Ich lauf dann mal los - Robby Clemens - E-Book

Ich lauf dann mal los E-Book

Robby Clemens

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Beschreibung

Aus der Erkenntnis ein neues Leben geschenkt zu bekommen, brach Robby Clemens am 3. Januar 2007 in Leipzig ins Ungewisse zu einer Weltumrundung auf eigenen Füßen auf. In seinem Buch schildert er die bewegenden Erlebnisse und Begegnungen mit Menschen, die er unterwegs treffen durfte und die ihn jeden Tag aufs Neue motivierten, wieder auf die Straße zu gehen, um eines Tages sein Ziel zu erreichen. So enthält das Buch neben zahlreichen Fotos eine Vielzahl eindrucksvoller und zutiefst berührender Geschichten über die Hochs und Tiefs seines Traums, der schließlich am 9. November 2007 mit dem Lauf durch das Brandenburger Tor in Berlin endete. Zwischen Start und Ziel lagen 13.262 Kilometer – oder anders gesagt: eine Wegstrecke von 314 Marathons in 311 Tagen, auf 4 Kontinenten durch 27 Länder und eine Vielzahl von fantastischen Eindrücken.

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Seitenzahl: 180

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Ich lauf dann mal los

Zu Fuß um die Welt

Robby Clemens

Print: ISBN 978-3-943539-37-0

eBook EPUB: ISBN 978-3-96285-120-0

1. Auflage 2014

Copyright © 2014/2020 by Salier Verlag, Leipzig

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung und Satz: Florian Schneider

Abbildungen: Barbara Böttcher, Oliver Clemens, Dagmar Gaschler, Marco Mittag, Rolf Schönfeld, Petr Sinkora, Worldrun AG

Herstellung: Salier Verlag, Bosestr. 5, 04109 Leipzig

www.salierverlag.de

»Trenne dich nie von deinen Illusionen und Träumen. Wenn sie verschwunden sind, wirst du weiter existieren, aber aufgehört haben, zu leben.«

Mark Twain

Inhalt

Vorwort

1. Die Vorgeschichte

2. Der Start - Deutschland bis Jordanien

3. Ägypten bis Bangladesh

4. Vietnam bis China

5. Vereinigte Staaten von Amerika

6. Europa

Vorwort

Laufen? Es gibt wohl keine Tätigkeit des Menschen, die intensiver von ihm betrieben wird als diese. Sollte man meinen. Nichts ist so jetzig, so augenblicklich und so unmittelbar wie das Laufen. Doch was ist mit einem Menschen, der von sich selbst davongelaufen ist? Einer, der sich nicht mehr »einkriegt«, wie man so sagt. Der neben sich oder nicht mehr bei sich ist, so formulieren die aufmerksamen Beobachter.

Robby Clemens war verloren, für sich und für die Welt. Keiner gab ihm mehr eine Chance. Ein Kaputter, ein dem Tod geweihter Mensch, der nicht mehr an sich und an seine Zukunft glaubte. Er war absolut am Ende, als ein Arzt ihm sagte: »Du kannst sterben oder laufen. Such es dir aus!«

Den Worten nach war es scheinbar eine leichte Wahl, eine von denen, die so schwer zu verwirklichen ist. Robby Clemens ging einige Meter und brach zusammen, doch er gab nicht auf. Aus der ersten Runde um den Platz vor dem Krankenhaus wuchs das Verlangen, es wieder und wieder zu versuchen. Irgendwann wurden daraus fast 14000 Kilometer um den Erdball. Eine Leistung, die andere Menschen bewundern. Ein Geschenk, das er sich selbst machte. Er ist angekommen, bei sich.

Reinhardt O. Cornelius-Hahn

1Die Vorgeschichte

Zu Fuß um die Welt, ein Traum. Kann so ein Traum wahr werden? Meine sogenannte Läuferkarriere beginnt recht ungewöhnlich. Anfangen möchte ich damit, dass ich mich im Jahr 1986, noch in der DDR, als Handwerker selbstständig gemacht hatte. Es war nicht so einfach, einen Betrieb zu gründen. Bei mir ging das nur, weil ich einen bestehenden Betrieb übernehmen konnte. Für mich war das wie ein sehr großer Lottogewinn. Ich erlebte als selbstständiger Handwerker, der fleißig arbeitet, eine sehr gute Zeit mit meiner Familie. Ich durfte sogar Mitarbeiter einstellen und Lehrlinge ausbilden; das war zu dieser Zeit etwas Besonderes.

