Ich will raus - Ottmar Miles-Paul - E-Book

Ich will raus E-Book

Ottmar Miles-Paul

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Beschreibung

Nach dem Buch Zündeln an den Strukturen entführt uns Ottmar Miles-Paul in seinem zweiten Roman nun ins Jahr 2034. Die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen gilt dann 25 Jahre in Deutschland. Die behinderte Aktivistin Helen Weber soll deshalb in der renommierten Fernsehsendung Menschenrechte konkret von den Erfolgen der Enthinderungsgruppe berichten. Ein brisanter Recherchebericht über Verquickungen von Politiker*innen mit Behinderteneinrichtungen soll zudem ausgestrahlt werden. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Wie entwickelt sich die Geschichte? Wie sieht die Welt 2034 für behinderte Menschen aus? Wie ist es der Enthinderungsgruppe zwischenzeitlich ergangen? Und welche Rolle spielt der Ruf "Ich will raus"? Zusammen mit der fiktiven Mitautorin des Romans, Helen Weber, blickt der Autor voraus in die Zukunft, aber auch zurück in die Vergangenheit. So viel sei verraten: die Themen der Selbstbestimmung, Inklusion und Aussonderung haben im Jahr 2034 nichts von ihrer Aktualität verloren. Und Pat*innen spielen eine wichtige Rolle.

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Seitenzahl: 388

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Ottmar Miles-Paul und Helen Weber

ICH WILL RAUS

Von der Exklusion zur Inklusion

Ein Reportage-Roman

Zu den Autor*innen

Ottmar Miles-Paul engagiert sich seit über vierzig Jahren für die Rechte behinderter Menschen. Als Redakteur des Online-Nachrichtendienstes zu Behindertenfragen, den kobinet-nachrichten, berichtet der selbst Seh- und Hörbehinderte fast täglich über Aktivitäten der Behindertenpolitik und Behindertenarbeit.

Neben Fachbüchern und Fachartikeln veröffentlichte er 2023 seinen ersten Roman, Zündeln an den Strukturen, über die Situation in Werkstätten für behinderte Menschen und Alternativen hierzu. Im Hinblick auf die aktuelle Diskussion über die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen in Deutschland und die Frage, wie wir von der Exklusion zur Inklusion kommen, hat er diesen zweiten Roman verfasst. Dabei entführt er uns ins Jahr 2034, in dem das 25-jährige Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland begangen wird. Eine gute Gelegenheit zurück- und vorauszublicken.

Helen Weber wird als Romanfigur im doppelten Sinne zur Mitherausgeberin dieses Romans und der Geschichte im Roman. Die Rollstuhlnutzerin spielt eine so wichtige Rolle, dass Ottmar Miles-Paul nichts ohne sie schreiben wollte. Helen Weber steht fiktiv für viele Menschen, die sich für echte Inklusion und Selbstbestimmung engagieren. Sie zog erfolgreich aus einer Behinderteneinrichtung in eine eigene Wohnung. Sie verwirklichte ihren Traum, statt in einer Werkstatt für behinderte Menschen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu arbeiten. Damit hat sie viele andere ermutigt. Ermutigt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, sich Unterstützung zu suchen und mehr Inklusion und Selbstbestimmung zu leben. Ermutigt, klar zu sagen: „Ich will raus“.

„Ottmar Miles-Paul kann es nicht lassen: Er nutzt jedes verfügbare Genre, um behinderten Menschen mehr Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben außerhalb von Einrichtungen zu ermöglichen. Dafür lief er schon einen Marathon, verbrachte eine Nacht in der Bannmeile des Bundestags, sprang in die Spree, leitete Empowerment-Kurse und produziert unermüdlich kobinet-nachrichten zur Behindertenpolitik.

Mit seinem zweiten Reportage-Roman ist er – wie auch sonst oft im Leben – seiner Zeit voraus. Die bis zum Schluss spannende Handlung spielt im Jahr 2034: Ob es dann so sein wird, wie im Buch beschrieben?“

Sigrid Arnade, Aktivistin der Behindertenbewegung, Honorarprofessorin an der Alice Salmon Hochschule Berlin

Widmung

Für all diejenigen, die sich für Veränderungen im Sinne der Menschenrechte und für echte Inklusion einsetzen oder sich dafür eingesetzt haben.

Und für all diejenigen, die es ernst nehmen, wenn behinderte Menschen sagen „Ich will raus“.

Raus aus der Aussonderung und Benachteiligung. Rein in eine inklusivere Welt.

„Nichts über uns ohne uns“

Dieser Slogan der internationalen Behindertenbewegung der 80er Jahren ist heute noch so aktuell und notwendig, wie eh und je.

Inhaltsverzeichnis

Zu den Autor*innen

Widmung

„Nichts über uns ohne uns“

Inhaltsverzeichnis

1. Der große Knall

Auf dem Weg ins Studio

Unter Beobachtung

Menschenrechte konkret

Blick zurück

Das Interview

2. Zwischen den Welten

An Helens Bett

Reaktionen der Medien

Genugtuung

Ermittlungen

3. Erwachen

Zurück in dieser Welt

Freude pur

Ich will raus

Wie es dazu kam

Es geht aufwärts

Fragen und unbefriedigende Antworten

Ernüchterung

4. Wiedererwachende Kräfte

Schritt in die Öffentlichkeit

Pressegespräch im Krankenhaus

Eine losgetretene Welle

Spurensuche vor Ort

Die Enthinderungsgruppe blickt zurück

Zweifel und schlechte Träume

5. Munter ans Werk

Wir packen es an

Nach der Veröffentlichung von Zündeln an den Strukturen

Chancen des Budgets für Arbeit genutzt

Der Anruf

Befreiungsbewegung behinderter Menschen

Zufällige Begegnung

Viel zu tun für Claudia Liese

Ich will raus-Pat*innen

Rückmeldungen

Erste Pat*innen

Schlüssel zum Erfolg

Verdachtsmomente

Herausforderungen mit dem Rechtsruck

Neue Chancen

6. Geschichten

Erneutes Zusammentreffen

Eigene Geschichten

Gesetzesänderungen

Heimsuchungen

Erfolgsgeschichten

Auszug aus dem Elternhaus

Pat*innen öffnen Türen

Recht haben und Recht bekommen

Eine neue Geschichte

Jetzt wird’s ernst

Raus in den allgemeinen Arbeitsmarkt

Eine Wohngemeinschaft wird geplant

Die Veröffentlichung

7. Was danach geschah

Zu Gast bei der Enthinderungsgruppe

Ein spannender Tag

Buchvorstellung

Erneut im Studio

Die Ich will raus-Bewegung

Das Geständnis

Nachwort

Es gibt noch viele Geschichten

Mein Weg in ein selbstbestimmtes Arbeitsleben

Verzeichnis der zentralen Akteur*innen dieses Romans

Impressum

1. Der große Knall

Auf dem Weg ins Studio

Helen Weber war furchtbar aufgeregt. Ihre Hände waren vor Nervosität so feucht, dass sie immer wieder von den Schwungrädern ihres Rollstuhls abrutschten und sie kaum vorankam. Ihr Herz schlug mit jedem Meter, den sie auf dem Weg vom Hotel ins nahegelegene Fernsehstudio vorankam, immer lauter. Heftiger als bei ihrem ersten Date. Ihren pochenden Puls konnte sie mittlerweile im Hals spüren. Und das komische Gefühl, das sie schon seit einigen Tagen begleitete, war präsenter denn je.

Heute war für die 43-jährige Aktivistin der Enthinderungsgruppe ein ganz besonderer, aber auch ein richtig herausfordernder Tag. Sie war ins Studio zur Aufzeichnung der Sendung Menschenrechte konkret nach Berlin eingeladen. Im Interview der Live-Ausstrahlung sollte sie über ihr Engagement für Inklusion berichten. Vor allem sollte sie etwas über die jahrelangen Bemühungen der Enthinderungsgruppe und vielen weiteren Inklusionsaktivist*innen für ein Leben und Arbeiten außerhalb von Wohneinrichtungen und Werkstätten für behinderte Menschen erzählen. Also von einem weitgehend selbstbestimmten Leben behinderter Menschen mitten in der Gesellschaft.

