schaffte es in der kurzen Zeit kaum, sich zu jedem Look Notizen zu machen. Das wäre jetzt wirklich die perfekte Gelegenheit für Fotos gewesen, aber sie traute sich nicht.

Auf der anderen Seite des Laufstegs erspähte Imogen Jacques Santos in einer weißen Jeans, seinem Markenzeichen. Der ehemalige Fotograf, der inzwischen zum Kreativchef einer großen Zeitschrift avanciert war, holte seine Nikon heraus und fotografierte die über den Runway stolzierenden Models. Aus dem Augenwinkel sah Imogen, dass die Sicherheitsleute auf ihren Posten am Ende des Laufstegs unruhig wurden. Doch erst als Jacques aufstand und die Kamera über seinen Kopf hob, um den Laufsteg von oben zu fotografieren, setzten sie sich in Bewegung. Zwischen den Auftritten zweier Models, also perfekt getimt, traten ein Wachmann von links und einer von rechts an Jacques heran, und bevor der Franzose wusste, wie ihm geschah, hatten sie ihn zu Boden gerungen und die Kamera konfisziert. Wie betäubt lag er auf dem Runway.

Bridgett, Imogens beste Freundin, stieg, ohne eine Miene zu verziehen, langsam mit ihren hohen Lederstiefeln über den Mann hinweg und setzte ihren Weg über den Laufsteg fort. Der Wachmann zog Jacques mit einer Hand vom Boden hoch, während er in der anderen die Kamera hielt, klopfte seine Kleider ab und bedeutete ihm, sich wieder hinzusetzen. Dann zog er den Film aus der Nikon, händigte die Kamera wieder aus und kehrte zu seinem Platz im Hintergrund zurück.

Die Show ging weiter.

1

August 2015

Zuerst erkannte Imogen die junge Frau nicht, die in ihrem Büro saß. Sie wirbelte auf Imogens Schreibtischstuhl herum und fotografierte ihre magentafarbenen Tory-Burch-Ballerinas und ihre passend lackierten Fingernägel. Dabei hielt sie das weißgoldene iPhone in der rechten Hand und streckte die linke so nach unten aus, dass ihre manikürten, gespreizten Finger zusammen mit den Schuhen aufs Bild kamen.

Imogen strich sich die feinen blonden Haare hinters Ohr und ließ ihren Absatz demonstrativ aufs Parkett klacken, um sich bemerkbar zu machen, denn die junge Frau hatte sie offenkundig überhört und schaute jetzt mit Schmollmund in die Handykamera, um ein Selfie zu machen.

»Oh!« Eve Morton, Imogens ehemalige Assistentin, fuhr erschrocken herum, und ihr Handy fiel klappernd zu Boden. Eves heisere Stimme klang etwas überrascht, und die junge Frau schaute über Imogens Schulter, um zu sehen, ob sonst noch jemand im Zimmer war. »Sie sind wieder da?« Sie kam mit ihren fohlenhaften Beinen in Windeseile angelaufen und zog ihre Exchefin in eine Umarmung, die dieser allzu vertraulich erschien. Eve sah verändert aus. Ihre roten Locken waren verschwunden; bestimmt hatte sie eine Keratinbehandlung machen lassen. Ihre glänzenden, nun vollkommen glatten Haare umflossen ein perfekt geschminktes Gesicht mit einer Nase, die etwas niedlicher war, als Imogen sie in Erinnerung hatte.

Was hatte diese junge Frau am Schreibtisch der Chefredakteurin verloren? Imogens Schreibtisch.

In Imogens Hirn ratterte es; sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum Eve so früh am Morgen überhaupt in diesem Gebäude war. Sie arbeitete gar nicht mehr hier. Bis vor zwei Jahren war sie Imogens Assistentin gewesen, und seitdem hatte sie sie nicht mehr gesehen.

Imogen mochte Eve, sie war eine außergewöhnlich gute Assistentin und fast schon so etwas wie eine Freundin gewesen, aber Imogen selbst war heute den ersten Tag wieder in der Redaktion und konnte keine Ablenkung gebrauchen. Sie wollte gern erst einmal richtig ankommen, bevor ihre Mitarbeiter eintrudelten. Als Erstes hatte sie vor, sich einen Cappuccino von unten kommen zu lassen, dann wollte sie sich jemanden suchen, der mit ihr die unvermeidliche Flut von E-Mails durchging.

»Eve, Liebes, was führt Sie her? Ich dachte, Sie wären auf der Harvard Business School?« Imogen ging an ihr vorbei, um sich auf ihren Platz zu setzen. Es fühlte sich gut an, nach so langer Abwesenheit wieder in ihren Ledersessel zu sinken.

Das Mädchen setzte sich auf ihre langen Beine, anstatt sie übereinanderzuschlagen, als sie sich gegenüber von Imogen niederließ. »Ich hab im Januar meinen Abschluss gemacht. Dann war ich ein paar Monate in einem Start-up-Inkubator in Palo Alto, und im Juli bin ich hierher zurückgekommen.«

Was bitte schön ist denn ein Start-up-Inkubator?, fragte sich Imogen. In ihrer Vorstellung musste das irgendetwas mit Hühnern zu tun haben, aber sie hatte weder Lust nachzufragen, noch interessierte sie sich wirklich dafür.

»Sie sind wieder in New York? Wie schön. Ich wette, jetzt, wo Sie einen Abschluss in Betriebswirtschaft haben, hat Sie sofort eine der riesigen Investmentbanken eingestellt«, erwiderte Imogen gelassen und drückte auf die Start-Taste ihres Computers.

Eve warf ihre Haare zurück und stieß ein kehliges Lachen aus, das Imogen überraschte, weil es so reif und tief klang. Früher war Eves Lachen nett und fröhlich gewesen. Dieses Lachen gehörte einer Fremden. »Nein. Ich bin wieder in New York und wieder bei Glossy! Im Januar habe ich Mr Worthington meine Bewerbung geschickt. Als Sie sich haben krankschreiben lassen, waren wir gerade miteinander ins Gespräch gekommen. Und im Juli bin ich dann wieder nach New York gezogen und hab hier angefangen. Ich meine … das ist schließlich ein Traumjob. Er hat mir gesagt, er würde Ihnen Bescheid geben. Eigentlich hatte ich nicht vor Ihrer normalen Zeit mit Ihnen gerechnet … so gegen zehn. Ich dachte, Sie haben bestimmt erst ein Meeting mit Worthington, bei dem er Sie über meine neue Aufgabe hier in Kenntnis setzt.«

Alte Assistentin. Neue Aufgabe. Eve, sechsundzwanzig Jahre alt, saß, die kajalumrandeten Augen voll von ungeschminktem Ehrgeiz, in Imogens Büro.

Imogen hatte während ihrer sechsmonatigen Auszeit exakt zweimal mit dem Herausgeber Carter Worthington, ihrem Vorgesetzten, gesprochen. Zum ersten Mal seitdem sie die Redaktion betreten hatte, nahm sie die Büroetage genauer in Augenschein und bemerkte leichte Veränderungen. Die meisten Lichter waren noch gedimmt, wodurch das buttrige Licht der Morgensonne akzentuiert wurde, das durch die Fenster jenseits der Aufzüge hereinströmte. Doch das traditionell karg eingerichtete Großraumbüro wirkte vollgestopfter als sonst. Als sie ging, hatten Arbeitswaben mit niedrigen Trennwänden dort gestanden; und sie waren so großzügig geschnitten gewesen, dass jeder Schreibtisch über eine Tastatur und einen Bildschirm verfügte. Jetzt waren die Trennwände verschwunden, und ein gemütliches Sammelsurium von Tischen bildete eine lange Arbeitsfläche, die sich quer durch den Raum erstreckte. Und darauf standen Laptops so dicht an dicht, dass sie aneinanderstießen wie Dominosteine, die jederzeit umfallen konnten. Imogens Lieblingsfoto, eine Kopie von Mario Testinos berühmter Studie des Gesichts von Kate Moss, fehlte an der Wand. Stattdessen war nun ein breites Whiteboard dort angebracht, das mit Zahlenkolonnen und Kritzeleien in allen erdenklichen Farben bemalt war. An anderen Stellen der grauen Wand hingen knallbunte, in Schreibschrift bedruckte Schilder: »Hol dir den Kick, scheu keine Risiken!« »Was würdest du tun, wenn du keine Angst hättest?« »Was würde Beyoncé tun?« »Grandios. Glänzend. Glamourös.GLOSSY!« Und Imogen vermisste noch etwas anderes, sehr Wichtiges in ihrem Büro: die Korkpinnwand, die ihr immer als Inspirationsquelle gedient hatte. Für gewöhnlich war sie mit Zeitungsausschnitten, Fotostrecken, Stofffetzen, alten Bildern und anderen Dingen übersät gewesen, die Imogen gefielen und ihre Phantasie angeregt hatten. Wer zum Teufel hatte sich erlaubt, ihre Pinnwand abzuhängen?

