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Die jüngere Geschichte auf diesem Erdenrund nach 55 000 000 Toten im II. Weltkrieg, darunter die Ungeheuerlichkeiten die mit „Auschwitz“ zur Metapher wurden, darunter der Sündenfall, diese wahrliche Todsünde mit den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki - ursprünglich für Berlin bestimmt -, die Kriege auf dieser Welt danach mit ihren unendlichen Opfern, der USA-Vietnamkrieg mit 56 000 gefallenen US-Soldaten und den ungezählten Opfern der Vietnamesen durch den Einsatz der chemischen Keule - dem Kampfgift „Agent Orange“ - über dem Dschungel in Vietnam gegen seine Menschen, - die Geschichte zeigt sich unverbesserlich, solange der >Rat der Götter von Banken und Konzernen< faktisch das Sagen hat. Welche Tragödien mit Intoleranz und Rassenhaß auf rechtsradikalem Hintergrund spielen sich in dem Land unter dem Sternenbanner mit großartigen Menschen und Leistungen immer noch ab, welche Ausgeburt aller Niedrigkeit dieser gepriesenen zivilisierten führenden Nation, Gralshüter der Demokratie, auf unserer einen gemeinsamen Erde, diese USA, deren führende Köpfe zwischen Korea 1950 und Vietnam 1972 noch sechsmal den Atomschlag planten. In diesen Jahren auch meines Lebens, war – welch ein Fortschritt – wenigstens ein neuer heißer Krieg in meinem Land abwesend. Wem alles zu danken?
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Seitenzahl: 135
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Solange die Vielen von Blindvertrauen
gelähmt auf die Hilfe von oben schauen,
wird Kapitalmacht immer die Trommeln rühren,
mit den Vielen seine Kriege zu führen.
TRÄGE SCHIEBEN SICH ZUG UM ZUG EINER KOMPANIE eines Ausbildungsbataillons von Offiziersbewerbern der X. Luftflotte östlich von Berlin von Bernau aus durch einen Aprilmorgen des Jahres 1945 zum Infanterieeinsatz an die nahe Front. Es wird wenig beim Marsch gesprochen. Kochgeschirre klappern an Seitengewehren, stoßen an Gewehrkolben oder Spaten.
Bleierne Müdigkeit liegt allen vom sinnlos empfundenen Exerzieren, in Wirklichkeit vom Schleifen „fünf Minuten vor Torschluß“, ein insgeheim gängiges Wort, und vom zermürbenden nächtlichen Fliegeralarm in den Gliedern.
Zusammengewürfelt, kaum daß einer den anderen mit Namen kennt und dann noch Mühe hat, sich mit den verschiedenen Idiomen zurecht zu finden, eine Mundartansammlung von den Küsten an Nord- und Ostsee bis hin zum Königsee, zur Zugspitze, zum Bodensee, Feldberg ...
Im Dunkeln bleibt, wer, wie einer neben mir, von der Schulbank weggeholt wurde oder wer Freiwilliger ist, ob er eine Lehrzeit abgebrochen hat oder von der Ausbildung herausgerissen wurde. Die Truppe, Halbwüchsige in Uniform, ganz normale Jugendliche, Buben wie ich.
Was sich in den wenigen Wochen auf dem Kasernengelände und auf den Stuben unter Befehl und Gehorsam entwickelt hatte, es war die bloße Kameraderie.
Jetzt, abseits der Landstraße auf einem Feldweg:
„Im Gleichschritt! - Ein Lied!“ Unser Zug brüllt:
" ... Wir werden weiter marschieren, bis alles in Scherben fällt ..."
"Lied aus!"
Jeder hat, wie eben auch der Fahnenjunkeroffizier, im Kopf den Rest der Strophe: „... denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt!“ Bei früherer Gelegenheit wurden wir schon korrigiert:
„Das heißt: ... ´denn heute hört uns Deutschland´ ... “
Ein Bauernhof. Gedämpfte Kartoffeln zur Schweinefütterung. Her damit.
Mit uns zieht der Staub des Feldwegs. Die Zunge klebt im Gaumen, lechzt nach erfrischendem Naß. Der Gewehrriemen, immer noch ungewohnt, schneidet unverschämt in die Schulter.
Aufgereizte Wortwechsel bei der Ablösung der Maschinengewehr- und der Munitionsträger.