Mit der Wende änderte sich dann alles. Eins plus eins war zwar immer noch zwei, aber das Betriebswirtschaftliche, die marktwirtschaftlichen Belange gewannen immer größere Bedeutung. Die Unternehmen schossen wie Pilze aus dem Boden. Aufträge waren ohne Ende vorhanden. Material gab es jetzt in Hülle und Fülle. War es früher ein Riesenproblem, eine farbige Badewanne, Waschbecken oder Klobecken zu besorgen, ging es jetzt nicht mehr um die Farbe. Die Farben gab es selbst in solchen Nuancen, dass man sie kaum aussprechen konnte. Meine Lieblingsfarbe war damals Bahama Beige, das klang schon nach Kunst, wie sollte da erst die Kloschüssel aussehen.

Die Ästhetik des Wasserhahns war jetzt gefragt und nicht, ob er aus Plastik oder verchromten Metall ist. Leider hatten ich und viele meiner Kollegen keine Ahnung von Marktwirtschaft. Wenn wir früher eine Arbeit beendet hatten, kamen die Kunden prompt zum Bezahlen. Dass jemand seine Rechnung nicht bezahlte, kannte ich nicht.

Das sollte sich ganz schnell ändern.

Da jeder eine neue Heizung oder ein neues Bad haben wollte, erschlug uns die Anzahl der Aufträge regelrecht. Um den Anforderungen gerecht zu werden, musste ich immer wieder neue Mitarbeiter einstellen. Wir hatten zeitweise über 100 Beschäftigte. Mit dieser Zahl an Beschäftigten kann man aber nicht nur kleinere Arbeiten erledigen, sondern muss auch an die Großbaustellen ran.

In Leipzig gab es genug davon, nur hätten wir hin und wieder unsere Auftraggeber vorsichtiger auswählen sollen. Einige von denen waren in jeder Hinsicht Kriminelle, denn sie weigerten sich beharrlich, für die Arbeit den vereinbarten Lohn zu bezahlen. Einige hatten von Anfang an kein Geld, andere kalkulierten eiskalt mit dem Nichtbezahlen der Rechnungen. Dabei gab es richtige Wirtschaftsprofis, die Erfahrung auf diesem Gebiet gesammelt hatten. Die trafen nun auf uns unerfahrene Anfänger. Wir sind reihenweise auf solche Auftraggeber reingefallen.

Viele Existenzen, viele Familien von Handwerkern sind daran zerbrochen und keinen hat es interessiert. Wir sind dann mit unserem Unternehmen in eine gravierende finanzielle Schieflage geraten. Hervorgerufen dadurch, dass man unsere Rechnungen nicht bezahlt hatte und durch Managementfehler von mir. Es war kein Geld mehr da, ich musste versuchen, neues zu besorgen. Der Weg zur Bank war die Folge. Da wir aber schon verschiedene Kreditlinien zu bedienen hatten, mussten neue Sicherheiten her. Alles, was ich besaß, war schon irgendwie berücksichtigt worden. Es gab jedoch noch eine Lösung: das Haus meiner Eltern und deren Vermögen. Ich habe tatsächlich meine Eltern überredet, ihr Haus als Sicherheit für neues Geld bei der Bank bereitzustellen.

Es gab neues Kapital, das reichte jedoch nicht. Wir waren schon so tief im Strudel der Pleite, dass auch dieses Geld nichts half. Die Folge war die totale Pleite, der absolute Absturz, der Konkurs. Meine Eltern hatten wegen mir ihr Haus verloren. Ich war daran schuld, dass das Haus meiner Eltern versteigert wurde. Ich hatte 40 Jahre harter Arbeit mit einem Schlag vernichtet. Ich Idiot!

