Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Claire Nolan, eine typische Landfrau, läuft nach einem jahrzehntelangen Martyrium an der Seite Ihre Ehemanns Amok. Sie tötet neben ihm noch weitere neun Personen und ihre geliebten Tiere. Auslöser für die Bluttat ist Claires Pferd, das der Ehemann in Brand gesetzt hat. Professor Christopher Duning, soll ein Gutachten anfertigen, um Claires Schuldfähigkeit festzustellen. Allerdings bewertet er nach eigenen Kriterien. Seiner Meinung nach ist er fähiger als jeder Richter, was die Verurteilung und das Strafmaß betreffen. Neben verfälschten Gutachten hat er es sich zur Lebensaufgabe gemacht, jeden Täter seiner gerechten Strafe zuzuführen – und arbeitet auch nach dem Prozess wie besessen daran, die Verurteilten letztlich in den Suizid zu treiben. Dies gelingt ihm einige Male. Er nennt dies seine Berufung. Doch in Claire hat er seinen Meister gefunden. Ein raffiniertes Spiel im Kampf um Unterwerfung und Macht. Und der Tod spielt mit...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 326
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Langsam wich sie zurück, fand die Wand hinter sich – und spürte ein huschendes Krabbeln an ihren Händen. Sie schrie auf, sprang wieder einen Schritt vor und sie jagten die Wände hoch.
Kakerlaken, groß wie ihr Zeigefinger.
Es mussten hunderte sein.
Weniger als zehn Meter entfernt lag er. Sie rief ihn. Doch er reagierte nicht. Regungslos verharrte sie in diesem baufälligen Flur, spürte den kalten Steinbeton unter ihren nackten Füßen. Die Viecher krabbelten gemächlich umher. Tat sie eine kleine Bewegung verwandelten sie sich in einen Haufen umher huschendes Getier, völlig unberechenbar.
Sie saß in der Falle. Stand im Flur und betete, die Lampe über ihr würde nicht erlöschen, sie flackerte bedenklich.
Was tat sie nur? Wo war sie hier gestrandet? Wer war der Typ da, der vor sich hin schlummerte und nicht im Ansatz spürte, in welcher Lage sie war? Sie schwor sich im Morgengrauen ihre Sachen zu packen und zu verschwinden. Sie konnte unmöglich in dieser Wohnung, dieser Ruine schlafen, nicht so. Die Viecher waren überall.
Und was war mit Ratten? Auch die kamen doch überall durch. Das ganze Haus war schief und voller Löcher. Langsam geriet sie in Panik. Es war grauenhaft. Es musste doch jeden Moment der Morgen kommen.... sie wartete über drei Stunden lang, unfähig, sich zu rühren. Immer wieder rief sie seinen Namen. Leise, doch eindringlich. Der Nachbarn wegen bloß keine Szene. Aber er hörte sie nicht.
Im Morgengrauen wachte er endlich auf und ging zur Toilette. Sah sie erstaunt an, sah die Viecher und sagte „Die tun nichts, habe ich in Marokko tausendfach erlebt. Wieso stehst du da herum? Komm ins Bett.“
Der erste Gedanke ist immer der richtige: „Pack´ deine Sachen und verschwinde!“
Doch erst fünfzehn Jahre später ging ihr auf, dass es dieser Moment gewesen war, an dem sie sich hätte retten können. Noch.
Oder aber war es da nicht schon zu spät gewesen?
Fakt war: sie hatte es nicht geschafft, den Gedanken nicht umgesetzt, seine Liebkosungen und tröstenden Worte hatten sie beruhigt.
Sie büßte dafür und geriet immer tiefer in den Sog der Demütigungen und Abhängigkeit von ihm.
Damals hatte sie eine Menge Geld. War voller Tatendrang und abenteuerlustig. Anfang Dreißig, im besten Lebensalter.
Sie hatte es nach zwei Jahren geschafft, über den Tod ihres Lebensgefährten hinwegzukommen, hatte sehr viel Geld geerbt, beruflich mit dem Aktienhandel beschäftigt und war bereit, nicht mehr alleine zu sein.
Eines Abends hatte sie die Einsamkeit satt.
Aus einer Laune heraus stöberte sie im Internet und in den Partnerbörsen herum und flirtete drauf los. Traf dabei auf ihn. Interessante und angenehme Chats, es folgten lange und einfühlsame Telefonate.
Auch das erste Treffen verlief außergewöhnlich. Mit einem Fragenkatalog erschien er und hakte eine Frage nach der anderen ab. Sie lachte. An diesem Tag geschah viel witziges. Sie war nicht verliebt, fand ihn nur süß. Als er sich danach nicht mehr meldete – neun Tage lang – schickte sie ihm einen Geburtstagsgruß, eine freundliche Email.
Und wollte ihn dann vergessen. Überraschenderweise meldete er sich daraufhin. Und nahm sie in kürzester Zeit völlig gefangen. Nach zwei Monaten zog er bei ihr ein und stellte ihren bisherigen Alltag damit völlig auf den Kopf.
Nach sechs Monaten war sie schwanger, verlor jedoch nach wenigen Wochen das Baby.
Er blieb nur wenige Tage bei ihr, um dann weiterzuziehen, es gab viel zu tun.
Sie hatte eine Immobilie im Ostblock – in Rumänien - gekauft, als Kapitalanlage. Im Grunde hatte sie nie vorgehabt, auszuwandern und dort zu wohnen.
Er jedoch wollte sofort hinziehen. Er überzeugte sie und machte sich sogleich ans Werk, das Haus zu renovieren.
Es war eine Flucht gewesen und sie folgte ihm aus ihrem alten Leben hinaus, denn es war voller Enttäuschungen, familiären Zwist und nichts hielt sie wirklich dort. Arbeiten konnte sie auch im Ausland.
Im fremden Land angekommen wusste sie schon nach kürzester Zeit, dass der Plan nicht aufgehen würde.
Sie hasste es vom ersten Moment an. Aber er wollte bleiben. Und sie wollte es wenigstens ehrlich versuchen, dem ganzen eine Chance zu geben. Sie wollte kein Feigling sein. Nicht in seiner Gunst sinken. Alles, nur das nicht, er vergötterte sie ja. Er sagte und schrieb ihr wunderschöne Dinge, die sie nie zuvor von anderen erfahren hatte. Sie war allein, keiner hatte sie je angenommen, es gab keine Familie. Nicht mehr für sie, nachdem sie allein ihren Freund begraben musste und nicht einer ihrer Sippe auch nur eine Karte geschrieben hatte.
