Ich schwöre! - Marc Hudek - E-Book

Ich schwöre! E-Book

Marc Hudek

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Beschreibung

Der 20 Jahre alte Sportstudent Lenny Baumeister hat ein ernstes Problem: Seine einzigen Freunde driften in die Salafistenszene ab und wollen IS-Kämpfer in Syrien werden. Lenny versucht, dies mit allen Mitteln zu verhindern, aber das ist längst nicht so einfach, wie er sich das vorstellt.

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Seitenzahl: 310

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Marc Hudek

ICH SCHWÖRE!

Roman

„Denkst du an Engel, so bewegen sie ihre Flügel.“

Israelisches Sprichwort

© 2017 Marc Hudek

Umschlaggestaltung: Hafid Schem

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreihe 42, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7439-5317-8

Hardcover:

978-3-7439-5318-5

e-Book:

978-3-7439-5319-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Marc Hudek ist ein Pseudonym.

1

Der erste Satz, den ich nach meinem Erwachen höre, ist wie ein Donnerschlag.

„Lenny Baumeister, kann es sein, dass du ALS hast?“

Ich blicke auf und sehe Lara vor mir, eine bekennende und freundliche Lesbe. Sie sitzt mit gespreizten Beinen direkt vor meinem Gesicht und stützt sich hinten mit den Händen auf dem Boden ab. Sie atmet völlig ruhig, was entweder bedeutet, dass sie sich schnell erholt hat oder dass ich schon Jahre hier liege und vor mich hin stöhne.

„Was?“, keuche ich.

„ALS – Amyotrophe Lateralsklerose. Schleichende Lähmung der Muskeln. Hast du das vielleicht?“

„Nee, ich glaub nicht, weiß nicht, wieso?“, stammle ich.

Ich denke an die armen Leichtathleten im Fernsehen, die drei Sekunden nach ihrem Rennen vor ein Mikrofon gezerrt werden und analysieren müssen, warum sie wieder versagt haben. Ein Zehntausend-Meter-Lauf ist immer Horror, auch ohne Gewichte, darum ist das Teilnehmerfeld bei uns auch jedes Mal sehr übersichtlich. Außer mir waren diesmal nur noch fünf andere Studenten dabei, und unsere Dozentin Antonia Spiridonis, außer Konkurrenz. Vielleicht wollte sie bewusst ein kleines Feld, denn sie hat den Lauf schon recht früh angekündigt und schien kein bisschen verwundert über die siebzehn Krankmeldungen, obwohl gestern noch alle Sportler topfit waren. Sie liebt das Laufen, und ich liebe es, ihr beim Laufen zuzusehen, weil ihre Haare so schön wehen und sie einen so eleganten Laufstil hat. Darum habe ich auch kurz überlegt, mich den siebzehn Todkranken anzuschließen und mir den Lauf von der Bank anzusehen, aber das war mir dann doch zu blöd.

Ich setze mich hin wie Lara, damit wir sozusagen auf Augenhöhe reden können, aber in dem Moment steht sie auf.

„Ich hab dich beobachtet, deine Beine, weißt du?“ Nee, denke ich, woher denn?

„Es hat so ausgesehen, als ob sie dir nicht mehr gehorcht haben. Sie sind weggebrochen, wie bei einer Marionette, wenn man die Fäden plötzlich loslässt. Kennst du die Augsburger Puppenkiste?“

Ich blicke sie völlig verständnislos an. „Was?“

Lara schüttelt den Kopf und fängt an, Dehnübungen zu machen. Sie biegt ein Bein nach hinten und zieht den Fuß zum Po.

„Ist ja auch egal, auf jeden Fall solltest du das mal checken lassen. Das sah nicht gut aus, finde ich.“

Was auch kein Wunder ist, wenn ich den Lauf aus meiner Sicht betrachte. Die ersten fünftausend Meter blieb das Feld relativ dicht zusammen, Antonia vorne, ich zweiter, die anderen hinter mir. Aber dann wurden meine Beine plötzlich ungewöhnlich schwer, vielleicht zu wenig Franzbranntwein gestern Abend, und der Abstand zu Antonia wurde größer und größer. Die anderen überholten mich, einer nach dem anderen, ich hörte ihren hechelnden Atem, aber nur für kurze Zeit, dann hörte ich gar nichts mehr. Nach siebentausend Metern fingen meine Augen an zu flackern, die Beine spürte ich kaum noch, mein Herz pumpte wie die Schmalspurbahn am Brocken. Die Seitenstiche ignorierte ich, sie taten weh, aber ich wusste, dass es nicht schlimm war, ich habe die Schmerzen weggelaufen, wie man so schön sagt. Bei neuntausend Metern fing ich an zu taumeln, Antonia überrundete mich, warf mir einen besorgten Blick und ein „Halt durch, Lenny!“ zu. Das gab mir die Kraft, den letzten Kilometer zu schaffen, schließlich will ich sie nicht enttäuschen. Niemals. Ich konnte sogar noch ein paar Meter zu den anderen aufschließen, aber Letzter wurde ich dennoch. Im Ziel bin ich zusammengebrochen und wollte nur noch sterben.

Ich starre Lara an und überlege, ebenfalls aufzustehen und mich zu dehnen, aber als ich ein Bein belaste, merke ich, dass es fast taub ist. Also bleibe ich sitzen und suche mir eine andere lässige Position. Dehnen geht ja auch im Sitzen, ist auch nicht so anstrengend. Außerdem könnte ich schwören, dass Lara sich in dem Moment davonmacht, in dem ich mich neben sie stelle.

„Eigentlich bin ich ganz gesund, sagt mein Arzt“, erkläre ich ihr. „Mir fehlt ein bisschen Magnesium, aber dafür gibt’s ja Tabletten.“

Ich lächle sie an, weil ich es nett finde, dass sie sich Sorgen um mich macht, und weil sie eine hübsche Frau ist. Dass sie lesbisch ist, ist ja nicht ihre Schuld. Natürlich lächelt sie nicht zurück, das wäre in der Tat zu viel verlangt.