Obwohl ich schon genug Schaden angerichtet hatte, flüchtete ich vor den Problemen zum Teufel Alkohol. Ich wog 125 Kilogramm. Ich dröhnte mir jeden Tag die Rübe voll und rauchte täglich mehrere Schachteln Zigaretten. Des Öfteren lag ich irgendwo besoffen herum, bis mich meine Familie nach Hause schleifte oder ich den Weg gerade noch selber schaffte. Eine schreckliche Zeit, die ich meiner Familie zumutete.

Bei einem Arztbesuch sagte man mir: »Hör auf zu saufen, sonst kannst du sterben.«

Dieser Satz prägte sich in meinen Kopf ein und rüttelte mich wach. Ich versuchte in Erfahrung zu bringen, wie ich von der Droge Alkohol schnell wieder wegkommen könnte. Alles war mit umständlichen Prozeduren verbunden, bis ich im Internet auf ein Seminar stieß: »Bewegung, Ernährung und Denken« von Dr. Michael Spitzbart.

Das hatte mit meinem Problem auf den ersten Blick nicht viel zu tun, aber eine innere Stimme sagte mir: Das ist es, da musst du hin. Ich lieh mir Geld, buchte und fragte jemanden, ob er mich fahren könnte. Vom Seminar selbst habe ich nicht allzu viel mitbekommen, denn die Konzentration in meinem Zustand war schwierig.

Eines jedoch hatte ich begriffen, da es mehrmals gesagt wurde: »Kauft euch ein paar Laufschuhe und fangt an zu rennen. Damit löst ihr Eure Probleme.« Zusätzlich gab es rund um das Laufen und Leben praktische Tipps.

Am Sonntagabend ging es wieder nach Hause und schon auf dem Rückweg war mir klar, dass ich genau das tun würde. Am Montagmorgen ging ich in ein Sportgeschäft um Schuhe zu kaufen. Mit denen ging es in das kleine heimische Stadion in Hohenmölsen auf die Laufbahn.

Den ursprünglichen Plan, ein paar Runden zu laufen, musste ich zur Hälfte der ersten Runde verwerfen, weil ich da schon fast am Ende meiner Leistungsfähigkeit war. Ich schleppte mich unter Aufbietung aller Kräfte bis zum Ende der Runde und war total fertig. Ich hatte 400 Meter geschafft, eine Runde, mehr nicht. Was hatten der Alkohol, das Rauchen und das Übergewicht aus mir gemacht?

Die Erkenntnis war erschreckend und brutal.

Mit dem Beginn des Laufens stellte ich gleichzeitig den Genuss von Alkohol und das Rauchen ein. Ich ging jetzt jeden Morgen zum Laufen und nach zwei Wochen schaffte ich zwei Runden. Mir war klar, dass ich es schaffen konnte, ein neues Leben zu führen. In einer Art Selbsttherapie gelang es mir, die Alkohol- und Nikotinsucht zu bekämpfen. Immer wenn ich das Verlangen hatte zu trinken oder zu rauchen, bin ich gelaufen. Manchmal habe ich mir mit dem Laufen bewusst wehgetan, dann bin ich gerannt, bis ich nicht mehr konnte, bis ich mich übergeben musste. Dann war ich frei und beruhigt, und das Verlangen nach Alkohol und Nikotin war unterdrückt.

Das hat bei mir funktioniert, ob es auch bei anderen funktioniert, weiß ich nicht.