Erst mit dem Erbe kamen plötzlich freundliche Telefonate und Besuche. Und natürlich eine Menge
dringlicher Anliegen. Sie alle wollten Geld, waren in höchster Not. Familie. Vormals gute Freunde. Sie durchschaute das Spiel und brach alle Brücken hinter sich ab.
Sie hatte nur noch ihn.
Dann kam die Nacht der Kakerlaken. In ihrer Verzweiflung mischte sich Wut, auch wegen des verlorenen Kindes und seinen Weggang damals. Er hatte sie im Stich gelassen. Die Renovierung und die Auswanderung war wichtiger gewesen. Ihre Zweifel und Ängste vor der Zukunft in diesem fremden Land wischte er weg. Wenn es nicht klappen würde, läge es daran, dass sie nicht an die Sache und ihr Glück glauben würde.
Sie solle doch nicht alles verderben, es wäre so ein wundervoller Traum. Sie sollten es wenigstens versuchen.
Sie hielt über drei Jahre durch. Sah ihr Vermögen wegschmelzen und konnte nichts gegen seine fatalen Fehlentscheidungen tun, konnte nicht weg, sie war ihm hörig. Er wusste das und ignorierte ihre vielfachen Krankheitssymptome, die sie in dieser
Zeit plötzlich bekam. Schwindel, Ohnmachtsanfälle, Krämpfe, Schmerzen. Sie stürzte in eine tiefe Depression und verlor alle übrig gebliebenen Kontakte.
Er hatte nur seinen Plan vor Augen. Wischte jeden Einwand weg. Manchmal hatte sie gute Tage. Manchmal gelang es ihm ihr weiterhin vorzugaukeln, alles wäre gut.
Sie hoffte auf ein Wunder: eines Morgens aufwachen und alles einfach großartig finden, zum Beispiel. Die dunstige Luft, die stinkenden Autos, zum Abriss bereiten und doch bewohnten Häuser in den trostlosen Farben. Der Sozialismus war noch immer allgegenwärtig. Und dazu die Menschen, deren Mentalität sie einfach nicht verstand. Sie taten alles für Geld. Sie waren kriminell und primitiv.
Ja, es würde einem Wunder gleichkommen, sich daran zu gewöhnen und noch mehr, irgendetwas schönes an dieser Umgebung zu finden.
Genauso gut konnte sie sich wünschen, einfach zuhause aufzuwachen und alles wäre nur ein Traum gewesen.
Aber eines Tages war kein Geld mehr da, selbst die letzte Grenze war überschritten. Von ihrem Vermögen war nichts mehr übrig außer einer halb sanierten Bruchbude in einem osteuropäischen Land, in der sie nicht einen Tag gewohnt hatten.
Zurück in der Heimat galt es zuerst also Geld zu verdienen.
Wieder einmal hatte er auf ein Wort eines Bekannten vertraut und besorgte eine neue Bleibe, natürlich nicht dort, wo sie früher gelebt hatten und alles vertraut war - den vorausgesagten Job gab es jedoch nicht. Plötzliche Veränderungen im Betrieb, wie er ihr mitteilte. Aber sobald wie möglich würde dieser bekannte ihn einstellen, das war sicher. Es konnte sich nur um ein paar Wochen handeln.
Nichts war wichtiger, als die ersten Monate zu überstehen. Sie nahm einen Hilfsjob zum Mindestlohn an. Übergangsweise natürlich, bis er endlich Fuß gefasst hätte.
In einem Altenheim erledigte sie alle Arbeiten, für die sich die Kollegen zu schade waren. Insbesondere Toilettendienste. Erbrochenes wegwischen, Fäkalien entsorgen, Menschen aus ihren stinkenden Klamotten befreien und waschen. Das waren ihre Aufgaben – sie war als die „Klofrau“ bekannt und wurde auch so gerufen. Im Verlauf der Jahre kamen andere, anspruchsvollere Aufgaben hinzu. Geschwüre versorgen, schwergewichtige Menschen heben, versorgen und umbetten, natürlich ohne jede Hilfe. Die Bewohner mit ansteckenden Krankheiten waren allesamt ihr Job. Die Pausen verbrachte sie
allein. Nachtschichten, Wochenenddienste und Überstunden waren die Regel. Das alles zum Mindestlohn.
Sieben Jahre hielt sie durch, dann war ihr Körper ruiniert. Ihre Psyche ohnehin.
Er betonte immer wieder, dass er niemals einen solchen Job machen würde.
Blieb zuhause, wartete auf den versprochenen Job und war im Kaufrausch.
An- und Verkauf im Internet war sein Eldorado. Damit wollte er reich werden. Aber den Kühlschrank füllte sie. Ebenso wie die Miete von ihr gezahlt wurde, weil es nicht reichte. Dennoch rutschten sie noch tiefer ab.
Die Geldsorgen wurden mit jedem Stapel an Rechnungen größer.
In dieser Zeit drohte der Supergau.
Wieder eine Katastrophe – er war nie krankenversichert gewesen und nun sollte durch eine Gesetzesänderung solche Menschen dazu verpflichtet werden, nachträglich eine hohe Summe einzubezahlen und künftig pflichtversichert zu sein.
Es gab nur die eine Chance, dieser riesigen Summe zu entgehen: eine Heirat. Er würde in ihrer Versicherung aufgenommen und niemand würde ihn zur Kasse bitten können.
Also heirateten sie – aber es war eine Hochzeit ohne
Trauzeugen, Ringe oder eine Feier. Sie aßen immerhin auswärts.
Damals glaubte sie, es würde sich nun alles ändern.
Viele Zweckehen funktionierten gut, erst spät kamen Liebe und Leidenschaft hinzu. Vielleicht konnte er lernen sie zu lieben, jetzt, da sie offiziell Mann und Frau waren. Und zu begehren. Ein Intimleben gab es schon seit Jahren nicht mehr.
Viel schlechter konnte es nicht laufen. Es konnte nur noch aufwärts gehen.
Ja, es würde jetzt endlich alles gut werden. Das hier war ein Meilenstein.
Davon war sie überzeugt.
Die Ehe wurde jedoch nie vollzogen.
