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Susanna verliebt sich Hals über Kopf in Tomaso, einen Mann, der zwiespältiger nicht sein könnte. Schneller als gedacht kommt es zum ersten Kuss, aber: Was, wenn der erste Kuss anders ist als erwartet? Tomaso selbst scheint hin- und hergerissen zu sein: »Ich will sie. Ich will sie nicht. Ich will sie…« Ist das Liebe? Ein spritziger Liebesroman, gewürzt mit Sinnlichkeit, tiefen Gefühlen und der Zeitlosigkeit der Liebe. Happy-End-Garantie inklusive!
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Seitenzahl: 220
Veröffentlichungsjahr: 2024
Ich will sie!
Ich will sie nicht!
Ich will sie!
Ich will sie nicht!
Laura Cristine
© 2024 Laura Cristine
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926
Ahrensburg, Deutschland
ISBN 978-3-384-19172-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Susanna
Tomaso
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Susanna
Mein erstes Date nach der Scheidung! Himmel, bin ich aufgeregt! Nach so vielen Jahren werfe ich mich in Schale, habe extra neue sexy schwarze Spitzenunterwäsche gekauft, dazu ein schwarzes, enganliegendes, schulterfreies Kleid, das mir bis zu meinen Knien reicht, sowie schwarze Stöckelschuhe – nein! Schwarze High Heels, das klingt viel extravaganter und nicht so altbacken. Wie auch immer die Dinger genannt werden wollen, ich hoffe, sie bringen mich nicht zu Fall. Früher hatte ich immer Schuhe mit hohen Absätzen getragen, aber seitdem ich vor sieben Jahren Mutter geworden bin, hat sich mein Outfit mehr ins Praktische verwandelt. Was hilft es schon, großartig Make-up aufzutragen, wenn die dunkelvioletten Augenringe, die Stirnrunzeln und die Sorgenfalten ohnehin durch alle aufgeschmierten künstlichen Farben hindurchscheinen. Aus diesem Grund habe ich mich jahrelang für die natürlichen Farben und Falten des Lebens entschieden. Allerdings muss ich mir eingestehen, dass sie einen nicht unbedingt attraktiver erscheinen lassen. Aber heute gebe ich mir alle Mühe und verwende alles, was mein neu aufmunitioniertes Kosmetiktäschchen so hergibt. Make-up, Puder, Rouge, ein wenig Lidschatten, Mascara für extralange und voluminöse Wimpern und Lippenstift. Meine Haare habe ich einmal nicht hastig zusammengebunden, sondern heute trage ich meine langen kräftigen dunkelbraunen Haare mit den widerspenstigen Naturlocken offen. Im Vorzimmer drehe ich mich vor dem großen Spiegel einmal um die eigene Achse. Ja, ich bin zufrieden. Vor allem, wie durch den Push-up-BH sogar meine hängenden Flachlandbrüste reizvoll wirken. Absoluter Fake, aber was soll’s! Schnell greife ich nach meinem Autoschlüssel und wanke langsam und bedächtig zum Auto. Ich muss mich definitiv erst wieder an die instabile Wirkung der High Heels gewöhnen.