In dieser Phase übernahm meine Familie eine sehr wichtige Rolle. Obwohl ich daran schuld war, dass wir nichts mehr hatten, standen doch alle felsenfest hinter mir. Meine Frau, meine Kinder, meine Eltern, alle haben mich unterstützt und zu mir gehalten. Ohne den Rückhalt und die Unterstützung meiner Familie hätte ich das nie schaffen können. Nach Monaten des täglichen Laufens nahm ich an Wettkämpfen über 5 km teil. Innerhalb von neun Monaten hatte ich 45 Kilogramm abgenommen und wog noch 80 Kilogramm. Nach einem Jahr lief ich den ersten Halbmarathon über eine Länge von 21,1 km. Welch ein großartiges Gefühl! Für jeden Hobbyläufer ist ein Marathonlauf über die Distanz von 42,2 km das erstrebenswerteste Ziel. Also begann ich ein spezielles, intensives Trainingsprogramm, denn für diese Herausforderung sollte man sich wirklich ordentlich und sehr ernst vorbereiten. So konnte ich mich für meinen ersten Marathonlauf in Hannover anmelden. Hannover deshalb, weil dort der Lauf über zwei Runden geht. Sollte ich nur eine Runde schaffen, konnte ich einfach aufhören. Bei anderen Marathons läuft man eine gesamte Strecke und wird beim vorzeitigen Beenden mit dem Besenwagen bis zum Ziel gefahren. Das wollte ich unbedingt vermeiden. Aufgeregt ging es früh am Morgen zum Start, ich konnte in der Nacht zuvor kaum schlafen. Welch ein Gefühl, als ich über die Ziellinie lief und meine Familie in die Arme nehmen konnte. Die Zeit war völlig unwichtig. Ich hatte es geschafft! Mit meiner besonderen Geschichte stand ich nach 42,2 Kilometern im Ziel und habe geheult und hatte gelernt, dass man alles erreichen kann, wenn man nur fest daran glaubt.

Bei weiteren Wettkämpfen merkte ich, dass das Laufen gegen Zeiten oder andere nicht mein Fall ist. Ich konnte mittlerweile auf der Straße 50 oder 60 Kilometer laufen, ohne dass es besonders anstrengend war. Meine Frau kam ab und zu vorbei und brachte mir Essen und Trinken. Manchmal lief ich mit Musik. Wichtig war beim Rennen eine gleich bleibende, nicht allzu große Geschwindigkeit und eine relativ niedrige Herzpulsfrequenz von ungefähr 120 Schlägen pro Minute. Das war mein Wohlfühlbereich, da konnte ich ewig rennen.

Ich betrachtete dieses neue Leben als Geschenk, denn mit dem Loslaufen wurde mir ein neues Leben geschenkt.

Dieses Geschenk wollte ich nicht nur für mich nutzen, ich wollte mit dem Laufen anderen helfen. So ergab es sich, dass ich einige Benefizläufe durchführte, meist für Kinder, die Hilfe brauchten. Mein erster größerer Benefizlauf ging von Hohenmölsen nach Ludwigshafen und hieß »493 km für Menschlichkeit und Toleranz«. Dann der »Drei-Länder-Lauf« durch Mitteldeutschland. Im Jahr 2003 zog es mich und meinen Laufkumpel Rene Gose ins Ausland. Der Irak war das Ziel, dort wollten wir von Basrah nach Bagdad für im Krieg geschädigte Kinder laufen. Ich hatte im Vorfeld von den schrecklichen Ereignissen dort gehört. Durch Zufall lernte ich Kinder kennen, die in diesem Krieg verletzt worden waren und sich in Deutschland auf private Initiative zum Genesungsurlaub aufhielten, Kinder, die durch Bomben oder Ähnliches verletzt worden waren. Sie litten durch das, was sie erlebt hatten, nicht nur physisch, sondern auch psychisch.

Bei ihnen war auch ein Arzt, der uns erklärte, wie und durch wen die Kinder ihre Verletzungen erlitten hatten. Er erklärte, dass es überall an Geld fehle, manchmal hatte man nicht einmal genug Geld, um Spritzenkanülen oder Mullbinden zu besorgen. Er sprach sehr gut Deutsch, hatte in der DDR Medizin studiert, war dann aber wieder in den Irak zurückgegangen, um in Bagdad eine Arztpraxis zu betreiben. Am Ende unseres Gesprächs lud er mich ein, ihn in Bagdad zu besuchen. Bei den Gedanken an die zahlreichen grausamen Bilder über Bombenanschläge, die man ständig im Fernsehen sah, lehnte ich ab und verabschiedete mich unter dem Eindruck des Gesprächs.

Eigentlich hätte die Sache für mich erledigt sein müssen, weil auch die Berichte über immer neue Bombenanschläge und Gefechte nicht abrissen. Doch das Gespräch mit dem irakischen Arzt ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich hatte den Entschluss gefasst, in den Irak zu reisen, um dort einen Benefizlauf für verletzte Kinder durchzuführen. Außerdem hatte ich Mitstreiter gefunden: Rene Gose und einen weiteren Begleiter. Ich konnte auch Spender gewinnen, die uns Geld für die irakischen Kinder geben wollten.

