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Was bist du bereit für die Liebe zu opfern? Lukas scheint alles zu haben: einen Traumjob, eine Penthousewohnung, gute Freunde – und einen Ehemann. Doch hinter dem perfekten Bild fühlt er sich gefangen. Auch Nico spürt, dass etwas in seinem Leben fehlt. Als sich ihre Blicke zum zweiten Mal treffen, ist es, als würde ein unsichtbares Band sie verbinden. Ausgerechnet Nico arbeitet seit Wochen an einem von Lukas’ wichtigsten Projekten – und geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Nico empfindet genauso. Doch zwischen ihnen stehen Familie, Ehe, Unsicherheit und die schmerzhafte Suche nach der eigenen Wahrheit. Ein Wechselbad der Gefühle beginnt. Wie weit sind Lukas und Nico bereit zu gehen – für eine Liebe, die alles verändern könnte?
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Title Page
IMPRESSUM
Widmung
PLAYLIST
Prolog: Lukas
Kapitel 1: Lukas, heute
Kapitel 2: Nico, drei Jahre zuvor
Kapitel 3: Lukas
Kapitel 4: Nico, zwei Jahre zuvor
Kapitel 5: Lukas
Kapitel 6: Lukas
Kapitel 7: Nico
Kapitel 8: Lukas
Kapitel 9: Nico
Kapitel 10: Lukas
Kapitel 11: Nico
Kapitel 12: Lukas
Kapitel 13: Nico
Kapitel 14: Lukas
Kapitel 15: Nico
Kapitel 16: Lukas
Kapitel 17: Nico
Kapitel 18: Lukas
Kapitel 19: Nico
Kapitel 20: Lukas
Kapitel 21: Nico
Kapitel 22: Lukas
Kapitel 23: Nico
Grafik
Kapitel 24: Lukas
Kapitel 25: Nico
Kapitel 26: Lukas
Kapitel 27: Lukas
Kapitel 28: Nico
Kapitel 29: Lukas
Kapitel 30: Nico
Kapitel 31: Lukas
Kapitel 32: Nico
Kapitel 33: Lukas
Kapitel 34: Nico
Kapitel 35: Lukas, acht Monate später
Der Autor
Marc Stroot
HIM
Liebe auf den zweiten Blick
einfach QUEER #2
Roman
IMPRESSUM
Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.
Erste Auflage im September 2025
Copyright © 2025 dieser Ausgabe by
Ashera Verlag, Hochwaldstr. 38, 51580 Reichshof
www.asheraverlag.net
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder andere Verwertungen – auch auszugsweise – nur mit Genehmigung des Verlags.
Covergrafik: Pixabay
Kapiteltrenner: iStock
Innengrafiken: Pixabay
Coverlayout: Atelier Bonzai
Redaktion: Britta Künkel
Lektorat & Satz: TTT
Vermittelt über die Agentur Ashera
(www.agenturashera.net)
Für Timo
Du bist das Zuhause, das ich gesucht habe.
PLAYLIST
Lush Life – Zara Larsson
Sexy Boy – The Kinky Boyz, Kia
Love don’t cost a Thing – Jennifer Lopez
Faded – Alan Walker
Shivers – Ed Sheeran
Crazy in Love – Beyoncé
Are we in a dream – Black red Gold
Stay – Hurts
Prism – Electric Callboy, Tobias Rauscher
It’s raining men – The Weather Girls
Someone like you – Adele
Gonna be glamorous – Bleeding Fingers
Strong enough – Cher
Dancing on my own – Calum Scott
On my way – Jennifer Lopez
Infinity – Jaymes Young
Romeo und Julian – Michelle
Prolog
Lukas
Drei Jahre zuvor
„Wirst du denn niemals müde, Schatz?“
Lachend saß Thomas auf dem Hotelbett. Draußen war es schon dunkel und eigentlich waren sie beide erschöpft vom Tag. Thomas beobachtete Lukas dabei, wie er zu lateinamerikanischen Rhythmen aus seinem Zumbakurs die Hüften bewegte und sich währenddessen die Zähne putzte. Gleichzeitig versuchte er den Text mitzusummen, was in Anbetracht der Zahnbürste in seinem Mund mehr nach einem brunftigen Hirsch als nach Gesang klang. Lukas drehte sich zu seinem jüngst angetrauten Ehemann um, zwinkerte ihm zu und setzte seinen Tanz mit erotischen Bewegungen fort. Thomas kam nicht umhin, wieder zu lachen, gleichwohl er Lukas einen Wimpernschlag später gierig ansah.
Lukas stellte seinerseits fest, wie unsagbar sexy sein Mann war, eine wahre Augenweide. Alles an seinem Körper war durchtrainiert und schrie förmlich nach Sex. Das ließ Lukas nicht kalt. Er sprintete ins angrenzende Badezimmer und beeilte sich, den Schaum auszuspucken. Flott spülte er die Zahnbürste ab und hechtete zu Thomas aufs Bett, das seinen Sprung sanft abfederte. Er kuschelte sich in die Arme seines Mannes, der ihn mit den Fingerspitzen streichelte, sodass Lukas ein wohlig warmer Schauer über die Haut fuhr. Mit geschlossenen Augen sog er tief die Luft ein und stieß sie sogleich wieder aus. Als er die Augen wieder öffnete, blickte Lukas in das Walnussbraun von Thomas, der ihn voller Liebe angrinste. Langsam reckte Thomas sein Kinn vor und küsste Lukas sanft auf Stirn und Nase, bis er die Lippen erreichte. Lukas konnte nicht genug davon bekommen. Bei diesem Mann fühlte er sich wohl und sicher. Auch er begann seinen Mann am ganzen Körper zu streicheln, bis er sich schließlich nicht mehr zurückhalten konnte, weil ihn die Lust übermannte.
Als Lukas am nächsten Tag aus der Dusche kam, durchströmte Tatendrang seinen gesamten Körper. Er zog sich seine Shorts und ein buntes Shirt an und gesellte sich zu Thomas, der auf der riesigen Terrasse ihres Hotelzimmers saß und seinen ersten Kaffee genoss.
„Schatz! Was hältst du davon, wenn wir heute erst zu den Quellen fahren, dann eine kleine Wanderung durch die dortigen Berge machen und uns abschließend zum Entspannen an den Strand legen?“
„Da kann es jemand kaum erwarten, die Seychellen unsicher zu machen, was?“, gab Thomas zurück, als er sich schmunzelnd zu Lukas umdrehte und dabei seine niedlichen Grübchen zum Vorschein kamen.
Unschuldig zog Lukas die Schultern hoch und tat so, als könnte er sich nicht vorstellen, wer gemeint war.
Er beugte sich zu Thomas hinunter und küsste ihn. Die seichte Brise, die diesen Morgen an ihnen vorbeizog, streifte sie zärtlich.
„Zu ambitioniert? Oder hast du keine Lust auf das Programm?“, erkundigte sich Lukas, nachdem er sich von Thomas’ Lippen löste.
„Dir kann ich keinen Wunsch abschlagen. Klingt nach einem tollen Plan. Lass mich nur kurz die Nachrichten lesen und dann brechen wir auf.“ Wieder sah Thomas ihn so verliebt an wie bei ihrem ersten Date und Lukas konnte noch immer kaum glauben, dass er nach mehreren gescheiterten Beziehungsversuchen endlich den Richtigen gefunden hatte.
Pures Glück durchströmte ihn bei diesem Gedanken. Er nickte Thomas zu und verschwand wieder ins Innere ihres opulenten Zimmers.
Dass sie hier waren, verdankte Lukas seinem Mann, der ihm mit dieser Reise eine Überraschung hatte machen wollen. Die Seychellen waren seit Langem Lukas’ Traum gewesen und er sparte schon seit Ewigkeiten auf einen Trip hierhin. Als Thomas unerwartet mit den Tickets vor ihm gestanden hatte, hatte Lukas es kaum fassen können und sein Glück sofort mit seiner Clique geteilt. Sophie, Steven und Mike hatten sich unheimlich für ihn gefreut.
