Ich will nur spielen - Marc Stroot - E-Book

Ich will nur spielen E-Book

Marc Stroot

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Beschreibung

Der alleinerziehende Kriminalkommissar Maik Michalski sieht sich nach seiner Versetzung von Berlin in die Kleinstadt mit einer rätselhaften Mordserie konfrontiert. Im Stadtpark wird die Leiche einer jungen Frau gefunden: Der Toten fehlen die Augäpfel und in den gefalteten Händen hält sie einen Würfel. Es folgen weitere Frauenleichen, die auf ähnliche Weise zugerichtet wurden. Michalski und sein Partner geraten immer mehr unter Druck, denn der Täter treibt sein tödliches Spiel weiter  – und hat sein nächstes Opfer bereits auserwählt.

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Seitenzahl: 526

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Kurzbeschreibung: Der alleinerziehende Kriminalkommissar Maik Michalski sieht sich nach seiner Versetzung von Berlin in die Kleinstadt mit einer rätselhaften Mordserie konfrontiert. Im Stadtpark wird die Leiche einer jungen Frau gefunden: Der Toten fehlen die Augäpfel und in den gefalteten Händen hält sie einen Würfel. Es folgen weitere Frauenleichen, die auf ähnliche Weise zugerichtet wurden. Michalski und sein Partner geraten immer mehr unter Druck, denn der Täter treibt sein tödliches Spiel weiter  – und hat sein nächstes Opfer bereits auserwählt.

Marc Stroot

Ich will nur spielen

Thriller

Edel Elements

Edel Elements

- ein Verlag der Edel Verlagsgruppe GmbH

© 2022 Edel Verlagsgruppe GmbHNeumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Copyright © 2022 by Marc Stroot

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Agentur Ashera.

Covergestaltung: Alexa Kim, www.akbuchcover.de

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-96215-459-2

www.instagram.com

www.facebook.com

www.edelelements.de

 

 

 

 

Für dich, Mama,

denn du hast mir die Welt zum Lesen eröffnet.

 

 

 

 

„Ihr habt ja nie gesehen“, sagte er, „nicht gesehen, was ich tat, nicht, was ich litt, niemals gesehen, wer vor mir steht, so schaut auch weiter in die Nacht“

Zitat aus KÖNIG ÖDIPUS, Sophokles

PROLOG

So riecht der Tod, dachte sie sich, als sie langsam wieder zu sich kam. Ihr dröhnte der Kopf. Ein leichtes Gefühl von Kopfschmerz und Trunkenheit ummantelte sie. Um sie herum war es schummrig düster. Fast schwarz. Ihre Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit. Nur ein wenig Licht war auszumachen. Doch es war ihr nicht klar, wo dessen Quelle herrührte. Es war erdrückend und beklemmend in dieser Schwärze zu sein. Vollkommen orientierungslos blickte sie um sich. Aber sie erkannte diesen Ort nicht. Das jagte ihr Angst ein. Nicht zu wissen, wo man war. Was passiert war. Nur lose Erinnerungsfetzen drangen langsam an die Oberfläche und versuchten im Nebel der Unwissenheit einen Weg zu ihr zu finden. Wie in einem Sarg eingesperrt, kam sie sich vor. Eingezwängt auf engstem Raum und ohne die Möglichkeit, sich zu bewegen, in dieser Dunkelheit. Viel schlimmer als diese Finsternis empfand sie den Geruch. Ja, dieser widerliche, modrige und sich in der Nase festsetzende Geruch von Tod. Metallisch, schwer und feucht lag er in der Luft. Penetrant setzte er sich fest. Sie war sich sicher, dass er auch nicht so schnell wieder verschwinden würde.

Ihre Kleidung war klamm und klebte förmlich auf ihrer Haut. Sie trug immer noch das gleiche Outfit. Die Bluse und den Rock hatte sie zur Arbeit angezogen und sich nach Feierabend nur kurz frisch gemacht, ehe sie in den Biergarten hatte gehen wollen. Den Abend ausklingen lassen bei einem schönen kalten Bier nach einem langen Tag im Büro. Den Gesprächen der anderen Gäste lauschen und runterkommen. Die Abendluft einsaugen. Jetzt roch sie stattdessen ihren eigenen Schweiß. Muffig und streng. Schon leicht säuerlich, sodass es einem eigentlich das Würgen abverlangte.

Der Boden war kalt und hart. Beton oder Lehm, das konnte sie nicht feststellen. Ihr war extrem kühl. Sie konnte außer dem nichts mehr fühlen. So kalt war ihr in diesem … in diesem Raum? Wo genau befand sie sich? Einen Sarg schloss sie mittlerweile aus, denn sie saß. Sie saß, unfähig sich zu bewegen, auf einem Stuhl. Ihre Füße berührten den Untergrund. Barfuß und eiskalt. Ihre Arme waren an die Rückenlehne des Stuhles gefesselt. Auch die Beine waren nicht in der Lage, sich frei zu bewegen, da auch diese festgebunden waren. Kabelbinder oder Schnur. So wirklich konnte sie es nicht sagen. Alle Körperteile schienen vor Kälte taub und steif geworden zu sein. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an das Schwarz um sie herum. Schemenhaft versuchte sie, ihre Umgebung genauer wahrzunehmen. Sie kniff konzentriert die Augen zusammen, in der Hoffnung, so mehr zu erkennen. Geradeaus vor ihr meinte sie, eine Tür ausmachen zu können. Vielleicht war es auch nur die Tür eines Schrankes. Bei genauerem Hinsehen konnte man jedoch feststellen, dass es eine Tür sein musste, da unter ihrem Spalt etwas Licht hindurchsickerte. Sie selbst saß an einem Tisch, auf dessen Fläche nichts zu liegen schien. Die anderen Wände waren zu weit weg, um weitere Details erahnen zu können. Das Ganze wirkte sehr bedrohlich und schüchterte sie ein. Es war wie der Fall in ein schwarzes Loch, der nicht enden wollte. Doch da war dieser Türspalt, der ihr klarmachte, dass sie nicht fiel, sondern tatsächlich saß.

Bei einem war sie sich sicher. Es roch nach Tod. Sie erinnerte sich an ein von Maden zerfressenes Rehkitz, das sie einmal beim Joggen im Wald gefunden hatte. Es hatte ebenso abscheulich gerochen wie dieser Raum hier. Außerdem roch sie Fäkalien. Wo war sie hier nur gelandet? Ein Bunker? Das Letzte, woran sie sich erinnern konnte, war, dass sie sich nach der Arbeit auf den Weg nach Hause gemacht hatte. Es war schon spät geworden, denn sie hatte noch einiges an Papierkram zu erledigen gehabt, weshalb sie die ganze Woche schon Überstunden geschoben hatte. Die Unterlagen für einen der wichtigsten Kunden mussten fertig werden, hatte Tom, ihr Chef, zu ihr gesagt. Ansonsten könne sie sich ziemlich sicher sein, dass sich der Kunde eine andere Firma für den Auftrag suchen würde. Deswegen war sie die letzten Tage sehr spät nach Hause gegangen. Beim Verlassen der Firma hatte sie sich wie immer Musik in die Ohren getan und ging zu Fuß los. Das machte sie immer so. Es tat gut, wenn man den lieben langen Tag nur gesessen hatte. Sie verfiel weiter in Gedanken auf der Suche nach den vergangenen Ereignissen. Jetzt im Spätsommer, Anfang September, war es noch lauwarm und leichter Wind war auf der Haut zu spüren. Wie auf Autopiloten geschaltet, ging sie ihren gewohnten Heimweg. Sie wollte sich noch kurz frisch machen und dann auf ein, zwei Bierchen in den schnuckeligen Biergarten unweit ihrer Wohnung. In gewohnter Weise nahm sie den Weg durch den Park. Um diese Zeit war dort niemand mehr. Zumindest meinte sie das.

Angespannt saß sie auf dem Stuhl. Was war passiert, fragte sie sich erneut. Ihre Atmung wurde schneller, die Atemzüge kürzer. Panik wallte in ihr auf und Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie hatte keine Ahnung, was los war. Diese Unwissenheit machte sie wahnsinnig. Jagte ihr eine tierische Angst ein. Irgendetwas musste doch vorgefallen sein. Aber außer einer erschreckenden Leere war nichts in ihrer Erinnerung. Absolut nichts. Verzweifelt kniff sie die Augen zusammen und versuchte sich fieberhaft an irgendetwas zu erinnern. Alles, was kam, waren Sekundenbruchteile von Bildern. Sie hatte um halb sieben den PC herunterfahren lassen. Dann nahm sie Mantel und Tasche, Kopfhörer in die Ohren, die Straße überqueren und in den Stadtpark gehen. Vogelgezwitscher und leichter Wind. Und dann … dann … dann war da nichts mehr. Sie war sich nicht sicher. Nur eines war klar: Sie saß jetzt hier. Allein. Gefesselt. Schmutzig. Und sie roch nach Pisse und Schweiß. Angstschweiß. Wo bin ich, schoss es ihr wieder durch den Kopf. Wer hat mir das angetan? Wird man mir etwas antun? Ihr wurde speiübel. Sie zerrte an der Lehne und an den Stuhlbeinen. Wurde immer panischer, fast hysterisch. Was war hier los, fragte sie sich. Ihr wurde schwindelig. Sie war nicht mehr bei sich selbst. Furcht bahnte sich ihren Weg weiter durch alle Teile ihres Körpers und lähmte sie.

