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Ein ergreifender Roman, der Mord, Justiz, Liebe, Erotik & Witz vereint. Es verblüfft aufgrund seines Abwechslungsreichtums: anfangs tiefromantisch, verändert sich dann aber in spannend, tiefgründig und intellektuell ansprechend, durchgehend mit einer Prise Humor durchzogen.
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Seitenzahl: 238
Veröffentlichungsjahr: 2025
LAURA CRISTINE
Jenseits der Blendung
© 2025 Laura Cristine
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin: tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
ISBN 978-3-384-56246-3
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin ([email protected]), zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Für alle, die bereit sind, hinter den Spiegel zu schauen.
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Ina
Kapitel 3
Anton
Kapitel 4
Ina
Kapitel 5
Anton
Kapitel 6
Ina
Kapitel 7
Kapitel 8
Anton
Kapitel 9
Ina
Kapitel 10
Anton
Kapitel 11
Anton
Kapitel 12
Ina
Kapitel 13
Anton
Kapitel 14
Ina
Kapitel 15
Anton
Kapitel 16
Ina
Kapitel 17
Anton
Kapitel 18
Ina
Kapitel 19
Ina
Kapitel 20
Ina
Kapitel 21
Anton
Kapitel 22
Ina
Kapitel 23
Ina
Kapitel 24
Anton
Kapitel 25
Ina
Kapitel 26
Ina
Kapitel 27
Anton
Kapitel 28
Ina
Kapitel 29
Anton
Kapitel 30
Anton
Kapitel 31
Ina
Kapitel 32
Anton
Epilog
Anton
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Widmung
1
EPILOG
Cover
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1
Perfekt manikürte Fingernägel. Roter, glänzender Nagellack. Zarte, feingliedrige Finger. Seidig weiche, makellose Haut. Die meisten Menschen würden diese penibel gepflegten Hände wohl als schön einstufen, aber wie heißt es: Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Und für mich sind diese Hände die Ausgeburt an Hässlichkeit. Absolut widerwärtig. Oh, wie ich solche Hände hasse! Zorn, abgrundtiefer Hass und Abscheu fluten meinen ganzen Körper ebenso wie ein Rausch an Glücksgefühlen, während ich gerade diese perfekten Hände zerhacke. Blut fließt gemächlich, während die scharfe Klinge des Beils feinsäuberlich alle Knochen, Muskelfasern und Blutgefäße teilt. Zunächst erfolgt die Abtrennung der Hände am Handgelenk, die viel Schwung und Kraft bedarf, Muskelfasern sind zäh, und dann, ja dann folgt meine Lieblingsbeschäftigung: das Abschlagen jedes einzelnen Fingers. Es sind dumpfe, dunkle Töne, die durch das gezielte Hacken erklingen und mir wohlige Schauer bescheren, die mir durch Mark und Bein gehen. Herrlich euphorische Triumphgefühle durchdringen mich und lassen mich beinahe die Engel singen hören. Dies ist mein höchstpersönlicher Sieg! Die Demonstration meiner Macht! Ich bin der Triumphator, der Bezwinger! Ich bin der Stärkere!
Und unantastbar, nicht greifbar … im wahrsten Sinne des Wortes.
Happy Birthday to me!
2
Ina
Nein! Das darf ja wohl nicht wahr sein! Da will ich einmal im Leben einen One-Night-Stand haben und dann kriegt der keinen hoch! Sowas kann auch nur mir passieren!