Pünktlich auf die Minute treffe ich in der Bar ein, in der ich heute verabredet bin. An die Vorgeschichte, die zu dieser Verabredung geführt hat, möchte ich lieber nicht denken. Hauptsache ich bin hier und habe die Chance, mich wieder einmal als Frau, und nicht mehr nur als geschlechtsneutrales Etwas zu fühlen. Meine Ehe war nicht unglücklich, im Gegenteil, mein Ex-Mann und ich haben uns super ergänzt, aber irgendwann ist die Liebe auf der Strecke geblieben. Ich fühlte mich nur mehr als Mutter unserer Tochter wahrgenommen, aber definitiv nicht mehr als Frau. Die Romantik, das Knistern, die Leidenschaft und die Freuden, die man als Partner miteinander teilen könnte, waren wie weggeblasen. Ein schleichender Prozess und ehe man sich versieht, zählt man zu den in den Statistiken erscheinenden Ehen, die in einer Scheidung enden. Ohne es zu wollen. Zum Glück erfolgte die Scheidung auf eine sehr harmonische Art und Weise, allein schon aus Liebe zu unserer gemeinsamen Tochter Aurora, für die mein Ex-Mann der beste und liebevollste Papa auf der ganzen Welt ist. Wir haben zwar eine Besuchsregelung vereinbart, doch ich habe ihm von Anfang an zugesagt, dass er seine Tochter, wann immer er möchte, sehen darf. Sie liebt ihn abgöttisch und er gibt ihr, selbst wenn er nicht mehr in unserem gemeinsamen Haus lebt, das Gefühl, immer für sie da zu sein, und dass sie das Wichtigste auf der Welt für ihn ist. Dafür liebe ich ihn auch heute noch. Aber ab jetzt verschwende ich keinen Gedanken mehr an meine Vergangenheit! It’s Showtime, Baby!, vergegenwärtige ich mich.
Langsamen Schrittes bewege ich mich auf den Tresen zu, ziehe einen Barhocker zu mir und setze mich hinauf. Gott, bin ich froh, den Weg ohne Stolpern geschafft zu haben! Mit diesen halsbrecherischen Schuhen muss ich mir fürs nächste Mal Trainingseinheiten zuhause einplanen. Gewöhnung an das Gerät, ist wohl die Devise, um jeglichen eventuellen Peinlichkeiten zu trotzen.
»Guten Abend! Was möchten Sie trinken?«, fragt mich der Barkeeper.
»Einen Martini bitte.« Noch nie im Leben habe ich Martini getrunken, aber ich finde, Martini klingt genauso erotisch wie High Heels. Vielleicht sollte ich mir den Martini schnell ex hinunterjagen und auf diese Art meine Nervosität ertränken? Noch bevor ich diesen Gedankengang weiterverfolgen kann, höre ich, wie mir eine tiefe, raue Männerstimme ein »Ciao« ins Ohr raunt.
Meine Verabredung ist hier! Mir geht der Arsch auf Grundeis, mein Herz pocht und mein Körper vibriert vor Nervosität.
»Ciao! Ich bin Susanna. Schön, dass du gekommen bist.« Halleluja, sieht der gut aus. Groß, schlank, vielleicht sogar ein wenig durchtrainiert … schwer zu sagen, jedenfalls besitzt mein Gegenüber einen wohlgeformten Körper, außerdem eine selbstsichere wie auch unnahbare Ausstrahlung, die mich fasziniert und meinen Atem zum Stocken bringt. Weiteratmen, Susanna, weiteratmen!, ermahne ich mich. Sein oval geformtes Gesicht, seine kantige Kinnlinie und sein Dreitagesbart verleihen ihm überdies eine höchst männliche Note und bringen mein Blut in Wallung - mehr als mir in der Situation lieb ist. Mein Mund fühlt sich staubtrocken an und dank meiner Aufregung fühle ich mich in Teenagerzeiten zurückversetzt. Er trägt schwarze Jogpants und ein weißes langärmeliges Hemd mit Stehkragen, das seinen Oberkörper perfekt einhüllt und mich ihn anschmachten lässt. Ganz klar eine stilvolle, elegante, sportliche Erscheinung. Seine schokobraunen kurzen Haare sind an den Seiten etwas kürzer, am Oberkopf jedoch länger und leicht verstrubbelt. Welch charmeversprühende Frisur! Hilfe, ich bin verloren! Ich verzehre mich nach diesem Mann und weiß zweifelsfrei, dass er es ist, dem mein Herz gehört. Mein Herz pumpert heftig, während mein Hirn mit Gedankenfetzen um sich wirft: Das ist meine Chance, sein Herz für mich zu gewinnen. Und diese darf ich nicht vermasseln! Ich will ihn … so sehr! Koste es, was es wolle. Für diesen Mann bin ich bereit, alles zu tun.