Mit dem Gedanken an seine engsten Freunde begab sich Lukas zu dem ausladenden Himmelbett, das mittig im Raum an einer halbhohen Wand stand. An der Rückseite des Hotelzimmers befand sich die offene Dusche, von wo aus man einen Panoramablick aufs Meer hatte. Lukas griff sich sein Handy, das auf dem Nachttischchen lag, und musste grinsen, als er sah, dass trotz der Zeitverschiebung auch um sechs Uhr morgens schon wieder Leben in der Gruppe herrschte, wohingegen es bei ihm zwei Stunden später war.
6:00 Uhr Sophie
Ey Leute! Das ist so früh. Kann jemand für mich arbeiten? Ich geselle mich zu Luki an den Strand. Nehme Thomas auch in Kauf …
6:17 Uhr Steven
Sorry Schätzchen. Kein Bedarf. Ich darf heute freimachen ;-)
6:30 Uhr Mike
@Sophie: Willkommen im Club der Erwachsenen ;-)
6:31 Uhr Sophie
@Mike: Gemeiner alter Mann … ;-)
6:32 Uhr Steven
Oha … Jetzt wird’s gefährlich, Kleines.
6:33 Uhr Sophie
Nicht für mich :-D
Mal was anderes: Wollen wir bei Lukis Rückkehr um die Häuser ziehen? Meinetwegen können wir vorher auch so ein Spieleabendding machen.
6:45 Uhr Steven
Mega Idee. Bin dabei. Mike auch, soll ich ausrichten.
6:53 Uhr Sophie
Dann lasst uns mal abwarten, was unser verknallter Urlauber dazu sagt.
7:40 Uhr Sophie
Luki???
7:42 Uhr Steven
Lass Dornröschen schlafen ;-)
Lukas konnte nicht anders als zu prusten. Er liebte seine Truppe. Jeder von ihnen war auf seine Art besonders und ein herzensguter Mensch. Ganz besonders Steven war in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten Personen in seinem Leben geworden. In jeder Lebenslage stand er Lukas zur Seite und gab ihm Halt. Einmal war sein bester Freund sogar so weit gegangen, dass er sich für ihn in einer Disko mit einigen pöbelnden Typen geprügelt hatte, obwohl er ihnen körperlich unterlegen gewesen war.
Auch hatte Steven ihm aus der Patsche geholfen, als ihm das Portemonnaie geklaut worden war. Er hatte Lukas Geld geliehen, das er nicht zurückhaben wollte. Beispiele dieser Art gab es zuhauf. Lukas rechnete Steven diese Großzügigkeit hoch an, auch wenn dieser für Außenstehende ein schwieriger Charakter war. Um die drei nicht länger warten zu lassen, tippte er eine Antwort und sendete sie.
8:22 Uhr Lukas
Das mit dem Dornröschen klären wir noch, du kleine Diva. Auf jeden Fall bin ich dabei! Lasst uns so richtig abzappeln. Wir sehen uns dann am Samstag. Jetzt wird hier gewandert ;-) Küsschen
Lukas legte das Handy wieder zur Seite und packte die nötigen Sachen für den Ausflug zusammen.
Mit dem Mietwagen brauchten sie eine halbe Stunde, um zu den Quellen zu gelangen. Hand in Hand spazierten er und Thomas durch das saftige Grün und die prächtige Blumenwelt, die die Seychellen ihnen boten. Das Plätschern des Wassers lullte sie ein und tauchte sie in eine eigene Welt. Nicht nur Lukas war überglücklich und ausgeglichen, auch sein Mann wirkte auf ihn tiefenentspannt. Obwohl Lukas das Händchenhalten und die Nähe genoss, löste er sich von Thomas und sprang wie ein junges Reh über die Steine des kleinen Flusses, an dem sie entlanggingen.
Er und die Natur waren ein Thema für sich. Sobald er draußen sein konnte, blühte er auf und sog alles wie ein Schwamm auf – Gerüche, Farben, Geräusche. Benennen konnte er nicht, was er sah, roch oder hörte, doch das war ihm egal. Thomas hatte ihm schon mehrfach gesagt, dass er mit Freude beobachte, wie er die kleinen Dinge um sich herum wertschätzte. Statt wie Lukas über die Steine zu hopsen, überquerte Thomas die Brücke und sie setzten ihren Ausflug fort.
Die folgenden Tage ihrer Reise verbrachten die beiden viel damit, im Bett zu liegen, Spaziergänge bei Sonnenaufgang und -untergang am Strand zu machen und Lukas’ Drang nach Action nachzukommen. Da spielte es keine Rolle, ob es Bungeejumping, Kanufahren oder das Erlernen des Kunsthandwerks der Einheimischen war. Thomas machte alles ohne Murren mit. Sowieso waren sie eine Einheit und führten eine ausgeglichene Beziehung. Keiner neidete dem anderen etwas und sie begegneten sich auf Augenhöhe. So hatte es sich Lukas immer vorgestellt und war dankbar dafür, Thomas an seiner Seite zu haben. Und auch wenn sich der Urlaub dem Ende zuneigte, war ihre gemeinsame Reise doch erst am Anfang.
Kapitel 1
Lukas
Heute
Am Himmel zogen die Wolken dem Sonnenuntergang entgegen und wurden von ihm verschluckt. Das Wasser der Alster in den Fluss- und Kanalläufen schwappte seicht hin und her wie ein Kind in der Wiege. Es herrschte eine angenehme Ruhe an diesem frühlingshaften Abend Anfang Mai.
Lukas schnappte sich seine Aktentasche und schaltete gleichzeitig seinen Computer aus. Er war der Letzte in der Firma, hatte er doch noch unbedingt eine letzte Zeichnung beenden wollen, ehe er ins wohlverdiente Wochenende startete. Zufrieden mit sich selbst schloss er die Tür zu seinem Büro und stockte. An der Glastür klebte ein Post-it von seiner Kollegin und besten Freundin Sophie.
Wir sehen uns Montag, Süßer! Freue mich, stand dort in schwungvoller Handschrift. Neben ihren Namen hatte sie wie immer drei kleine Herzchen gezeichnet. Lukas musste grinsen. Sophie vermied es seit jeher, ihn während eines langen Tages zu unterbrechen, und heftete stattdessen kleine Notizen an die Tür. Er verließ die Räume von Johnson & Partner, dem Architekturbüro, in dem er seit zwei Jahren arbeitete.
Im Erdgeschoss angekommen, schnappte er sich sein Fahrrad und radelte fix nach Hause. Nach weniger als zwanzig Minuten kam Lukas nach einer kurzen Dusche ins Wohnzimmer der modern eingerichteten Penthousewohnung und zog sich im Gehen sein fliederfarbenes Hemd an. Er stellte sich an die bodentiefe Fensterfront und betrachtete das Spiel der nahenden Abenddämmerung. Allzu gern hätte er diese genießen wollen. Doch die Pläne des heutigen Abends sahen anders aus. Ein Abendessen stand ihm bevor und er hätte sich nichts Langweiligeres vorstellen können. Er seufzte und knöpfte sich den letzten Knopf zu, als eine vertraute Stimme zu ihm drang.
„Brauchst du noch lange? Wir müssen los. Ich will die Steiners nicht warten lassen.“ Thomas klang mal wieder bestimmt und ein wenig gereizt.
So wenig Zuneigung war nach drei Jahren Ehe übrig, schoss es Lukas durch den Kopf. Er erinnerte sich noch allzu gut an das Kennenlernen. Es war eine Party gewesen, auf der Lukas den attraktiven Mann nach mehrmaligen Blickkontakten angesprochen hatte. Die walnussbraunen Augen und das markante Gesicht seines jetzigen Ehemannes hatten ihn von Anfang an in ihren Bann gezogen. Der Chef einer ortsansässigen Stahlfirma hatte Lukas ein paar Drinks spendiert und sie hatten sich angeregt unterhalten. Wäre es nach Lukas gegangen, hätte er den Kerl in Jeans und schwarzem Shirt direkt nach Hause begleitet. Doch sie hatten nur ihre Nummern ausgetauscht.
Ein genervtes „Lukas?“ riss ihn aus seinen Gedanken.
„Ja, bin gleich so weit!“, sagte Lukas.
