ICH WERDE NOCH LANGE BLÜHEN - Maria Bianca Bischoff - E-Book

ICH WERDE NOCH LANGE BLÜHEN E-Book

Maria Bianca Bischoff

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Beschreibung

Vor sechs Jahren wurde bei der damals 54-jährigen Maria Bischoff Darmkrebs festgestellt. Von der Diagnose bis zur vollständigen Heilung führte sie ein Tagebuch mit persönlichen Episoden und Gedanken. Daraus ist dieses Buch entstanden, aufbauende Gedichte und ermutigende Zitate ergänzen den Text. Bloß keine Ratschläge, schreibt Maria Bischoff an einer Stelle - und hält sich selber getreulich daran. Alles Belehrende, Besserwisserische geht ihr ab. Allein die Reflexion ihrer persönlichen Erfahrung führt die Leser zur Bewältigung eigener Krisen. Als diplomierte Logotherapeutin und Existenzanalytikerin hat Maria Bischoff Gedanken des Wiener Existenzphilosophen und Psychotherapeuten Viktor E. Frankl mit verarbeitet. bearbeitet durch: Nigthwriter Markus Maeder Illustrationen: Maria Bianca Bischoff

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Seitenzahl: 157

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Maria Bianca Bischoff

ICH WERDE NOCH LANGE BLÜHEN

Copyright: © 2015 Maria Bianca Bischoff

http://www.mariabianca-bischoff.eu

http://www.krebscoaching.ch

In Zusammenarbeit mit Markus Maeder, Nightwriter

Lektorat: Erik Kinting / www.buchlektorat.net Umschlag & Satz: Erik Kinting

Illustrationen & Titelbild: Maria Bianca Bischoff

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

Das Werk, einschliesslich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.

EINLEITUNG

Maria Bischoff hatte Darmkrebs, wurde operiert und therapiert und studierte Logotherapie und Existenzanalyse nach Viktor Frankl. Darauf verkauften sie und ihr Mann Unternehmen und Haus und brachen auf ins Ungewisse – ohne einen Plan bezüglich Route und Dauer der Reise. Sie fasste den Mut, ihre Grenzen zu sprengen.

In einer Art Tagebuch beschreibt Maria Bischoff ihren inneren Weg, um zum reinen Leben zu finden: »Das Leben ist ein Geschenk, das sollen wir feiern.« Schon in den schwersten Zeiten der Krankheit kommt sie trotzig zum Schluss: »Ich werde noch lange blühen.«

Unter diesem Titel möchte Maria Bischoff Ihre Leserinnen und Leser bei der Hand nehmen: Menschen, die von lebensbedrohenden Krankheiten genötigt werden, sich den letzten Lebensfragen zu stellen, und zuversichtlich in die Zukunft zu blicken.

Die Ypsilon-Generation stand noch vor den Geburtswehen, als Maria mit einem selbstbewussten Schrei das Licht der Welt erblickte. Es waren gute Zeiten. Die wirtschaftlichen Bäume wuchsen in den Himmel, vorausgesetzt, man wollte und konnte sich das Letzte abverlangen. Dann, auf dem Gipfel eines Wirtschaftsbooms: Burn-out, die Krankheit der Tüchtigen … Ein Schuss vor den Bug? Nur halb so schlimm, sagt sich Maria. Doch den Körper erwartet noch schwereres Geschütz. Sag ja zu Deiner Krankheit, Maria! Mit einem Nein stärkst du nur deine Krebszellen.

Der Krankheit ausgeliefert, erlebt sich Maria mit gebundenen Händen und blutendem Herzen. Vor ihr liegt ein langer, einsamer Weg. In endlos leeren und hilflos dunklen Nächten und Wochen reift ein tragendes Ja zur Krankheit, zum Leiden und zum Tod, der darin lauert. Es ist ein Ja, aber! In einem Meer von blühenden roten Rosen beschliesst sie selbstbestimmt trotzig: »Ich werde noch lange blühen!«

Doch zunächst reissen sie Operationen und Therapien monatelang aus den gefestigten Alltagsstrukturen.

1. PROTOKOLL EINES KAMPFES

Der Wahrheit ins Auge schauen

Dämonen kommen ungeladen, wenn das Haus leer steht. Anderen Gästen musst du schön die Tür öffnen.