In der Umkleidekabine betaste ich meine Beine und finde auch, dass sie auf meinen Daumendruck nicht so ansprechen wie sonst. Wahrscheinlich ist die Lähmung doch schon weiter fortgeschritten, auch wenn ich bis vor einer halben Stunde von ihrer Existenz noch gar nicht wusste. Aber manchmal kommt so ein schlimmer Befund ja bei einer Zufallsuntersuchung raus, und ich sollte Lara wirklich dankbar sein, dass sie diese Krankheit endlich entdeckt hat. Und Lara ist nicht doof, ich weiß, dass sie dieses Sportstudium nur macht, weil sie auf einen Medizinstudienplatz wartet. So betrachtet ist sie also vom Fach.

Vermutlich zum letzten Mal gehe ich also ohne Krücken unter die Dusche. Zum Glück bin ich alleine, weil sich krankgemeldete Männer nicht duschen müssen und die beiden anderen Läufer noch ein bisschen Hochsprung trainieren. Hätte ich auch gerne gemacht, aber mit einer akuten Muskellähmung soll man nicht spaßen. Das heiße Wasser tut gut, ich lasse es extra lange auf die Oberschenkel prasseln, so dass sie nach ein paar Minuten feuerrot sind. So richtig toll ist das wahrscheinlich nicht für die Haut, aber ich muss jetzt klare Prioritäten setzen.

Irgendwie muss ich das Klopfen überhört haben, weil ich gerade intensiv damit beschäftigt war, meinen Hintern trocken zu rubbeln und darüber nachzudenken, welchen Spezialisten ich als Erstes aufsuchen werde. Jedenfalls drehe ich mich erst um, als ein Räuspern erklingt.

Der Super-Gau!

Antonia Spiridonis steht in der Tür und lächelt. Vor ihr steht eine Art Ampel: feuerroter Kopf, gelbes T-Shirt, grünes Handtuch, dass ich mir schnell noch um die Hüften geschmissen hab, eigentlich zu spät, falls ich verhindern wollte, dass sie einen Blick auf mein Gemächt wirft. Aber ich glaube eigentlich nicht, dass selbiges sie auch nur die Bohne interessiert. Und insgeheim hätte ich das ja auch gar nicht schlimm gefunden, wenn ich ehrlich bin. Und wenn ich ganz superehrlich bin, würde ich mir das Handtuch jetzt am liebsten wieder von den Hüften reißen und auf sie losstürmen. Wie ein rassiger Lover. Aber ich bin nun mal Lenny und ganz und gar nicht rassig. Also stehe ich da wie eine Ampel und glotze sie an.

„Ich hab geklopft“, sagt Antonia, „aber du hast wohl nichts gehört. Ist es okay, wenn ich hier bin?“

„K … Kl … Klar“, stottere ich. Ich habe das Gefühl, dass mein Kopf jeden Moment explodiert. „Wa … Warum nicht?“

Sie setzt sich auf die Bank vor den Spinden und zeigt auf meine Beine. „Sind deine Beine in Ordnung?“

„Ich glaub schon. Ein bisschen müde vielleicht vom Lauf.“ Stärke zeigen, Lenny, sei ein richtiger Kerl. „Aber das geht gleich schon wieder. Kein Grund zur Sorge.“

Sie nickt. „Lara hat mir erzählt, dass deine Beine zeitweise wie gelähmt gewirkt haben.“

„Na ja, zehntausend Meter ist ja auch nicht gerade um die Ecke. Sie waren zum Schluss ein bisschen schwer, geb ich zu. Aber gelähmt?“

Sie nickt wieder und setzt sich direkt neben mich. „Darf ich mal sehen?“

Jetzt ist es so weit, mein Kopf platzt. Weil ich nicht weiß, wo ich hingucken soll, starre ich eine alte Unterhose an, die mir gegenüber an einem Haken hängt und vermutlich von Kurt vergessen wurde, weil der immer seine Unterhosen vergisst.

„Wie? Sehen? Die sehen ganz normal aus.“ Ich weiß gar nicht, warum ich versuche, der kommenden Situation aus dem Weg zu gehen, schließlich geht die doch von ihr aus und nicht von mir. Tief in meinem Innern weiß ich natürlich, dass sie nur mal kurz in meine Oberschenkel drückt, eine gewisse Ahnung vom Aufbau des menschlichen Körpers muss sie ja haben als Sportdozentin. Aber noch ganz weit tiefer wünsche ich mir, dass sie gleich ihre griechische Raubkatze loslässt. Und ich weiß, dass ich tot bin, noch bevor ihre Krallen mich auch nur berührt haben werden. So viel zu Lenny, dem richtigen Kerl.

Sie schiebt jetzt mein Handtuch ein paar Zentimeter hoch und presst ihren Daumen gezielt in ein paar Muskeln meines Oberschenkels. An ein paar Stellen tut es tatsächlich ziemlich weh, dann zucke ich zusammen, mache aber keinen Mucks, und an manchen Stellen merke ich tatsächlich nichts. Wenn ich wüsste, ob jeder Druck exakt gewählt war oder ob sie einfach so aufs Blaue an mir herumgequetscht hat, wäre ich jetzt schlauer, wie lange ich noch zu leben habe. Aber ich weiß es nicht, und es ist mir im Moment auch scheißegal, ich merke nämlich, wie Bewegung in meinen Unterleib kommt. Gott, nur dass nicht, denke ich, und kräusele das Handtuch auf meinem Schoß so, dass Antonia nichts mitbekommt. Hoffe ich zumindest. Zum Glück hat sie im nächsten Moment genug gepiekt und setzt sich wieder auf ihren alten Platz.