Es gab keine Hochzeitsnacht. Sie wurde immer wieder abgewiesen, jeder Versuch zur Verführung scheiterte. Es waren für sie Demütigungen wie Ohrfeigen.
Und dann kam der Tag, als sie in sein Büro kam und er nicht schnell genug seine Internetseiten schließen konnte.
Nackte Frauen.
Danach tat sie nichts mehr, um ihn umzustimmen, ihn zu becircen oder verführen zu wollen. Sie redete mit ihm nicht mehr über ihre Sehnsüchte und Bedürfnisse. Sie schämte sich unendlich, je mit ihm darüber gesprochen zu haben, sich ihm so ausgeliefert zu haben.
Jahrelang hatte sie damit zu kämpfen. Er ließ sie in ihren besten Jahren verhungern. Dazu kamen die ersten Schläge.
Zuerst waren es eher Stöße. Er stieß sie beiseite,
wenn er mit dem Telefonhörer am Ohr durch die Wohnung rannte und sie seinen Weg kreuzte.
Oder etwas trug.
Einmal verletzte er sie mit einem langen Brett, dass er ihr in die Seite rammte. Sie schrie auf und flippte aus, riss an dem Brett herum, das er überrascht fallen ließ und dann brüllte sie ihn an, beschimpfte ihn als Idioten.
Er ging mit starrem Blick auf sie zu und schlug sie ins Gesicht.
Umgehend verließ sie die Wohnung und zeigte ihn an.
Wortreiche Entschuldigungen und Tränen seinerseits. Blumen, Geschenke. Und die Anzeige wurde zurück gezogen.
Das übliche also.
Er stieß sie nicht mehr, sondern forderte sie nun auf,
zur Seite zu gehen. Höflich und zugleich genervt.
Er schlug sie nie wieder. Jedenfalls nicht so offen.
Statt dessen kniff er ihr in die Brust, in die Arme, trat ihr „versehentlich“ auf den Fuß, umarmte sie so heftig, dass sie Schmerzen bekam.
Oh wie ungeschickt er doch war. Aber er liebte sie doch so... es dauerte Jahre bis sie dahinterkam, dass es zuvor immer einen Streit gegeben hatte, wenn so etwas geschah.
Statt endlich zu gehen, wurde sie stiller. Sie konnte nicht weg von ihm. Sie schaffte es einfach nicht.
Eines Tages erbte sie noch einmal. Ihr Vater, zu dem sie Jahrzehnte keinen Kontakt gehabt hatte, war verstorben und hinterließ ihr etwas Geld. Es war nicht viel, jedoch genug für einen Neuanfang.
Sie suchte nach einem Haus, es musste billig sein.
Bei der Suche richtete sie sich auch nach seinen Wünschen. Er wäre sonst nicht mitgezogen.
Sie fand trotz seiner Ansprüche das passende Haus und konnte es in einer Zwangsversteigerung günstig erwerben.Sie renovierten Monate, bis ein Teil endlich bewohnbar war. Und zogen ein.
Doch der Start in ihr neues Leben verlief schlecht. Es war wieder einmal das typische Klischee. Es geschah bei der Autowäsche an der Tankstelle.Eine Frau verwickelte ihn in ein Gespräch, schnell sehr anzüglich – wie gut er aussah, genau ihre Kragenweite, wo sie doch frisch geschieden und sehr
einsam sei... und er hörte aufmerksam zu, bedankte sich für das Kompliment und erklärte der
Fremden, sie sei äußerst charmant und sicher nicht lang allein.
Sie war die ganze Zeit dabei gewesen, neben ihm stehend, völlig ignoriert von beiden. Sie sagte etwas wie „Schatz, wir müssen los....“, aber er und auch die Fremde würdigten sie keines Blickes.
Da ging sie in den Shop und bestellte mit einer ihr fremden Stimme einen Kaffee und kaufte dazu gleich Zigaretten und ein Feuerzeug. Fünf Jahre hatte sie nicht mehr geraucht.
Sie fragte nach einem Telefonbuch, um sich ein Taxi zu rufen.
Aber da kam er schon zur Tür herein. Musterte kurz die Zigaretten in ihrer Hand.
Sie fuhren schweigend in ihr neues Zuhause.
Am selben Abend wurden sie als „die Neuen“ in die Dorfgemeinschaft - bei einem Dorffest - eingeführt. Alle wollten sie kennenlernen und stellten sich vor. Jedoch bei jedem einzeln, denn statt sich mit ihr zusammen zu zeigen, an ihrer Seite zu sein, amüsierte er sich mit den Frauen des Ortes, die sich um ihn gruppiert hatten und brachte sie zum Lachen. Sie saß derweil mit einigen Seniorinnen an einem Tisch. Es war ihr unendlich peinlich. Die Damen bemühten sich sehr um sie und sie konnte sich nicht davonstehlen. Zu gern hätte sie sich zuhause eingeschlossen und die Decke über den Kopf gezogen.
Diese nun öffentlichen Demütigungen waren der Auftakt zu vielen weiteren.
Er witzelte vor den Nachbarn, wie ungeschickt sie mit den Werkzeugen umging, wie schlecht sie kochen würde.Wenn sie mit anderen sprach, fiel er ihr ins Wort und behauptete, die Geschichte sei ganz anders. Er lachte über ihr schlechtes Gedächtnis. Manchmal schickte er sie kurzerhand weg – dieses oder jenes musste erledigt werden.
Nun aber, hopp hopp.
Irgendwann ging er zu weit und sie erklärte ihm die Scheidung. Fortan lebten sie getrennt – sie zog in den unteren noch immer nicht renovierten und baufälligen Teil des Hauses und überließ ihm dabei die bequeme Wohnung. Des lieben Friedens willens. Und nur für das Trennungsjahr. Dann endlich würde er gehen.
Trotzdem hörten die Machtkämpfe nicht auf. Er diskreditierte sie weiterhin anderen gegenüber, zufällig fand sie persönliche Dinge im Müll wieder: liebevoll geschriebene Postkarten ihrer Freunde aus Urzeiten, Schmuckstücke, die sie einmal von anderen geschenkt bekommen hatte. Die von ihr angeschafften Tiere - Pferde und Minischweine - kauten Plastikfolie, die er ihnen hingeworfen hatte. Das Futter war regelmäßig ruiniert, weil er es ungeschützt den Katzen und Hunden auslieferte und diese darin ihr Geschäft verrichteten.