Naja, eigentlich wollte ich keinen One-Night-Stand haben, vielmehr hat mir meine beste Freundin einen aufgezwungen. »Ina, du bist 41 und hattest seit sechs Jahren keinen Dödel mehr zwischen deinen Beinen, also entweder du springst mal über deinen Schatten oder ich stecke höchstpersönlich meine Finger in deine verstaubte Spalte.«
Sie hat natürlich nur Spaß gemacht. Sie ist Sabrina, meine durchgeknallte Freundin, aber Eigentümerin spießiger Lebensumstände: glücklich verheiratet, drei Kinder, selbstständige Buchhalterin, lebt am Stadtrand von Hoffendorf in einem Durchschnittshaus samt Durchschnittsgarten. Das Einzige, was nicht altbacken an ihr ist, ist ihr loses Mundwerk und ihre spirituelle Ader. Oder ist es bloß Intuition? Keine Ahnung. Jedenfalls gibt sie mir immer die richtigen Ratschläge, auch wenn diese manchmal – entgegengesetzt zu ihrem sittsamen Lebenswandel – höchst eigenwillig und abenteuerlich sind. Nun gut, ihr heutiger, morgendlicher Ratschlag lautete, mich am Abend schick zu machen, mich in eine Kneipe meiner Wahl zu setzen und mit dem erstbesten Typen, der mir gefällt, Sex zu haben. Ja, und die brave, ihrer Freundin hörige Ina macht das natürlich. Tatsächlich habe ich mich heute Abend in ein kleines, mir bis dato unbekanntes, Kabuff gesetzt, mir mein Soda-Zitrone bestellt und mich an einen der wenigen Tische gesetzt. Warum es mich ausgerechnet in so eine dunkle, düster wirkende Spelunke getrieben hat, ist mir immer noch ein Rätsel, aber seltsamerweise fühlte ich mich darin sogar sehr wohl. Und wahrlich, es dauerte vielleicht ein Fingerschnippen bis ein Mann durch die Tür trat und mir den Atem raubte. Groß gewachsen, muskulös, mit einer Aura, die raumeinnehmend war. Seine Augen strahlten in einem dunklen Braun, in Schokoladensprache ausgedrückt: zartbitter. Alles an ihm zeugte von Selbstsicherheit und rauer Bodenständigkeit. Das i-Tüpfelchen waren jedoch seine schon fast lieblich grinsenden Mundwinkel, die zu seinem imposanten und leicht düsteren Erscheinungsbild sehr konträr wirkten.
Ich musste wegschauen, konnte nicht hinschauen. So ein Mann kam für mich definitiv nicht in Frage. Nie im Leben könnte ich ihm das Wasser reichen, nie im Leben könnte er Gefallen an mir finden, geschweige denn mich sexuell reizvoll finden … ich durfte ja meinen Fokus für den heutigen Abend nicht verlieren – es ging schließlich um Einmal-Sex-haben.
Einmal noch, nur mehr einmal hinschauen, das gestattete ich mir schließlich, und da war es passiert: Er nickte mir zu. Und ich? Nichts. Kein Zurücknicken. Stattdessen trank ich einen Schluck meines biederen Gesöffs, Soda-Zitrone, das zu einer frustrierten Anfang-Vierzigjährigen eindeutig besser passt, als ein vermutlich um zwanzig Jahre jüngerer Traummann, dessen Blick ich nicht einmal eine Sekunde lang standhalten konnte.
Bloß, ich hatte mich geirrt, denn besagter Jüngling gesellte sich an meinen Tisch und wir kamen ins Plaudern. Es war ein freundliches, herzerfrischendes und auf der Basis von gegenseitigem Respekt gefärbtes Gespräch, in welchem ich bemüht war, mein galoppierendes Herz zu ignorieren und meine tief in mir vergrabene Coolness heraufbeschwor.
Wortgewandt und redelustig war Anton, bis, ja, bis der von Minimalismus geprägte Teil seiner Redekunst in Form einer Ein-Wort-Frage hervorbrach und mich augenblicklich geschockt innehalten ließ: »Ficken?«
Beinahe hätte ich mich an meinem Soda-Zitrone verschluckt, doch dank meiner Arbeit mit Kleinkindern bin ich unverblümte Direktheit gewöhnt und bekam meine Verblüffung schnell in den Griff. Und was meine Entrüstung anbelangte? – Tja, die schob ich beiseite, schließlich war ich Sabrina, oder besser gesagt mir selbst, einen One-Night-Stand schuldig. Von der pragmatischen Seite aus betrachtet war die Frage also perfekt. Effizient war er, das musste ich ihm zugutehalten. Warum um den heißen Brei reden? Es geht auch so.
Und somit wären wir auch schon im Jetzt angelangt! Denn Ficken-Anton schiebt zwar große Töne, nichtsdestotrotz liegt er nun mit seiner al dente gekochten Nudel neben mir.
