Ich will (nur) überleben - Bianca Schedding - E-Book

Ich will (nur) überleben E-Book

Bianca Schedding

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Beschreibung

Fay Soul ist kein gewöhnliches unsterbliches Wesen, das ihre Eltern sucht und am Ende glücklich und erfolgreich aus der Geschichte spaziert. Fay Soul ist keine Heldin, sondern eine schnippische, selbstbewusste Lügnerin und Mörderin. Sie weiß es und steht auch dazu. Als sie in der Menschenwelt von unsterblichen Wesen gefangen genommen und in die berühmte Welt von Ambrus verschleppt wird, verstärkt sich ihr Gefühl, dass sie alleine am besten klar kommt. Doch auch in Ambrus ist nicht alles so, wie der heilige Schein es vermuten lässt. Eine übernatürliche Kraft bedroht die unsterblichen Wesen in Ambrus und selbst die Sieben stehen vor ihrer größten Herausforderung. Es beginnt ein schwerer Kampf gegen das Böse und eines ist klar: perfekt zu sein, rettet einen bei weitem nicht vor allem Bösen. „Oh, du Meeresflut, nimm mich mit. Oh, du Meeresflut, treibe mich davon. Oh, du Meeresflut, lass mich nicht allein. Oh, du Meeresflut, singe dein Lied. Oh, du Meeresflut, ich bin ganz dein. Oh, du Meeresflut, ich bin doch noch zu jung.“

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Seitenzahl: 462

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Ich war immer diejenige, die dafür gesorgt hat, dass man

Kinder trösten konnte, indem die Dorfheiler zu ihnen sagten:

„Ich hatte schon Schlimmere.“ Diese Schlimmere war ich.

Das Bild von Jesus Tod in der Kirche war immer mein

Lieblingsbild.

Der Wochentag „Donnerstag“ war mein Lieblingstag – aus

dem einfachen Grund:

in ihm steckt das Wort „Donner“.

„Früher hatte ich immer Angst, dass ich Menschen durch

meine Art verscheuchte.

Nun ist es mir egal.“

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Erster Teil

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Zweiter Teil

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Dritter Teil

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Währenddessen bei Rene

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Epilog

Prolog

Ich schwamm.

Ich schwamm um mein Leben.

Die hohen Wellen brachen über mir, zerrten mich in die Tiefe des Meeres und zerrissen meine Lungen. Doch ich kämpfte mich nach jeder Welle wieder nach oben und schwamm unerbittlich weiter. Ein Zug. Gleiten lassen. Der nächste Zug und dann wieder gleiten. „So kommst du bis ans Ende der Welt“ hörte ich die Stimme meines Vaters, als er mir damals das Schwimmen beigebracht hatte. Ich atmete tief ein und vollendete noch einen Zug. Meine Augen waren fest auf mein Ziel gerichtet. Die hohe Felswand, die das Meer von Ambrus trennte. Ambrus – meine Rettung.

Ich holte tief Luft und tauchte unter, als die nächste Welle kam, was sich jedoch als fataler Fehler herausstellte. Anstatt schneller vorwärts zu kommen, hatte ich das Gefühl auf der Stelle zu schwimmen. Nach Luft ringend schoss mein Kopf aus der Wasseroberfläche und ich paddelte wild, damit ich ja oben blieb. Ich schloss kurz die Augen und versuchte möglichst ruhig zu atmen. „Sei die Mörderin“, befahl ich mir innerlich. Man war nur eine gute Mörderin, wenn man ruhig und beherrscht war. Und ich war eine gute Mörderin. Entschlossen öffnete ich die Augen und verstärkte meine Züge, glitt entschlossener und atmete beherrschter. Die Wellen wurden kleiner, jedoch nicht schwächer. Doch die Felswand wurde vor mir immer größer, bis ich endlich den Boden unter meinen Füßen spüren konnte. Noch wenige Züge, dann der letzte Zug, das letzte Gleiten und ich konnte auf dem weichen Sand krabbeln, bis ich mich schlussendlich erschöpft hinlegte. Die Wellen umspülten meine Beine und kaltes Wasser schlich sich unter meinen Körper, doch sie waren mir nicht mehr überlegen. Ich seufzte erleichtert, was von einem leichten Lächeln begleitet wurde. Ich spürte den Regen auf meiner Haut und hörte den Donner, welcher die Wellen fast unberechenbar gemacht hatte.

Nach einer kurzen Pause krabbelte ich den Strand hinauf, wobei ich sicherlich eine deutliche Blutspur hinter mir ließ. Verkrampft versuchte ich mit dem gesunden Bein Sand über diese zu schieben, was jedoch nur wenig brachte. Nach weiteren kraftraubenden robbenden Bewegungen hatte ich die steile Felswand erreicht und lehnte mich an diese. Ich blickte in den düsteren Abendhimmel und versuchte ruhig zu atmen. Ich hatte es doch tatsächlich geschafft. Doch noch war ich nicht am Ziel. Die Felswand wartete auf mich und schien besonders spöttisch auf mich hinab zu blicken. Prüfend schaute ich zu meinem verletzten Bein. Ab der Kniehöhle war die Haut offen und brannte wie die „Hölle“, die uns der alte selbsternannte Kleriker damals in meinem Geburtsdorf als ziemlich schmerzhaft beschrieben hatte. Ich biss die Zähne zusammen, als ich mein mit blutdurchtränktes Shirt fester um die Wunde band und der Schmerz sich durch meinen Körper bohrte. Erschöpft schloss ich die Augen und ließ den Regen noch eine Weile auf mich fallen. Müde beschloss ich morgen aufzubrechen und suchte mir eine Nische in der Felswand. Wenn ich nicht entdeckt werden wollte, musste ich wohl oder übel im Sitzen schlafen, stellte ich nüchtern fest.

Ausgelaugt lehnte ich meinen Kopf gegen den feuchten Stein und schaute auf den Strand hinunter. Immerhin wurde mein Blut von dem Regen in das Meer getrieben. Mein Herz beruhigte sich langsam und da kamen sie. Ohne Vorwarnung. Ohne guten Grund. Still flossen sie über meine Wangen und da ich nicht Gefahr lief gesehen zu werden, ließ ich sie einfach laufen. Die Tränen. So saß ich mit blutendem Bein und einem von Tränen überströmten Gesicht, in einer Nische eingeklemmt, in der Nähe des berühmten Ambrus und hoffte in dieser Nacht nicht zu sterben.

Sanftes Licht strich über mein Gesicht und der leichte Wind kitzelte meine Nase. Ich öffnete langsam die Augen und sah auf ein friedliches Meer. Es lag still da und das Wasser glänzte in der frühen Morgensonne. Man könnte fast meinen, dass es ein schöner Tag werden würde. Ich wandte den Blick ab und betrachtete meine Verletzung. „Mist“, murmelte ich, als ich die roten Flecken um die Wunde sah und unterdrückte einen Schrei, als ich versuchte es anzuwinkeln. So konnte ich doch unmöglich die Felswand erklimmen. Ich seufzte frustriert und biss mir auf die Lippe. Jetzt wollte ich schon widerwillig um die Hilfe der Leute von Ambrus bitten und jetzt sollte es mir auf den letzten Metern nicht gelingen. Warum machten sie es einem denn auch so schwer, zu ihnen zu kommen?

Plötzlich hörte ich leise Schritte und augenblicklich stellte ich das Atmen ein, was für mich als unsterbliches Wesen keine große Gefahr bedeutete. Die Schritte kamen langsam näher und schon bald sah ich eine Gestalt nah am Wasser vorbeilaufen. Sie war großgewachsen und trug einen schwarzen Umhang mit Kapuze, sodass ich nur die Silhouette sehen konnte. In der Hand hielt die Gestalt eine einzige weiße Rose. Irgendwie war dieser Anblick unglaublich traurig, aber das hatte mich nicht zu kümmern. Ich musste auf mich aufmerksam machen, wenn ich weiter leben wollte und ich hing sehr an meinem Leben. Nicht weil es vor Glück nur so trotzte, sondern weil ich mir nicht vorstellen mochte, wie es wäre, wenn es mich nicht mehr geben würde. Keiner würde mich vermissen – man würde nicht einmal wissen, dass es mich gegeben hatte. Das war ziemlich beängstigend und grauenhaft. Stellt euch nur mal zwei Minuten vor, wer ihr eigentlich seid. Was für eine Bedeutung ihr habt. Wer euch kontrolliert. Hundert Jahre später seid ihr vergessen und nur noch ein Haufen Knochen, wenn diese nicht irgendein heimatloser Köter schon kaputt geknabbert hätte.

