Ich ohne Angst - Felix Gruen - E-Book

Ich ohne Angst E-Book

Felix Gruen

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Beschreibung

Wie komme ich aus meiner Angst raus? Und woher kommt sie überhaupt? Warum bestimmt sie mein Leben? Diese Fragen konnte sich der Autor erst stellen, nachdem sein gewohnter Alltag in sich zusammenbrach. Wie zerstörerisch das Leben mit einer Angststörung sein kann und warum es ohne Hilfe aus ihr kein Entrinnen gibt, wird hier eindrücklich beschrieben. Es ist spannend und berührend, den Autor auf seinem Weg aus seiner Jahrzehnte andauernden Angst zu begleiten. Die Wende kam, wie bei so vielen Menschen, nachdem ihn ein Burnout in eine Psychotherapie führte. Diese Arbeit ermöglichte es ihm erstmalig, den Blick auf die Zusammenhänge und Ursachen seiner Störung zu richten. Die Schilderung seines Lebensweges ist ein Teil dieses Buches, der durch seine fundierten Ausführungen über die von ihm erworbenen Kenntnisse aus Psychologie und Neurobiologie ergänzt wird. Der Leser lernt die Hintergründe und Instrumente seiner therapeutischen Arbeit kennen, dessen Schwerpunkt die Innere-Kinder-Arbeit war. Wie diese funktioniert und wie auch Sie Ihre inneren Kinder kennenlernen können, wird anhand zahlreicher Beispiele plastisch geschildert und macht dieses Buch zu einem Ratgeber und Lehrbuch zu gleich. Von einem Laien für Laien geschrieben ist es verständlich, lebensnah und zeigt auf, dass es möglich ist, seinem Leben eine Wende zu geben, es nicht als gegeben hinzunehmen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 204

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Felix Gruen

ICH

ohne

ANGST

Mit Innerer Kind Arbeitraus aus der Angst –eine Erfolgsgeschichte

© 2020 Felix Gruen

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-347-04312-1

Hardcover:

978-3-347-04313-8

e-Book:

978-3-347-04314-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Zu diesem Buch

Dieses Buch handelt von Angst. Der Angst im Allgemeinen und meiner Angst, die glücklicherweise zum größten Teil der Vergangenheit angehört. Es hat das Ziel, Ihnen einen Weg aufzuzeigen, mithilfe dessen es gelingen kann, den Stress, den dieses belastende Gefühl in unserem Gehirn auslöst und das Leben, meiner Erfahrung nach, höchst negativ beeinflusst, zu reduzieren.

Endlich wieder über mehr Energie für die Gestaltung eines freudvolleren, selbstbestimmteren Lebens zu verfügen, ist eine wunderbare neue Erfahrung, deshalb möchte ich Mut machen, Veränderung im Leben anzupacken, selbst wenn wir manchmal den Eindruck haben, in einer Sackgasse zu stecken. Es kann gelingen! Sie werden erfahren, dass der Weg der Veränderung eine positive Wendung in sich birgt.

In diesem Sinne ist das vorliegende Buch ein Ratgeber. Nicht im landläufigen Sinne – denn es rät nicht zur Selbsthilfe. Ich gebe ausschließlich den Rat, sich therapeutische Hilfe zu suchen und erkläre, warum dies notwendig ist. Daher eingangs der Verweis auf Albert Einstein. Denn ebenso, wie die Lösung eines Problems nicht mit der Denkweise gelöst werden kann, durch die es entstanden ist, so sind wir selbst auch nicht in der Lage, uns zu analysieren oder neue Problemlösungen zu finden. Dazu bedarf es anderer Lösungsansätze und Denkweisen.

Mein Lösungsweg war der der Neuropsychotherapie. Um diese spezielle Technik nachvollziehen zu können, fand ich es notwendig, komplexe Zusammenhänge in Bezug auf Psychologie und Neurobiologie in sehr einfacher Form zu erklären. So gesehen ist es auch ein Sachbuch. Von mir als Laien auf diesem Gebiet für Laien verständlich beschrieben.

Schlussendlich ist es ein Wegweiser zur Inneren Kind Arbeit, einem gewichtigen Bestandteil meiner Therapiearbeit. Welche Funktionen sie hat und wie auch Sie Ihre inneren Kinder kennenlernen und mit ihnen kommunizieren können, werde ich detailliert berichten.

