Ich stehe zu meinem Wort - Patricia Vandenberg - E-Book

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Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Es war zu einer netten Gewohnheit geworden, daß sich Dr. Daniel Norden, Dr. Hans-Georg Leitner und Dr. Dieter Behnisch am ersten Wochenende eines neuen Jahres mit ihren Frauen zusammensetzten und die Ereignisse der letzten Monate Revue passieren ließen. »Schade, daß Dieter und Jenny diesmal nicht dabei sind«, sagte Fee Norden bedauernd. Daniel stimmte ihr zu. »Es ist gut, daß die beiden sich zu der Reise entschlossen haben«, sagte Hans Gerog Leitner, der von seinen Freunden nur Schorsch genannt wurde, »sie haben beide eine Verschnaufpause nötig. Kurz genug ist sie ja, denn anschließend haben sie den Kongreß in Hamburg und das ist auch keine Erholung.« »Weiß Gott nicht«, sagte Daniel Norden, der auch jede Möglichkeit nutzte, sich über neue Erkenntnisse zu informieren. »Was macht denn deine Problempatientin, Schorsch?« fragte Fee, die vor Tagen in der Leitner-Klinik gewesen war und einige Aufregung miterlebt hatte. Fee hatte Mona Bergmann besucht, ihre Friseuse, bei der sie schon seit Jahren Kundin und mit deren Arbeit sie stets zufrieden war. Sie hatte mit sechsunddreißig Jahren ihr erstes Wunschkind bekommen. Fee hatte sie während der Schwangerschaft begleitet und sie sorgfältig beobachtet, da sie sehr zierlich und es eine Problemschwangerschaft gewesen war. Selbstverständlich war Mona regelmäßig zur Vorsorge in der Leitner-Klinik gewesen, aber so richtig hatte sie sich Fee bei deren monatlichen Besuchen im Salon anvertraut und über ihre Beschwerden gesprochen. Fee hatte sozusagen von Frau zu Frau Rat und Hilfe geben können. Sie hatte sich sehr gefreut, als sie einen Prachtjungen im Arm hatte halten können und einem strahlenden Elternpaar gratuliert.

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Seitenzahl: 132

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Dr. Norden Extra – 23 –Ich stehe zu meinem Wort

Patricia Vandenberg

Es war zu einer netten Gewohnheit geworden, daß sich Dr. Daniel Norden, Dr. Hans-Georg Leitner und Dr. Dieter Behnisch am ersten Wochenende eines neuen Jahres mit ihren Frauen zusammensetzten und die Ereignisse der letzten Monate Revue passieren ließen.

»Schade, daß Dieter und Jenny diesmal nicht dabei sind«, sagte Fee Norden bedauernd.

Daniel stimmte ihr zu.

»Es ist gut, daß die beiden sich zu der Reise entschlossen haben«, sagte Hans Gerog Leitner, der von seinen Freunden nur Schorsch genannt wurde, »sie haben beide eine Verschnaufpause nötig. Kurz genug ist sie ja, denn anschließend haben sie den Kongreß in Hamburg und das ist auch keine Erholung.«

»Weiß Gott nicht«, sagte Daniel Norden, der auch jede Möglichkeit nutzte, sich über neue Erkenntnisse zu informieren.

»Was macht denn deine Problempatientin, Schorsch?« fragte Fee, die vor Tagen in der Leitner-Klinik gewesen war und einige Aufregung miterlebt hatte.

Fee hatte Mona Bergmann besucht, ihre Friseuse, bei der sie schon seit Jahren Kundin und mit deren Arbeit sie stets zufrieden war. Sie hatte mit sechsunddreißig Jahren ihr erstes Wunschkind bekommen. Fee hatte sie während der Schwangerschaft begleitet und sie sorgfältig beobachtet, da sie sehr zierlich und es eine Problemschwangerschaft gewesen war.

Selbstverständlich war Mona regelmäßig zur Vorsorge in der Leitner-Klinik gewesen, aber so richtig hatte sie sich Fee bei deren monatlichen Besuchen im Salon anvertraut und über ihre Beschwerden gesprochen. Fee hatte sozusagen von Frau zu Frau Rat und Hilfe geben können.

Sie hatte sich sehr gefreut, als sie einen Prachtjungen im Arm hatte halten können und einem strahlenden Elternpaar gratuliert.

»Auch wenn ich jetzt meine bewährte Friseuse verliere«, hatte Fee scherzhaft gemeint, es aber wirklich bedauert, daß sie sich jetzt anderweitig würde umsehen müssen.