Warum gerade sie? Helen hatte es nicht nur geschafft, aus einem Wohnheim für behinderte Menschen, wie es früher hieß, in eine eigene Wohnung auszuziehen. Sie hatte vor über zehn Jahren auch die Werkstatt für behinderte Menschen zugunsten eines Arbeitsplatzes auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt hinter sich gelassen. Und Helen Weber war noch heute so froh über diese Veränderungen in ihrem Leben. Außerdem hatte die Enthinderungsgruppe, in der sie sich seit nunmehr fast 18 Jahren engagierte, viel in Sachen Barrierefreiheit und echte Inklusion angestoßen und erreicht. Ihre Stadt galt Vielen mittlerweile als Vorbild, sodass immer wieder Gruppen behinderter Menschen zu Besuch kamen und wissen wollten, wie sie diese Veränderungen geschafft hatten. Und um echte und gelebte Inklusion war es Helen Weber und ihren Mitstreiter*innen immer gegangen.

„Der starke Begriff der Inklusion wird von denen, die damit sowieso nicht viel am Hut haben, immer wieder verwässert. Sie wollen damit nur ihre Arbeitsplätze und ihre Macht erhalten. Vor allem wollen viele möglichst nichts an der Aussonderung behinderter Menschen verändern. Sie selbst würden selbst nie in Einrichtungen gehen, in denen behinderte Menschen wohnen und weit unter dem Mindestlohn arbeiten müssen“, hatte Katja Franke von der Enthinderungsgruppe in einer ihrer vielen Diskussionen erklärt und anschließend klargestellt: „Deshalb treten wir von der Enthinderungsgruppe für echte Inklusion ein. Wir wollen mitten in der Gesellschaft mit einer guten Unterstützung zur Schule gehen, arbeiten, wohnen und unsere Freizeit verbringen – nicht in ausgrenzenden Sonderwelten.“ Und damit war damals alles gesprochen und der Kurs der Enthinderungsgruppe klar abgesteckt.

Nicht zuletzt aufgrund der engagierten Öffentlichkeitsarbeit waren sie und andere Mitglieder der Gruppe für behinderte Menschen, die ähnliche Wege eingeschlagen hatten, zu Taktgeber*innen in Sachen gelebte Inklusion geworden. Sozusagen zu einem Symbol dessen, worum es bei der Umsetzung der von den Vereinten Nationen bereits im Jahr 2006 verabschiedeten Behindertenrechtskonvention wirklich ging. Sie zeigten mittlerweile in vielerlei Hinsicht auf, wie Inklusion konkret umgesetzt und gelebt werden konnte.

Helen und ihre Freund*innen der Enthinderungsgruppe sowie ähnliche Organisationen in anderen Regionen Deutschlands hatten in den letzten Jahren viele behinderte Menschen auf dem Weg zu einem selbstbestimmteren Leben inspiriert und unterstützt. Ihre Anzahl konnte man heute kaum mehr zählen. Tatsächlich war der anfangs noch vage erhoffte Schneeballeffekt hin zur Inklusion eingetreten, auch wenn dabei so manche Hürden und Rückschläge überwunden werden mussten. Aber gerade darauf, dass sie so viele Jahre durchgehalten und nie den Mut verloren hatten, war Helen stolz. Und so hatte sie der Mitwirkung an der heutigen Sendung trotz ihrer Aufregung und einem komischen Gefühl schließlich zugestimmt.

Dabei wäre es für sie viel passender gewesen, hätte Katja Franke als Studiogast an der Sendung teilgenommen. Katja war als langjährige Pressesprecherin der Enthinderungsgruppe in Sachen Öffentlichkeitsarbeit begnadet und hatte auch den Kontakt zur Sendung hergestellt. Über Jahre hinweg hatte sie viele Presseerklärungen geschrieben, Social Media Posts abgesetzt und Interviews gegeben. Daher war Helen davon ausgegangen, dass Katja Franke den Termin selbst wahrnehmen würde. In der Enthinderungsgruppe war nach kurzer Diskussion jedoch Helen vorgeschlagen worden. Es sei viel authentischer, wenn Helen den Termin wahrnähme, waren sich die Gruppenmitglieder einig.

„Ich stammele da bestimmt nur vor mich hin. Ich bin schon jetzt aufgeregt, wenn ich nur dran denke, in dieser großartigen Sendung zu sein. Da schauen so viele Leute zu. Und Katja oder Claudia können die Regelungen der UN-Behindertenrechtskonvention viel besser erklären“, hatte Helen das Ansinnen der Gruppe abzuwehren versucht.

Die renommierte Juristin der Enthinderungsgruppe, Claudia Liese, entkräftete schließlich Helens Gegenargumente. „Helen, du hast es geschafft, aus dem Heim auszuziehen. Und du bist auch erfolgreich den Weg aus der Werkstatt für behinderte Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt gegangen. Das war damals für dich nicht leicht – und genau darum geht es uns doch. Darum, dass behinderte Menschen mitten in der Gesellschaft leben und arbeiten können. Dass sie sich aus der Abhängigkeit aussondernder Einrichtungen befreien können, wenn sie das wollen. Du hast ein wichtiges Signal gesetzt, wie Inklusion funktionieren und Exklusion überwunden werden kann. Ich finde es viel wichtiger, dass die Leute von dir erfahren, was möglich ist und was das für dich bedeutet, als einen Vortrag über trockene Paragrafen abzuliefern“. Nichtsdestotrotz merkte die Juristin noch an, wie wichtig Paragrafen und auch entsprechende Vorträge generell natürlich seien.

Letztendlich hatte Helen „Ja“ gesagt. Dabei hatte sie während der gesamten Diskussion tief in sich drin ein komisches Gefühl wahrgenommen. Eine Art Stimme, die ihr sagte: „Mach das nicht Helen!“ Aber Katjas Worte, dass es in der Sendung vor allem darum ginge, an ihrem persönlichen Beispiel die Veränderungen zur Inklusion ganz praktisch aufzuzeigen“, drängten Helens eigene mahnende Stimme in den Hintergrund. Nichtdestotrotz, ihr komisches Gefühl begleitete sie bis heute. Nun war sie in Berlin. Und mit ihr dieses Gefühl, das nicht nur Lampenfieber war.

Bei der in Kürze anstehenden Live-Sendung sollte Helen einen Enthüllungsbericht über die Eigeninteressen einzelner Betreiber von Sondereinrichtungen und deren politischen Verbandlungen, wie sie deren Machenschaften nannte, kommentieren. Vor allem sollte sie aber über ihre eigenen Erfahrungen auf dem Weg zu einem selbstbestimmteren Leben berichten. Schließlich gab es nach wie vor eine ganze Reihe behinderter Menschen, die ohne nennenswerte Alternativen und veränderungsfördernde Unterstützung in speziellen Wohneinrichtungen leben mussten. Nach wie vor arbeiteten viele in Werkstätten für behinderte Menschen, ohne echte Chancen auf eine Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Und es gab immer noch viele Sonderschulen, in denen behinderte Kinder und Jugendliche von Anfang an ausgesondert wurden.

Die Anreise nach Berlin bot Helen noch einmal Gelegenheit, sich an die 2020er Jahre zu erinnern. Für sie und die Enthinderungsgruppe war der damals übliche Begriff der Förderschule immer reine Kosmetik geblieben. Für sie spiegelte er vielmehr wider, wie die Betreiber*innen aussondernder Schulen und Einrichtungen damals noch dachten und agierten. Die Umbenennung einer Förderschule in Nordrhein-Westfalen in Rosa-Parks-Schule im Jahr 2025 war für sie der Gipfel der Unverfrorenheit gewesen. Ausgerechnet dieser Name für eine aussondernde Förderschule behinderter Kinder! Dabei stand Rosa Parks für den Kampf gegen Aussonderung und Diskriminierung. Gerade sie hatte 1955 mit ihrer mutigen Weigerung, ihren Sitzplatz in einem Bus für einen weißen Mann aufzugeben, für einen entscheidenden Moment in der Bürgerrechtsbewegung der USA gesorgt. Damit hatte sie den Montgomery Bus Boykott ausgelöst.