Ich habe mich bemüht, verständlich und lebensnah auf der Basis meiner Erfahrungen zu schreiben. Die Berichte aus meinem Leben dienen der Bebilderung einer für viele Menschen zutreffenden oder ähnlichen Erziehung und Entwicklung – die Gespräche mit meinen inneren Kindern entstammen der tatsächlichen therapeutischen Arbeit. Ich hoffe, es ist mir eine für Sie gut lesbare, informative und motivierende Lektüre gelungen.

Inhaltsverzeichnis

Zu diesem Buch

Vorwort

Vom Wesen der Angst

Meine Geschichte

Der Moment, an dem sich alles änderte

Wie alles begann

Die große Liebe

Das Kartenhaus stürzt ein

Aufbruch und Erkennen

Über Therapie

Tipps für die ersten Schritte

Was ich über mich herausgefunden habe

Über Psychologie

Persönlichkeit

Bindung

Die Entstehung neurotischen Verhaltens

Impulskontrolle und Kompensationsverhalten

Frustrationstoleranz

Selbstwirksamkeit

Über Neurobiologie

Limbisches System und Präfrontaler Cortex

Botenstoffe / Neurotransmitter

Lernen und Neuroplastizität

Die Innere Kind Arbeit

Wie ich meine inneren Kinder fand

Andere Formen der Therapiearbeit

Meine inneren Kinder

Wie funktionieren Gespräche mit unseren inneren Kindern

Dialoge mit unseren inneren Kindern

Dialog mit Paul zum Thema Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung von den Eltern

Dialog mit Mischa zum Thema Aggression gegen den Vater

Dialog mit Paul zum Thema Einmischung in Berufliches

Dialog mit Paul zum Thema Partnerschaft

Dialoge mit Paul und Mischa zum Thema Selbstwertgefühl

Dialoge mit den drei Kindern zum Thema Umgang mit Feiertagen

Dialog mit Paul zum Thema Liebe / Leistung

Begrüßungsdialog mit allen Kindern

Mein neues selbstbestimmtes Leben

Literaturvorschläge

Danksagung

„Probleme kann man niemals mitderselben Denkweise lösen, durch diesie entstanden sind. “

Albert Einstein

Vorwort

Angst bestimmte viele Jahre mein Leben und steuerte mein Verhalten. Bewusst bin ich mir dessen nie gewesen, war sie doch ein ständiger Begleiter – von Kindheit an. Darunter gelitten habe ich immer. Aber die Erkenntnis, dass der Grund meines Leids eine sich entwickelte generalisierte Angststörung war, kam erst, als die ständigen unerträglichen Belastungen von Ängstlichkeit, Schuldgefühlen und Selbstzweifel zu einem Burnout führten und ich Hilfe suchte.

Ich weiß, wie furchtbar ständige Angst ist, wie lähmend sie wirkt und wie viel Energie notwendig ist, um den Alltag trotzdem einigermaßen bewältigen zu können. Was für eine Befreiung war es daher, einen Weg aus diesem mich beherrschenden Gefühl zu finden. Es war meine Psychotherapie und die Inneren Kind Arbeit, die mir half, meine irrealen Ängste zu überwinden.

Als Betriebswirt und Unternehmer waren mir Kenntnisse mit Blick auf psychologische und neurobiologische Zusammenhänge weitgehend fremd. Vielleicht geht es Ihnen auch so. Wissen auf diesem Gebiet sammelte ich erst, als mich mein Zusammenbruch dazu zwang, den Kern des Übels aufzuarbeiten.

Das war der Impuls dieses Buch zu schreiben, denn ich würde mir wünschen, möglicherweise Betroffenen einen Wegweiser an die Hand zu geben, frühzeitiger als ich, Hintergrundwissen und Techniken kennenzulernen, um eine derartige Eskalation zu vermeiden.

Denn anhand meiner Entwicklung wird sichtbar, dass die Überwindung einer Angststörung möglich ist und wieder genügend Energie zur Verfügung steht, sein Leben selbstbestimmter und erfüllter zu gestalten. Dieses Ziel habe ich erreicht und es würde mich freuen, Sie zu ermuntern, es mir gleichzutun.