Plötzlich befiel Imogen eine diffuse Angst. Irgendetwas war anders, und was immer es war, es fühlte sich sehr ungut an. Verschwinden Sie aus meinem Büro, war alles, was sie gerade denken konnte, aber stattdessen fragte sie nach einer kurzen Pause höflich: »Worin genau besteht denn Ihre neue Aufgabe hier, Eve?« Im gleichen Moment nahm sie den großen pinkfarbenen Sitzsack in der Ecke des Raums wahr.

»Ich bin für den Content von Glossy-dot-com verantwortlich«, antwortete Eve und lächelte flüchtig, aber wenig überzeugend, während sie an ihrem Nagellack herumknibbelte.

Imogen ließ sich nichts anmerken, aber innerlich atmete sie erleichtert auf. Okay. Eve war nur für die Inhalte im Internet zuständig. Kurzzeitig hatte sie befürchtet, Eve könne jetzt eine höherrangige Position innehaben, ohne dass man sie darüber informiert hatte. Natürlich lebten sie inzwischen im Jahr 2015, natürlich hatte auch ihr Modemagazin eine Website, und sicherlich war das auch eine nicht unbedeutende Neuerung. Aber die Website war bloß ein notwendiges Anhängsel der richtigen Zeitschriftenseiten; hauptsächlich wurde sie für Stücke und Berichte genutzt, die sie woanders nicht unterbringen konnten, sowie als Ausweichplattform, wenn Glossy Werbekunden einen Gefallen schuldete. Dieses Mädchen trug die Verantwortung für etwas relativ Belangloses. Doch warum fragte man sie, die Chefredakteurin, nicht nach ihrer Meinung, bevor man ihrer ehemaligen Assistentin eine neue Anstellung anbot? Das war schlechter Stil.

»Ich kann es gar nicht erwarten, Ihnen von all dem zu berichten, was jetzt neu ist. Die Website war nie besser. Ich bin sicher, unser Relaunch wird Sie begeistern«, fuhr Eve rasch fort.

Imogen spürte, wie ein vom Nacken ausstrahlender Kopfschmerz über ihren Schädel zog. »Ja, toll, dass die Website endlich neu gestaltet wird. Ich freue mich sehr, dass Sie zurück sind. Wir sollten unbedingt mal zusammen Mittagessen gehen, sobald ich hier wieder auf dem neuesten Stand bin.« Sie nickte und hoffte, die junge Kollegin würde endlich verschwinden und bloggen oder was auch immer sie tat, damit sie den Tag angehen konnte.

Vielleicht wurde ja ein kleiner Scherz die Sache beschleunigen: »Solange das Redesign der Website keine Auswirkungen auf mein Magazin hat, versteht sich«, schob sie nach. »Und solange mir keiner mein Büro abspenstig macht.«

Eve blinzelte sie irritiert an, ihre Wimpern-Extensions flatterten wie Kolibriflügel.

»Sie sollten mal mit Carter reden, Imogen.« Der vage anmaßende Ton dieser Sechsundzwanzigjährigen war schon seltsam genug, aber dass sie ihren gemeinsamen Vorgesetzten beim Vornamen nannte, ließ Imogen noch mehr stutzen. Auf einmal beschleunigte sich ihr Puls wieder. Sie hatte also doch richtiggelegen. Eve arbeitete nicht nur an der Website. Einen Augenblick lang befürchtete Imogen, Eve, deren Stärke es immer gewesen war vorauszuahnen, was Imogen als Nächstes im Sinn hatte, könnte auch jetzt ihre Gedanken lesen. Sie stand auf.

»Ich hatte ohnehin mit ihm vereinbart, ihn heute Morgen gleich aufzusuchen«, log Imogen. »Tja, dann mache ich mich mal auf den Weg.«

Sie wandte sich um und ging zum Aufzug. Als die Türen des Lifts sich öffneten, strömten einige junge Frauen, die sie noch nie gesehen hatte, an ihr vorbei ins Großraumbüro. Imogens Miene zeigte nichts als ein eingefrorenes Lächeln, aber ihre Hand zitterte, als sie auf die Taste für die Lobby drückte. In einem so großen Gebäude musste man erst nach unten fahren, wenn man weiter nach oben wollte.

Gus vom Kaffeestand in der Lobby sprang hinter dem Tresen hervor und tänzelte auf sie zu, als sie den Fahrstuhl wechseln wollte.

»Ahh! Sie wieder da! Ichch schon Angst, Sie komme gaaarr nicht mährr!«, rief er und verbreitete den süßen Duft von Zimt und geschäumter Milch. Sein rotblonder Oberlippenbart bebte bei jeder Silbe. »Wie konnte Zeitschrift sechs Monat ohne Chefin überrrläben?«, rief er aus. »Alle musse schon Sie chabe errwarrtet mit große Sehnsucht!« Er drückte vorsichtig ihre Hand. Natürlich wusste er, warum sie so lange gefehlt hatte. Sie hatten versucht, es vor der Presse geheim zu halten, aber heutzutage konnte man kaum noch etwas vor den Klatschkolumnisten verbergen.

Im Februar war bei Imogen Brustkrebs im zweiten Stadium diagnostiziert worden, dieselbe Krankheit, an der ihre Großmutter und zwei Tanten von ihr gestorben waren. Nur ihre linke Brust war befallen, aber sie hatte sich für eine beidseitige Mastektomie und Brustrekonstruktion entschieden, um dem Krebs gründlich zu Leibe zu rücken und um zu verhindern, dass er sich weiter ausbreiten konnte. »Da bin ich!« Imogen zwang sich, Gus herzlich anzulächeln. Das war alles zu viel für diese Uhrzeit. Es war noch nicht mal neun. Er führte sie hinüber an den Tresen und machte ihr, ohne dass sie etwas sagen musste, einen Kaffee, dessen Milchschaum er liebevoll mit einem Herz verzierte. Imogen bedankte sich bei ihm und genoss den Energiestoß, den ihr das Koffein versetzte, während sie zum Aufzug ging.

Ihr schwirrte noch immer leicht der Kopf. Auf dem Weg nach oben dachte sie an den Moment zurück, als Eve Morton fünf Jahre zuvor in ihr Leben getreten war. Imogen war gerade erst zur Chefredakteurin von Glossy befördert worden und fühlte sich erschöpft von wochenlangen Bewerbungsgesprächen mit Anwärterinnen auf den Posten ihrer Assistentin. Die Personalabteilung hatte ihr praktisch den gesamten Abschlussjahrgang von Le Rosey geschickt (des Schweizer Internats, auf das reiche Amerikaner ihre verzogenen Kinder schickten, damit sie andere reiche Amerikaner kennenlernten), allesamt gelangweilte privilegierte junge Leute. Keiner von ihnen hatte diesen unbändigen Tatendrang ausgestrahlt, der ihnen genügend Ehrgeiz gegeben hätte, sich bei Glossy hervorzutun. Imogen wusste besser als jeder andere, wie wichtig es war, sich nach einem Job wie diesem geradezu die Finger zu lecken. Sie war selbst einmal Assistentin gewesen, für ihre allererste Chefin und Mentorin Molly Watson, Chefredakteurin von Moda und einer der inspirierendsten Menschen, die Imogen je getroffen hatte.