Jetzt schaut sie auf meinen Schoß, denke ich, aber sie kramt nur in ihrer kleinen Sporttasche. Sie fischt eine Visitenkarte heraus und legt sie neben sich auf die Bank.

„Ich glaube nicht, dass du irgendwas hast. Aber wenn das mit den schweren Beinen nicht aufhört oder wenn du sichergehen willst, lass dich bei dem hier checken.“ Sie zeigt auf die Karte und zwinkert mir zu. „Er ist mein Mann und ein großartiger Arzt.“ Sie lächelt mir noch einmal zu und verschwindet.

Ich sitze gefühlte dreißig Minuten wie eine Statue vor meinem Spind und starre auf Kurts dreckige Unterhose. Ich soll mich ausgerechnet von Antonias Mann untersuchen lassen? Nie und nimmer! Schließlich ist er ja mein Rivale im Kampf um die Gunst einer griechischen Göttin. In meiner Fantasie immerhin. Aber vielleicht würde sich ja herausstellen, dass Herr Spiridonis was mit seiner Sprechstundenhilfe hat. In Wirklichkeit.

Das wäre nicht das Schlechteste.

2

Ich bin erst mal nicht zum Arzt gegangen, weil meine Beine am anderen Morgen schon wieder ganz okay waren. Auch wenn sie nicht so okay sind, dass ich schon wieder Sport machen könnte. Ich habe mich daher einfach krank gemeldet, aber weil die anderen siebzehn Kranken heute mit Sicherheit wieder gesund sind, ist das ganz in Ordnung, finde ich.

Um elf Uhr sitzt Jenny immer noch am Küchentisch. Jenny ist meine kleine Schwester, siebzehn Jahre alt, und versucht gerade, zum zweiten Mal ihren Schulabschluss zu machen. Sie heißt eigentlich Jennifer, aber wer sie so nennt, kriegt zur Strafe gleich ihre falschen Fingernägel zu spüren. Ich glaube nicht, dass Jenny den Abschluss packen wird, weil, wie soll ich sagen, einige Dinge einfach zu hoch für sie sind. Wenn man ihr die Frage stellen würde, welche drei Gegenstände sie auf eine einsame Insel mitnehmen würde, dann würde sie mit Sicherheit antworten: einen Koffer mit meinen ganzen Klamotten einschließlich Smartphone selbstverständlich, einen Koffer voll mit Geld und natürlich Likke. Likke ist ihre beste Freundin und so prollig und bescheuert, dass ich manchmal glaube, wegen ihr lässt mein Bruder Mirko bei seinen dubiosen Geschäften die Hände von Frauen. Ich müsste ihr also dankbar sein, aber das ist echt schwer bei der Erscheinung.

Tja, Mirko. Mirko ist achtundzwanzig und harzt, und weil ihm das nie reicht, pumpt er meine Mutter an und macht noch andere Jobs. Genau weiß ich nicht, was er macht, vielleicht verkauft er geklaute Autos, obwohl er gar keinen Führerschein hat und die Wagen nicht fahren dürfte, in denen er durch die Gegend fährt. Aber das ist ihm auch egal. Er sagt, dann können die Bullen ihm den auch nicht wegnehmen. Zwei- bis dreimal im Jahr sitzt er für ein paar Tage im Knast, weil er doch erwischt wurde und keine Kohle hat, eine Geldstrafe zu bezahlen. Wenn er danach wieder nach Hause kommt, ist er eigentlich immer gut drauf, weil er endlich mal wieder gut gegessen und vor allem neue Typen kennengelernt hat, mit denen er irgendwas dealen kann: Autos, Hasch, Zigaretten, keine Ahnung. Mir auch egal, solange es keine Mädchen oder Frauen sind. Das kann ich nicht leiden. Wenn er das macht, kündige ich ihm die Bruderschaft und geh zu den Bullen. Er ist zwar mein Bruder, aber das würde ich trotzdem tun. Mirko weiß das, und bis jetzt hat er diese Grenze noch nicht überschritten.

Auf meinem Handy trudelt eine SMS von meinem Freund Faris ein: „Kommst du heute Heim? 19 Uhr.“ Wobei er mit Heim natürlich nicht nach Hause meint, sondern den Jugendtreff. „Logisch“, schreibe ich zurück, „19 Uhr Heim, geht klar.“ Mit Logik hat das allerdings nicht viel zu tun, denn ich bin ziemlich selten dort. Wenn, dann ist das aber meistens sehr entspannt: Kickern, rumhängen, Darts spielen, und vor allem muss ich nicht reden, wenn ich nicht will. Oft will ich nicht, und Faris ist neben meinem anderen Freund Yussuf der Einzige, der das einfach so hinnimmt, ohne zu denken, dass ich ein Depri und Langweiler bin. Mirko denkt das, Jenny auch, bei Likke bin ich sicher, dass sie gar nicht so weit denken kann, geschweige denn, dass sie weiß, was Depri bedeutet. Oder depressiv.

Ich atme tief durch und versuche, eine tiefsinnige Unterhaltung mit meiner Schwester anzufangen. „Was machste denn heute so, Jenny?“

Sie blickt nicht mal auf, sondern tippt wie eine Wahnsinnige weiter Buchstaben in ihr Handy.

„Jenny? Hörst du mich?“

Erst da merke ich, dass sie Kopfhörer in den Ohren stecken hat. Okay, dann Plan B. Ich warte, bis sie zur Colaflasche greift und trinkt, und während sie gezwungenermaßen den Kopf hebt, fuchtele ich mit meinen Armen vor ihr herum, dass sie es einfach bemerken muss. Tatsächlich, es klappt.

„Was willste?“, schreit sie und wackelt demonstrativ im Takt mit dem Kopf.

Ich forme die Lippen, weil ich keine Lust habe, zu brüllen. REDEN.

„Wieso?“, schreit sie schon eine Spur leiser und wendet sich wieder der WhatsApp zu. „Is was?“

Noch einen Versuch, dann gebe ich auf.

