Ich will nicht leben ohne dich - Patricia Vandenberg - E-Book

Ich will nicht leben ohne dich E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Dr. Resi Schreiber war eine Patientin, die Dr. Norden besonders ins Herz geschlossen hatte. Sie war nie auf Rosen gebettet gewesen, aber auch nie mit ihrem Schicksal gehadert. Sie hatte sich reich beschenkt und entschädigt gefühlt, einen Sohn zu haben, auf den sie stolz sein konnte. Sie dachte nicht darüber nach, wie hart sie dafür hatte arbeiten müssen, ihm all das zu geben, was ihm einmal den Weg in das Berufsleben erleichtern sollte, denn er war ein intelligenter und fleißiger Junge, der auch stets darauf bedacht war, seiner Mutter Freude zu bereiten. Resi Schreiber dachte nie an sich, sondern nur daran, daß ihr Sohn eine gute Ausbildung haben sollte. Es hatte an ihren Kräften gezehrt, aber sie ließ es sich nicht anmerken. Thomas sollte sich nicht um sie sorgen, sondern unbeirrt seinen Weg gehen. Er war fleißig und ehrgeizig, hatte immer die besten Zeugnisse heimgebracht und auch ein Stipendium für das Ingenieurstudium bekommen. Es war ein großer Tag für Mutter und Sohn, als er, vierundzwanzig Jahre jung, als Diplomingenieur sofort eine gute Stelle in der Maschinenfabrik Baldwin bekommen hatte. Nun konnte er endlich für seine Mutter das tun, was sie solange für ihn getan hatte. Sie sollte es guthaben, sie sollte sich keine Sorgen mehr machen. Sie sollte einen langen, schönen Lebensabend genießen. Resi Schreiber kämpfte tapfer gegen die Schmerzen an, die sie oft nicht schlafen ließen. Geplagt von Rheuma und oft unerträglichen Rückenschmerzen schleppte sie sich immer öfter zu Dr. Norden in die Praxis. Nur er wußte, wie elend sie sich fühlte. Das Herz war durch die ständigen Schmerzen angegriffen, aber Thomas sollte davon nichts merken. Für Dr.

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Seitenzahl: 113

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Dr. Norden Extra – 50 –Ich will nicht leben ohne dich

Patricia Vandenberg

Resi Schreiber war eine Patientin, die Dr. Norden besonders ins Herz geschlossen hatte. Sie war nie auf Rosen gebettet gewesen, aber auch nie mit ihrem Schicksal gehadert. Sie hatte sich reich beschenkt und entschädigt gefühlt, einen Sohn zu haben, auf den sie stolz sein konnte.

Sie dachte nicht darüber nach, wie hart sie dafür hatte arbeiten müssen, ihm all das zu geben, was ihm einmal den Weg in das Berufsleben erleichtern sollte, denn er war ein intelligenter und fleißiger Junge, der auch stets darauf bedacht war, seiner Mutter Freude zu bereiten. Resi Schreiber dachte nie an sich, sondern nur daran, daß ihr Sohn eine gute Ausbildung haben sollte.

Es hatte an ihren Kräften gezehrt, aber sie ließ es sich nicht anmerken. Thomas sollte sich nicht um sie sorgen, sondern unbeirrt seinen Weg gehen.

Er war fleißig und ehrgeizig, hatte immer die besten Zeugnisse heimgebracht und auch ein Stipendium für das Ingenieurstudium bekommen. Es war ein großer Tag für Mutter und Sohn, als er, vierundzwanzig Jahre jung, als Diplomingenieur sofort eine gute Stelle in der Maschinenfabrik Baldwin bekommen hatte. Nun konnte er endlich für seine Mutter das tun, was sie solange für ihn getan hatte. Sie sollte es guthaben, sie sollte sich keine Sorgen mehr machen. Sie sollte einen langen, schönen Lebensabend genießen.