Teuer eingekauftes Stroh war plötzlich abgedeckt und vom Regen völlig durchnässt worden.
Dann fand sie eines Tages auf der Weide eine Vielzahl rostiger Nägel, Holzbretter mit spitzen Schrauben darin und Glasscherben in den Gehegen.
Sie ging in ihre Bleibe und schrieb einen kurzen Text.
Es war die Kündigung der Wohnung, die er bewohnte. Es war ihr Haus. Ihr gutes Recht.
Sie übergab ihm das Schreiben ohne ein Wort zu sagen.
Kalt.
Damit hatte er nicht gerechnet, kam zu Kreuze gekrochen, entschuldigte sich, bat um eine Chance wohnen bleiben zu dürfen. Zahlte Geld, eine großzügige Miete.
Plötzlich konnte er sich benehmen. War höflich. Kleine Aufmerksamkeiten jeden Tag.
Jedoch war die Ehe vorbei.
Sie konnte nicht mehr im Ehebett schlafen, nicht einmal allein. Mit ihm in einem Bett zu liegen war undenkbar für sie. Vielleicht war Freundschaft irgendwann möglich. Doch auch Freundschaft braucht Vertrauen und es war einfach nicht mehr da.
Sie bekam eines Tages unerwartet die Chance, in den Medien mit einer neuen Kunsttechnik – sie hatte begonnen, Skulpturen in Gemälde einzuarbeiten - präsentiert zu werden. Plötzlich stieg seine Achtung ihr gegenüber. Aber es interessierte sie nicht. Für sie war das nichts als Stress, kein wirklicher Erfolg, denn durch die ständige Armut war sie inzwischen resistent gegenüber Stolz geworden. Sie wollte nur noch Geld – vorzugsweise natürlich mit ihrer Kunst – verdienen.
Alles andere war Gefühlsduselei - Luxus.
Und nicht für sie bestimmt. Sie stumpfte ab und war froh darüber, nicht mehr um Liebe oder Anerkennung kämpfen zu müssen.
Und auch den Schmerz verdrängen zu können, wenn sie aufgrund der immer fortwährenden Geldsorgen wieder einmal eines ihrer geliebten Tiere abgeben musste.
Und obwohl ihre Kunst hoch gelobt worden war, kaufte niemand eines ihrer Gemälde, selbst wenn sie nur die Materialkosten berechnete.
Ihr Projekt, in das sie größte Hoffnungen gesetzt hatte, war gescheitert.
Manchmal überkam sie Trauer um den Menschen, der sie einmal gewesen war. Wut auf das Schicksal,
sie mit soviel Liebe und Intelligenz ausgestattet zu haben, nur um immer wieder zu scheitern. Wieso war sie nicht dumm, minderbemittelt und emotional stumpf geboren worden? Das hätte zu diesem Leben gepasst.
Um sie herum schien die Welt immer mehr zu verrohen, sie glaubte auch, dass die Menschheit den Zenit ihrer Entwicklung längst überschritten hatte. Offenbar nahm die Intelligenz immer mehr ab, Dummheit und primitive Inhalte regierten alle Kanäle. Und immer mehr fadenscheinige und oberflächliche Gespräche.
Geld war Macht. Freiheit.
Nichts sonst schien noch zu zählen – und es hatte ihr Leben komplett in der Hand.
Es war erschreckend und ein Trost zugleich, dass die Zeit immer schneller verging.
Nach 14 Jahren und 76 Tagen - an einem Oktoberabend - begann endlich der letzte Akt.
Es war der zwölfte Oktober 2015. Gegen siebzehn Uhr.
Die Nacht würde bald vollständig da sein, es dämmerte schnell und gab noch einiges für sie zu tun. Die Schweine waren gefüttert, ebenso die Katzen. Fehlten noch die Hunde. Sie füllte die Näpfe und pfiff zuerst Jack und Taco – die beiden Schäferhunde, die den Hof bewachten – heran. Luise, eine Collie-Hündin, bekam ihre Seniorenmahlzeit in der Scheune, ebenso wie die Chihuahua-Dame Lexi und der Terrier Finn.
Nun schnell noch die Tränken füllen. Der aufgerollte Wasserschlauch knickte ein wie immer. Sie würde heute mit den Wassereimern arbeiten. Sie ließ zwei volllaufen und trug sie zum Schweinegehege, um dort die Tränken aufzufüllen.
Die meisten Schweine schliefen schon. Nur Lola und Anna schlenderten noch einmal gemächlich zum Zaun, ließen sich die Nasen streicheln und den Nacken kraulen. Ein Betthupferl – für jede einen Butterkeks – ließen sie sich nicht entgehen. Ein zufriedenes Grunzen und sie wackelten Richtung Unterstand.
Die nächste Ladung Wasser wurde in den anderen Näpfen für die Hunde und Katzen verteilt.
Zuletzt waren die Wasserbehälter auf der Weide für die Pferde dran.
Zwei junge Fuchs-Hengste, Ben und Barry, mit knapp achtzehn Monaten waren sie fast noch Babys.
Und eine Stute namens Penny, mittlerweile neun Jahre alt. Sie hatte sich vor zwei Jahren in die Stute verliebt und sofort gekauft. Penny war wunderschön – reinweiß mit großen sanften Augen. Sie hatte jedoch den Schalk im Nacken, konnte wild herumtoben und hatte einen Dickkopf. Auch erzog sie die beiden Hengste mit ausdauernden Ausschlägen, wenn ihr etwas nicht passte.
Auf dem großen Grundstück liefen viele Tiere frei herum. Einige Schweine gemeinsam mit den Hunden, Katzen und den Pferden. Bis vor kurzem vervollständigten noch drei Ziegen und zwei Schafe das Bild.
Leider musste sie die verkaufen.
Aber wie auch immer: Penny war für alle das Oberhaupt und zeigte das auch ganz gern.
Sie war dennoch insgesamt ein sehr liebenswertes Pferd – mit viel Charakter.
Auch Penny hatte sie wieder verkaufen müssen, natürlich wegen akuten Geldmangels. Als die Stute abgeholt wurde und mitbekam, dass das bekannte Frauchen nicht mitfahren würde, schlug sie wütend
aus und rief immerzu.