»Kommt gar nicht in Frage!« hatte Mona widersprochen.

Ursprünglich hatte sie ihren Beruf aufgeben wollen, doch sie hatte sich anders entschieden und mit ihrer Chefin abgesprochen, stundenweise zu arbeiten und zumindest für ihre Stammkundinnen weiterhin dazusein. Die rüstigen Omis würden sich in der Betreuung des kleinen Philip abwechseln. So war allen gedient.

»Du meinst Frau Gerlach?« fragte Schorsch in ihre Gedanken hinein. »Es geht ihr besser, aber es stand auf des Messers Schneide.«

»Sie ist wohl im allerletzten Moment gekommen«, meinte ­Daniel, dem Fee erzählt hatte, welche Aufregung in der Klinik geherrscht hatte, als Ralf Gerlach seine Frau beinahe hereingetragen hatte, so geschwächt war sie gewesen.

»Im allerletzten«, sagte Schorsch. »Ralf Gerlach ist Geologe und hatte einen Auftrag in Brasilien. Seine Frau Olivia war bei ihm, wollte auch bei ihm bleiben, obwohl sie schwanger war, Beschwerden hatte und das Klima absolut nicht vertrug. Dann erhielt er einen Lehrauftrag an der hiesigen Universität, den er eigentlich nicht angestrebt hatte. Doch als es seiner Frau immer schlechterging, bekam er es mit der Angst, nahm den Auftrag an und kam nach München.«

»Ein bißchen viel Aufregung für eine nicht ganz gesunde Schwangere«, meinte Daniel.

»Ein Wunder, daß alles so gutgegangen ist«, meinte Claudia Leitner. »Aber der Mann war geistesgegenwärtig und hat sie gleich nach der Ankunft im Hotel in die Klinik gebracht.«

»Hatte sie Wehen?« fragte Daniel.

»Ja, wir konnten die Geburt nicht mehr verhindern, obwohl es um Wochen zu früh war. Aber das Kind wog knapp fünf Pfund und ist durchaus lebensfähig. Die Mutter ist außer Gefahr, sie muß nur wieder zu Kräften kommen. Jedenfalls will Ralf Gerlach auf keinen Fall wieder nach Brasilien gehen und hier in München bleiben. Er liebt seine Frau sehr und die kleine Olivia ebenfalls.«

Fee Norden war nachdenklich geworden. »Dieses Ereignis erinnert mich an Evita Garden. Könnt ihr euch daran erinnern? Es müßte drei bis vier Jahre her sein. Sie kam auch aus Brasilien, hatte auch mit dem Klima Probleme, aber dem unsrigen. Sie brachte Zwillinge zur Welt.«

Schorsch mußte nicht lange nachdenken. Bei den vielen Schicksalen, die er miterlebte, konnte er nicht alles im Kopf behalten, aber an Evita Garden erinnerte er sich. Sie war eine bemerkenswerte Frau gewesen, an deren nicht erfreulichem Schicksal er und auch die Nordens großen Anteil genommen hatten.

Dr. Steffen Garden, der bekannte Mineraloge, hatte die junge, bildschöne Brasilianerin während einer Forschungsreise in Südamerika kennengelernt und geheiratet. Sie, eine geborene Tavares, stammte aus einer vornehmen, aber verarmten Familie. Doch für die Familie Garden war sie eine unerwünschte Ausländerin, die sich durch den vierzehn Jahre älteren Mann nur ein angenehmes Leben verschaffen wollte.

Evita war feindselig empfangen worden, als Steffen sie mit nach München gebracht hatte, als er als Dozent für Mineralogie dorthin berufen worden war. Evita war im dritten Monat schwanger gewesen. Es ging ihr nicht gut. Der Klimawechsel, dazu die seelische Belastung durch das Verhalten von der Familie Garden, hatte sie deprimiert.

Steffen hatte Evita zu Dr. Norden gebracht. Er kannte ihn gut und hoffte, daß es diesem gelingen würde, Evita aufzumuntern.

Dr. Norden erinnerte sich an jenen Tag. Das Geschehen stand bildhaft vor ihm.

Er hatte Evita gründlich untersucht. Seine Miene war sehr ernst, als er ihr gegenübersaß. »Ich würde Ihnen dringend empfehlen, sich einer gründlichen klinischen Untersuchung zu unterziehen«, sagte er.

Evita sah ihn apathisch an. »Wenn Sie meinen«, meinte sie nur.

»Sie freuen sich doch auf Ihr Kind?« fragte er.

Da ging ein Leuchten über ihr Gesicht.

»Sehr«, flüsterte sie.