Ein weiterer Grund war, dass ich in den vergangenen Jahren einiges an Literatur gelesen habe, die von Menschen meiner Generation geschrieben worden ist und die sich in teilweise erschreckender Deutlichkeit und Offenheit damit auseinandersetzt, was die Erziehung der Nachkriegsjahre mit uns Kindern der Babyboomjahre gemacht hat.

Diese Texte beschreiben eine Kindheit und Jugend, die oft durch Desinteresse, Übergriffigkeit, Vernachlässigung und Gewalt seitens der Eltern geprägt gewesen ist – all das, was ich in sehr ähnlicher Form erlebt habe und was zu meiner Angststörung geführt hat. So drängte sich mir die Frage auf, ob es eine Systematik in den Auswirkungen unterschiedlicher Erziehungsformen auf das spätere Leben gibt?

Gibt es eine gesellschaftlich relevante Zahl an Betroffenen, die ähnliche Ängste durch negative Kindheits- und Jugenderfahrungen entwickelt haben? Und zwar unabhängig davon, ob sie meiner Generation angehören, jünger oder älter sind? Führen die Vernachlässigung von und das Desinteresse am Kindeswohl zwangsläufig zu ähnlichen lebensbehindernden Störungen wie bei mir?

Nach allem, was ich erkannt und gelernt habe, ist meine Antwort ja. Dadurch entstand der Wunsch, anhand meiner Lebensgeschichte, die so vielen gleicht, verständlich zu machen, wie irrationale Ängste in unserer Psyche entstehen können, welche Auswirkungen sie auf das Leben der Betroffenen haben und wie man aus einer Angststörung herauskommen kann.

Vor allem hoffe ich verdeutlichen zu können, dass wir nicht dazu verdammt sind, unser Leben als unveränderbar an- und hinzunehmen.

Vom Wesen der Angst

Kann es so etwas wie ein Leben ohne Angst überhaupt geben? Wenn Sie sich dies beim lesen meines Titels – ICH OHNE ANGST – gefragt haben, dann ist Ihre Skepsis berechtigt. Die Antwort auf diese Frage ist jedoch nicht so einfach, wie man es vermuten sollte, denn wissenschaftlich gesehen kann man sie klar mit nein beantworten. Subjektiv-emotional gesehen, fühlt sich ein Leben ohne eine Angststörung jedoch so befreiend an, dass ich sagen konnte: Jetzt bin ich ohne Angst! Mit diesem Widerspruch zwischen einem Gefühl, geprägt durch die vielen Erfahrungen meines Lebens und der faktischen, biologischen, soziologischen und psychologischen Erklärungen des Phänomens Angst, beginne ich mein Buch, um ihnen das Wesen der Angst und ihrer zahlreichen Facetten näher zu bringen.

Zunächst die Biologie. Es gibt den alten Witz: Von den Vorfahren, die beim Anblick eines Säbelzahntigers nicht davongelaufen sind, stammen wir nicht ab. Richtig. Es waren die vorsichtigen, achtsamen Ahnen, die es geschafft haben, sich vor Gefahren in Sicherheit zu bringen, zu überleben und somit ihr Erbgut weitergeben konnten. Dieses Reaktionsvermögen, innerhalb kürzester Zeit eine Bedrohung zu erkennen und sich davor zu schützen, ist tief in unserem Erbgut verankert und wird von den Fachleuten Furcht genannt. Sie ist ein wichtiger Schutzmechanismus, der unserer Spezies über Jahrtausende das Überleben ermöglicht hat.

In unserer Alltagssprache kennen wir den Unterschied zwischen Furcht und Angst nicht, doch es ist mir wichtig, hier diese Unterscheidung zu machen, denn sie half mir, Ordnung in meine diffusen Bedrohungs- und Verunsicherungsgefühle zu bringen. Was ich lernte, war, dass Furcht das konkrete Gefühl vor einer realen Gefahr ist. Angst hingegen besteht aus einem allgemeinen Gefühl der Besorgnis und Bedrohung. In meiner Therapiearbeit, von der ich noch berichten werde, sortierten wir meine Gefühlszustände dann in reale oder irreale Angst, wir hätten auch Furcht oder Angst sagen können. Im Folgenden möchte ich bei dieser Einteilung bleiben, da sie uns vertrauter ist.