Drei, vier Jagdflugzeuge mit dem Balkenkreuz auf den Tragflächen, auf dem Seitenleitwerk das Hakenkreuz, die Me 109, springen im Tiefflug über Felder und Baumwipfel hinweg über ein Waldstück, tauchen ein im Dunst des Horizonts. Da jagen sie hin, unsere entschwundenen Fliegerträume: Aus für allemal die Flieger-Ausbildung.
Weit voraus, sehr hoch, ziehen vermutlich russische Bomber ihre Bahn, kommen näher:
„Fliegerdeckung!“
Geprassel der davon- und auseinanderstürmenden Militärstiefeln. Müdigkeit in den Gliedern. Auf den leergefegten Feldweg senkt sich allmählich der aufgewirbelte Staub. Die wenigen Minuten Deckung im Straßengraben dürften sich stundenlang dehnen.
Wieso kommt mir in den Sinn, daß wir garnicht vereidigt wurden?
HINEINGEBOREN IN EIN KOMMEN UND GEHEN VON Generationen, in das Leben geworfen zwischen Altvordern und Kommenden, mit Sechzehn fern davon, an allem wenigstens einmal zu zweifeln, jetzt, nachdem eine ganze Geschichtsperiode Vergangenheit geworden war, jetzt, leicht ergraut in Altersblond, gewissermaßen bei Sonnenuntergang, versetze ich mich anhand meiner frühen „Notizen nebenbei“ zurück in Fußlappen und Knobelbecher, versetze ich mich in eine Kompanie Soldaten, Befehl und Gehorsam unterworfen, wie anders eine Armee nicht funktionieren kann, versetze ich mich in eine Kette oder auch ein Chaos von Erinnerungen gleich lang getragener Wäsche, oft gewaschen, manches gereinigt in den Jahrzehnten seither.
Während der Ausbildung auf dem Kasernengelände ein unendliches Verlangen nach erlösenden Ruhestunden wohl nicht nur in mir.
Fliegeralarm! Die Mannschaft im Umfeld der Kaserne weit verteilt, herrliches Märzwetter, wärmende Sonne, erstes Wiesengrün. Dabei mir nicht sonderlich gegenwärtig, wie die westlichen alliierten Truppen - der Feind - Ende März/Anfang April in breiter Front den Rhein erreicht hatten und ihn zu überwinden begannen, um als nächstes Ziel das Ruhrgebiet zu erobern. Mir eher schon bewußt, wie der Krieg auf Berlin zurollte und ich, in unverschuldeter Unmündigkeit nichts wirklich begreifend und bar jeder Vorstellung von mindestens einer Million Sowjetsoldaten, die dabei waren, dem Schrecken ein Ende zu machen.
Wir, das letzte Aufgebot, trugen in der Luftkriegsschule Dresden inzwischen den Rock der Flieger, wie uns gesagt wurde „das Ehrenkleid“, die Uniform mit Koppel, Fußlappen, Knobelbecher, Tornister, Stahlhelm. Verpflegung aufnehmen. Und immer wieder nächtlicher Fliegeralarm. Entwarnung.
Zwei Tage später Verlegung von Dresden zum Fliegerhorst Oschatz. Der Weg aus der Ruinenstadt, dem bei drei alliierten Angriffen fast völlig zerstörten Elbflorenz, führte mich wie bei der Ankunft wieder vorbei an den auf Doppel - T - Trägern und abgelängten Straßenbahnschienen aufgetürmten, verkohlten, verstümmelten Klumpen, diesen zusammengeschrumpften, von Chlorkalk bestreuten Leichen, erkennbar eine Frau, ein Kind,... in der Luft immer noch der Geruch von angebranntem Fleisch.
Infanterieausbildung mit der Knarre in der Hand unter Ausbildern, auch 'Schleifer' genannt. Zweimal eineinhalb Stunden gedrillt unter der Gasmaske, mit voller Ausrüstung bei Sonnenschein robben über den Kies und den nackten Erdboden. Das Gebrüll des Schleifers erreichte mein Ohr wie hämischer Triumph:
"Im Laufschritt marsch marsch! Hinlegen! ..."
mit den Klamotten genau in den Schlamm einer Pfütze.