«Tomaso«, stellt er sich kurz vor und setzt sich auf den Hocker neben mich. Mein Blick trifft seine Augen und … Nichts! Mein bis eben noch herumwirbelndes Inneres erstarrt augenblicklich. Schlägt mein Herz überhaupt noch? Seine graublauen Augen erinnern an das windstille, ruhige Zentrum eines Wirbelsturmes – an den leblosen, reglosen, leeren Teil. Wenn sie wenigstens eine stürmische, dunkle Ausstrahlung hätten, aber nichts … Leere. Als ob er innerlich tot ist. Oder bloß taub gegenüber dem Leben, den Gefühlen, den Empfindungen? Ein Traummann, aber anscheinend leider ein toter Traummann. Ja, seine Unnahbarkeit ist irgendwie sexy, aber dieses Nichts, diese Leere in seinen Augen, ist furchteinflößend und schaurig.
Nichtsdestotrotz lasse ich mich von diesem Aspekt nicht abschrecken. Es ist und bleibt meine Chance! Und diese werde ich nutzen!
»Ein Bier bitte«, sagt er zum Barkeeper gewandt, der mir gerade den Martini serviert. Beim Anblick des Martinis zieht Tomaso ungläubig seine rechte Augenbraue in die Höhe. Seine graublauen Augen fixieren mich. Ich ignoriere seine Reaktion und nehme einen Schluck.
»Und, schmeckt’s?«, fragt er mich skeptisch.
Grauenvoll! Wie kann das nur jemand freiwillig trinken! Hat er geahnt, dass dieses Gesöff jenseits meiner Gaumenfreuden liegt?
»Wunderbar! Genau mein Geschmack«, gebe ich als Antwort. Um mich von meiner Mimik nicht verraten zu lassen, zwinge ich mir schnell ein Lächeln auf und stelle mir gedanklich vor, wie ich mir das kühle Bier, das Tomaso soeben kredenzt worden ist, meine Kehle runterzischen lasse. Herrlich! Und auf einmal wirkt mein Lächeln nicht mehr aufgesetzt, sondern ehrlich.
»Bist du öfter hier?«, will er wissen. Für unsere erste Verabredung war ich es, die diesen Ort ausgewählt hat, in der Hoffnung, dass mich hier niemand kennt. Ravenna ist nicht gerade eine Großstadt und als Physiotherapeutin habe ich viel mit Menschen zu tun, da möchte ich Getratsche tunlichst vermeiden, so als frisch Geschiedene und Alleinerziehende.
»Nein, heute das erste Mal. Hast du diese Bar schon gekannt?«
»Nein.«
Mist, irgendwie kommt das Gespräch nicht so in die Gänge. Anstatt irgendein Interesse an mir zu zeigen, schweift sein Blick leidenschaftslos und gelangweilt durch die Bar. Prima! Da hat sich ja das ganze Aufdonnern für diesen Kerl richtig gelohnt!
Ich räuspere mich. Absichtlich. Laut. Mehrmals. Vielleicht naiv, aber mir fällt nichts ein, womit ich seine Aufmerksamkeit auf mich ziehen könnte. Fragend schaut er mich an. Seine Augen. Sie bringen mich um. Sie geben mir das Gefühl, nicht vorhanden zu sein, weswegen ich es tunlichst zu vermeiden versuche, diesem leeren Zombieblick begegnen zu müssen.
»Und, was treibst du sonst so?«, wage ich verzweifelt einen neuerlichen Versuch, eine verbale Verbindung zu ihm aufzubauen.