Sollte ich nun schreien? Es würde lächerlich wirken und wahrscheinlich würde ich mehr als ein hohes Quieken nicht einmal herausbekommen. Ich musste widerwillig lächeln. Da würde die Gestalt wohl eher die Flucht ergreifen, als mir zu helfen. Apropos die Gestalt. Sie war schon fast aus meinem Sichtfeld verschwunden.

„Hilfe!“, rief ich leiser als gewollt, da meine Stimme mir nicht ganz gehorchte. Doch die Gestalt hatte sich unverzüglich umgedreht. „Hilfe!“, rief ich erneut, da man mich höchstwahrscheinlich nicht sehen konnte. Nun kam sie langsam auf mich zu. Mein Atem wurde unbewusst schneller, doch ich bemühte mich, ein nettes Lächeln aufzusetzen, als sich die Gestalt vor die Nische hockte. Es war ein Mann. Ein unsterbliches Wesen, was ich an den weißen Punkten in seinen braunen Augen erkannte. Sein Gesicht war kantig und seine Wangenknochen stachen stark hervor. „Was macht eine junge Frau, wie sie, hier?“, fragte der Mann mit rauer Stimme überrascht. „Ich brauche die Hilfe von den Seldamanen“, erklärte ich keuchend. Seldamanen nannte man die Leute in Ambrus. Der Fremde zog nur eine Augenbraue hoch und schob seine Kapuze zurück. Ich erkannte kinnlanges braunes Haar und das Zeichen eines hochrangigen Seldamanen, welches hinter dem Ohr begann und bis zum Kinn hinunter schmal verlief. Sein Gesicht hatte den Ausdruck, als ob er so einer wäre, der alle Gesellschaftsspiele gewinnt. „Da hast du Glück gehabt“, lächelte er und zog mich vorsichtig aus der Nische. Er hob mich ohne ein weiteres Wort hoch und trug mich um die Felswand. Dort war ein Weg, der so verborgen war, dass ich ihn nie gefunden hätte. Er brachte mich nach Ambrus und dort in ein hohes Gebäude. Ich bemerkte, nur durch einen Schleier vor meinen Augen, die Schönheit dieser Stadt, die in der Welt der Menschen in vielen Legenden umschrieben wurde und abends viele Kinder in ihre Träume begleitete.

Meine Verletzung wurde behandelt und nach einer Woche konnte ich wieder problemlos laufen. Ich hatte in dieser Zeit nur vier Gesichter kennen gelernt. Rene, den Mann, der mich gerettet hatte, Nikolas und Fanus, die Anführer der Seldamanen, die einen Termin zu meiner endgültigen Aufnahme bestimmt hatten, und Jane, der ich es zu verdanken hatte, dass ich mein Bein wieder einwandfrei bewegen konnte. Das Zimmer, in dem ich untergebracht worden war, war ein Traum. Ein Bett mit einer unglaublich gemütlichen Matratze (trotz der Delle am linken Kopfende), eine kleine Kommode und ein Fenster, welches mir den wunderschönen Blick auf das Meer erlaubte. Doch auch wenn das Zimmer wie aus einem Traum schien, konnte ich unter keinen Umständen für immer hier bleiben und ich wollte es auch gar nicht.

Erstens verabscheute ich die Seldamanen bis aufs Blut, da sie gegen den Angriff auf unser Dorf nichts getan hatten und zweitens musste ich meine Eltern finden. Ich würde den gleichen Weg, wie auf meiner Hinreise nehmen. Das Meer. Ich könnte toben vor Wut, wenn ich nur daran dachte, doch es gab keinen anderen mir bekannten Weg.

Mitten in der Nacht kletterte ich also aus dem Fenster und verschwand Richtung Meer. Unter den Seldamanen dachte man bestimmt nicht, dass jemand nicht bei ihnen bleiben wollte. Ich grinste. Da würden sie aber gucken. Ich nahm denselben Weg, den Rene mit mir gegangen war und stand schon bald mit meinen nackten Füßen im Wasser.

Entschlossen lief ich hinein und fing langsam an zu schwimmen. Die Wellen begrüßten mich stürmisch und ich stellte mir ihre Gesichter vor, wenn sie meine Botschaft fanden.

„Danke! :)“

Meine Eltern wären stolz auf mich. Endlich war ihr Mädchen höflich geworden.

ERSTER TEIL

10 Jahre später

Kapitel 1

Ich bog in die nächste Nebenstraße und sah das Schild schon von weitem. Es war hell erleuchtet und wirkte unwirklich in der dunklen Nacht. „Boundó“ mein Ziel. Dort würde ich heute die Nacht verbringen. Schnell überquerte ich den großen Platz des Dorfes, ließ meine Hand durch den Brunnen, in denen Menschen Wünsche gegen Geld tauschten, gleiten und klopfte an die Tür des Gasthauses. Schon kurz darauf öffnete sich ein Schacht in der Tür. Ein grimmiges Gesicht kam zum Vorschein.

„So spät noch draußen, junge Frau?“, lächelte der Wächter spöttisch, als er mich erblickte und zupfte unbewusst an seinem verfilzten Bart. Ich ignorierte die Frage und hielt ihm das nasse Geld hin.

„Nass“, erwiderte er und rümpfte die Nase. Sein Blick glitt neben mir zu dem Brunnen. Ich seufzte innerlich. Schlauer als gedacht. Also ließ ich einfach meine Kapuze von meinem schwarzen Umhang fallen, den ich mir einst von Rene geborgt hatte. Mein hüftlanges glattes schwarzes Haar fiel mir über die Schulter. Ich hatte keine Lust auf eine lange Diskussion, ob ich denn alt genug wäre, um hier zu übernachten oder welche Dienste ich ihm für eine Übernachtung bieten sollte. Ich war müde und wollte einfach nur noch schlafen. Ich wusste, was ich, was unsterbliche Wesen allgemein, für eine Wirkung auf Menschen haben und konnte es mir deshalb gut zunutze machen. Die Augen des Wächters weiteten sich. Ich musste lächeln. „Willkommen in Boundó“, grinste er und entriegelte die Tür. Ich nickte dankbar und trat ein.

Entgegen schlug mir ein widerlicher Geruch von Schweiß, Hitze und Bier. Männer saßen betrunken an der Bar und starrten auf die Tänzerinnen, die sich in knapper Kleidung, passend zur Musik bewegten. Alle Blicke waren auf die Tänzerinnen gerichtet. Ich drehte mich einmal um mich selbst, um wirklich sicher zu gehen, dass mich keiner beobachtete, um mich zu später zu verraten oder um mir nachher aufs Zimmer zu folgen. Doch ich wurde nicht beachtet. Ein Glück.

„Komm mit“, sagte der Wärter und führte mich aus dem Trubel fort. Nach einer Weile blieben wir vor einer Tür stehen. „Hier.“ Er gab mir den Schlüssel und deutete mit einem Nicken auf die Tür. Ich lächelte und sprach das erste Mal seit ich angekommen war: „Danke.“ Er erwiderte meine Geste und wandte sich zum Gehen. Ich seufzte erleichtert. Ich wünschte ihm noch eine Gute Nacht und schloss die Tür auf, welche gegen das Ende des Bettes stieß. Ich trat vorsichtig hinein und schloss die Tür behutsam. Ein Bett stand unter dem Fenster und ein Tischchen daneben. Mehr würde auch nicht hineinpassen. Ich schmiss den Koffer auf das Bett und atmete mit geschlossenen Augen tief ein, wobei ich den Atem des Wächters draußen vor der Tür spürte. Er war noch nicht gegangen. Seufzend öffnete ich die Tür und sah den Wächter an.

„Sie sind immer noch da?“, fragte ich kühl. Er sah mich verdutzt an. „Sie sollten nach unten gehen“. Er regte sich nicht. „Nun gehen sie schon“, setzte ich nun etwas ungeduldiger an.

„Naja, sie sind sehr schön, kann ich...“, setzte er an, doch ich ließ ihn gar nicht erst ausreden. „Gehen sie jetzt“, befahl ich ihm, knallte die Tür zu und lehnte mich mit dem Rücken an die Tür. Ich spürte, wie sich der Atem des Wächters immer weiter von meinem Zimmer entfernte. Ich atmete beruhigt aus. Die Menschheit wird Jahr zu Jahr einsamer und somit gefährlicher für mich – für mich als allein reisendes unsterbliches Wesen.