"Auf marsch marsch! – Hinlegen!“
Weit und breit keine Maschine auf dem Flugplatz, kein Jäger zu sehen. Infanterieausbildung bei der Luftwaffe. Kein Irrtum. Ob wir uns zur Luftwaffe gemeldet hatten, diese Frage stand nicht.
Drei Stunden Ausgang in den nahen Ort. Ausgangskontrolle:
"Kamm vorzeigen! Der ist schmutzig. Zurück. Wiederkommen - in zwei Stunden".
Der Kamm, unangetastet vorgezeigt, sauber wie vordem, nun unbeanstandet.
Der Rest von einer Stunde reichte nichtmehr für den Ausgang.
Stubenkontrolle: Der Unteroffizier vom Dienst fuhr für alle sichtbar mit dem Finger über seine Schuhsohle, anschließend zum Schein über den Heizkörper, zeigte den Dreck vom Schuh. Keiner widersprach. Kadavergehorsam. Der „Uffz“ - der Unteroffizier -kommandierte die Mannschaft der Stube wegen des Drecks an seiner Schuhsohle zum Strafexerzieren.
Waffenunterricht. Gewehr. MG, das Maschinengewehr zerlegen. Reinigen. Zusammenbauen. Flugzeugerkennung.
Alles viel zu wenig geübt um wie im Schlaf gekonnt zu sein. Dafür der Unterricht angereichert mit Zoten aus dem studentischen Medizinerbereich zur Geschlechtsbeurteilung eines menschlichen Skeletts anhand des Beckenbaues mit entsprechender Pointe.
Scharfschießen auf dem Schießstand: Nur mit wenigen Schuß. Ein einziges Mal. Nicht jeder kam an die Reihe. Kein Erfolgserlebnis. Lange der An- und Rückmarsch.
Von Sattwerden keine Rede. Der Hunger plagte uns. Wir strengten unseren Grips an, entweder etwas zu klauen oder zu finden. Alsbald stocherten wir in den Mülltonnen nahe der Küche, angelten uns Reste und fraßen gekochte rote Rüben. Daheim hatte ich gelernt, was auf den Tisch kommt wird aufgegessen. Wie gerne hätte ich getauscht.
Verschwunden aus meinem Spind das Abschiedsgeschenk, Linas Bleistiftzeichnung, dieses hervorragend getroffene Selbstportrait.
Und nochmals eine Verlegung, diesmal von Oschatz nach Wermsdorf, untergebracht neben dem Jagdschloß Hubertusburg. Einer hatte beim Entladen eines LKW eine Salami verschwinden lassen. Ein anderer muß das verpfiffen haben. Kriegsgerichtsverhandlung. Keine Todesstrafe, keine Strafe. Dann weiter verlegt in die Boelkekaserne, wo tags darauf beim Abmarsch Richtung Osten das private Gepäck zurück blieb.
DAS MARSCHZIEL DES TAGES IST ERREICHT. BIWAK IN einem Waldstück an einer Schneise. Je vier Mann heben einen halben Meter tief zum Splitterschutz die Erde im Grundriß von Viererzelten aus. Der Boden ist weich, störend das Wurzelwerk von Bäumen. Bald stehen die in stumpfen Tarnfarben gehaltenen Zelte in den ausgehobenen Vertiefungen.
Ordonnanzen und Wachposten werden abkommandiert; alle anderen haben frei - innerhalb des Zeltplatzes.
Siedende Kessel über qualmlosen Feuern, herumsegelnde Federn. Kartoffeln, ausgegraben aus einer nahen Kartoffelmiete,.das Bild von einem Manöver konnte kaum anders sein.
Über allem Ruhe, ein Hauch sonntäglicher Stille, die einen nach dem Marsch am liebsten versinken läßt im Vergessen, eine Ruhe, die träumen lassen möchte.
Dumpfe Detonationen von ferne. Der Krieg kennt keinen Ruhetag, keinen Sonntag, keinen Feiertag.
Unsereiner ohne Kalender, ohne Post, ohne Radionachrichten, keine Lage-Information von den Vorgesetzten.
Abgeschnitten.
Ein Kind im Rock, scheinbar herumirrend, heruntergerissen, verschmutzt, im Wald aufgegriffen. Ängstlich irrlichtern ihre Augen von einem zum anderen der um sie Herumstehenden. Auf Woher und Wohin kommen über ihre spröden Lippen zögernd und stoßweise schmerzhafte gutturale unartikulierte Laute. Stottern oder Schock oder beides?