»Soll ich einen Termin in der Leitner-Klinik für Sie machen, Frau Garden?«

»Wenn es nicht zuviel Mühe macht?«

»Aber überhaupt nicht«, lächelte Dr. Norden. »Warten Sie drau­ßen einen Augenblick.«

Wendy unterhielt sich gerade mit Fee Norden, die für eine Nachbarin ein Rezept abgeholt hatte. Fee konnte Evita gerade noch auffangen, denn sie war ohnmächtig geworden.

Schnell war Dr. Norden zur Stelle und gab ihr eine Spritze.

»Was ist denn?« murmelte Evita verwirrt, als sie die Augen wieder aufschlug.

Beruhigend legte Fee Norden den Arm um sie. »Sie hatten einen Schwächeanfall«, sagte sie.

»Ich habe mit Dr. Leitner gesprochen«, sagte Daniel Norden, »Sie können gleich kommen.«

Evita nickte nur.

»Ich bringe Sie hin, mein Wagen steht vor der Praxis«, sagte Fee.

»Ich möchte doch keine Mühe machen…«

Fee nahm sie beim Arm und führte sie hinaus. Während der Fahrt redete Evita sich ihren Kummer vom Herzen. Zu Fee hatte sie Vertrauen, und diese war voller Mitleid mit dieser schönen zarten Frau an ihrer Seite.

In der Leitner-Klinik wurde Evita mit aller Herzlichkeit umsorgt, und hier sollte sie in der jungen Ärztin Sophie Kelm eine liebevolle Freundin finden. Sie brauchte auch bitter nötig einen ihr nahestehenden Menschen. Steffen liebte seine junge Frau auf seine Weise, aber er war ein Gelehrter, und sein Beruf beanspruchte ihn. Das Verhalten seiner Mutter und seiner beiden Schwestern schockierten ihn zwar auch, aber er meinte, daß sie sich darum ja nicht kümmern müßten. Sie hatten ein schönes Haus gemietet, Evita hatte genügend Geld zur Verfügung.

Sie war bescheiden und sie war zuviel allein, bis sie eben in Sophie eine verständnisvolle Freundin gefunden hatte.

Das war der übrigen Familie Garden allerdings auch ein Dorn im Auge. Steffen hatte schon frühzeitig einen gewissen Berühmtheitsgrad erreicht, und davon wollten seine beiden Schwäger auch profitieren.

Aber nicht nur Evita und Sophie wurden abgelehnt und wurden zur Zielscheibe von Hinterhältigkeiten, sondern auch Hannes Garden, der Sohn des schwarzen Schafes der Familie, den man gern verleugnete.

Hannes Vater, der in Amerika lebte, scherte sich nicht um die Verwandtschaft. Mochte man in ihm auch einen Abenteurer sehen und ihn auch einen Hasardeur nennen, er hatte es am weitesten gebracht von den drei Brüdern. Der jüngste war früh gestorben, der älteste, der Vater von Steffen, war höherer Beamter geworden, wie es sich für einen Garden seit Generationen gehörte.

Johann Garden hatte als Jazztrompeter sein erstes gutes Geld verdient. Er hatte eine Schlagersängerin geheiratet und mit einem gewaltigen Spielgewinn in Las Vegas war er ins Immobiliengeschäft eingestiegen. Damit hatte ein raketenhafter Aufstieg begonnen, von dem auch Steffen profitieren sollte, als er mit seinen Forschungsarbeiten begann.

Dies alles hatte Dr. Leitner von Evita erfahren, als sie ein paar Wochen vor der Niederkunft in die Leitner-Klinik gekommen war, da es feststand, daß sie Zwillinge bekommen würde. Komplikationen waren nicht auszuschließen.

Steffen war viel unterwegs, und es mußte auch gesagt werden, daß es ihm nicht ganz geheuer war, Vater zu werden, denn immerhin war er fast vierzig. Evita war fünfundzwanzig Jahre alt, als sie schwanger wurde, und sie waren bereits drei Jahre verheiratet. Und wieder war die Familie Garden nicht zufrieden. Ihnen wäre es nur recht gewesen, der Nachwuchs hätte sich schon vor der Hochzeit angemeldet, dann hätten sie wenigstens sagen können, daß es ein Muß für Steffen gewesen wäre, Evita zu heiraten. Und ihr hätten sie dann noch anhängen können, daß ein ganz anderer der Vater wäre. Ja, so boshaft waren die Garden, die Mutter Amalie, die Schwestern Ruth und Hella. Deren Männer hatten sowieso nichts zu lachen.