Die nächsten Tage waren von unglaublicher Sehnsucht und Traurigkeit geprägt gewesen. Der Stute erging es im neuen Zuhause nicht anders. Sie verlor sehr schnell an Gewicht, konnte sich nicht in der Herde einfinden und ließ sich nicht anfassen. Für die neuen Besitzer ein Alptraum.
Irgendwie schaffte sie es das Geld zusammenzukratzen und Penny nach zehn Tagen wieder zurückzuholen.
Danach war klar, dass sie sich nie wieder von ihr trennen würde.
Nun noch den allabendlichen Hofrundgang und schauen, ob alle Tore und Türen gesichert waren. Das Auto abschließen, noch ein paar Extradecken für die Hunde ausbreiten und Kissen für die Katzen aufschütteln.
Es war erst Anfang Oktober, doch schon bitterkalt. Nicht nur die Tiere brauchten zusätzlichen Kälteschutz. Sie selbst brauchten dringend Geld für Öl und Holz. Hoffentlich hielt die Heizung noch einen Winter durch. Eigentlich sah es nicht danach aus, aber manchmal geschahen trotz allem kleine Wunder. Schon letztes Jahr hatten sie täglich damit gerechnet, plötzlich ohne Heizung zu sein. Aber es war alles gut gegangen.
Nur an vier Tagen hatte es Aussetzer gegeben. In dieser Zeit mussten die Radiatoren und kleine Heizbläser herhalten. Die Stromrechnung stieg ins astronomische. Sie musste dringend eine Lösung finden. Ein Werkstattofen vielleicht oder doch lieber ein Gasofen?
Er hatte Angst vor Gas, das sagte er ganz direkt. Doch es ging ihn nichts an, sie lebten nicht in einer Wohnung.
Was sollte es ihn scheren, wenn sie in die Luft flog?
Es gab Camping-Öfen, so etwas wäre für ihre kleinen Räume das richtige. Ob man die auch gebraucht erwerben konnte? Bestimmt....
Ein plötzlich jäher Schrei, ein lautes Poltern ließ sie aus ihren Gedanken hochschrecken, als sie gerade den untersten Torriegel am Gehege vorschieben wollte.
Ihre Stute schoss wie ein Blitz um die Ecke, offenbar war Penny aus dem Stall ausgebrochen, aber wie? Sie hatte doch schon vor einer Stunde die Pferde alle in ihre Boxen gebracht! Fast hätte Penny sie überrannt, im letzten Moment sprang sie zur Seite und wurde nur leicht gestreift.
Ein Geruch. Was verbranntes. Etwa Rauch? Benzin? Sie nahm ihn wahr als das Tier an ihr vorbeirannte. Verwirrung.
Als ihre Augen Penny folgten, sah sie es.
Das Pferd brannte!
Es rannte in wilder Panik um sein Leben, doch das gab dem Feuer Nahrung und die ganze Mähne wirkte in Sekunden wie ein Feuerschweif.
Die Funken sprühten. Penny schrie und schrie, sie lief ohne Sinn und Verstand.
Sie sah die Szene ohne wirklich etwas zu fühlen. Oder es zu glauben, was da geschah. Dachte an eine Mystik, Dämonen, empfand staunende Ehrfurcht vor diesem Bild. Das brennende, jagende, schreiende Pferd in der Nacht, die nun hereingebrochen war. Ein runder Vollmond am Himmel.
„Der Teufel“, dachte sie.
Ihr Verstand nahm messerscharf alles auf. Sie konnte das Tier nicht stoppen. Es würde sie töten in seiner Panik.
Selbst wenn sie es löschen würde können, müsste es sterben. Solche Schmerzen, solche Wunden musste es haben. Sie würde den Tierarzt rufen müssen. Sie hatte kein Geld. Sie sollte schnellstens das Gewehr holen, aber sie konnte das große Tier doch nicht im Garten begraben... nein. Die Gedanken überschlugen sich und wurden zu unsinnigen Impulsen.
Sie begriff nicht, warum sie dennoch losrannte, sich dem Tier mit erhobenen Armen schreiend in den Weg stellte und erst recht nicht, wieso es auf sie reagierte und eine Kurve beschrieb, um ihr auszuweichen.
Sie schrie wieder und rannte los, die Stute jagte hinter ihr her, überholte sie fast und gemeinsam liefen sie geradewegs in den großen Teich, den sie im Frühling erst angelegt hatte.
Er hatte keinen Sicherheitszaun, auch dafür hatte das Geld gefehlt – in diesem Fall ein großes Glück. Auch war er gerade einmal eineinhalb Meter tief, doch Penny strauchelte und fiel, das Wasser umschloss sie und es zischte, als die Flammen gelöscht wurden.
Hatte das Tier gewusst, dass dies seine Rettung bedeuten könnte?
Hatte es den Teich angepeilt? Oder hatte sie es tatsächlich geführt?
Sie watete auf Penny zu, rutschte selbst aus und fiel komplett ins Wasser. Rappelte sich sofort wieder auf und ignorierte die Schwere ihrer nassen Klamotten und den Kälteschock. Wie schwer verletzt war das Pferd, konnte es aufstehen? Erleichtert sah sie die Umrisse. Ja, es stand.
Der See war nicht zu tief und hatte einen sanften Uferanstieg - Penny konnte hinaussteigen. Was sie auch selbstständig tat. Es dampfte. Die Mähne war eindeutig abgebrannt, soweit sie das erkennen konnte. Aber sie konnte nicht sehen, ob und wie stark die Stute verletzt war.
Hilflos tastete sie nach ihr, versuchte sie vorsichtig zu berühren, aber die Finger glitten immer wieder ab, sie waren taub. Die Kälte nahm ihr den Atem. Sie spürte ihre Hände nicht mehr. Sie ging schwankend und tropfnass über die Weide in den Stall, das Pferd folgte, nun ganz ruhig.
Der Stall und die Boxen waren unversehrt. Hier hatte es nicht gebrannt. Pennys Box hatte ebenfalls keinen Schaden genommen, jemand musste die Boxentür entriegelt haben.
An einer Stelle vor der Box entdeckte sie auf dem Boden Streichhölzer, die langen, die man gern auch für den Kamin benutzte. Es waren fünf Hölzer und sie waren zur Hälfte abgebrannt. Eine Benzinlache vor dem Eingang... sie musste sie wegwischen.