„Musst du nicht zur Schule?“, rufe ich laut und weiß sofort, dass dies die falscheste aller Fragen war. Genauso gut hätte ich sie fragen können, ob sie letzte Nacht jemanden abgeschleppt hat.

„Schnauze zusammen!“, höre ich Mirkos brachiale Stimme aus dem Wohnzimmer. „Ich verstehe kein Wort hier.“

Jennys Augen funkeln mich wütend an, sie reißt sich einen Stöpsel aus dem Ohr. „Kümmer dich um deinen Mist. Ich hab heute nur Nachmittagsunterricht wie jeden Mittwoch. Langsam müsstest du’s doch geschnallt haben, kluger Bruder.“ Dann steckt sie den Knopf wieder ins Ohr und tut so, als ob ich nicht da wäre. Für Jenny bin ich eigentlich nie da, egal ob ich direkt neben ihr sitze und mit ihr sprechen will oder ein Freiwilliges Jahr in Äquatorialguinea leiste. Was ich bisher allerdings noch nicht einmal theoretisch gemacht habe.

So ist das mit meiner Schwester, aber süß ist sie trotzdem. Ich weiß, dass ich mich auf sie verlassen kann, wenn’s drauf ankommt. Und dieser Zeitpunkt wird schon irgendwann kommen.

Der einzige Mensch, der in unserer Familie wirklich ackert, ist meine Mutter. Um neun Uhr geht sie jeden Tag aus dem Haus, sie ist Verkäuferin bei Karstadt, Damenwäsche, das heißt, sie muss von Berufs wegen anderen Frauen den ganzen Tag an die Wäsche gehen. Meine beiden Kumpels beneiden sie deswegen, auch wenn meine Mutter ihnen schon hundertmal erklärt hat, dass neunzig Prozent der Frauen ziemlich dick und hässlich sind und es ihr überhaupt keinen Spaß macht, ihnen neue Büstenhalter anzupassen. Schöne Frauen gehen woanders einkaufen, sagt sie, und lassen sich dabei auch nicht befummeln, höchstens von ihrer besten Freundin. Abgesehen davon ist meine Mutter ja auch nicht lesbisch.

Meine Mutter kommt abends gegen sechs abends nach Hause, ist jedes Mal völlig erledigt und muss ihre Füße mindestens eine Stunde hochlegen, sonst platzen ihre Venen, sagt sie. Das glaube ich ihr sogar. Ich finde es eine Unverschämtheit, dass die Verkäuferinnen sich beim Kassieren nicht hinsetzen können. Ich fände es angenehmer, mich von einer sitzenden, aber lächelnden Frau bedienen zu lassen als von einer stehenden, die so gequält guckt wie ich, wenn ich mit Bleigewichten fünftausend Meter gelaufen bin.

Und was mache ich abends? Richtige Freunde habe ich wie gesagt nur zwei, Yussuf und Faris, aber die kann ich auch nicht jeden Tag ertragen, denn sie sind schon sehr speziell. Außerdem lese ich noch viel und gern über Geschichte, das interessiert mich, aber ich habe keinen Menschen, mit dem ich darüber reden kann. Also sitze ich in meinem Zimmer und lese. Und zurzeit kippe ich mir nebenbei literweise Franzbranntwein über meine gebeutelten Oberschenkel. Im Bett träume ich dann noch zwei Minuten von Antonia Spiridonis, meistens passiv, manchmal aktiv. Aktiv dauert es länger. Vier oder fünf. Danach schlafe ich ein. Meistens.

Jeder verfluchte Tag verläuft mehr oder weniger gleich ab. Und jeden Abend sitze ich auf der Bettkante und denke darüber nach, ob ich etwas erlebt habe, was mir einen gewissen Anreiz für das Aufwachen am nächsten Morgen geben könnte. Ja, ich stelle mir wirklich die Frage, ob ich es eigentlich verdiene, am Morgen wieder die Augen aufzuschlagen, aber bislang habe ich nichts gefunden. Was mich auch nicht besonders überrascht. Es passiert ja nichts in meinem Leben, und wenn ich darauf warten sollte, dass Lenny Baumeister aus eigenem Antrieb etwas auf die Reihe bringt, dann könnte ich bis zur nächsten totalen Sonnenfinsternis warten. Keine Ahnung, wann die ist, ich will es auch gar nicht wissen.

So in etwa bin ich also.

3

Als ich Yussuf vor einigen Jahren zum ersten Mal gesehen habe, habe ich ihn für einen vergessenen Hippiebruder gehalten. Lange lockige Haare fast wie Jesus, Vollbartansatz, Pluderhosen und ständig einen Joint im Mund oder in der Tasche. Er ist extrem kurzsichtig und brauchte schon mit sechzehn auf beiden Augen acht Dioptrien, aber die schwarze Hornbrille machte aus ihm zusammen mit seinem bedeutsamen Schweigen und Kopfnicken den meistgefragten Jungen an unserer Schule, was ethischmoralische, philosophische oder religiöse Fragen anging. Richtige Hilfestellung konnte er in den seltensten Fällen geben, es sei denn, jemand wollte wissen, ob es moralisch verwerflich sei, Leonie S. aus der Zwölf immer auf ihre dicken Brüste zu starren. Natürlich sei das unglaublich verwerflich, hatte Yussuf gesagt. Aber gegen gewisse weibliche Provokationen könne man nun mal nichts machen.

Die Jungs aus unserer Klasse, die mit beiden Beinen im Leben stehen und über solche Fragen nur den Kopf schütteln, kreierten daraufhin den Spruch: „Wegsehen ist auch keine Lösung“, und lachten sich schlapp.