Am Tag, an dem Eve Morton zum ersten Mal die Büroräume von Glossy betreten hatte, hatte sie kurz vor ihrem Collegeabschluss gestanden. Sie trug einen zerknitterten Trenchcoat und war vollkommen durchgeweicht; die Haare klebten ihr im Gesicht und ließen sie wie ein tropfnasses Kätzchen aussehen. Draußen herrschte das regnerische Aprilwetter, das auch die härtesten New Yorker in ihrer eigenen Stadt in schüchterne Touristen verwandelt, die keinen Fuß vor die Tür setzen, wenn sie nicht sicher sein können, dass dort ein Wagen auf sie wartet, der sie blitzschnell an ihr nächstes Ziel bringt.

Trotz ihrer Größe war Eve schüchtern und unscheinbar gewesen. Aber sie hatte dieses Leuchten in den Augen gehabt, das immer heller wurde, während sie auf ihrem Laptop eine PowerPoint-Präsentation mit Zeitschriftenseiten von den frühen Neunzigern bis zur Gegenwart vorführte.

»Ich habe jedes Modemagazin gelesen, an dem Sie mitgearbeitet haben«, kam es aus ihrem leicht schiefen, aber gar nicht unansehnlichen Mund. »Das hier ist der aufregendste Moment meines Lebens. Allein die Tatsache, dass ich in diesem Büro sitze! Sie sind eine der besten Moderedakteurinnen der Welt. Ich glaube, ich habe alle Artikel über Sie gelesen, die es gibt. Ich liebe die Partys, die Sie während der Fashion Week geben, und ich fand es großartig, dass Sie ausdrücklich darum gebeten haben, bei den Shows in London nicht neben Kim Kardashian gesetzt zu werden. Ich bewundere alle Veränderungen, die Sie bei Glossy durchgesetzt haben. Sie sind der Grund, warum ich überhaupt bei einem Modemagazin arbeiten möchte.«

Imogen war nicht immun gegen Schmeicheleien, aber sie hatte auch ein feines Gespür dafür, wenn ihr jemand Unsinn erzählte. Sie glaubte nicht, dass sie jemals einen Menschen getroffen hatte, der jede einzelne Ausgabe von Glossy aus den letzten drei Jahren gelesen hatte, alle Ausgaben von Harper’s Bazaar aus den beiden Jahren davor und auch noch alle Ausgaben von Elle aus den beiden Jahren davor. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie ernsthaft behaupten konnte, selbst alle diese Ausgaben von vorne bis hinten gelesen zu haben. Imogen sah das Mädchen ungläubig an, von dessen schlichtem J.-Crew-Rock immer noch Wasser auf die weißen Dielenböden ihres Büros tropfte.

»Nun, vielen Dank, aber Sie scheinen mir doch ein wenig zu jung zu sein, um schon seit so langer Zeit meine Zeitschriften gelesen haben zu können.«

»Oh, ich verschlinge Bücher über Mode, seit ich lesen kann. Als Sie diese Kollektion oben auf den Fensterputzergondeln siebzig Stockwerke über dem Times Square gemacht haben, bin ich schier gestorben vor Bewunderung.«

Eve bezog sich auf ein Shooting, das in der Presse später als »revolutionär« beschrieben wurde. Dabei hatte Imogen ihre Models die Position von Fensterputzern einnehmen lassen und die Fotografen als Zuschauer auf die unterschiedlichen Stockwerke verteilt. Die damals gerade angesagtesten Topmodels hatten wie Insekten von Fenstersimsen gehangen, während der Wind gekonnt mit ihren Rocksäumen spielte. Die Versicherungsprämien des Modemagazins waren daraufhin in die Höhe geschnellt. Was Imogen jedoch nicht davon abgehalten hatte, im folgenden Monat eine komplette U-Bahn-Station für ein Shooting in Beschlag zu nehmen und in dem darauf einen Supermarkt in Queens. Dafür hatten sie eigens Schinken der Marke Chanel einfliegen lassen.

»Diese Aktion hat mein Leben komplett verändert«, schwärmte Eve und brachte Imogen mit Worten in die Gegenwart zurück, die in deren Augen nicht ganz der Wahrheit entsprechen konnten.

»Tatsächlich? O Gott, inwiefern denn?«, sagte Imogen, diesmal wirklich geschmeichelt.

»Diese Bilder gingen mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Sie haben mich ständig begleitet. Das war wie nicht von dieser Welt. In diesem Moment wurden die Kleider für mich lebendig. Von da an wusste ich, dass es auf der ganzen Welt nur eine Sache gab, für die ich bestimmt war. Von da an wusste ich, dass ich dafür bestimmt war, nach New York zu gehen, wo diese Modemagazine gemacht wurden. Ich hab mich an der New York University beworben und am Fashion Institute of Technology. Beide wollten mich, aber ich hab mich für die NYU entschieden. Da konnte ich meine Fächer freier wählen und mich auf Marketing, Management und die Geschichte der Mode konzentrieren. Ich habe immer davon geträumt, mit Ihnen zu arbeiten. Die Innovationen, die Sie im Segment der Modemagazine durchgesetzt haben, sind das Aufregendste, was in den letzten Jahrzehnten im redaktionellen Bereich passiert ist.«

Eves Schultern zuckten ein wenig, als wäre eine Last von ihnen abgefallen, jetzt, wo sie den Monolog gehalten hatte, den sie bestimmt viele Male vor einem verschmierten Wohnheimspiegel geprobt hatte.

Imogen lächelte. Sie hatte noch nie zu denen gehört, die mit Lob nicht umgehen konnten, aber das war selbst für eine gestandene Egomanin schwer zu verdauen. »Und was sagen Sie jetzt, wo Sie hier sind und das alles aus der Nähe sehen?«, fragte sie.

Eve blickte sich mit ihren tellergroßen grünen Augen um. »Es ist noch besser, als ich dachte. Ich weiß einfach, dass ich von Ihnen wahnsinnig viel lernen kann, und ich werde alles tun, was ich kann, um Ihnen das Leben zu erleichtern.«

»Geben Sie mir eine Chance«, fügte sie hinzu. »Ich werde Ihr Leben verändern.« Dieser Satz hätte Imogen zu denken geben sollen, aber sie war keine Kassandra, und sie brauchte jemanden, der hart und gern arbeitete und sofort anfangen konnte.

Eve Morton hielt alles, was sie versprochen hatte. Sie war auf Zack. Sie war effektiv. Sie lernte schnell und übertraf sowohl im Kleinen wie im Großen alle Erwartungen. Eve und Imogen unterhielten sich täglich durch die offene Bürotür. Und als Imogens kleiner Sohn kurz nach Eves Anstellung eine Lungenentzündung bekam, die sich über Wochen hinzog, hatten sie heimlich ein ausgeklügeltes System entwickelt, um gegenüber den Kollegen zu vertuschen, dass Imogen manchmal stundenlang außer Haus war und sich um den kleinen Johnny kümmerte. Eve hielt draußen vor Imogens Büro Wache, leitete alle Anrufe auf ihr Handy um und versicherte etwaigen Besuchern, dass sie konzentriert arbeite und nicht gestört werden dürfe. Eve druckte aktualisierte Versionen des Layouts aus und brachte sie lange nach Feierabend bei Imogen zu Hause vorbei. Dort trug Imogen dann ihre Änderungen per Hand in den Ausdruck ein, die Eve bis zum Meeting am nächsten Morgen in beeindruckender Form umsetzte. Ihre Hilfe war von unschätzbarem Wert.

Von Anfang an hatte es Imogen verblüfft, wie sehr Eve darauf aus war, sich anzupassen und zu gefallen. Wenn jemand nebenbei fallenließ, er brauche einen Tisch in einem Restaurant, schickte Eve ihm fünf verschiedene Vorschläge, wo sie einen reservieren könne. Wenn eine Kollegin sagte, dass sie ihr Armband schön finde, schenkte sie ihr eins zum nächsten Geburtstag. Wenn Imogen sich neue honigfarbene Highlights machen ließ, tat Eve dasselbe.

Auch die Garderobe der jungen Frau mauserte sich – unterstützt von einer Reihe älterer Verehrer, die sie immer wieder spätabends mit ihren Wagen aus dem Büro abholten – von einfachen Kleidern von J. Crew zu denen wesentlich anspruchsvollerer Designer. Wie groß Eves Ehrgeiz war, wurde erst nach und nach sichtbar, als sie ihn, wie eine russische Matroschkapuppe, Schicht um Schicht preisgab. Je mehr Schichten sie ablegte, umso selbstbewusster und selbstsicherer wirkte sie.