Den Kompaniechef holen? Was der denken und tun könnte: ein Kind als Spionin erschießen...
Einer geht mit ihr zum Waldrand und bedeutet ihr, zu einem Gehöft in Sichtweite zu gehen.
Ein Patrouillengang führt durch einen skelettierten Jungwald, zerschossen von Tieffliegern, von Granatsplittern zerfetzt.
Feuer einer nahen Zwillings-FLAK, einer Fliegerabwehrkanone. Panzerabwehr? Schießt der Iwan?
„Deckung!“
Singend scheinen die Granatsplitter einen Moment in der Luft zu hängen, verschwinden mit einem kurzen 'Platsch' im Boden, einer, durch Geäst gebremst, fällt kraftlos meinem Nebenmann auf den Rücken.
Blicke, die erst den kleinen Splitter betrachten, treffen sich, weichen aus, folgen einem glänzenden schwarzen Käfer, der einem Stamm hochklettert. Wieder schießt die Zwillings FLAK wie verrückt, jetzt erkennbar auf einen der schwer gepanzerten Bomber vom Typ IL 2. Wie unbeirrbar zuckt Mündungsfeuer aus Rumpf und Flächen. Welches ist sein Ziel?
Auf dem Rückweg ein kleiner Waldbrand. Die Glut, das Glimmen im Unterholz wird ausgetreten und mit Spaten erstickt.
Brüllendes Vieh auf einer ansteigenden von Stacheldraht umzäunten Weide. Riskant mein Versuch eine der Kühe zu melken. Das Tier schlägt und stößt, zertrampelt ein bereitgestelltes Kochgeschirr. Die prallen Euter sind überempfindlich. Noch lange verfolgt uns das Brüllen des leidenden Viehs.
Nochmals ein Hauch der Stille, selten gestört von dumpfen, fernen Detonationen die sagen, es gibt jetzt keinen Ruhetag.
So vergehen einige Tage und Nächte, bis der Befehl zum Stellungsbau kommt.
HINEINGEBOREN IN EIN KOMMEN UND GEHEN VON Generationen, in das Leben geworfen zwischen Altvordern und Kommenden, mit Sechzehn sehr fern davon, mich mit zunehmender Reife freier den Eigenschaften meiner Kindheit zu nähern, mit Neugier, mehr Vorurteilslosigkeit, Unbekümmertheit alltäglichen Dingen gegenüber, aber auch mit einer Portion kindlichem Egoismus, ermutigt auch, gewissen Vorlieben entschiedener nachzugehen, jetzt, nachdem eine ganze Geschichtsperiode Vergangenheit geworden ist, jetzt, leicht ergraut in Altersblond gewissermaßen bei Sonnenuntergang, versetze ich mich anhand meiner frühen „Notizen nebenbei“ zurück in Fußlappen und Knobelbecher, versetze ich mich in eine Kompanie Soldaten, Befehl und Gehorsam unterworfen, wie anders eine Armee nicht funktionieren kann, versetze ich mich in eine Kette oder auch ein Chaos von Erinnerungen gleich lang getragener Wäsche, oft gewaschen, manches gereinigt in den Jahrzehnten seither.
Die Gedanken greifen zurück, haken irgendwo ein. Wie war alles gekommen?
Der Abschied von der Mutter, Jahrgang 1904, Kriegerwitwe mit fünf Kindern, die sich von ihrem „Sonnenschein“ die Blondschopflocken in einem Döschen mit Schleife bewahrte, 1945 die Einquartierung von Zahlmeister Kleinhenz. Eine Flasche Sekt, woher auch immer in diesen Zeiten mit Lebensmittelmarken, Bezugsscheinen für Kohlen, Kleiderkarten für Textilien. Diese Flasche Sekt, die wollte die Mutter mit mir bei meiner Heimkehr trinken, aber: der Geist ist willig...