Ich habe mich schnell mit Yussuf angefreundet, weil ich in ihm so etwas wie einen Bruder im Geiste gesehen habe. Wie ich schien auch er nicht recht zu wissen, wozu er eigentlich auf diesem Planeten erschienen war, und allein schon die Tatsache, dass wir uns über diese bescheuerte Frage den Kopf zerbrachen, qualifizierte uns konkurrenzlos für den überschaubaren Kreis der Außenseiter in der Klasse, der aus genau zwei Schülern bestand. Selbst Faris ließ uns zu diesem Zeitpunkt noch links liegen, weil er einerseits auch zu der Gruppe gehörte, die ihre Augen nicht von Leonie S. wenden konnte, wenn sie aus der Raucherecke kam und über den Schulhof stolzierte, und andererseits, weil er damals noch das feste Ziel vor Augen hatte, in das Drogengeschäft eines seiner Onkel einzusteigen. In seinen Augen waren Yussuf und ich arme Würstchen, auch wenn unsere schulischen Leistungen um Klassen besser waren als seine.

Yussuf hat das Abitur geschafft, zwar nur knapp, aber immerhin, und danach ging das Drama los, was er jetzt tun sollte, ziellos, wie er war. Seine Eltern, ein stiller, überaus freundlicher und hilfsbereiter Busfahrer und eine gütige, nicht berufstätige Mutter, wären mit allem einverstanden gewesen bis auf das, was nach Yussufs Meinung das Einzige war, das ihn einigermaßen zufriedenstellen konnte. Sie mussten ordentlich schlucken, als er ihnen die Semesterbescheinigung für ein Philosophiestudium zeigte. Offenbar bezweifelten sie angesichts seiner Motivationsund Mutlosigkeit, dass er mehr als ein Semester durchhalten würde.

Um es kurz zu machen: Er hielt zwei Wochen durch. Danach waren alle Studenten totale Schwätzer, von deren Gerede er Kopfschmerzen bekam und solche Aggressionen, dass er es für unverantwortlich hielt, ihnen auch nur einen Tag länger zuzuhören, geschweige denn selber in die Tasten zu hämmern und ein Referat über Nietzsche und die Nihilisten zu verfassen. Heraklit hätte er noch übernommen, wenn auch unter Protest, aber der Grieche war schon vergeben an einen Studenten mit Namen Karl, den Yussuf daraufhin in die Hölle verfluchte. Es war das erste Mal, dass er einem Menschen den Tod wünschte.

Das hat ihn für einige Momente sehr erschreckt, aber je länger er darüber nachdachte, umso milder fiel seine Selbstkritik aus. Hat er mir jedenfalls so erzählt. Warum, so seine Argumentation, wird diesem Karl sein Wunsch erfüllt, und ihm, Yussuf, nicht? Nur weil er bei der Themenvergabe wegen Krankheit gefehlt hatte, konnte das doch nicht heißen, dass jetzt sein ganzes Studium verpatzt war? Denn mit einem scheiß Nihilisten würde er sich niemals herumschlagen, was letztendlich bedeutete, dass er den Schein nicht bekam und aus dem Kurs flog.

Seine Eltern haben ihn angefleht, etwas anderes zu studieren, zur Not auch Lehramt, zur größten Not auch Primarstufe, vermutlich weil sie ihm etwas Gutes tun und ihm den Umgang mit unschuldigen Kindern ermöglichen wollten. Ihretwegen könnte er auch Automechaniker, Banker oder Müllfahrer werden, aber er sollte, das war ihr sehnlichster Wunsch, sein Leben nicht zerstören, wo es doch erst am Anfang stand. Abitur in Deutschland, damit stand einem doch so vieles offen.

Ich war nicht dabei, als sie ihn angefleht und ihm lauter Weiterbildungsvorschläge gemacht haben, aber ich glaube Yussuf. Mich hat er nämlich auch gefragt, allerdings hat er wohl schon vorher gewusst, dass ich der Letzte bin, der ihm eine Antwort geben konnte, die ihn weiterbringt, aber vielleicht hat er ja gerade deshalb mich gefragt. Wenn ein Freund einen in seinen Gedanken bestärkt, und seien sie noch so negativ oder im Grunde genommen gar nicht vorhanden, dann ist es doch genau das, was man erwartet.

Yussuf hat mir also erzählt, dass er die nächsten Jahre als ehrenamtlicher Helfer im Jugendtreff Volkswelt e.V. arbeiten möchte. Dieser Verein wurde kurz nach dem Krieg gegründet, nach dem Zweiten Weltkrieg wohlgemerkt, und das Gebäude steht allen Jugendlichen des Viertels jeden Nachmittag zur Verfügung. Die Stadt gibt jährlich einen armseligen Betrag als Zuschuss, der kaum dafür ausreicht, die Toiletten einigermaßen sauber und in Schuss zu halten. Bei der letzten Wahl hatte der Verein das große Glück, dass ein linker Abgeordneter so unbedingt gewählt werden wollte, dass er vor der Abstimmung die gründliche Sanierung des Gebäudes und anschließend einen kleinen monatlichen Beitrag zu den laufenden Kosten versprochen hat. Der Mann wurde tatsächlich gewählt, und seit der Renovierung kann man es dort leidlich aushalten, vorausgesetzt, man erwartet kein kirchengeführtes Jugendheim mit Kaminzimmer und Bibliothek sowie einer laufenden Kundschaft, die Hallo und Danke sagt.

Yussuf verbringt dort eigentlich den ganzen Tag. Wenn ich ihn dort besuche, kickern wir, spielen Billard oder elektronisches Darts. Flippern würde ich auch mal gerne, aber die beiden Geräte sind entweder besetzt oder kaputt, meistens beides, was kein Widerspruch ist. Es gibt viele Jungs hier, die so zugedröhnt sind, dass sie gar nicht registrieren, ob die Kugel rollt oder nicht. Was ihnen im Prinzip auch völlig egal ist. Der Zweck ihres Aufenthaltes im Treff ist ja nicht, etwas Sinnvolles in ihrer Freizeit zu machen, denn dann wären sie ja nicht hier, sondern beim Sportverein oder bei den Pfadfindern, nein, der Sinn ist nur, das Abrutschen aus der selbst empfundenen Sinnlosigkeit ihres Daseins in ein absolutes und nicht kalkulierbares Nichts zu verhindern. Wobei wir wieder bei den Nihilisten wären.