Ursprünglich wurden unsterbliche Wesen mit den Vampirwesen aus den Legenden verglichen. Wir haben ein übernatürlich gutes Aussehen, sind übernatürlich schnell und stark, unsere Sehkraft und unser Hörvermögen ist extrem ausgeprägt und wir sind unsterblich. Jedoch trinken wir unsterbliche Wesen kein Blut, haben keine Probleme mit dem Tageslicht und wir mussten auch nicht sterben, bevor wir uns verwandelten. Unsere Augen sind mit weißen Punkten versehen und wir genießen normales Essen. Außerdem haben wir gewisse Heilkräfte. Selbst kann ich kleinere Wunden heilen und auch in unserer Welt gibt es sogenannte Ärzte, die schlimmere Verletzungen oder Krankheiten behandeln können. Deswegen musste auch ich schon einmal Ambrus, wo eigentlich alle unsterblichen Wesen leben, aufsuchen. Die Verwandlung erfolgt nicht durch einen Biss, sondern man trägt dieses gewisse Gen in sich oder nicht. Man könnte sagen, dass die Natur uns mit keinem Fluch, sondern eher mit einem Geschenk versehen hat. Doch wie schon gesagt, sind wir unsterblich. Und diese Unsterblichkeit, die uns bestimmt ist, die unseren Namen schmückt, wird uns begleiten – überallhin.

Manche sehen die Unsterblichkeit als eben dieses Geschenk an, andere jedoch sehen den Fluch in ihrer Unsterblichkeit. Ich habe mich noch nicht entschieden, auf welcher Seite ich stehe, da ich zu dem Gedanken nicht zu sterben, sehr positiv stehe. Viele Menschen sehen uns wegen unseren wenigen Mängeln als Vorbilder an, doch wenige Mängel sind absolut keine Merkmale, die ein Vorbild tragen sollte.

Ich seufzte und streifte meinen Umhang ab und legte ihn in meinen Koffer. In meinem Koffer lag nicht viel. Drei alte Bücher, zwei Hosen, zwei Sweatshirts, ein dickes Baumwollhemd, ein Bild von meinen Eltern und Socke. Socke war mein Bär. Es mag albern klingen mit 120 Jahren, auf ewig siebzehn, noch ein Kuscheltier zu haben, doch er war eben mein stiller Begleiter.

Ich mochte das Alleinsein sehr. Keine Regeln. Tun was ich will. Doch ich wollte die Gewissheit haben, was mit meinen Eltern geschehen ist. Ob sie wirklich tot waren oder vielleicht noch irgendwo lebten. Doch im Laufe der Jahre verlor ich dieses Ziel immer mehr, aber nie ganz aus den Augen. Immer öfter tat ich einfach, was ich wollte. Dachte nur an mich. Doch ein Ziel braucht doch jeder im Leben, damit es weitergeht. Also würde ich es behalten und weiter verfolgen, bis ich irgendwann ein neues Ziel haben würde.

Ich öffnete das kleine Fenster und schaute in die leeren Gassen. Der Wind wehte durch die schwankenden Masten der Schiffe im fernen Hafen und peitschte durch die Bäume vor meinem Fenster. Unter mir war noch immer lautes Getöse. Ich atmete ein letztes Mal die kalte Luft ein, dann schloss ich das Fenster, da ich Angst hatte, dass irgendein betrunkener Gast mich entdecken oder gar hochklettern würde. Ich zog eine alte bequeme Hose, die ich irgendwo mal gefunden hatte und mein Lieblings Shirt, welches ich schon als Mensch hatte, an. Meine Mutter fand es furchtbar, aber mir gefiel es. Ich musste lächeln, als ich mich an den skeptischen Blick meiner Mutter erinnerte, wenn ich es zur Schule trug. Ich schupste den Koffer vom Bett und kuschelte mich in die dünne kratzige Bettdecke.

Ich schloss die Augen und war schon bald eingeschlafen.

Ein unüberhörbares Krähen eines Hahnes weckte mich schon früh am Morgen.

Ich stöhnte und krabbelte unbeholfen aus dem tiefen Bett. Ich zog die Vorhänge des Fensters auf und sah wie gerade die Sonne aufging. Ich streckte mich und seufzte. Was würde mich heute erwarten? Nichts, was nicht auch die letzten Monate passiert ist. Ich würde möglichst unbemerkt durch die Straßen streifen, um nach Hinweisen zu meinen Eltern zu suchen. Vielleicht hier und da mich auf einem Markt umsehen und weiter die Welt erkunden. Am Abend würde ich mir wieder eine neue Unterkunft suchen. Für eine feste Unterkunft fehlte mir das Geld und unter einer Brücke zu schlafen oder auf einer Mülldeponie, nein danke. Die meisten Menschen waren von meinem Erscheinungsbild so verblüfft, dass sie das Geld für die Unterkunft vergaßen, doch nach längerer Zeit wurden sie aufmerksam. Arbeit bekäme ich nur als Sklavin. Da klaute ich mir lieber mein Essen oder suchte in den Gassen nach etwas Verwertbarem. Wenn mir jedoch jemand eine feste Unterkunft anbieten würde, würde ich wohl mit voller Begeisterung zusagen, denn die Hoffnung meine Eltern wiederzusehen und auch das Vergnügen am Herumziehen schwand mit jedem Tag ein wenig mehr.

In der Ecke entdeckte ich einen Eimer mit Wasser. Am Vorabend stand er noch nicht dort. Hatte der Wächter sich also doch einen Grund gesucht, mich im Schlaf zu beobachten. Ich schüttelte nur angewidert den Kopf, nahm sein Angebot jedoch dankbar an. Ich wusch mich und spülte mir den Mund aus. Schnell zog ich die Sachen vom Vortag an und packte alles wieder in meinen kleinen Koffer.

Der Gang war leer und was mir gestern noch nicht aufgefallen war, sehr staubig. In dem offenen Raum von gestern, lagen überall schmutzige Biergläser, Zigarettenstummel und vergessene Jacken. Inmitten des Raumes schlief noch ein verbliebener Gast. Mit flotten Schritten verschwand ich durch die Tür und brachte eine möglichst große Entfernung zwischen der Gaststätte und mich. Es war kühl und der Himmel bedeckt. Ich kräuselte die Nase. Wahrscheinlich würde es bald schneien. Schnee war mein Feind. Auf der Straße konnte man Fußabdrücke nicht nachweisen, aber im Schnee würde ich leicht auffindbar sein, falls jemand beabsichtigte mir zu folgen.

Ich bog um die nächste Ecke und kam an einem Laternenmast vorbei. An diesem hing ein Zettel mit einem Gesicht, welches mir ungewohnt bekannt vorkam. Ich stockte und ging ein paar Schritte zurück. Tatsächlich ein Flugblatt hing an dem Laternenpfahl. „Junge Frau gesucht“, lautete die Überschrift. Ich runzelte die Stirn, als ich sah, wer diese junge Frau suchte. Die Seldamanen, bei denen ich vor längerer Zeit Hilfe gesucht hatte. Seit ich dort gewesen war, hatte ich immer wieder Gesprächsfetzen über die Bewohner von Ambrus mitbekommen.

Jeder, der dort lebte, sei ein unsterbliches Wesen. Dort würden die Auserwählten, die die Menschheit beschützen sollten (was sie bei dem Angriff auf unser Dorf wohl vergessen hatten), leben. Außerdem ernährte sich jeder Seldaman von Menschenfleisch (wirklich sehr glaubwürdig) und die zwei Anführer Nikolas und Leopold sollen furchteinflößend und grausam sein. Besonders Leopold, der inzwischen seinen verstorbenen Vorgänger ersetzt hatte. Von ihm hörte man sowieso nicht viel und schon gar nichts Gutes. Es bestand kein Kontakt zu der Menschheit, dennoch wussten sie alles über diese. Sie waren unglaublich schlau und begabt in allem. Außerdem duldeten sie kein anderes unsterbliches Wesen in der Stadt, da sie der Meinung waren, dass man die Menschheit und die ihrer Welt nicht vereinen dürfte. Und nun?!

Ich war verwundert über das Flugblatt. Sie suchten die Hilfe der Menschen. Es musste etwas Wichtiges sein. Etwas unterhalb war ein Bild von der verschwundenen Frau abgebildet. Sie hatte lange schwarze Haare und dunkle Augen. Man sah Teile einer schwarzen Kapuze, die zu einem Umhang gehören musste. Eine Narbe auf der linken Stirnhälfte zeichnete das schmale Gesicht. Unbewusst strich ich über meine Stirn. Über meine Narbe, welche ich seit langem mit mir trug. Mitten in der Bewegung stockte ich. Dann wurde es mir wie vom Blitz getroffen klar, dass die Frau auf dem Flugblatt ich war. Lange schwarze Haare. Die schwarze Kapuze des Umhanges, welchen ich mir damals von Rene geborgt hatte, und die Narbe. Ich erschrak und ließ vor Schreck meinen Koffer fallen. Ich fühlte mich zwar geschmeichelt, dass sie mich als eine junge Frau betrachteten, aber warum wussten sie überhaupt, dass ich hier war? Und viel wichtiger – hatten sie mich erkannt? Hatten sie erkannt, dass ich das Mädchen war, welches damals ihre Heilkünste eiskalt ausgenutzt hatte. Woher wussten sie, dass ich hier war? Hatten sie einen menschlichen Spion? Wahrscheinlich.