Endlich, dank des Drucks von Eltern, die sich jahrzehntelang für Inklusion stark gemacht hatten, und nach dem Bruch der rechten Regierung 2031, hatte sich die Zahl der sogenannten Förderschulen reduziert. Und ja, es hatte auch im schulischen Bereich eine Reihe Fortschritte in Richtung Inklusion gegeben. Und trotzdem war die Aussonderung behinderter Menschen auch heute – im Jahr 2034 – noch längst nicht überwunden. Auch darüber dachte Helen während ihrer Anreise nach.

Eine Mitarbeiterin des Senders hatte ihr im Vorfeld erzählt, worum es in der heutigen Live-Sendung Menschenrechte konkret gehen sollte: Einigen Betreiber*innen solcher „exklusiven Sonderangebote“, wie Helen sie gerne bezeichnete, sollte nachgewiesen werden, wie sie die Bemühungen für echte Inklusion aufgrund ihrer Eigeninteressen am Aussonderungssystem torpedieren. Die Macher*innen der Sendung wollten vor allem die tiefverwurzelten Verquickungen einer Reihe von Politiker*innen und Verwaltungsmitarbeitenden mit dem Exklusionsgeschäft zu Lasten der Selbstbestimmung behinderter Menschen aufdecken.

„Das bietet kräftigen Sprengstoff und ist sicherlich nicht förderlich für deren weitere Karriere“, so die Vorabeinschätzung der Redaktionsmitarbeiterin.

Der seit zwei Wochen breit angekündigte Hinweis auf den Enthüllungsbericht hatte im Vorfeld der Ausstrahlung in den Medien schon große Aufmerksamkeit bekommen. Einige brisante Informationen waren von den Macher*innen der Sendung Menschenrechte konkret bereits im Vorfeld gestreut worden, um die Aufmerksamkeit auf die Sendung zu lenken und die Einschaltquote nach oben zu treiben. Die Bemühungen der Anwält*innen einiger Einrichtungen und verwickelter Politiker*innen, die Ausstrahlung des Sendebeitrags zu verhindern, waren bisher glücklicherweise ins Leere gelaufen. Die Sendungsmacher*innen waren solche Versuche, die Ausstrahlung kritischer Berichte zu verhindern, mittlerweile gewohnt und hatten hierfür selbst gute Anwält*innen an ihrer Seite. Nun stand der Ausstrahlung der Sendung also nichts mehr im Wege.

Helen war, wenn auch äußerst nervös, auf dem Weg ins Studio.

Unter Beobachtung

Nervös war an diesem Tag nicht nur Helen Weber, sondern noch jemand anderes. Jemand, der sich ganz in ihrer Nähe befand. Jemand, der ihre Ankunft im Studio sehr aufmerksam und mit zunehmendem Kribbeln im Bauch verfolgte. Die Person führte nichts Gutes im Schilde und hatte ihre Vorbereitungen für ihre Pläne schon so gut wie abgeschlossen. Es waren zerstörerische Pläne.

Wie er so dasaß und Helen Webers Ankunft förmlich herbeisehnte, stieg der Ärger, der ihn bereits seit vielen Jahren immer wieder heimsuchte, wieder mit voller Wucht in ihm hoch. Ein Ärger, der ihn mit der Zeit zu Gedanken und nun auch zu Aktionen antrieb, die er sich früher nicht einmal im Traum ausgemalt hätte. Anfangs hatte er über „diese Inklusionsheinis“ nur geschimpft, gefolgt von der Bestätigung und Bekräftigung seiner Gedanken durch die sozialen Medien und sein damaliges Umfeld. Dann hatte er sich jedoch für eine geraume Zeit innerlich und äußerlich zurückgezogen. Das mit der Zeit eingetretene Unverständnis, das er zuweilen auf seine immer radikaler werdenden Äußerungen und seine Besessenheit mit dem Thema erntete, hatten dazu geführt.

„Du wirst immer sonderbarer. Vergiss den Scheiß doch endlich mal. Machen kannst du dagegen doch eh nichts“, hatte ihm ein Freund vor einigen Monaten an den Kopf geworfen. Nach ihrer sich anschließenden hitzigen Diskussion hatte er sich von diesem Freund zurückgezogen. Auch von weiteren Menschen aus seinem Umfeld hatte er sich mittlerweile entfernt. Dennoch, die Diskussion mit seinem Freund hatte etwas in ihm ausgelöst. Was konnte getan werden? Vor allem, was könnte er selbst konkret tun? Diese Fragen stellte er sich immer wieder. Er musste einfach eine Möglichkeit finden, um seinem Ärger Luft zu machen und, wie er es sagte, „den Wahnsinn zu stoppen“.

Schließlich fand er einen Weg. Die passende Gelegenheit war ihm vor zwei Wochen aus einem Zeitungsartikel mit dem Hinweis auf die heutige Sendung förmlich ins Gesicht gesprungen. Diese Ankündigung hatte eine lange nicht dagewesene Dynamik in ihm ausgelöst. Und so saß er heute hier in Berlin und spürte nun die Anspannung, die ihm hoffentlich die nötige Erleichterung und Genugtuung bringen würde. Genugtuung darüber, dass endlich jemand etwas tat.

Für Helen nicht wahrnehmbar saß Christof Zickler, diesen Gedanken nachgehend, in einem dem Studio nahegelegenen Café. Bei seinen Recherchen hatte er einen Platz im Café ausgespäht, der ihm eine gute Sicht auf die Straße und den Eingang des Studios ermöglichte. Es war ein Platz, der für Helen Weber nicht sichtbar war. Wobei diese ohnehin so sehr mit sich beschäftigt war, dass sie wahrscheinlich nicht einmal wahrgenommen hätte, wenn ein rosa Elefant im Café säße. Für Christof Zickler galt es trotzdem, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das war ihm bisher gut gelungen.

Der mittlerweile 49-Jährige hatte sich möglichst unauffällig, aber doch zu warm für den schönen Frühlingstag gekleidet. Er schwitzte. Aber das lag vielleicht auch an seiner Aufregung. Was er für heute geplant und in den letzten beiden Wochen akribisch vorbereitet hatte, würde sein Leben entscheidend verändern. Denn er wollte ein Zeichen setzen. Ein klares Zeichen mit einem Wumms. Sein Zeichen sollte nicht übersehen werden. Klar, dadurch könnten Menschen zu Schaden kommen. Aber nach seiner Ansicht brauchte es ein solches Zeichen dringender denn je, wenn nicht alles den Bach runtergehen sollte. Alles, was er und so viele andere über Jahrzehnte hinweg aufgebaut hatten. So viel Zuwendung und Herzblut waren in den Aufbau einer beschützenden Behindertenhilfe hineingeflossen. Und was hatten diese sogenannten Inklusionsaktivisten getan? Sie hatten ihre Bemühungen geschmäht und beschmutzt. Und genauso, geschmäht und beschmutzt, fühlte er sich selbst seit vielen Jahren.

Christof Zickler wollte genau deshalb dieses Zeichen setzen. Er wollte denjenigen, die ständig die Welt verändern wollen, die ständig an allem herummäkeln, was andere mühsam aufgebaut hatten, einen kräftigen Denkzettel verpassen. Ein Zeichen setzen gegen die Ignoranz und das ganze scheinheilige und völlig unrealistische Inklusionsgetue. Ein Zeichen setzen gegen diese unsägliche und unrealistische Inklusionsideologie. Menschen waren nun einmal verschieden und nicht jeder konnte alles haben. Es gab doch bewährte und bessere Lösungen, wie zum Beispiel Wohnheime und Werkstätten. Für seine Aktion war der heutige Tag und vor allem die Sendung, zu der Helen Weber nun unterwegs war, wie geschaffen.