Dies alles ging Dr. Leitner durch den Sinn, während die anderen sich munter unterhielten.

»Was mag aus ihr und vor allem aus den Kindern geworden sein?« fragte Fee Norden in seine Gedanken hinein. Sie hatte auch noch über Evita nachgedacht, die wahrhaft nicht den Eindruck einer glücklichen Frau gemacht hatte.

»Ich weiß es nicht«, sagte Schorsch, »ich habe nichts mehr von ihr gehört, nachdem sie uns mit den Zwillingen verlassen hat. Wohl gelegentlich Zeitungsnotizen über ihren Mann, der ein bekannter Mann auf seinem Gebiet geworden ist.«

Sie ahnten nicht, wie nahe Evita ihnen war, denn im selben Augenblick läutete das Telefon. Es war Schwester Hilde.

»Bitte kommen Sie, Herr Doktor.« Sie war aufgeregt. »Ein Notfall. Evita Garden, sie hat vor drei Jahren hier bei uns Zwillinge bekommen, es geht ihr sehr schlecht.«

»Ich komme sofort.«

Alle sahen sich betroffen an. Keiner mochte etwas sagen, als Dr. Leitner und seine Frau sich verabschiedeten.

Er setzte Claudia zu Hause ab und fuhr zur Klinik.

Rasch erkundigte er sich bei Hilde nach den Geschehnissen.

»Heute vormittag kam Evita, und sie konnte sich kaum auf den Beinen halten, so schwach war sie schon«, begann Hilde. »Ich hätte sie fast nicht erkannt, sie ist völlig abgemagert.« Hilde mußte schlucken, bevor sie fortfahren konnte. »Guter Gott, sie hat mich angeschaut, als ob ich ihre letzte Rettung wäre, und dann verlor sie das Bewußtsein. Nach einer Stunde und nachdem wir eine Infusion angehängt hatten…, kam sie zu sich. Sie sagte, daß ihr Mann tot wäre, aber man würde ihn noch suchen, und sie…« Hilde geriet ins Stocken. »Sie hat Leukämie.«

»O nein«, sagte Dr. Leitner entsetzt.

Hilde fuhr sich über die Augen. »Sie ist so verzweifelt.«

»Wo sind die Kinder?« fragte Dr. Leitner.

»In Florida, in einem Heim, in der Nähe von Sophie. Sie hat eine Stellung an einem Hospital. Mehr weiß ich auch nicht. Das Reden fällt Evita so schwer. Ich fürchte, ihr wird nicht mehr viel Zeit bleiben.«

Dr. Leitners Lippen waren aufeinandergepreßt, und die Augenbrauen hatten sich zusammengeschoben.

»Ich gehe gleich zu ihr«, erklärte er.

*

Dr. Leitner mußte sich zusammennehmen, um nicht die Fassung zu verlieren, als er an Evitas Bett trat.

Sie schien auf ihn gewartet zu haben. Ihre dunklen Augen, die schon ohne Glanz waren und tief in den Höhlen lagen, waren flehend auf ihn gerichtet.

»Sie sind gekommen«, flüsterte sie, »ich habe nicht mehr viel Zeit. Es geht um die Kinder. Ich muß noch so lange leben, bis ich weiß, daß alles geregelt ist.« Es kostete sie viel Mühe, so lange zu sprechen, und Dr. Leitner fürchtete, daß ihre Kraft jeden Augenblick versagen könnte.

»Was ist denn nur geschehen, Evita?« fragte er gepreßt.

»Steffen…, sie haben ihn gefangen, aber ich weiß, daß er nicht mehr lebt. Ich fühle es. Es geht wohl um die Goldfunde. Er hat mir nie viel erzählt, und jetzt spielt es auch keine Rolle mehr. Ich habe die Kinder nach Florida gebracht. Sophie ist in der Nähe. Nur ihr kann ich noch vertrauen.«

Immer wieder mußte sie Luft schöpfen, und manchmal konnte Dr. Leitner sie kaum verstehen. Ihm war klar, daß Evita eine todkranke Frau war, die wirklich nicht mehr viel Zeit hatte. Er nahm ihre Hand.

»Sie bekommen eine Injektion, Evita, dann wird es Ihnen bessergehen«, sagte er sanft.

»Es wird nicht viel helfen, aber ich brauche noch Kraft, noch ein paar Tage, Dr. Leitner.«

»Früher sagten Sie Schorsch, wie meine Freunde, haben Sie es vergessen, Evita?«

»Schorsch«, flüsterte sie, und Tränen rollten über ihre eingefallenen Wangen.