Genau in dem Moment, als Imogen ernsthaft darüber nachdachte, sie nach zweieinhalb Jahren hingebungsvollen Einsatzes zur Redaktionsassistentin zu befördern, kam Eve eines Tages mit rotgeweinten Augen ins Büro. Ihr Vater, ein hartgesottener Highschool-Footballtrainer, der mehr Mannschaften zu Meisterschaften geführt hatte als sonst irgendwer im gesamten Staat Wisconsin, ein Mann, der lieber einen Sohn in einer Spitzenposition bei einer der großen Banken gehabt hätte als eine Tochter, die in der Modebranche tätig war, hatte sie unter Druck gesetzt. Ihm zuliebe legte Eve daraufhin die Eignungsprüfung für ein betriebswirtschaftliches Studium ab und bewarb sich bei der Harvard Business School. Sie hätte nie geglaubt, dass man sie dort annehmen würde, doch Harvard bot ihr sogar ein Stipendium an, damit sie ihren MBA machen könne. Eve konnte ihrem Vater keinen Wunsch abschlagen.

Und so verlor Imogen die beste Assistentin, die sie je hatte. Als Abschiedsgeschenk überreichte sie ihr ein rotes Vintage-Seidentuch von Hermès.

Als Eve erfuhr, dass Imogen krank war, hatte sie ihr zweimal Blumen geschickt. In einem der Sträuße steckte eine Karte, auf der »Werden Sie bald wieder gesund!« unter dem Bild eines traurigen Kätzchens stand, das eine orangegetigerte ältere und pummeligere Katze liebevoll anstupste. Der zweite Blumengruß, eine Vase voll elfenbeinfarbener Magnolien, Imogens Lieblingsblumen, kam ohne richtige Karte. Nur ein Zettelchen, auf dem in großen geschwungenen Buchstaben »Eve« stand, war dabei gewesen.

Bevor die Aufzugtüren sich in der Vorstandsetage öffneten, richtete Imogen ein paar aufmunternde Worte an sich selbst. Sie war Imogen Tate, eine erfolgreiche Chefredakteurin, die Frau, die neuen Wind in Glossy hineingebracht und für das Modemagazin alles zum Guten gewendet hatte, als das niemand mehr für möglich hielt. Sie hatte Preise gewonnen und Werbekunden angelockt. Auf ihrer kurzen Fahrt nach oben beschloss Imogen, sich in den nächsten Minuten bei Worthington so nüchtern und sachlich wie nur möglich zu geben. Ihr Vorgesetzter mochte und respektierte sie, weil sie immer einen kühlen Kopf behielt. Imogen betrachtete ihre Fähigkeit, Menschen richtig einzuschätzen, als eine ihrer größten Qualitäten.

Sie straffte ihre Schultern, betrat gelassen Worthingtons Büroräume und ging schnurstracks an seinen beiden hausbackenen Assistentinnen vorbei. Die vierte Frau des Verlegers, eine frühere Schönheitskönigin und Exassistentin von ihm (während seiner dritten Ehe), hatte verfügt, dass er nur unansehnliche Assistentinnen einstellen durfte, denn sie kannte ihren Mann nur zu gut, wenn es um sein Verhalten gegenüber ehrgeizigen jungen Frauen ging. Als Imogen sich ihren Weg durch die imposanten Eichentüren in Worthingtons Büro bahnte, stand er parallel zu der Glasfront, von der aus man das Zentrum Manhattans überblickte. Die Einrichtung war eine Mischung von Stahl, Glas und dunklem Holz – Kreuzfahrtschiffsoptik – mit deutschen Messingwandleuchtern, die einmal den Tanzsaal eines Cunard-Ozeanriesen geziert hatten. Wie er so dastand, die Wurstfinger locker oben um seinen Putter gelegt, erinnerte er an die Hirschfeld-Karikatur eines wohlgenährten Firmenchefs. Worthington war ein hässlicher Mann, den der Vorteil, reich zu sein, gutaussehend machte. Mit seiner Knollennase und seinen winzigen roten Ohren wirkte er wie Piggy aus Der Herr der Fliegen, der sich zu einem ausgewachsenen männlichen Alphatier entwickelt hatte. Er wurde als urkomisch, exzentrisch, genial und durchgeknallt beschrieben – von Frauen, die einmal mit ihm verheiratet gewesen waren.

»Imogen!« rief er mit seiner dröhnenden Stimme. »Sie sehen phantastisch aus! Haben Sie abgenommen?« Sein Blick wanderte an ihr auf und ab und verharrte etwas zu lange auf ihren Brüsten. Versuchte er etwa abzuschätzen, ob sie eine Verbesserung darstellten? Ja, Carter, diese Brüste sind um ungefähr zehn Jahre jünger, fester. Vielleicht auch einen Tick runder. Schön, dass Sie das gleich bemerken, dachte Imogen unwillkürlich. Entschlossen, ruhig und gelassen zu bleiben, lächelte Imogen, ließ sich auf das butterweiche Ledersofa rechts neben dem Übungsgrün nieder und kam gleich zum Punkt: »Ich bin hoch erfreut zu sehen, dass Sie Eve Morton wieder eingestellt haben.« Auf dem stählernen Gemelli-Couchtisch vor ihr lag fein säuberlich aufgetürmt ein kleiner Stapel von Worthingtons Memoiren. Über dem fetten Titel WORTH auf der unteren Hälfte des Covers war sein Konterfei mit einer zu einem markanten Profil retuschierten Kieferpartie abgedruckt.

»Ja, ja. Diese Eve ist ein kluges Mädchen. Sie hat einen Harvardabschluss, müssen Sie wissen und … Beine von hier bis zum Mond … wie einst die junge Susan Sarandon. Mann, die Braut wusste zu feiern damals!« Er zwinkerte einer fiktiven Person im Raum zu. Imogen hatte sich längst daran gewöhnt, dass Frauen in Worthingtons Wortschatz als Bräute, Weiber oder Puppen geführt wurden und er sie eher als eine Ansammlung von schönen oder unschönen Körperteilen denn als ein qualifiziertes Ganzes betrachtete. Ihr Chef interessierte sich grundsätzlich nicht für Nettigkeiten, aber Imogen fragte sich dennoch, ob er wohl wusste, dass sie heute den ersten Tag wieder im Büro war. Und was ein Business-School-Abschluss und endlos lange Beine mit der Arbeit für eine Zeitschriftenwebsite zu tun hatten, war Imogen auch schleierhaft. Imogen kannte Leute, die in den späten Neunzigern und frühen 2000er Jahren studiert und einen Master in BWL gemacht hatten. Sie wusste nicht, wie Eves Unizeit gewesen war, aber für viele dieser alten Freunde, meist Männer, hatte dieses Studium zwei Jahre Sommercamp für Erwachsene mit feuchtfröhlichen Partys, Ausflügen und aufgeschobener Verantwortung bedeutet und sie anschließend zudem automatisch in die nächsthöhere Steuerklasse katapultiert.

Da offensichtlich war, dass Worthington große Stücke auf Eve hielt, spielte Imogen mit. »Wie ich sie kenne, war sie bestimmt die Beste ihres Jahrgangs. Ich freue mich wirklich sehr, dass sie wieder bei uns ist«, sagte Imogen mit einem perfekt sitzenden Lächeln. »Die Website kann gute Leute gebrauchen.«

»Es wird sehr viel mehr sein als eine Website, Imogen. Um ehrlich zu sein, hab ich nicht ganz verstanden, was am Ende genau dabei rauskommen wird, aber wir werden einen Riesenhaufen Geld damit verdienen, so viel steht fest!« Worthington legte eine Kunstpause ein, als dächte er über die Vorteile nach, die es mit sich brachte, wenn das Unternehmen wieder einmal einen Riesenhaufen Geld abwarf. Es war nicht allzu lange her, dass die Consultingfirma von McKittrick, McKittrick and Dressler ihre Zelte im Mannering-Konzern aufgeschlagen hatte, um herauszufinden, warum das Unternehmen, vor allem der Magazinbereich, Verluste machte. Dabei brauchte man keine Unternehmensberater mit einem Stundensatz von fünfhundert Dollar, um herauszufinden, wo das Geld versickerte. Da war der frühere Chefredakteur, der für Wochenendtrips nach Paris ein Apartment im ersten Arrondissement behalten hatte, in dem sich junge männliche Verehrer die Klinke in die Hand gaben. Da gab es eine durchgehend für die leitenden Angestellten bereitgehaltene Suite im Four Seasons in Mailand, die während der Modenschauen und auch an anderen, wechselnden Wochenenden genutzt wurde. Und da waren schließlich die Zusatzvereinbarungen in den Verträgen leitender Redakteure (Imogens inklusive) über Dienstwagen sowie die Erstattung von Kosten für die Garderobe und deren Reinigung. Worthington dachte seufzend an die guten alten Zeiten zurück, während er seinen Golfball ein paar Zentimeter weiter ins Loch schob.