Resi Schreiber kämpfte tapfer gegen die Schmerzen an, die sie oft nicht schlafen ließen. Geplagt von Rheuma und oft unerträglichen Rückenschmerzen schleppte sie sich immer öfter zu Dr. Norden in die Praxis. Nur er wußte, wie elend sie sich fühlte. Das Herz war durch die ständigen Schmerzen angegriffen, aber Thomas sollte davon nichts merken.

Für Dr. Norden war es arg, als sich bei der letzten Blutuntersuchung herausstellte, daß die Anämie bedenklich fortgeschritten war und auch das EKG bedeutend schlechtere Werte gezeigt hatte. Er konnte es Resi Schreiber nicht verheimlichen, denn sie wollte es genau wissen.

»Thomas darf es nicht erfahren«, sagte sie. »Er hat jetzt die Chance seines Lebens, soll in Brasilien den Aufbau einer Niederlassung leiten. Wenn er wüßte, wie es um mich steht, würde er nicht gehen. Sie müssen mir versprechen, daß Sie schweigen, Herr Dok-
tor.«

»Wann soll Thomas die Reise antreten, Frau Schreiber?« fragte Dr. Norden.

»Schon übermorgen. Er wird nicht merken, daß es mir schlechtergeht, aber er wird sicher zu Ihnen kommen und fragen, ob bei mir wieder alles in Ordnung ist. Er hat keine Ahnung, was mir eigentlich fehlt.«

Dr. Norden wußte, wieviel Kraft dazu gehörte, solche Schmerzen still zu ertragen. Resi Schreiber hatte einen eisernen Willen.

Er konnte nur Bewunderung für sie empfinden. Sie müßte doch wenigstens noch eine Chance bekommen, dachte er.

»Sie sollten endlich eine Kur machen, Frau Schreiber«, sagte er eindringlich.

»Die kann ich nehmen, wenn Thomas in Brasilien ist.«

Resi Schreiber war dreiundfünf-zig. Sie hatte mit sechsundzwanzig Jahren geheiratet, nachdem sie sich als Verkäuferin eine Aussteuer zusammengespart hatte. Bei ihr mußte alles korrekt zugehen. Franz Schreiber war Monteur, ein fleißiger, anständiger Mann, der es zu etwas bringen wollte. Sie verstanden sich gut und waren zufrieden. Ihr Glück war groß, als Thomas geboren wurde. Aber schon zwei Jahre später verunglückte Franz Schreiber auf einer Montage tödlich, und Resi war allein mit dem kleinen Kind. Der Kampf ums Dasein begann. Sie arbeitete wieder als Verkäuferin, als sie den Kleinen in den Kindergarten bringen konnte. Abends ging sie dann noch Büros putzen. Sie nahm jede Arbeit an, die sie noch ausführen konnte, und seit Dr. Norden sie kannte, hatte er nie ein Wort der Klage von ihr gehört. Er freute sich von Herzen, daß Thomas seine Mutter so liebte und bewunderte, denn sie war wirklich bewundernswert.

»Es ist versprochen, Herr Doktor«, sagte Resi Schreiber noch einmal eindringlich, als sie sich verabschiedete.

Tatsächlich kam Thomas Schreiber am nächsten Tag. Er war ein gutaussehender junger Mann, kräftig, sehr natürlich, jedoch auch selbstbewußt.

Daniel Norden war gut vorbereitet und bemühte sich, einen leichten Ton anzuschlagen.

»Nett, daß Sie noch mal hereinschauen, Thomas. Wann starten Sie?«

Er tat so, als hätte er nicht mit Frau Schreiber darüber gesprochen. Thomas sah ihn forschend an.

»War Mutti nicht erst bei Ihnen?« fragte er.

