Ich suche überall nach dir - Elvine Koon - E-Book

Ich suche überall nach dir E-Book

Elvine Koon

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Beschreibung

Eberhard ist einem jungen Mädchen begegnet seitdem ist sein Leben voller Sehnsüchte und Verluste. Er pendelt zwischen seinen Gefühlen jetzt zerrissen und dann wieder hoffnungsvoll. Er ahnt, dass sein Leben nie wieder so sein wird wie vor der Begegnung er hat sich nachhaltig verändert..... Beide geraten in ein Wirrwarr ihrer Gefühle.

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Seitenzahl: 120

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Namen und Handlung sind frei erfunden. Etwaige Namensgleichheiten zu realen Personen sind rein zufällig.

Eva Schöller verlässt in der Abenddämmerung die Scheune auf dem Gutshof der Familie Landing. Lehnt sich erschöpft für einige Sekunden an das soeben hinter sich geschlossene Seitentor. Schaut suchend über den Hof, zum Verwalterhaus hinüber, in dem sie mit den Eltern und der jüngeren Schwester Lene wohnt. Dann die breite, mit alten Eichen gesäumte Einfahrt hinunter, ihre Augen gleiten über die großzügig angelegte Gartenanlage, von der sie nur einen Teil einsehen kann. Am Gutshaus vorbei und ist erleichtert, das Niemand zu sehen ist.

Sie löst sich von dem Tor, dessen Halt sie eben noch gebraucht hat. Geht am Gebäude entlang, an der Kornkammer vorbei, dessen Tür auch heute offen steht. Geht um das Gebäude herum und taucht in den dahinter beginnenden Wald hinein. Den schmalen Pfad entlang, den sie seit ihrer Kindheit kennt und unzählige Male genutzt hat. Über dessen Baumwurzeln Eva als Kind gehüpft oder auch gefallen ist, nach einem Regen wurde der Waldboden nass und rutschig. Doch heute geht sie mit hängenden Schultern und schleppenden Schrittes. Der Pfad wird Eva zum Waldsee bringen, dort will sie hin, weg vom Hof, und allein will sie sein.

Fast gleichzeitig tritt Eberhard Landing, der Gutsbesitzer, aus einer Schonung heraus und schaut sich auf der Lichtung um. Der kleine See glänzt im Abendlicht, teilweise stehen einen Meter hohe Binsen und Schilfrohr am Ufer, rechts ist ein Steg, der hineinragt in den See. Früher einmal hat dort ein Boot gelegen, befestigt an einer Eisenschlaufe am Stegpfosten. Zum Angeln und Lesen, allein oder mit Freunden zum Schwimmen war Eberhard gern und oft hier gewesen.

Hörbar atmet er die frische Abendluft ein und ist zufrieden, nach einem langen Spaziergang durch sein Revier hier angekommen zu sein. Stolz auf diesen Teil seines Besitzes, dicht am Hof und doch meilenweit entfernt von der Realität seines einsamen Lebens. Hier kommt er zur Ruhe. Die Natur ist Ausgleich für seine freudlose Wirklichkeit. Hier hatte er sich früher dem lauten Treiben auf dem Hof entzogen. Ein wenig erhitzt lüftet Eberhard seinen Hut und meint, sich Schweiß von der Stirn wischen zu müssen. Beherzt greift er auch an seinen Jackenkragen, um diesen zu öffnen. Ein Gefühl der Enge schnürt seinen Brustkorb. Er braucht Luft, atmet tief die feuchte Abendluft ein, ein wenig will er hier noch bleiben, um sich zu beruhigen. Nach wenigen Schritten auf dem holprigen Wiesengrund dem See zugehend, erblickt er die zierliche Gestalt des Mädchens auf dem Bootsteg.

Überrascht, einer Person hier zu begegnen, ein Schmunzeln stiehlt sich um seinen Mund und er ist sehr ergriffen, dass außer ihm noch ein Mensch die Schönheit der Natur und des Sees zu schätzen weiß. Näher herangekommen erkennt Eberhard Eva, die Tochter seines Verwalters, sie ist es, die dort sitzt. Schon will er sie freudig begrüßen, als er ihre stille Haltung bemerkt, tief gebeugt, so als würde sie hinunterstürzen ins Wasser.

Am Steg angekommen, bleibt Eberhard zunächst stehen und schaut auf das Bündel Mädchen herab. Eva bemerkt ihn nicht. Nach kurzem Zögern setzt er sich zu ihr auf die schon etwas morschen Bretter.