Dag Hammarskjöld

UNO Generalsekretär 1953 – 1961

Diagnose

Nach dem Aufwachen sitzt der Arzt an meinem Bett. Seltsam. Tut er das immer nach einer Magen-Darm-Spiegelung und ich weiß das nur nicht? »Der Eingriff ist ohne Komplikationen verlaufen«, sagt er, kaum dass ich wieder ganz bei Sinnen bin: »Im Magen sieht es gut aus. Aaaaber … im Mastdarm ist etwas, das ich Ihnen auf dem Laptop zeigen möchte.«

Bin ich im falschen Film? Das kann nicht sein. Da stehen mein Name und das heutige Datum: 12.09.2008. »Da ist etwas«, höre ich den Arzt von Weitem sagen und sehe seinen Finger über den Bildschirm fahren: »Da ist andersartiges Zellgewebe und eine Verengung, dreizehn Zentimeter vom Ausgang entfernt …« Jawohl, da ist etwas … Wie bin ich von der Praxis nach Hause gekommen? Irgendwie. An mehr mag ich mich nicht erinnern. Das darf nicht wahr sein! Zu Peter sagte ich über Mittag bloss: »Nein, wehgetan hat es nicht.«

Am Nachmittag ruft die Bioresonanztherapeutin an. Eine … was? Wozu brauche ich das? Was ist das überhaupt: eine Bioresonanztherapeutin? Ich höre nur halb zu und doch trifft jedes Wort wie ein Hammerschlag auf Seele, Geist und Körper zugleich:

»Ja, da ist etwas, sagt die Bioreso… Wie bitte? Ja. Da ist etwas gewachsen, etwas, das da nicht hingehört.«

Mir schwindelt. Sie wartet geduldig meinen Taumel ab. Nach einer gefühlten Ewigkeit empfiehlt sie mir eine gemeinsame Besprechung mit Peter beim Arzt.

Wie soll ich das Peter sagen? Es wird ihn schwer belasten. Doch wie halte ich mein eigenes Schweigen aus? Und wenn ich es sage: Mit welchen Worten? Seit dreißig Jahren sind mir das Schweigen und das Reden noch nie so schwer gefallen.

Noch am gleichen Abend bricht es aus mir heraus: »Ich habe Krebs!«

Verhängnis nimm deinen Lauf. Der Arzt geht bis ins Detail die nächsten Schritte durch, in denen ich als Werkstück durch die Phasen der Schadenanalyse und Reparaturen geschleust werden soll: Computertomografie, Untersuchung des Mastdarms in der geeigneten OP-Klinik, Konsultation beim Frauenarzt, Konsultation im Brustzentrum Zürich wegen einer OP an der Brust vor ein paar Jahren. Zur Besinnung bleibt nicht lange Zeit. Die Computertomografie folgt schon am Freitag.

Ich brauche Abstand, Rückzug, Einsamkeit. Egal wo. In der Stille, in einem Kloster, draussen im Wald oder im Auto, unterwegs zu einem fernen Horizont.

Unterdessen sind zwei Wochen vergangen. Aber von Begreifen keine Spur. Wie soll ich das andern erklären. Vor Anina und Marc-Andreas kann ich es nicht verstecken.

Nein, nein, nein

Mit einem selbstbewussten Schrei hatte ich einst das Licht der Welt erblickt. Ohne mir lange Gedanken zu machen, wurde ich Kaltduscherin. Das kam einfach so. Die Wirtschaft blühte, unser Geschäft blühte, und ich blühte mit, ganz selbstverständlich. Gewiss gab ich alles und gab auch das Letzte, ohne zu spüren, dass ich nicht mehr geben konnte. Und dann aus hellheiterem Himmel das: Krebs.

Doch nichts kommt von nichts: Seither hat mir mein Körper in immer rascherer Folge immer unüberhörbarere Botschaften geschickt. Der Ohnmacht gegenüber seinem Wuchern ausgeliefert, fühle ich mich vorgeführt und abgeführt, mit blutendem Herzen und gefesselten Händen. Aus gesundheitlichen Gründen handlungsunfähig. Alles ist mir aus den Händen genommen. Alles muss ich hinter mir lassen und vor mir liegt nichts. Nichts als Ausweglosigkeit. Tatsächlich? Nein, nein, nein!