»Magst du Schokolade?«, frage ich ihn, während ich mich aus dem Bett hin zu meinem Kleiderkasten bewege.
Mit einem irritierten Blick fragt er: »Du willst jetzt Schokolade essen?»
Ernsthaft?! Was soll ich denn seiner Meinung nach sonst tun, Sex funktioniert ja nicht. »Ja, will ich. Also, was ist jetzt! Willst du auch?«
»Hast du weiße da?«
»Weiße Schokolade ist keine Schokolade! Das ist pures Fett, Kakaobutter. Und nur was für kleine Kinder!«, blaffe ich ihn an.
»Ach, aber dunkle Schokolade ist Erwachsenensüßkram, oder wie?« Sein Grinsen ist schelmisch.
»Richtig.«
»Das klingt wirklich einleuchtend und sehr erwachsen – deine Sichtweise.« Er veralbert mich, aber ich lasse mich auf keine Diskussion ein. Ich bin eine Frau über 40, sexuell im wahrsten Sinne des Wortes hängen gelassen worden und auf der verzweifelten Suche nach Schokolade. Kein guter Zeitpunkt, um mit mir zu spaßen. Mein ernster Blick, den ich ihm zuwerfe, lässt ihn zurückrudern. »Okay, okay. Hab verstanden. Ich nehme einfach die Schokolade, die du auch isst. Sag, kann ich dir irgendwie helfen? Warum wirfst du tonnenweise Socken aus dem Kasten?«
»Ich suche die Schokolade«, stöhne ich und lange mit meinen Fingern bis ins hinterste Eck meines Kastens. »Da hinten, da muss sie sein.«
»Die Schokolade?«
»Natürlich die Schokolade! Was denkst du denn?!« Gefunden! Siegreich und freudestrahlend präsentiere ich Anton die Vollmilch-Mandel-Tonkabohne-Schokolade. Mein Schokoladenversteck scheint ihn zu verwundern. »Weißt du, ich versuche, weniger Schokolade zu essen, und wenn ich sie vor mir selbst verstecke, dann hilft mir das.« Das ist purer Schwachsinn und Selbstbeschiss, aber mir gefällt’s irgendwie, zu wissen, dass mein Kleiderkasten ein geheimer Fundus an diversen süßen Sünden ist.
Er lacht über meine Worte und bedankt sich für das Schokostück, das ich ihm reiche. »Du hast schöne Hände. Die sind mir als allererstes an dir aufgefallen.«
Okay, er hat eindeutig einen an der Klatsche. Denn meine Hände haben absolut nichts Schönes an sich, im Gegenteil, früher hatte ich mich sogar lange Zeit dafür geschämt und sie versteckt, aber mittlerweile stehe ich dazu: Ich bin eine Macherin, eine Frau, die anpackt.
»Du spinnst! Ich bin Kindergärtnerin, meine Hände sind regelmäßig mit Kleber zugekleistert, stecken in färbiger Knetmasse, machen Gartenarbeit, und was dazukommt: Ich nehme mir null Zeit, sie als Ausgleich für ihre Tätigkeit gebührend zu pflegen.«
»Vielleicht ist es genau das, was mir gefällt.« Seine Stimme klingt kratzig, rau und passt zu seinen zartbitterschokobraunen Augen, die mich mit einem durchdringenden, verruchten Blick belegen. Mit einer Sanftheit, die er mir bei unserem unglücklich verlaufenen Lustspiel nicht angedeihen hat lassen, nimmt er meine Hand und küsst jeden einzelnen meiner Finger. Sacht. Liebevoll. Zärtlich. Als ob er so etwas Besonderes noch nie gesehen hätte. Ein eiskalter Schauer bedeckt meinen Rücken. »Wunderschön«, raunt er in meine Hand, sein heißer Atem trifft auf meine Haut, sinnlich und prickelnd.
»Wegen vorhin«, sein Blick sucht meinen, »weißt du: Ich ficke sonst nur Nutten.«
Das war’s! Die erotisch aufgeladene Atmosphäre ist gesprengt und ich verschlucke mich beinahe an meiner Schokolade. Contenance und Coolness, Ina!, tadele ich mich selbst. Du bist doch alt genug, um mit so einer Situation entsprechend umgehen zu können!