Jetzt mussten wir nur noch hinkommen und den Arzt finden. In einer Fernsehsendung sah ich einen Deutschen, der sich noch im Irak aufhielt und der zu der Situation im Irak befragt wurde. Der Mann hieß Rolfeckhard Giermann. Das war die Gelegenheit ,und ich versuchte, Kontakt zu ihm herzustellen. Das war nicht einfach, da man in Bagdad nur mit Satellitentelefonen kommunizieren konnte. Die Telefonnummer hatte ich von einer Fernsehredaktion nach viel Zureden bekommen. Und tatsächlich klappte das Telefonat. Dabei kam heraus, dass er uns gern helfen würde. Ich erhielt eine Adresse in Bagdad. Wir besorgten Visa, flogen nach Damaskus und fuhren von da mit einem dieser legendären Über-Land-Taxis nach Bagdad.

Als wir an der Tür klopften, erschienen Rolfeckhard Giermann und Dr. Ibrahim Al Basri, der Arzt, den ich aus Deutschland kannte. Was war das für eine Überraschung. Beide hatten nicht mit unserem Mut zur Tat gerechnet. Der Abend und der nächste Tag vergingen mit Unterhaltungen und Planungen für unseren Lauf.

Am nächsten Tag ging es mit dem Auto nach Basrah und von da laufend wieder zurück nach Bagdad, vorbei an zerschossenem Kriegsgerät und durch eindrucksvolle Städte. Immer wieder trafen wir zunächst auf britische, später dann amerikanische Soldaten, die uns argwöhnisch beobachten. Sie fuhren mit ihren Jeeps neben uns her und fragten uns, was wir hier machten, denn wir liefen mitten im Kriegsgebiet mit unseren deutschen Nationaltrikots auf irakischen Straßen.

In Bagdad konnten wir Spenden an eine Kinderorganisation übergeben, um die sich Dr. Ibrahim Al Basri gekümmert hat. Später war er Präsidentschaftskandidat, leider ist er bis heute spurlos verschwunden. Man hat ihn wahrscheinlich ermordet.

Weitere Benefiz- und Extremläufe im In- und Ausland folgten im Laufe der Jahre, bis ich mir dachte: Nun bin ich so viel gelaufen, warum nicht einmal um die Welt.

Ab sofort war das mein Traum.

Die Vorbereitungen eines so großen Vorhabens sollten mehrere Jahre in Anspruch nehmen.

Viele waren von der Idee begeistert, einige wenige blieben bei der Umsetzung übrig. Auf diese wenigen kann man sich dann verlassen.

In der letzten Phase der Vorbereitung gab es intensive Trainingslager, eines in Oberhof und eines in Warnemünde, bei dem mich Petr Sinkora betreute. Wir haben Sachen getestet, Laufschuhe eingelaufen und die Abläufe definiert. Ich bin am Tag mehrere Einheiten gelaufen, immer zwischen sieben und acht Kilometer pro Stunde. Dieses Tempo wollte ich auf der Tour laufen. Das Laufprogramm wiederholte sich Woche für Woche: am ersten Tag 20 km, am zweiten Tag zweimal 20 km, am dritten Tag dreimal 20 km und am vierten Tag dreimal 30 km. Danach gab es eine Laufpause, um auszuruhen. An diesen Tagen gab es Saunabesuche, lockere Radtouren und Physiotherapie mit Massagen sowie speziellen Dehn- und Streckübungen. Ich habe versucht, mich optimal vorzubereiten, auch wenn man nicht für alles, was passieren könnte, gewappnet sein kann. Und das ist auch gut so, denn manchmal überlegt man sich eine Sache solange, bis die Punkte, es nicht zu tun, überwiegen und dann lässt man es – leider.

Diese Art Überlegung hatte ich nie. Ich war überzeugt, dass wir es schaffen.

Ich war gespannt, wie wohl die Menschen in aller Welt auf uns reagieren würden?