Er kreuzte den angrenzenden Flur und sah aus dem Augenwinkel, wie Thomas an das Sideboard gelehnt etwas in sein Handy tippte. Jeden einzelnen Buchstaben konnte er dabei hören, weil sein Mann das Telefon immer auf laut stellte. Dieses Klicken machte Lukas wahnsinnig, aber Diskussionen darüber führten bloß zu weiterem Zoff. Deshalb nahm er es hin und versuchte, es auszublenden, was nicht so einfach war. Thomas war seit einiger Zeit eigentlich immer am Handy und beantwortete Mails, Nachrichten oder nahm Anrufe entgegen. So kam selten Ruhe auf. Und das nervte Lukas.
Er ging ins Schlafzimmer und zog sich zu seinem Hugo Boss Anzug weiße Sneaker an. Das Sakko warf er über die Schulter. Um sein Outfit zu checken, lief er in den angrenzende begehbaren Kleiderschrank, der locker Platz für ein Kinderzimmer bot, und begutachtete sich im Spiegel. Irgendetwas stimmte nicht. War es etwas in seinem Gesicht? Seiner Haltung? Oder doch etwas ganz anderes? Lukas hatte keine Ahnung. Du bildest dir das ein und siehst Dinge, die nicht da sind, dachte er sich und grinste kopfschüttelnd.
Auf dem Rückweg stoppte er an der Kommode im Schlafzimmer, wo er sein Parfüm aufbewahrte, und trug drei Spritzer davon auf. Als er in den breiten schlauchigen Flur trat, war Thomas noch immer mit seinem Handy beschäftigt. Dieser Mann sah wieder umwerfend aus. Für den heutigen Abend hatte sich Thomas für seinen petrolfarbenen Zweiteiler in Kombination mit einem weißen Hemd und grauer Krawatte entschieden.
Der Schlips schimmerte im Licht rosa. Dazu trug er cognacfarbene Schuhe. Die Hemdärmel zierten Manschettenknöpfe. Man hätte ihn direkt für das Cover der GQ ablichten können. Es war mehr als ersichtlich, dass Thomas einen exquisiten und teuren Geschmack hatte. Das spiegelte sich auch in der Wohnung der beiden wider.
Für Lukas hätten es schicke Möbel von Ikea getan, aber das war ein No-Go für seinen Mann. „Was sollten andere Leute nur denken, wenn sie die billigen Teile sehen würden?“, hatte Thomas nur dazu gesagt und damit war das Thema für ihn erledigt gewesen. Außenwirkung war für ihn alles.
Das bekam Lukas auch in diesem Augenblick wieder zu spüren. Als er ihm entgegenging, nahm Thomas ihn nur flüchtig wahr, bevor er mit einem weiteren nervtötenden Klicken den Handybildschirm sperrte. Manchmal beschlich Lukas das Gefühl, dass Thomas diesen Ton absichtlich nicht abstellte, um sein Umfeld in den Wahnsinn zu treiben. Das Handy verschwand in der Sakkoinnentasche, und Thomas stieß sich schwungvoll vom Sideboard ab. Seine Brauen hoben sich leicht, als er Lukas musterte. Er scannte ihn regelrecht.
„Dein Ernst?!“ Es klang zwar wie eine Frage, doch schwang in diesen zwei Worten mehr Abschätzigkeit mit, als man sich vorstellen mochte.
Für Lukas fühlte es sich an wie ein Schlag in die Magengrube, als er das verzogene Gesicht seines Mannes sah. Thomas presste sich grob an ihm vorbei und kam einige Sekunden später mit einer Krawatte in der Hand zurück. „Umbinden“, herrschte er Lukas an und drückte ihm die Krawatte in die Hand. „Du weißt genau, wie viel Wert meine Kunden und Klienten auf ordentliches Äußeres legen. Die Sneaker sind in Ordnung, zumindest sind sie sauber.“ Er lächelte ihn schmallippig an. Es hatte mehr väterliche Strenge an sich, als dass es innig wirkte. Er klopfte Lukas auf die Schulter. „Und jetzt komm. Wir müssen los.“
Lukas spürte, wie leichte Anspannung in ihm aufstieg. Immer schob sein Partner einen solchen Stress, obwohl sie gut in der Zeit waren. Anstatt etwas zu sagen, trottete er hinter Thomas her und ergab sich in sein Schicksal.
Er hatte absolut keinen Bock auf dieses steife Dinner mit versnobten Leuten. Wäre es nach ihm gegangen, hätten sie den Abend zu Hause verbracht, gemeinsam gekocht und es sich auf der Couch gemütlich gemacht. Oder sie wären nach einer gefühlten Ewigkeit mal wieder ins Kino gegangen, um einen Film zu sehen. Danach hätten sie einen Spaziergang an der Alster gemacht und den Abend kuschelig ausklingen lassen.
Die Realität sah nun aber anders aus. Die Arbeit ging derzeit bei Thomas vor. Eigentlich tat sie das immer. Und oft war er zu müde, um mit Lukas etwas zu unternehmen. Lukas hatte zwar Verständnis dafür, doch fehlte ihm die Zweisamkeit schon ein wenig. Das war nicht immer so, rief sich Lukas in Erinnerung. Angestrengt überlegte er, wann genau diese Distanz zwischen ihnen entstanden war, wann sie angefangen hatten, sich zu entfremden. Doch auf Anhieb wollte ihm kein bestimmter Moment einfallen.
An der Wohnungstür gab Thomas den fünfstelligen Code ein und die Schiebetür des privaten Fahrstuhls öffnete sich, sodass sie in die Tiefgarage fahren konnten. Im Lift blickte Lukas konzentriert in eine der Spiegelwände und band sich den Schlips. Weit kam er allerdings nicht, weil ihn Thomas mit einem kräftigen Schwung umdrehte, ihm die Krawatte abnahm und sie ihm mit sicheren Handgriffen anlegte.
„So langsam solltest du das wirklich besser können. Schau, so ist’s richtig“, kam es selbstgefällig von Thomas’ Lippen, die er kurz darauf auf Lukas’ Mund drückte.
Lukas hasste solche Situationen, kam er sich in diesen immer wie der letzte Trottel vor. Ihm war bewusst, dass Thomas mehr Lebenserfahrung hatte, doch egal, was er tat, sein Partner hatte mittlerweile an allem etwas auszusetzen und bemängelte es. Das störte Lukas. Früher war das anders. Da waren sie auf Augenhöhe gewesen. Jeder hatte dem anderen zugehört und die Meinung des anderen akzeptiert.
Lukas schluckte seinen Frust hinunter, auch wenn das seiner Laune nicht half. Wahrscheinlich war Thomas einfach etwas kaputt von der Woche. Er meinte es schließlich nicht böse, sondern sorgte sich um ihn. Und dafür war Lukas ihm dankbar. So stellte Lukas sich eine gut funktionierende Partnerschaft vor. Man war füreinander da, kümmerte sich um den anderen und stand hinter seinem Partner. Eine Beziehung sollte ein Hafen der Sicherheit sein. Und auch, wenn die Wichtigtuerei seines Mannes Lukas das eine oder andere Mal nervte, stellte er immer wieder zufrieden und glücklich fest, dass er in Thomas damals diesen Hafen der Geborgenheit gefunden hatte.
Möglich, dass auch du etwas geschlaucht bist und überreagierst, Lukas. Du weißt doch, wie sehr Thomas dich liebt und dir die letzten Jahre unter die Arme gegriffen hat, bläute ihm seine innere Stimme ein. Gewisse Kompromisse waren nun mal nötig. Wenn also die Krawatte anders gebunden werden sollte, dann war das eben so.
Sophie sah das allerdings anders. Sie verstand bis heute nicht, wie er Thomas hatte heiraten können. Sein bester Freund Steven hielt sich diesbezüglich mit Kommentaren zurück. Stets betonte er, Thomas nicht gut genug zu kennen, um sich ein Urteil erlauben zu können. Schließlich vermied es Lukas’ Ehemann konsequent, an den Aktivitäten der Gruppe teilzunehmen. Sie wären nicht sein Niveau, war stets sein Kommentar.
Im Wagen sagte zunächst keiner etwas. Ihr Ziel war das Haerlin, ein Restaurant, das für seine exquisite französische Küche bekannt war. Dorthin lud Thomas regelmäßig seine Geschäftskunden ein, um Eindruck zu schinden. Lukas fand das albern.