Wenn man den Begriff Generalisierte Angststörung genau analysiert, dann erklärt das Wort Angst-Störung schon das Wesentliche. Sie ist eine Störung des Furcht/Angst-Systems; die ursprünglich angelegte Schutzfunktion verwandelt sich in eine Überreaktion, in ein so gut wie generell wirkendes Gefühl von Gefahr. Diese Verwandlung entsteht durch starke, lang andauernde psychische Belastungen in Kindheit und Jugend. Sie ist eine Reaktion auf Stresssituationen, die vom Betroffenen in dieser Zeit nicht gelöst werden konnten. Eine hilfreiche Erkenntnis, denn damit eröffnete sich die Möglichkeit, etwas dagegen tun zu können, denn das, was ich erlernt habe, kann ich umlernen und das, was mich geprägt hat, kann ich abschwächen.

Begeben wir uns auf die Ebene der Soziologie, so wird die Sache komplexer, da sich reale und irreale Ängste häufig in den jeweiligen Gesellschaften vermischen. Eines der wenigen Worte aus dem Deutschen, das es in den englischen Sprachraum geschafft hat, ist: Angst und als „German Angst“ berühmt. Es wurde zu einem der Alleinstellungsmerkmale unseres Landes bzw. der Deutschen. Eine Ursache waren die erlebten Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts. Sie riefen eine allgemeine Besorgnis vor ihrer Wiederholung hervor. Und heute? Wie sieht es aus mit unserer Angst im 21. Jahrhundert? Der Soziologe Heinz Bude schreibt in seinem Buch „Gesellschaft der Angst“: „Angst kennzeichnet unsere Zeit, sie ist Ausdruck für einen Gesellschaftszustand mit schwankendem Boden. Was bedeutet, dass wir offensichtlich der Meinung sind, altgewohnte Sicherheiten oder Ordnungen in einer globalen Welt, die uns nicht nur unübersichtlicherer und fremder geworden, sondern durch zahlreiche neue Bedrohungen gekennzeichnet ist, verloren zu haben“. Noch komplexer wird das Thema, da z. B. Verschwörungstheorien, Fremdenfeindlichkeit oder die Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ dazu führen, dass irrationale Ängste geschürt und politisch instrumentalisiert werden.

Ist Angst also ein deutsches Phänomen oder ein generelles unserer modernen Welt? Als es mir durch meine therapeutische Arbeit gelang, die Angst einmal ohne Angst vor ihr zu betrachten, erkannte ich in zahlreichen Gesprächen mit meiner Therapeutin, dass das Erlebnis Angst zu unserem Leben gehört und gehörte. Es gab sie immer, unabhängig von der Kultur oder der Fortschrittsentwicklung der Menschheit. Es sind lediglich die Angstobjekte, die sich änderten. Waren es früher Blitz, Donner oder Dämonen, welche die Menschen fürchteten, so ist es heute die Angst vor Umweltzerstörung, Terror, Digitalisierung oder Globalisierung.

All dies sind begründete, reale Ängste vor tatsächlich existierenden Gefahren. Es ist also eine Illusion zu meinen, ein Leben ohne Angst leben zu können.

Was jedoch mein eigenes und sicher auch das Leben vieler Menschen so schwer und belastend macht, ist die Fülle individueller Ängste, die mit den oben beschriebenen Szenarien nicht ausreichend erklärt werden. Solche Ängste werden uns nur punktuell bewusst, je nachdem, welche Ereignisse sie auslösen. Es sind die ganz subjektiven, durch unseren Lebensweg geprägten, das Maß der persönlichen Verkraftbarkeit übersteigenden Ängste, die das Thema meiner und der Geschichte vieler Leidensgenossen sind.