Ganz wichtig war mir, dass es bei dem Lauf nicht so sehr um sportliche Höchstleistungen oder Rekorde gehen sollte, sondern dass die Verwirklichung unseres Traums, zu Fuß um die Welt zu laufen, im Mittelpunkt stand. Und auch Gebäude und Landschaften sollten nicht das Prägende dieser Tour sein, sondern die Menschen, die wir kennen lernen durften. Im Vorfeld gab es auch Medieninteresse, viele Zeitungen und Zeitschriften berichteten von unserem Vorhaben, wir hatten sogar eine Einladung in die Talkshow Riverboat vom MDR in Leipzig.

Das alte Jahr ging langsam zu Ende, sehr bewusst verlebten meine Familie und ich das Weihnachtsfest und den Jahreswechsel. Keiner wusste, ob es das letzte Mal gemeinsam sein sollte.

Die allerletzten Vorbereitungen wurden erledigt, dann kam die letzte Nacht, in der ich vor Aufregung kaum schlafen konnte. Hatte ich an alles gedacht? War alles geplant? Im Vorfeld hatte ich mir immer wieder die Frage gestellt, ob ich die Tour alleine machen sollte. Nach reiflicher Überlegung, der Einholung von ärztlichen Ratschlägen und aufgrund des sehr eng gesteckten Terminplanes hatte ich mich dafür entschieden, Begleiter, die mir in unterschiedlichster Funktion helfen sollten, mitzunehmen.

Die Team-Mitglieder werden sich bei meiner Betreuung abwechseln.Zum Team auf der Strecke zählten folgende Personen: Oliver Clemens, Petr Sinkora, Marco Mittag, Robert, Dirk, Jochen Giermann, Steffen Barfuß, Gisela Schönfeld, die Ärzte Dagmar Gaschler, Barbara Böttcher, Rolf Schönfeld, Gisela Giermann und der Chef und Organisator Rolfeckhard Giermann, von dem auch der folgende Kommentar stammt.

Warum habe ich den WORLDRUN mit Robby organisiert?

Während und kurz nach dem WORLDRUN habe ich sehr oft die Frage beantworten müssen, warum ich viel Zeit, viel Kraft und gemeinsam mit meiner Frau viel Geld in das Projekt eines Mannes gesteckt habe, der in Läuferkreisen ein unbeschriebenes Blatt war und nicht auf anerkannte Rekorde verweisen konnte.

Unabhängig davon, ob diese Frage ehrlich oder gehässig gestellt wurde, gab und gibt es viele mögliche Antworten. Ich möchte mich aus heutiger Sicht auf drei Punkte beschränken:

1. Ich habe Robby Clemens im Jahre 2003 kennen gelernt, als er sich, erschüttert von den Bildern über Kriegsgräuel gegen irakische Kinder, entschloss, einen Charity- und Mahnlauf durch das irakische Kriegsgebiet von Basrah nach Bagdad zu unternehmen. Diesen Lauf habe ich für ihn und seinen Freund Rene Gose im Irak organisiert, weil ich Menschen mit Mut bewundere, die nicht nur über Verbrechen der Vergangenheit reden, sondern Verbrechen in der Gegenwart anprangern. Nach Abschluss dieses Laufes konnten wir gemeinsam mit meinem Freund Dr. Ibrahim Al-Basri, der leider ein Jahr später ermordet wurde, in Bagdad eine große Verteilung von Hilfsgütern durchführen.

2. Später erfuhr ich mehr über die Geschichte von Robby Clemens. Mit ihm lernte ich erstmals einen Menschen persönlich kennen, der sich mit viel Fleiß nach der Wende eine Firma aufbaute, die dann von einem in Leipzig aktiven Immobilienhai so zerstört wurde, dass er und seine Familie alles verloren und bis heute mit Schulden leben müssen. Dem endgültigen sozialen und physischen Absturz konnte er nur entkommen, weil er mit dem täglichen Laufen anfing. Ich finde Menschen toll, die sich mit eigener Kraft aus der Kloake befreien und danach sofort anfangen, andere Hilfebedürftige zu unterstützen. Deshalb stand ich vom ersten Moment an der Seite von Robby, als er die Idee eines Laufs um die Erde in die Welt setzte.

