Ich, Odin, und die wilden Wikinger - Frank Schwieger - E-Book

Ich, Odin, und die wilden Wikinger E-Book

Frank Schwieger

0,0
8,99 €

Beschreibung

Odin, Thor & Co. erzählen! Schon oft wurden die nordischen Mythen erzählt, aber nie zuvor von den Göttern und Helden selbst! Hier erfahren die Leser aus erster Hand, wie Odin sein linkes Auge verliert und wie sich Thor seinen Hammer vom Räuberriesen Thrym zurückerobert. Außerdem erhalten sie nützliche Tipps für die Haltung eines Lindwurms und Abenteuer auf hoher See …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 239

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Weißt du, was das Schlimmste ist, das dir passieren kann? Nein, nicht die Sechs in der Mathearbeit. Auch nicht ein gebrochenes Bein oder ein saftiger Knutscher von Tante Erna, die du absolut nicht ausstehen kannst. Das Allerschlimmste ist, wenn man dich vergisst, wenn niemand mehr an dich denkt, wenn keiner mehr an dich glaubt. Furchtbar, oder? Grauenhaft! Absolut unerträglich!

Und genau das ist mir passiert. Ausgerechnet mir, dem Big Boss, dem mächtigen Götterkönig Odin. Dabei habe ich die Welt erschaffen, sooo lange über sie geherrscht, unzählige Riesen und Unholde in das Totenreich geschickt! Aber zum Glück teile ich mein Schicksal mit vielen anderen Göttern! Seit undenklichen Zeiten leben wir hier oben in Asgard, unserem göttlichen Reich – und seit bald tausend Jahren beachtet uns kein Mensch. Wirklich frustrierend. Da hätte ich lieber eine Sechs in Mathe oder eine nervige Tante Erna, die mich abknutschen will.

Doch jetzt ist Schluss damit! Ich habe die größten Göttinnen und Götter zu einer Versammlung – wir hier oben nennen so was ein Thing – zusammengerufen und sie aufgefordert, ihre Abenteuer aufzuschreiben. Ich bin sogar in das Reich der gruseligen Totengöttin Hel gereist und habe dort ein paar heldenhafte Menschen gebeten, das Gleiche zu tun. Schließlich bin ich über den Regenbogen hinunter in eure Welt geritten und habe die vielen Seiten irgendwo hingelegt. Wenn du dieses Buch in Händen hältst, scheint einer von euch sie gefunden zu haben. Aber sollten wir Götter je wieder in Vergessenheit geraten, werde ich Thor losschicken, damit er eure mickrige Welt mit seinem Hammer kurz und klein schlägt! Darauf kannst du dich verlassen!

Das ist meine Geschichte

Okay. Meine Götterkollegen haben gesagt, ich soll anfangen. Schließlich sei die Sache mit diesem Buch hier ja meine Idee gewesen. Und überhaupt: Ich sei der Boss, ich hätte ja sooo viel zu erzählen, also müsste ich mit gutem Beispiel vorangehen.

Aber genau da liegt das Problem! Ich habe sooo viele Abenteuer erlebt, sooo viele Schlachten geschlagen, sooo viele Unholde besiegt, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen und womit ich aufhören soll. Als ich damit meiner Frau in den Ohren lag, zuckte sie nur mit den Schultern und sagte: »Fang am besten ganz von vorne an. Und dann solltest du den Kindern erzählen, warum du nur ein Auge hast.«

Recht hat sie, meine liebe Frigg! Wie eigentlich immer. Ganz von vorne. Das ist tatsächlich eine unglaubliche Geschichte. Aber auch eine ziemlich grausige und ekelhafte. Und warum ich einäugig bin, klar, das weißt du bestimmt noch nicht. Aber dieser Anfang ...

Nun ja, ich bin mir da nicht so sicher. War doch wirklich sehr brutal damals. Und ganz schön gruselig. Ich weiß nicht, ich weiß nicht ... Also, ich mach dir einen Vorschlag: Du überspringst einfach die ersten Seiten und liest auf Seite 20 weiter, wo es heißt: »So, und jetzt will ich dir die Sache mit meinem Auge erzählen.«

Alles klar?

Also umblättern!

Hey!

Ich habe umblättern gesagt!

Denk daran, du bist ein Mensch. Diese Typen können sehr sensibel sein, fangen leicht an zu heulen und ekeln sich bei der kleinsten Kleinigkeit. Bei winzigen Spinnen zum Beispiel. Oder wenn sie ein Stück schimmeligen Käse sehen. Aber das ist gar nichts im Vergleich zu dem, was ich dir gleich erzählen werde.