„Hilfe!“, schrie sie völlig verzweifelt und schrill. „Ich brauche Hilfe!“

Nichts. Keine Reaktion. Kein Ton. Kein Geräusch war zu hören. Nur ihr hektischer Atem. Auch ihren Herzschlag konnte sie wahrnehmen. Ihr Herz hämmerte wie ein Rammbock gegen ein Tor und drohte ihren Brustkorb zu sprengen. Sie schloss die Augen und versuchte ruhiger zu atmen. Sich zu konzentrieren. Nichts. Rein gar nichts war zu hören.

So verharrte sie eine gefühlte Ewigkeit weiter und lauschte der Stille, die um sie herumschlich und sie packen wollte. Panik ergriff immer wieder Besitz von ihr. Sie wimmerte, Rotz lief ihr aus der Nase und Tränen brannten auf ihren Wangen. Plötzlich war ein Schlurfen oder etwas Ähnliches zu hören. Es schien sich auf sie zuzubewegen. Ein rhythmisches Schleifen von Schuhen über dem Untergrund war auszumachen. Es wurde immer stärker und härter und kam Stück für Stück näher. War das ihr Entführer? In ihrem Magen drehte sich alles um. Oder konnte das Hilfe sein? War da jemand, der sie aus dieser Situation herausholte? Sie verspürte Hoffnung. Zuversicht keimte in ihr auf.

„So hilf mir doch jemand! Hallo?!“ Sie schrie so laut sie konnte und hoffte inständig, dass sie Gehör fand. Leise bettelte sie vor sich hin und weinte. In dem Moment, in dem sie schon alle Hoffnung aufzugeben bereit war, vernahm sie ein Klappern. Das Klirren eines Schlüsselbundes. Es klackte, als der Schlüssel in das Türschloss gesteckt und gedreht wurde. Die Tür, die sie zuvor nur schemenhaft wahrgenommen hatte, öffnete sich und herein trat eine hochgewachsene Gestalt. Ein Mann. Ja, es war ein Mann. Da war sie sich sicher. Der Mann war recht schlank und schmal gebaut. Von der Statur her nichts, wovor man Angst haben müsste. Doch sie war wie gelähmt. Er schüchterte sie extrem ein. Statt in sein Gesicht sehen zu können, sah sie in eine Fratze. Nein, eine Maske. Es war die Maske eines Jokers, wie man ihn von Kartenspielen kannte. Sogar eine Narrenmütze trug die Pappschablone. In der Hand hielt der Mann eine Laterne oder Öllampe, die das Dunkel ein wenig erhellte. Das warme Licht erfüllte den Raum. Machte ihn wohliger, was angesichts des Gestankes eigentlich kaum möglich schien. Ihre Augen schmerzten kurz aufgrund der unerwarteten Helligkeit. Der Mann schloss behutsam die Tür, wobei diese klagend quietschte.

Er kam näher. Sie hörte seine tiefen Atemzüge. Mit wenigen großen Schritten war er bei ihr, riss den zweiten Stuhl vom Tisch, der sich ihr gegenüber befand, ließ sich auf ihn fallen und starrte sie, ohne etwas zu sagen, ununterbrochen durch die Maske an. Auch sie stierte ihn nur aus großen, von Angst getränkten Augen an. Ihr Mund war trocken, doch nach einigen vergeblichen Versuchen schaffte sie es, ihre Stimme zu finden.

„Was mache ich hier? Was wollen Sie von mir? Ich habe nichts getan! Ich will hier weg!“

Die Fragen und Sätze sprudelten nur so heraus und sie wurde immer lauter und hysterischer beim Anblick dieser Maske. Sie versuchte wieder und wieder, sich von ihren Fesseln zu lösen und schrie aus Leibeskräften wie eine Wahnsinnige, die sich aus ihrer Zwangsjacke befreien wollte. Mit einem lauten Knall schlug der Fremde eine Faust auf den Tisch, sodass dessen Platte erzitterte und sie abrupt schwieg.

„Halt verdammt noch mal dein Maul und hör zu!“, gab er ihr deutlich zu verstehen.

Seine Stimme war ihr unbekannt. Dessen war sie sich sicher, denn deren hoher Klang wäre ihr in Erinnerung geblieben. Der dünne Laut stand in unheimlichem Kontrast zur Härte der Worte. Sie erstarrte und tat, was er von ihr wollte.

Der Mann atmete tief ein und langsam wieder aus. Beinahe ein Seufzen.

„Hör zu. Du kannst von hier gehen. Aber … ja, es gibt immer ein ABER. Aber du musst mit mir spielen. Einverstanden?“

Sie war irritiert. Spielen? War das sein Ernst? Wieso wollte dieser Irre jetzt spielen? Das ergab doch alles keinen Sinn. Musste er sie dafür zwangsläufig fesseln und sie in diesen furchteinflößenden, dunklen Raum sperren? Gleichwohl, was seine Motivation war, wollte sie die Chance ergreifen und hier raus.

„Alles. Ich spiele alles mit dir. Nur lass mich bitte, bitte gehen.“ Ihre Stimme brach dabei. Hoffnung keimte auf.

Er atmete wieder tief ein und aus. Dabei lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und griff in die Hosentasche, um etwas zu suchen. Sie blickte mit riesigen Augen auf sein Handeln und spürte, wie wieder Panik in ihr aufstieg, da sie Schlimmes befürchtete.

Der Mann schien gefunden zu haben, was er suchte, und ließ einen Würfel auf den Tisch rollen. Flüchtig schaute sie hin. Ein schlichter weißer Würfel mit schwarzen Zahlen. Nichts weiter. So schnell sie den Gegenstand in Augenschein nahm, so schnell waren ihre Augen wieder bei dem Mann.

„Die Regeln sind einfach. Gewinne und du kannst gehen, verliere gegen mich und … na ja … das siehst du dann.“ Er sprach ruhig und besonnen weiter. „Gewinne zwei von drei Runden, indem deine Zahl größer ist als meine.“

Die Fratze starrte sie weiter unentwegt an und schien auf eine Reaktion zu warten. Es war zum Verzweifeln, nicht zu wissen, wie dieser Typ unter seiner Maske aussah und welche Reaktionen sein Gesicht auf ihr Verhalten zeigte. Wollte er sie nur täuschen und sich einen Spaß daraus machen? Oder war es ihm ernst? Er schien tatsächlich das zu meinen, was er gesagt hatte, denn er erhob sich prompt und löste die Fesseln ihrer Hände, deren Gelenke nun höllisch brannten, als das Blut wieder normal durch ihre Adern schoss.

Sie zögerte. Doch dann nahm sie mit zittriger, schwitziger Hand den Würfel auf. Ihr Herz raste. Es schien förmlich in ihrer Brust explodieren zu wollen. Eine hohe Zahl. Sie sendete Stoßgebete nach oben, in der verzweifelten Hoffnung, diesem Grauen entkommen zu können. Sie öffnete ihre Hand und der Quader verließ sie. Der Würfel fiel. Er sprang mehrmals auf, bis er liegen blieb.

„Nicht schlecht. Eine Sechs“, sagte der Maskierte. Er nahm den Würfel ebenfalls in die Hand und warf eine Zwei.

Aus welchem Grund auch immer, sinnlose Hoffnung oder irrer Hoffnungsfunke, aber sie lächelte und Freude durchzog sie. Voller Elan nahm sie den Würfel erneut an sich, doch er entglitt ihr aus ihrer feuchten Hand und landete. Eine Eins. Eine EINS! Das darf nicht sein, dachte sie bitter.

„Du machst es spannend“, kiekste der Mann und sie konnte förmlich sein Grinsen hinter der Maske spüren. Sein Wurf gab eine Zwei preis.

„Es steht unentschieden. Runde drei wird zeigen, wie es für dich weitergeht. Und? Nervös? Ich ja schon ein bisschen. Es macht Spaß, mit dir zu spielen. Es kribbelt überall.“

Er klang begeistert und voller Vorfreude. Sie dagegen war traurig, ängstlich und panisch zugleich. Sie schloss die Augen, atmete lange ein und aus und öffnete sie wieder. Ein letzter Wurf soll jetzt über sie entscheiden. Es ist noch nichts verloren, ging es ihr durch den Kopf. So motivierte sie sich selbst, nicht aufzugeben. Vor ihr lag der Ausweg auf dem Tisch. Sie war kaum imstande, sich auf den Gegenstand zu konzentrieren. Sie nahm den Würfel. Wie in Zeitlupe vergingen ihre Bewegungen. Sie schüttelte ihn in ihren Händen und wünschte sich alles Glück der Welt. Dabei küsste sie ihre den Würfel umschließenden Hände und tat so, als würde sie spucken. Der Geruch von Tod, Schweiß, Schmutz und Angst begleitete sie dabei. Der Würfel verließ ihre Hände, hüpfte fröhlich über den Tisch. Jeder Sprung donnerte wie Steinbrocken eines Erdrutsches in ihren Ohren. Er schlug Saltos und kam nach einer gefühlten Ewigkeit zum Liegen, um das Ergebnis und ihr Schicksal preiszugeben.