Ganz hinten im Erdgeschoss gibt es ein kleines Zimmer, das mit Matratzen ausgelegt ist. Wahrscheinlich hatte sich vor Jahren ein fortschrittlicher Leiter gedacht, ein ordentliches Jugendheim braucht auch ein ordentliches Matratzenzimmer. Doch wohl aufgrund der unmittelbaren Nachbarschaft zu den weder schallnoch geruchsgedämmten Toiletten entwickelte sich Raum nie zu einem Ort, an dem sich Jungen und Mädchen näherkommen können. Mittlerweile ist es längst ein ungeschriebenes Gesetz, dass dort nicht gefummelt wird, sondern gechillt und gelesen. Den Schlüssel kann man im Büro abholen, meistens hängt er da. Es sei denn, Yussuf hat ein neues Buch entdeckt.

Yussuf ist ein durch und durch ernster Mensch, der keinen Tropfen Alkohol trinkt und sich von jeder Art Feierlichkeit strikt fernhält. Ich habe ihn einmal gefragt, warum er eigentlich nie lacht, noch nicht einmal über Israel-Witze. Seine Antwort war, dass Lachen das Unnatürlichste am Menschen ist. In diesem Moment habe ich mich ziemlich erschreckt, denn für mich gibt es viele Dinge am Menschen, die ich für wesentlich unnatürlicher halte als Lachen. Zum Beispiel die Vorliebe für Volksmusik.

Aber in diesem Moment habe ich mich Yussuf auch sehr nahe gefühlt, weil ich jetzt wusste, dass es noch jemanden auf der Welt gibt, der Dinge ernsthaft in Frage stellt, über die andere Menschen sich nie den Kopf zerbrechen würden. Und das tat gut.

4

Am Abend mache ich mich auf in den Jugendtreff Volkswelt. Faris ist schon da, er hängt auf einem Hocker vor dem Flipperautomaten und raucht. Im Gesellschaftsraum, wie das Daddelzimmer offiziell heißt, ist das Rauchen erlaubt, weil sie so die Akzeptanz erhöhen wollen. Bei neunundneunzig Prozent Rauchern kein schlechter Ansatz, finde ich, außerdem sind die Fenster immer sperrangelweit offen, sogar im Winter, was die Akzeptanz dann wieder etwas herunterschraubt. Aber heute ist ein lauer Spätsommerabend, der Wind der letzten Tage hat sich ausgetobt, und dementsprechend hängt ein dicker Dunst von Tabakschwaden im Raum. Ich setzte mich neben Faris auf einen Hocker und klopfe ihm zur Begrüßung auf den Rücken. Das machen wir immer so, viele Worte waren noch nie meine Stärke.

Faris ist Libanese, und, obwohl in Deutschland geboren, schwadroniert er, seit ich ihn kenne, davon, eines Tages wieder in den Libanon zu gehen. Ich kenne ihn schon seit zehn Jahren, also länger als Yussuf, aber ich habe noch keine einzige Sekunde daran geglaubt, dass er tatsächlich irgendwann geht. Meines Wissens gibt es dort weder Fitness-Studios noch Kneipen, die rund um die Uhr Alkohol ausschenken. Also, was soll er da?

Seit ich an der Uni so viel Sport mache, schlafe ich manchmal dabei ein, wenn er mir abends die Vorzüge seines Heimatlandes näherbringen will. Allein der Begriff „Heimatland“ ist für uns beide schon Sprengstoff. Wenn ich ihm, müde wie ich am Abend nun mal bin, freundlich und vorsichtig zu verstehen gebe, dass er den Libanon ja eigentlich auch nur von seinen Ferienaufenthalten kennt und er besser Deutsch als Arabisch spricht – eigentlich kann er kein einziges Wort Arabisch –, haut er sich mit seiner Faust auf die Stelle an seiner Brust, wo er sein Herz vermutet, und belehrt mich voller Empörung, dass es auf das Gefühl ankomme, man sei dort zu Hause, wo das Herz zu Hause sei, und das sei nun mal der Libanon. Und das ist dann jedes Mal der Anfang eines langen Vortrags, den ich aber glücklicherweise nie lange ertragen muss, weil ich, wie gesagt, meistens nach ein paar Minuten wegdöse. Wenn Faris mich anschließend wieder aufweckt, schüttelt er immer verständnislos den Kopf über meine Ignoranz. Er ist mir nicht böse, aber toll findet er das nicht.

Faris hat ein Jahr vor dem Abitur die Schule geschmissen. Aus klugen Büchern und deutschen Filmkomödien kenne ich Sprüche wie „Keine Chance bei diesen Lehrern“, „Wozu soll das alles gut sein?“ und „Das, was ich will, kann mir keiner beibringen“ und so weiter, aber das entspricht nicht der Wirklichkeit, so redet kein Hinschmeißer, der es wirklich ernst meint. Faris hat seinen Eltern nur einmal und klipp und klar gesagt, dass er ab sofort Geld verdienen muss, weil er es nicht mehr aushält, dass sein Vater für alle sorgen muss. Damit war die Diskussion erledigt. Wenn er mir die Wahrheit sagt, wovon ich nicht ausgehe, fährt er nun Taxi oder macht Kurierfahrten. Was er dabei transportiert, will ich lieber gar nicht wissen. Mit Sicherheit keine Schulbücher.