Also umblättern!

Wie jetzt?

Du willst wirklich hier weiterlesen?

Also gut. Aber komm mir nicht damit, dass ich dich nicht gewarnt hätte. Und wenn du heute Nacht Albträume von riesigen Kühen und grässlichen Riesen bekommst und zitternd zu deinen Eltern ins Bett krabbelst, dann beschwer dich nicht bei mir! Der Götterkönig hat dich gewarnt!

Also, der Anfang von allem. Das war so. Am Anfang war Ginnungagap. Ja, du hast richtig gelesen: Gin-nun-ga-gap. Ein verrücktes Wort, oder? Klingt ein bisschen gaga, ich weiß. So hieß die gewaltige Urschlucht, die dort war, wo heute die Erde ist. Ein unendlich großer schwarzer Abgrund, in dem nichts war, wirklich gar nichts. Um diesen Abgrund herum gab es ein wenig Land, eine unfreundliche Einöde aus schroffen Felsen. Auf der nördlichen Seite dieser Schlucht lag Niflheim, eine endlose Weite aus Nebel, Eis und Schnee. Kalt war es in Niflheim, eisig kalt. Und stürmisch. Wenn es damals schon Menschen oder Tiere gegeben hätte, wären sie sofort erfroren. Oder durch die Gegend gepustet worden. Oder beides auf einmal. In Niflheim schneite es beständig, gewaltige Schneeberge türmten sich dort auf. Ab und zu brach einer unter seinem eigenen Gewicht zusammen und stürzte dann mit lautem Getöse hinab in die Urschlucht Ginnungagap. Auf Nimmerwiedersehen.

Auf der Südseite der Schlucht lag Muspellsheim, die Feuerwelt. Dort war es überall so glühend heiß wie in einem Schmiedeofen. Muspellsheim brannte an allen Ecken und Enden. Überall loderten feurige Zungen, überall zischten und fauchten Flammen, überall sausten glitzernde Funken durch die Luft, die unerträglich heiß war.

Mann, Mann, Mann, was für eine irre Urwelt, denkst du vielleicht. Da hast du völlig recht. Irre und irre ungemütlich. Wie sollte hier denn Leben entstehen? Eigentlich undenkbar. Aber es passierte tatsächlich. Eines Tages nämlich kletterte ein gewaltiges Urvieh aus der Riesenschlucht Ginnungagap. Ein Wesen, menschenähnlich (wenn man es nicht so genau nimmt), aber so riesig groß, dass du es dir unmöglich vorstellen kannst. Wie es entstanden ist? Die Hitze aus Muspellsheim und die Kälte aus Niflheim sind in der Riesenschlucht zusammengeflossen und haben dieses Riesenbaby erschaffen, das wir später Ymir nannten. Unglaublich, oder? War aber so.

Wer oder was Ymir genau war, ist schwer zu beschreiben. Auf jeden Fall war Ymir weder Mann noch Frau, sondern etwas dazwischen. Und er (oder sie) war riesig, riesig, riesig. Und unglaublich langweilig! Viel gemacht hat Ymir auf jeden Fall nicht. Es lag die meiste Zeit faul auf dem Rücken und hat geschlafen. Und was hat es gegessen? Es gab doch weit und breit nichts (außer vielleicht Schnee), das man hätte essen können. Ymir hat auch nichts gegessen, dafür umso mehr getrunken. Nämlich Milch. Die hat ihm die Riesenkuh Audumla geschenkt, die kurz nach Ymirs Geburt auch aus diesem Gagaschlund gekrochen kam. Aus den vier Zitzen ihres Euters floss die Milch in großen Strömen heraus! Ich hab dir ja gesagt, dass diese Anfangsgeschichte nichts für empfindliche Gemüter ist. Aber du wolltest unbedingt weiterlesen. Selber schuld!

Aus diesen vier Milchströmen hat Ymir sich satt getrunken. Nach dem Trinken hat es sich immer wieder zum Schlafen hingelegt, irgendwo neben Ginnungagap. Ymir war nicht nur furchtbar faul, sondern auch total doof. Sprechen konnte es nicht, nur laut schnarchen und Milch trinken. Weder Kälte noch Hitze machten ihm etwas aus. Wenn Ymir schlief, also fast die ganze Zeit, rieb es seine schmutzigen Füße aneinander und (voll eklig, ich weiß!) aus seinen Füßen wurden die ersten Riesen geboren, einfach so. Die krabbelten dann auf Ymir herum und wussten nicht so recht, ob sie lieber in Niflheim erfrieren oder in Muspellsheim verbrennen sollten. Tolle Aussichten, was? Zwischendurch haben sie sich an Audumlas Milch bedient.