»Ah, und weil dein Penis erkannt hat, dass ich keine Nutte bin, bestraft er dich mit Dysfunktion.«
»Nein, so ist das nicht«, gequält fährt er sich durch seine dunklen, kräftigen, leicht gewellten Haare, die mich an edle, feinherbe Bitterschokolade erinnern. Ein wilder Style, der perfekt zu ihm passt.
Oh, etwa nicht! Plötzlich schießt mir ein Gedanke ein. Es liegt an mir! Immerhin ist er sage und schreibe 18 Jahre jünger als ich, kein Wunder, dass er bei einem älteren Geschöpf wie mir schlappmacht. Er findet mich alt und unattraktiv. Herrlich! Dieser Abend könnte nicht besser für mein Ego und meine Libido verlaufen.
Als könnte er meine Gedanken lesen, meint er: »Nein, denk jetzt bloß nicht, es sei deine Schuld! Das ist es nicht. Du bist perfekt, wirklich. Es ist … ich«, er gerät ins Stocken. Seine Augen, seine Körperhaltung, sie zeugen von tiefer Verzweiflung und Frust.
»Anton, du musst nichts sagen. Hör zu, es ist auch für mich neu, also dieses One-Night-Stand-Zeug. Ich hatte in meinem Leben erst drei Männer, mit denen ich«, ich gerate ins Stocken.
»Mit denen du gefickt hast.«
»Nein! Ich habe noch nie in meinem ganzen Leben gefickt! Ich hasse dieses Wort! Das ist es ja gerade, was ich dir erklären möchte. Also noch einmal: Es gab erst drei Männer und mit einem davon war ich verheiratet und wir haben…«
Erwartungsvoll schaut er mich an.
»Wir haben Liebe gemacht.« Meine Stimme klingt leise und zaghaft. Irgendwie ist es mir peinlich, mit Ficken-Anton über Liebe-Machen zu reden. Das passt so gar nicht. Aber egal, und wenn ich schon dabei bin, ihm mein Intimleben zu offenbaren, erzähle ich ihm auch gleich von der Abmachung, die ich mit Sabrina getroffen habe. »Meinst du, das, was wir beide heute gemeinsam erlebt haben, geht als One-Night-Stand durch?«
Er lacht. »Nein, bestimmt nicht.«
»So ein Mist!«, ärgere ich mich gespielt. »Dann muss ich dich jetzt wohl rausschmeißen und mich erneut auf die Pirsch machen.«
Plötzlich wirkt er nachdenklich. »Ina, hör zu. Ich hatte in meinem Leben aus einem bestimmten Grund nur Sex mit Prostituierten.« Er schaut mich an und als er sicher ist, meine volle Aufmerksamkeit zu haben, spricht er weiter. »Ich ertrage es nicht, am Oberkörper angefasst zu werden.« Er deutet auf sein weißes T-Shirt, das er immer noch trägt. »Deswegen habe ich mich auch nicht ganz ausgezogen.«
»Aber so etwas brauchst du doch nur zu sagen«, entgegne ich verwirrt. »Das wäre doch kein Problem. Ich respektiere deine Tabuzone.«
»Das sagst du jetzt, aber im Eifer des Gefechts kann es schon mal vorkommen, dass Frau einfach mal unters T-Shirt fasst.«
»Du sprichst aus Erfahrung.«
Ein tiefes Seufzen verlässt seinen Mund. »Ja, ich hatte tatsächlich schon einmal mit einer Frau versucht, Sex zu haben, die keine Nutte war, auch so ein One-Night-Stand-Versuch. Ich habe ihr nichts gesagt, ich dachte, ich könnte das kontrollieren, darauf achten, dass ihre Hände nicht unter mein T-Shirt wandern, allerdings war ich wohl doch nicht so aufmerksam, wie ich es mir vorgenommen hatte. Denn plötzlich waren ihre Hände unter meinem Shirt.«
»Was ist dann passiert?«
»Wir waren in meiner Wohnung.« In seiner Erinnerung versunken erzählt er: »Ich bin aus dem Bett gesprungen, hab mir meine Hose und Schuhe angezogen und bin Joggen gegangen.« Sein Körper ist vollkommen hart, verkrampft. Er hat mir das, was sich damals abgespielt hat, anvertraut, aber gewiss nicht, welche Regungen in seinem Inneren stattgefunden haben.