Dann fuhr er fort: »Schön, dass Sie sich über Eves Rückkehr freuen. Ich hatte ein wenig Sorge, dass Sie die Nachricht nicht so gut aufnehmen würden. Da ich weiß, wie sehr Sie an Ihrem Hochglanzmagazin hängen, fürchtete ich, dass Ihnen der Wechsel hin zu einer digitalen Ausgabe nicht gefallen würde. Ehrlich gesagt, hatte ich sogar Sorge, dass Sie uns deswegen verlassen könnten. Aber Ihnen scheint klar zu sein, dass es an der Zeit ist, dass dieses Unternehmen die digitale Form an die erste Stelle stellt.«

Was bitte war eine digitale Zeitschrift? Nichts, was aus diesem hässlichen Fischmaul kam, ergab für Imogen irgendeinen Sinn. Natürlich hing sie an ihrem Hochglanzmagazin. Das war ihr Job. Meinte er damit, dass sie ab jetzt größere Teile der Zeitschrift ins Internet stellen würden? War das der Grund, warum sie Eve eingekauft hatten? Vielleicht brachte man den Leuten an der Uni ja bei, wie man am Ende Geld damit verdienen konnte, dass man eine Zeitschrift ins Internet stellte. Was Imogen eigentlich nicht für möglich hielt. In den letzten Jahren hatte es so viele Veränderungen gegeben. Die Verlagswelt war inzwischen eine andere geworden. Sie wusste das. Blogs, Websites, Tweets, Links und Cross-Posting. Das war es, was die Leute heute interessierte. Damit kam sie klar.

Worthington zog einen neuen Ball aus der Tasche und sprach weiter: »Das neue Geschäftsmodell, das Eve entwickelt hat, ist anders als alles, was ich bisher gesehen habe. Das ist wie Amazon trifft Net-à-Porter auf Speed. Und wenn man dann bedenkt, dass wir an jedem einzelnen verkauften Artikel partizipieren! Das wird unser Unternehmen retten. Ganz zu schweigen von den Druck- und Versandkosten, die wir dabei einsparen.«

Während die Bedeutung dieser neuen Informationen langsam zu Imogen durchdrang, schienen die Wände des Büros auf sie zuzukommen. Die Muskeln hinter ihren Augen verkrampften sich und zuckten. Ihr dröhnte der Schädel, und ihr Magen machte Purzelbäume. Um sich abzulenken, krallte sie die Fingernägel in ihre Handballen. Reiß dich zusammen. Es war dumm gewesen zu glauben, sie könne ihren Job monatelang aus den Augen lassen und dann erwarten, alles wieder genauso vorzufinden, wie sie es hinterlassen hatte.

Imogen rang sich ein weiteres Lächeln ab.

»Was versuchen Sie mir zu mitzuteilen, Carter? Was passiert mit meinem Magazin?«

Er blickte sie geradeheraus an und sagte dann in einem Ton, den er normalerweise seinen fünfjährigen Zwillingen vorbehielt:

»Ihr Magazin ist jetzt eine App.«

2

Als Imogen von Worthingtons Vorstandsetage wieder in die Redaktionsräume von Glossy zurückkehrte, hatte sich ein Meer von neuen Gesichtern für das allmorgendliche Meeting im Konferenzraum versammelt. Imogen war davon ausgegangen, dass sie mehr Zeit haben würde, um sich mental auf die Begegnung mit ihren Mitarbeitern vorzubereiten. In der Vorwoche hatte sie die Ansprache geübt, die sie bei genau diesem Meeting am ersten Tag nach ihrer Rückkehr halten wollte. Doch als sie nun durch die Glaswand schaute, stellte sie fest, dass ihr niemand von all denen bekannt vorkam, die da um den Tisch saßen oder weiter hinten im Raum lässig an der Wand lehnten. Ihre Redaktionsleiterin Jenny Packer und ihr Kreativchef Maxwell Todd fehlten ganz offensichtlich. Imogen suchte die Menge nach einem vertrauten Gesicht ab, während sie den Raum betrat und am Kopf des langen weißen Tisches Platz nahm. Jetzt erkannte sie einige Leute vom Vertrieb und vom Marketing, aber von ihren Redakteuren sah sie keinen.

Eine junge Frau lächelte sie quer über den Tisch euphorisch an. Kaum dass Imogen Blickkontakt zu ihr aufgenommen hatte, bereute sie es auch schon.

»Imogen Tate!!!!«, kreischte das Mädchen. »Ich liebe Sie! Ich bin so froh, dass Sie zurück sind! Sie sind eine Fashion-Göttin. Eine Göttin! Ich habe gerade getwittert, dass Sie hier in unserem Meeting sitzen, und hatte schlagartig mindestens fünfzehn Retweets. Alle meine Freundinnen sind unfassbar neidisch, dass ich hier mit Ihnen in diesem Raum sitzen und die gleiche Luft atmen darf wie Sie.« Sie streckte Imogen die Hand hin; ihre Nägel waren grellpink lackiert und die Spitzen mit irgendetwas beklebt, das wie Vanilleglasur aussah. Als Imogen einschlug, erspähte sie ein klobiges schwarzes Gummiarmband am Handgelenk der jungen Frau, auf dem in Pink »Grandios. Glänzend. Glamourös. GLOSSY.com!« stand.

»Ich bin Ashley, Ihre Assistentin und außerdem die Community-Managerin für die Website?« Ashley hatte eine zwitschernde Kinderstimme und den letzten Satz wie eine Frage betont, auch wenn Imogen sicher war, dass sie ihn nicht als Frage gemeint hatte. Bevor sie krank wurde, hatte Imogen gerade nach einer neuen Assistentin gesucht, und es war gut, dass sie ihre Energie jetzt nicht darauf verschwenden musste, sich weiter umzusehen. Doch Imogen war skeptisch, was diese Kombination anging. Wie konnte das junge Ding zugleich ihre Assistentin sein und das tun, was auch immer ein Community-Manager machte?

»Welche Community managen Sie denn?«, fragte Imogen und ließ ihren Blick über Ashleys lange strohgelbe Mähne und ihre riesigen blassblauen Augen mit absurd langen Wimpern gleiten, die vielleicht sogar echt waren. Ihr Schmollmund war mit dunkelrotem Lippenstift geschminkt, der ihr streng genommen nicht stand, ihrem Gesicht jedoch irgendwie einen lebhafteren Ausdruck verlieh. In diesem Raum voller junger, gleich aussehender Frauen stach sie deutlich hervor.

Ashley lachte und sprang mit der Energie eines Labradorwelpen von ihrem Stuhl auf. Dabei umflossen ihre Haare sie wie eine seidige Welle. »Die Community! Ich manage alle sozialen Medien: Twitter, Crackle, Facebook, Pinterest, Screamr, YouTube, Bloglogue, Instagram, SnapChat und ChatSnap. Tumblr geben wir gerade an eine Marketingagentur raus, aber im Augenblick beaufsichtige ich das noch selbst.«

Imogen nickte, als würden ihr all diese Begriffe etwas sagen.

In diesem Moment betrat Eve den Raum, ihren Laptop in der einen Hand balancierend und ihr iPad in der anderen. Sie warf Ashley giftige Blicke zu und mahnte: »Das hier ist kein Sororitytreffen, Mädels.«

Imogen hatte keinen Universitätsabschluss. Molly Watson hatte sie in London aufgegabelt, als sie mit siebzehn dort Verkäuferin in einem Laden gewesen war, und seitdem hatte sie ohne Unterbrechung hart gearbeitet. Trotzdem verband Imogen unbehagliche Assoziationen mit dem Wort Sororitytreffen, denn sie stellte sich die Mitglieder so einer Schwesternschaft an der Uni als eine Art Vorstufe zu den Real Housewives of New York vor, den schönen, manipulativen Gattinnen der Reichen und Mächtigen.