Seiner Ansicht nach genügte gute Arbeit, um überzeugend zu sein. Diese Haltung hatte er von seinen Eltern. Er kam aus einfachen Verhältnissen und sowohl sein Vater als auch seine Mutter waren geplatzt vor Stolz, als er ihnen von seinen Studienplänen erzählt hatte. Weil er ihnen nicht auf der Tasche hatte liegen wollen, hatte er sein Studium durch Nebenjobs finanziert und erfolgreich den Master in Architektur abgeschlossen.
Er war der Erste in der Familie, der einen Hochschulabschluss hatte. Und trotz der Möglichkeiten, die ihm durch seinen Job offenstanden, war Lukas nach wie vor bescheiden. Statt mit dem Wagen wäre er mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Lokal gefahren, das lediglich knappe vier Kilometer von ihrem Block entfernt lag. Aber er ersparte sich die Auseinandersetzung mit Thomas. Oft genug sprach er solche Kleinigkeiten an und zog am Ende den Kürzeren.
Einen Großteil der Strecke hatten sie bereits hinter sich. Aus dem Radio erklang eine herzzerreißende Ballade und füllte die Stille zwischen ihnen, breitete sich wie eine Blase im Wageninneren aus.
Thomas starrte weiterhin auf sein Handy. Zur Musik gesellte sich nur das monotone Ticken des Blinkers, den Lukas betätigte.
„Steiner und seine Gattin kennst du noch nicht, oder?“, riss Thomas ihn schließlich aus seiner Trance und fügte, als Lukas verneinte, hinzu: „Mach es einfach wie immer. Sei der süße, sympathische Schwiegermutterliebling. Ihr werdet garantiert genügend Themen finden.“ Während Thomas sprach, streichelte er Lukas’ Knie. Es graute Lukas jetzt schon vor diesem Abendessen. „Und wenn wir wieder zu Hause sind, gönnen wir uns ein bisschen Fun und Abwechslung. Ich hab da nen heißen Kerl klargemacht. Geiler Body.“
Als wäre neben ihnen eine Bombe hochgegangen, erschrak Lukas. Es grenzte an ein Wunder, dass er nicht abrupt abbremste oder den Wagen nach links oder rechts verzog, als er das Gesagte hörte. Hatte er richtig verstanden? Nach diesem Dinner, auf das er absolut keine Lust hatte, würde ein Date zum Vögeln bei ihnen vorbeikommen? Was für ein Arsch! So typisch! Eine Welle der Unbehaglichkeit überrollte ihn und begrub ihn unter sich. Wie ein unerwarteter Tsunami erfasste sie ihn. Mit voller Wucht. Ihm wurde schlecht und sein Magen zog sich zusammen. Ein Blick zur Seite machte es nicht besser. Lukas sah in Thomas’ grinsendes Gesicht. Es hatte etwas Diabolisches und Notgeiles an sich. Am liebsten hätte er das Lenkrad herumgerissen, um geradewegs zurückzufahren. Stattdessen krallten sich seine Hände fest ans Steuer und er konzentrierte sich wieder auf die Straße.
Lukas biss sich auf die Zunge und schluckte seinen Brass hinunter. „Okay“ war alles, was er als Erwiderung zustande brachte.
Er war wütend und enttäuscht. Doch er hoffte, dass seine wortkarge Antwort nicht kritisch klang. Andernfalls würde dies einen riesigen Streit nach sich ziehen. Und den konnte Lukas nicht auch noch gebrauchen. In ihm rumorte es wie bei einem Gewitter. Es zog und stach, aber er versuchte diese Gefühle beiseitezuschieben. In einiger Entfernung machte er die Binnenalster aus, die in wohlig warmes Licht getaucht war.
Die Laternen erstrahlten wie ein Sternenhimmel und spendeten Lukas Geborgenheit und Trost.
Nachdem sie den Wagen geparkt hatten, gingen sie in wenigen Schritten zum Eingang des Lokals. Dort richtete Thomas Hemd und Krawatte und tat selbiges bei Lukas. Zu gern hätte Lukas ihm eine Szene gemacht, aber er schwieg. Wie die Luft des Abends war es zwischen ihnen kühl. Dazu gesellte sich eine unangenehme Stille, die beim Betreten des Lokals sofort durchbrochen wurde.
Das Essen mit den Steiners verlief wie immer. Thomas und sein Kunde überschlugen sich in Prahlereien. Die mit Botox aufgespritzte Ehegattin fand Lukas zwar überraschend sympathisch, doch war er immer noch angefressen wegen der Aktion im Auto. Um keine weitere dicke Luft zwischen sich und seinem Mann aufkommen zu lassen, hatte er gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Er mimte mit Thomas das glücklich verliebte Paar, auch wenn dessen Berührungen ihn anwiderten, nachdem er von ihrer weiteren Abendgestaltung erfahren hatte.
Gegen zehn Uhr verließen sie das Lokal und verabschiedeten sich. „Schön, Sie als Paar so glücklich gesehen und kennengelernt zu haben“, sagte Madeleine Steiner an Thomas gewandt. „Passen Sie auf sich auf“, flüsterte sie hingegen Lukas zu, als sie ihn umarmte und danach mütterlich seine Schultern streichelte. Auf dem Weg zum Wagen drückte ihm Thomas die Schlüssel in die Hand. „Du fährst.“ Wieder dieser bestimmende Tonfall.
Im Innern des Tesla herrschte wie auf der Hinfahrt bedrückendes Schweigen. Thomas’ Finger huschten über das Display des Handys und er grinste. Aus dem Augenwinkel sah Lukas, dass sich sein Mann durch eine Bildergalerie scrollte und bei einzelnen Aufnahmen innehielt. Erneut nahm Lukas das Ziehen in der Magengegend wahr, als ihm wieder bewusst wurde, dass sie noch Besuch erwarteten. Es tobte in ihm. Ohne Absprache und ohne sein Einverständnis hatte Thomas dieses Sexdate organisiert. Unmut stieg in ihm auf und Lukas überlegte, ob er Thomas sagen sollte, dass ihm nicht nach einem Dreier war. Prinzipiell sprach nichts dagegen. Bekannte von ihnen taten das auch. Er musste an Andrea und Torsten denken, die bei Verabredungen von ihren sexuellen Abenteuern schwärmten. Und sie waren glücklich damit. Für Lukas wäre das auch kein Problem, würden die Absprachen anders laufen. Er umfasste das Lenkrad fester und wechselte die Spur.
„War doch ein netter Abend, findest du nicht?“, fragte Thomas unvermittelt, ohne den Blick vom Handy zu heben. Es klang beiläufig.
„Ja.“ Lukas wusste nicht, was er entgegnen sollte. Zu sehr war mit seinem Hadern beschäftigt.
„Wie ja? Mehr hast du nicht zu sagen?“ Sein Mann schaute ihn mit gerunzelter Stirn an.
„Ich mag Madeleine. Sie ist eine tolle Frau.“
„Mag sein. Mal sehen, wie lange Steiner sie noch behalten wird. Ihre besten Jahre hat sie hinter sich. Aber gut, dass ihr euch verstanden habt. Sie wird sich garantiert für uns einsetzen.“
Lukas war entsetzt über die Aussage seines Mannes. Wie konnte Thomas sich anmaßen, so über andere zu urteilen? Das musste der Wein sein, der Thomas zu Kopf stieg. Anders konnte Lukas sich das nicht erklären. Sie erreichten ihren Block und parkten den Wagen in der Tiefgarage. Als sie in der Wohnung ankamen, begab sich Thomas direkt ins Bad und machte sich frisch. In legerer Kleidung durchquerte er das Wohnzimmer und steuerte die Dachterrasse an. Lukas hingegen stand in der Küche und lehnte an der Arbeitsplatte. Er fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht und massierte sich die Schläfen. Ein leichtes Pochen kündigte Kopfschmerzen an, die er nicht gebrauchen konnte.
Er öffnete die Schublade zu seiner Rechten, suchte sich eine Aspirin, die er mit einem Glas kalten Wasser hinunterspülte. Das Glas räumte er in die Spüle und drehte sich um. Thomas bereitete draußen alles für das Date vor. Im Hintergrund lief Chill-out-Musik und die Terrasse samt Loungeecke erstrahlte in sanftem Licht. Was würde Lukas nur dafür geben, diese Atmosphäre in Zweisamkeit zu genießen. Ihre Pläne – Thomas’ Pläne – sahen allerdings anders aus.