Da liegt also irgendwo am Rande eines schwarzen Abgrunds ein riesiges Urvieh herum und wird immer größer und größer. Neben ihm steht eine Kuh und gibt pausenlos Milch. Drum herum sitzen unzählige Riesen, die aus den Füßen des Urviehs geboren wurden. Die grölen und brüllen laut herum und würden am liebsten alles kurz und klein schlagen. Wenn es denn etwas gegeben hätte, das sie hätten zertrümmern können. Aber außer ein paar verschrumpelten Bäumen und großen Felsbrocken gab es in dieser Einöde rein gar nichts. Im Süden brannte ein Höllenfeuer, im Norden tat sich eine endlose Eiswelt auf. Ein Traum, oder? Ein echter Albtraum.

Doch das Ganze sollte sich zum Guten wenden. Und das lag an mir und meinen Brüdern. Wo wir auf einmal herkamen? Die Riesenkuh Audumla hatte Hunger bekommen und in ihrer Verzweiflung begonnen, an einem Felsbrocken zu lecken, der irgendwo neben Ymir in der Gegend herumlag. Am Abend kam aus diesem Felsen ein Kopf zum Vorschein, am nächsten Tag ein Oberkörper. Und am dritten Tag hatte Audumla einen ganzen Mann freigeleckt! Das war Buri, der Stammvater der Götter. Aber frag mich bitte nicht, wie dieser Buri in den Felsbrocken gekommen ist. Und warum die Kuh drei Tage lang an ihm herumgeleckt hat. Es gibt Geheimnisse, die können und wollen auch wir Götter nicht lüften.

Auf jeden Fall tat sich Buri mit einer Riesenfrau zusammen, von denen es inzwischen ja reichlich viele gab, und zeugte mit ihr einen Sohn, den sie Burr nannten. Kein schöner Name, ich weiß. Burr wiederum heiratete die Riesin Bestla. Und die beiden sind die Eltern von ... Na, du ahnst es schon. Von mir! Ja, ganz genau. Burr und Bestla sind meine Eltern und die Eltern meiner Brüdern Vili und Ve. Wir wussten gleich, dass wir etwas Besseres waren als diese dämlichen Riesen. Wir waren Götter, das war uns schnell klar. Und wir gaben uns einen Namen. Wir nannten uns »die Asen«.

Wir wuchsen schnell heran, nach ein paar Tagen waren wir ausgewachsen. Das ist bei uns Asen so. Wir tranken Audumlas Milch und fühlten uns stark und unbesiegbar. Aber uns gefiel unsere Gesellschaft nicht. Die Riesen, die Ymir in die Welt gesetzt hatte, waren meistens ziemlich dumme und brutale Gesellen. Es gab Ausnahmen, zum Beispiel unsere Eltern, aber die meisten Riesen waren einfach nur doof und gewalttätig. Also beschlossen meine Brüder und ich, diese Typen zu erledigen. Und Ymir gleich mit, der wurde uns nämlich zu groß und zu unheimlich. Aus ein paar Bäumen fertigten wir uns darum mächtige Speere, schlichen uns an den schlafenden Ymir heran, sprangen auf seinen riesigen Leib und stachen auf ihn ein. Was war das für ein herrliches Gemetzel! Aus Ymirs Wunden spritzte das Blut in alle Richtungen. So viel Blut, dass es den Schnee von Niflheim zum Schmelzen brachte und das Feuer von Muspellsheim zum Erlöschen. Ymirs Kinder, die vielen Riesen, ertranken in diesen Strömen aus Wasser und Blut und wurden von den Fluten in den schwarzen Abgrund gespült. Leider hat es dabei auch unsere Eltern und die gute Kuh Audumla erwischt. Schade eigentlich, die hatten ja niemandem etwas getan. Aber ändern ließ sich das nicht mehr.