Sie musterte die neuen Frauen, die sich um den Tisch versammelt hatten; die meisten sahen aus wie Anfang zwanzig. Wo waren ihre Leute? Der Modegeschmack dieser Mädchen war gespalten zwischen nuttig und Sporthase – zu enge Kleider und aufeinander abgestimmte Laufhosen und Kapuzenjacken.

Niemand im Raum befolgte den Dresscode der Modebranche, eine Art ungeschriebenes Gesetz. Sicher, die Modemagazine waren voll mit knalligen Farben und übertriebenen Accessoires, mit in raffinierten Designs arrangierten Gestalten, die mit Taft, glänzendem Kunstleder und, immer häufiger, einem ganzen Sortiment von Pelzen ausstaffiert waren. Aber die Leute, die die Mode kreierten, pflegten persönlich größtenteils einen einfachen und schmucklosen Stil. Angehörige der Branche waren leicht von denen zu unterscheiden, die sich während der Fashion Week an den Sicherheitsleuten vorbeischlichen, denn eine Moderedakteurin wählte üblicherweise ein lässig zusammengestelltes Outfit – einen Look von Céline, vielleicht eine Bluse von Yves Saint Laurent mit einem Vintage-Trench von Hermès. Ihre Garderobe bewahrte etwas Einförmiges, Ruhiges in einer chaotischen Umgebung. Es hatte seine Gründe, dass Grace Coddington von der Vogue sich noch immer jeden Tag in Schwarz hüllte. Die meisten Topredakteurinnen trugen nicht einmal Nagellack. Imogen hatte auf Anna Wintours Nägeln noch nie auch nur einen Klecks Farbe gesehen; auf ihren Zehen vielleicht, aber niemals an den Fingern.

Sämtliche Personen im Konferenzraum tippten auf ihren kleinen iPhone- oder Tablet-Displays herum. Imogen fühlte sich seltsam nackt und unvollkommen ohne ihr Gerät, das sie in ihrem Büro gelassen hatte. Sie nahm ihr Telefon nie mit in Meetings. Das war einfach unhöflich.

Das Getippe wurde langsamer, brach aber nicht ganz ab, als Eve in die Hände klatschte.

»Lasst uns loslegen! Wie ihr seht, haben wir heute einen Neuzugang.« Eve lächelte ihr zu. »Einige von euch kennen Imogen Tate, unsere Chefredakteurin, aber viele auch noch nicht. Sie war sechs Monate lang krankgeschrieben.« Bei diesen Worten zuckte Imogen innerlich zusammen. Sie formulierte das anders und hätte es gern gesehen, wenn Eve es auch getan hätte. Sie hatte ein Sabbatical oder eine Auszeit genommen. »Jetzt ist sie rechtzeitig für den Start von Glossys großartiger neuer Website und App wieder an Bord. Lasst sie uns diese Woche bei Glossy.com herzlich willkommen heißen!« Noch bevor Imogen auch nur die Chance hatte, aufzustehen, um ihre Ansprache zu halten, schritt das Meeting mit einem Affenzahn weiter voran. Diese Eve war vollkommen anders als die, die draußen vor ihrem Büro gesessen und Anrufe für sie entgegengenommen hatte; sie feuerte aus allen Rohren; sie wirkte cleverer und witziger, als Imogen sie in Erinnerung hatte.

Eine Frau, die Imogen als eine Buchungsassistentin wiedererkannte, berichtete kurz über den Stand der Vorbereitungen für ein Fotoshooting, das im Laufe der Woche stattfinden sollte. Eve hechelte eine Reihe von komplizierten Statistiken durch: Anzahl der Seitenaufrufe, Direktaufrufe, Verlinkungen, Cross-Channel-Analysen. Imogen wusste nicht so recht, was sie mit all dem anfangen sollte. Sie schrieb die Zahlen und die wenigen Wörter, die ihr etwas sagten, auf die erste leere Seite ihres Smythson-Notizbuchs und behielt während der ganzen Tortur ihr Lächeln bei. Sie war Imogen Tate. Sie war immer noch die Chefredakteurin.

Sie war eine der ersten Modemagazin-Redakteurinnen gewesen, die sich dafür stark gemacht hatten, dass ihre Zeitschrift eine eigene Website bekam, aber sie hatte sich nie aktiv damit beschäftigt. Wer würde ihr beibringen, wie das alles ging?

Im selben Moment, in dem Eve ihren Redebeitrag zu etwas beendete, das sich Konversionsrate nannte, klatschte sie erneut in die Hände und drängte:

»Los, los, los!«

Alle schoben nacheinander ihre Stühle vom Tisch weg und eilten, in einer Hand ihre MacBooks balancierend wie Kellnerinnen Tabletts, schweigend zurück an ihre Schreibtische. Imogen blieb neben Eve stehen, bemerkte aber zu spät, dass diese bereits per Freisprechanlage telefonierte. Eve zeigte auf ihr Handgelenk, an dem keine Uhr saß, und formte mit den Lippen die Wörter »Augenblick noch«.

Imogen verschwand kurz auf der Toilette, um sich zu sammeln. Sie zog sich in eine der Kabinen zurück, setzte sich hin und massierte ihre Schläfen. Was zum Teufel war hier los? Dieses Büro hatte nichts mehr mit dem gemeinsam, das sie vor sechs Monaten verlassen hatte. Eve schien ihren Platz in der Hackordnung dieser Zeitschrift nicht mehr zu kennen. Wo war ihr Respekt geblieben? Und Imogens alte Mitarbeiter waren nirgends zu sehen.

 

Schon aus sechs Metern Entfernung erblickte Imogen die vielen Leute in ihrem Büro. Das war doch mal eine nette Geste. Vielleicht eine kleine Willkommensparty?

Als sie näher kam, stellte sie fest, dass es die Neuen waren; sie saßen auf jeder verfügbaren Oberfläche des Zimmers, während Eve mit einem violetten Marker energisch ein Raster auf eine Weißwandtafel hinter Imogens Schreibtisch zeichnete.

Imogen räusperte sich laut, aber Eve ließ sich nicht beirren und setzte ihr Meeting fort, als wenn nichts wäre.

»Eve!«, sagte Imogen dann lauter als beabsichtigt.

»Hallo, Imogen. Setzen Sie sich zu uns. Wir jammen hier gerade ein bisschen. Wir sind auf der Suche nach neuen Ideen.«

 

Jammen? »Und tun Sie das immer in meinem Büro?«

Eve nickte ernst. »Bislang schon. Die Techniker haben die ganze Nacht durchgearbeitet und sich jetzt kurz im Konferenzraum hingelegt.« Sie zuckte die Achseln. »Weil Sie ja nicht da waren, haben wir den Platz genutzt.«

Wer spazierte einfach mir nichts, dir nichts in das Büro von jemand anderem und kritzelte dann auch noch auf der Wand herum?

»Wie wär’s, wenn wir die Jamsession verschieben, meine Damen? Lassen Sie mir erst mal ein wenig Zeit, hier richtig anzukommen?«

Die Köpfe der jungen Frauen im Raum flogen zwischen Imogen und Eve hin und her; ihnen war offenbar nicht klar, wer in dieser Situation das Sagen hatte. Eve zog eine Augenbraue hoch und schien darüber nachzudenken, ob sie einen Streit anfangen sollte, besann sich dann aber eines Besseren.

»Sicher.« Sie schnickte dreimal mit den Fingern. »Kommt. Wir versammeln uns an meinem Tisch.« Sie schaute über ihre Schulter, während die Mitarbeiterinnen in einer Reihe hinter ihr herzogen. »Kommen Sie dazu, wenn Sie wollen, Imogen.«

»Eve«, rief Imogen ihr nach, »bitte nehmen Sie das hier mit.« Sie hob den monströsen rosaroten Sitzsack hoch und schob ihn in Eves Arme. Er war schwerer, als er aussah. »Der gehört hier nicht hin«, sagte Imogen entschieden.