Es klingelte und die vorherige Ruhe wurde unterbrochen. Grinsend kam Thomas herein und zog lüstern seine Augenbrauen hoch. Er machte einen kleinen Schlenker zu Lukas und drückte ihm einen feuchten Kuss auf.
„Zieh dir was Bequemes an, Schatz.“ Daraufhin griff er Lukas in den Schritt und blickte ihn mit dunklen Augen an. „Lassen wir den Spaß beginnen“, sagte er zwinkernd und verschwand zur Wohnungstür.
In weißen Shorts und blauem Shirt kehrte Lukas barfuß ins Wohnzimmer zurück, wo er die Stimmen der anderen beiden wahrnahm. Sie unterhielten sich angeregt in der Küche.
„Schatz, da bist du ja.“ Thomas machte sie miteinander bekannt.
Der Kerl neben seinem Mann nahm ihn direkt in den Arm und knutschte ihm die Wange. Er hieß Sven und war das, was man einen Surfertyp nannte. Das blonde Haar war von der Sonne gebleicht und unter seinem pinkfarbenen Tank Top konnte man auf seinen definierten Oberkörper linsen. Dazu trug er Jeans und weiße Sneaker. Lukas schätze Sven, der in etwa so groß war wie er, auf Mitte zwanzig. Thomas reichte ihnen einen Gin Tonic und sie gingen hinaus, wo sie die drapierte Kissenlandschaft ansteuerten. Sven wurde von Thomas zwischen sie geparkt. So konnte sein Mann direkt starten, wenn ihm danach war.
„Und was machst du so?“, erkundigte sich Lukas bei ihrem Besuch. Er war angespannt.
„Du meinst, wenn ich mich nicht mit heißen Typen wie euch treffe?“ Der Kerl war direkt und bewies Humor, stellte Lukas fest. „Ich bin Rettungssanitäter und gebe nebenbei Schwimmkurse“, gab Sven freundlich von sich.
„Das sieht man“, sagte Thomas, der seine Hand unter Svens Shirt schob und ihn streichelte.
Ab dem Moment lief alles wie im Zeitraffer, sodass Lukas es kaum begreifen konnte. Sven reckte sein Kinn und begann damit, Lukas’ Mann zu küssen. Mit der anderen Hand stellte Thomas ihre Gläser ab, damit sie loslegen konnten. Lukas beobachtete das Ganze und wusste plötzlich nicht, wie er reagieren sollte. Es war nichts Neues für ihn, aber etwas in ihm blockierte. Er spürte Svens Hand auf seinem Oberschenkel, die sich ihren Weg nach oben unter seine Shorts zu seinem Schritt bahnte. Dann wandte er sich von Thomas ab und Lukas zu, dem er seine vollen Lippen aufdrückte. Er schob seine Zunge in seinen Mund und umspielte Lukas’ Zunge. Lukas stieg mit ein und sah aus dem Augenwinkel, wie sich Thomas auszog und nackt zu ihnen stieß. Auch Sven zog sich seine Kleidung vom Leib, während er Lukas weiter küsste. Wie in Trance zog Lukas sein Shirt aus und die drei Männerkörper verwoben miteinander. Stöhnende Laute und Hauchen vermischten sich. Ihre Körper strahlten eine solche Hitze aus, dass sich ein leichter Schweißfilm auf der Haut bildete.
Plötzlich fuhr Lukas hoch und entfernte sich. „Entschuldigt mich“, sagte er leise.
Die zwei nahmen keine Notiz davon. Er ging ins Bad. Vor dem Waschbecken mit deckenhohem Spiegel blieb er stehen und stützte sich ab. Erneut betrachtete er sich selbst. Sein Herz schlug wie wild und war kurz davor, aus seinem Brustkorb zu springen. Sein Atem hastete und wollte sich nicht beruhigen. Eine drückende Welle stieg in ihm empor und riss alles mit sich. Er konnte es nicht aufhalten. Seine Augen füllten sich, wurden feucht. Sein Spiegelbild zeigte ihm unverfroren seine Tränen.
Er weinte.
Ohne dass er es verhindern konnte, entfuhr ihm ein klagendes jammerndes Wimmern. Lukas zitterte am ganzen Körper und wusste nicht, wie ihm geschah. Was ist nur los mit mir?, fragte er sich, während seine Tränen unaufhaltsam in das Becken tropften. Sein Schluchzen wurde lauter und ein heftiger Schmerz erfüllte ihn.
Er griff sich an den Hals, massierte ihn kurz, bevor er sich die Hand auf den Mund presste. Lukas warf einen weiteren Blick in den Spiegel – und erschrak. Nichts erinnerte mehr an den jungen Mann, der vor wenigen Stunden noch in maßgeschneiderten Anzug mit den Geschäftskunden seines Mannes gespeist hatte. Stattdessen sah er einen fahlen, erschöpften Fremden. Er fühlte sich elend und einsam.
„Ich hätte etwas sagen müssen. Warum habe ich nicht gesagt, dass ich keine Lust habe? Ich kann das so nicht! Was stimmt nicht mit mir?“ Lukas murmelte leise vor sich hin, während sein Wimmern nicht verstummen wollte.
Er drehte den Wasserhahn auf und klatsche sich eine Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht. Es fühlte sich reinigend und erfrischend an. Was mache ich hier eigentlich? Die Frage hallte in seinem Kopf wider. Wie konnte es nur so weit kommen? Wann hat alles angefangen, in diese Richtung abzudriften?
Lukas’ Gedanken überschlugen sich und er suchte verzweifelt nach Antworten. Vielleicht sollte er seine Freunde um Rat fragen. Doch kaum kam ihm diese Idee, verwarf er sie wieder. Die Scham war zu groß. Jahrelang hatte er immer wieder betont, wie absolut erfüllend und perfekt seine Beziehung mit Thomas wäre, obwohl Sophie und Steven immer skeptisch gewesen waren. Und jetzt? Jetzt musste sich Lukas eingestehen, dass er sich all die Zeit selbst belogen hatte.
In dem Moment, als er sich abtrocknete, öffnete sich die Tür zum Bad. Lukas blickte mit verquollenen Augen in den Spiegel und sah darin Thomas’ Gesicht hinter sich.
Kapitel 2
Nico
Drei Jahre zuvor
Lautes Stöhnen und der Geruch nach Schweiß füllten den Raum des Fitnessstudios. Es war eine Wohltat, sich nach Feierabend auszutoben, fand Nico. Nichts gegen seine Arbeit auf dem Bau, er mochte sie. Für nichts in der Welt würde er einen anderen Job ausüben wollen, denn dort war er an der frischen Luft und konnte sich körperlich betätigen. Das brauchte er auch. Eine Tätigkeit an PC und Schreibtisch auszuüben, wäre für ihn die reinste Folter gewesen.
Nico lag jetzt unter der Brustpresse und stemmte sein Maximalgewicht. Salzige Tropfen liefen ihm die Schläfe entlang und mit zusammengebissenen Zähnen presste er die letzten Kraftreserven mit einem lauten Stöhnen heraus. Kaum rastete die Hantelstange wieder an ihrem Platz ein, schwang er sich hoch, griff das Handtuch und wischte sich die Schweißperlen von der Stirn.
Es war früher Abend und wie er tobten sich auch viele andere Typen nach der Arbeit im Studio aus.
Zwar waren seine Trainingspartner und Kumpels Carsten und Andreas heute nicht mit am Start, doch er genoss diese Auszeit, bevor es nach Hause zu seinen Jungs und Michelle gehen würde. Er war ein absoluter Familienmensch und konnte sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen. Viele seiner alten Schulfreunde studierten und dachten noch nicht ans Kinderkriegen. Die frühe Hochzeit und die Geburt seines ersten Sohnes hatten alle in gewisser Weise von den Socken gehauen.
Er war sich in diesem Moment sicher, dass die beiden Rabauken, so klein sie auch sein mochten, garantiert noch nicht im Bett liegen würden und seine Frau auf Trab hielten. Wenn er allerdings ins Haus kam, waren die zwei wie ausgewechselt und gehorchten aufs Wort. Reyk und Jonas waren totale Papakinder. Das war eine der Sachen, um die ihn Michelle beneidete, es ihm aber nicht übelnahm. Er würde sie ins Bett bringen, ihnen eine Geschichte erzählen und wenn sie ihn dann ließen, endlich aufs Sofa gehen.