Kapitel 1

Montag

„Papi, du musst aufstehen! Es ist schon richtig hell und wir müssen doch los.“

Völlig benommen und noch im Halbschlaf öffnete Maik seine blauen Augen und blickte einem kleinen Engel ins Gesicht. Lilly. Seine fünfjährige Tochter schien sich selbst etwas angezogen zu haben, denn anders konnte er sich die irrwitzige Kombination aus Strumpfhose, Bluse und Wintermantel nicht erklären, in der sie bei ihm aufs Bett gekrabbelt war und ihm nach wie vor durch die Haare wuschelte. Sie lächelte übers ganze Gesicht und schien außer sich vor Freude und Spannung. Er hingegen fühlte sich wie nach einer durchzechten Nacht mit anschließendem Kater.

Die letzte Nacht war wie die Nächte zuvor von Albträumen geprägt. Nein. Nicht Träumen, sondern nur einem Traum. Dieser suchte ihn nun schon seit über einem Jahr heim und ließ ihm keine Ruhe. Immer wieder fragte er sich, was er hätte besser machen können, um die Katastrophe abzuwenden. Doch es wollte sich keine Lösung finden. Seine Frau war tot. Daran konnte nichts und niemand mehr etwas ändern.

Sonja fehlte ihm sehr. Ihr Tod warf alles aus der Bahn. Nicht nur ihn. Die ganze Familie schien zu diesem Zeitpunkt förmlich zu zerbrechen. Der Kontakt zu seinen Schwiegereltern existierte zwar, allerdings hatte er stets das Gefühl, dass sie ihm die Schuld an Sonjas Tod gaben. Der 35-jährige Maik bemühte sich darum, dass alles seinen gewohnten Gang weitergehen konnte. Die Trauer und der Schmerz waren aber erbitterte Gegner, die sich ihm unaufhörlich in den Weg stellten. Umso mehr bewunderte er seine Kleine, die all das Vergangene besser wegzustecken schien als er und die anderen. Oder redete er sich dieses Mantra immer wieder ein, damit er nicht noch mehr Gewissensbisse seiner Tochter gegenüber haben musste? Nicht nur, dass sie ihre Mutter verloren hatte. Nein. Maik hatte es nicht mehr in Berlin ausgehalten und Lilly auch noch ihre Freunde und ihre Großeltern entrissen. Eigentlich alles, was sie liebte. Seit sechs Monaten lebten sie in einer Doppelhaushälfte in Werder, einem idyllischen kleinen Städtchen im Brandenburger Raum. Er fühlte sich grausam.

„Guten Morgen, Schatz“, antwortete Maik noch immer etwas verschlafen und rieb sich die Augen, um sich an das Tageslicht zu gewöhnen, das durch die nicht zugezogenen Fenstervorhänge fiel und seine Nase kitzeln ließ. Mit Daumen und Zeigefinger massierte er sie, um das Kribbeln zu stoppen. Dann richtete er sich etwas auf und lehnte sitzend gegen das Kopfende des Bettes.

„Du bist aber schon früh auf den Beinen und hast dich ja richtig herausgeputzt“, witzelte er und knuffte Lilly in die Schulter. „Gib mir ein paar Minuten, um mich frisch zu machen, ja? Danach starten wir und fahren los.“ Die Kleine lächelte ihn an und ihre Freude ließ ihre Augen strahlen. Sie sprang vom Bett und rannte trällernd in eines der Nebenzimmer.

Fast hätte er es vergessen. Heute fand der Geburtstag von diesem Mädchen – wie hieß sie noch gleich – Mia, statt. Sie war in derselben Kindergartengruppe wie Lilly. Maik kannte sie nicht sonderlich gut, aber er wusste, dass seine Tochter völlig vernarrt in Mia war und diese ebenso in sie. Sie waren der kurzen Zeit, die sie hier wohnten, bereits beste Freundinnen geworden, was ihn glücklich machte, denn so hatte er nicht das Gefühl, dass sein Mädchen allein oder einsam war. Außerdem stand somit außer Frage, dass ein perfektes Geschenk hermusste. Da war sich Maik sicher. Und er hatte auch eine leise Ahnung, dass Lilly dies ähnlich sehen würde und sich garantiert eine ellenlange Liste zurechtgelegt hatte, was sie Mia schenken könnte. So war sie nun einmal. Immer positiv, motiviert und voller Tatendrang. Er selbst hatte allerdings keinen Schimmer, was man diesem Kind schenken sollte. Bei Lilly hatte er keine Probleme. Ein Stofftier oder ein neues Kleidchen ließen seine Tochter immer freudestrahlend in die Luft springen. Lilly brauchte nicht viel, um zufrieden zu sein. Maik empfand das als gute Eigenschaft für jetzt und auch später im Leben.

Um den Kopf und seine Gedanken besser sortieren zu können, sprang Maik unter die Dusche und stellte das Wasser recht kalt ein. Es war anfangs zwar ein kleiner Schock, doch die Frische tat enorm gut und half ihm, wach zu werden. Das abperlende Wasser spülte die Sorgen der Nacht einfach fort. Das Rasieren sparte er sich heute und trocknete sich schnell ab, um danach fix in seine Klamotten zu steigen. Er entschied sich für eine normale Jeans und einen beigefarbenen Sweater. Maik war der sportlichere Typ Mann, der darauf achtete, dass er fit blieb. Regelmäßiges Joggen und Trainieren im Gym halfen dabei. Doch heute fiel sowohl das eine als auch das andere ins Wasser und so warf er sich sein Outfit über. Das musste für den heutigen Tag reichen. Immerhin hatte er heute dienstfrei und konnte sich so richtig um Lilly kümmern, die in letzter Zeit wegen seiner Überstunden und der vielen Arbeit auf der Wache zu kurz kam. Noch so eine Sache, die er in Zukunft dringend ändern musste. Sowohl für Lilly als auch für sich selbst.

Im Kindergarten hatte er extra Bescheid gegeben, dass seine Tochter heute nicht kommen würde, damit sie zusammen einen Tag verbringen konnten.

„Wann bist du denn endlich fertig, Papa? Das dauert ja ewig“, quengelte Lilly hörbar aus dem Hausflur. Maik putzte sich noch schnell die Zähne und gelte sein braunes kurzes Haar nach dem Föhnen wuschelig nach oben. Dann lief er seiner Tochter entgegen. „Da bin ich ja schon. Du scheinst es eilig zu haben. Kann das sein? Sicher hast du schon eine Idee, was du Mia schenken möchtest.“

Lilly klatschte fröhlich in die Hände und hüpfte auf und ab. Anscheinend lag er mit seiner Vermutung goldrichtig. Sie kicherte in ihre Fäustchen und nickte wild begeistert.

„Ein Stofftier mit ganz großen Glubschaugen oder dieses Spiel aus dem Kindergarten. Da hat man solche Schnecken, die ein Wettrennen machen, das spielen wir ganz oft und das mag Mia sehr“, gab sie überschwänglich von sich und überschlug sich förmlich in ihrer Euphorie.

„Alles klar. Dann habe ich eine ungefähre Idee, wo wir eines der beiden Dinge am besten besorgen können. Aber bevor wir losfahren, wäre es super und auch besser, wenn du dir zumindest noch einen Rock über die Strumpfhose ziehst. Nicht, dass alle denken, wir waschen zu selten“, sagte Maik zu ihr und zwinkerte ihr zu.

Sie tat, wie ihr angeraten wurde, und flitzte in ihr Zimmer. Aus der Nähe konnte er hören, wie sie einzelne Schubladen auf- und zuschlug. Binnen weniger Sekunden war sie zurück. Tatsächlich hatte sich Lilly einen passenden Rock zu den restlichen Kleidungsstücken gesucht. Sie ergriff seine linke Hand und zerrte ihn zur Eingangstür, damit sie endlich losfahren konnten. In ihrer anderen Hand hielt sie Muffin, ihren Stoffhund, der sie überall hin begleiten musste. Er war das erste Stofftier, das Maik und Sonja ihrer gemeinsamen Tochter zur Geburt besorgt hatten.

Als Maik gerade die Haustür ihrer Doppelhaushälfte abschließen wollte, nahm er rechts eine Bewegung wahr und wandte sich dieser direkt zu.

„Einen schönen guten Morgen, Frau Meier. Wie geht´s Ihnen denn heute?“

Frau Meier, die Nachbarin von Maik und Lilly, lächelte und winkte Lilly zu, bevor sie ihm antwortete. „Ihnen auch einen schönen guten Tag, Herr Michalski. Gut geht es mir. Ich hoffe, euch ebenso?“

„Frau Meier, Sie sollen mich doch Maik nennen. Uns geht es soweit auch gut, danke.“

„Ok, Maik. Ihr seid auf dem Sprung, wie ich sehe?“ Frau Meier lächelte die beiden erwartungsvoll an.

„Ja. Papa und ich müssen unbedingt noch in die Stadt und Mia ein Geschenk kaufen“, entgegnete Lilly der älteren Dame.