Diese arroganten und widerlichen Leute. Ich trat wütend gegen den Mast. Doch wer mich verraten hatte, war mein geringstes Problem. Ich musste aus der Stadt und das schnell. Sie wollten mich. Die Seldamanen suchten mich und was die Seldamanen wollten, bekamen sie auch. Wenn nötig sogar mit Gewalt. Als ich dann auch noch die ausgesetzte Belohnung von hundert Pfund sah, pfiff ich leise durch die Zähne. Nur wenige Bewohner waren hier reich. Sich bei den Seldamanen beliebt zu machen, war für die Bewohner sicherlich auch nicht übel. Vielleicht ließen sie sich als Belohnung dazu hinreißen, einen ihrer teuren Stoffe dem Finder zu schenken, welcher sich dann wohl als begehrtester Mann des ganzen Ortes bezeichnen durfte. Ich sah mich um. Überall hingen diese Flugblätter. Ich konnte mich nirgendwo mehr blicken lassen.

Schnell riss ich das Flugblatt vom Laternenmast. Wütend knüllte ich es zusammen und warf es auf den Boden. Ich nahm meinen Koffer und verschwand in der nächsten Nische. Ich zog mein Messer, welches ich immer am Unterarm befestigt hatte, heraus und packte meine Haare. Vielleicht hatte ich eine größere Chance aus der Stadt zu fliehen und den Leuten von Ambrus zu entkommen, wenn ich mich äußerlich veränderte. Kurz gesagt: Haare ab. Mein Messer war scharf und so gelang es mir relativ schnell meine Haare abzutrennen. Am Ende waren sie schulterlang. Ich blickte an mir herab. Auf dem kahlen Boden lagen meine glatten, schwarzen Haare. Es sah scheußlich aus. Ich musste lächeln. Wie lange Spinnenbeine. Ich zerschnitt mein Shirt und trennte es in der Mitte unsauber durch. Meine Hose verlor ein Bein, wobei ich einen kurzen Moment die lange feine Narbe nachstrich, und meine Schuhe steckte ich samt den Stoffresten und den Haaren in meinen Koffer. Den Umhang verstaute ich ebenfalls in diesem. Anschließend klemmte ich den Koffer unter eine der vielen Holzdielen (alle Seitenwege und Nischen bestanden aus diesen, da Steine selten, Bäume jedoch genügend zur Verfügung standen). Ich schüttete ein wenig Staub auf die Stelle, damit man nicht auf die Idee kam, dass dort etwas versteckt war. Überraschenderweise verließ ich die Nische mit schwerem Herzen und begann langsam und schweren Schrittes die Straße hinunter zu gehen.

Die Leute, die an mir vorbeirasten, hielten mich für eine armselige Bettlerin, was auch mein Ziel war. Meinem Gesicht und auch den restlichen freien Stellen verpasste ich Staub und Dreck. Schließlich traf ich eine kleine Gruppe von wirklichen Bettlern. Sie knieten vor dem Haus des Fleischers, der seinen Abfall ihnen zum Fenster hinauswarf. Wie gern hätte ich mich zu ihnen gekniet. Jedoch wäre die Tatsache, dass ich die gesuchte junge Frau bin, nicht lange unerkannt geblieben – dank meiner Augen und meinem entsprechendem Aussehen. Mein Magen rumorte, doch ich machte mir nichts daraus. Jeder Bettler bekam ohne mich ein Stückchen mehr Fleisch. Anscheinend wurde selbst ich im Laufe der einsamen Jahre etwas weicher.

Ich schlang die Arme um mich und schlurfte weiter in Richtung Stadtrand. Den ganzen Tag ging ich mit langsamen Schritten und gebücktem Rücken. Ich schaute nicht auf und machte auch keine Pause. Ich stellte mir vor, dass ich eine lebenswichtige Person bin. Wenn ich aus dem Takt kommen würde, eine Pause machen würde, dann würde die Welt untergehen und die Sonne aufhören zu scheinen. Ich bin diejenige, die die Welt antreibt. Mit meinen gleichmäßigen Schritten. Es war unglaublich, wie viel Kraft ich aufbringen konnte, nur, weil ich mir einredete, gebraucht zu werden.

Manchmal blinzelte ich zu der Sonne hoch und stellte mir vor, wie es wäre, wenn es sie wirklich nicht mehr geben würde. Ewige Dunkelheit. Schwaches Licht in der Nacht. Würde ich dann besser fliehen können? Schweiß lief mir in die Augen und mein Shirt war ebenfalls nass geschwitzt. Doch die Sonne brachte Licht und Licht brachte Hoffnung. Hoffnung brachte Leben. Ich lief weiter. Irgendwann musste ich doch mein Ziel erreichen.

Mit dieser Einstellung war ich schon seit Jahren immer weitergegangen, bis sich schließlich mein Zeitgefühl für die Märsche grundlegend geändert hatte.

Der frühere Spaziergang wurde der Gang zur Theke.

Der Tagesausflug zum Spaziergang.

Der Jahresausflug zum etwas längeren Marsch.

Die unvorstellbare ewig lange Reise, deren Ziel man nie erreichen wird, wurde zum Alltag.

Ich lief bis tief in die Nacht. Bis ich mich vollkommen müde und erschöpft mit kaputten Füßen in einer Nische zusammenkugelte.

Ich schlang die Arme um mich, da der Winter vor der Tür stand und die Kälte sich schon einmal vorstellte.

Am nächsten Morgen würde ich die Stadt verlassen können und dafür würde ich Kraft brauchen.

Schon früh wachte ich auf. Der Boden war unbequem und meine Angst, um ruhig schlafen zu können, zu groß. Wenn ich heute nicht aus der Stadt kam, würden die Seldamanen mich finden. Sicher suchten sie schon nach mir.

Vorsichtig trat ich aus meiner Nische und guckte mich um. Es war früh am Morgen und so waren die Straßen leer und weiß. Mein Feind war gekommen – der Schnee. Behutsam wagte ich einen Schritt aus meinem Versteck. Augenblicklich verfingen sich die Schneeflocken in meinem Haar und der Schnee knirschte unter meinem Gewicht. Blinzelnd schaute ich in den Himmel. Gerade jetzt musste es schneien. Das machte die Flucht noch schwieriger, als sie sowieso schon war. Doch ich musste unwillkürlich lächeln. Langsam hob ich meine Hand und schaute zu, wie Flocken sanft auf ihr landeten und schließlich schmolzen. In dieser besonderen Art mochte ich sogar den Schnee. So hatte ich ihn schon immer gemocht. Ich blinzelte und schloss ruckartig die Hand. Ich hatte keine Zeit für Träumereien. Ich verzog den Mund, senkte sowohl die Hand als auch den Blick und erstarrte. Keine zwei Meter von mir entfernt, stand ein erwachsener Mann in schwarzer Kleidung. Seine Augen waren mit weißen Punkten versehen. Ich schluckte. Er lehnte an der gegenüberliegenden Hauswand und musterte mich neugierig.

„Fay Soul“, hörte ich seine tiefe Stimme und es klang nicht wie eine Frage, sondern eher wie eine Feststellung.

Trotzdem antwortete ich: „Nein, tut mir leid.“

Der Fremde hob beide Augenbrauen. „Wer dann?“

„Elizabeth, Sir.“

Er lachte. „Lügnerin.“

Mein Herz schlug augenblicklich schneller, sodass ich das sichere Gefühl hegte, es würde aus meiner Brust springen. Ich konnte wegrennen. Warum hatte ich das nicht längst getan? Gedacht, er würde auf eine einfache Lüge hereinfallen? Er war kein Mensch. Ich machte einen Schritt zur Seite und beobachte dabei den Fremden. Er blieb, wo er war. Schnell machte ich weitere Schritte weg von dem Mann. Er regte sich immer noch nicht.