Doch zuerst ging es um Penny. Sie drehte sich um, traute sich kaum hinzusehen, tat es aber doch.
Penny sah bedauernswert aus – die Mähne war tatsächlich abgebrannt, einzelne Haarsträhnen hingen versengt herunter. An einigen Stellen sah sie Brandwunden, aber sie waren klein. Insgesamt fehlten nur wenige Millimeter zur Haut.
Schnell schnappte sie sich die alten Handtücher aus dem Schrank und rieb Penny trocken, machte nebenbei zwei Heizlüfter an, um die Stute zu wärmen.
Penny war auch sonst wie durch ein Wunder kaum
verletzt. Oberflächliche Wunden. Sie musste sich das Bein aufgeschlagen haben als sie in den Teich gesprungen und gefallen war. Vielleicht auch vorher schon in ihrer rasenden Panik. Sie nahm das Desinfektionsspray und säuberte notdürftig die Brandstellen und das Bein.
Kleine Mohrrüben als Leckerchen nahm Penny gern an. Das war gut. Sehr gut.
Sie legte noch eine große Lage Stroh in die Box und führte ihr Pferd hinein. Die Tür ließ sie offen, falls Penny eine Panikattacke bekommen sollte.
Schnell noch das Benzin aufwischen.
Sie spürte ihren Körper kaum noch.
Stoßgebete, sie war unendlich dankbar.
Ein Wunder war es gewesen. Der Teufel hatte nicht gesiegt, er hatte ein Bild gezeigt, ein Bild seiner Bösartigkeit, aber er hatte nicht gewonnen. Nein. Tatsächlich ein Wunder.
Die Wärme im Stall ließ sie ihre eigenen Schmerzen spüren, als das Blut in ihrem Körper zu zirkulieren begann. Es war schlimm, sie schlotterte, als sie endlich im Haus angekommen war und konnte sich unter der Dusche kaum halten. Sie sank hinunter und ließ das Wasser einfach auf sich hinab prallen. Nach Ewigkeiten konnte sie sich wieder bewegen und säuberte sich. Nur widerwillig verließ sie die Dusche. Sie hasste Kälte.
Sie nahm sich ihren Schlafsack und ging zu ihrer Stute, liebkoste sie, die Box blieb offen und sie legte sich direkt daneben auf den gemauerten Sims und schlief auf der Stelle ein.
Am nächsten Morgen erschoss sie ihn, noch während er im Bett schlief.
Den Teufel.
HEUTE:
Ich habe nicht nur ihn getötet. Es folgten noch weitere. Ich habe damit mein Schicksal endgültig besiegelt. Vielleicht sogar Gottes Plan durchkreuzt. Einen eigenen Willen soll er ja angeblich jedem Menschen mitgeben. Das ist interessant, wenn dieser Mensch nie eine Chance hatte. Ad absurdum.
Ich tötete.
Löschte viele Lichter aus.
Und damit starben alle geheimen verbliebenen Träume und Hoffnungen – die Verführungen dieses beschissenen Lebens. Die Gedanken, es könne irgendwann eine Wiedergutmachung geben, eine faire Chance, einen Lohn für all das.
Sie sind Geschichte.
Ich glaube nicht mehr daran. Es ist vorbei, ich spiele nicht mehr mit. Pech für das Schicksal.
Meine Taten sind lediglich das Ergebnis einer unzähligen Anzahl von Bösartigkeiten der Menschen, die mich von Anfang an begleiteten. Er selbst, seine Taten allein hätten es nicht geschafft, mich dahin zu treiben, wo ich jetzt stehe. Hätte ich je echte reine Liebe erfahren, hätte ich meine Grundrechte leben dürfen – schon als Kleinkind – und wäre nicht als ein unliebsamer Unfall gehandelt worden, wäre all das nicht geschehen.
Ich wäre stark gewesen, selbstbewusst, hätte vertrauensvoll auf Fürsorge und Hilfe der Familie zählen dürfen. Nie hätte ich mich einem solchen Menschen hingegeben, auch nicht den anderen kranken Typen zuvor. Ich wäre nie so überzeugt gewesen, keine Liebe zu verdienen und dankbar alles hinzunehmen, nur damit sich jemand zu mir bekennt. Mir seine Liebe vorgaukelt, eine Illusion, die ich brauchte – mehr noch als die Luft zum Atmen.
Das alles sind Fakten. Ohne Emotionen.
Ich empfinde kein Mitleid, weder für mich noch für andere.
Es ist eine einfache logische Schlussfolgerung eines von anderen geprägten und verpfuschten Lebens.
Ich erschoss an jenem Tag also nicht nur ihn und die anderen, sondern damit auch meine Mutter, meinen Vater, die Stellvertretermutter, den ersten Ehemann und seine gesamte Sippe, den zweiten Betrüger, alle Lügner. Ich erschoss damit jeden, der mich je gedemütigt hatte. Ich erschoss dieses Dasein, die Armut, der Dreck, meine eigene Unfähigkeit mich zu befreien.
Von ihm.
Er röchelte übrigens noch eine Zeit lang, nachdem ich ihn die tödlichen Kugeln verpasst hatte. Eine mitten in sein feistes Gesicht, die andere in die Brust. Links.
Meine Tiere erschoss ich einen nach dem anderen. Allen Hunden war eines gemeinsam: sie liebten mich ohne jedes Misstrauen und liefen freudig auf mich zu, leckten mich begeistert ab. Es war schwierig, jedem von ihnen eine gut platzierte Kugel zu verpassen, bei Jack traf ich daneben und musste noch zweimal abdrücken, bis er endlich zusammenbrach. Sie hatten alle diesen verstörten Blick, sie verstanden nicht, was da geschah. Die letzten beiden flüchteten, versuchten zu entkommen, doch alle Türen waren zu. Es waren die kleinsten. Sie jaulten, hatten Angst. Wuselten umher.
Danach waren sie endlich ruhig.
Die Katzen waren geflüchtet, meine beiden Lieblingskater Charlie und Brikett erwischte ich dennoch. Ich musste nur etwas warten und mit der leeren Futterdose locken. Fünf zutrauliche Schweine, die ich aufgezogen hatte – auch sie mussten sterben.
Aber es würde ihnen tot besser ergehen. Die Tiere waren abgemagert, viel zu dünn.