Aber erst ist Papa dran und powert sich noch etwas aus. Nico wechselte das Gerät und hakte die bisherigen Übungen auf seinem Trainingsplan, den ihm Vanessa, eine der Studiotrainerinnen, erstellt hatte, ab. Gelegentlich nickte er einigen bekannten Gesichtern entgegen und setzte das Training fort. Am meisten freute er sich auf die Battle Rope. Er begab sich in den Functionalbereich, an dessen Klettergerüst sich die Jüngeren langhangelten.
Nico schritt an ihnen vorbei, beobachtete sie, wie sie sich mit festen Griffen von Sprosse zu Sprosse schwangen. Er musste unwillkürlich schmunzeln , weil er es niedlich fand, wie sich die Jungs versuchten, zu übertreffen. Kurz darauf erreichte er sein Ziel. Er blieb stehen und stellte die Stoppuhr auf seinem Handy ein.
Mal sehen, ob ich meinen Rekord brechen kann. Dann packte er zu und schüttelte die dicken Taue voller Wucht auf und ab. Die Vibrationen durchzogen seinen ganzen Körper und er spürte die Anstrengungen, die jede Faser von ihm aufbringen musste. Es war ein erfüllendes Gefühl. Die Blicke der anderen nahm er zwar wahr, doch sie kümmerten ihn nicht. Nico war in seinem Element und gab alles. Die Taue peitschten in kraftvollen Wellenbewegungen auf und ab, während seine Arme langsam schwerer wurden. Ein angenehmer Erschöpfungsschmerz machte sich breit, seine Griffkraft ließ nach. Er biss die Zähne zusammen, mobilisierte seine letzten Reserven und hielt noch ein paar Sekunden durch. Der Schweiß rann ihm in feinen Rinnsalen den Rücken hinab, so intensiv war das Training.
Noch ein paar Schlenker, dann ließ er die Taue los, stoppte die Uhr und stützte sich keuchend im mit den Händen auf den Knien ab.
Salzige Tropfen fielen von seinen Haarspitzen. Plötzlich vernahm er ein Klatschen und Pfeifen. Die anderen Jungs nickten und jubelten ihm anerkennend zu, was er mit einem lockeren Winken quittierte. Ein Blick aufs Handy verriet ihm, dass er seinen persönlichen Rekord um zwanzig Sekunden verbessert hatte und dass es allmählich Zeit wurde, nach Hause zu gehen. Doch ehe er den Heimweg antreten würde, wollte er sich eine weitere Wohltat an diesem Freitag gönnen. Dafür duschte er sich rasch ab, wickelte sich ein großes Handtuch um die Hüften und warf seine Klamotten in die Sporttasche. Anschließend verließ er die Umkleide und machte sich auf den Weg zur studioeigenen Sauna im Kellergeschoss.
Nico liebte es, nach dem Training in die Sauna zu gehen, weil dabei der letzte Ballast des Tages von ihm abfiel. Besonders an Freitagabenden war hier nicht viel los, sodass man wirklich abschalten konnte. Zu seiner Freude stellte sich heraus, dass er die neunzig Grad heiße Sauna für sich allein hatte. Er gönnte sich zwei ausgedehnte Durchgänge, bevor er die Sauna Richtung Duschen verließ.
Kaum hatte er das Wasser aufgedreht, gesellte sich ein weiterer Mann zu ihm und stellte sich unter die benachbarte Brause. Es war nichts Ungewöhnliches, hier jemandem zu begegnen, doch Nico hatte fest damit gerechnet, allein zu sein. Der Typ, der sich nun neben ihm einseifte, sah, wie Nico beiläufig feststellte, ausgesprochen gut aus. Nicos Versuch, einen unauffälligen Blick auf den Körper des Mannes zu werfen, blieb nicht unbemerkt.
Der Unbekannte grinste Nico schelmisch an, zumindest empfand Nico es so. Dann begann der Mann, ganz ungeniert, vor Nicos Augen zu masturbieren. Nico war wie vor den Kopf gestoßen. Er wusste nicht, wie ihm geschah, konnte den Blick aber nicht abwenden. Fasziniert und wie gebannt beobachtete er die Bewegungen des anderen. Und obwohl es ihn überrumpelte, spürte er, wie ihn das Gesehene erregte, ohne dass er es steuern oder verhindern konnte. Nico wurde hart.
Fuck!
Er versuchte schnell, seine Hände vor seine Erektion zu halten, weil es ihm peinlich war, doch der Fremde tat es mit einem Lächeln ab und zwinkerte ihm zu. Nico war mit der Situation heillos überfordert und wäre am liebsten im Erdboden versunken, doch so weit kam er nicht.
Der Mann hielt mit einem Mal inne und kam auf Nico zu. Vor ihm ging er auf die Knie. Ohne Vorwarnung packte er Nicos Penis, nahm ihn in den Mund und verwöhnte ihn oral.
Wie erstarrt blieb Nico stehen und ließ den Fremden ohne jegliche Gegenwehr weitermachen. Er konnte sich nicht rühren, war unfähig, etwas zu sagen oder ihn von sich zu stoßen. Denn es fühlte sich ungewohnt gut an, wie der Mann ihn mit den Zunge und den Lippen verwöhnte.
Nico genoss die kreisenden Bewegungen und lehnte sich unter der laufenden Dusche an die gekachelte Wand. Während der andere ihn befriedigte, konnte er ein leises Keuchen nicht unterdrücken. Dass jemand sie dabei erwischen könnte, hatte Nico vollkommen ausgeblendet, zu sehr war er von seinen Gefühlen übermannt. Es dauerte nicht lange und er kam.
Der Fremde stand auf, wischte sich die Reste von Nicos Erguss unterm Wasser ab und verließ die Dusche kommentarlos. Halbsteif und perplex blieb Nico ein paar weitere Minuten unter dem Wasserstrahl stehen und starrte zum Ausgang.
Was war das? Er war völlig überfordert und wusste nicht recht, was er denken oder wie er das eben Geschehene einordnen sollte. Er war glücklich verheiratet. Für ihn gab es nichts Schöneres, als mit Michelle intim zu werden. Dennoch musste er sich eingestehen, dass ihm die Aktion eben wirklich gefallen hatte. In seinem Kopf drehte sich alles. Den letzten Gedanken versuchte er mit aller Kraft abzuschütteln.
Hast du sie noch alle, Alter? Das geht nicht. Fuck. Okay. Das ist jetzt passiert und gut ist.
Nico war aufgewühlt und überlegte, wohin mit seinen Emotionen. Er griff sein Duschgel und spülte die wirren Gedanken ab, ehe er den gekachelten Raum, der alles gesehen hatte, was passiert war, verließ.
Kapitel 3
Lukas
Es waren nur noch wenige Meter bis zu ihrer Wohnung und Lukas setzte zum Spurt an. Der Schweiß lief ihm den Rücken hinunter. Er ignorierte ihn und presste stattdessen die letzten Reserven aus seinen Beinen. Als er vorhin aufgestanden war, hatte er direkt aus dem Fenster des Gästezimmers geschaut, in dem er die Nacht verbracht hatte. Der strahlend blaue Himmel und die ersten Sonnenstrahlen hatten geradewegs dazu eingeladen, eine ausgiebige Runde zu joggen.
Er erreichte den Haupteingang ihres Häuserblocks. Mit dem Transponder an seinem Schlüsselbund öffnete er die Tür und begab sich zum Fahrstuhl. Beim Hochfahren spürte er, wie nötig das Laufen heute Morgen gewesen war, denn er fühlte sich irgendwie leichter und freier. Heftig stieß er den Atem aus und freute sich auf eine warme Dusche.
Der Mai lieferte bisher täglich Temperaturen weit über zwanzig Grad, sodass die Abende schon an laue Sommernächte erinnerten. Morgens konnte es noch recht frisch sein. Diese Frische trug er nun mit sich.
Die Türen zur Penthousewohnung öffneten sich und er trat ein. Sofort holten ihn Stimmen aus dem Wohn-Ess-Bereich in die Realität zurück. Ohne einen Blick in Richtung der Geräuschquelle zu werfen, ging er geradewegs ins Badezimmer und drehte die Dusche auf. Er zog sein verschwitztes T-Shirt aus und warf es mit seinen Shorts und den Socken in den Wäschekorb neben dem Waschbecken. Sein Blick streifte kurz seinen nackten Körper und wanderte anschließend hoch zu seinem Gesicht. Er entdeckte darin wieder diesen Ausdruck von gestern musste wieder an die Szene mit Thomas denken, als er ihn wenige Stunden zuvor im Bad vorgefunden hatte.