Eva hat sich weit über den Rand des Bootsteges gelehnt und betrachtet die Wasseroberfläche. Zuerst hat sie hier nur dagesessen und über den See gestarrt. Gewartet auf Wut oder Traurigkeit, auf irgendeine Empfindung, aber in ihr ist nichts. Ihre Gedanken drehen sich im Kreis immer um die letzte Stunde mit Rolf. Sie ist zu ihm gegangen, obwohl sie sich nicht wohlgefühlt hat bei dem Gedanken, mit ihm allein zu sein, und das hatte seinen Grund, und der heißt Lene.

»Eva, mein Herz«, so hat Rolf sie begrüßt, als sie die Scheune betrat, mit ausgebreiteten Armen kam er auf sie zugelaufen. Doch nicht wie bei früheren Treffen ist sie bereitwillig in seine Arme gesunken und hat seine Nähe genossen. Heute wich sie zurück. Streckte abwehrend die Arme ihm entgegen und rief ein wenig panisch: »Halt!« Erschrocken starrte Rolf sie an. »Rolf, lass!« – »Eva, Liebes?« – »Rolf, wir müssen reden«, und wieder ist sie einen Schritt zurückgewichen, um Abstand zwischen sich und ihm zu haben. Angst überfiel Rolf, was war geschehen, hatte Lene ihrer beider Geheimnisse etwa ausgeplaudert? Rolf schwitzte jetzt. »Dann ist alles aus«, ging es ihm durch den Kopf. Niemals hatte er gedacht, sein Doppelspiel könnte entdeckt werden. Er hatte sich so bemüht, Eva den Verliebten vorzugaukeln. Schwergefallen war ihm das nicht, er mochte Eva auch. Sie war genauso hübsch wie seine Lene und ehrlich gesagt, wenn er beide haben konnte, warum nicht? »Eva …« Erneut ging er einen Schritt auf sie zu, um sie in seine Arme zu nehmen. Eva war auch jetzt ausgewichen und hatte sich seinem Zugriff entzogen.

Beinahe hysterisch hatte sie gerufen: »Nein! Bleib, wo du bist, ich muss mit dir reden.« –»Reden? Worüber denn, hast du Ärger mit deinem Vater? Weiß er von uns?« – »Nein! Hör zu und unterbrich mich nicht. Ich will es jetzt wissen.« – »Was willst du wissen?«, hat Rolf gefragt. Eva holte tief Luft und rief es heraus. »Seit Wochen schwärmt Lene schon von dir, ich kann es nicht mehr hören! Sie sagt, du liebst sie, ihr trefft euch heimlich, ihr habt euch gestern auf dem Verlobungsweg geküsst und seid deshalb nun verlobt.«

Still, ganz still war es nun um sie herum.

Eva war erleichtert und zitterte am ganzen Körper. So viel Mut hatte es gekostet, die Worte ihrer jüngeren Schwester zu wiederholen. Die vielen Erzählungen von Lene anzuhören und zu allem schweigen müssen. Nicht fähig, Lene zu entgegnen »Du lügst! Alles Lügen!« Zweifel an den Worten der Schwester haben sie geplagt, Lene konnte von dem Feldweg hinter der Dorfkirche und seiner Bedeutung noch gar nichts wissen. Denn nur die älteren Leute im Dorf nannten den Zufahrtsweg zum Kirchhof den Verlobungsweg. Eva wusste auch noch nicht lange, wie der Weg genannt wurde. Heinz, der Altknecht vom Hof, hatte sie, nachdem sie sich mit Elvira, ihrer Schulfreundin, dort getroffen hatte – gehänselt: »Auf dem Verlobungsweg wart ihr! Pass auf, sonst bleibst noch an dem Mädel hängen.« Heinz hatte ihr dann die Bedeutung des Weges erklärt.

Immer wieder hat sie sich selbst getröstet, fest an die Liebesschwüre von Rolf glauben und alles nur als Schwärmereien ihrer kleinen Schwester abtun wollen. Aber das Misstrauen blieb. »Ich werde Rolf zur Rede stellen«, hatte sie beschlossen, Lenes Worte bedrückten sie zunehmend.

Sie wollte diese Kluft zwischen Hoffen und Glauben nicht mehr ertragen, sich nicht mehr vor der Wahrheit fürchten.

Rolf war bei ihren Worten still geworden, bekam rasendes Herzklopfen. Nervös begann Rolf hin und her zu gehen.