»Du meinst, wenn ich nicht gerade am Abend zu einer Verabredung gehen muss?«
So ein Mistkerl! Muss. Ich habe ihn nicht gezwungen, sich mit mir zu treffen. Er ist freiwillig hier. »Ja, genau, das meine ich.«
»Neben meiner Arbeit, die mich sehr beansprucht, treibe ich ab und zu Sport und falls es die Zeit erlaubt, spiele ich Saxophon und höre Musik«, erzählt er schwerfällig und sichtlich genervt, ohne mich auch nur eine Sekunde lang anzusehen. Stattdessen gehen seine Augen ringsum mich herum auf Wanderschaft.
»Das reicht jetzt!«, sagt er plötzlich. Er legt einen Zwanzigeuroschein auf die Theke, schnappt sich meine Hand, reißt mich quasi vom Hocker und zieht mich den gesamten Weg durch die Bar hinaus an die frische Luft.
»Was soll das?!«, frage ich aufgebracht über sein rücksichtsloses, dominantes Handeln. Doch anstelle einer Antwort drängt er mich an die nächste Hausmauer, schaut mich mit seinen leeren, toten Augen an und küsst mich. Grob. Gefühlskalt. Grausam. Nie hätte ich gedacht, solche Adjektive für einen Kuss verwenden zu müssen. Trotz dieses harten Kusses fühle ich, dass es hinter Tomasos Gefühlskälte mehr gibt. Und dieses Mehr will ich kennenlernen, entdecken, aufdecken! Auch wenn es zunächst heißt, herzlose Küsse erdulden zu müssen. Seine Hände wandern meinen Rücken hinunter, bis sie schließlich an meinem Po zum Stillstand kommen und ihn roh anpacken. Unter seinen Küssen beginne ich zu stöhnen, nicht vor Lust, sondern vielmehr ringe ich um Atem. Seine Zunge ist besitzergreifend und gibt mir kaum Raum, drängt mich förmlich zurück, schließt mich paradoxerweise aus, zwängt mir ihren herrischen Monolog auf, und jeglicher Versuch meinerseits, einen liebevollen Dialog daraus zu machen, wird harsch zurückgewiesen. Kein Raum für mich. Kein Raum für Zärtlichkeit. Kein Raum für miteinander. Nur er. Nur seine Zunge. Nur sein Wille.
»Gleich um die Ecke gibt es ein Hotel. Komm mit!«, keucht er begierig. Ohne meine Antwort abzuwarten, umfasst er meine Hand und drängt mich, mit ihm zu gehen. Obwohl er mir gegenüber so roh ist, weiß ich, dass ich diesen Mann will. Hinter seiner Leere muss es eine Fülle geben. In mir erwacht eine tiefe Sehnsucht, Tomaso zu ergründen, sein wahres Ich zum Vorschein zu bringen, ihn mit allen Mitteln zu erobern. Also stöckele ich ihm hinterher. Mein heiseres »Ja« scheint ihn gar nicht zu interessieren.
Im Hotel angekommen organisiert er uns ein Zimmer, das er auch gleich bezahlt. Anschließend zerrt er mich lieblos in den Lift und dann ins Zimmer. Kurz lässt er mich los, um die Vorhänge zuzuziehen und um sich seiner Kleidung zu entledigen. Als er mich immer noch vollkommen angekleidet am Bett liegen sieht wirkt er verärgert. Hätte ich mich ausziehen sollen? Ohne mich wirklich wahrzunehmen, mein Wesen und meine Bedürfnisse vollkommen ignorierend, legt er sich unverzüglich auf mich und verteilt gefühllos Küsse: auf meinem Dekolleté, meinem Hals, meinem Ohr und schließlich meinem Mund. Unterdessen spüre ich, wie seine Hand unter mein Kleid fährt und mir mein Höschen zur Seite schiebt, ehe er seine Finger in mich einführt. Es tut weh. Nichts von alldem, was er tut, erregt mich. Doch das scheint ihn nicht zu interessieren. Schnell holt er sich ein Kondom aus seiner am Boden liegenden Hose, reißt es auf, stülpt es sich drüber und fragt: »Willst du?« »Ja, natürlich«, antworte ich prompt, während in mir alles Nein schreit. Schon im nächsten Moment dringt er in mich ein, mein Kopf bewegt sich wie von automatisch auf die Seite. Keinesfalls will ich ihm meinen Schmerz zeigen. Es tut weh. Höllisch weh. Mein Körper zeigt keine Anzeichen von Lust, von Erregung, und die Nässe, die sich unter anderen Umständen in meiner Intimzone bildet, bleibt gänzlich aus, stattdessen beginnen feuchte Tränen sich ihren Weg aus meinen Augen zu bahnen. Rein. Raus. Rein. Raus. Ein paar Mal. Und schon ist er da – sein Höhepunkt. Hastig wische ich mir das Augenwasser von den Wangen.