Vili, Ve und ich konnten uns mit unseren göttlichen Kräften an dem toten Ymir festhalten, der so groß war, dass er nicht in den Abgrund hineinpasste. Und der von seiner Ermordung, glaube ich, gar nichts mitbekam, so fest hat er geschlafen. Erst später erfuhren wir, dass sich ein einziges Riesenpaar vor den Fluten retten konnte. Es versteckte sich irgendwo im dichten Nebel und wurde zu den Eltern des Riesengeschlechts, das uns Göttern und auch den Menschen das Leben so schwer machen sollte. Hätten wir die beiden doch nur bemerkt! Aber auch das ließ sich nicht mehr ändern.

So, Ymir war erledigt, ebenso die Riesen, jedenfalls die meisten. Und nun? Ja, jetzt wollten wir eine neue Welt erschaffen. Eine bessere, eine fröhlichere Welt, in der es sich gut leben ließ.

Doch woher sollten wir das Baumaterial nehmen? Weit und breit gab es nichts, das wir hätten verwenden können. Wir drei schauten uns ein wenig ratlos an. Doch dann fiel unser Blick auf den gewaltigen Ymir. Da hatten wir doch genug Material direkt vor unseren Nasen! Wir gingen sofort ans Werk. Aus Ymirs Blut schufen wir das Wasser, alle Flüsse und Meere, alle Bäche und Seen dieser Welt. Natürlich haben wir ihm vorher seine rote Farbe genommen, weil blutrotes Wasser doch etwas eklig gewesen wäre. Aus Ymirs Fleisch machten wir das feste Land, aus seinen Knochen die Berge und die Klippen, aus seinen Zähnen Steine und Geröll, aus seinen Haaren die Bäume, die Büsche, das Gras und die Blumen. Schließlich verarbeiteten wir seinen Kopf. Der war so gewaltig, dass wir aus dem oberen Teil den Himmel bauen konnten. Wir setzten ihn über alles, was wir erschaffen hatten, und nannten es das Himmelsgewölbe. Dann warfen wir Ymirs Gehirn (es war nicht allzu groß) hoch in die Luft, wo es zerflatterte. Und so sind die ersten Wolken entstanden. Zu guter Letzt haben wir vier Zwerge beauftragt, das Himmelsgewölbe an seinen Enden bis zum Ende aller Zeiten gut festzuhalten, damit es ja nicht herunterkracht. Die vier Zwerge heißen Nordri und Sudri, Westri und Austri. Nach ihnen habt ihr Menschen eure Himmelsrichtungen benannt.

Woher diese Zwerge kamen? Uh, das ist wieder supereklig. Willst du das wirklich wissen? Also gut. Ymir lag ein paar Tage tot in der Gegend herum. Und an so einer Leiche knabbern halt die Würmer. Aber weil wir Ymir ja noch verbauen wollten, haben wir diese Würmer kurzerhand in Zwerge verwandelt. Ja, so sind die Zwerge entstanden, die sich danach über die ganze Welt verbreiteten. Aber man sieht sie nur selten, weil sie sich am liebsten in düsteren Höhlen aufhalten und dort herumwerkeln. Komisches Völkchen, diese Zwerge. Tief in ihrem Innern sind sie wohl Würmer geblieben. Die halten sich ja auch am liebsten in der Erde auf.

Als wir Ymir vollständig verbaut hatten, merkten wir, dass noch etwas fehlte. Es war einfach viel zu dunkel auf der Welt. Also ging ich nach Muspellsheim, wo immer noch unzählige Funken durch die Gegend sausten, schnappte mir ein paar Millionen (heiß, heiß, heiß!) und warf sie an das Himmelsgewölbe. Sah super aus, fand ich. So habe ich der Welt die Sterne geschenkt. Aus einem großen Funkenklumpen habe ich dann noch den Mond gebastelt, aus einem noch viel größeren die Sonne. Die Welt war fertig, jedenfalls fürs Erste. Und sie sah schön aus.

Eines Tages spazierten meine Brüder und ich an einem Strand entlang und fanden dort zwei große Hölzer, die das Meer an Land gespült hatte. Die beiden Hölzer sahen irgendwie so aus wie wir Asen, fand ich. Ich hob eines der Hölzer auf.

»Guckt mal, Jungs!«, rief ich. »Das hier könnte ein Kopf sein. Und hier sind die Arme und die Beine.«

»Das andere Holz sieht genauso aus«, sagte Ve. »Schaut euch das mal an!«

Wir begannen, mit den Hölzern herumzuspielen. Und schon bald hatte ich eine Idee.

»Ich hauche ihnen Leben ein«, sagte ich. »Das könnte lustig werden.« Gesagt, getan.