Die Wahrheit nein, die Wahrheit wollte er nicht sagen und Eva weiter neben Lene treffen. Es war so angenehm für ihn, am Nachmittag heiße Küsse mit Lene tauschen und am Abend die Herausforderung, die sture Eva zu verführen. Was ihn bis jetzt nicht gelungen war, das konnte er doch nicht auf sich sitzen lassen. So flehte er: »Eva, bitte glaube doch so was nicht, alles Hirngespinste eines kleinen Mädchens, das für mich schwärmt, das kannst du doch nicht ernst nehmen. Eva, bitte nicht!«

»Das kleine Mädchen ist meine Schwester und die Hirngespinste muss sie irgendwo herhaben, und ich glaube, du bist nicht ganz unschuldig daran.« Mit allerletzter Beherrschung hat sie eine Erklärung verlangt.

»Eva, lass doch«, hat sich Rolf verteidigt und war ungehalten. Er hat dem Gespräch weiter ausweichen wollen, um Eva weiterhin als Ersatz für Lene zu treffen. Ihm war die Situation langsam unangenehm. »Eva, weißt du …«, druckste er herum, »was soll eigentlich das Verhör, liebst du mich denn nicht mehr? Eva, Süße, ich hab dich vermisst. Ich komme hierher, um bei dir zu sein, und du? Was ist los mit dir?« – »Nein, hör auf zu lügen, ich will die Wahrheit von dir hören. Wen liebst du, mich oder Lene?« Bevor Rolf eine Antwort geben konnte, drohte Eva ihm. »Rolf, ich warne dich, ich kann auch ein Wörtchen mit meinem Vater reden. Lene ist vierzehn!« Rolf wusste, er saß in der Falle, was sollte er jetzt machen, wie sich herausreden, ihm fiel augenblicklich nichts ein.

Aber er konnte auch nicht riskieren, dass Eva ihre Drohung umsetzte, sie war nicht so weich wie Lene, sie war reifer und entschlossener, wenn er ihr nicht antwortete, würde sie zum Vater gehen. Evas Vater ist ein strenger Mann, das wusste jeder im Dorf, und mit ihm wollte Rolf keinen Ärger. An seiner Haltung erkannte Eva, sie hatte das richtige Gespür, instinktiv ahnte sie mit einem Mal, wen Rolf hier zum Narren machte. Während Rolf noch dastand, mit hängenden Schultern, und grübelte, wie er hier ohne Geständnis davonkam, hörte er Eva laut sagen: »Rolf, ich höre …«

Da gestand er. Leise, kaum hörbar kam es über seine Lippen: »Ich habe der Mama erzählt, dass ich die Lene liebe, aber dich auch gut leiden kann. Da hat meine Mutter gesagt, wenn ich schon einer von euch beiden den Hof machen muss, dann dir, der Älteren. Lene geht doch noch zur Schule.« Erleichtert hat Rolf durchgeatmet, er glaubte kaum, wie leicht ihm das Geständnis von den Lippen geflossen ist, nun wollte er sein Handeln rechtfertigen, bevor er mit Erklärungen beginnen konnte, hat Eva die Scheune bereits verlassen.

Eva war einfach nicht mehr in der Lage, länger seine Nähe zu ertragen.

»Eva, warte!« Rolf ist dem Mädchen ein paar Schritte nachgelaufen, gab aber die Verfolgung schnell auf. »Eva, lass dir doch erklären. Eva, bitte!«, hat er ihr nachgerufen.

Eva hat sich wie betäubt gefühlt und ihr war übel. Ihre Furcht vor der Wahrheit war jetzt Gewissheit. Rolf hatte Lene auf dem Weg geküsst, was nach altem Brauch ein Eheversprechen ist. Ohne sich noch einmal umzudrehen, hat sie die Scheune verlassen. Zu tief war der Schmerz, den sie empfand, zu groß die Demütigung, die Rolf ihr zugefügt hatte.

Nach Hause, nein, nach Hause konnte und wollte sie jetzt nicht gehen. Den Eltern und vor allem Lene nicht begegnen. Konnte man ihr die Schmach seiner Worte im Gesicht ablesen?

Nein, erst musste sie zur Ruhe kommen, Rolfs Worte überwinden, deshalb ist sie hierher gegangen. Eva liebt diese Lichtung und den still daliegenden See, der Steg ist ihr Lieblingsplatz. Hier kann sie sich nicht sattsehen an den vom Wind sanft gekräuselten Wellen der Wasseroberfläche. Heute jedoch sitzt sie nur da, bis ins Mark verletzt und doch auch erleichtert, weil sie Rolfs Drängen nach mehr als nur Küssen nicht nachgegeben hat. Sie ihrem Bauchgefühl, das Nein sagte, vertraut und Rolf abgewiesen hat. Zufrieden mit sich spürt Eva, wie langsam innerer Frieden zu ihr kam.