»Also, irgendwie klingt deine Reaktion darauf ziemlich harmlos. Zumindest nach außen hin. Obwohl du vermutlich innerlich hart mit dir zu kämpfen hattest. Hab‘ ich recht?«
»Lass mich dich lecken, Ina.«
»Was?!« Schnell, Ina, sortiere deine Gedanken! Statt mir eine Antwort auf meine Frage zu geben, knallt er mir so einen Satz vor die Füße. Gut, seine damalige Gefühlswelt geht mich auch wirklich einen feuchten Kehricht an … Er will mich lecken. »Anton, was soll das?!«
Er nimmt meine Hand, verflechtet sie mit seiner und betrachtet anbetungsvoll meine Finger. Alles an ihm ist so … strange, aber auch irgendwie unterhaltsam und spannend und: Er ist verdammt heiß und sexy.
»Ina, ich mag dich und ich will mir heute Nacht keine Sorgen um dich machen müssen, denn das würde ich, solltest du dich tatsächlich wieder ins nächtliche Getümmel stürzen, um deine Vereinbarung mit deiner Freundin doch noch einhalten zu können. Also, hier ist meine Idee: Solltest du es schaffen, deine Hände fern meines Oberkörpers zu halten, während ich dich oral zum Höhepunkt bringe, könnten wir im Anschluss daran doch noch Sex haben. Dann hätte ich genügend Vertrauen zu dir und ich glaube, das klappt dann auch … wenn du verstehst, was ich meine.«
Aha, er glaubt allen Ernstes, dass ich mir heute noch einen anderen Mann suchen würde?! Sicher nicht, aber das muss er ja nicht wissen. Ich finde es süß, wie er sich um mich Gedanken macht, allerdings wird sein Plan nicht aufgehen.
»Anton, das wird nicht funktionieren. Oral hat es bei mir noch kein Mann geschafft, mich zum Höhepunkt zu bringen.« Da fällt mir ein: »Kannst du das überhaupt? Ich meine, leckst du die Prostituierten?«
»Nein, das tue ich nicht. Ich ficke sie lediglich.«
»Woher willst du das dann können?«
»Ich habe mir genug Pornos reingezogen.«
Atme, Ina, atme! »Na klar, ich Dummchen, Pornos gucken bildet.« Mein sarkastischer Unterton ist nicht zu überhören. Wie konnte ich nur an seinen Fähigkeiten zweifeln? Eines ist klar, ohne eine gehörigen Portion humorvollem Esprit überstehe ich die heutige Nacht keinesfalls.
»Sag, welche Referenzen braucht man bei dir, um dich lecken zu dürfen?«, nuschelt er, während er bereits dabei ist, seinen Plan in die Tat umzusetzen, mich behutsam aufs Bett legt und an meinem Hals knabbert.
»Hey, Schrumpfkopf erwacht zum Leben«, stelle ich begeistert fest und ignoriere seine Frage.
Verwirrt blickt er mir in die Augen. »Schrumpfkopf?«
»Dein Penis ist dabei zu erigieren. Besser so?«
»Du bist witzig. Das mag ich an dir«, haucht er gegen meine Lippen, ehe er mich leidenschaftlich zu küssen beginnt. Aber, ich bin noch nicht so weit… So einfach kann ich mich nicht fallen lassen, konnte ich noch nie.