»Ich schenk ihnen Verstand«, sagte Vili.

»Und ich Augenlicht, Gehör und eine Stimme«, sagte Ve.

Im nächsten Moment standen sie vor uns, die beiden ersten Menschen, und schauten uns mit großen Augen verwundert an: ein Mann und eine Frau. Wir nannten sie Ask und Embla. Von diesen beiden stammen alle anderen Menschen ab, also auch du!

Die Menschen vermehrten sich fleißig und die Zeit verging, doch irgendetwas fehlte. Es war viel zu ruhig auf der Welt, fand ich, und irgendwie auch ein bisschen langweilig. Ich schaute zum Himmel hinauf und dachte: »Hmm, die Funken da oben sind zwar schön und gut. Aber es ist auch immer das Gleiche am Himmel. Es ist nie so richtig dunkel und nie so richtig hell. Da muss sich etwas ändern.«

Du musst wissen, dass es zu der Zeit weder Nacht noch Tag gab. Sonne, Mond und Sterne standen immer gleichzeitig am Himmel und leuchteten fröhlich vor sich hin.

Mir fiel eine Riesenfrau ein, die ich kurz zuvor getroffen hatte. Sie hieß Nott und hatte dunkle Haut. Und sie hatte einen Sohn mit sehr heller Haut, der hieß Dag. Ich besuchte die beiden und machte ihnen einen Vorschlag:

»Habt ihr Lust, auf Reisen zu gehen?«, fragte ich sie. »Über die ganze Welt?«

»Klar, warum nicht?«, antwortete Nott. Riesen sind meist recht einfältig. Es dauert nie lange, bis man sie von einer Sache überzeugt hat. »Wie lange soll diese Reise dauern?«

»Sie wird kein Ende haben«, sagte ich. »Ihr werdet hoch über der Erde fahren. Von dort aus könnt ihr alles sehen. Bis in alle Ewigkeit. Und ich werde euch dafür Pferde und Wagen schenken. Und die Unsterblichkeit.«

Die beiden Riesen schreckte diese Aussicht nicht. Im Gegenteil, sie schienen sich über mein Angebot sogar zu freuen, wahrscheinlich lag es an der Unsterblichkeit. Und sie wollten sofort losfahren.

»Langsam, langsam«, sagte ich. »Ich muss ja erst einmal eure Gespanne besorgen. Du fängst an, Nott. Dann wird es dunkel auf der Welt. Nur die Sterne und der Mond werden dann noch zu sehen sein. Und wenn du deine Runde gedreht hast, machst du eine Pause und dein Sohn Dag macht sich auf den Weg. Er ist so hell, dass er die Sterne überstrahlen und das Licht auf die Welt bringen wird.«

Die beiden waren total begeistert von ihrem neuen Job. Ihr Riesenleben muss davor ziemlich eintönig gewesen sein. Nachdem ich ihnen ihre Gespanne gebracht hatte, fuhr Nott sofort los und brachte die Nacht auf die Welt. Danach folgte ihr Sohn Dag und brachte den Tag.

Du hast bisher bestimmt gedacht, dass die Sonne das Licht auf die Welt bringt. Da hast du dich gründlich getäuscht. Lass dir vom Göttervater Odin sagen: Es ist der Riesenjunge Dag, der jeden Morgen mit seinem Gespann aufbricht und die Helligkeit in die Welt bringt. Wie, du glaubst mir nicht? Du hast diesen Dag noch nie gesehen? Nee, das kannst du auch gar nicht. Ich habe ihn und sein Gespann nämlich unsichtbar gemacht, damit er in aller Ruhe auf Reisen gehen kann. Und seine Mutter Nott wirst du auch nicht zu Gesicht bekommen, die ist genauso unsichtbar wie ihr Sohn. Ja, ja, so ist das. Und wenn dir deine Eltern oder Lehrer etwas anderes erzählen, dann weißt du ab jetzt, dass sie unrecht haben.

Zu guter Letzt musste noch etwas Ordnung in die Welt gebracht werden. Menschen, Götter, Riesen und Zwerge lebten nämlich noch bunt gemischt und durcheinander. Das konnte nicht gut gehen, vor allem die Riesen machten ständig Ärger und den anderen das Leben schwer. Also beschloss ich, die Welt aufzuteilen. In der Mitte schuf ich einen großen Bereich, in dem Menschen und Tiere, die ich auch noch geschaffen hatte, in Ruhe leben konnten. Diesen Bereich nannte ich Midgard, was so viel heißt wie »Garten in der Mitte«.