Mit dem Überwertigwerden alltäglicher Ängste, die uns im Gegensatz zu den allgemeinen Bedrohungen ständig begleiten, betreten wir das Gebiet der Psychologie. Diese beschäftigt sich sowohl mit den Ängsten, die nichts mit den wirklichen, realen Gefahren zu tun haben und daher eine hermetische, emotional schmerzhafte Weltsicht für die Betroffenen darstellen, als auch mit Entstehung und Verbreitung realer, zur Existenz des Menschen gehörenden Ängsten. Am bekanntesten hierfür ist sicher das Buch „Grundformen der Angst“ des Psychologen und Psychoanalytikers Fritz Riemann, der diese Polarität großartig beschreibt. Auch wenn es schon 1961 auf den Markt kam, hat es kaum an Aktualität verloren. In diesem Buch wird anhand zahlreicher Beispiele dargestellt, dass, wer sich in den Fängen irrrealer frühkindlich gebildeter Ängste befindet, den Weg aus ihnen heraus nicht allein finden kann. Wer seine angstbehaftete Befindlichkeit ändern will, muss in die Lage versetzt werden, sie zu analysieren – sie von außen betrachten zu können. Das braucht Mut und Unterstützung, um die Angst vor der Angst zu durchbrechen, um dann schlussendlich bereit zu sein, sie als Begleiterin, im Positiven wie Negativen, unser aller Leben zu akzeptieren. Dazu abschließend ein Satz von F. Riemann: „wenn wir den Aufforderungscharakter der Angst erkennen, über unsere jeweilige Entwicklungsstufe hinauszuwachsen in eine neue Freiheit, zugleich in eine neue Ordnung und Verantwortung, dann kann sie uns ihren positiven, schöpferischen Aspekt zeigen und zum Anstoß für eine Wandlung werden. “ (Fritz Riemann, Grundformen der Angst, 41. Auflage, Ernst Reinhardt Verlag).

Meine Geschichte

Der Moment, an dem sich alles änderte

Wie ich heute weiß, ist meine Geschichte eher typisch für Menschen, die lange Zeit in einer mehr als schwierigen Situation gelebt haben. Wie bei mir, holen sie sich oft erst dann Hilfe, wenn die individuellen Lebenssituationen kritische Formen angenommen haben und z. B. körperliche Probleme entstehen. Dies verbindet mein Erleben mit vielen Betroffenen. Die Wende kam durch eine selbstmörderische Flucht vor meinem diffusen Schmerz, der nicht mehr erträglich war. Nur durch glückliche Zufälle habe ich überlebt und bekam Hilfe von Freunden, einer Ärztin und meiner Psychotherapeutin.

Jetzt war es an der Zeit zu ergründen, welches die Auslöser für mein Unglück gewesen sind. Ich wollte wissen, welche Einflussfaktoren mich in meiner Kindheit und Jugend so geprägt haben, dass ich bis dato ein Leben geführt hatte, das nicht nur nicht an meinen Bedürfnissen orientiert gewesen, sondern lebensgefährlich war. Sie trieben mich zu einer falschen Berufs- und Partnerwahl und ließen mich zutiefst unglücklich und verzweifelt in selbstzerstörerische Verhaltensweisen abgleiten. Die Suche nach den Ursachen war ein Weg des analytischen Aufarbeitens meines Lebens, ein schmerzvolles Nachempfinden meiner Verletzungen und das Erkennen meiner neurotischen Persönlichkeitsstruktur.

Wie alles begann

Mit wenigen Ausnahmen habe ich keine positiven Erinnerungen oder Gefühle an meine Kindheit und Jugend. Bei dem Gedanken an mein Zuhause kommen Scham, Beklommenheit, Angst und Einsamkeit in mir hoch. Es herrschte eine Stimmung der bedrohlichen Kälte und Strenge, die mich umgab.

Besonders schlimm war es, wenn ich Nähe, Zuneigung oder Trost bei meinen Eltern gesucht habe – dies führte regelmäßig in eine Sackgasse, an deren Ende ich immer wieder einsam und verlassen dastand. Nicht nur in solchen Situationen fühlte ich mich unverstanden, hilflos, einfach anders; es war scheinbar unmöglich, so etwas wie glückliche Gefühle zu erleben. Denn wie jedes Kind war ich bedürftig nach Liebe – wurde jedoch mit dieser Sehnsucht allein gelassen.

Die Kälte zu Hause umgab mich wie ein Käfig. Als Kind mit hohem Bewegungsdrang liebte ich es, laut zu sein, ausgelassen herumzutoben, bis zur Erschöpfung. Dies war mit den Regeln in unserem Haus nicht vereinbar. Von mir verlangte man still und brav zu sein, damit meine Eltern nicht gestört wurden. Diese Disziplin war absolut – wie eine Zwangsjacke.