»Anton?«
»Hm?«
»Könnten wir irgendein Mittelding finden? Ich meine, ein Mittelding zwischen ficken und Liebe-machen? Damit ich mich ein wenig wohler fühle.«
Er hält inne, legt sich neben mich, mit einem Arm stützt er sich auf dem Bett ab. Eindringlich werde ich von seinen schokofarbenen Augen gemustert, keine Düsternis mehr, die aus ihnen spricht, stattdessen ist sein Blick warm und behaglich. »Wir könnten Ich-mag-dich machen?«
Ich-mag-dich machen, wiederhole ich im Geiste. Das klingt wundervoll, so … besonders. »Ja, damit kann ich leben.«
Ein zufriedenes Nicken seinerseits, dann verschließt er meinen Mund mit seinem, während er nach meinen beiden Armen langt und sie über meinem Kopf zusammenführt. »Schaffst du es, sie die ganze Zeit oben zu behalten?«
»Ja, du kannst mir vertrauen.« Meine Stimme ist ein vorsichtiges Flüstern. Mir wird plötzlich bewusst, dass ich mit einem Wildfremden in meinem Bett gelandet bin, von dem ich nicht wirklich viel weiß, und das, was ich weiß, klingt nicht gerade beruhigend. Ich darf ihn nicht anfassen, zumindest nicht unterm T-Shirt. Man muss kein Genie sein, um zu erahnen, dass keine ersprießliche Wohlfühlstory dahintersteckt.
»Hör auf zu denken, Ina!«, reißt mich Antons raue Stimme aus meinen Gedanken, während er plötzlich über meine rechte Brustwarze leckt, sie liebkost, lang und intensiv, ehe er sich meiner linken mit derselben Aufmerksamkeit zuwendet. Erregung pulsiert durch meinen Körper, genauso wie das Verlangen nach mehr, nach mehr Berührungen, und zwar … tiefer … Denken geht nicht mehr. Ausgeschaltet. Dank Anton. Seine Lippen wandern fleischgierig entlang meines Körpers abwärts, verharren kurz an meinen Schamlippen und dann bin ich das köstlichste Zitroneneis auf der ganzen Welt. Anton leckt. Lustberauschend. Lustbebend. Lusterquickend. Und ich bin Zitroneneis. Kein fades, süßes Vanilleeis, nein, er leckt als wäre ich süßes, fruchtiges Zitroneneis, das mit natürlicher Frische und fein aromatischer Säure seinen Gaumen aufs Angenehmste überrascht. Anton bringt jede Zelle meines Körpers zum Beben. Bis jetzt war ich Vanilleeis, aber bei Anton! Himmel noch mal! Anton macht mich zum Zitroneneis! Meine Arme lasse ich wie versprochen oberhalb meines Kopfes, wenngleich ich ihn wirklich gerne berühren möchte, ihn zu mir hinaufziehen und küssen will.
Als er unerwartet zwei Finger in mich schiebt, entwischt mir ein lautes Stöhnen. Wie lange ist es her, seit ich dort berührt wurde? Das fühlt sich das so gut an!
»Du bist so nass, Ina. Du läufst aus.« Ja, Zitroneneis schmilzt in der Hitze des Gefechts!
Seine Finger gleiten ein und aus, krümmen sich in mir, seine Zunge leckt weiter ihr Lieblingseis und dann … dann drücke ich meine Arme in die Matratze, bäume meinen Oberkörper auf, explodiere unter lautem Stöhnen und sehe Sternchen.
»Alles in Ordnung?« Ich öffne meine Augen. Anton liegt jetzt über mir und schaut mich grinsend an.
»Ja, alles bestens«, antworte ich heiser, ich schwebe noch ein wenig, umgeben von der aufgeladenen magisch-sexuellen Atmosphäre der letzten Minuten.
»Ina, ich mag dich.« Er küsst meinen Nacken, verführerisch und leidenschaftlich. »Können wir jetzt Ich-mag-dich machen?« In seiner Stimme schwingt dringliches, ungeduldiges, brennendes Begehren.
»Ja, Anton. Ich bin bereit für Ich-mag-dich machen.«
»Gut, ich nämlich auch«, sagt er und lässt mich seinen Penis auf meinem Bauch fühlen.
»Du vertraust mir«, stelle ich fest und umfasse sein erigiertes bestes Stück.
»Ich gebe mir Mühe«, knurrt er erregt, während ich mit meiner Hand auf und ab fahre. »Lass die Arme weiterhin oben. Dann ist alles gut. Okay?«
»Ich verspreche es.« Ich löse meine Hand von seinem Penis und platziere meine beiden Hände wieder oberhalb meines Kopfes.