Blitzschnell drehte ich mich um und rannte so schnell, wie ich konnte, weg. Ich sah mich nicht um. Wenn er mir folgte, würde ich es sicher merken. Der Schnee war rutschig, doch ich lief und lief. Der Wind peitschte in mein Gesicht, doch das kümmerte mich nicht. Ich biss die Zähne zusammen und beschleunigte meine Schritte. Ich atmete gerade erleichtert auf, da ich das Stadttor vor mir sah, als eine Gestalt an mir vorbeihuschte.

Mein Atem stockte. Renn weiter, Fay!

Es waren nur noch wenige Meter. Grau und im Schnee schimmernd lag das Tor am Ende der Straße. Ich konnte den Duft der Sicherheit schon spüren, als ich plötzlich ein grelles Zischen hörte und schon lag ich am Boden. Ich schrie. Jedoch mehr aus Überraschung als aus Schmerz. Etwas hatte mich an meiner Schulter getroffen.

Ich rappelte mich schnell wieder auf und spurtete weiter. Ich bemerkte ein unangenehmes Ziehen an meiner Schulter, doch das war mir egal. Auch die Frage, was mich da eigentlich getroffen hatte, konnte warten. Es waren nur noch so wenige Meter.

Erneut traf mich etwas an derselben Schulter. Dieses Mal stolperte ich nur, sodass ich schnell weiterlaufen konnte.

Mit zusammengebissenen Zähnen kämpfte ich für jeden weiteren Schritt. Es fehlten nicht mehr viele! Das Tor war greifbar.

Ich wollte gerade die Hand ausstrecken, um mich über das Gatter zu schwingen, als mich ein erneuter Schlag traf. Dieser war heftiger und ich stürzte zu Boden. Ich wollte aufstehen, doch meine Beine gehorchten mir nicht. Panik bereitete sich in meinem Körper aus. Nun mach schon! Zwei Schritte! Jetzt stell dich nicht so an! Doch mein Körper gehorchte mir nicht. Noch ein Schlag. Ich schrie. Ein Schrei voller Wut, Frust und Angst. Langsam kroch der Schmerz an mir hoch, da ich nicht mehr rannte. Ich stieß ihn gedanklich beiseite. Nun komm schon, Fay! Das kann doch nicht so schwer sein! Diese paar Meter. Jetzt reiß dich verdammt nochmal zusammen!

Doch so sehr ich mich bemühte, es gelang mir nicht, auf die Beine zu kommen. Ein weiterer Schlag durchbohrte meine Schulter und vibrierte durch meinen ganzen Körper. Es fühlte sich wie ein brennender Feuerstrahl, der durch meinen ganzen Körper wanderte, an.

„Hören sie sofort auf!“, rief auf einmal eine laute wütende Stimme und tatsächlich hörten die Schläge auf. Ich keuchte erschöpft und öffnete langsam die Augen und sah eine Gruppe von unsterblichen Wesen vor mir stehen.

Steh auf! Los. Mach schon! Doch mein Körper war wie gelähmt.

Die unsterblichen Wesen von der berühmten Ambrus. Die Seldamanen. Trotz der Situation war es faszinierend sie zu sehen. Ihre schwarzen Umhänge wehten in dem Wind und ließen sie aussehen wie Geister. Sie waren alle schwarz gekleidet. Müde schaute ich zu ihnen hoch und ich merkte wie die Kälte des Schnees an mir hochkroch.

Sie hatten mich wirklich bekommen.

Mein Atem ging wieder schneller. Ein grimmiger Mann mit blass rotem Haar wurde von einem anderen festgehalten. Ein anderer Mann hielt sich im Hintergrund und schaute mich mit dunklen Augen an. Ich hatte noch nie solche wunderbaren Augen gesehen. Sie waren ruhig und es ging eine Aura von ihnen aus, die ich nicht beschreiben kann. Man konnte sich förmlich in ihnen verlieren. Ich schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich wieder nur ein Trick, um mich zu verwirren und somit zu fangen. Doch ich musste noch einmal zu ihm schauen. Er war groß, gleich groß wie der Mann, der meinen Bombadierer festhielt. Er hatte ein schmales, ernstes Gesicht, welches von dunkelbraunen, kinnlangen Haaren umrahmt wurde. Ich stockte. Rene. Es war Rene. Er hatte sich nicht groß verändert. Zehn Jahre lagen zwischen unseren Begegnungen. Es war eine lange Zeit.

Ich zwang mich den Blick abzuwenden und bemerkte jetzt erst, dass ein weiterer Mann auf mich zukam. Er machte eine einfache Handbewegung und ich erwachte aus meiner Starre. Mein Atem stockte. Magie. Es war Magie im Spiel. Grimmig schaute ich die Leute an. Magie war verboten. Nur die Sieben waren befugt Magie auszuüben. Doch das war im Moment mein geringstes Problem. Ich musste möglichst schnell hier weg.

„Nicht weiterkämpfen, Fay? Du kommst ja auf Ideen“, dachte ich und richtete mich schnell auf, wobei mir der Schmerz Tränen in die Augen jagte. Doch es ging.

Also drehte ich mich um und lief mit der Hoffnung, keinen weiteren Magieschüssen ausgesetzt zu werden, so schnell, wie ich konnte, auf das Tor zu. Ich ignorierte den Schmerz. Würden die Leute mich hier fangen, würde dieser Schmerz noch schlimmer werden? Was mich wunderte, die Männer verfolgten mich nicht. Ich schaute mich noch mehrmals um, dann schwang ich mich über das Gatter, doch ich spürte nicht das Gefühl der Freiheit - der Sicherheit.

Unsicher begann ich zu rennen, wobei der Schmerz mir Tränen in die Augen trieb. Ich schaute mich noch ein paar Mal um, doch die Männer wurden immer kleiner. Als ich gerade erneut zu ihm schauen wollte, stieß ich gegen etwas. Ich drehte mich um und sah einen Mann vor mir stehen. Erschrocken wich ich zurück. Doch der Mann packte mich an den Armen und wollte mich festhalten. Ich wehrte mich heftig. Der Schmerz in meiner Schulter trieb mich an. Ich war doch jetzt gar nicht mehr in der Stadt. Sie durften mich nicht fangen! Wütend strampelte ich und schließlich ließ der Mann meinen Arm los. Ich trat einen Schritt zurück, holte aus und schlug mit aller Wucht mein Bein gegen seine Rippen. Er keuchte überrascht auf und ließ nun auch meinen anderen Arm los. Ich drehte mich zur Seite und wollte erneut fliehen.

Doch plötzlich stand der Mann, der eben auf mich zugekommen war, vor mir. Nikolas. Das Adrenalin ließ meine Erinnerungen auflodern. Ich ließ mir mein Messer in die Hand fallen und hielt es mir an die Kehle. Mann gegen Mann, da hatte ich keine Chance gegen die Seldamanen, doch ich hoffte inständig, dass sie mich nicht tot wollten. Bevor ich jedoch meine Drohung aussprechen konnte, umschloss seine Hand die Klinge meines Messers und ohne jeglichen Ausdruck zog er es mir aus der Hand. Ich umklammerte es fester, doch schon umfasste meine Hand leere Luft. Überrascht schaute ich ihn an und holte zum Schlag aus, doch er war schneller. Er packte mein Handgelenk.

„Hör auf dich zu wehren“, bestimmte er und ich schnaubte.

„Lassen sie mich los“, knurrte ich.

„Wenn du es so willst“, meinte Nikolas achselzuckend und ließ mich los. Ich runzelte die Stirn und wich zurück. Doch schon prallte ich gegen eine Frau. Erschrocken schaute ich mich um. Jane. Ich schaute nach links. Rene. Nach rechts. Ein anderer Mann. Hätte ich doch nur noch mein Messer, dann hätte ich diesem wirklich ein Ende bereitet. Ich hatte keine Chance zu entkommen.

Verzweifelt blickte ich wieder in Renes Augen. Seine dunklen Augen, die starr meinen Blick erwiderten. Erkannte er mich? Ich wich seinem standhaften Blick aus und schaute auf den Boden. Mein Blut tropfte auf den Boden. Ein starker Kontrast zu dem Schnee. Ich schaute wieder auf und blickte finster in Nikolas Augen. Ich setzte zu einem Schlag an, doch mitten in der Bewegung stockte ich. Ich sah nur noch schwarz. Nichts als tiefes Schwarz. Meine Umgebung war verschwunden. Panik überkam mich. Ich war blind. Ich biss mir auf die Lippen. Du wirst jetzt nicht weinen, Fay. Du wirst nicht klein beigeben.