Der einzige Lichtblick waren meinen Großeltern mütterlicherseits und eine ältere Tante. Wären sie nicht gewesen, hätte ich nie das Gefühl von Anerkennung, bedingungsloser Liebe und Schutz kennengelernt. Sie schenkten mir die lebensrettende Geborgenheit, ohne die ich keinen gesunden und lebensbejahenden inneren Kern hätte entwickeln können. Sie waren eine Art Zuflucht – ich konnte aufatmen – wurde lebendig. Dort gab man mir nicht das Gefühl, zu laut oder lebhaft zu sein, ich konnte sein, wie es meinem Temperament entsprach und das Bedürfnis nach Wärme, Verspieltheit und Ausgelassenheit bekam seinen Raum. Ohne dieses Erleben wäre sicherlich noch größerer Schaden an meiner Entwicklung entstanden.

Das war alles. Ich war der jüngere von zwei Söhnen, dem meine Eltern 1964 das Leben geschenkt haben. Heute ist mir bewusst, dass dieser Begriff im Grunde genommen falsch ist, da meine Eltern vor allem sich selbst ein Geschenk gemacht haben. Denn so, wie der Gummibaum in unserem Wohnzimmer, der Doppelhaushälfte aus den 60er und 70er Jahren zur Wohnungseinrichtung gehörte, so gehörten eben auch zwei – auf keinen Fall mehr – Kinder zur Ausstattung der Wirtschaftswunderfamilie. Wir waren Dekoration im wohl komponierten Bild, das dem Ideal der damaligen Zeit entsprach und wir hatten zu funktionieren – Raum für Wünsche gab es da keinen.

Mein Vater war Eigentümer eines mittelständischen Baustoffhandels und hat es im Laufe der Jahre zu beträchtlichem Wohlstand gebracht. Schon als junger Mann wurde er gezwungen, im Familienunternehmen zu arbeiten. Eine schulische Ausbildung durfte er nicht abschließen; er litt deswegen zeitlebens unter starken Minderwertigkeitskomplexen. So wurde die Firma sein Lebensmittelpunkt, die Familie spielte eine untergeordnete Rolle und gehörte als gesellschaftlich notwendiges Aushängeschild dazu; auf jeden Fall war sie für ihn keine emotionale Angelegenheit.

Wie mir erst später bewusst wurde, belastete ihn seine Arbeit sehr, da er sich der Tradition und, wie er sich ausdrückte, seinen Ahnen verpflichtet fühlte. Er war es ihnen schuldig, das Unternehmen zum Erfolg zu führen. Aus dieser Quelle ergab sich konsequenterweise auch an uns die Forderung absoluter Ergebenheit. Zudem waren wir für ihn die Projektionsfläche seiner Nöte, die zu oft heftigen Stimmungsschwankungen führten und die an uns ausgelassen wurden.

Bei mir löste seine Willkür große Orientierungslosigkeit aus, ich hatte einfach keinen festen Boden unter den Füßen, konnte sein Agieren nicht vorhersehen und wusste nie, wann ich wieder einmal abgestraft werden würde. Nur eines war sicher, positive Reaktionen seinerseits gab es keine. Seine Kinder sah er nur selten und seine Ehefrau hatte mehr oder weniger den Status einer Hausangestellten; natürlich war sie materiell von ihm abhängig, was er sie gerne hat spüren lassen. Die Rollenverteilung war klassisch – er war der Ernährer und Gönner und wir hatten dankbar zu sein.

Wie sehr habe ich mir gewünscht, in meinem Vater einen abenteuerlustigen Kumpel zu haben, der mir hätte helfen können, einen Drachen oder ein Baumhaus zu bauen, der spannende Geschichten zu erzählen wusste, sich mutig und stark für mich einsetzte und mit dem man hätte reden können, ohne Angst zu haben. Aber in seiner Welt gab es nichts Kindliches, deshalb war es ihm unmöglich, eine Bindung zu mir aufzubauen. Mein Vater war unnahbar und blieb mir fremd. Bis heute geben wir uns ausschließlich die Hand, wenn wir uns begrüßen – mehr würde er niemals zulassen.