Hoch über Midgard schuf ich einen Platz für uns Götter, die Asen, und nannte ihn Asgard – also »Garten der Asen«. Dort haben wir Götter unsere Häuser, die natürlich um einiges größer und prächtiger sind als eure mickrigen Hütten.

Midgard und Asgard sind durch den Regenbogen miteinander verbunden, eine Brücke, die wir Bifröst nennen. Allerdings könnt ihr Menschen sie nicht betreten, sie würde euch nicht halten. Nur wir Asen sind in der Lage, über Bifröst zu reiten und von Asgard nach Midgard zu wechseln.

Die Zwerge konnten in Midgard wohnen bleiben, beschloss ich. Sie kümmern sich nicht um die Angelegenheiten der Menschen, sondern sind froh, wenn sie sich unter irgendwelchen Bergen verbuddeln und in Höhlen ihrer Arbeit nachgehen und dort Schätze horten können.

Doch wohin mit den Riesen, den Trollen, den Unholden, den Dämonen und all den anderen grausigen Geschöpfen, von denen es inzwischen reichlich viele auf der Welt gab? Bitte frag nicht, wer die alle geschaffen hat. Ich war es jedenfalls nicht. Ich beschloss, ihnen eine ungemütliche, eine kalte und freudlose Gegend ganz am Rande der Welt zuzuweisen, wo sie sich von mir aus gegenseitig die Köpfe einschlagen konnten. Wir nannten diese Gegend Utgard, den »äußeren Garten«.

Mitten in Asgard pflanzte ich eine Esche, die in Windeseile heranwuchs. Ihre Zweige strecken sich bis hinauf in den Himmel, ihre Wurzeln sind weitverzweigt und reichen bis tief hinein in die Unterwelt und ihre Blätter sind immergrün. Auf ihrem Stamm flitzt ein Eichhörnchen hin und her, in ihren Zweigen sitzt ein Adler, an ihrem Fuß ein Drache, der beständig versucht, die Wurzeln zu zernagen. Aber das wird ihm nicht gelingen! Diesen Weltenbaum nannte ich Yggdrasil. Unter seiner Krone kommen wir Asen zusammen, wenn wir ein Thing, also eine Ratsversammlung abhalten. Wenn du hinauf in den Himmel schaust, wirst du aber weder Asgard noch Yggdrasil sehen können. Beides habe ich mit einem Zauber belegt. Wir Götter wollen ja schließlich unsere Ruhe haben vor euch Menschen und uns nicht dauernd anglotzen lassen.

So, und jetzt will ich dir die Sache mit meinem Auge erzählen. Die Welt war fertig, jeder hatte seinen Platz, auch wir Asen hatten uns kräftig vermehrt und in Asgard häuslich eingerichtet. Dort wohnten inzwischen so viele Göttinnen und Götter, dass ich beinahe den Überblick verlor. Ja, auch Göttinnen gab es, nicht nur meine Brüder und mich. Auch sie waren Nachkommen meiner Eltern Burr und Bestla. Oder stammten aus einer der unzähligen Liebeleien, die einer von uns Asengöttern mit einer hübschen Riesenfrau hatte. Du hast richtig gehört. Zwar hatte ich die Riesen nach Utgard verbannt, aber das heißt ja nicht, dass man sich nicht besuchen konnte. Unter den Riesen gab es nämlich nicht nur trottelige Holzköpfe, musst du wissen, sondern auch durchaus kluge Männer und Frauen, mit denen man sich gut unterhalten konnte.

Einer dieser weisen Riesen hieß Mimir. Von ihm hatte ich schon viel gehört. Es hieß, er sei das weiseste Wesen auf der ganzen Welt. Das machte mir schwer zu schaffen. Sollte ausgerechnet ein Riese klüger sein als ich, der Götterboss Odin? Das konnte ich nicht ertragen. Darum beschloss ich, diesen Mimir aufzusuchen, um an seiner Weisheit teilzuhaben. Wie genau das gehen sollte, das wusste ich zunächst nicht. Konnte man Weisheit teilen?