Als er nun Helen Weber erspähte, wie sie mühsam mit ihrem Rollstuhl um die Ecke kam und auf das Studio zurollte, hatte er kurz Gewissensbisse. Eigentlich hatte er gehofft, dass diese Katja Franke an der Sendung teilnehmen würde. Doch das Miststück, das ihn schon so viele Jahre mit ihrem scheinheiligen Getue und vor allem ihrem moralisierenden Gehetze nervte, hatte wohl gekniffen. Dabei war es gar nicht ihre Art, einen Termin auszulassen, bei dem sie sich in der Öffentlichkeit sonnen und ihre maßlose Inklusionspropaganda verbreiten konnte. Diese sozialträumerische Tusse, die keine Gelegenheit ausließ, um die „Aussonderer“, wie sie engagierte und gutmeinende Leute wie ihn beschimpfte, zu verunglimpfen. Aufrechte Bürger, die sich um andere Menschen kümmerten und etwas Tolles aufgebaut hatten.

„Wir müssen endlich die Exklusion durch überkommene Einrichtungen und menschenrechtsfeindliche Aussonderungsstrukturen überwinden“, hatte Katja Franke erst vor kurzem in einem Interview mit der Lokalzeitung wieder getönt.

Als er das gelesen hatte, hatte er die Zeitung zerrissen und war auf ihr herumgetrampelt. So hatte er sich aufgeregt. Wie ein Bulldozer fegte diese Emanze und selbsternannte Inklusionsaktivistin die Errungenschaften von Menschen wie seinem Vater beiseite. Seit Jahrzehnten hatte sich dieser für Behinderte eingesetzt. Und auch seine eigene, aufopferungsvolle Arbeit beschmutzte sie damit. Was hatte diese Franke schon geleistet?

Und wie konnte sie es sich anmaßen, für Menschen wie seinen geistig behinderten Bruder mitentscheiden zu wollen? Sein Bruder fühlte sich dort wohl, wo er war. Das hatte er ihm erst vor kurzem wieder gesagt. Nur manchmal wünschte sich dieser, doch öfters aus dem Wohnheim rauszukommen. Christof Zickler arbeitete bereits seit langer Zeit in Behinderteneinrichtungen und war sich sicher, die Bedürftigkeit schwerbehinderter Menschen und die Grenzen der Inklusion zu kennen: Vieles ging eben nicht und war bei diesem Personalschlüssel einfach unmöglich.

Und dann dieses Geschwätz der Enthinderungsgruppe, das regte ihn maßlos auf. Anfangs konnte er das Treiben der Gruppenmitglieder noch ignorieren, frei nach dem Motto, das sein Vater ausgegeben hatte: „Lass die mal quatschen – wir machen die Arbeit wie immer weiter.“ Damit waren sie lange gut gefahren. Sowohl im Wohnheim, in dem er arbeitete, als auch in der Werkstatt für behinderte Menschen, die sein Vater mit aufgebaut hatte. Selbst nach dem Werkstattbrand vor zwölf Jahren lief alles weiter wie gewohnt. Die Platzzahlen waren sogar angestiegen. Vor allem, nachdem der um einiges größere Neubau der Werkstatt eingeweiht worden war. Die anfängliche Aufregung, als einige behinderte Menschen nach dem Brand die Werkstatt verlassen und einen Job auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt gesucht und gefunden hatten, hatte sich schnell wieder gelegt. Die Behörden hatten weiterhin zu ihnen gehalten. Das Geld floss. Was wollte man mehr? Auch aus den Förderschulen kamen weiterhin fast alle Jugendlichen in die Werkstatt. Das Geschreibsel und Geplärre in den Medien von wegen Aussonderung und für Inklusion hatte ihnen daher lange Zeit nicht geschadet. Geärgert hat ihn dieses Gemeckere jedoch schon immer.

Als die von der Enthinderungsgruppe nach dem Werkstattbrand einen Roman mit dem Titel Zündeln an den Strukturen veröffentlicht hatten, war er zum ersten Mal richtig ausgetickt. Das Schmähwerk, indem sie die Werkstatt abwerteten und so taten, als ob jeder behinderte Mensch bei ganz normalen Arbeitgebern arbeiten könne, hatte er nur halb durchgelesen. Dann hatte er es in den Müll gepfeffert. „Wahrscheinlich haben die von der Enthinderungsgruppe die Werkstatt angezündet“, hatte er spekuliert und diesen Verdacht einigen Bekannten zu vermitteln versucht. Diese hatten ihn und seine Vermutung nur milde belächelt.

„Wie wollen Behinderte das denn mitten in der Nacht hinkriegen? So ein großes Gebäude in Brand setzen und schnell abhauen“, lautete damals die Standardantwort bezüglich seiner Spekulationen. Mit dem Erscheinen des infamen Buches war sein Hass gegen die Enthinderungsgruppe endgültig angefeuert.

Christof Zicklers Ärger verwandelte sich in eine angenehme Ruhe, als sich ab 2024 die Machtverhältnisse und vor allem die Stimmung in Sachen Inklusion im Land zunehmend veränderten. Sie, die Bewahrer der funktionierenden Behindertenhilfe, waren wieder im Aufwind. Sie erfuhren wie früher Bestätigung, dass die Wohneinrichtungen und die Werkstätten für behinderte Menschen eben doch ein wichtiger Teil der Inklusion seien. Scheiß Behindertenrechtskonvention hin oder her. Die interessierte damals nur noch ein paar Unverbesserliche, die in ihrer Bubble blieben und Gott sei Dank nur wenig Gehör bei den Verantwortlichen fanden. Vor allem aus dem bayerischen Sozialministerium und später auch bundesweit kamen ermunternde Worte und floss vor allem weiterhin viel Geld für Werkstätten und Wohnheime. Selbst Nordrhein-Westfalen, das kleinere Wohnformen als die bewährten Wohnheime gefördert hatte, konzentrierte seine Wohnraumförderung seit Mitte der 2020er wieder auf Einrichtungen ab 24 und mehr Bewohner*innen.

„Ich hab’s dir doch gesagt, dieses Inklusionsgeschwätz kommt und geht – wir bleiben. Wir haben alles richtig gemacht. Wir wissen mit unserer jahrelangen Erfahrung am besten, was gut für unsere Behinderten ist“, hatte sein Vater damals frohlockt. „Wie gut, die beschützende Werkstatt und das Wohnheim bei solchen Stürmen im Wasserglas in sicheren Händen zu wissen. Die Welt da draußen ist für Behinderte einfach nicht geschaffen. Das war schon immer so und wird immer so sein. Und genau deshalb brauchen unsere behinderten Menschen einen guten Schutz und Schonräume.“ Mit dessen Aussage war die Welt für Christof Zickler erst einmal wieder in Ordnung.

Sein Job hatte ihm ab Mitte 2025 wieder richtig Spaß gemacht, zumal die Dankbarkeit vieler Behinderten und ihrer Angehörigen wieder größer wurde. Er wurde nicht müde, das mit Genugtuung seine Bekannten wissen zu lassen. „Das ist fast so schön wie früher, als die Eltern noch richtig dankbar waren, dass wir ihre Kinder aufgenommen haben.“

Mitte der 2020er Jahre war es schwer gewesen, Personal für die Behindertenhilfe zu finden. Einige ambulante Anbieter mussten sogar ihre Angebote einstellen oder stark reduzieren. Selbst für Einrichtungen wurde es immer herausfordernder, die Dienste im Wohnheim zu besetzen. Christof Zickler schob viele Sonderschichten. Aber die Anerkennung dafür, was sie für Behinderte alles machten, kehrte zurück. Wer meckerte, dem konnte er entgegnen, dass er ja woanders hingehen könne. Und endlich verdiente er auch deutlich mehr Geld, nicht zuletzt wegen der Sonderschichten und längst überfälligen Gehaltsanpassungen.