»Sie hat sich neulich ein Rezept geholt, aber es war soviel zu tun, daß wir uns nicht unterhalten konnten.«

»Ich bin besorgt, weil sie ziemlich viel abgenommen hat. Sie sagt ja nicht, wenn ihr was fehlt, aber ich werde längere Zeit weg sein und mache mir Gedanken.«

»Wir kennen uns doch lange genug, Thomas. Ich werde mich um Ihre Mutter kümmern, darauf können Sie sich verlassen.«

»Ich bin ja auch sehr froh, daß wir damals zu Ihnen gekommen sind. Ich weiß es noch ganz genau. Grad dreizehn Jahre war ich, als der Blinddarm mich zwickte und ich es nicht wahrhaben wollte, weil gerade Sportfest war. Sie haben mich Ruckzuck in die Klinik gebracht. Ich hatte eine rechte Wut auf Sie, aber hinterher waren wir froh, daß alles gutgegangen ist.«

»Schlimm genug war es, Thomas, und Ihre Mutti habe ich so verzweifelt nie mehr gesehen.«

»Ich weiß, was ich ihr bedeute, und Sie wissen, wie ich Mutti liebe. Ihr habe ich alles zu verdanken, was ich werden konnte, das werde ich nie vergessen.«

Da hätte Daniel Norden fast alle Vorsätze vergessen und ihm doch die Wahrheit gesagt, aber es wäre nicht recht gewesen dieser tapferen Frau gegenüber. Sie würde sich bis zum letzten Atemzug Vorwürfe machen, daß sie Thomas eine große Chance verdorben hätte.

»Wie lange werden Sie bleiben?« fragte er den jungen Mann.

Vorerst sechs Wochen. Aber wenn ich länger bleiben muß, hole ich Mutti nach. Ich verdiene so gut, daß sie es dort auch guthaben wird. Können Sie verstehen, was es für mich bedeutet, daß sie sich nun nicht mehr so abrackern muß?«

»Sie haben sich doch schon lange bemüht, es ihr leichterzumachen«, sagte Dr. Norden. »Für Ihre Mutter ist es das schönste Geschenk, daß Sie es zu etwas gebracht haben, Thomas.«

»Ich möchte es ihr noch lange danken können. Aber es beruhigt mich, daß sie bei Ihnen in den besten Händen ist.«

Es war Daniel Norden und auch Wendy wehmütig ums Herz, als er ging.

»Ich mußte schweigen, ich habe es Frau Schreiber versprochen«, sagte er leise.

»Er könnte ihr doch auch nicht helfen, und dann wäre es für sie noch schlimmer. Sie ist eine bewundernswerte Mutter.«

»Zum Glück weiß er das. Vielen Müttern wird es leider nicht gedankt, was sie für ihre Kinder tun.«

*

Thomas brachte seiner Mutter Blumen und ihre Lieblingspralinen mit.

»Gleich so viele«, sagte sie gerührt.

»Du darfst ruhig ein bißchen zunehmen, Mutti, und versprich mir, daß du endlich Ruhe gibst und dich schonst. Du solltest auch mal eine richtige Kur machen. Versprichst du mir, daß du mit Dr. Norden mal darüber redest?«

»Ich habe es hier doch jetzt auch schön. Eine Gartenwohnung habe ich mir immer gewünscht, und du hast mir auch diesen Wunsch erfüllt.«

»Es ist noch viel zuwenig im Gegensatz zu dem, was du für mich getan hast. Du bist die allerbeste, liebste Mutter.«

Sie konnte nur mühsam die Tränen zurückhalten, die sich ihr in die Augen drängten. Es konnte ein Abschied für immer sein, aber Thomas durfte das nicht wissen.

Sie hatte ihm seine Lieblingsspeisen zubereitet, und sie hatte ihm Marmorkuchen gebacken, den er mitnehmen konnte. Er war nie anspruchsvoll gewesen, auch jetzt nicht, da er gut verdiente. Er hatte nie etwas für sich gewollt, was er nicht mit ihr teilte, aber sie hätte für ihn auf alles verzichtet. Jetzt war sie nur darauf bedacht, daß ihm der Abschied nicht zu schwer wurde.