Faris hat mir auf jeden Fall eines voraus: Er sieht gut aus. Deutlich männlicher als ich, und dann auch noch dieser dunkle Teint, auf den wahrscheinlich die meisten weißen Frauen abfahren, weil er so exotisch wirkt. Schon mit zwölf Jahren musste er sich einmal in der Woche rasieren, hat er behauptet. Ich glaube ihm auch das nicht, aber damals habe ich nicht so drauf geachtet.

Jetzt trägt er meistens einen Zwölftagebart und kurz geschnittene Haare, aber einen richtigen Schnitt und nicht so eine proletenhafte Insel-Frisur. Weil er ein selbst ernannter Gentleman ist, hat er schon frühzeitig angekündigt, meine Schwester schweren Herzens und für immer in Ruhe zu lassen, obwohl er sie sehr sexy findet, aber er sagt, Fummeln mit der Schwester des besten Freundes geht gar nicht. Da könnte er ja gleich zu den Türken gehen, die hätten damit kein großes Problem, weil die zum Teil schon europäisiert seien.

Wenn er Jenny selbst gefragt hätte, hätte er sich allerdings den ganzen Sermon sparen können, denn sie steht nur auf hellhäutige Engländer und Amerikaner, was ich genau so wenig verstehen kann wie eine sexuelle Vorliebe für orientalische Berufspatriarchen. Ich finde ja, Faris und Likke könnten es einmal miteinander probieren.

Faris wohnt mit seinen Eltern in einem Mietshaus, genauer gesagt, im höchsten Gebäude der Stadt. Geil, werden einige denken, super Ausblick, aber Faris wohnt im ersten Stock und nicht im zwanzigsten, und der geilste Ausblick, den er hat, ist der gewaltige Ausschnitt von Frau Blöme, die im Erdgeschoss wohnt und auf dem Balkon regelmäßig ihre armseligen Blumen gießt. Und Frau Blöme ist sechsundsiebzig Jahre alt.

Richtig fantastisch ist allerdings der Blick vom Dach. Natürlich ist es streng verboten, dort hinaufzuklettern, zumal es kein von der EU zugelassenes Geländer oben gibt, noch nicht mal ein selbst gebautes, aber im zwanzigstens Stock wohnt Faris‘ Onkel Reihan, und der sagt natürlich nichts. Vom Dach aus kann man bis zum Stadtrand gucken, wo der Wald anfängt und wo die Bundeswehr direkt daneben eine kleine Garnison unterhält.

Während ich doch einigermaßen an Jenny und Mirko hänge, trotz meiner Schwierigkeiten, ihr Denken und Handeln auch nur im Ansatz zu verstehen, , macht es Faris gar nichts aus, dass er keine Geschwister hat. In mindestens sieben Stockwerken seines Hauses wohnen irgendwelche Verwandte von ihm, Onkel, Neffen, Cousinen, Omas und so weiter, so dass ihm nie ein Mangel an familiärer Aufmerksamkeit droht. In unserer abendländischen Kultur käme das als Heranwachsender schon einer mehrjährigen Haftstrafe nahe, aber bei unseren morgenländischen Mitbewohnern ist das, glaube ich, so normal wie die Tatsache, dass sie statt Kaffee Tee zum Frühstück trinken.

Im ersten Semester habe ich mal an einer Grundschule hospitiert, und um das Vertrauen der Schüler zu gewinnen, habe ich manchmal, statt das kleine Einmaleins zu pauken, die Kinder gefragt, was sie am Nachmittag so machen. Von den Deutschen gingen neunzig Prozent zum Sport, der Rest spielte allein zu Hause; von den Türken, Syrern, Libanesen und Afghanen spielten neunzig Prozent mit Cousins und Cousinen und zehn Prozent gingen zum Fußball, wobei diese zehn Prozent zu hundert Prozent männlich waren. Im zweiten Semester habe ich meine Fragestellung dahingehend modifiziert, dass ich von den Nichtdeutschen eigentlich nur noch wissen wollte, ob sie mit Cousins oder mit Cousinen spielten.

Was Faris den ganzen Tag macht, weiß ich nicht. Im Frühjahr und Sommer hat er hauptsächlich damit zu tun, seinen Heuschnupfen in den Griff zu kriegen, was nur mäßig klappt, weil sich offenbar einige Antihistaminika nicht mit anderen Drogen vertragen, die er ab und zu einwirft, und man muss ja Prioritäten setzen. Ansonsten geht er von Stockwerk zu Stockwerk und besorgt sich Aufträge für seine Ein-Mann-Spedition. Einmal sollte er zwei Regale und einen Stuhl von Onkel Reihan zu einer Cousine transportieren, die im vierzehnten Stock desselben Hauses wohnt, und weil Onkel Reihan auch selbstständig ist, haben Faris und er sich gegenseitig großzügig Lieferscheine ausgestellt. Faris ist dann mit dem Krempel einmal in die Stadt gefahren, hat irgendwo einen Döner gegessen und die Sachen dann ausgeliefert. So in der Art laufen seine Geschäfte, er macht keine großen Sprünge, offiziell wenigstens. Aber er macht auch keinen Hehl aus seiner Meinung, dass er etwas Besseres verdient hat, auch ohne Schulabschluss. „Meine Zeit wird noch kommen“, sagt er immer. Und: „Ich schwöre!“

Den Spruch finde ich gut, er hat so etwas Entschlossenes. Vielleicht wäre das ja schon ein erster Schritt für mich, diesen Satz einmal am Tag aufzusagen.

Irgendwann werde auch ich ganz entschlossen sein – „Ich schwöre!“

5

Ein paar Minuten sitzen wir schweigend nebeneinander und glotzen auf die silberne Kugel, die mit fürchterlich nervenden Klanginstallationen unterlegt über das Flipperfeld schießt und offensichtlich nicht weiß, wo sie eigentlich hingehört. Ehrlich gesagt weiß ich das auch nicht so genau, denn ich halte diese Geräuschkulisse nie lange aus und verschwinde meistens nach ein paar Augenblicken wieder nach draußen. Heute ist das nicht nötig, denn Faris hört plötzlich auf zu flippern und starrt seine bunt erleuchteten Erfolgszahlen an. Ich nehme an, dass sie nicht seinen Hoffnungen entsprechen, denn er verzieht genervt den Mund und klatscht mit der flachen Hand auf den Automaten.