„Na, dann nichts wie los, damit du Mia zum Strahlen bringen kannst“, sagte die Nachbarin, woraufhin Lilly weiter zum Auto lief. „Ein Goldstück, die Kleine. Nicht wahr?“ Die Augen der älteren Dame glänzten, als sie dem Mädchen hinterher sah und sie sich wieder Maik zuwandte. Sein Blick traf direkt auf ihre von kleinen Fältchen umrahmten graublauen Augen, die ihn, wie immer, gütig anlächelten.

„Wo ich Sie gerade sehe. Es ist mir unangenehm, aber wäre es möglich, dass …“, setzte Maik an und wurde prompt von der Nachbarin abgewürgt.

„Wann soll ich die Kleine nehmen?“, fragte die alte Frau und öffnete ihren Briefkasten, aus dem sie ein paar Briefe und Käseblättchen holte.

„Ich danke Ihnen. Nicht nur Lilly ist ein Goldstück, sondern auch Sie. Ich müsste morgen wieder etwas länger arbeiten. Daher wäre es super, wenn Sie Lilly morgen um 14 Uhr vom Kindergarten abholen könnten. Essen und alles andere bereite ich nachher noch vor. So haben Sie keine Arbeit.“

„Kein Problem. Mach dir keine Gedanken, Maik. Ihr habt es schwer genug. Und ich habe mehr als genügend Zeit“, entgegnete Frau Meier beschwichtigend.

„Danke.“ Maik machte eine kleine Pause, bevor er weitersprach. „Gut, dann wollen wir mal das Geschenk besorgen und anschließend geht es noch in den Tierpark. Davon weiß Lilly noch nichts. Vielen Dank noch einmal, dass Sie so kurzerhand einspringen. Bis morgen!“, schloss Maik das Gespräch, lächelte kurz und winkte der alten Dame noch einmal zum Abschied zu. Danach eilte er ebenfalls zum Auto. Frau Meier stand mit ihrer Post unter dem Arm auf der Treppe zu ihrer Haushälfte und winkte den beiden hinterher.

Während der Autofahrt dachte Maik noch einmal über einige Dinge nach. Es war wirklich ein Glück, dass sie Frau Meier als Nachbarin hatten. Die pensionierte Grundschullehrerin lebte seit acht Jahren allein in ihrem Haus, nachdem ihr Mann das Zeitliche gesegnet hatte. So sagte sie es immer. Ihre Ehe blieb kinderlos und sie war völlig einsam, was Maik das Herz brach. Viel Privates wusste er nach sechs Monaten Tür an Tür nicht über seine Nachbarin, außer dass sie ein herzensguter Mensch war, der über alles und jeden in dieser kleinen Stadt Bescheid wusste. Für Lilly war sie wie eine dritte Oma. Seine Tochter verbrachte nur zu gern Zeit mit der Nachbarin. Mal backten sie einen Kuchen, ein anderes Mal malten sie Bilder oder buddelten im Garten. Für ihn selbst war es gut zu wissen, jemanden wie Frau Meier nebenan zu haben.

Als sie in der Innenstadt ankamen, steuerten Maik und Lilly direkt das erste Geschäft für Spielwaren an und fanden sofort das von Lilly heißbegehrte Schneckenspiel, welches sie unbedingt als Geschenk kaufen wollte. All die anderen Regale des Ladens, die bis obenhin voll waren mit Brettspielen, Puppen und allem, was das Kinderherz begehrte, interessierten seine Tochter nicht. Das Geschäft war, wie so häufig, sehr gut besucht. Überall wuselten kleine Kinder umher, auf der Suche nach einem neuen Spielzeug. Natürlich waren nicht alle so friedlich beim Einkaufen, wie seine Kleine. Unweit von ihnen diskutierte eine Mutter mit ihrem Sohn darüber, warum sie ihm nicht das neue Pokémonspiel kaufen werde, woraufhin dieser zu weinen begann und bockig im Gang stehen blieb. Der Frau war das anscheinend ziemlich unangenehm. Sie startete mehrere Anläufe, um ihn zu trösten, zu ermahnen oder es zumindest außer Hörweite der anderen Kunden zu schaffen. Ohne Erfolg. Glücklicherweise blieb Maik solch ein Verhalten bei Lilly erspart. Sie steuerten die Kasse an, um schnell bezahlen zu können. Da er noch kurz mit Lilly in den Tierpark wollte, bevor er sie zur Geburtstagsparty brachte, ließ er das Spiel direkt einpacken.

„Oh, das Spiel ist eine gute Wahl. Du kennst es sicher schon, oder?“, sprach der Kassierer Lilly direkt an, als er das Preisschild des Spiels vor dem Einpacken ablöste. Der Verkäufer und auch gleichzeitig Inhaber der „Spieletruhe“ hieß Römer. Maik schätzte ihn auf Mitte Vierzig.

Schräger Typ.

Maik und Lilly waren öfters im Laden und schon beim ersten Mal fragte das kleine Mädchen den Verkäufer nach seinem Bein, das er schwerfällig hinterher zog. Versteift, war die Erklärung, die er Lilly gegeben hatte.

Doch das sollte nicht Maiks Sorge sein. Er war froh, dass sie so schnell das Schneckenspiel gefunden hatten, sodass sie nun direkt weiterfahren konnten.

Der Besuch im Tierpark stellte sich als voller Erfolg und perfekte Überraschung für Lilly heraus. Es war ein kleiner Park, in dem man überwiegend heimische Tierarten angucken konnte, und sie liebte es, sich all die Tiere anzusehen. Vor allem die Kühe des im Park angelegten Bauernhofes hatten es seiner Tochter angetan. Lilly konnte sich stundenlang an den Zaun setzen und den Kühen und Kälbchen beim Weiden zuschauen.

Als die beiden gerade auf dem Weg Richtung Ausgang waren, klingelte Maiks Handy. Da er nicht im Dienst war, konnte er sich nicht vorstellen, wer denn etwas von ihm wollte und nahm, ohne auf das Display zu gucken, den Anruf an. Lilly, die wieder seine Hand hielt und neben ihm herumhüpfte, schaute zu ihm hoch. Maik seinerseits blickte zu ihr hinab und lächelte ihr mit einem Zwinkern zu. Doch nach einem winzigen Moment wurden seine Gesichtszüge nüchtern.

„Alles klar“, gab er kurz und knapp ins Telefon zurück.

Kapitel 2

Gerade hatte er Lilly noch schnell bei Mia abgesetzt und ihre Mutter gefragt, ob es in Ordnung sei, dass sie etwas früher käme. Er habe soeben noch einen dringenden Anruf erhalten. Sarah, Mias Mutter, winkte ab, als wundere sie sich über diese Frage. „Die Mädchen können doch gar nicht ohneeinander“, entgegnete sie Maik. Erleichtert bedankte er sich bei ihr, drückte Lilly einen Kuss auf die Wange und eilte zum Wagen. Im Rückspiegel konnte er noch sehen, wie Lilly zusammen mit Mia und Sarah zum weißen Gartentor des modernen Einfamilienhauses in beliebter Wohnlage schlenderten. Hinter dem Tor konnte man eine Hüpfburg ausmachen. Sie sah aus wie ein Schloss und passte ideal zum Prinzessinnenthema der Geburtstagsparty. Maik war sich sicher, dass die Mädchen Spaß haben werden. Gleichzeitig plagte ihn sein Gewissen sofort wieder. Kaum hatte er etwas Zeit und wollte diese ganz und gar seiner Tochter widmen, kam wieder ein Anruf dazwischen und machte alles zunichte. In Gedanken bat er Sonja um Verzeihung, dass er es einfach nicht besser hinbekam. Sie war eine Supermutter gewesen. Eine Allrounderin. Trotz ihres Jobs als Anwältin in einer renommierten Kanzlei hatte sie den Spagat zwischen Familie und Arbeit ohne große Anstrengungen geschafft. Spontane Kinderpartys und Ausflüge waren bei ihr keine Seltenheit gewesen. Auch war sie meist im Elternrat gewesen oder hatte freiwillig bei der Organisation von Gartenfesten ausgeholfen. Alle anderen Mütter, so kam es Maik vor, waren vor Neid erblasst, wenn sie mitbekamen, was Sonja alles hatte bewältigen können. Und er? Er selbst schaffte es gerade mal, seiner Tochter einen flüchtigen Tierparkbesuch oder eine Stunde Freizeit im Garten zu ermöglichen. Sein Job verlangte Maik einiges ab und das zum Leidwesen von Lilly. Kurz bremste er den Wagen an einem Stoppschild ab, setzte den rechten Blinker und bog in die nächste Straße. Gleich darauf schaltete er in den nächsten Gang und gab weiter Gas. Konzentriert schaute er auf die Straße und nahm nur am Rande die Bäume der Allee wahr, die von der Sonne in ein warmes Orange getränkt wurden. Für dieses Farbenspiel war sein aufkommender Verdruss zu groß.