Kaum liegen meine Arme oben, taucht er ein in meine Nässe, verbindet uns zu einer stöhnenden Einheit, die nach Erlösung sucht. Einer Erlösung, die mehr verspricht als einen Orgasmus, auch wenn mir nicht klar ist, was dieses mehr sein könnte. Diese Verbindung ist wundervoll und innig und meine Sehnsucht, ihn zu streicheln und seine Haut auf mir zu spüren wächst.
»Bitte küss mich, Anton!«
Seine Küsse dämpfen meinen verzweifelten Drang nach Berührung und lassen mich diesen Akt genießen. Jede seiner Bewegungen törnt mich an, seine Stöße werden heftiger, versetzen mein Blut in Wallung und lassen mich ekstatische Leidenschaft verspüren. Stopp!
»Scheiße!«, fluche ich leise und bin selbst wie gelähmt. Anton hält still, presst die Augen zu. Im leidenschaftlichen Überschwang sind meine Arme auf seinem Rücken gelandet.
Anton beißt die Zähne zusammen, kneift die Augen zu und ich erkenne, dass er innerlich einen Kampf ausficht.
»Anton, schau‘ mich an! Ich bin’s Ina!«, sage ich, ohne mich, beziehungsweise meine Hände, auch nur einen Millimeter zu bewegen. »Die Ina, die du gerade in den siebenten Himmel geleckt hast.«
Anton öffnet die Augen, starrt mich an. Sein Blick ist verworren, stürmisch, kämpferisch, als ob die Vergangenheit dabei ist, die Gegenwart zu verschlingen.
»Ich bin Ina, dein Zitroneneis!« Meine Stimme ertönt hell und laut, und jedes einzelne Wort verlässt klar und deutlich meinen Mund.
Und mit einem Mal klärt sich Antons Ausdruck, er wird ruhiger, weicher. Mit diesen fünf Worten habe ich ihn in die Gegenwart zurückgeholt. Ich bin Ina, dein Zitroneneis! Verdammt, bin ich erleichtert!
»Zitroneneis?«, fragt er nach und rubbelt mit seiner Hand kurz über sein Gesicht, als müsste er das, was ihn für einen kurzen Moment im Bann hatte, wegwischen.
Während ich Anton über mein Gefühl, sein Zitroneneis zu sein erzähle, befreie ich seinen Rücken von meinen Händen und lege sie unmerklich aufs Bett.
»Fuck, Ina!«, platzt es unvermittelt aus ihm heraus.
»Was ist denn?«
»Schrumpfkopf ist wieder da.« Er wirkt verzweifelt, frustriert und niedergeschlagen. Schrumpfkopf ist schon länger wieder da, als ihm bewusst ist, kein Wunder, welcher Penis findet innere Kämpfe schon erregend?
Ich lache laut auf. »Du übernimmst tatsächlich mein Vokabular und nennst dein Allerheiligstes Schrumpfkopf?«
»Ina, das ist nicht lustig.« Angepisst legt er sich neben mich und starrt auf die Decke.
»Doch!«, behaupte ich.
»Stehst du gar nicht auf und holst wieder Schokolade?«
Seine Worte bringen mich zum Schmunzeln. »Nein. Ich war dein Zitroneneis. Du hast meinen Topf an Glückshormonen aufgefüllt. Schokolade ist heute definitiv nicht mehr von Nöten.« Sachte stupse ich mit meinem Finger auf seine Schulter. »Hey, dreh dich zu mir.«
Anton legt sich auf die Seite, genauso wie ich. Einander zugewandt schauen wir uns an, für einen kurzen Augenblick ist es ganz still.
»Es tut mir leid, Anton, dass ich meine Hände nicht unter Kontrolle hatte.«
»Tja, ich habe dir wohl all deine Sicherungen rausgevögelt.« Er will drüber scherzen. Nein, ich nicht. Nicht jetzt. Zu viele Fragen haben sich angehäuft.