»Verbring mal ein paar Wochen auf der Insel der Hoffnung, Mutti«, sagte er liebevoll. »Ich habe schon mal mit Dr. Norden darüber gesprochen. Es wird dir bestimmt gefallen.«

»Wenn dort nicht so viel Betrieb ist, werde ich hinfahren«, versprach sie. Sie hätte alles versprochen, damit er nur nicht merken sollte, wie es ihr ums Herz war.

Aber dann, als sie allein war, raffte sie sich auf. Sie wollte nicht verzagen, nicht den Kopf in den Sand stecken. Sie wollte nicht aufgeben, weil sie ihren Jungen wiedersehen wollte als einen erfolgreichen Mann. Sie war plötzlich fest entschlossen, jede Therapie zu machen, die ihrer Krankheit Einhalt gebieten konnte.

*

Als sie am nächsten Tag in die Praxis kam, staunte Wendy, daß sie nicht deprimiert den Kopf hängen ließ.

Dr. Norden wurde es unbehaglich, als sie ganz direkt fragte, wieviel Zeit er ihr noch geben würde.

»Ich bin doch nicht der liebe Gott, liebe Frau Schreiber«, sagte er leicht irritiert. »Ich bin nicht für solche Prognosen. Es kann durchaus möglich sein, daß die Krankheit zum Stillstand kommt. Wir haben es schon erlebt, daß ruhige Wochen oder Monate eintraten.«

Er sagte es eigentlich gegen seine innere Überzeugung, aber als sie so zuversichtlich lächelte, hatte er plötzlich das Gefühl, daß sie alle Kräfte mobilisieren würde, und nicht, wie er gefürchtet hatte, durch die Trennung von ihrem Sohn in Resignation zu verfallen.

»Thomas hat gesagt, daß ich mich auf der Insel der Hoffnung erholen solle, aber ich denke, daß das doch zu teuer würde. Aber vielleicht könnten sie dort eine Hilfe brauchen. Untätig kann ich sowieso nicht sein.«

Es kam für ihn ein bißchen überraschend, aber aus seiner Sicht konnte Beschäftigungstherapie auch nicht schaden. Die wurde auf der Insel angewandt, wenn immer es möglich war.

»Das ist eine gute Entscheidung, Frau Schreiber«, sagte er. »Nur nicht verzagen. Ich werde das arrangieren.«

»Sie sind so hilfsbereit,Herr Doktor. Vergelt’s Gott, kann ich da nur sagen, ich kann es ja gar nicht so, wie es sein müßte.«

»Es müßte gar nicht sein, Frau Schreiber. Sie sind eine so liebe Patientin und haben es sich wahrlich verdient, daß Sie es noch ein bißchen besser haben. Es freut mich sehr, daß Sie zuversichtlich sind.«

»Ich möchte es ja so gern erleben, daß der Bub eine liebe Frau findet, damit ich weiß, daß er nicht allein ist. Er ist ein so guter Sohn, aber das wissen Sie ja, Herr Doktor.«

»Ja, er ist ein guter Sohn, Frau Schreiber. Und mich würde es sehr freuen, wenn Ihre Wünsche für ihn sich erfüllen und Sie es noch erleben können.«

Und vielleicht schafft sie es, dachte er. Sie gibt nicht auf. Sie zeigte wahrlich eine bewundernswerte Haltung.

*

Bei der Familie Baldwin

herrschte mal wieder gespannte Stimmung beim Abendessen. Alfred Baldwin, der Firmenchef, hatte sich über seinen Sohn Robert aufgeregt und ließ sich unwillig über dessen teure Hobbys aus. Robert hatte daraufhin sehr abrupt das Haus verlassen. Ursula Baldwin versuchte, ihren Mann zu beschwichtigen.