Allein in Zivil auf dem Bahnhof, von dem es früher in Pimpfenuniform, schwarze kurze Hose, Braunhemd - für viele, wie man heute weiß, ein Totenhemd - schwarzes Halstuch mit ledernem Knoten, zum Zeltlager ging. Weiße Rundzelte mit zwölf Liegeplätzen, was alles wurde von meiner Neugier aufgenommen: Karten lesen, Karten einnorden mit dem Kompaß, die Himmelsrichtung bei Sonne mit Ziffernblatt und Stundenzeiger bestimmen. An Bäumen ist der Moosbewuchs an der Nordostseite am stärksten. Dazu Geländespiele, im See schwimmen, Rudern, Fahnenappell ... Was alles bringe ich heutzutage nur mehr sehr grob chronologisch zusammen.
Nun aber auf dem Weg, dem Einberufungsbefehl zu folgen. Im kleinen Koffer eine Blechdose mit abgezählten 100 Zigaretten, die persönliche WALTHER 7.65 des Vaters. Die Pistole aus seiner Zeit im Außendienst beim Finanzamt, dazu etwas Munition, am Handgelenk die Armbanduhr des Vaters, etwas Wärmendes, von der Großmutter gestrickt.
Kein Schulkamerad zum Abschied da, aber unerwartet, überraschend, ein brünetter Wuschelkopf, Lina, einfach Lina, wie man sich allein in einer solchen Stunde auf dem Weg ins Ungewisse unter den Vorzeichen „siegen oder sterben“ die Nähe irgendeines Menschen wünschen kann.
Lina, eine Jugendbekanntschaft aus dem KLV-Lager im Gebirge, ruhige Tage der Kinderlandverschickung abseits von Bombennächten, kein Wissen von den Zerstörungen daheim, etwa in Hamburg, das KLV-Lager ein bißchen Frieden mitten im großen Krieg, ausgefüllt mit eigener Initiative, zusammen mit zwei Jungs Bergwanderungen, beim Aufstieg Pfiffer gesammelt und bis zur Rückkehr unter Moos versteckt, reichlich für die Küche. Bunte Abende brachten Abwechslung, dazu ein eigener Beitrag: "Die Lina hat im Schuh ein Loch / durch das die große Zehe kroch / mit Lack hat sie ihn angemalt / Der Nagel stets im Glanz erstrahlt". Später die Flucht mit ihr und ihrer Mutter für einige Tage aus der Stadt aufs Land, einem durch Flüsterpropaganda lancierten bevorstehenden Luftangriff zu entgehen. In all diesen Horrorsituationen saß bei den einen die Angst tief drin, entwickelte sich bereits bei kleinen Problemen übermäßig starke Angst, während andere im Angesicht der schrecklichen Erlebnisse ruhig blieben, als wäre ihnen Angst völlig fremd. Worüber man nicht sprach, von uns Jugendlichen oder Noch-Kindern hatte niemand einen Kopf für die Gleichaltrigen auf der Gegenseite, wir wußten nichts von 900 Tagen und Nächten in Leningrad, von der Blockade, dem Hunger, etwa wenn ein Kind den kalten Körper der Mutter umarmte, hatten keinen Gedanken an jene Kinder, denen wie uns durch diesen verbrecherischen Krieg die Kindheit gestohlen wurde.
Auf dem Bahnsteig schüchtern ein "Auf Wiedersehen" und mit dem Händedruck mitgegeben ihre eigenhändig gezeichnete lebensnahe Bleistift-Portraitskizze. Abfahrt. Atemholen. Für einen Herzschlag ein letzter Blick.
Dem Einberufungsbefehl zur LKS - zur Luftkriegsschule - Dresden zum 15. Februar 1945 folgend am 14. die Bahnfahrt in die Nacht hinein. Licht aus in den Waggons. Stundenlanges Halten. Warten wie betäubt. Fernes Grollen, keine Ahnung vom Heulen der Sirenen in Dresden, kein Wissen von den tödlichen Schwärmen von Bombern über der vom englischen Premier zur Vernichtung bestimmten Stadt, Bomber, in denen die Besatzungen Englisch sprachen, kein blasser Schimmer von den von Scheinwerfern wie in einem Spinnennetz erfaßten Maschinen, aus denen Phosphor und Sprengbomben auf die Stadt regneten. Die sächsische Metropole, Zufluchtsort für eine halbe Million Flüchtlinge, heillos überfüllt. All das den Alliierten genau bekannt - die Bomben- und Feuerwalze ohne jeden militärischen Effekt - aus Rache im Gegenzug für ihre eigenen zivilen Bombenopfer. Kriegsverbrechen gegen Kriegsverbrechen: Eine endlos lang dauernde Hölle, unfaßbares Entsetzen und die Qual verzweifelter Zivilisten, die in Feuerstürmen als brennende Fackeln auf brennendem Asphalt schreiend um ihr Leben rannten, vergebens die Versuche, aus der absoluten Verwüstung Verschüttete und Erschlagene, weinende hilflose Kinder herauszuholen.