»Anton, bei unserem ersten Anlauf, du weißt schon, als wir meine Wohnung betreten haben und wild herumgeknutscht haben, da habe ich dich auch berührt und umarmt, gleich wie jetzt waren meine Hände oberhalb des Shirts, haben deine Haut nicht berührt. Warum hattest du jetzt ein Problem damit?«
»Du hattest es mir versprochen, Ina.« Er unterbricht sich kurz selbst, räuspert sich und fügt hinzu: »Und ich habe darauf vertraut.«
Ich überlege. »Du meinst, anfangs hattest du dich im Griff, weil du jederzeit damit gerechnet hast, aber jetzt, jetzt hast du mir dein Vertrauen geschenkt, und – ich blöde Kuh hab’s prompt vermasselt.«
»Nein, Ina, du bist keine blöde Kuh, und abgesehen davon stört es mich eigentlich nicht, angefasst zu werden, solange es nicht meine nackte Haut ist.« Er lässt lautstark Luft aus seinen Lungen entweichen. »Ina, ich weiß es ja selbst nicht, warum! Das ist alles neu für mich, dieses Ich-mag-dich machen und dass du keine Nutte bist und…«, er nimmt meine Hand und verflechtet unsere Finger, sein Blick haftet auf mir, schenkt mir Zuneigung. In weichem, samtenem Ton erklärt er: »Du hast so etwas Liebes an dir, Ina. Meine Welt steht gerade Kopf. Und ich kann dir nicht sagen, was gerade alles passiert. In mir geht’s drunter und drüber. Aber mit einem hast du recht: Du bist mein Zitroneneis, süß und prickelnd und erfrischend. Ich mag dich, Ina.«
»Ich mag dich auch, Anton.« O-oh! »Mist! Anton! Wir haben kein Kondom verwendet!«, kreische ich leicht hysterisch. Ich, die übervorsichtige Ina, hab vergessen zu verhüten!
Unbeeindruckt von meinen Worten entgegnet er lapidar: »Es tut mir leid, Ina, ich habe total drauf vergessen, aber ich kann dich beruhigen, ich ficke sonst immer nur mit Gummi.«
Ich ficke sonst immer nur mit Gummi. Die Realität hat mich wieder. Ficken-Anton! Klar, er bumst ja sonst nur Prostituierte. »Das soll mich jetzt beruhigen?«
»Naja, gewissermaßen … eigentlich … schon. Krankheiten kannst du von mir keine bekommen und ich habe ihn ja nur reingesteckt und nichts reingespritzt, also … und wenn, dann sind es ja eh nur ein paar Tropfen … ich meine … außerdem: In deinem Alter, du kannst doch bestimmt nicht mehr schwanger werden, oder?«
Oh, dieser Kerl! Soll ich ihn gegen die Wand klatschen? Ihn erdrosseln? Mir wäre danach! In meinem Alter … nicht mehr schwanger werden! So viele Worte wollen alle auf einmal meinen Mund verlassen, doch vor lauter wütend aufgeblähten Wangen kommt vorerst nichts heraus.
»Die Wechseljahre. Ja, genau, so heißt das doch bei euch älteren Frauen.« Ha! Das gibt es doch nicht! Er schafft es tatsächlich, noch eins draufzusetzen!
»Anton«, meine Stimme bebt, aber das Glück ist ihm hold, es ist ein kontrolliertes Beben. »Ich bin zwar älter, aber ich bin nicht in den Wechseljahren, könnte also sehr wohl schwanger werden. Allerdings kann ich dich diesbezüglich beruhigen: Ich verhüte. Trotzdem ändert das nichts an der Tatsache, dass es unverantwortlich von uns war, ohne Kondom zu ficken.« Okay, meine Stimme ist wohl doch ein wenig lauter geworden … und es kann sein, dass ein Fünkchen Wut, okay, eventuell sogar eine dicke fette Flamme von Wut in den Klang meiner Stimme miteingeflossen ist.
»Wir haben Ich-mag-dich gemacht und nicht gefickt«, erinnert er mich und wirkt dabei immer noch vollkommen ruhig. Ausgeglichen, gelassen, selbstzufrieden.
Jetzt reicht’s! »Korrigiere nicht meine Wortwahl! Du redest von reinstecken, reinspritzen und von älteren Frauen. Du hast null Tau, wie du dich respektvoll und wertschätzend mit jemandem, nein, ich korrigiere, mit einer älteren Frau wie mir, unterhalten sollst!« Das Wort ältere betone ich und fixiere ihn dabei mit böse funkelnden Augen.