Ja zum Krebs

In den folgenden Wochen rede ich darüber, als betreffe es jemand anders. Was geht mich mein Krebs an? Ich bin anders – bei mir ist alles ganz anders! Bloss weiter funktionieren, es ist ja nichts, es sind bloss Pixel auf einem Bildschirm, ein böser Traum aus einer irrealen, virtuellen Welt.

Kann ich mir diesen Krebs überhaupt leisten? Mitten in der Weiterbildung in Logotherapie und Existenzanalyse mit Blockseminaren und Supervisionseinheiten und mitten drin in einer berufsbegleitenden Ausbildung zur Telefonseelsorgerin. Ach ja – und in Davos läuft die Wäscherei auf Hochtouren. Wozu brauche ich da einen Krebs? Jawohl: Wozu? Gute Frage.

Als Vorstand des schweizerischen Arbeitgeberverbandes meiner Branche bin ich zu einem internationalen Kongress in Kassel eingeladen. Absagen kommt nicht infrage. Krebs ist dort gewiss kein Thema. Aber unterwegs, fünf Stunden hin und fünf Stunden zurück, sitzt der Kerl neben mir – schlimmer: in mir! –, nimmt den ganzen Raum im Auto in Beschlag und gönnt mir keine freie Minute. Zehn Stunden allein mit mir und der Diagnose.

Bis heute, wenn die Musik der Whyspers erklingt, höre ich wieder, wie schwierig es ist Ja zu sagen – Ja zur Krankheit Krebs.

Doch wozu sollte ich Logotherapeutin werden, wenn nicht genau deshalb, um mit mir selber zurande zu kommen? Hatte nicht auch Viktor Frankl, der Begründer der Existenzanalyse und der Logotherapie, seine Lehre unter noch schwierigeren Umständen an sich selber erprobt? Im KZ. Diese Lehre sollte mein Schlüssel zum sinnvollen Leben und sinnvollen Altern werden. Krebs sollte meine Lebensaufgabe werden: ihn zu besiegen und andere, die nach mir kommen, mit meiner Erfahrung zurück in eine höhere Form der Gesundheit zu tragen.

Ich werde noch lange blühen

Irgendwie hat alles seine Richtigkeit. Die Reise nach Kassel, die Ausbildungen … Zum Schluss eines Weiterbildungsseminars, das neue Wege zur Begleitung von sich selbst und von Dritten aufzeigen soll, sind wir aufgefordert, einen Leitsatz zu formulieren, mit dem wir zurück in den Alltag gehen. Mit jeder Faser meines Wesens schreibe, ich auf einen Fetzen Papier: »Ich werde noch lange blühen!«

Einen Tag später kalligrafiere ich den gleichen Satz mit großen Lettern auf eine Tafel. Die Tafel steht bis heute bei mir zu Hause im Entrée, im Glanzlicht eines Spots, vor einem Wandbild mit glühend roten Rosen. Ein Hausaltar für meine Stoss-, Bitt- und Dankgebete.

Wer mich heute fragt, bekommt zu hören: Die wesentlichen Dinge unseres Lebens werden uns geschenkt. Eine Krise ist so ein Geschenk. Wenn es die höheren Mächte gut mit dir meinen, schicken sie dir eine Krise, schicken sie Krebs.

Der Krebs in der Familie

Meine Familie scheint vom Teufel geritten. Meine Mutter erkrankte mit achtundvierzig an Brustkrebs – tödlicher Verlauf. Mein Vater starb mit fünfundsiebzig an Lungenkrebs. Meine Schwester Rita hat ihren Brustkrebs überlebt; nun treibt sie Sport, Sport, Sport. Damit ihr Körper keine Dummheiten macht, sagt sie.

Über das Wochenende kommt Anina nach Hause. Bevor sie zurück zu ihren Wohngenossinnen fährt, fliessen die Tränen. Der Zufall will es, dass die Mutter ihrer Mitstudentin Martina ebenfalls Krebs hat. Als Schicksalsgemeinschaft versuchen Anina und Martina einander Mut zuzusprechen und sich gegenseitig zu trösten.