»Scheiße, Susa!« brüllt er.
»Nenn mich nicht Susa! Für dich bin ich Susanna!«, keife ich ihn an. Niemand darf mich Susa nennen, außer mein Ex-Mann.
»Was soll das?!«, schnaubt er wütend.
»Was soll was?«, frage ich mit gebrochener Stimme. Meine Gefühlswelt ist durcheinander; Schmerz, Wut, Enttäuschung, … Schwermut.
»Das hier! Ich dachte, das war das, was du wolltest? Warum sonst hast du dich so angezogen?«. Sein Ton ist rau und dunkel und die darin schwingende Verachtung ist gut hörbar.
»Ja, du hast recht, das wollte ich«, gebe ich kleinlaut zu. Ich will ihn nicht verärgern, will ihn nicht verlieren. Immer noch angezogen liege ich auf dem Bett, selbst meine High Heels haften noch auf meinen verkrampften Füßen, während er sich wieder seine Hose und sein Hemd anzieht. »Gehst du?«
»Ja.«
»Aber warum?« Ob er meine Tränen bemerkt hat? Hab ich ihn damit womöglich verschreckt? Ihn vertrieben?
Der leere Blick seiner graublauen Augen verfinstert sich. »Du siehst in diesem Kleid aus wie eine billige Schlampe … und diese hochhackigen Schuhe… Glaubst du im Ernst, ich steh auf so etwas?!«, schnauzt er herablassend, knallt die Zimmertüre hinter sich zu und lässt mich alleine zurück.
Ein Wasserfall aus Tränen stürzt aus meinen Augen, strömt über mein Gesicht, über meinen Hals … Diese Tränen, sie wollen nicht versiegen. Wie eine billige Schlampe… seine Worte hallen unbarmherzig nach, fressen sich hinein in meinen Kopf, in mein Herz, … noch nie in meinem Leben habe ich mich so verletzt gefühlt, so gedemütigt, so minderwertig.
Doch ich bin stärker, als er mich vielleicht einschätzt. Von so einer Aussage lasse ich mich nicht unterkriegen!
Tomaso
»Scheiße, Scheiße, Scheiße!«, fluche ich laut und raufe mir die Haare. Nachdem ich fluchtartig das Hotel verlassen habe, bin ich auf dem schnellsten Wege nachhause gefahren. Mittlerweile sitze ich auf meiner nigelnagelneuen schwarzen Ledercouch meines Einzimmerappartements, kippe mir ein Bier in die Venen und ärgere mich über diese Frau, die mich heute am Abend zu einem schizophrenen Mann werden ließ. Irgendwie erinnert mich die Situation an ein kleines Mädchen, das mit einem Gänseblümchen in der Hand auf der Wiese sitzt und die Blütenblätter umsichtig abzupft: «Er liebt mich. Er liebt mich nicht. Er liebt mich. Er liebt mich nicht. …«. Nur, dass ich ein Mann Anfang vierzig bin und meine gegensätzlichen Äußerungen »Ich will sie. Ich will sie nicht. Ich will sie. Ich will sie nicht. …« lauten. Ich bin zerrissen, ohne zu wissen, warum.