„Scheiß Kiste.“

Mir fällt als Antwort überhaupt nichts ein. („Stimmt.“ „Macht nix.“ „Ist doch egal.“ So was will doch keiner hören.) Aber vielleicht muss ich auch gar nichts antworten, Faris hat ja schließlich nichts gefragt. Also nicke ich nur blöd und haue ihm noch einmal auf den Rücken. Das nimmt Faris leider als Aufforderung weiterzuspielen. Sofort erklingen wieder die nervtötend lieblichen Klanginstallationen.

„Ist Yussuf auch hier?“, frage ich. Jede Fluchtmöglichkeit ist mir jetzt willkommen, das Gedudel macht mich wahnsinnig.

„Hinten“, murmelt er, während er sich auf die Kugel konzentriert und ein paar Mal seitlich gegen den Automaten haut.

„Im Matratzenzimmer.“

„Schläft er?“, frage ich, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass er sich dort mit einer Frau vergnügt. Zu Yussuf passt weder das Wort Frau noch das Wort Vergnügen, und kombiniert schon mal gar nicht.

„Nein.“

Faris haut wütend mit beiden Händen gleichzeitig auf den Automaten, der daraufhin seinen Geist aufgibt. Himmel, ist das schön! Faris steckt sich die nächste Zigarette an und wendet sich seiner Flasche Bier zu, die auf einem Wandregal steht. Er nimmt einen tiefen Schluck, rülpst und setzt sich wieder auf den Hocker.

„Da ist so’n Typ gekommen, der einen Literaturkreis oder so ähnlich machen will. Über Bücher reden, du weißt schon, Mann.“ Er grinst mich an. „Weißt du, wahrscheinlich ist der einfach nur ’ne schwule Sau und will’s mit ein paar Typen treiben.“

Ich bin ziemlich verwirrt. Ein Literaturkreis? Hier? Bei diesen ganzen Gesellschaftsversagern, wie wir in den besseren Kreisen und auf den Fluren der Behörden hinter vorgehaltener Hand heißen? Will da etwa jemand Typen wie Faris Goethe und Schiller näherbringen? Oder gar Franz Kafka? Genauso gut könnte man doch versuchen, einer Kuh die binomischen Formeln einzutrichtern.

Also nein. Was dann?

„Sind denn keine Mädchen dabei? Ich meine, wegen schwule Sau und so.“

„Wollte er nicht haben.“

„Wieso das denn nicht?“ Meiner Ansicht sind Mädchen immer die besseren und vor allem interessierteren Literaturkritiker, jedenfalls war es in unserer Klasse so gewesen. Bei uns Jungs war keine Leuchte dabei. Den Vogel hat damals Nils Plattenberg, ein in allen Belangen durchschnittlicher Junge, abgeschossen , als er in der Abiturklausur über „Homo Faber“ den Autor durchgängig Max Fritsch nannte, als wäre der mit dem Schauspieler und Schlagersänger Thomas Fritsch verwandt. Was unseren Lehrer zusammen mit dem Rest des Geschriebenen zu der nicht völlig irrigen Annahme führte, dass Nils das Stück nie gelesen hatte. Nils hatte es schließlich nur der Intervention unseres liberalen Schulleiters zu verdanken, dass er das Abitur trotz des einen Punktes in der Deutsch-Grundkurs-Klausur schaffte. Aber Germanistik hat er meines Wissens nicht studiert.

Faris trinkt den Rest des Bieres in einem Zug aus, rülpst wieder und starrt missmutig auf das Flippergerät.

„Weiß ich doch nicht, Mann. Ich sag doch, dass er schwul ist.“

Ich muss gestehen, dass ich etwas neugierig geworden bin. Ich kenne bis heute keinen einzigen Schwulen auf der Welt persönlich, nur eine Lesbe, Lara, und bis auf die Tatsache, dass sie Frauen küsst statt Männer, ist sie eigentlich eine ganz normale Frau. Etwas arrogant und anmaßend vielleicht, aber vielleicht bin ich auch nur sauer auf sie, weil sie mir eröffnet hat, dass ich wegen ALS nicht mehr lange zu leben habe.

„Soll’n wir da mal gucken?“, frage ich mutig.

Faris starrt mich an, als hätte ich ihm gerade vorgeschlagen, zu einem Konzert von Helene Fischer zu gehen.

„Bist du bescheuert, Mann? Die sind schwul! Und lesen Bücher. Was soll ich denn da?“ Er ist ehrlich und inbrünstig entsetzt über meine Idee.

„Yussuf ist nicht schwul“, entgegne ich. „Jedenfalls nicht, dass ich wüsste.“

Faris schüttelt den Kopf, geht zur Theke und kommt mit zwei Bier wieder. Wir stoßen an und lehnen uns nebeneinander an die Wand. Wie auf Kommando lassen wir uns auf den Boden gleiten und sitzen auf den kalten Fliesen.

„Yussuf ist nicht schwul“, wiederhole ich. „Und er ist unser Freund. Also können wir doch mal gucken.“

Faris rülpst, ohne getrunken zu haben. „Noch ist er nicht schwul. Aber glaub mir, Mann, in ihm steckt was von einem Schwulen. Er ist so ernst und guckt immer so komisch.“

„Komisch?“

„Ja, komisch. Er hat die Augen von Jack Sparrow, wenn man es schafft, sich seine dicke Brille wegzudenken.“

„Und Jack Sparrow guckt schwul?“

„Ja, irgendwie schon, finde ich. Außerdem baggert er doch nie Keira Knightley an, da ist doch was faul.“