Aber diese schönen Zeiten waren seit drei Jahren vorbei, leider. Die politischen Machtverhältnisse und vor allem die Rahmenbedingungen für Wohnheime und Werkstätten hatten sich verändert. Auf die guten Jahre Mitte und Ende der 2020er folgte ein kräftiger Rückschlag. Christof Zicklers Sorgen und sein Ärger waren zurückgekehrt – nun um ein Vielfaches verstärkt.

Und genau deshalb saß er heute im Café in der Nähe des Studios. Er beobachtete, wie Helen Weber durch die sich automatisch öffnende Tür rollte. „Schade, dass es nicht die Franke ist. Die hätte das viel mehr verdient als die Weber. Diese erzählt zwar in der Öffentlichkeit auch ständig, wie toll es für sie war, aus dem Wohnheim und der Werkstatt raus zu sein. Aber sie hetzt nicht so wie das Miststück. Verdient hat sie aber auch, was nachher passiert“, dachte er bei sich. Er bestellte sich einen weiteren Milchkaffee.

Menschenrechte konkret

Das Datum für die Spezialausgabe der Sendung Menschenrechte konkret, der 26. März 2034, war bewusst gewählt worden. Dieser Tag markierte ein besonderes Datum. Vor 25 Jahren – am 26. März 2009 – war in Deutschland das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, so die offizielle Bezeichnung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, in Kraft getreten. Der Deutsche Bundestag und der Bundesrat hatten der Ratifizierung dieser UN-Menschenrechtskonvention bereits im Dezember 2008 zugestimmt.

Dieses 25-jährige Jubiläum nutzten die Macher*innen der Sendung als Anlass für eine Spezialausgabe. Monatelange Recherchen waren dieser langfristig geplanten Sendung vorausgegangen. Recherchen, bei denen das Redaktionsteam so manches entdeckte und aufdeckte, worüber die Selbstvertretungsverbände behinderter Menschen schon lange gewettert hatten. Bisher konnten diese aber nur wenige konkrete Beweise anführen. Als kleine Organisationen verfügten sie schlichtweg nicht über die Mittel, ausführliche Recherchen zu betreiben, wie es diesem Fernsehmagazin möglich war. Juristische Auseinandersetzungen hätten die Selbstvertretungsorganisationen zudem schnell in die Knie gezwungen.

Anfangs war die Menschenrechtssendung, die nach dem massiven Rechtsruck bei der Bundestagswahl im Herbst 2029 gestartet wurde, noch ein Nischenprodukt. Mittlerweile erfreute sie sich großer Beliebtheit und kritischer Aufmerksamkeit. Gestartet wurde sie als Gegenpol zur rechten Ausgrenzungsideologie und gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Der Name der Sendung, Menschenrechte konkret, stand für Demokratie, Vielfalt, umfassende Inklusion und gegen Diskriminierungen. Nach der Bundestagswahl 2031 hatte es die Sendung endlich in den Mainstream der Medienlandschaft geschafft. Der Beirat der Antidiskriminierungsstelle des Bundes wurde immer wieder beratend hinzugezogen. Ziel der Sendung war der Schutz verschiedener Gruppen vor Diskriminierungen und eine umfassende Inklusion.

Die Einschaltquoten so mancher Ausgaben waren mittlerweile sehr hoch und einzelne Beiträge der Sendung gingen in den sozialen Medien immer wieder viral. Das Sendekonzept verband eine pfiffige und anschauliche Berichterstattung über Diskriminierungen mit kurzweiligen Interviews mit von Diskriminierungen Betroffenen, aufgepeppt durch kabarettistische Einlagen und Spots. Mittels neuer Technologien und einer flexiblen Moderation konnten die Zuschauer*innen von zu Hause aus durch ihre Inputs und das Erzählen eigener Diskriminierungs- und Aussonderungserfahrungen die Live-Sendung und deren Social-Media-Aktivitäten direkt mitprägen. Zudem hatten die Macher*innen einige Elemente der über Jahrzehnte hinweg im ZDF erfolgreich ausgestrahlten Sendung Aktenzeichen XY ungelöst mit aufgenommen. Zuschauer*innen konnten vorab Diskriminierungsfälle melden. Diesen wurde von einem engagierten, menschenrechtsorientierten und gut vernetzten Team, zum Teil mit von Günter Wallraff abgekupferten Undercover-Ermittlungen, nachgegangen. Wie bei Aktenzeichen XY ungelöst spielten Schauspieler*innen die Fälle anschaulich nach.

Im Vielfaltskonzept der Sendung nahmen behinderte Menschen mit ihrem Engagement für Inklusion und mit ihren Diskriminierungs- und Aussonderungserfahrungen genauso wie andere von Diskriminierung betroffene Gruppen eine wichtige Rolle ein. So konnten diese immer wieder Tipps für Recherchen und die Berichterstattung einbringen. Über Jahre hinweg hatte sich ein erfahrenes und vor allem sensibles Redaktionsteam gebildet, das sich auf die Seite der benachteiligten Menschen stellte, sowie menschenrechtsorientiert und gut vernetzt agierte.

Oft blieb es nicht bei der Ausstrahlung der Beiträge. Durch gezielte politische Strategien und die Einbeziehung Verbündeter versuchte das Redaktionsteam konkrete Veränderungen zu bewirken. Ihr bisher größter Erfolg: die Beflügelung der Reform des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes.

Auch die heutige Sendung war in eine gute Strategie eingebunden: Dem Prozess der Auflösung von Sonderwelten zugunsten inklusiver Angebote zum Lernen, Wohnen und Arbeiten, aber auch zur Gestaltung der Freizeit, sollte weiterer Rückenwind verschafft werden. Schließlich hatte der Ausschuss der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen bei ihren Staatenprüfungen Deutschland wiederholt dazu aufgefordert, endlich aktiv zu werden und Sondereinrichtungen gezielt abzubauen.

Für Helen gab es nun, da sie den Eingang zum Studio im Herzen des Berliner Regierungsviertels erreicht hatte, kein Zurück mehr. Sie fuhr sich noch einmal durch ihre von der Aufregung und Anstrengung leicht verschwitzten Haare, rückte ihr lila Tuch, zu dem ihr Katja geraten und dass sie sich galant um die Schultern gelegt hatte, zurecht und atmete tief durch.

„Sei wie du bist und bleib cool“, hatte ihr die medienerfahrene Pressesprecherin der Enthinderungsgruppe mit auf den Weg gegeben.

Ein letzter Blick auf die Uhr zeigte Helen, dass sie zwanzig Minuten vor der vereinbarten Zeit angekommen war. Aber das war für sie, die meist überpünktlich erschien und äußerst korrekt war, genau die richtige Zeit. So rollte sie in den Eingangsbereich des Senders. Sie streckte ihren Oberkörper durch, sodass sie aufrecht im Rollstuhl saß. Ihren Blick richtete sie geradeaus und steuerte, möglichst selbstbewusst erscheinend, auf die Pforte des Fernsehsenders zu. Innerlich war ihr ganz anders zumute.

Nachdem die Pförtnerin sie auf der Liste der heutigen Gäste des Senders gefunden, ihren Ausweis überprüft und die Verantwortlichen über ihre Ankunft benachrichtigt hatte, war Helen voll gefordert. Das war aus ihrer Sicht auch gut so. Sie hatte sich einiges zurechtgelegt, worüber sie berichten wollte. Sie hoffte, dass sie mit ihrem Interviewbeitrag weitere Veränderungen anstupsen konnte. Und natürlich wünschte sie sich, dass sich noch mehr Aktive und Unterstützer*innen ihrer Bewegung anschlossen.

Heute wollte sie vor allem deutlich machen, wie behindernd das herkömmliche Aussonderungssystem agierte. Ihr war es angesichts dieses Behinderungssystems wichtig, behinderten Menschen Mut zu machen, immer wieder. Mut, neue und inklusive Wege zu gehen. Aber auch mehr Inklusion zu wagen. Die Enthinderungsgruppe hatte diesen Spruch vom ehemaligen Bundeskanzler Willy Brandt abgekupfert. Er hatte dazumal den Slogan „Mehr Demokratie wagen“ ausgegeben.