Schwester Hilde brachte den Medikamentenwagen.

»Vertraute Gesichter, wie gut«, murmelte die Kranke.

Dr. Leitner tauschte mit Hilde einen langen Blick, in dem bei beiden tiefe Resignation lag.

Nach der Injektion wurde Evita wieder lebhafter. »Sie werden die Kinder haben wollen, Schorsch, wegen des Erbes. Aber wenn sie das Geld haben, werden sie Darja und Tobias in ein Heim stecken. Das aber darf nicht geschehen. Was soll ich nur tun? Sophie wird das Sorgerecht nicht bekommen, aber vielleicht kann Hannes helfen. Er hat sich um uns gekümmert, als Steffen verschwand.«

»Wann war das?«

»Vor sechs Wochen.«

»Davon ist hier nichts bekannt.«

»Sie halten es geheim. Ich habe es von Ticino erfahren, er war Steffens Assistent.«

»Und wo ist Hannes?«

»In Amerika. Ich habe beim Notar hinterlegt, daß Hannes und Sophie die Vormundschaft für die Kinder bekommen sollen, aber die Familie wird ihnen Schwierigkeiten machen. Ich möchte, daß Sophie die Kinder herbringt, aber wohin mit ihnen? Können Sie helfen, Schorsch?«

»Selbstverständlich«, sagte er tröstend.

»Wie gut wäre das«, murmelte sie. »In meiner Tasche sind die Adressen und auch Geld. Ich habe genug Geld, die Kinder auch. Warum muß ich sterben, Schorsch? Was habe ich denn getan, daß wir so gestraft werden?«

Was sollte er darauf sagen? Es gab keinen Trost, nur Ausreden.

»Jetzt werden wir Sie erst einmal gründlich untersuchen, Evita«, sagte er, doch sie schüttelte den Kopf.

»Ich weiß, woran ich sterben werde, und wenn nicht die Kinder wären, würde ich das Ende auch herbeisehnen. Ich habe mich oft gefragt, warum ich in die Welt gesetzt worden bin. Die Eltern wollten, daß ich ins Kloster gehe und Tag und Nacht für sie bete. Sie haben mich verdammt, weil ich Steffen geheiratet habe, und seine Familie hat mich deswegen auch zum Teufel gewünscht. Vielleicht wirken solche Verwünschungen tatsächlich.« Sie redete nun wieder ganz monoton, schon geistesabwesend, aber dann öffnete sie die Augen nochmals ganz weit und sah Dr. Leitner verwirrt an. »Ich weiß manchmal gar nicht mehr, was ich rede. Sie finden alles in meiner Tasche. Ich bin müde, so müde…«

Hilde gab ihrem Chef die Reisetasche, die sie mitgebracht hatte. In ihr fand er einen Gepäckschein vom Flughafen. War Evita wirklich nur hierher gekommen, um in der Leitner-Klinik zu sterben, oder hatte sie doch noch auf Rettung gehofft?

Sie hatte ein dickes Bündel Dollarscheine in der Tasche, Kreditkarten und Schecks. Sie hatte in einem kleinen Notizbuch die Adressen von Sophie Kelm und Hannes Garden vermerkt, dazu ihre Bankverbindungen, und auch die Adressen von Steffen Gardens Angehörigen. Dann noch die eines Rechtsanwaltes und Notars in München: Dr. Neubach.

Ein spontaner Entschluß war es von Evita gewiß nicht gewesen, nach Deutschland und in die Leitner-Klinik zu kommen. Sie hatte schon vorher mit Dr. Neubach telefoniert und mit ihm einen Termin für morgen vereinbart. Das ging auch aus einer Notiz hervor, wie sie überhaupt gewissenhaft notiert hatte, wer von ihrem Tod in Kenntnis gesetzt werden sollte.

Dr. Leitner kroch ein Frösteln durch den Körper, als er dies alles las. Unter anderem stellte er fest, daß sie kein Rückflugticket gebucht hatte.

Aber es kam ihm auch in den Sinn, daß diese Verschlechterung ihres Zustandes wohl erst während des Fluges eingetreten sein mochte, da sie gleich vom Flughafen aus in die Klinik gefahren war, wie aus einer Taxiquittung hervorging.

Doch bei allen Sorgen, die ihn jetzt bewegten, war er erleichtert, daß sie noch den Weg zu ihnen ­gefunden hatte. Ihr Schicksal bewegte ihn und auch die anderen, die sie als glückliche junge Mutter kennengelernt und sich nicht durch die Anfeindungen von der Familie ihres Mannes hatten beirren lassen.