Meine Mutter war eine gebildete Frau mit internationaler Ausbildung. Sie heiratete meinen Vater, nachdem sie längere Zeit in Frankreich studiert und ihre erste Anstellung in Deutschland angenommen hatte. Sie war sehr darauf bedacht, sich angemessen zu verheiraten und mein Vater war der ideale Kandidat. Beide waren das perfekte Vorzeigeehepaar der Boom-Jahre, das sich gegenseitig in seinen Rollen bestätigte.

Da ihre Kindheit von großen Entbehrungen, Flucht und der langen Kriegsgefangenschaft ihres Vaters geprägt gewesen ist, suchte sie Halt, wollte versorgt sein. Im Grunde genommen wuchs sie vaterlos auf und musste viel zu früh Verantwortung für ihre Geschwister übernehmen, was sie sehr belastet hat. Ich denke, dass dies die Ursache für ihr geringes Interesse an uns, ihren eigenen Kindern war. Wir wurden zwar mit dem Nötigsten versorgt, doch darüber hinaus blieben wir uns selbst überlassen. Die Überforderung in ihrer Jugend war offensichtlich so stark, dass sie jede zukünftige Verantwortung innerlich ablehnte – wir waren daher schlicht lästig.

Sie verhielt sich ausgesprochen kühl. Körperliche Nähe konnte sie uns selten schenken. Nur wenn ich krank war, machte sie eine Ausnahme. In diesen Momenten, die ich geliebt habe, wurde sie fürsorglich, liebevoll und zärtlich. Heute ist mir klar, warum ich oft kränklich gewesen bin und das Bett hüten musste – es war die Sehnsucht nach Wiederholung.

Ansonsten war sie pragmatisch. Die Rolle als Hausfrau und Unternehmergattin garantierte ihr materielle Absicherung und Bewunderung in der Kleinstadt, in der wir lebten – das reichte ihr. Zumindest war dies das Bild, das sie mir immer vermittelt hat, denn ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie jemals Wünsche formuliert hätte. Damit verstärkte sie mein Gefühl der Trostlosigkeit und der Einsamkeit, da es auch bei ihr keinen Raum für die Verwirklichung meiner kindlichen Sehnsüchte gab.

Bedeutung in ihrem Leben bekam ich erst Jahre später, als die Launen meines Vaters, immer unerträglicher wurden und sie mich als Partnerersatz gegen ihn ausspielte.

Im Gegensatz zu mir war mein wenige Jahre älterer Bruder ein sehr introvertiertes Kind. Da, wo ich unruhig und laut gewesen bin, war er ruhig und brav. Er war der Wonneproppen – einfach pflegeleicht; mir wurde vermittelt, dass er der Familie mit seinem sonnigen Gemüt viel Freude bereitete. Dieser Temperamentsunterschied wurde von meinen Eltern gerne genutzt, um uns gegeneinander auszuspielen, was zu einer deutlichen Entfremdung zwischen uns führte. Mein Anderssein wurde als Böswilligkeit, Renitenz und Uneinsichtigkeit ausgelegt, was tiefe Schuldgefühle in mir verankerte. Selbst bei noch so großer Anstrengung gelang es mir einfach nicht, so lieb und still zu sein, wie er. Offensichtlich war ich wohl schlecht, da meine Eltern aus ihrer Enttäuschung über mich keinen Hehl machten.

Eine engere Beziehung zu meinem Bruder entwickelte sich erst während der Pubertät. Doch das gegenseitige Gefühl der Fremdheit und des Unverständnisses ist bis heute geblieben.

Das erste Bild an meine frühe Kindheit ist ein weinender Junge im Laufstall. Ich bin etwa 3 Jahre, also bereits viel zu alt für einen Laufstall – dort hatte mich meine Mutter abgesetzt. Ich erinnere mich genau an die unüberwindbaren, cremefarbenen Gitterstäbe, das milchige Licht und die Kälte des elterlichen Schlafzimmers, vor allem aber daran, dass da niemand war! Meine Mutter hatte mich einfach abgestellt und allein gelassen. Mein Gefühl würde ich heute als Todesangst bezeichnen. Es war eine tiefe Verzweiflung und Hilflosigkeit, die Angst, nicht überleben zu können. Die Erinnerung, wie sich die Situation auflöste, oder was meine Empfindung war, als sie wieder zurückgekommen ist, fehlt. Doch das Bild blieb stellvertretend für mein Grundgefühl, ich war aus dem Weg geräumt, auf mich allein gestellt, lästig und hatte Angst.