Ich sattelte also Sleipnir, meinen achtbeinigen Hengst, und machte mich auf den Weg. Den vier anderen Tieren, die mich normalerweise begleiteten, sagte ich, sie sollten besser in Asgard bleiben. Ich wollte Mimir ja nicht erschrecken. Die vier Tiere, das waren meine Raben Hugin und Munin und meine Wölfe Geri und Freki. Hugin und Munin sind meine Kundschafter. Sie fliegen jeden Morgen bei Sonnenaufgang los und schauen sich um. Schon zum Frühstück sind sie wieder in meiner Halle und berichten mir die neuesten Neuigkeiten aus der Götter- und Menschenwelt. Geri und Freki hatte ich mir mal zugelegt, um bei meinen Ausritten noch größeren Eindruck zu machen. Aber eigentlich hätte dafür schon mein achtbeiniger Hengst genügt. Der ist nicht nur das schnellste Pferd der Welt, sondern kann obendrein auch noch fliegen. Wenn Sleipnir angebraust kommt, weiß jeder, wer sein Reiter ist. Die beiden Wölfe sind da eigentlich überflüssig. Aber es sind nette Tiere, die mir treu ergeben sind. Also behielt ich sie und nahm sie mit auf meine Ausritte.

Ich ritt die Regenbogenbrücke Bifröst hinab, sauste auf Sleipnirs Rücken wie ein Sturmwind durch Midgard und hatte schon nach kurzer Zeit Utgard erreicht, das Land der Riesen. Dort wusste jeder, wo Mimir wohnte. Es war ein trostloser Ort, ein ödes Tal zwischen zwei grauen Felswänden, in dessen Mitte sich ein Brunnen befand. Ich sprang von Sleipnirs Rücken und ging die letzten Schritte zu Fuß. Still war es hier, absolut still. Kein Lüftchen regte sich, kein Geräusch war zu hören. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Ich zog meinen grauen Schlapphut tief über die Augen und hüllte mich fest in meinen blauen Mantel. Da sah ich ihn. Er saß auf dem Boden am Rande des Brunnens und schien zu schlafen. Ich hielt an und räusperte mich.

»Was willst du?«, fragte der Riese, ohne seine Augen zu öffnen.

»Ach«, sagte ich, »nur einen kühlen Schluck aus deinem Brunnen. Ich bin ein einsamer Wanderer und habe großen Durst.«

Mimir öffnete die Augen und lächelte mich an. »Du musst dich nicht verstellen«, sagte er. »Ich weiß, wer du bist. Aber es tut mir leid, Odin, einen Trunk aus meinem Brunnen kann ich dir nicht gewähren.«

»Warum nicht?«, fragte ich überrascht. »Und woran hast du mich erkannt?«

Der Riese zuckte mit den Schultern. »Ich bin der weise Mimir. Es gibt nichts, was ich nicht weiß.«

»Dann weißt du wohl auch, warum ich gekommen bin.«

Mimir nickte.

»Und? Kannst du deine Weisheit mit mir teilen? Ich muss alles wissen, verstehst du? Das, was war; das, was ist; und das, was sein wird.«

Mimir seufzte schwer. »Es ist nicht gut, alles zu wissen. Es ist eine schwere Last, an der man zerbrechen kann, auch du, mein lieber Odin.« Er erhob sich und setzte sich auf den Rand des Brunnens.

Ich schüttelte den Kopf. »Ich bin der König der Götter«, rief ich in die Stille des düsteren Tals hinein. »An zu viel Weisheit ist noch niemand zerbrochen. Ich bin stark und mächtig. Ich habe den gewaltigen Ymir besiegt und die ganze Welt erschaffen. Was soll mir da ein bisschen Weisheit schon anhaben?«

»Ein bisschen?«, schmunzelte Mimir. »Du weißt nicht, worum du mich bittest. Aber sei’s drum. Ich muss dir gehorchen, fürchte ich. Schließlich bist du der Götterkönig. Aber ich habe dich gewarnt, mein Freund … Was bist du bereit, für diese Weisheit zu zahlen?«

Ich starrte Mimir an. »Du verlangst eine Bezahlung?«, fragte ich verdutzt.

»So ist es. Du erwartest doch nicht, dass ich dir dieses unendlich kostbare Gut einfach so schenke?«

»Ich könnte dich zwingen«, sagte ich.

Mimir schüttelte den Kopf. »Ich werde mich nicht zwingen lassen.«

Mir war klar, dass der Riese es ernst meinte. Er schaute mich so durchdringend an, dass es keinen Zweifel daran gab. Und mir war auch klar, dass er wusste, dass ich seiner Forderung nachgeben würde. Schließlich wusste er ja alles.