„Alles in Ordnung?“, hatte sein Mann ihn ganz unverfänglich gefragt, während er nackt, wie Gott ihn schuf und mit Erektion in der Tür gestanden hatte.
„Ich kann das nicht!“, war es mit krächzender Stimme aus Lukas herausgebrochen.
Er hatte sichtlich mit seinen Emotionen gekämpft und war vollkommen neben der Spur gewesen. Die gesamte Situation mit diesem Sven hatte ihn überfordert und das Fass zum Überlaufen gebracht.
„Wie jetzt? Ist doch ‘n geiler Typ. Du kannst ihn auch zuerst rannehmen, wenn es das ist, was dich stört.“
Niedergeschlagen hatte Lukas sein Spiegelbild betrachtet. Thomas schien sein Problem nicht zu verstehen. Es hatte ihn wie ein Faustschlag ins Gesicht getroffen, dass sein Partner ihn nach all den Jahren so schlecht lesen konnte. Er fühlte sich elendig und allein. Absolut fehl am Platz. Thomas begriff das anscheinend nicht. Dementsprechend hatte sich Lukas zusammengerissen, tief eingeatmet und versucht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.
„Mir ist gerade nicht gut. Macht ihr ruhig weiter und habt euren Spaß“, hatte er seinem Ehemann schniefend entgegnet und sich mit dem Handrücken über die Nase gewischt.
„Okay“, war alles, was Thomas darauf zu sagen hatte. Bevor er wieder Richtung Schlafzimmer verschwunden war, hatte er noch innegehalten und Lukas zugezwinkert. „Du hast sicher nichts dagegen, ins Gästezimmer zu gehen, oder? Sven und ich nehmen dann das Schlafzimmer. Träum süß.“ Dann hatte er sich abgewandt und die Tür zum Bad geschlossen.
Lukas hatte fassungslos dagestanden und nicht gewusst, ob er geträumt hatte oder ob das tatsächlich gerade genauso passiert war.
Ist das sein Ernst? Er geht einfach und vergnügt sich? Die Tränen waren abermals in seine grünen Augen gestiegen. Er hatte alles verschwommen gesehen und gemerkt, wie seine Lippen zu zittern begonnen hatten. Obwohl er sich am Rand des Waschbeckens abgestützt hatte, hatten seine Beine nachgegeben und er war zu Boden gesunken. Seine Haut hatte die anthrazitfarbenen Fliesen berührt, was die Kälte, die er bereits innerlich spürte, zusätzlich von außen verstärkt hatte. Lukas hatte bitterlich geweint und das Gefühl gehabt, in ein riesiges schwarzes Loch zu fallen. Er war allein, niemand war da, um ihn aufzufangen. So hatte er eine ganze Weile dagesessen und war von seinen Gefühlen übermannt worden.
Nachdem er sich einigermaßen beruhigt hatte, hatte er sich hochgehievt, sich kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt und einen Schluck getrunken. Danach war er ins Bett gegangen, wo er sich in die Decke eingerollt hatte. Im Zimmer nebenan hatte er unentwegt Thomas’ und Svens stöhnende Laute gehört und versucht, sie zu ignorieren, was angesichts ihrer Lautstärke nicht einfach gewesen war. Mit auf die Ohren gepresstem Kissen und dem Wissen, was einen Raum weiter vor sich gegangen war, hatte er irgendwann weinend in den Schlaf gefunden.
Als sich Lukas nun wieder an diesen Vorfall erinnerte, wurde ihm flau im Magen und er löste sich von dem Anblick im Spiegel. Er ging unter die Brause. Seine Augen hielt er geschlossen und schaute nach oben. Das perlende Wasser auf seinem Körper war eine Wohltat und wusch den Kummer wie Dreck von ihm ab. Mit einem Handtuch um die Hüften ging er nach der Dusche ins Schlafzimmer und zog sich an. Zerknirscht nahm er das von der letzten Nacht zerwühlte Ehebett wahr. Als er nach dem Stylen in die Küche kam, traute er seinen Augen nicht. Thomas und dieser Surferboy saßen über Eck am Esstisch und frühstückten miteinander.
Oder frühstückten sie eher sich? Den Tisch musste sein Mann gedeckt haben, denn er selbst war es nicht gewesen. Und normalerweise machte Lukas das auch nur, weil Thomas dazu keine Zeit hatte. Lukas sah zweimal hin, ehe im fast die Augen herausfielen. Die bestrichenen Brötchen und dampfenden Kaffeetassen waren vollkommen nebensächlich, denn sein Ehemann und dieser blonde Kerl knutschten wie wild. Von ihm schienen sie keine Notiz zu nehmen. Wenigstens tragen sie ihre Shorts! Lukas räusperte sich. Die Männer lösten sich voneinander und sahen zu ihm herüber. Sven lächelte und wuschelte sich durch das Haar am Hinterkopf. Ist dem Kerl das Ganze nicht unangenehm?
„Oh, hi, Schatz. Auch endlich wach?“ Thomas stand tatsächlich auf und kam zu ihm, um ihm einen Kuss zu geben.
Lukas konnte noch rechtzeitig seinen Kopf zur Seite drehen, sodass der Schmatzer ihn nur auf der Wange streifte. Es widerte ihn an, von seinem eigenen Mann geküsst zu werden, nachdem dieser nur wenige Sekunden vorher seine Lippen auf den Mund eines anderen gepresst hatte. Ihm war klar, dass das womöglich albern war, wenn er an den gestrigen Abend dachte und sie alle drei miteinander rumgemacht hatten. Doch die Situation im Bad rückte seine Sichtweise in ein anderes Licht. Lukas musste dringend mit Thomas darüber sprechen. Oder lieber nicht? Das eskaliert wieder nur. Seinem Mann entging das Wegdrehen des Kopfes nicht und seine Augen sprachen Bände. Sie verengten sich zu Schlitzen, die ihn boshaft musterten. Da half auch sein aufgesetztes Grinsen nichts. Sven beobachtete sie und Lukas beschlich das Gefühl, dass auch er Wind von der angespannten Lage bekam. Doch Thomas wäre nicht Thomas, wenn er das nicht perfekt überspielen könnte.
„Sorry, ich habe noch gar nicht meine Zähne geputzt“, sagte er und gab Lukas lächelnd einen Klaps auf den Hintern.
Lukas ließ diese Handlung über sich ergehen, obwohl er Thomas am liebsten eine Szene gemacht hätte. Doch er durfte sich nicht beschweren. Immerhin hatte er in der Nacht nichts gegen dieses Date gesagt und musste nun damit zurechtkommen. Aber er wollte das nicht. Um der Situation zu entkommen und alles ein wenig aufzulockern, schnappte sich Lukas einen Apfel aus dem Obstkorb auf der Küchenzeile und einen Proteindrink aus dem Kühlschrank.
„Hat mich gefreut, dich kennenzulernen, Sven. Ich bin dann mal auf der Terrasse“, richtete er das Wort an ihren Gast und verließ den Raum, um draußen auf der Lounge Platz zu nehmen. Sein Blick schweifte wie so häufig über die Hafencity Hamburgs, die in Sonnenlicht getaucht wurde. Kleine Federwölkchen zogen am Himmel entlang und dämpften Lukas’ Wut und Trauer. Im Hintergrund konnte er hören, wie Thomas und Sven herumalberten und das Frühstück genüsslich beendeten. Anschließend machte sich ihr Gast frisch und verabschiedete sich aus der Ferne von Lukas, ehe er die Wohnung verließ. Diese Geste empfand Lukas als freundlich und er machte dem blonden Rettungssanitäter keine Vorwürfe. Sven konnte schließlich nichts für die Anspannung heute zwischen ihm und seinem Mann, der jetzt zu ihm nach draußen kam.
„Und? Alles wieder in Ordnung?“ Er setzte sich zu Lukas auf die Loungegarnitur, legte einen Arm um ihn und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Schläfe. Sein Blick richtete sich wie der von Lukas nach vorne.