Er hätte es sich denken können, als das Handy geklingelt hatte, dass nicht irgendjemand, sondern die Wache anrief. Und das, obwohl heute sein freier Tag war! Es war ja nicht so, dass er zu wenig arbeitete und sich vielleicht jemand anderes mit dieser Sache auseinandersetzen könnte. Doch die Polizeiwache von Werder war chronisch unterbesetzt. Nicht nur auf seinem Schreibtisch türmten sich die Akten wie Wolkenkratzer einer Megametropole, über die er nicht mal im Ansatz Herr werden konnte. Alle rotierten zurzeit. Dazu Krankheitsausfälle und weitere Probleme, die ein reibungsloses Arbeiten erschweren konnten. Und da er aufgrund seiner bisherigen Erfahrungen bei der Polizei in Berlin auf Mord und Todesfälle spezialisiert war, lag es nahe, dass sein Vorgesetzter, Tobias Korn, ihn direkt anrief, bevor er sich darum bemühte, jemand anderes zu kontaktieren.

Somit fuhr Maik direkt zur Dienststelle, statt nach Hause, wo er alle nötigen Vorbereitungen für morgen hatte treffen wollen, um Frau Meier die Arbeit und das Aufpassen zu erleichtern. Das müsste er dann wohl heute zu später Stunde erledigen. Maik gab weiter Vollgas. Korn klang aufgebracht, als er ihn am Telefon hatte. Sein Vorgesetzter war sonst die Ruhe in Person. Genaueres würde er erfahren, sobald er bei Korn im Büro sitzen würde. Dessen war er sich sicher. Von der Septembersonne nahm Maik kaum Notiz. Werder glich zu dieser Jahreszeit einem regelrechten Farbenspiel. Die Kleinstadt war das krasse Gegenteil zu ihrem vorherigen Lebensmittelpunkt.

Sechs Monate war es bereits her, dass er und Lilly nach Sonjas Tod von Berlin weg in die ländlichere Region vor der Hauptstadt gezogen waren. Es war vor allem Maik gewesen, der es nicht mehr in Berlin ausgehalten hatte. Alles hatte ihn schmerzlich an das erinnert, was geschehen war. Er hatte wirklich versucht, normal weiterzumachen. Doch er hatte sich geschlagen geben müssen und nach Alternativen gesucht. Werder, wo er direkt und ohne Probleme eine Stelle als Kriminalkommissar bekommen hatte, war ihm da mehr als gelegen gekommen. Es lag abseits von allem Trubel, war überschaubar und ließ einen die Sorgen weitestgehend vergessen. Sein Vorstellungsgespräch bei Korn hatte damals keine zehn Minuten gedauert. Maik hatte sich, seine bisherige Laufbahn und seine Situation vorgestellt und ohne weitere Nachfragen eine sofortige Zusage erhalten. Er war über den schnellen und reibungslosen Ablauf überrascht gewesen. Keine nervigen Nachfragen. Kein Nachbohren oder irgendwelche Tests. So lief das anscheinend hier auf dem Land. Hätte er gewusst, dass ein überdimensionaler Berg an Arbeit und Überstunden ohne Ende anstehen würden, hätte er es sich vielleicht anders überlegt. Denn diejenige, die unter all dem am meisten zu leiden hatte, war Lilly. Nichtsdestotrotz war Maik zufrieden mit seinem Job. Das Arbeitsklima auf der Werder Wache war gut, jeder kannte jeden und man half sich, wo man konnte. Aber Letzteres war zurzeit eher selten der Fall, da alle überlastet waren. So fuhr er möglichst schnell dorthin, um sich weitere Informationen geben zu lassen. Das Einzige, was Korn ihm mitgeteilt hatte, war, dass man im Stadtpark heute eine Leiche gefunden habe und er doch bitte umgehend zur Dienststelle kommen solle, damit alles Weitere durchgegangen werden konnte. Er fuhr durch die letzten Straßen und steuerte seinen Wagen auf das Gebäude zu. Knackende Äste, die beim letzten Unwetter heruntergekommen waren, knackten unter seinen Reifen. Maik parkte den Wagen an der nächstmöglichen freien Stelle vor der Wache. Architektonisch war sie ein Graus aus den Achtzigern. Große graue Platten säumten die Fassade und grüne Fensterrahmen schmückten das Äußere der Polizeiwache vor Ort. Innen sah es dagegen glücklicherweise besser aus. Was man von außen versäumt hatte zu erneuern, war im Innern umso moderner. Damals, bei seinem ersten Besuch, hatte Maik gedacht, dass er drinnen den alten, verstaubten Geruch solcher Bauten vernehmen würde, in denen man sogar noch früher geraucht hatte. Doch das Gegenteil war teilweise der Fall. Hier und da klare weiße Räume, moderne Inneneinrichtung. Und keine Spur von nikotinverklebten Wänden. Zumindest bei einem Teil der vorderen Räume. Der hintere Teil, auch sein eigenes Büro benötigten noch einen neuen Anstrich und Umbau. Um in die Räumlichkeiten der Werder Polizeiwache zu gelangen, musste man die Stufen einer großen Treppe nehmen.

Kaum hatte Maik einen Fuß ins Innere der Wache gesetzt, eilte Renate, die Sekretärin, tippelnd auf ihn zu.

„Grauenhaft sach ik dir. Armes Ding. Die Leute sind außer sich. Dat Telefon steht gar nit mehr still. Ik komm hier zu nüscht. Weste schon mehr?“, quasselte sie ohne Punkt und Komma in ihrem berlinerischen Akzent auf ihn ein. Renate war 48 und verheiratet. Ihr Mann Manfred war meist in seinem LKW unterwegs und nur am Wochenende zu Hause. Ihr kleiner gedrungener, knubbeliger Körper sowie ihr Hang zu knallbunten Kostümen unterstrichen ihr Wesen und bissen sich teilweise mit ihren roten Locken. Sie war die Seele der Wache, das hatte Maik schon vor seinem ersten Arbeitstag festgestellt. Renate war die Erste, die Maik von seinem neuen Arbeitsplatz kennengelernt hatte. Bereits, als es darum ging, einen Termin für das Vorstellungsgespräch mit Korn auszumachen, war sie es, mit der er zu tun gehabt hatte. Statt einfach ein Datum und eine Uhrzeit abzuklären, hatte sie ihn in ein längeres Gespräch verstrickt. Er erinnerte sich noch allzu gut, wie sie sich über die häufigen Schnitzer ihres Chefs, also Korns, ausließ und dass sie sich nicht sicher war, ob sie mit Manfred an die Costa Brava oder Costa del Sol reisen sollte, um auszuspannen. Gleichzeitig überraschte sie ihn auch damit, was sie alles bereits von ihm wusste. Renate war wirklich so etwas wie ein lebendiger Aktenordner. Ihr entging nichts.

„Was meinst du, Liebes? Warum bin ich wohl hier?“ Er machte eine kleine Pause, in der die Vorzimmerdame ihn fragend ansah.

„Richtig! Auch ich habe eben erst davon erfahren. Der Chef will mich deswegen sprechen.“ So sehr er Renate auch mochte, sie konnte teilweise ganz schön anstrengend und zu neugierig sein.

„Is ja jut. Kein Grund zickisch zu werden“, zischte sie ihm mit einem Augenzwinkern zu, als er an ihr vorbeiging und auf das Büro von Korn zusteuerte. Es befand sich am Ende des Flures, der vom Empfangsbereich abging. Links und rechts lagen kleinere Büroräume von Kollegen und eine kleine Kaffeeküche. Nach wenigen Schritten erreichte er die weiße Tür, neben der ein Schild mit der Aufschrift „HAUPTKOMMISSAR Tobias Korn“ angebracht war. Er klopfte provisorisch an die offene Tür und trat, ohne zu warten, ein. Dann zog er sie zu, um neugierige Ohren von draußen fernzuhalten. Mit einem Nicken begrüßte sein Chef ihn und bat ihn, sich auf einen der beiden Stühle vor seinem Schreibtisch zu setzen. Das Büro war geschmackvoll eingerichtet. So wie Korn selbst war es klar und gradlinig gehalten. Zur Rechten stand ein Sideboard aus dunklem Nussbaum, aus dem auch der wuchtige Schreibtisch gemacht war. Links befand sich eine Sitzecke mit Sesseln, in die sich nur gesetzt wurde, wenn es um längere wichtige Gespräche ging. Maik hatte somit die Hoffnung, dass sein Erscheinen reine Formsache war. Hinter Korn lag ein breites rechteckiges Fenster, das den Blick auf die Stadt und die dahinterliegenden Wälder freigab. Für die Behaglichkeit und Atmosphäre hatte Korns Frau Hand angelegt. Auf dem Sideboard stand eine Vase, die alle drei bis vier Tage einen neuen Strauß bekam. Die gegenüberliegende Wand zierte ein großes Bild auf Leinwand. Maik konnte nicht sagen, was es darstellte, hatte er ihm bisher nicht sonderlich viel Beachtung geschenkt. Ohne seine Jacke auszuziehen, setzte sich Maik und legte die Hände auf die Oberschenkel. Sein Blick war direkt auf Tobias Korn gerichtet.