Völlig anders war es, wenn das Kindermädchen kam, um mich zu betreuen. Sie war fröhlich, lachte immer und spielte mit mir. Es war wunderbar, wenn sie mich samstags badete und in den weichen Bademantel wickelte. Dies waren die wenigen Momente, in denen ich das Gefühl hatte, gemocht und wahrgenommen zu werden. Leider endete diese herrliche Zeit jäh, denn wir zogen um und sie kam nicht mehr zu uns.

Die Einschulung erfolge mit gerade sechs Jahren, zu einem Zeitpunkt, in dem ich sicherlich noch nicht die Schulreife erreicht hatte. Aus heutiger Sicht, kein Wunder, denn über die Basisversorgung hinaus, bekam ich keinerlei Förderung durch meine Eltern, deshalb überforderten mich die Ansprüche des Schulalltags. Da mein Bruder von Anfang an ein Musterschüler gewesen ist, hatten sie sich keine Gedanken darüber gemacht, wie es mir wohl ergehen würde. Wie ein Gepäckstück lieferten sie mich in der Schule ab und ich musste zusehen, wie ich damit zurechtkam.

Die Erinnerungen an die Grundschule sind für mich mit großer Verzweiflung und Scham verbunden. Bereits der erste Schultag begann mit einem Desaster. Die Lehrerin fragte uns nach den Vornamen unserer Eltern, aber ich konnte diese Frage nicht beantworten. Mir war nicht bekannt, was ein Vorname ist. Es war furchtbar, die mitleidigen Blicke der anderen Schüler auf mir zu spüren, ich hätte in Grund und Boden versinken können. Die Peinlichkeit wurde noch größer, als die Lehrerin mir sagte, sie würde die Namen im Sekretariat erfragen, sie mir dann mitteilen, damit ich diese für die Zukunft auch wisse. Über dieses Ereignis zu Hause zu sprechen, war unmöglich. Was für ein entsetzlicher Vorfall. Ich hatte mich – und damit meine Familie – blamiert.

Von Anfang an fühlte ich mich in der Schule verloren und hilflos, hatte Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren und versuchte verzweifelt Schreiben zu lernen, was einfach nicht gelingen wollte. Zum Beispiel war es mir nicht möglich, bestimmte Buchstaben zu malen. Die Bitte um Hilfe wurde von meiner Mutter abgelehnt. Sie war mit anderen Dingen beschäftigt und ermahnte mich lediglich, ernsthafter zu üben und es so zu machen, wie mein großer Bruder, der doch auch alles gut hinbekam. Leider musste er zu dieser Zeit mehrere Monate im Krankenhaus verbringen, sodass Unterstützung seinerseits nicht möglich gewesen ist. Allein auf mich gestellt, konnte ich nicht verstehen, warum sie, die doch alles schon konnte, nicht helfen wollte. Ich hätte so sehr ihre Unterstützung benötigt, bekam aber nur Ablehnung.

Es blieb dabei. Sie weigerte sich, mir bei meinen Problemen mit den Hausaufgaben zu helfen. So saß ich dann da, wusste nicht, was ich machen sollte, bat sie erneut mir doch zu erklären, wie es weitergehen könnte, mit dem Erfolg, dass sie ihre Geduld verlor und mich mit einem Kochlöffel schlug. Zusätzlich drohte sie mir, dem Vater am Abend zu erzählen, wie ungezogen ich gewesen war – eine schreckliche Drohung. Seine Reaktion kannte ich bestens. Er würde mir Undankbarkeit, Widerspenstigkeit und Dummheit vorwerfen, dann – Schweigen. Er strafte oft mit Liebesentzug.

So zog ich mich immer weiter zurück, bat nicht mehr um Hilfe und lieferte lieber fehlerhafte Ergebnisse in der Schule ab, als mich der Lieblosigkeit meiner Mutter und