Blick zurück

Ihr Mut war wahrscheinlich der entscheidende Faktor, weshalb Helen gerade jetzt in die renommierte Fernsehsendung eingeladen worden war. Obwohl kaum jemand etwas über ihre mutigste Tat wusste! Ihre über Jahre hinweg gewachsene Unzufriedenheit und Aussichtslosigkeit in der Werkstatt für behinderte Menschen hatten sie vor zwölf Jahren zu einer Brandstiftung getrieben. Zusammen mit zwei Freunden hatte sie tatsächlich ihre Werkstatt in Brand gesetzt. Diese war bis auf ihre Grundmauern abgebrannt. Irgendwann war solch eine Tat für Helen unvermeidlich geworden. Sie musste einfach etwas Konkretes gegen die miese Bezahlung, die vielen Ungerechtigkeiten in der Werkstatt und gegen die Aussichtslosigkeit einer Vermittlung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt tun. Und dabei wusste sie genau, dass das Abfackeln ihrer Werkstatt die Probleme nicht lösen würde. Genauso hatte es sich leider auch bewahrheitet. Trotzdem öffneten sich für sie danach so manche Türen, von denen sie vorher nicht geahnt hatte, dass es diese überhaupt gab.

Letztendlich war es ihre mittlerweile langjährige Freundin Katrin Grund gewesen, die ihr und der Enthinderungsgruppe nach dem Brand zu einer breiten Bekanntheit verholfen hatte. Die damalige Volontärin der Lokalzeitung und inzwischen renommierte Journalistin hatte zusammen mit ihnen die Geschichte der Brandstiftung in der Werkstatt für behinderte Menschen als Vorlage für einen Roman genutzt und diesen veröffentlicht. Entgegen allen Erwartungen hatte der Reportage-Roman Zündeln an den Strukturen einige nicht nur zum Nachdenken, sondern auch zum Handeln für mehr Inklusion auf dem Arbeitsmarkt angeregt.

Zum Glück hatte die Veröffentlichung des Romans nicht dazu geführt, dass Helen und ihre Freunde der Brandstiftung überführt wurden. Anfangs hatte sie diesbezüglich noch einige Zweifel gehegt. Zunächst hatte der damals zuständige Polizeikommissar Florian Kerner den Roman nicht wahrgenommen. Dann, nach einem bei der Polizei eingegangenen, anonymen Hinweis auf den Roman, hatte er diesen als fiktiv abgetan. „Ich traue denen so eine Brandstiftung schlichtweg nicht zu“, so seine beiläufige Bemerkung während eines Zusammentreffens mit Katrin Grund.

Als der Roman damals veröffentlicht worden war, war die Brandstiftung ohnehin längst kalter Kaffee. Die Pläne für einen Neubau der Werkstatt wurden umgesetzt und viele hatten sich bestens mit der neuen, größeren Werkstatt angefreundet. Zudem hatte der Kommissar die Recherchen zur Brandstiftung bereits eingestellt. Er war zwar frustriert, dass er den Fall nicht gelöst hatte, aber die Einstellung der Ermittlungen war endgültig. „Wer wäre so blöd, nach einer Brandstiftung einen Roman zu schreiben und sich selbst verdächtig zu machen. Nö, das ist abstrus“, war sein abschließender Kommentar seinem Kollegen im Kommissariat gegenüber. Damit war diese Akte endgültig geschlossen worden.

Damals, 2023, war nach der Veröffentlichung einer Studie des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales über das Entgeltsystem in Werkstätten für behinderte Menschen und Alternativen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Schwung in die Diskussion gekommen. Und so kam die Veröffentlichung des Romans im Sommer 2023 als befeuerndes Element für die Diskussion gerade rechtzeitig. Die vielen Lesungen in ganz Deutschland sorgten innerhalb und außerhalb von Werkstätten durchaus für engagierte Diskussionen.

Besonders spannend war, dass ausgerechnet anhand des vermeintlich fiktiven Romans oft neu über das System der Werkstätten für behinderte Menschen diskutiert wurde. Ein Teil des Publikums der Lesungen sowie zahlreiche Leser*innen des Romans begannen ernsthaft über Alternativen zu Werkstätten und Heimen für behinderte Menschen nachzudenken. Vorhandene positive Beispiele wirkten dabei beflügelnd. Endlich mussten die Diskussionen aufgrund des Romans nicht mehr nur theoretisch geführt werden. Die Identifikation mit den Romanfiguren schärfte vielen den Blick auf das System der Werkstätten und was es für behinderte Menschen bedeutete, dort beschäftigt zu sein. Das war in bisherigen Diskussionen oft viel zu kurz gekommen.

Vor allem die Abschließenden Bemerkungen des Ausschusses für die Rechte von Menschen mit Behinderungen der Vereinten Nationen nach der Staatenprüfung von 2023 rüttelten einige Akteur*innen auf. Der Ausschuss hatte sich in Sachen Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland klar und deutlich geäußert. Deutschland wurde schwarz auf weiß attestiert, dass ihre systematische Exklusion behinderter Menschen in speziellen Einrichtungen wie Heimen, Werkstätten und Förderschulen nicht menschenrechtskonform war und gegen geltende Konventionen und Menschenrechte verstieß. Der Ausschuss mahnte in seinen Empfehlungen dringend konkrete Strategien und Schritte zur Umsteuerung hin zu inklusiven Angeboten an.

All dies lag inzwischen gut zehn Jahre zurück. Und doch, die damals entfachten Flammen am Gebäude der Werkstatt leuchteten immer wieder vor Helens Augen hell und gefräßig lodernd auf. So auch jetzt, da sie für die anstehende Sendung in der Maske saß und sich trotz des Gesprächs mit der Maskenbildnerin auf den Inhalt ihres Interviews zu konzentrieren versuchte. So manche Albträume hatten Helen in den Monaten nach der Brand-stiftung immer wieder geplagt. Diese waren für sie wesentlich schlimmer gewesen als die früheren Träume nichtbestandener Prüfungen. In ihren Albträumen befand sie sich meist mitten in zermürbenden Polizeiverhören. Dabei brach sie jedes Mal in Tränen aus und war kurz davor, die Brandstiftung zu gestehen. Der Gedanke an ihre Freunde, mit denen sie den Brand gelegt hatte, ließ sie meist schweißgebadet aufwachen. Nicht ohne realistischen Grund: Schließlich hatte sie sich äußerst elend gefühlt, als sie der ihr damals noch recht unbekannten Journalistin Katrin Grund die wahre Geschichte der Brandstiftung gebeichtet hatte. Damit hatte sie nicht nur sich und ihre Freunde, vor allem aber Katrin in eine äußerst schwierige Situation gebracht.

Letztendlich hatten sie die daraus folgenden Herausforderungen gut durchgestanden. Trotzdem kamen Helen Webers Albträume nach wie vor und in unregelmäßigen Abständen zurück. Den Traum, in dem züngelnde und unersättliche Flammen vom Boden langsam über ihren Rollstuhl an ihren Beinen hochkrochen und die Kleidung in Brand setzten, hasste Helen am meisten. Das Herzrasen, mit dem sie daraus meist aufwachte, jagte ihr richtig körperliche Angst ein. Sie brauchte zum Teil bis zu fünfzehn Minuten, um wieder normal atmen zu können und eine ruhige Herzfrequenz zu verspüren.

Damals, bei der Brandstiftung, war niemand körperlich zu Schaden gekommen. Sie hatten den Brand in einer Nacht von Freitag auf Samstag gelegt. Zu dieser Zeit lag das Gebäude verlassen im Industriegebiet. Trotzdem, der Sachschaden und die öffentliche Aufregung über den Brand waren immens.

„So wie du deine Träume beschreibst, klingt das fast wie das Fegefeuer, durch das du immer wieder durchmusst“, kommentierte es Katrin.