Ich war schon vor Susanna in der Bar, bin bloß noch schnell auf die Toilette gegangen, und als ich auf dem Weg zur Theke war, habe ich sie hineinkommen sehen. Mir hat’s augenblicklich die Sprache verschlagen. Ihr elegantes Kleid, ihre gelockten langen Haare, die sich an ihre nackten Schultern angeschmiegt haben und diese erotischen High Heels haben mich von Anbeginn um den Verstand gebracht und meinen Schwanz zu einer schmerzhaften Erektion in meiner Hose. Ihr reizvoller Gang zur Bar, der ihren Hintern verführerisch zur Geltung gebracht hat, trieb es auf die Spitze. Alle Männer in der Bar drehten sich nach ihr um. Nach meinem Date. Schon als ich mich neben sie hingesetzt habe, war ich prall gefüllt vor Wut. Auf sie und auf meine Geschlechtskollegen. Ihr Outfit war zu sexy. Und alle männlichen Barbesucher stempelte ich als notgeile Idioten ab, die Susanna mit ihren lüsternen Augen förmlich vernaschten. Immer wieder sendete ich an die glotzenden Augen rund um Susanna zornige, besitzergreifende Blicke aus, nur um mein Revier abzustecken. Leider beschäftigten mich die Augen der anwesenden Männer mehr als Susannas. Deswegen mein abrupter Aufbruch.
Innerlich bin ich immer noch hin- und hergerissen. Ich will nichts von Susanna, aber auch niemand sonst sollte sie bekommen. Das wurde mir schon sehr rasch klar. Also blieb mir nichts anderes übrig, als ihr das zu geben, was sie sich eindeutig von diesem Abend versprochen hatte: Sex. Meine innere Zerrissenheit machte mich jedoch zu einem Grobian. Ich wollte sie nicht flachlegen und noch weniger wollte ich sie verletzen, doch beides habe ich getan. Ihre Tränen blieben von mir nicht unbemerkt. Susanna ist eine elegante, grazile, atemberaubend schöne Frau, die nur das Beste verdient hat. Und sicherlich keine billige Schlampe – warum ich sie dann als solche betitelt habe, ist mir selbst ein Rätsel.
Piep. Piep. Mein Handy reißt mich aus meinen Gedanken. Eine Textnachricht von Susanna.
»Nächsten Donnerstag: 18:00 Uhr Via Rosalia 44. Legere Kleidung. Bis dann!«
»Oh, verfluchter Mist!«, schimpfe ich. Sie gibt nicht auf! Ich will mich kein zweites Mal mehr mit ihr treffen. Um nichts in der Welt möchte ich ihr noch mehr wehtun. War ihr das heute nicht genug? Hat sie nicht gemerkt, welch ein Arschloch ich bin?!
Ich tippe.
»Ok. Werde da sein.«
Nach einer kalten Dusche und einem weiteren Bier lege ich mich ins Bett. Der morgige Tag wird sehr arbeitsintensiv werden. Von Beruf bin ich Bäcker. Unter meinem Appartement befindet sich meine Backstube und mein kleiner Backshop, den ich vier Mal in der Woche geöffnet habe.