„Also. Was liegt vor? Viel hatten Sie mir bisher nicht gesagt“, begann Maik das Gespräch mit seinem Vorgesetzten. Obwohl sie ein respektvolles, gutes Verhältnis pflegten, siezte Maik ihn immer noch, während Korn ihn seinerseits duzte. Dieser saß wie jeden Tag in einem seiner schicken Anzüge hinter seinem Tisch. Sein volles dunkles Haar hatte er wieder seitlich gekämmt und schaute Maik nun aus seinen ernsten grünen Augen an. Derzeit trug er wieder einen Dreitagebart. Bis heute konnte er Korn nicht richtig einschätzen. Einerseits war dieser schlank gebliebene Leiter der Wache ein offenes Buch hinsichtlich seiner Emotionen, mit denen er selten hinterm Berg hielt und die er an allem und jedem ausließ, andererseits war er für Maik ein Mysterium, weil er nach sechs Monaten quasi nichts über seinen Chef wusste, außer dass er mit 45 zehn Jahre älter als er und verheiratet war. Sein Privatleben war eine Unbekannte. Tobias Korn ließ sich dort nicht in die Karten schauen und auch Renate oder andere Kollegen wussten nicht viel von ihm. Trotz allem kamen sie sehr gut miteinander aus und begegneten sich mit Respekt. Es war bisher kein Mal vorgekommen, dass Korn ihm über den Mund gefahren war oder ihn vor versammelter Mannschaft bloßgestellt hatte. Bei anderen Kollegen war das wohl schon passiert, wenn sie ihren Job in den Augen des Leiters nicht sachgerecht und effektiv ausgeführt hatten.

„Hallo, Michalski. Danke der Nachfrage, mir geht es auch gut und so weiter und so fort“, gab Korn als erstes von sich, um die Anspannung, die ihm Maik wohl signalisierte, mit etwas Spaß zu beschwichtigen. „Wo sind denn deine Manieren geblieben?“ Korn grinste entschuldigend. „Ja, ich weiß, dass es mehr als ungünstig ist, dass ich gerade dich wegen dieser Sache anrufe, da du frei hast und dich um deine Kleine kümmern wolltest. Aber mir blieb nichts anderes übrig. Schau her.“ Maik sagte nichts. Mit ausdrucksloser Miene schaute er Tobias Korn an. Sein Vorgesetzter hatte recht. Es war mehr als ungünstig, dass er ihn an seinem freien Tag mit mehr als spärlichen Informationen herzitierte, um etwas Dringendes zu besprechen. Er guckte weiter zu ihm und wartete ab, was noch kommen würde. Ohne das Ganze länger hinauszögern zu wollen, legte Korn ein Blatt der Größe DIN A4 mit einem Foto vor Maik auf den Tisch. Es handelte sich um eine Portraitaufnahme. Womöglich ein Bewerbungsfoto. Abgebildet war eine junge Frau. Maik schätzte sie auf Mitte oder Ende 20. Sie lächelte dem Betrachter freundlich entgegen. Das blonde Haar trug sie offen. Besonders ihre leuchtend grünen Augen stachen hervor und zogen einen in den Bann. Noch bevor er Fragen stellen konnte, fuhr Korn unaufgefordert fort.

„Nina Berg, 27 Jahre, ledig und Mitarbeiterin von ‚Fusion‘, einem Start-up-Unternehmen für Werbedesign. Ihre Leiche fand ein junges Paar beim Spazieren heute Nachmittag in einem Gebüsch im Stadtpark. Laut Aussage einer ihrer Kolleginnen nahm Nina immer den Weg durch den Park, um nach Hause zu gehen. Die Kollegen und die Spurensicherung sind bereits dort und haben alles abgesperrt.“

„Und um mir das zu zeigen und zu sagen, musste ich herkommen? Das hätte doch auch Zeit bis morgen gehabt“, entgegnete Maik nun leicht genervt. Denn zum Anschauen von Fotos musste er nicht zwangsläufig früher zur Arbeit. Natürlich tat es ihm für die junge Frau leid, dass sie tot war, aber es kam häufiger vor, als man denkt, dass Leute mit sich und ihrem Leben unglücklich sind und nur einen Weg sehen. Wahrscheinlich hatte sie Liebeskummer oder war anderweitig unglücklich gewesen, sodass sie diesem Schmerz ein Ende setzen wollte. Das liegt in der Natur der Menschen. Sie ziehen sich ähnlich wie Tiere zurück und tun dann das, was sie als richtig empfinden. Seien es Tabletten, Alkohol oder das Aufschneiden von Pulsadern. Mag makaber klingen, aber so war nun mal sein Arbeitsalltag. Oft genug wurde Maik schon zu Fund- und Tatorten gerufen, an denen sich dann herausstellte, dass man seine Anwesenheit gar nicht benötigte. Ähnlich würde es hier der Fall sein.

„Ich habe mir gedacht, dass du so reagieren würdest“, gab sein Vorgesetzter zurück und legte ein weiteres Foto vor Maik auf den Tisch. „Schau genau hin. Dann wirst du mich verstehen.“ Korn blieb ruhig und wartete ab. Maik dagegen nahm das Blatt auf und betrachtete das Foto genauer. Es war dieselbe Frau, allerdings vollkommen anders abgelichtet, sodass Maik irritiert mehrmals auf das Bild sah. Die junge Frau lag auf der Erde. Sie war völlig bekleidet. Auch waren keine Anzeichen von Blut zu sehen. Stattdessen wirkte sie eher so, als schliefe sie friedlich. Aber nein. Niemand schläft mit offenen Augen. Moment mal, ging es Maik durch den Kopf. Ihre Augen! Sie hatte keine Augen mehr! Die Augenhöhlen waren leer. Wie tiefe schwarze Löcher sogen sie ihn ein. Etwas Galle stieg ihm jetzt hoch, doch er konnte den Schwall hinunterschlucken und das Foto gründlicher studieren. Es fiel ihm nichts weiter auf, bis er sich die Hände von Nina Berg ansah. Diese waren zu einer Art Schale aneinandergelegt und gaben einen Gegenstand preis. Maik nahm sich die Lupe von Korns Tisch, um sich das genauer ansehen zu können. Ein Würfel. Ein weißer Würfel mit schwarzen Zahlen. Ganz klassisch, so wie man ihn bei jedem Gesellschaftsspiel vorfand und nutzte. Jedoch registrierte Maik noch etwas Anderes. Der Würfel war nicht normal. An jeder Kante befand sich die gleiche Zahl. Eine Eins. Das kam ihm suspekt vor. Was für einen Sinn machte es, einen Würfel mit ein und derselben Zahl auf allen Seiten zu benutzen? So seltsam ihm das auch vorkam, umso interessanter empfand er diese Tatsache. Immer noch vom Anblick der augenlosen jungen Frau benommen, starrte Maik auf das Foto und hob langsam seinen Kopf, um zu seinem Chef zu schauen. Das Ganze war ihm ein Rätsel.

„Verstehst du jetzt, warum ich dich angerufen habe?“, fragte Korn. Er griff nach dem Foto vor Maik und fuchtelte damit wie mit einer Flagge umher. „Sowas tut sich niemand selbst an. Ich wüsste auch nicht, wie man das allein bewerkstelligen sollte.“ Korn klatschte das Bild vor ihnen beiden auf den wuchtigen Schreibtisch, der keinerlei privaten Dingen ein Zuhause bot. Sein Zeigefinger bohrte sich auf das entstellte Gesicht von Nina Berg. Das Papier gab nach und wellte sich dabei. „Das Ganze sieht für mich nach Fremdeinwirken aus. Nach Mord. Und du bist nun einmal auf diesem Gebiet der Beste, den wir hier bei uns haben, Michalski.“

„Danke für die Blumen. Aber, wie soll ich ohne weitere Unterstützung an diesem Fall arbeiten? Die Kollegen sind mehr als ausgelastet“, stellte Maik in den Raum. Seine Arme verschränkte er vor der Brust. Beinahe hätte er ein schlechtes Gewissen bekommen, dass er seinen Chef so forsch angegangen war. War er vor wenigen Minuten noch übellaunig durch die Eingangstür der Wache geschritten, so konnte er jetzt Korns Entscheidung nachvollziehen. Die Umstände ließen keine Zweifel zu. Hier hatte jemand Hand angelegt und die junge Frau ermordet. Dennoch würde er diesen Fall nicht völlig allein bearbeiten können, zumal er sich auch noch um seine Tochter zu sorgen hatte.