Wie paralysiert in diesen Stunden wie auch in den Kriegsjahren zuvor, kein Gedanke, wie solches Leiden in Städten wie Rotterdam, Coventry, Birmingham, London gewesen sein muß, als im Rundfunk „Bomben auf Engeland ...“gesungen und auf Landkarten Fähnchen gesteckt wurden, als die Wehrmacht immer Gewinner war und die „Helden“ gefeiert wurden Spätere Stimmen nannten an die zwanzigtausend Kinderleben, die dem Inferno in London nicht entkamen.
Kein Wichten von Ursache und Wirkung. Allenfalls war da nur ein Überspielen mit dem immer häufiger über das Radio zu hörenden Lied: „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern, keine Angst keine Angst Rosmarie …“
In diesen Jahren war ich, Jugendlicher, nie einem Gedanken nachgegangen, oder hatte einen Gedankenaustausch, was der vom Reichspropagandaminister geforderte totale Krieg, was das Ende der 6. Armee, ihre Kapitulation nach einer der blutigsten Schlachten der Weltgeschichte, ihr Untergang bedeutete, zwei Drittel von Zweihundertfünfzigtausend gefallen, verhungert, erfroren. Doch: Onkel Heiners Spur verlor sich in Stalingrad.
Am Morgen war der Zug außerhalb des Bahnhofs von Dresden gestrandet - keine Straßenbahn, kein Bus - irgendwie schlug ich mich zur Luftkriegsschule durch. Ringsum gespensterhaft steinerne Gerippe, die einmal Häuser waren, die ganze Stadt, ein Trümmerfeld wo einst Straßen und Gärten waren. Vorbei führte mein Fußmarsch an riesigen übereinander gestapelten Rosten aus Eisenträgern, aufgetürmt zu offenen Krematorien, darin und darauf zu Hauf wüst aufgeschichtete Hügel von Toten, zusammengeschmort, aufgedunsen, gräßlich verstümmelt, wahllos durcheinander Frauen, Kinder, kaum Männer erkennbar, manche Leiber zum Teil entblößt, herab baumelnde Arme, Beine, Köpfe, dürftig mit Kalk bestäubt, gespenstisch die schauerliche Apokalypse des Rückschlags. Zehntausende mit der Grausamkeit der Brandbomben- und Sprengbombenwalze dreier Luftangriffe ums Leben gebracht, Bilder, die hereinragen in mein Leben, eingebrannt und unversöhnlich wie weitverbreitet der Gekreuzigte in Kirchen, in Opferstöcken, auf Fluren, ihn Wohnungen, auf EMÄLDEN, Bilder, die den Heutigen und den Kommenden bleiben, so und so.
DÜSTER STEHT DER WALD IM FAHLEN MONDLICHT. IN Reihe zieht unser Trupp - ein Zug der Kompanie - hinein in das Dunkel. Dann eine sumpfige Wegstelle, eine taunasse Wiese, ein Acker. Hart und steinig ist der Feldboden. Das Ausheben des Schützengrabens treibt die Müdigkeit und das Frösteln aus den Gliedern. Zentnerschwer klemmt ein Findling im Grabenverlauf, läßt sich nicht bewegen.
Stellungsbau. Die schleichende Unruhe ist wie weggeblasen. In allen Fasern ist Spannung. Keine Information, ob wir oder wer auch immer die Stellung besetzen und halten soll.
Besteht nach beiden Seiten und nach hinten mit irgendeiner Einheit eine Verbindung? Das Gefühl, allein, verlassen zu sein, beginnt zu bohren.
Nach zweieinhalb Stunden fieberhafter Arbeit ist der Befehl ausgeführt. Möglichst geräuscharm geht es zurück um noch etwas zu schlafen.
Ein kurzer, schriller Pfiff reißt alle hoch. Es ist schon hell geworden.
„Was ist los?“