Ich hatte kein Geld mehr für Futtermittel. Und keine Zeit, um sie ins Tierheim zu schaffen. Die Pferde waren gut genährt und würden schnell neue Besitzer finden. Die Nachbarn waren verliebt in sie. Ein Zettel auf dem Küchentisch musste genügen.
Die Knallerei lockte den halben Ort heran.
Es war typisch, viele Rentner, Arbeitslose und andererseits Menschen mit so viel Geld, dass sie nicht arbeiten gehen mussten. Sie alle hatten die Gemeinsamkeit, fast vor Langeweile sterben zu müssen.
In diesem kleinen Ort gab es nichts bis auf zwei Bushaltestellen. Kein Laden, keine Kirche. Aber es gab einen Friedhof mit Kapelle immerhin. Keine Schule oder andere Einrichtungen. Das einzige Cafe machte sporadisch auf, wenn einer der Ehrenamtler dafür Lust und Zeit hatte. Im Grunde genommen war dieser Ort zu nichts gut.
Idyllisch, aber reizlos.
Ich hatte mich immer gewundert, warum niemand auf die Idee gekommen war, hier ein Altenheim, ein Heim für schwer erziehbare oder straffällige Jugendliche oder eine Irrenanstalt zu errichten. Oder auch ein Frauenhaus.
Solche Orte sind prädestiniert dafür. Aber offenbar ist dieses Dorf so unscheinbar, dass man es ständig übersieht, sobald sich die Frage nach einer geeigneten geographischen Lage für ein solches Projekt stellt.
Glück für all jene, die hier ihre Scheinwelt leben. Die meisten sind Einzelgänger, es gibt nur wenig freundschaftliche Kontakte. Man pflegt dennoch die Dorfgemeinschaft mit kleinen traditionellen Feiern. Allerdings sind diese qualitativ immer schlechter geworden und wurden zuletzt nur noch vom „harten Kern“ besucht.
Zugezogene beeilten sich in der Regel nach ein paar Jahren wieder weiterzuziehen, denn dieses Dorf hatte zu meiner Zeit zumindest die Eigenart, dass man sich nicht wirklich heimisch fühlen konnte. Man konnte hier nicht sesshaft werden, es gab zwar eine Gemeinschaft, doch die wiederum schloss die Neuen aus. Natürlich durfte man an den Feierlichkeiten teilnehmen, auch wurde oft das „Du“ angeboten aber darüber hinaus ging nichts. Echte Nachbarschaftshilfe beispielsweise war sehr selten. Selbst bei denen, die schon Jahrzehnte hier wohnten. Würde ihnen das Haus abbrennen, würden die alteingesessenen Nachbarn allenfalls die Feuerwehr rufen, aber keinesfalls selbst Hand anlegen, sondern abwarten und zuschauen. Gemeinschaftliches Grillen war außerhalb einer entsprechenden ausgerufenen Feierlichkeit ebenfalls etwas, was den Dorfbewohnern nicht behagte.
Jegliche Nähe, die über reine Förmlichkeiten hinausging, war jedenfalls zu meiner Zeit einfach nicht möglich.
Wollte man hier tatsächlich leben, musste man eine dicke Mauer um sein Anwesen ziehen und sein Zuhause abgrenzen. Und Freunde von außerhalb einladen.
Das alles kannte ich vorher nicht. Wo ich gewohnt hatte, war das anders gewesen.
Es gab gute Nachbarn und es war üblich, gemeinsam zu grillen, sich Gefälligkeiten zu erweisen und darauf zu vertrauen, dass im Notfall jemand da war, der auf das Haus achten oder die Tiere versorgen würde.
In der Regel wusste der eine vom anderen, wenn etwas wichtiges anstand. Eine Hand wäscht die andere. Und Nachbarn sind immer da, man sollte sich also gut mit ihnen stellen. Das hatten alle beherzigt, die ich kannte.
Noch heute frage ich mich, warum ich ausgerechnet dort gelandet bin – in einem Dorf ohne Seele und Herzlichkeit.
Aber eigentlich passend zu meinem restlichen Leben.
Ich hatte noch genug Munition. Die zwei Kleinkinder zuerst. Ihre entsetzt dreinschauende Mutter hielt den kleinen Jungen auf dem Arm, das etwas ältere Mädchen, vielleicht war sie vier, stand neben ihr fest an der Hand gehalten. Unsere Blicke trafen sich und die Kleine schien genau zu spüren was vorging – und was noch kommen würde. Denn plötzlich schrie sie wie am Spieß, riss sich los und umklammerte das Bein ihrer Mutter wie eine Ertrinkende.
„Komm weg, Mama, komm!“ Ich wusste, beide Kinder hatten genau wie ich früher keine Chance, sie lebten bei Alkoholikern. Sie würden später ebenfalls ein gequältes Leben führen und ihrerseits Opfer finden.
Besser, diesen Kreislauf zu beenden.
Mädchen, Junge, ihre Erzeugerin.
Erledigt mit nur drei Schüssen.
Als wäre ich dafür geboren.
Zum Glück war auch die Weiberclique vollständig, die sich gegen mich verschworen hatte und so gern über mich tuschelte.
Sie alle waren mir stets mit der größtmöglichen Arroganz begegnet. Sie definierten sich ausschließlich über ihre reichen Gatten und ihr sorgloses und gut situiertes Leben. Das nun jäh endete – immerhin würdig und schnell.
Das hätte nicht sein müssen.
Aber Arroganz ist eine von mir meist gehassten Eigenschaften.
Gepaart mit Dummheit eine Pest. Diese vier Frauen waren eine Ausgeburt der primitiven Arroganz.
Die wichtigsten Personen waren eliminiert.
Der Rest von ihnen – das mochte deren Schicksal entscheiden. Eine faire Chance.
Also schoss ich blind in die Menge.
Die Dörfler sind tatsächlich langsamer im Denken. Ich konnte noch ein Magazin nachladen und erwischte noch sechs weitere, die meisten mitten in ihre unglaublich erstarrten Gesichter.
Jetzt bin ich frei, bar jeder Hoffnung und Illusion. Reue empfinde ich keinen Moment. Mein Raum ist wie eine Zelle klein, wenige persönliche Dinge sind drin, keinerlei Erinnerungsstücke. Ich will es so. Alles ist sauber, der Tag überschaubar.