„Darum habe ich mich bereits gekümmert. Du bekommst Hilfe von einem Kollegen aus Berlin.“

Kapitel 3

Maik hatte nach der Information das Büro von Korn kommentarlos verlassen und war direkt in seinen Wagen gestiegen. Er knallte die Tür pfeffernd zu. Frustriert schlug er mit beiden Handballen auf das Lenkrad und stieß stark Luft aus. Solche Gefühlsausbrüche waren untypisch für ihn. Doch er konnte sich nicht halten. Ausgerechnet Christoph Seiler! Warum um alles in der Welt musste gerade dieser Kollege aus Berlin ihrer Wache zur Verfügung gestellt werden? Das hatte Maik gerade noch gefehlt. Zu all dem Stress und Chaos, das er derzeit zu bewältigen hatte. Wieso musste sich sein Chef ausgerechnet in Berlin nach Unterstützung umsehen und dann zufällig auf Seiler stoßen? Man hätte auch ohne Weiteres in den Nachbargemeinden Ausschau halten oder fragen können. Doch vermutlich waren die Behörden dort ähnlich aufgestellt wie sie in Werder. Und mit Sicherheit dachte sich Korn dabei, dass es sinnvoll wäre, bei einem Fall wie dem von Nina Berg jemanden aus der Großstadt kommen zu lassen. Einfach, weil die Kollegen dort häufiger mit solchen Delikten in Berührung kamen. Aber Christoph? Maik hätte am liebsten den Kopf in den Sand gesteckt, als Tobias ihm den Namen des zugeteilten Kollegen nannte. Nichts gegen dessen Qualifikationen und seine Arbeit, denn diese waren mehr als herausragend. Christoph hatte bereits zu Beginn seiner Ausbildung und auch währenddessen zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Zu Recht. Allerdings können solche Erfolge manch einen auch negativ beeinflussen, statt ihn positiv zu beflügeln. Charakterlich empfand Maik es so, dass es seinem Ex-Kollegen an Sozialkompetenz mangelte. Deshalb hatte er es schon damals vorgezogen, Seiler aus dem Weg zu gehen, um nicht mit ihm arbeiten zu müssen. Mit mäßigem Erfolg. Christoph Seiler hatte das Talent, in wenigen Minuten anderen Menschen so dermaßen auf den Zeiger zu gehen und sich unbeliebt zu machen wie kein Zweiter, das wusste Maik noch genau.

Er erinnerte sich gut an den Tag, an dem Christoph bei ihm auf der Wache angefangen hatte zu arbeiten. Es hatte gerade einmal zwei Stunden gedauert, bis er bei über zwei Dritteln der Kollegen unten durch war. Zum einen lag es daran, dass er es geschafft hatte, die bei allen beliebte und geschätzte Schreibkraft Michaela aufs Schlimmste wegen ihrer Leibesfülle zu beleidigen, sodass sie stundenlang geweint hatte. Zum anderen hatte er allen unter die Nase reiben müssen, was für ein toller Hecht er doch war, weil er der Abschlussbeste seines Jahrgangs auf der Polizeischule gewesen war.

Gut. Ganz Unrecht hatte er damit nicht, dachte sich Maik. Es kam nicht allzu oft vor, dass ein junger Mann wie Seiler im Alter von 27 Jahren drei Studiengänge parallel mit besonderer Anerkennung abschloss und zudem auch noch die Ausbildung bei der Polizei mit Auszeichnung bestand. Er war bei seiner Arbeit wirklich ein Profi und Maik fiel kein anderer, außer sich selbst ein, der einen Fall dermaßen präzise und strukturiert bearbeitete. Dennoch musste er immer wieder feststellen, dass sein jüngerer Kollege sozial gesehen eine Vollkatastrophe war und das würde ihm seine Arbeit nicht erleichtern, sondern erschweren – von seinem Nervenkostüm mal ganz abgesehen.

Was soll´s, überlegte sich Maik und steckte den Schlüssel ins Zündschloss, um den Wagen zu starten. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als das Ganze professionell anzugehen. Außerdem hatte er ja noch zwei bis drei Stunden Zeit, bis Mister Perfect ankommen und ihm auf den Geist gehen konnte. Maik war gerade im Begriff, das Gelände der Wache zu verlassen und Richtung Stadtpark zu fahren, da lenkte ihn ein Geräusch ab.

Sein Telefon vibrierte. Er stoppte den Wagen und nahm den Anruf, ohne aufs Display zu schauen, entgegen.

„Michalski“, meldete er sich direkt. Er hoffte, dass er nicht völlig genervt klang oder man ihm anhören konnte, dass er sich gerade ärgerte.

„Hey, alter Freund. Wie geht´s dir, MAMI? Ich denke doch gut, jetzt, wo es mal wieder einen spannenden Fall gibt.“

Na wunderbar, ging es Maik direkt durch den Kopf. Wenn man vom Teufel sprach oder nur an ihn dachte, war er gleich zur Stelle. Er hasste es, von Seiler MAMI genannt zu werden. Diese Kurzform für seinen Vor- und Nachnamen war einfach affig. Aber man sprach gegen Wände, wenn man Christoph Seiler so etwas klarmachen wollte. Er selbst fand seine Kreation nämlich super und äußerst originell.

„Tag, Seiler. Habe es schon gehört. Du bist auf dem Weg zu uns in die kleine Stadt auf dem Land. Sicher, dass das nicht unter deinem Niveau sein könnte? Ist immerhin nur eine Leiche im Park.“ Maik versuchte locker zu wirken und ebenfalls etwas Humor in das Gespräch einfließen zu lassen. Doch es fiel ihm schwer, seinen Zynismus zurückzuhalten. Es kamen gerade zu viele Erinnerungen hoch.

„Quatsch. Hier in Berlin passiert gerade nichts Spannendes. Und als dein neuer Chef, kein Plan wie der heißt, mich anrief und um Unterstützung bat, konnte ich nicht anders. Immerhin sind wir beide schon früher ein Spitzenteam gewesen.“ Christoph Seiler klang ziemlich begeistert und überdreht. Wie konnte ein Mensch eine so verzerrte Wahrnehmung haben? Spitzenteam? Maik konnte sich nicht daran erinnern, dass sie zwei jemals gut miteinander ausgekommen waren. Zumindest seiner Meinung nach. Hätte er in diesem Moment die Möglichkeit gehabt, dann wäre er am liebsten umgedreht, raus aus der Stadt gefahren und eine Runde gejoggt, um sich abzureagieren. Wie herrlich wäre es jetzt, ein bis zwei Stunden an die frische Luft zu kommen und den Kopf frei zu kriegen. Leider war das nur Wunschdenken, aus dem er durch weiteres Gefasel von Seiler gerissen wurde.

„Ich bin quasi schon fast da. Laut Navi nur noch eine Stunde.“

Verdammt, fluchte Maik jetzt innerlich. Also weniger Zeit, als er gedacht und erhofft hatte, um sich in aller Ruhe ein Bild von der Lage und allem anderen zu machen. Während er in Gedanken seine nächsten Schritte durchging, wurde er bereits wieder vom Wunderknaben unterbrochen.

„Weswegen ich eigentlich anrufe, alter Kollege, ist, dass ich noch nicht weiß, wo ich unterkommen soll. Hast du eine Empfehlung für ein Hotel? Oder wäre es möglich, bei dir zu pennen?“

Auf gar keinen Fall, schoss es Maik direkt durch den Kopf. Fast hätte er diesen Gedanken laut herausgeschrien, konnte sich aber noch zurückhalten. Zusammen arbeiten ist das eine, aber mit diesem Kerl auch noch seine vier Wände zu teilen, geht eindeutig zu weit.

Das würde sein Nervenkostüm zum Bersten bringen.

„Das Stadthotel hier hat immer einige Zimmer frei. Gleich, wenn du das Ortseingangsschild passiert hast, siehst du das Gebäude auf der linken Seite. Ist natürlich nichts Besonderes, aber zum Schlafen und Essen wird es garantiert reichen“, gab Maik seinem Kollegen zurück.

„Alles klar. Vielen Dank. Bis später.“ Dann tutete es bereits.

Ohne, dass Maik noch etwas entgegnen konnte, hatte Seiler aufgelegt. War Maiks Laune aufgrund des vermasselten freien Tages schon gedämpft, so war sie nun kurz davor den Gefrierpunkt zu erreichen und zu unterschreiten.

Es half nichts. Maik atmete einmal tief ein und stieß einen langen Seufzer aus. Er startete den Wagen neu, um da weiterzumachen, wo er vor dem Gespräch mit Christoph aufgehört hatte. Die Sichtung der Leiche von Nina Berg stand an. Maik bog am Ende des Parkplatzes nach rechts ab und fuhr jetzt in Richtung Stadtpark, wo die Leute der Spurensicherung und seine Kollegin Nicole Bäumer, ihrerseits Streifenpolizistin, auf ihn warteten, damit er sich noch selbst einen Blick vom Fundort machen konnte. Es war schon kurz nach fünf. Die Party von Mia sollte bis ungefähr 18 Uhr gehen. Das würde er nicht rechtzeitig schaffen. Da er den Park in wenigen Minuten erreichen würde, wägte er ab, was ihm weniger unbequem war, und wählte direkt eine Nummer.

„Eilers“, meldete sich eine weibliche Stimme.

„Hallo Sarah. Ich bin es, Maik. Wäre es in Ordnung, wenn ich Lilly erst gegen halb sieben abhole? Die Arbeit, du weißt ja.“ Es war ihm mehr als unangenehm, die Mutter der besten Freundin seiner Tochter heute schon zum zweiten Mal um einen Gefallen zu bitten. Er wollte sich gar nicht ausmalen, was sie und die anderen Mütter über ihn hinter seinem Rücken tratschten. Wahrscheinlich Dinge wie „Der arme Kerl. So ganz allein mit der Kleinen!“ oder „Wenn ihr mich fragt, ist er total überfordert mit allem. Das kann nicht gut sein für das Mädchen.“ Vielleicht äußerten sie sich auch gar nicht. Was wusste er denn schon. Er war umso erfreuter, als er ihre Antwort erhielt.

„Klar, geht das. Ist etwas Schlimmes passiert?“, erkundigte sich Sarah.