Als Imogen endlich auf ihrem Sessel Platz nahm, sah sie, dass ihr iPhone noch immer einsam auf ihrer Tasche lag. Es quäkte entrüstet, als wüsste es, dass alle anderen Telefone bei dem Meeting gewesen waren. Auf der Tastatur thronte ein Armband, das wie das von Ashley aussah. »Grandios. Glänzend. Glamourös. GLOSSY.com!« Da Imogen annahm, dass es sich dabei um eine Art Werbegeschenk der Marketingabteilung handelte, warf sie es kurzerhand in den Müll. Ihr Computerbildschirm war ein einziges Durcheinander von blinkenden Meldungen. Sie klickte auf die rechte Maustaste und schnappte nach Luft. Der Monitor leuchtete auf wie bei einem Videospiel, die Icons am unteren Rand hüpften aufgeregt auf und ab, und am oberen linken Rand des Displays reihten sich Benachrichtigungen auf, eine nach der anderen. Ihr E-Mail-Eingang quoll über. Imogen fühlte sich absolut hilflos. Sie wusste gar nicht, wo sie zuerst hingucken sollte. Wie konnte sie bloß Ashley erreichen, ihre neue Assistentin? Sie brauchte jemanden, der für sie die E-Mails sichtete. Der Assistentinnenschreibtisch, der früher draußen vor dem Büro gestanden hatte, war nicht mehr da, und die überschwängliche junge Frau selbst war auch wie vom Erdboden verschwunden.

Imogen scrollte rasch die letzten Nachrichten durch und stellte fest, dass alle anderen während des morgendlichen Meetings weitergearbeitet hatten. In der Zeit, in der sie die Technik links liegengelassen hatte, um mit den Kollegen zu brainstormen und den Tag zu planen, hatten die anderen permanent »Allen antworten«-Mails in die Runde geschickt.

Es war, als ob Imogen in einem Meeting gewesen wäre und der Rest der Redaktion in einem anderen. Ihr hatte bei den Gesprächen im Konferenzraum der komplette Subtext gefehlt.

Das Fotoshooting, über das sie gesprochen hatten, war bereits fertig geplant. Ein Fotograf – und zwar nicht der, den sie empfohlen hatte – war gebucht. Die Positionen des Friseurs und des Visagisten waren noch offen.

Moment mal.

Nein.

Sie scrollte nach oben.

Friseur und Visagist waren ebenfalls gebucht. Die Catering-Kosten waren zu hoch.

Das Ganze war wie ein umgekehrtes Déjà-vu.

Sie nahm den Hörer ihres Tischtelefons ab und wählte Eves Durchwahl, landete aber auf der Voicemail eines Mannes mit einem schroffen Long-Island-Akzent. Eve hatte natürlich nicht mehr dieselbe Nummer wie damals, als sie noch für Imogen gearbeitet hatte. Hatte Eve überhaupt ein Telefon auf ihrem Schreibtisch? Und wo war Eves Schreibtisch?

Imogen drückte die Gabel mit ihrem Zeigefinger herunter und wählte die Null für den Empfang, wurde jedoch an ein automatisches System weitergeleitet, das sie dazu aufforderte, die ersten vier Buchstaben des Vor- oder Nachnamens einer Person einzugeben. Sie wählte die 383.

»Um Eve Morton zu erreichen, drücken Sie bitte die 3 oder wählen Sie die 696.«

Es hob niemand ab. Imogen legte auf und versuchte es erneut.

Als Eve schließlich abnahm, klang ihre Stimme am anderen Ende der Leitung verhalten, überrascht und leicht misstrauisch.

»Hallo?«

»Eve. Ich bin’s, Imogen. Ich wollte Sie was fragen.«

»Warum rufen Sie an?«

War dieses Mädchen bescheuert? Sie wiederholte noch einmal langsamer und etwas lauter: »Ich wollte Sie etwas fragen.«

»Ich hööööre Sie sehr gut. Aber warum schicken Sie mir keine Mail?«

»Weil anrufen schneller geht.«

»Kein Mensch telefoniert mehr. Schicken Sie mir eine Mail. Oder eine SMS. Ich bin gerade mit fünfzig verschiedenen Dingen beschäftigt. Bitte rufen Sie nicht an.« Dann war die Leitung tot. Kein Mensch telefonierte mehr? Eve tat ja so, als hätte Imogen gerade etwas vollkommen Anachronistisches getan, wie zum Beispiel ihr ein Rauchzeichen geschickt oder ein Fax.

Ein blinkender roter Punkt im oberen Quadranten ihres Bildschirms lenkte sie ab. Sie klickte darauf. Es war die Benachrichtigung, dass sie eine firmeninterne Sofortnachricht bekommen hatte.

Oh, gut. Ihre Assistentin Ashley meldete sich.

»Sie sind so süß!!!« Das war nicht unbedingt ein Hilfsangebot. Auf die Nachricht folgte ein kurzer Link zu einer Seite, die Bitly hieß. Bitly musste, so vermutete Imogen wegen der verniedlichenden Endung, die kleine Cousine von Etsy sein, dieser Kunsthandwerkswebsite. Über dieser Seite hingen die anderen Mütter immer mit ihren iPhones, wenn sie sie vor der Schule der Kinder traf, und schwärmten von den Makramee-Blumenampeln, die sie bei einer Kunsthandwerkerin aus Sante Fe bestellt hatten, die zu mehr als fünfzig Prozent eine Cherokee war.

Vielleicht war Bitly ja eine ähnliche Plattform, nur für kleinere Artikel – Miniatur-Blumenampeln aus Makramee vielleicht?

Aber der Link führte sie nicht zu einer Website, die Bitly hieß. Sie wurde auf eine Seite namens Keek.com umgeleitet. Imogen schaute verlegen nach rechts und links. Der Name dieser Website klang so ähnlich wie die Beckenbodenübungen, die sie in ihren Geburtsvorbereitungskursen gelernt hatte. Was hatte Ashley ihr denn da bloß geschickt?

Unterhalb des neongrünen Keek-Logos befand sich ein Video. Imogen regelte vorsichtshalber die Lautstärke herunter, bevor sie auf Play klickte.

Sie schnappte erneut nach Luft und hielt dann den Atem an.

Das Video zeigte sie.

O nein. Da war sie zu sehen, wie sie während des Meetings gähnte. Und sie gähnte nicht nur einmal, sondern zweimal kurz nacheinander. Auf dem Bildschirm fielen ihr sogar für einen kurzen Moment die Augen zu.

Ashley hatte sie ohne ihr Wissen gefilmt. In einem Meeting. Und das Video dann ins Netz gestellt. Was für eine unglaubliche Verletzung ihrer Privatsphäre. Wer machte denn, ohne um Erlaubnis zu fragen, einfach einen Film von jemandem? Und wer filmte andere, wenn sie nichts anderes taten, als in einem Meeting zu sitzen? Sie sah müde aus. Ihr elegantes schwarzes Crêpekleid von The Row wirkte neben der hellgelben Kapuzenjacke der Frau neben ihr irgendwie langweilig und alt. Ashleys Kamera musste Millionen Megapixel haben. Imogen konnte jedes einzelne von den Fältchen erkennen, die sich fächerförmig um ihre Augen kräuselten, wenn sie den Mund weit öffnete. Dabei konnte sie sich nicht mal daran erinnern, einmal gegähnt zu haben, geschweige denn an das zweite Mal. Und es gab eine Bildunterschrift: Die RÜCKKEHR VON IMOGEN TATE zu @Glossy. #Hurra #Love #Chefin #Sieistwiederda.

Imogen schaute sich die Spalte auf der rechten Seite der Keek-Website näher an. Da waren noch mehr Videos. Imogen klickte das oberste an. Es zeigte Perry von der Marketingabteilung – die, die den kurzen Rock mit dem Blazer und dem witzigen T-Shirt mit der Katze drauf anhatte, im selben Meeting, nur wenige Minuten später; sie schaute direkt in die Kamera und streckte Ashley die Zunge heraus.

Das Video darunter zeigte Adam aus der Buchhaltung, während er die geschätzten Kosten des Fotoshootings aufzählte. Er betete fachkundig die einzelnen Posten herunter, aber zwischen den Kosten für die Ausstattung und denen für die Maßschneiderei blickte er ganz kurz direkt in die Kamera und reckte ironisch den Daumen hoch.