Früher zählte ich mich zu den herkömmlichen Sacklmischern. Das heißt, ich habe lediglich vorgefertigte, in Säcken abgefüllte Teigmischungen angerührt, ein paar weitere Ingredienzien beigemengt, geformt und gebacken. Finanziell war meine Arbeit ertragreich, erfüllt hat sie mich jedoch nicht. Meine Ex-Frau hat meine Frustration über meine lahme Arbeit und meine Unterforderung hautnah miterlebt. Es war ihre Idee, meinem Tun mehr Vielfalt einfließen zu lassen. Da die Unverträglichkeiten auf bestimmte Getreidesorten und Nahrungsmittel im Generellen in der Bevölkerung seit Jahren zunehmen, habe ich mich schlussendlich entschieden, mich darauf zu spezialisieren und nach den jeweiligen individuellen Bedürfnissen meiner Kundschaft zu backen. Daraus hat sich dann mein Grundrepertoire an diversen Broten herauskristallisiert. Mit Sauerteig, mit oder ohne Hefe, Körner und Getreide aller Art, wie beispielsweise Emmerkorn, Kamut, Dinkel, Hanf, Hafer, Buchweizen, Roggen. Manche präferieren anstelle von Nüssen Erdmandelmehl, manche möchten Teffmehl, Lupinen-, Lein- oder Kichererbsenmehl in den Teig beigemengt haben, usw. Die Liste ist schier unendlich. Und so wurde ich vom Sacklmischer zum Bio-Bäcker. Neben meiner Bäckerei gebe ich noch Backkurse. Das Interesse ist erstaunlich groß und den Teilnehmern macht es immensen Spaß. Um mein Backhandwerk noch einer breiteren öffentlichen Masse bekanntzumachen, habe ich letztes Jahr meinen eigenen Kanal im Internet erstellt, den ich regelmäßig mit Backanleitungen samt Videos füttere und der mir zwischenzeitig schon etliche Abonnenten eingebracht hat. Beruflich kann ich mich wahrlich nicht beklagen. Es läuft. Morgen am Vormittag gebe ich zunächst auf Wunsch einer Kundin einen Backkurs zum Thema »Glutenfreies Brot«, anschließend einen weiteren zum Thema »Hefefreies Backen« und am Nachmittag stehen jede Menge Meetings an, mit Journalisten eines Online-Magazins, mit einer Hotelkette, die an einer Zusammenarbeit mit mir interessiert ist, sowie mit der hiesigen Volksschule betreffend einem Backkurs für Kinder.
Aber zunächst heißt es Augen zu und schlafen…
… eine Stunde lang liege ich wach im Bett, immer wieder drängt sich mir das Bild von Susanna auf, wie sie voller Hoffnung und Erwartung mir gegenüber auf dem Barhocker sitzt. Hinreißend und sinnlich. Nachdem das energische Verdrängen ihres vehementen und kontinuierlichen Auftauchens vor meinem inneren Auge fruchtlos bleibt, ergebe ich mich schließlich und sinke mit nicht ganz jugendfreien Gedanken an Susanna in meinen wohlverdienten Schlaf.
Susanna
Eine Woche ist mittlerweile vergangen, seitdem ich mich mit Tomaso getroffen habe, in der ich mich in meine Arbeit gestürzt und mich um meine Tochter Aurora gekümmert habe. Endlich habe ich eine passende Logopädin für sie ausfindig gemacht. In kurzer Zeit hat sie schon erkennbare Fortschritte in ihrer Aussprache gemacht und mein Mutterherz zerbirst vor Freude. Auroras Vater hat das ebenfalls voller Bewunderung erkannt. Auch wenn wir geschieden sind, er ist und bleibt der liebevollste Papa, den ich je erlebt habe. Er liebt sie unendlich, kuschelt und spielt mit ihr, so wie er auch nicht davor zurückschreckt, Grenzen zu setzen, sie am Weg in ihre Eigenständigkeit zu begleiten und alle »Hausaufgaben«, die wir von diversen Therapeuten erhalten, tatkräftig umzusetzen und sie für alles im erforderlichen Maße zu motivieren. Einen besseren Papa könnte ich mir wahrlich nicht vorstellen.