Ich raffte mich und machte einen Schritt vorwärts. Ich wollte anfangen zu laufen, doch ich prallte gegen einen fremden Körper. Ich spürte einen dünnen Stoff und einen gut gebauten Körper darunter. Ich wollte wegrennen, doch dieser jemand nahm mich einfach hoch und trug mich davon. Mein Geist befahl mir mich zu wehren, doch meine Glieder gehorchten mir erneut nicht. Warum hatten sie mich denn nicht schon viel früher einfach gelähmt, so wie sie es konnten? Dieser unnötige Kampf? Wollten sie mich vorführen, wie ein in die Enge getriebenes Tier? Sie trugen meinen gelähmten Körper davon, ließen meine Seele jedoch dort.

Ich spürte nur noch am Rande eine seltsame Vibration, die mich umgab.

Kapitel 2

„Und was machen wir jetzt mir ihr?“, hörte ich eine Stimme fragen. Ich war wach und spürte das erste Mal seit langem wieder eine weiche Matratze eines Bettes unter meinem Rücken. Sie hatte eine leichte Delle am oberen linken Kopfende, die meinem Kopf zwang, sich eigenartig zu drehen, doch ich regte mich nicht. Ich kannte diese Matratze. Ich wusste, wo ich war. Ambrus. Sie hatten mich. Das war´s mit der Freiheit.

Es wurde nicht geantwortet. Doch dann kam eine Frage, die wie Gift in meinen Kopf drang. „Wird sie hingerichtet?“ Der Sprecher hatte eine klare, leise und doch bestimmte Stimme. Es klang so, als wäre die Frage für ihn keine Frage, sondern eine Feststellung. Als ginge es nicht um mein Leben. Ich erschrak, als ich die einfache Antwort hörte. „Ja, wahrscheinlich“. Ich stockte. Hinrichtung. Die Seldamanen wollten mich doch tatsächlich töten. Hatte sie meine Flucht so sauer gemacht?

Mein Brustkorb senkte sich und blieb auch unten. Ich hielt die Luft an. „Eins..., zwei..., drei..., vier...“, begann ich in Gedanken zu zählen. Hundert Sekunden musste ich schaffen, bis ich das Bewusstsein verlor. Den Rest würde mein Körper hoffentlich für mich tun. Ich spürte, wie ich allein gelassen wurde. Die versammelten Seldamanen verließen den Raum, um sich wahrscheinlich über die Angelegenheit, die nur meinen Tod beinhaltete, zu beraten. Doch das änderte nichts - ich atmete nicht.

Ich war bei fünfundvierzig, als sich die Tür öffnete. „Mach die Augen auf. Sterben kannst du auch noch später“, hörte ich eine raue aber freundliche Stimme sagen. Langsam und zögernd öffnete ich die Augen. Rene. „Ich habe dir angemessene Kleidung und deinen Koffer mitgebracht“, sprach er weiter. Ich sah ihn fragend an. „Deine Gedanken“, fuhr er mit einem Lächeln fort und stellte den Koffer auf den Boden. Ich schaute ihn finster an. „Ich habe nicht reingeschaut“, erwiderte er und wandte sich zum Gehen ab. Ich fragte mich wieder, ob er sich überhaupt an mich erinnerte und hielt ihn am Handgelenk fest. Meine langen, bleichen Finger umfassten fest sein Handgelenk. Erstaunt hob er die Augenbrauen und drehte sich zu mir um.

„Rene?“, flüsterte ich leise.

Er lächelte und schaute mich freundlich an: „Ich habe dich nicht vergessen, Fay.“ Ein Lächeln huschte über mein Gesicht.

„Warum bringen sie mir meinen Koffer, wenn ich doch sowieso von ihnen getötet werde, Rene?“.

„Von mir wirst du nicht getötet“, antwortete er nur und schaute mich eindringlich an.

„Das will ich hoffen“, meinte ich leise und ließ sein Handgelenk los und drehte den Kopf zur Seite. Rene hatte schon die Hand an den Tür Knauf gelegt, als ich ihn doch noch fragte.

„Kennen sie Noah und Vienna Soul?“, flüsterte ich unsicher. Vielleicht wurden meine Eltern ja auch von den Seldamanen gefangen und lebten jetzt dort oder sie wurden...

Doch bevor ich mir weitere Gedanken darüber machen konnte, sah ich wie er den Kopf schüttelte: „Nein. Tut mir leid.“ Ich nickte nur. Sie waren also nie in Ambrus. Einerseits gut, aber es wäre zu schön gewesen, wenn sie hier leben würden. Sie hätten bestimmt auch die Seldamanen überreden können, mich nicht zu töten. Ein Klopfen unterbrach erneut meine Gedanken.

„Wahrscheinlich Nikolas, um mit dir zu reden“, flüsterte Rene.

„Gedenken sie ja nicht mich zu wecken, Rene“, meinte ich leise und hörte wie er leise lachte. Ich schloss die Augen und versuchte möglichst gleichmäßig zu atmen - wie im Schlaf.

„Guten Tag, Nikolas“, begrüßte er den Anführer freundlich.

„Guten Tag, Rene. Was machen sie hier?“, bekam er knapp als Antwort.

„Ich habe ihren Koffer hergebracht. Ich hoffe, dieses war in Ordnung“, antwortete Rene höflich.

„Es war ihnen gestattet.“

„Vielen Dank.“

Ich spürte, wie Rene sich zum Gehen wandte. Inständig hoffte ich, dass er Nikolas mit nach draußen nehmen würde. Alleine mit ihm in einem Zimmer zu sein, wäre furchterregend. „Wenn mir die Frage erlaubt ist. Haben sie schon über die weiteren Geschehnisse gesprochen?“, fragte Rene mit fester Stimme.

„Logan ist darauf bedacht, sie hinrichten zu lassen. Traurig für das schöne Mädchen.“ Nikolas strich mir über meine Haare. Ich bemühte mich weiter ruhig zu atmen. Schön regelmäßig.

„Welche Gründe sind bedeutend?“

„Rene, sie ist ein unsterbliches Wesen und sie hat sich jahrelang unter den Menschen aufgehalten. Hätten wir den Hinweis schon viel früher erhalten, wäre dieser Missstand ebenfalls viel früher aus dem Weg geräumt worden. Sie gefährdet in gewisser Weise unserer Ehre.“

„Sie meinen die Ehre von den...“

„Ja, Rene“, unterbrach Nikolas ihn.

„Gibt es eine Möglichkeit, sie vor dem Tod zu bewahren? Logan hat sie immerhin mit Magie verletzt.“

„Was Logan angeht, er hat seine gerechte Strafe bekommen und das Mädchen ist gesund. Sie wurde von Jane untersucht und dementsprechend geheilt. Außerdem haben sie kein Wort mit dem Mädchen gesprochen, Rene. Ist es nicht so?“

„Es ist so, Nikolas, natürlich.“

„Wir können sie nicht retten. Lassen sie sich bloß das Mädchen nicht ans Herz wachsen, sie können nicht noch einmal so eine Trauer heile überstehen.“

„Natürlich. Sie dürfen nun gehen.“

Die Tür wurde geöffnet und Rene folgte dem Befehl. Nikolas strich mir erneut übers Haar (hatte er irgendeinen Berührungszwang?) und ging dann auch. Er war wohl wirklich gekommen, um mit mir zu sprechen. Aber mit einem Mann, der meinen Tod wollte, sprach ich nicht.

Ich wurde von hellen Sonnenstrahlen geweckt. Langsam öffnete ich die Augen. Ich war allein. Erleichtert seufzte ich. Es war ein schöner Tag. Die Sonne schien durch die Vorhänge und draußen glänzte der Schnee. Langsam richtete ich mich auf und schaute mir das Zimmer an, indem ich lag. Es war mit gelben Tapeten tapeziert, welche ein ungewöhnliches Muster trugen. Die Vorhänge waren weiß, sowie der Schrank, der mir gegenüber stand. Es war dasselbe Zimmer wie damals und es war ein schönes Zimmer. Ein schönes Zimmer und ein schöner Tag, doch das würde mein letzter Tag sein und dieses würde das letzte Bett sein, indem ich geschlafen habe. Ich verzog den Mund und stand langsam auf, um mich vor meinen Koffer zu knien.