„Dazu kann ich leider nichts sagen. Ich danke dir für deine Hilfe! Du hast was gut bei mir. Bis später.“

Maik legte auf und erreichte kurz darauf den Eingang zum Stadtpark. Er parkte hinter dem weißen Sprinter der Spurensicherung, stieg aus seinem Audi A3, betätigte die Verriegelung und ging geradewegs auf den Park zu. Wie man es aus Serien und Filmen kannte, standen noch einige andere Wagen bereits vor Ort. Neben dem Einsatzwagen der Polizei konnte Maik auch das Fahrzeug von Nils Koppa, dem Leiter der Rechtsmedizin, ausmachen. Bei früheren Einsätzen in Berlin fand er meist eine Schar von Autos vor, die blinkend und leuchtend am Tatort waren und eine dramatische Stimmung verbreiteten. Davon war hier, im kleinen Werder, nichts zu sehen. Er passierte das eiserne Eingangstor und trat in den Park. Mit Flatterband war eine große Fläche des immergrünen und verwunschenen Parks abgesperrt. So wurden Neugierige ferngehalten. Aber zu dieser Tageszeit, wenn die meisten Familien normalerweise das Abendbrot einleiteten, interessierten sich die Wenigsten für einen Einsatz der örtlichen Polizei im Stadtpark. Wo sonst ältere Paare oder Herrchen mit ihren Vierbeinern spazierten, herrschte konzentriertes Treiben, das einen nicht so erfreulichen Grund hatte. Eine kleine Gruppe von Leuten in weißen Anzügen war dabei zu packen und aufzuräumen. Unter ihnen konnte Maik auch Daniel Lambers, den Leiter der Spurensicherung, ausmachen. In gewohnter Manier delegierte er seine Untergebenen auf seine Art und sorgte dafür, dass sie einen guten Job machten. Sie räumten Planen weg und verstauten kleine Röhrchen, in denen sie Proben und mögliche Beweismittel sichergestellt hatten, in ihre silberfarbenen Metallkoffer. Unweit von ihnen entfernt stand Nicole mit Mirko Steffens, ebenfalls Streifenpolizist, unübersehbar in der Nähe einer buschigen Ecke am Wegrand. Sie unterhielten sich. Anscheinend waren sie bereits fertig und schienen nur noch auf seine Ankunft zu warten, damit sie die Leiche endlich abtransportieren konnten. Glücklicherweise hatte sich keine wirkliche Menschentraube um das Geschehen gebildet. Hier und da sah man einzelne Personen, die mit langen Hälsen und neugierigen Blicken versuchten, etwas vom Ereignis zu erhaschen. Einige unternahmen sogar den Versuch, mit ihren Handys mehr sehen zu können. Ohne Erfolg. Dafür hatte die umfassende und weite Absperrung des Gebietes gesorgt. Das musste er Nicole lassen. Wenn sie ihre Arbeit tat, dann sehr gründlich und genau. Mirko marschierte in diesem Moment zu den Schaulustigen, um sie zu verscheuchen. Zusammen gearbeitet hatten sie bisher noch nicht, aber Maik kannte Mirko von Gesprächen im Flur. Ein junger sympathischer Kerl, der mit seiner frisch angeheirateten Frau und dem Säugling in einem kleinen Einfamilienhaus am Rande von Werder lebte, soweit Maik sich erinnern konnte. Maik ging nun geradewegs auf die Gruppe zu. Er verließ den Fußweg und lief auf die Wiese. Sein Ankommen wurde sogleich bemerkt und die anderen schauten in seine Richtung. Er griff in seine Hosentasche, holte das Gesuchte heraus und streifte blaue Plastikfüßlinge und weiße Handschuhe über, die er sich, vorausschauend wie er war, aus dem Handschuhfach mitgenommen hatte.

Er nickte allen zum Gruß zu und kletterte dann über das Flatterband, damit er zur Toten vordringen konnte. Er trug nach wie vor die gleichen Klamotten, die er am Vormittag übergezogen hatte, und fühlte sich ein wenig deplatziert neben allen in ihrer Dienstkleidung. Seine Jacke hatte er im Auto gelassen. Für einen Tag im September fand er es angenehm warm. Das Wetter spielte Gott sei Dank mit. Die Nachmittage und Abende kühlten zwar deutlich schneller ab als noch einige Wochen zuvor. Kalt war ihm jedoch nicht. Ganz im Gegenteil. Er liebte diese Zeit. Nach den hohen Temperaturen des Sommers begrüßte er die kühle Luft, die mittlerweile jeden Abend Besitz von Mutter Natur ergriff. Das Blätterdach vieler Bäume war zwar noch intakt, doch würde es in zwei bis drei Wochen durch kleinere Herbststürme den Kampf verlieren. Er erreichte sein Ziel. Maik trat näher und konnte Nina Berg beziehungsweise ihre Leiche nun deutlich erkennen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, kniete er sich neben die Tote und betrachtete sie genauer. Sie lag auf dem Rücken. Ihr rechtes Bein lag gestreckt da, wohingegen ihr linkes Bein leicht zur Seite geknickt war. Die Pose der Hände mit dem Würfel darin hatte man nicht verändert. Ihr Gesicht wirkte mit dem geschlossenen Mund friedlich. Nur die fehlenden Augäpfel schockten den Betrachter extrem. Ihr blondes gewelltes Haar lag seitlich auf ihren Schultern. Die junge Frau trug einen knielangen, modischen, bordeauxfarbenen Rock und eine weiße Kurzarmbluse. Dazu schwarze Pumps. Alles wirkte völlig sauber. Man konnte keinerlei Schmutz oder Ähnliches sehen, was in Anbetracht des Fundortes der Leiche verwunderlich war. Nirgends waren Fliegen oder andere Insekten zu sehen. Es war vollkommen ruhig. Ja nahezu sanftmütig. Als würde Nina dort einfach im Park liegen und schlafen. Das kam ihm alles ziemlich eigenartig und merkwürdig vor. Maik konnte sich darauf keinen Reim bilden. Eine Leiche in diesem Zustand war etwas außerordentlich Seltenes und nahezu grotesk. Auch wenn Nina Berg nicht allzu lange tot war, so wäre es normal gewesen, wenn ihr Leichnam von irgendwelchen Insekten befallen worden wäre oder sich zumindest Fliegen in der Nähe befänden. Derjenige, der die junge Frau so zugerichtet hatte, würde das schlecht hier vor Ort gemacht haben. Das hätte zu viele Spuren hinterlassen. Davon war hier nichts zu sehen. Zum jetzigen Zeitpunkt stellte das Ganze eine bizarre Situation für Maik dar und er wandte sich deshalb direkt an die umstehenden Personen.

„Könnt ihr schon etwas Genaueres dazu sagen?“, fragte er in die Runde.

„Die Rigor mortis, also die Leichenstarre, ist bereits vergangen. Sie muss daher länger als 24 bis 48 Stunden tot sein. Die fehlenden Augäpfel sind dir sicherlich auch aufgefallen, Michalski. Auf den ersten Blick wurden sie grobmotorisch, wenn auch sauber, entfernt. Weitere äußere Verletzungen haben wir noch nicht feststellen können. Wir werden direkt in die Rechtsmedizin fahren und die Obduktion durchführen. Wir hoffen bis morgen früh einen ersten Bericht liefern zu können.“ Koppa, Leiter der Rechtsmedizin und Meister seines Faches, fasste das Wichtigste für ihn in üblicher Kürze zusammen. Maik schätzte ihn. Nils Koppa war älteren Semesters und hatte nur noch wenige Jahre bis Dienstende. Er sah wie immer aus. Sehr groß und hager. Graues Haar. Immer in Anzug und Kittel unterwegs. Tierisch ernstes Gesicht. Er war kein Mann der großen Worte, sondern eher der stille Vertreter, der gegenüber seinen Mitarbeitern einen rauen Ton anschlug. Natürlich nur, um sie zu Höchstleistungen anzutreiben, wie er Maik mehrmals in Gesprächen wissen ließ. Maik war sich sicher, dass das zum Teil stimmte. Aber er war sich auch sicher, dass der Alte es nicht gut haben konnte, wenn ein junger aufstrebender Kollege ihm den Rang ablaufen wollte. So hielt er sie meist an der kurzen Leine. Jeder wie er möchte, dachte sich Maik und schmunzelte innerlich.

„Danke, Nils“, entgegnete er. „Habt ihr eine Idee, warum die Leiche so … wie soll ich es ausdrücken … so gut aussieht?“

„Wie gesagt, genauere Auskünfte kann ich dir erst morgen geben“, gab Koppa trocken zurück. „Aber ja. Es ist schon sehr verwunderlich, wie gut sie aussieht, wenn man bedenkt, dass ihr die Augen fehlen und das eigentlich eine riesen Sauerei geben würde.“ Koppa machte eine kleine Pause und räusperte sich. „Wenn das dann alles ist, würden wir sie einpacken und fortbringen. Wir sind eh schon viel zu lange hier und die Schaulustigen vermehren sich schon.“ Mit einem kurzen Schwenk seines Kinns deutete der Meister der Toten, wie man Koppa in Kollegenkreisen auch nannte, in die Richtung, in die Steffens vorhin gegangen war. Nicole war ihm mittlerweile zu Hilfe geeilt und diskutierte ebenfalls mit ein paar Leuten an der Absperrung.