Helen hatte sich ihrer mittlerweile liebsten Freundin über den Inhalt ihrer Albträume irgendwann anvertraut.

„Ich bin alles andere als gläubig“, hatte Katrin weiter ausgeführt, „aber für mich ist das ein Beispiel dafür, dass manche Taten sich so tief einprägen, dass sie einen lebenslang bis zum Tod begleiten. Sie lassen einen einfach nicht mehr los. Als meine Oma im Sterben lag, erzählte sie immer wieder, wie sie auf der Flucht von einer ebenfalls armen Familie Essen gestohlen hatte, um zu überleben. Das ließ sie nicht los, bis sie schließlich einschlief.“

Zum Einschlafen war Helen ganz und gar nicht zumute, wann immer sie sich daran erinnerte. Ihr Adrenalinspiegel brachte sie weiterhin voll auf Tour. Meistens wischte sie ihre Gedanken an die Brandstiftung beiseite. Dabei waren diese ein entscheidender Schlüssel für viele ihrer Veränderungen, die sie nie für möglich gehalten hatte. Vor allem nicht in ihrer verschlafenen Stadt. Vor der Brandstiftung hatten so gut wie keine behinderten Menschen den Sprung aus der Werkstatt auf den allgemeinen Arbeitsmarkt gewagt und geschafft. Eine nennenswerte Unterstützung dafür gab es damals nicht. Die Entwicklungen nach der Brandstiftung hatten dann echte Veränderungen hin zur Inklusion gebracht. Wie gut, dass sie, die Enthinderungsgruppe, die Eltern für Inklusion und viele andere Verbündete beharrlich für Veränderungen gekämpft hatten.

Allein im ersten Jahr, nachdem die Werkstatt plötzlich nicht mehr da war und sich die neue noch im Aufbau befand, gelang es sage und schreibe 15 ehemaligen Werkstattbeschäftigen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Dabei gab es eine logische Reihenfolge: Sie begann meist mit einem Praktikum, um die eigenen Fähigkeiten zu entdecken sowie den Arbeitsplatz und die Kolleg*innen kennenzulernen. Viele der Praktika mündeten dann, meist mit Hilfe der Förderung durch das Budget für Arbeit, in regulären Beschäftigungsverhältnissen.

Auf die Darstellung genau solcher Entwicklungen wollte sich Helen konzentrieren. Jetzt, da es ins Studio ging und das Interview anstand. Plötzlich fiel es ihr gar nicht mehr so schwer, im Mittelpunkt zu stehen. Schließlich kannte sie viele Menschen, die diese Veränderungen erlebt hatten. Sie wusste, welchen Unterschied die Veränderungen für deren Leben bedeutet hatten. Und genau von diesen ganz praktischen Beispielen gelungener Inklusion und den Auswirkungen für diese mutigen Menschen wollte Helen heute im Interview erzählen. Die Frage war nur, ob ihr die richtigen Worte aus dem Mund sprudeln würden.

Das Interview

Der Moderator der Sendung Menschenrechte konkret hatte Helen schon kurz im Wartebereich des Senders begrüßt und etwas Small Talk mit ihr betrieben. Sie hatte sich dabei erstaunlich wohlgefühlt und sogar wortgewandt gezeigt. Die Pressesprecherin der Enthinderungsgruppe, Katja Franke, hatte sie glücklicherweise im Vorfeld gebrieft, was auf sie zukommen könnte und ihr einige Tipps mit auf den Weg gegeben. Sie hatten sogar Rollenspiele gemacht, um die Kommunikation im Studio zu üben.

„Die ersten Kontakte im Sender und vor allem mit dem Moderator, das sind gute Möglichkeiten, deine Nervosität etwas abzuschütteln und deren Stallgeruch anzunehmen“, hatte Katja doziert.

„Stallgeruch, was meinst du damit?“

„Das bedeutet, dass du ein Gefühl dafür bekommst, wie die von der Redaktion und der Moderator ticken, welche Sprache sie verwenden. Du spürst die Stimmung, die dort herrscht. Aber vor allem kannst du erste Akzente setzen, damit die dich ernst nehmen. Hey, das ist besonders für uns Rollstuhlnutzerinnen wichtig. Wie oft begegnet man uns eben nicht auf gleicher Augenhöhe. Das kann schnell negative Auswirkungen aufs Interview haben, wenn wir nicht ernstgenommen werden.“

Das mit der gleichen Augenhöhe erwies sich tatsächlich als hilfreicher Tipp. Helen schlug, nachdem sie ins Studio gerollt und vom Moderator begrüßt worden war, diesem vor, dass er nicht stehen bleiben, sondern sich zu ihr setzen solle. „Dann können wir auf gleicher Augenhöhe miteinander reden.“ Das gab ihr instinktiv ein besseres Gefühl und sorgte sogar dafür, dass sich der gestresst wirkende Moderator ein paar Augenblicke länger Zeit als vorgesehen für sie nahm.

Helen konnte durch das Vorgespräch sicherstellen, dass auch der Studioaufbau so gestaltet wurde, dass der Moderator nicht von oben herab mit ihr sprach.

„Wir sollten uns auch im Studio auf Augenhöhe begegnen.“

Sie vereinbarten, dass Klaus Kerzer nicht vom Stehtisch aus, sondern von einem Sessel aus das Gespräch mit ihr moderieren würde. Für Helen war so etwas eine Selbstverständlichkeit, aber für den üblichen Studioaufbau bedeutete dies eine Änderung. Eine Änderung, die das Team jedoch problemlos umsetzte.

„Stell‘ ruhig ein paar Fragen, dann kriegst du zusätzliche Infos über die Leute, mit denen du es zu tun hast. Und du lernst so manches in Sachen Medienarbeit aus erster Hand kennen. Vor allem kriegst du dann schnell mit, dass das auch nur ganz normale Menschen sind“, hatte Katja ihr geraten.

Gesagt, getan: Der Moderator fragte sie im Vorgespräch nicht einfach einseitig aus, sondern Helen platzierte ihrerseits auch einige Fragen zur Sendung. Trotz Helens großer Ehrfurcht im Angesicht des beliebten Moderators gerieten sie tatsächlich in ein nettes Gespräch, sodass Helen nach und nach entspannte.

Kerzer erzählte ihr von seinen 13 und 15 Jahre alten Söhnen, die zuweilen nicht einfach seien. „Aber die sind große Fans der Sendung. Da steigt mein Lampenfieber natürlich. Die sind besonders kritisch mit mir, ihrem Alten. Sie servieren mir zuhause immer ihre entsprechende Rückmeldungen, meine beiden größten Kritiker.“ Welch eine Chance. Jetzt konnte Helen ehrlich anbringen, welch großes Lampenfieber sie gerade selbst hatte. Auch das ließ sie ein klein wenig ruhiger werden. „Gesteh‘ ruhig auch deine Schwächen und Ängste ein, wenn das passt“, hatte Katja ihr geraten. „Du musst nicht perfekt sein.“

Helen rollte ins Studio. Trotz des netten Vorgeplänkels verspürte sie jetzt kein Lampenfieber, sondern Lampenfeuer. Es rötete ihre Wangen. Zum Glück war dies eine Live-Sendung ohne Publikum;Menschenrechte konkretwurde aus einem kleinen Studio gesendet. Das Studio war voll mit Kabeln, Kameras, vielen Lampen und anderem technischen Equipment. Ein Studio, in dem die volle Konzentration wie Nebel in der Luft hing. Aber auch ein Studio mit einem kleinen Bereich für die Moderation und die Studiogäste. Die daraus entstehende Nähe entspannte Helen etwas.

Aufgrund der hellen Lampen und der Enge war es recht warm. Helen geriet ins Schwitzen. Also wurde erneut an ihr rumgewedelt, gepudert und an einigen Stellen die Schminke aufgefrischt. So nett hatte sie sich das Ganze gar nicht vorgestellt. Selbst die Kameraleute waren trotz ihrer Konzentration auf die Arbeit, die für sie anstand, unheimlich freundlich. Wie selbstverständlich hatten sie Helen in ihrem Rollstuhl über die verschiedenen Kabel geholfen, so, als ob sie dies jeden Tag täten.