Lächelnd strich ich über das alte Leder und öffnete die alten Scharniere. Pechschwarze kugelrunde Augen sahen mich lieb an. Socke. Ich lächelte leicht und strich über sein stumpfes Fell. „Na, ist das nicht ein schöner Tag zum Gehen?“, fragte ich verbittert. Er antwortete nicht. Wie er auch die Jahre zuvor nicht geantwortet hatte. „Es ist nicht schlimm“, versicherte ich ihm trotzdem und gab ihm einen sanften Kuss auf die Stirn. „Was bin ich doch für ein Kleinkind“, dachte ich missmutig und betrachtete kurz das Bild meiner Eltern. Ich sollte nun mit ihnen abschließen. Jetzt hatte ich sie bis zu meinem eigenen Lebensende gesucht und auf diesem Weg viel Unheil angerichtet, um nicht entdeckt zu werden, damit ich weiter bei den Menschen leben konnte. Hatte es mir etwas gebracht? Ich biss mir auf die Lippe und klappte entschlossen den Deckel des Koffers wieder zu. Nein, es hatte mich keineswegs weitergebracht. Den Koffer schob ich unters Bett und ich stellte mich anschließend vor den Spiegel des Schrankes.

Ich sah mit meinen roten Augen und den zerzausten Haaren schrecklich aus. Wütend legte ich meine Hände auf die Augen und heilte sie. Daraufhin sahen sie wieder perfekt aus. Diese Seldamanen kriegten mich nicht klein. Ich werde nicht als kleines, schwaches und zerzaustes Kind sterben. Dafür habe ich zu viel durchgemacht. Ich werde mit Würde gehen. Ich kämmte meine nun kurzen Haare mit den Händen soweit wie möglich durch. Ich musste lächeln. Die langen Haare gefielen mir zwar besser, aber jetzt fiel der Blick eher auf meine hervorgehobenen Wangenknochen, die mein Gesicht hart wirken ließen, als auf meine frühere Haarpracht. Trotzig reckte ich das Kinn. Meinen Umhang ließ ich im Koffer. Ich konnte mich nicht mehr unter ihm verstecken.

Entschlossen ging ich zur Tür. Gerade als ich die Klinke hinunter drücken wollte, wurde mir bewusst, dass ich gar nicht wusste, wohin ich gehen sollte. Es war absurd. Ich wusste nicht, wo ich hingerichtet werde sollte. Beinahe musste ich lachen. Sollten sie mich doch holen. Ich geh doch nicht freiwillig zu meiner Hinrichtung. Ich setzte mich mit angewinkelten Beinen auf einen Stuhl neben der Tür und wartete bis irgendetwas passieren würde.

Gedankenverloren schaute ich aus dem Fenster, als es plötzlich an der Tür klopfte. Ich reagierte nicht. „Guten Morgen“, begrüßte mich Rene, als er vorsichtig die Tür öffnete. „Ich dachte, du könntest etwas Ablenkung gebrauchen. Soll ich dir mal Ambrus zeigen?“

Ich schaute ihn skeptisch an. „Dürfen sie das denn?“

Er lachte leise auf: „Ja, es ist mir gestattet.“

Ich musste lächeln und stand auf.

„Komm.“ Er hielt die Tür auf und wir traten in einen gepflegten Flur, nicht so wie im Boundó. „Wir befinden uns in dem sogenannten Valetudinarium, wie bei deinem ersten Besuch auch.“

Ich runzelte die Stirn. „Valetudinarium?“

„Die Sprache der Ältesten. Ist dir Ärztehaus eher ein Begriff?“ Ich nickte. „Wir sind hier wegen deiner Schulter. Du kannst es dir wie ein ziemlich großes Haus mit drei Etagen vorstellen. Hier in der Zweiten befinden sich Behandlungs- und Krankenzimmer. Oben sind die Labore. Dort wird geforscht und es werden Krankheitserreger untersucht. Dort dürfen nur bestimmte Fachleute hin und unten in der ersten Etage sind das Wartezimmer und die Aufnahmestation sowie alle Akten und Unterlagen.“

Wir liefen eine aus Stein gemeißelte Treppe hinunter und da alle Treppen auf derselben Seite waren, gelangen wir schnell und ohne großes Aufsehen zu erregen nach draußen. Und da sah ich sie das erste Mal - die berühmte Straße von Ambrus. Sie war wunderschön! Kennst du diese Orte, in die man sich sofort verliebt? Die so schön sind, dass du dir gar nicht vorstellen willst, wie es ist, wenn sie zerstört würden. Wie es irgendwie dich selbst zerstören würde. Diese Orte haben eine Aura. Eine greifbare Energie. Nur ein Blick und du wirst sofort gefesselt. So ein Ort war Ambrus. Ich war sofort fasziniert und bin es immer noch.

Vor uns lag eine gepflasterte Straße, die sich meilenweit in die Länge zog. Ich blickte nach rechts und sah einige Häuser an der Straße. Am Horizont konnte man ein längliches Gebäude nur erahnen. Zu meiner linken Seite gab es ein ähnliches Bild, nur, dass am Ende die hohe Felswand emporrankte. Alles glänzte in der aufgehenden Sonne und da der Schnee von der Straße befreit wurde, sah ich, wie sauber sie war. Kein Stückchen Dreck. Keine zertretenden Essensreste oder Ähnliches. Sie war perfekt.

Rene führte mich als erstes links die Straße hinunter. Neben dem Valetudinarium lag ein Kräuterbeet, welches wohl gepflegt und ebenfalls von dem Schnee befreit worden war. Schon beim Vorbeigehen wurde man von einem angenehmen starken Duft umhüllt. Darauf folgte ein kleiner Garten mit Bänken, Brunnen, Statuen und einem angrenzenden Wald. Der Schnee glänzte hier so hell und sauber, dass ich erst einmal hindurch schreiten musste, um sicherzustellen, dass er echt war. Rene lachte und führte mich an dem Stückchen Wald vorbei, um dann tief in den Weiten des Geländes zu verschwinden. Wir kamen an einem Gebäude für Kleidung und Schuhe vorbei. „Hier kannst du dir deine Haare richten lassen, du hast sie etwas schief abgeschnitten“, lächelte Rene und deutete auf das nächste Gebäude.

Ich verzog den Mund. „Mir gefallen sie so.“

Er schmunzelte und schien sich eine Bemerkung verkneifen zu müssen. Ich zupfte etwas unbehaglich an meinem Haar herum, doch ließ es schließlich bleiben. Ob ich nun schön sterben würde oder nicht. Wenn kümmerte das schon? Mein Herz begann seinen Schlag zu verdoppeln und ich zwang mich Rene weiter zuzuhören. Vielleicht gab es irgendwo eine Lücke und ich konnte fliehen.

„Hier besorgen sich die Schüler ihr Schulmaterial“, erklärte Rene das folgende Gebäude. Daneben befand sich eine Art Kneipe. „Hier lassen wir es uns abends gut gehen“, lächelte Rene verschmitzt und deutete auf das kleine Lokal. Es folgte wieder ein Stückchen Wald und dann kam ein kleines helles unscheinbares Gebäude. Die anderen Häuser waren bisher aus einzelnen braunen oder grauen Steinen gebaut, hatten Fenster, welche mit Blumen geschmückt waren und wirkten sehr sauber. Dieses Gebäude wirkte dagegen kahl und leer. Die hellen Wände wurden von kleinen Fenstern unterbrochen, wo einzelne Blumen das Fenstersims schmückten, was jedoch auch nicht viel brachte. Es sah hübsch aus, doch irgendwie wirkte es furchtbar allein. Rechts von dem Haus war eine einzige lange Schneefläche, die sich wie der Wald endlos in dem Grundstück verlor. Rene war dabei über die Straße zu wechseln, ohne sich für das Gebäude zu interessieren.

„Warten Sie, wer wohnt hier?“, fragte ich und deutete auf das Gebäude. Rene drehte sich mitten auf der Straße um und zog die Augenbrauen hoch.

„Wir haben ein wenig Personal, für Leute, die es nicht schaffen, sich selber um ihren Haushalt zu kümmern“, bemerkte er und wandte sich schnell der anderen Straßenseite zu. Zögerlich ließ ich meine Hand sinken. „Sind sie Menschen?“, fragte ich.

„Ja“, antwortete Rene knapp, „Komm!“ Ich verzog den Mund und folgte ihm.

„Und wer kümmert sich zum Beispiel um die Gärten oder die Straße?“, fragte ich, als ich auf seiner Höhe angekommen war.

„Wir sind eine eigenständige Welt, Fay. Wir liegen nicht den ganzen Tag auf der faulen Haut und genießen es unsterblich zu sein. Trotzdem gibt es auch Gärtner und Köche um uns zu unterstützen, wenn uns andere Aufgaben rufen. Außerdem hat sich das Personal freiwillig gemeldet.“ Seine Stimme klang genervt und ich ließ es bei der Antwort bleiben. Freiwillig gemeldet? Wer tut denn so etwas?