Lukas selbst war erst steif, löste sich aber aus der Starre, als er Thomas’ Arm auf seinen Schultern spürte. „Ja, geht wieder.“ Denke ich zumindest.
„Was war das denn gestern Abend, als du so plötzlich aufgestanden bist und nicht zurückkommen wolltest? Ich musste mir irgendetwas für Sven ausdenken. War nicht so cool, wenn ich ehrlich sein darf.“ Den vorwurfsvollen Ton konnte sein Mann nicht verstecken, so sehr er sich auch bemühte.
Sein Ernst? Lukas war entsetzt, dass Thomas tatsächlich versuchte, ihm die Schuld für ein nicht perfektes Date zuzuschieben. Ein Date, das ich nicht wollte. Wonach ich nicht mal gefragt wurde. Das einfach hinter meinem Rücken abgemacht wurde. Es war keine Wut, die sich in ihm breitmachte, sondern vielmehr ein stechender Schmerz. Lukas behielt das aber für sich. Er wollte keinen Streit. Dazu war er zu harmoniebedürftig.
„Tut mir leid. Mir ging es nicht gut. Ihr hattet hoffentlich trotzdem euren Spaß“, gab er zurück. Er richtete den Blick nach unten und atmete tief ein. Das Letzte, was er jetzt wollte, war zu weinen. Das würde Thomas erneut Anlass geben, nachzufragen.
„Na dann.“ Diese zwei Worte waren kühl und abgeklärt. Keinerlei Liebe steckte dahinter.
Das traf Lukas. Es war vielleicht kindisch, aber insgeheim wünschte er sich, dass sein Ehemann doch nachfragen würde und er sich alles von der Seele reden konnte. Stattdessen war das Gegenteil der Fall. Thomas stand auf, trat ans Geländer und schaute weiter hinaus über die Dächer der Hafencity. Erst jetzt bemerkte Lukas, dass sein Mann sich eine seiner italienischen Jeans und einen weißen Sweater angezogen hat. Sein volles braunes Haar trug er nach hinten gegelt. Trotz durchzechter Nacht sah er fit und frisch aus.
„Ich geh gleich ins Büro, um ein paar Dinge vorzubereiten. Morgen bin ich auf Geschäftsreise in Köln“, sagte Thomas und drehte sich zu Lukas um, der ihn stumm anstarrte. Lässig lehnte er am Geländer der Terrasse.
„Aha.“ Mehr brachte Lukas nicht heraus.
Es war zu viel. Diese Ignoranz, die von seinem Mann ausging. Dass er auf eine Geschäftsreise musste, stieß ihm ebenso auf. Lukas war sich sicher, dass Thomas auf seinen Reisen bereits den einen oder anderen Typen klargemacht hatte.
So lief das seit mehr als anderthalb Jahren. Lukas erinnerte sich noch allzu gut an das erste Mal, als Thomas einen anderen Typen für sie klargemacht hatte. Sie waren zusammen auf einer dieser queeren Partys auf der Reeperbahn gewesen. Auch Steven, Mike und Sophie waren dabei mitgekommen. Dass Lukas’ Freunde mit von der Partie gewesen waren, hatte Thomas überhaupt nicht geschmeckt. Er konnte von Anfang an nichts mit „Lukas’ Leuten“, so nannte Thomas sie, anfangen. Sie wären ihm zu simpel und zu banal. Hätten keinen Stil oder sonst irgendwas zu bieten. Lukas nahm das ebenso hin wie die drei. Schließlich musste man nicht jeden mögen. Bedauerlich fand er es dennoch.
Während auf der Party getanzt und getrunken wurde, hatte Thomas immer wieder versucht, mit Lukas für ein paar Minuten allein zu sein, bis es schließlich gelungen war. Sie hatten sich in eine kleine Nische des Clubs zurückgezogen, wo sie sich intensiv und leidenschaftlich geküsst hatten. Lukas liebte solche Momente, da er der spontane Typ war. Doch plötzlich hatte er etwas an seinem Rücken gespürt und bei einem Blick über die Schulter hatte er feststellen müssen, dass es nicht die Hände seines Mannes gewesen waren, die ihn berührten, sondern die eines Fremden mit südamerikanischem Touch. Thomas hatte ihn als Rodrigo vorgestellt. Lukas hatte einen Augenblick gebraucht, um den Verlauf des Abends Revue passieren zu lassen.
In der Zeit, in der er mit seiner Crew ausgelassen getanzt hatte, war Thomas viel an der Theke gewesen und hatte sich unterhalten, unter anderem auch mit diesem Rodrigo. Schließlich hatten sie Rodrigo mit zu sich nach Hause genommen und einen Dreier gestartet. Es war eine interessante Erfahrung gewesen. Dieses Erlebnis hatte sich seitdem aber häufiger wiederholt und war zur Regel geworden. Ohne es zu merken, waren er und Thomas in eine offene Ehe gerutscht. Und das ist auch okay so. Oder nicht? Lukas war sich da nicht mehr so sicher. Insgeheim spürte er, dass es so nicht in Ordnung war, zumindest nicht für ihn. Es ging ihm schlichtweg nicht gut mit dieser Form der Partnerschaft. Mittlerweile hatten sie sogar getrennte Sexdates. Sie beide allein hatten nur noch selten Sex miteinander. Und das war schlichtweg nicht okay so. Doch er wollte keine Widerworte geben, etwas in ihm hinderte ihn daran. Was genau das war, konnte er sich nicht richtig erklären, vermutlich war es Liebe?
„Was meinst du mit aha?“, hakte Thomas nun nach, verschränkte die Arme vor der Brust und holte Lukas aus seiner Gedankenspirale.
„Gar nichts.“
„Klingt aber nicht nach gar nichts, wenn du mich fragst. Ich kenne dich.“ Thomas zog eine Braue hoch, was einer verbalen Aufforderung gleichkam, mit der Sprache herauszurücken. Du kennst mich eben nicht, sagte sich Lukas in Gedanken. Er fühlte sich sichtlich unwohl und rutschte nervös hin und her. Er wägte ab, was er tun sollte, und entschied sich dann doch, ehrlich zu sein.
„Ich kann das so nicht, Schatz“, begann er und fing sich einen fragenden Blick ein. Lukas rang nach den passenden Worten. „Na, dass wir andere Männer zu uns ins Bett holen. Dass du mich gestern zum Beispiel nicht mal gefragt hast, fand ich auch echt scheiße. Viel lieber hätte ich mit dir allein einen Film geguckt oder etwas anderes Gemütliches gemacht. Aber … “ Thomas’ erhobene Hand ließ ihn abbrechen.
„Stopp! So nicht. Das war unsere Absprache und wir waren uns einig.“ Was für eine Absprache? „So ‘n bisschen Abwechslung schadet nicht. Und du profitierst doch auch davon, oder etwa nicht?“, fuhr er Lukas über den Mund und schaute von oben auf ihn herab.
Lukas fühlte sich wie ein ungezogenes Kind, das seinen Eltern Widerworte gab und jetzt seine Standpauke erhielt. Er schnappte nach Luft und wollte kontern. So weit ließ ihn Thomas allerdings nicht kommen. „Du hast doch ebenso deinen Fun. Allein. Ohne mich. Und das gleiche Recht nehme ich mir auch raus. Es ist doch viel schöner, zusammen mit einem anderen Kerl rumzumachen, statt jeder für sich. Aber das willst du anscheinend auch nicht. Schade drum. Da hättest du deine gemeinsame Beschäftigung gehabt, die du doch immer willst.“
Lukas sah Thomas entgeistert an. Er konnte nicht glauben, was er da hörte. Spinnt er jetzt völlig?! Ich hatte doch gar keine Chance, etwas dagegen zu sagen, du Arsch!
„Und tu jetzt nicht so unschuldig und wehleidig, Lukas. Nur, weil Sven und ich mehr Spaß zusammen hatten als ihr beide. Komm damit klar.“ Der Schlag ins Gesicht, den diese Worte mit sich brachten, traf Lukas mit voller Wucht und beförderte nun jeden Funken Wut an die Oberfläche. Er sprang auf und stand Thomas direkt gegenüber, der wenig beeindruckt wirkte.
„Ich hatte ein Date in all der Zeit“, gab Lukas gepresst von sich.