Ihre Angst hat sich als Wahrheit herausgestellt, Rolf belog und benutzte sie. Sein plötzliches Interesse an ihr, all seine Annäherungen waren nicht echt. Lene hat nicht gelogen, doch tröstlich war das jetzt nicht.

Unglaublich mies hat sich Rolf benommen. Was denkt sich eine Mutter, ihrem Sohn solche Ratschläge zu geben? Sie hätte nie so etwas von der netten Frau Berg gedacht. »Wie sage ich der Lene, was heute vorgefallen ist? Rolf ist um mich herumgeschlichen, hat verliebt getan. Lügen, alles Lügen!«

Erschrocken fährt Eva zusammen, die letzten Worte hallen in der Stille über den See. Sie richtet sich auf und bemerkt Eberhard, der noch immer neben ihr sitzt. Eva ist überrascht und weiß nicht, wie sie reagieren soll. So bleibt sie einfach sitzen und schaut den Herrn sprachlos an.

Während Eberhard neben Eva sitzt, überkommen ihn Erinnerungen an seine Jugendzeit hier am See. Die Rückschau erfüllt ihn mit Freude und ihm wird ganz warm ums Herz. Erst Evas laute Stimme löst ihn aus diesem Zauber. Er wendet sich dem Mädchen zu, um sie nicht zu erschrecken flüstert er: »Manchmal ist es gut, sich auszuweinen, und wenn du nicht weinen kannst, magst du mir deinen Kummer vielleicht anvertrauen«, bietet er an. Der sanfte dunkle Ton seiner Stimme tröstet die verletzte Seele des Mädchens. Und doch schüttelt Eva nur stumm den Kopf, kämpft gegen die aufsteigenden Tränen. Noch im gleichen Augenblick liegt sie in den Armen des Mannes, hemmungslos weinend berichtet sie. Von den Treffen mit Rolf, wie sie unbewusst seine Annäherungen nach mehr als nur Kuscheln und Küssen abgelehnt hat, weil es sich nicht richtig angefühlt hat. Sie seinen forschen Händen, die ständig unter ihren Pullover wollten, abgewiesen hat. Zum Glück ist nichts geschehen, jetzt weint sie vor Erleichterung.

Eva erzählt von den Schwärmereien ihrer Schwester und wie sich ihr Verhältnis zur Lene verändert hat. Sie berichtet von ihrer Angst das Gespäch nicht führen zu können auch aus Angst vor der möglichen Antwort. Wie sie gelogen hat, um zu den Verabredungen mit Rolf zu gehen, wie schuldig sie sich gefühlt hat und sie dem Vater nicht in die Augen sehen konnte vor Scham. Und jetzt, was kommt jetzt? »Wie kann ich nach Hause gehen und so tun, als wenn nichts gewesen wäre?« Wie den Eltern gegenübertreten? Alles gestehen? Was würde der Vater tun? An diesem Punkt ist sie sich ganz sicher. Nein, der Vater darf auf keinen Fall davon erfahren.

Nachdem Eva ihr Herz restlos ausgeschüttet hat, spürt sie, wie warm es sich anfühlt, so gehalten zu werden, es ist Schutz und Geborgenheit. Eva kuschelt sich bedenkenlos noch enger an den Mann. Ganz leicht und einfach heiter und unbeschwert ist ihr Leben. Etwas Neues, Unbekanntes ergreift von ihr Besitz.

Eberhard hat das Mädchen tröstend in seine Arme genommen und wortlos ihrem Bericht gelauscht, und wortlos zieht er sie sanft fester an sich, glücklich, weil sie sich vertrauensvoll noch enger an ihn schmiegt. Er spürte das Herz der zierlichen Person an seiner Brust und das Seinige schlagen. Ihre Nähe und ihre Berührungen hüllen ihn ein, in einen Wirrwarr aus Überraschung und Zuneigung. Er kann Eva nur halten, ihm sind Worte des Trostes nicht möglich. Hat er dergleichen Liebesschmerzen je gehabt? Seine Erinnerung trägt ihn davon, das Mädchen zärtlich haltend, vergisst er die Zeit. Eva saugt die unerwartete herzliche Umarmung wie eine Liebkosung in sich auf.

Nach einer Weile kehrt Eberhard als Erster aus dieser Versunkenheit zurück. Zärtlich hebt er ihr Kinn zu sich empor und schaut in das tränennasse Gesicht. Kopfschüttelnd bittet er: »Nicht mehr weinen, Rolf ist es nicht wert, bitte weine nicht mehr.«