Marc-Andreas erlebt Krebs bei Eltern aus seinem Freundeskreis, wo sowohl Mutter wie Vater nur durch jahrelange Therapien am Leben bleiben. Marc-Andreas tröstet mich, seine Mutter: »Wenn ich sehe, dass der Vater von Urs schon siebenundzwanzig Jahre, das sind so viele Jahre wie ich alt bin, erfolgreich gegen Krebs kämpft und ihn immer wieder hinter sich lässt, dann ist die Situation mit dir, Mami, für mich nicht bedrohlich. Und zudem habe ich mitbekommen,« sagt er in einem Nachsatz »dass tiefes, reiches Leben möglich ist, trotz Krebs!«

Reden oder schweigen?

Wann erzähle ich, dass ich krank bin, und wem erzähle ich es? Sicher nicht jedermann. Ich habe ein Recht auf Geheimnisse und ich entscheide, welche das sind. Geheimnisse bilden eine tragende Säule des menschlichen Daseins und der Gesellschaft. Geheimnisse erschaffen eine zweite Welt, eine stille Insel des Unbeobachteten und Unsichtbaren. Geheimnisse sind unser Rückzugsgebiet, sie bilden einen Raum, in dem wir keine Aufgaben haben und nichts erklären müssen. Hier können wir uns ganz unseren Gefühlen, unserer Befindlichkeit, der Erschöpfung, der Krankheit oder unseren Sehnsüchten hingeben – im Vertrauen auf die Verlässlichkeit und das Schweigen des Raumes, in dem die Geheimnisse schlummern. So kommen wir mit uns ins Reine. Es wird uns klar, wer wir sind und wer wir sein wollen. Wir spüren die Umrisse unserer Identität und die Bereiche unseres eigenen Selbst (nach Bernhard Pörksen, Kommunikation und Lebenskunst, 2014).

PS: Schweigen oder reden? Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – jeder und jede einzelne – haben seit der Diagnose im September keinen Einsatz gescheut, um mir Freiraum zu schaffen für die Gesundung. Das zu vergelten hat nicht nur finanzielle Dimension. Sie sollen auch wissen, wie es um mich steht und wie dankbar ich bin, dass ich unser Geschäft in besten Händen weiß.

Krebs, Krebs, Krebs …

Die hat Krebs, der hat Krebs, bei jenem war es auch Krebs … Manche Leute scheinen Leute mit Krebs von weither anzuziehen – wenn nicht gar, sie damit anzustecken.

Es gibt so viel emotionales Geschwür rund um Krebs. Das Geschwätz ist so ein Geschwür, das Geist und Seele überwuchert. Mindestens so wie die Krankheit selbst. Leute, denen vor lauter emotionalem Infekt der Mund überläuft, infizieren den gesunden Menschenverstand, den Geist und die Seele mit ihrem Geschwätz.

Wir wissen sowieso alle eher zu viel als zu wenig über unsere Krankheiten. Doch nirgends geistert so viel Bullshit über Krebs herum wie im Internet. Das große, weltweite Netz stellt unsortiert Wichtiges und Unwichtiges, Fundiertes und Unhaltbares ungeordnet nebeneinander. Das verunsichert mehr, als dass es hilft. Meine Ärzte legen mir eine Devise ans Herz. Sie sagen: »Sie müssen nicht mehr wissen, und wenn sie mehr wissen wollen, fragen sie uns.« Ich folge ihrer Devise, die sich als weise erweist. Stets fühle ich mich auf sicherem Grund, um den nächsten Schritt mit Zuversicht unter die geistigen Füße zu nehmen.

Darum sage ich bei jeder Begegnung, in der das Stichwort Krebs ins Herz treffen könnte. Schütze dich mit allen Mitteln der Psychohygiene. Geh den Krebsen, die Dritte auf dich loslassen, aus dem Weg und richte deinen Sinn auf das, was Sinn macht für dich. Wer die Einmaligkeit und Einzigartigkeit jedes Menschen wirklich als Wahrheit anerkennt, kann der Einzigartigkeit dieser Krankheit eine Kraft entgegensetzen. Peter, Anina und Marc-Andreas haben das begriffen, ohne dass wir darüber zu reden brauchten.