Auf der anderen Seite war erneut eine große Fläche mit reinem Schnee. Ich vermutete, dass diese im Sommer von Rasen geschmückt war. Dann folgte wieder ein Stück Wald. Das erste Gebäude war ein quadratisches Gebäude mit braunen Steinen. „Das ist die Schola. Dort lernen unsere Kinder, bis sie den Wissensstand eines Seldamanen besitzen.“ Das folgende Gebäude war eine große Bibliotheca. Darauf folgte ein großes jedoch nicht sonderlich breites Gebäude für die Schüler, wie mir Rene erklärte. Freundliche Fenster schmückten hier die Fassade und Blumen wuchsen neben der Eingangstür. Ich drehte mich noch einmal zu dem kahlen Haus für das wenige Personal um. Es war auf beiden Seiten durch ein kleines Stück Wald von den anderen Gebäuden abgetrennt.

„Ein Sicherheitsabstand?“, fragte ich trocken.

„Möglicherweise“, antworte Rene.

Wir kamen an einem Garten vorbei, der dem Garten auf der anderen Seite sehr ähnlich war und auch genau auf dessen Höhe lag. Auf beiden Seiten folgten jeweils zwei zweistöckige Häuser. „Auf diese insgesamt vier Häuser verteilt wohnen die Seldamanen.“ Darauf folgten wieder dieselben Gärten auf beiden Seiten und dann kamen auf der linken Seite zwei einzelne Häuser. Auf der rechten Seite stand ein langes Gebäude mit einer Tür in der Mitte. „Wohnen dort jeweils die Anführer?“, fragte ich und deutete auf die zwei Häuser. Rene nickte.

„Und dort?“ Ich deutete auf das längliche Gebäude.

„Das wirst du noch früh genug erfahren, hoffe ich“, erklärte Rene und deutete zu dem langen Gebäude, das quer zu der Straße stand. „In diesem Gebäude befindet sich links ein Essenssaal mit der angrenzenden Küche. Hier in Ambrus wird Wert darauf gelegt, dass jede Mahlzeit gemeinsam eingenommen wird. Rechts ist ein Saal für gemeinsame Feste und der Saal für wichtige Entscheidungen liegt quer zum Flur.“ Eine große lange Treppe führt zu diesem Gebäude, rechts und links schossen wunderschöne Blumen in die Höhe. Ich wandte den Blick ab und musste mir eingestehen, dass Ambrus wunderschön war.

Doch leben wollte man hier nicht. Der eigentliche Grund ist, dass die Seldamanen oder zumindest ein Teil von ihnen imstande waren, in der Welt der Menschen Ungerechtigkeit zu verhindern. An jenem Tag, als das Dorf, in dem ich lebte, überfallen wurde und meine Eltern verschwanden, gab ich den Seldamanen dafür die Schuld. Ein einfaches Dorf, deren Bewohner nie irgendwo angeeckt waren, zu überfallen, nenne ich nicht gerecht. Also wo waren die Unheil verhindernden Seldamanen? Wo waren sie, als ich allein gelassen worden bin und zu dem wurde, was nun hier auf ihrer Straße steht?

„Kannst du hoch springen?“, riss mich Rene aus meinen Gedanken.

Ich schaute ihn verdattert an. „Wie hoch?“

Er schaute zurück zu der Schola, die als einziges ein flaches Dach aufwies.

Ich lächelte: „Das schaffe ich.“

Renes Mundwinkel zuckten und schon hatte er Anlauf genommen und stand auf dem Dach der Schola.

„Komm hoch!“, forderte er mich auf und schon stand ich lächelnd neben ihm. Augenblicklich weiteten sich meine Augen. Vor mir erstreckte sich ein riesiges Gelände und ich sah sogar einen Streifen Meer hinter der Felswand glitzern. Hinter dem länglichen Gebäude mit der einen Tür in der Mitte erstreckte sich eine helle Schicht bis zu den zwei Häusern für die Seldamanen auf der gegenüberliegenden Seite. Ich schaute genauer hin und runzelte die Stirn. War das E… „Ist das Eis?“, fragte ich Rene verblüfft.

Dieser lächelte: „Ja! Schau!“ Rene zeigte mit dem Finger zum Meer, über das ich damals hierhergekommen war. Jetzt erst bemerkte ich es. Es war zugefroren. „Dieses Meer wird unter dem Strand, unter der Felswand und unter diesem Boden bis zu dem Fleck hinter diesen Gebäuden geleitet. Dort gelangt es an die Oberfläche und wir haben eine riesige Fläche zum Schwimmen. Jetzt im Winter schlittern wir manchmal gerne darüber. Und das Beste...“ Er drehte mich zu dem Haus für die Schüler. „Wir müssen es nicht mit euch nervigen Kindern teilen.“ Widerwillig musste ich lächeln und bestaunte die Eisfläche hinter dem Haus.

„Was ist mit Nikolas und Leopold“, fragte ich, als ich hinter deren Häusern nichts weiter als schneeweißes Gelände sehen konnte, „Und mit den Seldamanen auf der anderen Seite?“

„Sie kommen zu uns rüber“, antwortete Rene. Ich zog die Augenbrauen hoch:

„Ist das denn ein Vorteil für sie, dass eure Anführer eigene Häuser haben?“

Renes Blick schweifte in die Ferne: „Es geht nicht darum, ob es einem gefällt oder man einen Vorteil dadurch gewinnt. Es geht um die Ehre, die einem gebührt wird.“

„Also ist hier doch nicht alles so toll“, stellte ich befriedigend fest.

Rene lachte leise: „Kommt darauf an, was für dich wichtig ist.“ Er seufzte kaum merklich auf und erklärte das Gelände weiter: „Dies alles ist von einem sehr hohen steilem Gebirge umgeben. Es gibt zwei große Wälder, die an den Forst zwischen dem Personal und uns anschließen. Dahinten siehst du einzelne Hindernisse, an denen wir üben zu kämpfen, neue Techniken ausprobieren und den Schülern die Grundtechniken des Kämpfens beibringen. Ebenfalls brauchen wir dafür die Sturmhalle.“ Er deutete auf ein längliches Gebäude, das mit einzelnen Statuen verziert ist.

„Bei Gelegenheit wirst du sie auch von innen sehen. Daneben befindet sich die Waffenkammer “, erklärte Rene.

„Waffen?“

„Schwerter, Bögen, Pfeile, alles was man zum Kämpfen gebrauchen kann.“

„Wofür müssen sie kämpfen können?“

„Um uns zu schützen.“

„Haben sie Feinde?“

„Einen Feind.“

Ich merkte, dass er dieses Thema nicht weiter vertiefen wollte und schaute wieder auf das eindrucksvolle Gelände. Ich mochte die Seldamanen wie schon gesagt nicht sonderlich, aber ihre Heimat war wirklich wunderschön und faszinierend.

Apropos Seldamanen. Wo sind die denn alle? Ich hatte keinen zu Gesicht bekommen. Ich runzelte die Stirn und fragte Rene danach, nachdem wir von der Schola runter gesprungen waren. „Die meisten sind morgens am Lernen oder am Arbeiten. Manche schlafen noch und wiederum andere beschäftigen sich bei diesen Temperaturen lieber im Warmen als unterwegs zu sein.“ Ich lächelte und schaute zu ihm hoch. Er hatte seine Hände in die Taschen seines langen Mantels gesteckt und den Kragen hochgeschlagen. Er konnte wohl noch ein wenig in der Kälte ausharren. Ich steuerte eine Bank in dem Garten neben Nikolas Haus an und betrachtete den Schnee.

„Es ist zwar wirklich ganz schön hier, aber ich möchte trotzdem nicht bleiben, wenn ich nicht sterben sollte“, meinte ich ehrlich.

Rene, der sich nicht gesetzt hatte, lächelte und schaute in die Ferne: „Das werden wir sehen.“

„Dass ich sterbe?“, fragte ich ihn direkt. Renes Mundwinkel zuckten.

„Ich muss dich jetzt alleine lassen. Eine Versammlung steht bevor. Versuche nicht zu fliehen, du wirst es nicht schaffen.“ Er sah mich eindringlich an. Ich ging nicht darauf ein.

„In der Versammlung geht es um mich“, stellte ich stattdessen fest.

Rene schürzte die Lippen: „Vielleicht.“ Er drehte sich um und ging zur Straße.

„Bringen sie sich wegen mir nicht in Schwierigkeiten. Es lohnt sich nicht“, rief ich ihm noch schnell hinterher.

„Warum sollte ich?“, bekam ich als einfache Antwort. Stimmt, warum sollte er? Ich sah zu, wie er auf einen großen Mann wartete, der um die Ecke kam und anschließend mit diesem in Richtung des Versammlungsraums verschwand.

Kapitel 3