In meinem alten Leben würde ich wahrscheinlich irgendwelche Dinge im Haus reparieren oder schlicht Scheiße wegwischen, mich um die Tiere kümmern, ohne wirklich Zeit für sie zu haben, wieder einmal Bittbriefe oder Bewerbungen schreiben und Absagen lesen. Ich würde auf dem Schreibtisch Rechnungen sehen, die ich nicht bezahlen kann.
Ein paar Geldstücke für die nächsten Tage. Kein Essen da haben. Das bisschen, was da ist den Tieren zubereiten. Ich würde bangen, ob der Strom noch funktioniert, die Heizung läuft, das Internet und Telefon ebenso, oder ob das Wasser steigt und den Stall mal wieder überflutet.
Ich würde ein Drecksloch sehen, wenn ich mich umschaue. Ich schlafe darin.
Ich würde zerstörte Dinge notdürftig reparieren.
Ich wäre unendlich müde.
Hier ist es anders. Freie Kost und Logis. Alles sauber.
Ich brauche kein Geld, also arbeite ich nicht. Ich lasse die Tage vergehen.
Gedanken an mein Schicksal sind das einzige, sie sind geprägt von einer unbändigen Wut.
Ich erhalte diese Wut in mir, ich versöhne mich nicht. Ich will mit dieser Wut sterben und sie ihm vor die Füße werfen. Gott. Wenn es ihn denn gibt.
Ich habe ein paar seiner Glückskinder platt gemacht. Es war Zeit für sie zu gehen und ich habe das bestimmt. Genug Glück gesehen, meine Lieben. Genug auf meine Kosten amüsiert.
Genug gedemütigt.
Ab in die Gruft.
Diese arroganten hirnlosen Weiber....
Bestimmt liegt für die eine schon ein Tennisdress und teurer Schmuck bereit. Für die andere das neue Gesicht und die Figur eines Topmodells, das sie so sehr bewundert. Die dritte freut sich vermutlich über eine Villa mit todschicken Möbeln. Und die andere ganz schlicht über ein paar Millionen auf dem Konto
nur für sich allein.
Ob man im Jenseits shoppen gehen kann?
Wieso nicht – sie hatten doch schon den Himmel auf Erden.
Wenn es überhaupt jemanden gibt, der mein Schicksal lenkt, tatsächlich einen Gott, so kann ich nur sagen, dass er eine Ausgeburt der Perversion ist.
Ein Komödiant und doch eine traurige Gestalt. Das war´s.
Mehr habe ich nicht zu sagen.
Claire Nolan
PS.
Der Bericht meiner neuen Klientin Claire Nolan, die ich zu begutachten hatte, lag mir schon seit Wochen vor.
Er war gut geschrieben, sehr gut sogar. Und sehr ausführlich.
Der typische Lebenslauf einer Verliererin.
Von Anfang an keine Chance gehabt und dennoch immer gekämpft.
Irgendwann völlig ausgerastet und Amok gelaufen. Vierzehn Menschen, darunter kleine Kinder, hatte sie erwischt.
Ich sollte ihre Zurechnungsfähigkeit beurteilen.
Für solche herausragenden Fälle beauftragten die Gerichte in der Regel mich als Sachverständigen für psychiatrische Gutachten.
Kein Wunder.
Ich war bereits mit dreiundzwanzig Jahren approbierter Psychiater, hatte mit fünfundzwanzig bereits den Professorentitel und lehrte an verschiedenen Universitäten. Mein Ruf eilte mir stets voraus – ich war der Beste auf meinem Gebiet. Und dafür auch in der einschlägigen Literatur bekannt.
Professor Dr. Christopher Duning, inzwischen achtundvierzig Jahre alt und bis dato unerreicht in der forensischen Psychiatrie.
Ich unterhielt auch eine kleine Praxis, allerdings eher als Hobby. Die reichen Snobs mit ihren alltäglichen Problemen und Psychosen. Eine willkommene Abwechslung dann und wann.
Und natürlich ein nicht zu verachtendes Zubrot.
Aber zurück zu Claire Nolan, sechsundvierzig Jahre alt, eine Frau vom Lande mit Bauernhof.
Und nun eine Witwe und Mörderin.
Nach diesem Bericht wusste ich, sie würde sicher keine Strafvergünstigungen bekommen.
Sie war klar und gesund.
Shit happens.
Der Fall war klar.
Dennoch standen Gespräche an. Vorschrift unserer Rechtsprechung und in manchen Fällen wie dieser hier reine Zeitverschwendung.
Ich betrachtete die Polizeifotos in ihrer Akte.
Sie war zwar um die Mitte Vierzig, sah aber älter aus. Korpulent, trug Brille, hatte einen leeren Blick. Ihr Gesicht war fett. Doppelkinn. Sie stand gebeugt. Typ unzufriedene Hausfrau. Sie erzeugte kein Mitleid mit ihrer Gestalt.
Keine großen Kinderaugen und keine zarte Statur. Sie lud regelrecht dazu ein, ihr noch einmal eins zu verpassen und sie wegzusperren, damit man nicht mehr daran denken musste, dieses menschliche
Wrack nicht seinen Tag störte, wenn man genüsslich einen Kaffee trank und die Sonne schien.
Merkwürdig. Ihre intelligente Art zu schreiben passte nicht zu diesem Bild. Sie hatte sich – wenn man die Umstände betrachtet - kurz gefasst und nicht wirklich emotional lamentiert. Sie hatte lediglich Feststellungen und Tatsachen aufgeschrieben, selbst die, die emotionaler Natur waren.
Und doch... irgendetwas löste dieser Bericht in mir aus. Mitgefühl? Ärger?
Es packte mich irgendwas und ich wollte wissen wieso. Der Besuch würde eine Pflicht sein, der ich ungern nachging, aber ich war neugierig genug, um dem Ganzen einen wenn auch kleinen persönlichen Stellenwert zuzumessen.
Also machte ich einen baldigen Termin aus.
Als wir uns begrüßten war ich perplex. Vor mir stand eine andere Person als die, die ich erwartet hatte. Ich rief mir nochmal die Fotos vor Augen. Ja, es gab die gleichen Merkmale, sie war es tatsächlich. Aber sie war deutlich schlanker, hatte ein feingeschnittenes Gesicht und dadurch wirkten ihre Augen größer. Sie waren blau. Ihre Haare waren länger und blond.
Die Brille fehlte. Ich fragte nach.