PS: Brief des Paulus an die Philipper: Alles vermag ich durch den, der als Kraft in mir lebt! Ob das allein der eigene Wille ist oder eine höhere Macht, die den eigenen Willen zum Guten entfesselt, ist Glaubenssache.

Sturm vor der Ruhe

Maria, ist das deine Verdrängungsstrategie? Die Frage enthält schon die Antwort. Vor dem Eingriff ist noch so viel zu tun. Unerledigte, ehrenamtliche und freiwillige Arbeiten: Ehrensache, sie freiwillig und rechtzeitig fertigzumachen. Ein Infotag als Fachkommissionspräsidentin für die Schulleitung der neuen Gewerbeschule in Zürich. Zwei Klinikgottesdienste als Ferienstellvertreterin für zwei Kollegen. Ja gerne, selbstverständlich. Und, und, und … Im Segelklub Davos bin ich am Aufräumtag für die Verpflegung zuständig. Es gilt für vierzig hungrige Fronarbeiter zu kochen. Und das zwei Tage vor dem Termin.

Und dann die Tränen. Ein Sturm von Tränen bricht über mich herein … Tränen, Tränen, Tränen, Wut und Empörung: »Diese Krankheit ist eine Zumutung!«, höre ich mich selber schreien. Mit einem Schnitt vom Rippenbogen bis zum Schambein meinen Körper zu verstümmeln. Eine Unverschämtheit. Adieu Bikini, in diesem Leben bist du kein Thema mehr für mich!

Mir ist, als würde ich vom Henker abgeführt. Alles abgeben, alles zurücklassen, im Betrieb, im Haus und in allen meinen Diensten. Sogar Peter kriegt sein Fett weg: Mit meiner Wut und meinem Hass muss er fertig werden. Nichts muss er abgeben, kann zu Hause sein wie eh und je, als ginge ihn das alles nichts an, so dachte ich. Schräge, haltlose Gefühle der Verlorenheit im Ausgeliefertsein. Kein Licht erhellt dieses Dunkel. Da geht mir ein Satz von Erich Fried durch den Kopf: Du hast das Recht zu zweifeln, zu verzagen, den Mut zu verlieren.

In der Nacht legt sich der Sturm. Endlich wieder ein vernünftiger Gedanken. Für die Autofahrt am Morgen ins Spital schiebe ich eine CD ein. Leichte, sanfte Musik für die schweren Herzen von Peter und mir legt sich über die wortlose Stille. –Die Schmerzen in den ersten Tagen danach sind die Hölle.

Ratschläge sind auch Schläge

Bei der Aufnahme im Krankenhaus wissen zunächst nur die Ärzte und eine kleine Handvoll Leute, was wirklich Sache ist. Ohne lange zu überlegen spüre ich, wem ich mich anvertrauen kann.

Ratschläge rauben Kraft. Kraft, die es braucht, um das innere Ja zum großen Eingriff zu stärken. Denn meine Zukunft ist anders, neu, unvergleichbar anders als alles, was das Leben mir bis dahin abverlangt hat; eine existenzielle Herausforderung um Leib und Leben.

Natürlich gibt es auch Leute, die es ganz einfach wissen müssen. An erster Stelle die Mitarbeiter in der Wäscherei. Die Zukunft ihrer Arbeitsplätze betrifft auch sie existenziell. Aber ich warte bis zum letzten Augenblick …

Die Killerfrage

Wenn ich eine Frage hasse, jawohl, hasse in diesen Krankenhaustagen, ist es die ganz harmlose, alltägliche Frage: Wie geht’s? Die zwei Wörtchen werfen mich unwillkürlich aus der Bahn. Meine Zukunft ist ungewiss, aber muss ich mich das genau jetzt fragen, wo ich mich freue, mit jemandem zusammen zu sein? Manche Fragenden insistieren sogar: »Ja, wie steht es denn um dich, wie ist deine Prognose …«

Wenn ich das wüsste. Und wenn ich wüsste, wie ich auf eine schlechte Prognose reagieren würde, wenn sie denn eintrifft. Natürlich freue ich mich, wenn jemand auf mich und mein Thema eingeht. Ich habe ja kaum ein anderes, als diesen Krebs. Um mich dem Leben näher zu bringen, könnte man mich aber beispielsweise fragen: »Woran kannst du dich erfreuen?« Oder man könnte mir etwas von draussen erzählen. Von gemeinsamen Freunden, vom Marroniverkäufer auf der Brücke oder von einem Lausbuben, bei dessen abgelaufenem Billett der Kontrolleur beide Augen zudrückte. Das ist wie Sonnenstrahlen, die unverhofft durchs Fenster auf die Bettdecke fallen.