Alle anderen in dem Meeting hatten gewusst, dass Ashley sie filmte und dass sie Teile des Meetings ins Netz stellen würde. Das bedeutete, dass inzwischen bestimmt das komplette Büro über Imogens Gähnen informiert war.

Diese Befürchtung wurde ihr nach nicht weniger als dreißig Sekunden bestätigt.

Sie bekam eine Nachricht von Eve: »Sind Sie müde? Sagen Sie Bescheid, wenn Sie nach Hause gehen möchten. Wir können ja später noch mal whatsappen, wenn Sie wollen.« Imogen löschte die Nachricht und blickte hoch. Ashley stand draußen vor ihrem Büro; sie war das reinste Energiebündel und wippte auf den Fersen vor und zurück.

»Gefällt Ihnen das Keek?«

Imogen schwankte zwischen dem Wunsch, diesem Mädchen zu sagen, dass es solche Spielereien während der Meetings gefälligst lassen solle, und dem Wunsch, so zu tun, als würde sie dazugehören. Sie entschied sich für Letzteres.

»Nun ja. Ich wünschte, ich hätte mich auf diese Nahaufnahme einstellen können. Wenn Sie mich das nächste Mal filmen, geben Sie mir bitte ein Zeichen.« Ashley fiel ein Stein vom Herzen.

»Klar, mache ich. Hundertprozentig. Nächstes Mal sag ich Bescheid.«

»Sagen Sie mal, Ashley, wo ist eigentlich Eves Büro?«

»Eve hat kein Büro. Sie glaubt nicht an so was. Wie bei Facebook, da hat auch niemand ein Büro, nicht mal Sheryl Sandberg.« Das war Imogen vollkommen neu. »Alle sitzen an Tischen in einem Großraumbüro. Alle sind gleich.« Ashley schaute sich um und fuhr mit gesenkter Stimme fort: »Eve möchte Ihr Büro in einen Ruheraum umwandeln, Imogen.«

»Einen was?«

»Einen Ruheraum.«

Imogen schüttelte den Kopf. Wozu zum Teufel sollte so was gut sein? »Völliger Blödsinn.«

 

Imogen war erschöpft, aber Eve die Genugtuung zu gönnen, früher nach Hause zu gehen, kam natürlich nicht in Frage. Stattdessen arbeitete sie den ganzen Tag. Sie sichtete ihre E-Mails, nahm die Organisation des Fotoshootings in die Hand und sorgte dafür, dass der richtige Fotograf engagiert wurde, einer, der den entscheidenden Unterschied machen würde.

Eve hatte zwar kein eigenes Büro, aber sie reklamierte ein von Fenstern eingerahmtes Areal des Großraumbüros für sich. Sie arbeitete stehend an einem Pult, das bis auf Brusthöhe hochgefahren war.

Am Ende des Arbeitstags zwang Imogen sich, Eves Bereich einen Besuch abzustatten. »Möchten Sie auch ein Stehpult, Imogen? Dann bitte ich Carter, Ihnen eins zu bestellen. Bei Google haben sie alle so was. Menschen sind im Stehen neunundsiebzig Prozent leistungsfähiger als im Sitzen. Wir treffen im Stehen schneller Entscheidungen, und unsere Meetings sind auch kürzer. Ich liebe das. Und nebenbei habe ich das Gefühl, den ganzen Tag Kalorien zu verbrennen«, sagte Eve.

»Nein, ist schon okay, Eve. Ich bin genug auf den Beinen, wenn ich zu Hause bei den Kindern bin.« Was sollte es bringen, den ganzen Tag zu stehen?

Eve verdrehte die Augen, was sie früher niemals gewagt hätte. »Ach ja, Ihre Kinder hatte ich völlig vergessen.« Sie scherzt, oder? Eve kann meine Kinder unmöglich vergessen haben.

Imogen versuchte sich an ihre Zwanziger zurückzuerinnern, als es ihr noch als Nachteil erschienen war, ein Kind zu haben. Inzwischen war Johnny vier und kein Baby mehr. Und Annabel machte mit ihren zehn Jahren schon fast alles alleine, was nur dazu führte, dass Imogen immer mehr für sie machen wollte: ihr Zöpfe flechten, ihr mit dem Reißverschluss helfen, an den sie nicht gut herankam, ihr komplizierte Bruchrechenaufgaben erklären.

Es schmerzte sie, daran zu denken, dass Annabel irgendwann einfach jeden Morgen aus dem Haus gehen würde, ohne sie noch für irgendetwas zu brauchen.

Imogen zwang sich dazu, den Ball flachzuhalten. »Die Kinder machen sich prächtig. Sie glauben gar nicht, wie groß Johnny schon ist. Er ist im Moment wirklich unglaublich niedlich.«

Eve rang sich ein Lächeln ab. »Das glaub ich gern … Also, was gibt es?«

»Ich wollte nur mal wegen der Redakteurinnen nachfragen. Gibt es ein neues Rotationssystem? Ich hab heute kaum eine von ihnen gesehen. Und es gibt so viele neue Gesichter. Ich würde gern ein paar von den Neuen kennenlernen.«

Eve wandte den Blick nicht einmal von ihrem Bildschirm ab, während sie Imogen erklärte, die Mitarbeiterzahl habe sich während ihrer Abwesenheit verdoppelt. Dass das Durchschnittsalter um zwölf Jahre gesunken war, brauchte sie nicht eigens hinzuzufügen. Das sah Imogen selbst.

»Dafür haben wir uns aber von überflüssigem Ballast befreit«, fuhr Eve fort. Imogen brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass Eve mit überflüssigem Ballast Menschen meinte; Menschen, die Imogen eingestellt hatte.

»Es gab einen Haufen unnützes Personal; Leute, die seit den Siebzigern hier waren und von denen kein Mensch wusste, was sie eigentlich gemacht haben«, sagte Eve.

Mit den freigewordenen Mitteln für die Gehälter der älteren Mitarbeiter hatte Eve dreißig Contentproduzenten eingestellt. Diese schrieben Tag und Nacht und auch am Wochenende Artikel für die Website (und die bald an den Start gehende neue App!), die den Traffic auf der Seite steigerten und die Besucherzahlen in die Höhe trieben, was ihnen wiederum die gewünschten Werbeeinnahmen im Digitalbereich einbringen würde und Kunden, die auf die Produkte klickten.

»Verstehen Sie?«, sagte sie kurz angebunden, ließ Imogen jedoch keine Zeit zum Antworten. »Das wird schon noch. Lassen Sie es erst mal sacken. Dann werden Sie es verstehen.«

Schwang da Herablassung in Eves Ton mit? Wer war Eve Morton, dass sie sich das herausnehmen konnte?

»Ich bin schon eine ganze Weile in diesem Job, Eve. So schwer ist das nicht.«

 

Imogen musste erkennen, dass die Loyalitäten innerhalb der Redaktion sich – wie bei einem Machtwechsel üblich – zu Eves Gunsten verlagert hatten; das war wie bei Ameisen, die sich um ein heruntergefallenes Stück Donut auf dem Bürgersteig drängen.

Redaktionsleiterin Jenny Packer, eine halb japanische, halb jüdische Schönheit mit einem breiten texanischen Akzent, die schon lange vor Imogens Eintritt ins Unternehmen das Sagen gehabt hatte, war in eine fensterlose Ecke hinter der Küche abgedrängt worden, die wie eine Abstellkammer aussah. Sie hatte an dem morgendlichen Meeting nicht teilgenommen.

Imogen stolperte zufällig über Jenny, als sie nach neuen Notizblöcken und Bleistiften suchte, auch wenn sie kaum noch zu hoffen wagte, dass so etwas in diesem neuerdings mit Tablets, Phablets und anderen smarten Geräten vollgestopften Büro überhaupt noch aufzutreiben war. Die Frisur der von Imogen sehr geschätzten Kollegin sah zerzaust aus, und sie hatte reifentiefe Ringe unter den Augen. Als Imogen ihr vor Freude, sie zu treffen, um den Hals fiel, bemerkte sie, dass sie unter Jennys Tucker-Seidenbluse hindurch deren Rippen spüren konnte.