»Du mußt ihm auch nicht immer Thomas Schreiber als Vorbild hinstellen«, sagte sie vorwurfsvoll. »Er ist nun mal nicht so klug und zielstrebig, aber man muß ja auch bedenken, aus welchen Verhältnissen Schreiber kommt. Da arbeitet man mit größerem Einsatz, um aus dem Milieu herauszukommen.«

»Er ist aber in jeder Beziehung ein Beispiel für Robert, auch was das Benehmen anbetrifft. Er ist sehr gut erzogen.« Das war ein Hieb gegen seine Frau, die viel zu nachsichtig ihrem Sohn gegenüber war. »Robert ist faul und verschwenderisch. Er ist nicht dumm, er ist nur arbeitsscheu. Ich würde mich glücklich schätzen, wäre er wie Thomas Schreiber.«

»Na, wir werden ja sehen, wie er sich in Brasilien zurechtfindet«, sagte Ursula spitz. »Mir erscheint er doch noch zu jung für eine solche Aufgabe.«

»Er macht das mit links«, warf jetzt Annabel ein, die einundzwanzigjährige Tochter, die sich bisher nicht an der Diskussion beteiligt hatte.

»Wie willst du das beurteilen?« fragte Ursula spöttisch.

»Ich arbeite ja schließlich in der Firma und halte die Augen offen. Was unseren lieben Bobby anbetrifft, würde ich ihn mal kürzerhalten. Er ist alt genug, um sich das zu verdienen, was er unbedingt zum Leben braucht.«

»Er studiert«, sagte Ursula gereizt.

Annabel lachte auf. »Was studiert er denn? Leichte Mädchen und Nachtclubs, Spielautomaten und Pferderennen. Er ist fünfundzwanzig und hat noch nicht ein Examen gemacht. Ich mag mich nicht aufregen, aber mit deiner Affenliebe richtest du nur noch mehr Schaden bei ihm an, Mama.«

Es war das erste Mal, daß sie so deutliche Worte sagte und ihre Eltern sahen sie sprachlos an.

»Übertreib nicht so schamlos«, erregte sich Ursula.

»Was ich gesagt habe ist höchstens untertrieben, aber du hast ja keine Ahnung, wo er die Nächte verbringt.«

»Und woher willst du das wissen?«

»Ich erfahre es. Man redet nämlich darüber, besonders die, bei denen er Schulden hat. Es muß mal gesagt werden. Papa hat völlig recht, wenn er andere Seiten aufzieht.«

Eigentlich hatte sie nicht gewollt, daß der Abend nun restlos verdorben war, denn ihr Vater tat ihr leid. Er arbeitete zuviel, und es mußte ihn kränken, daß sein Sohn, der doch einmal der Nachfolger sein sollte, so gar nichts tat, um dem Namen Ehre zu machen.

Ursula war aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen, An-nabel keines Blickes mehr würdigend.

»Das war deutlich, Annabel«, sagte Alfred Baldwin rauh.

»Ich kann es nicht immer schlucken, wenn Mama ihr Bübchen verteidigt«, sagte Annabel. »Aber denk bloß nicht, daß ich eifersüchtig auf ihn bin. Ich kann das Getue nur nicht ausstehen.«

Seine Tochter war sein ganzer Halt. Er hätte ihr so gern gezeigt, wie stolz er auf sie war, aber sie mochte das nicht. Sie war eher verschlossen als mitteilsam. Deshalb erstaunte ihn ihr Ausbruch doppelt. Er war im Grunde auch ein beherrschter Mann, aber Robert brachte ihn mehr und mehr auf die Palme mit seinem Leichtsinn und seiner Unzuverlässigkeit. Aber Annabel hatte ja wirklich recht, Robert wurde von seiner Mutter viel zu sehr verhätschelt.

»Es ist gut, daß du Thomas Schreiber auch verteidigt hast, Annabel«, sagte Alfred Baldwin, nachdem er einen kräftigen Schluck getrunken hatte.