PS: Kürzlich hat mir Isabel von einem Arzt erzählt, der ihr bei jeder Gelegenheit einbläut, wie aussichtslos im Grunde ihre Lage ist. Warum tut er das? Will er ihr sagen, wie dankbar die Patientin sein soll, wenn er sie in aller Aussichtslosigkeit rettet? Er will ihr nehmen, was ihr im schlimmsten Fall als Letztes bleibt: die Hoffnung. Ich selber hatte nie so einen Arzt. Ich sagte zu ihr: »Er mag ein prima Mediziner sein, doch ein guter Arzt ist nur, wer auch Geist und Seele heilt. Such dir einen anderen.«

Emotionale Infektionsbekämpfung

Wenn ich schon beim Reden und beim Schweigen bin: Die Infektionen mit all dem Schlechten, Bösen und Falschen in dieser Welt haben noch eine andere Quelle: die Medien: Wozu soll ich mich den geistigen und psychischen Keimen, mit denen sie meine Organe im Lauf meines Lebens belastet haben, noch weiter aussetzen? Erdbeben in Neuseeland, George Clooney mit Bäuchlein, Doppelmörder ausgebrochen, Flugzeugabsturz auf Borneo, Raser in Guttannen aus Kurve geflogen … Muss ich das wissen? Wenn ja, wozu? Hilft es der Welt und den Opfern, wenn ich mir mit jeder grösseren oder kleineren Katastrophe die Seele schwer mache? Ich verschwende damit meine Energie, meine Kraft und schleiche mich aus der Verantwortung, etwas für mich und meine Nächsten zu tun.

Doch vor sinnlos belastenden Nachrichten die Ohren und Augen zu verschließen ist gar nicht so einfach. Warum wende ich mich nicht öfter und beherzter den kleinen Sensationen des Alltags zu? Den überraschenden Offenbarungen des Gottes der kleinen Dinge. Ist der erste Schmetterling im Frühling nicht ein Naturereignis und ein beflügeltes, beflügelndes Kunstwerk zugleich? Kann uns ein Löwenzahn, der seine Fallschirmchen im Wind fliegen lässt, nicht ganz anders bewegen als die Breaking News über einen Terroranschlag auf CNN?

Lippenbekenntnisse einer oberflächlichen Betroffenheit müssen nicht sein. Engagement um so mehr. Ärmel hochkrempeln sowieso – aber in Zukunft ausschliesslich, wenn ich damit etwas bewirke. Bei meinen Liebsten oder wenn ich mit meinem Eingreifen an Ort und Stelle Schlimmeres verhindern und Erste Hilfe leisten kann. Abgemacht?

PS: Bei einem Seminar im Hotel Schützen in Rheinfelden fand ich den goldenen Satz: Weisheit ist die Kunst zu wissen, was man übersehen soll. Weisheit ist nicht nur das, aber das ist es auch.

Leiden

Sei es an einer Krankheit, an einem Schicksal, an äusserer Not: Leiden ist eine Zumutung für jeden, den es befällt. Warum gerade mich? Warum gerade dieses Leiden? Wer weiß schon eine gültige Antwort; eine Antwort, die nicht noch mehr Wut und Hass und Trauer und Schmerz hervorruft. Was keine Antwort findet, wird einen schweigend begleiten. Fragen bleiben genug. Wer sie stellt, bekennt sich zur Hoffnung.

Ich öffne den Blick und frage:

Was will ich in meinem Leben noch sein?

Was, über das Leiden hinaus, ist noch möglich?

Was bleibt an Gemeinschaft, an Liebe an freudigen Ereignissen und an persönlicher Entwicklung?

Und was wird aus dem Leiden heraus erst möglich?

PS: Nicht müde werden, sondern dem Wunder, leise, wie einem Vogel, die Hand hinhalten. (Hilde Domin)

Dornröschen

Was für ein Fluch lastet auf mir? Warum musste ausgerechnet