Ende des Vorgeplänkels. Die Plätze wurden eingenommen, die Kameras ausgerichtet, der Moderator noch einmal gepudert – und los ging es. Los ging es, ohne Unterbrechungen. Das Besondere an der Sendung war, dass sie live und ohne Werbepausen ausgestrahlt wurde. Zuschauer*innen-Fragen und Hinweise wurden direkt mit eingebracht. Für Helen war dieses Format in gewisser Weise einfacher. Ihr blieb schlichtweg keine Zeit zu überlegen, ob sie etwas anderes hätte sagen sollen. Zumindest empfand sie das vorab und theoretisch so. Die Sendung würde einfach ihren Lauf nehmen, hoffte Helen. Und das tat sie auch. Aber leider ganz anders als Helen und die Macher*innen der renommierten Sendung sich das vorgestellt hatten.

Geplant war, dass der Moderator nach seiner Begrüßung und einem kurzen Rückblick auf Entwicklungen, die seit der letzten Sendung eingetreten waren, ein Eingangsgespräch mit Helen führen würde. Dabei sollte es anfangs um die Situation behinderter Menschen 25 Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland gehen. Vor der Einspielung des Films sollte Helen kurz und beispielhaft ihre Erfahrungen in der Wohneinrichtung schildern. Danach folgte die Überleitung zu dem im Vorfeld der Sendung angekündigten kritischen Filmbericht über die immer noch praktizierte Aussonderung behinderter Menschen und die Verquickungen der Einrichtungsbetreiber mit der Politik. Helen war zudem dafür eingeplant, den Film-Bericht danach kurz zu kommentieren und über ihren Übergang von der Werkstatt für behinderte Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu berichten. Welchen Unterschied dies in ihrem Leben gemacht hatte, das wollte Helen einbringen. Die Mitarbeiter*innen der Sendung hatten ihr im Vorfeld versprochen, dass es dafür ausreichend Zeit gäbe.

„Guten Abend, ihr lieben Menschen, die ihr unsere Gesellschaft bereichert, lebenswert und bunt macht. Willkommen zu dieser Ausgabe von Menschenrechte konkret. Mein Name ist Klaus Kerzer. Ich freue mich heute auf eine ganz besondere Ausgabe unserer Sendung, die wieder weit über die Grenzen Deutschlands hinaus verfolgt wird. Seid also auch herzlich willkommen ihr Menschen da draußen in aller Welt. Heute ist ein besonderer Tag. Ein besonderer Tag nicht nur für Millionen Menschen mit verschiedenen Einschränkungen, die häufig durch die Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft behindert und diskriminiert werden. Sondern ein wichtiger Tag für uns alle. Es geht um das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Kurz gesagt um die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Heute vor 25 Jahren, am 26. März 2009, ist diese UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland in Kraft getreten. Das wollen wir feiern, weil es in der Behindertenrechtskonvention um Menschenrechte geht, die früher oder später für uns alle eine große Bedeutung haben könnten.“

Der Moderator Klaus Kerzer war in seiner gewohnt spritzigen und wohl formulierenden Art in die Sendung gestartet. „Bevor wir auf die Ereignisse seit unserer letzten Sendung blicken, möchte ich euch Helen Weber von der Enthinderungsgruppe vorstellen. Sie ist heute unsere Interviewpartnerin. Schön, dass Sie heute bei uns sind. Ich freue mich schon, von Ihnen zu erfahren, wie es um die Inklusion in Deutschland und um die Umsetzung dieser wichtigen Menschenrechtskonvention steht. Doch zuvor noch ein paar Worte zur letzten Sendung.“

„Tschakka! Das war schon mal geschafft,“ dachte sich Helen und atmete zufrieden durch. Sie hatte ihren ersten Punkt gemacht. Für die Zuschauer*innen der Sendung war das Siezen vielleicht etwas ungewohnt. Doch vielleicht regte sie das zum Nachdenken an. Im Vorfeld war es zunächst etwas knifflig gewesen, abzuklären, dass sie nicht geduzt werden wollte. „Es ist in unserer Sendung aber üblich, dass wir unsere Gäste duzen“, hatte eine Mitarbeiterin ihr etwas irritiert mitgeteilt. Helens Einwand, dass sich in den letzten Jahren zwar einiges im Umgang mit behinderten Menschen verändert habe, es aber immer noch viel zu oft üblich war, behinderte Menschen wie selbstverständlich zu duzen, hatte den Moderator letztendlich überzeugt. Helen kannte das aus eigener Erfahrung. Auch sie wurde damals in der Werkstatt ganz selbstverständlich geduzt, während sie viele Betreuer*innen siezen sollte.

Klaus Kerzer begann seinen Rückblick. Nach einem Bericht über Diskriminierungen auf dem Wohnungsmarkt durch eine Wohnungsbaugesellschaft in Dortmund sei es nach über einem Jahr mit Hilfe der Antidiskriminierungsstelle des Bundes und Aktiven vor Ort gelungen, klare Regeln für eine diskriminierungsfreie Wohnungsvergabe zu entwickeln. Inzwischen seien erste Wohnungen nach diesen Kriterien vergeben worden und einige Abgeordnete des Bundestages arbeiteten jetzt fraktionsübergreifend daran, die gesetzlichen Regelungen hierzu zu verändern.

Helen hatte Schwierigkeiten ihm zu folgen. In ihrem Kopf ratterte es kräftig, wie sie auf die anstehenden Fragen des Moderators am besten antworten konnte. Sie hatte sich diese Situation so oft ausgemalt, doch plötzlich war ihr Gehirn blank, wie leergefegt. Es fühlte sich an, als ob sich dichter Nebel über sie herabsenkte. Sie musste schnellstmöglich diese aufkommende Leere abschütteln. Katja hatte ihr schon prophezeit, dass so etwas passieren könnte. Es aber nun zu erleben, war eine Herausforderung, die Helen ins Schwitzen brachte.

„Und damit sind wir bei unserem heutigen Thema.“

Klaus Kerzers Worte holten Helen zurück ins Hier und Jetzt. Ein Adrenalinschub sorgte dafür, dass sie sich wieder zurecht ruckelte.

„Frau Weber, sind Sie gut in unser Studio gekommen?“ Mit dieser Frage wandte er sich ihr zu.

„Ja. Ich habe mich gut vorbereitet. So hat die Zugfahrt tatsächlich ohne Probleme geklappt. Auf meinem Weg ins Studio gab‘s aber einige höhere Bordsteinkanten. Die musste ich mit meinem Rollstuhl erst einmal überwinden. Da habe ich eben um Hilfe gefragt. Aber im Vergleich zu früheren Reisen war‘s easy. Zum Glück haben wir bei der Bahn und im Tourismusbereich in Sachen Barrierefreiheit in den letzten Jahren endlich einiges erreicht. Wenn auch längst noch nicht genug“, plauderte Helen weiter – und gewann ihre Souveränität langsam wieder zurück.

„Wir begehen heute, dass die UN-Behindertenrechtskonvention seit 25 Jahren in Deutschland gilt und damit Gesetzeskraft hat. Ist dies für Sie ein Grund zum Feiern?“

Auf diese Frage war Helen nicht vorbereitet. Sie antwortete mit einem knappen „Ja“, gefolgt von einem knappen „Nein“. Anschließend setzte sie erklärend nach: „Ja, weil die Konvention für die Menschenrechte von uns behinderten Menschen sehr wichtig ist. Mit ihr im Rücken konnte einiges erreicht werden. Und Nein, weil es noch so viel zu tun gibt.“

„Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, das klingt für viele wahrscheinlich erst einmal sehr theoretisch oder abgehoben? Warum ist diese Menschenrechtskonvention für Sie und andere behinderte Menschen so wichtig?“