»Also gut«, sagte ich schließlich. »Was verlangst du?«

»Reiß dir ein Auge aus«, sagte er trocken. »So viel sollte dir das wert sein, was du verlangst.«

Ich riss meine Augen weit auf. Beide Augen. War dieser Riese übergeschnappt? Das konnte er doch nicht verlangen. Ich atmete tief durch. Doch, das konnte er.

»Gib mir das Auge«, fuhr Mimir ungerührt fort. »Und dann sage ich dir, wie du diese Weisheit erlangen kannst.«

»Das rechte oder das linke?«

»Ist mir egal.«

»Was willst du mit meinem Auge?«

»Ich will sehen, wie viel dir die unendliche Weisheit wert ist. Nur wer bereit ist, einen hohen Preis für sie zu bezahlen, ist ihrer wahrhaft würdig.«

Was sollte ich nur tun? Man kann ja auch mit einem Auge einigermaßen sehen. War das nicht ein guter Deal? Mit der Weisheit, die ich erwerben würde, würde ich viel weiter und tiefer schauen können als mit beiden Augen zusammen.

Ich gab mir einen Ruck und (Achtung, eklig!) riss mir das linke Auge aus. Bei allen Unholden, tat das weh! Wir Götter können ja sehr wohl Schmerzen empfinden. Mach das bitte nicht nach! Auweiowei, ich hab ganz schön herumgeschrien und brauchte ziemlich lange, bis sich der Schmerz einigermaßen legte. Doch dann riss ich mich zusammen, schließlich bin ich der Götterboss und hatte einen Ruf zu verlieren. Ich gab Mimir mein linkes Auge.

Er betrachtete den Augapfel mit einer Mischung aus Abscheu und Ehrfurcht. »Dann sollst du deine Belohnung bekommen.«

»Wo ist sie?«, fragte ich.

»Hier in diesem Brunnen. Ein Schluck von seinem Wasser verschafft dir unendliche Weisheit. Du musst wissen, dass er tief in die Erde hinunterreicht. Ganz tief unten verläuft eine Wurzel des Weltenbaums Yggdrasil, den du oben in Asgard gepflanzt hast. Hier, nimm dieses Horn!«

Mimir gab mir ein gewaltiges Trinkhorn.

»Das ist das Gjallarhorn. Beuge dich über den Brunnenrand und schöpfe mit ihm Wasser. Dann musst du es in einem Zug leeren.«

Ich zögerte nicht und tat, was Mimir mir aufgetragen hatte. Als das kühle Nass durch meine Kehle rann, bemerkte ich sofort die Veränderung. Etwas unendlich Großes durchströmte mich, es war heiß und kalt zugleich. Ich konnte es kaum ertragen und atmete schwer. Mimir schaute mich besorgt an. Tausend Gedanken jagten mir durch den Kopf. Ich konnte in die Vergangenheit schauen, in die Gegenwart und auch in die Zukunft. Meine Glieder begannen zu zittern und ich musste mich auf den Brunnenrand setzen. Schweiß trat mir aus allen Poren, mein Herz raste, ich hatte große Mühe, mich zu beruhigen.

Was ich in diesem Moment alles sah – ich kann und darf es dir nicht erzählen. Es war zu schrecklich und zu schön zugleich. Du würdest es nicht ertragen, glaub mir. Selbst ich, der mächtige Allvater, habe die größte Mühe, all dem Wissen standzuhalten, die endlose Weisheit zu ertragen, über die ich seit dem Schluck aus dem Gjallarhorn verfüge.

Ich verabschiedete mich von Mimir und schritt mit weichen Knien zurück zu Sleipnir, der ungeduldig auf mich gewartet hatte. Seit diesem Tag bin ich der weiseste aller Götter und Menschen. Und einäugig.

Das ist meine Geschichte

In Utgard, der Welt aus Eis und Schnee, habe ich mich nie so richtig wohlgefühlt, war mir einfach zu kalt und ungemütlich dort. Darum habe ich mich schon als Junge immer wieder nach Asgard geschlichen. Dort ist es viel heller und wärmer als in meiner Heimat. Das gefiel mir, da wollte ich bleiben.

Wie ich nach Asgard gekommen bin? Tut mir leid, das kann ich dir nicht verraten. Ich will ja nicht, dass du auf dumme Gedanken kommst und es selbst einmal probierst. Das könnte gefährlich werden. Nur so viel kann ich dir erzählen: Bifröst, die Regenbogenbrücke, ist nicht so unüberwindlich, wie der gute alte Odin immer behauptet.