Die Grundidee des WORLDRUN, nämlich nicht nur zu reden, sondern zu tun, was man sich vornimmt, ist richtig. Träume nicht nur, sondern lebe deine Träume! Wie selten ist das heute, wo oft nur noch geredet und nicht gehandelt wird! Robby hat sich und der Welt mit dem WORLDRUN bewiesen, dass man ein großes Ziel erreichen kann, auch wenn man kein begnadeter Läufer ist, sondern sich alles im Leben hart erarbeiten muss.

3. Im Herbst 2005, ein Jahr vor dem geplanten Start, sagten viele »Förderer« ihre Mitarbeit zu, aber im Herbst 2006 stellte sich das bei fast allen als heiße Luft heraus. So gab es zwei Varianten: Der WORLDRUN wird abgeblasen oder wir starten allein. Weil es die Vokabel »AUFGEBEN« in unserem Wortschatz nicht gibt, starteten Robby und ich durch. Robby kümmerte sich um sein Training, Kleidung, Schuhe usw. Ich gründete die WORLDRUN AG, besorgte Pässe und Visa, kaufte Fahrzeuge, buchte Flüge usw. Gemeinsam mit meiner Frau kümmerte ich mich um die Finanzierung des ersten Drittels der Tour bis zum Oman. Wir hofften zu dieser Zeit noch auf zusätzliche Unterstützer. Keine oder negative mediale Begleitung führte dazu, dass wir auch die weiteren ca. 7 Monate aus eigener Tasche finanzieren mussten. Am Ende des Laufs konnten wir feststellen, dass sich für das gesamte WORLDRUN-Team wegen der unvergleichlich tollen Erlebnisse und Begegnungen in 27 Ländern jeder Cent des investierten Geldes gelohnt hat.

Nach dem WORLDRUN kann ich meine Erkenntnisse folgendermaßen zusammenfassen:

Ein großartiger Mensch, Pfarrer Führer von der Nikolaikirche Leipzig, brachte uns das Thema der Friedensdekade nahe: »ANDERE ACHTEN«. Er sorgte dafür, dass Robby Gedanken zu diesem Thema in der Nikolaikirche vortragen konnte. Wir haben aber auch begriffen, dass man viel von Volkssportlern lernen kann, die hart und oft allein trainieren, dass man aber im Sport wie in Politik und Wirtschaft Hinweise selbsternannter »Eliten« nicht ernst nehmen sollte, denn diese denken mehr, als es gut ist, an sich und ihren Nutzen, achten überwiegend sich selbst und weniger die anderen.

Unser Erfolg sorgte dafür, dass sich kaum noch jemand bemüßigt fühlt, Ratschläge erteilen zu wollen, ob man eine solche Aktion organisieren und finanzieren darf bzw. was meine Frau und ich mit unserem Geld tun.

Rolfeckhard Giermann

Im Weiteren werde ich über die großartigen Erlebnisse bei unserer Weltumrundung berichten. Dazu nutze ich Tagebuchaufzeichnungen, die ich nicht in täglicher, aber regelmäßiger Form wiedergeben werde.

Bildteil 1

Robby Clemens damals: 125 kg und ein Alkoholproblem

Mein erster Benefizlauf: 493 km für Menschlichkeit und Toleranz mit der Rockgruppe City

Lauf im Irak von Basrah nach Bagdad

Vorbreitungstrainingslager in Oberhof

Besuch von Leipzigs Oberbürgermeister Dr. Burkhard Jung vor dem Start bei uns zu Hause in Leipzig

Verabschiedung mit einem großen Medienrummel in Leipzig am Augustusplatz

Mein Team

Die Straße, die uns um die Welt führen wird.

2Der Start - Deutschland bis Jordanien

Heute, am 03.01.2007, ist der Tag, an dem alles losgehen soll. Wir sind am Augustusplatz angekommen und ich fange an mich vorzubereiten, das übliche Programm: Dehnen, Strecken, Einlaufen. Einfach immer eins nach dem anderen tun, um auch die Nervosität ein wenig in den Griff zu bekommen. Adrenalin ein Meter über der Schädeldecke.