»Guten Morgen, Mama.« Aurora tappst mit ihren kleinen Füßchen zu meiner Bettkante. Ich hebe die Bettdecke, sie schlüpft schnell zu mir, wärmt sich auf und schmiegt sich liebevoll an mich. »Ich hab dich lieb, Mama.«
»Ich dich auch, mein Goldschatz«, erwidere ich, streiche ihre wilde dunkelhaarige Lockenmähne, die sie von mir geerbt hat, sanft zur Seite und drücke ihr einen Schmatz auf die Stirn. »Hör zu, heute am Abend bringe ich dich zu Tante Giulia. Du übernachtest bei ihr und morgen in der Früh hole ich dich wieder ab.«
»Ja!«, jubelt sie. Gott sei Dank fühlt sie sich bei meiner besten Freundin wohl und verbringt problemlos eine Nacht bei ihr. So habe ich die Möglichkeit eines freien Abends. Für einen Abend mit Tomaso.
Obwohl seine gehässigen Worte wie eine billige Schlampe immer noch in meinen Ohren summen, habe ich mich entschieden, mich nicht davon unterkriegen zu lassen, da sie schlichtweg nicht wahr sind. Ich bin keine billige Schlampe und ich sehe auch nicht wie eine aus. Punkt. Das ist so. Das weiß ich. Und das wird mich auch nicht davon abhalten, mich heute wieder ladylike zu kleiden, mich elegant und feminin zu stylen und meine Lockenpracht wallend offen zu tragen.
»Hi! Schön, dass du gekommen bist!«, begrüße ich am Abend Tomaso, der mit fünf Minuten Verspätung zu unserem Treffpunkt erschienen ist.
»Salve! Was machen wir hier?« Kein Begrüßungskuss, nicht einmal ein Küsschen auf die Wange, stattdessen hält er Abstand, als ob ich ansteckende Masern hätte und mustert mich. Heute trage ich eine blaue Slim fit Jeans und dazu eine weiße Bluse, deren Knöpfe ich gerade so weit offengelassen habe, dass es nicht vulgär wirkt, aber doch einen Hauch Erotik versprüht. Gewollt ungewollt phantasieanregend sozusagen. Auf High Heels habe ich heute verzichtet und mich stattdessen für praktikable braune Cowboyboots entschieden.
»Wir gehen tanzen.« Just werden seine Mundwinkel bei meiner Antwort massiv von der Erdanziehungskraft überwältigt und bemühen sich, mit dem Erdmittelpunkt zu verschmelzen. »Das hier ist ein Line Dance Club. Heute startet ein Anfängerkurs und ich habe uns für einen Schnupperabend angemeldet. Es wird bestimmt lustig«, erkläre ich begeistert meine Idee.
Angewidert seufzt er. »Okay, wie du meinst«, sagt er trocken. Er greift meine Hand und schubst mich unsanft vorwärts durch die Tür. »Lass es uns hinter uns bringen«, murmelt er. Seine Laune ist mal wieder berauschend, sein Äußeres hingegen sehr ansprechend. In seiner Bluejeans kommt sein Knackarsch perfekt zur Geltung und sein graublaues Henley Shirt harmoniert mit seiner Augenfarbe und umschmeichelt seinen definierten Oberkörper. Für sein Alter ist er nicht schlecht in Form, denke ich mir.
Nach einer Stunde Line Dance sind wir durchgeschwitzt und fix und fertig. Tomaso und ich waren mit Abstand die miserabelsten Anfänger, aber mir hat es ein großes Vergnügen bereitet und Tomaso, auch wenn er es gewiss leugnen würde, hatte auch seinen Spaß.
»Mist! An das habe ich nicht gedacht!« Ich stehe Tomaso im Tanzsaal gegenüber. Wir sind die letzten noch Verbleibenden. Mein Blick bleibt an den deutlich sichtbaren Schweißflecken seines Shirts hängen.
»An was hast du nicht gedacht?«
»Ich habe noch eine Überraschung für dich geplant. Aber«, spreche ich meine Bedenken aus, »wir sind beide vor Schweiß pitschnass, so können wir unmöglich den restlichen Abend verbringen.«
Amanda, die Tanztrainerin, hat sich mittlerweile zu uns gesellt und unserer Unterhaltung gelauscht. »Ihr braucht eine Dusche und ein neues Gewand, richtig?«
