Ich wollt, ich wär ein Pandabär - Barbara Zweigert - E-Book

Ich wollt, ich wär ein Pandabär E-Book

Barbara Zweigert

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Beschreibung

Die letzen Atemzüge machten mir keine Angst, denn ich war in freudiger Erwartung, ein neues Leben als Pandabär im chinesischen Regenwald zu beginnen. Nie mehr frieren, keine Gedanken ums Essen machen und auch mit dickem Bauch werde ich immer süß aussehen. Dann erlebte ich Unglaubliches. Ich war zwar im Körper eines wunderschönen Pandamädchens, aber ich hatte die Seele meines Menschseins in mir. Ich fühlte Freude und Trauer, Liebe und Schmerz und noch fantastischer war, ich konnte denken und sprechen. In der Tierwelt brachte mir das so einige Schwierigkeiten ein, und es war absolut kein Zuckerschlecken, sich in dieser Welt zu behaupten. Meine Artgenossen verjagten mich und für viele andere Regenwaldbewohner war ich ein Feind. Doch ich fand auch Tiere, die so waren wie ich. Das war spannend. Reinkarnation. Denkt nicht jeder mal an diese Möglichkeit? Ist es erstrebenswert wiedergeboren zu werden, wenn dieses neue Leben so viele Probleme mit sich bringt? Hatte ich diese nicht gerade hinter mir gelassen? Das Buch ist mit vielen Zeichnungen illustriert.

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Seitenzahl: 173

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhaltsverzeichnis

Neuanfang

Schmerz

Einsam

Menschen

Familienbande

Freund

Eifersucht

Wunder

Paradies

Macka

Abschied

Böse

Verlust

Allein

Zuhause

Janek

Freude

Glück

Neuanfang

Der Baum ist riesig und der Wald nicht zu überschauen. Hier oben fühle ich mich wohl.

Meine Artgenossen tummeln sich hier genau wie ich und fressen. Ich verstehe das überhaupt nicht.

Wieso nur habe ich immer Hunger?

Den ganzen Tag kaue ich an diesen Bambusästen, die nicht einmal gut schmecken. Vierzehn Stunden am Tag, immer das Gleiche.

Irgendwie ist das furchtbar langweilig und deshalb denke ich mir dann für die Rasselbande in meiner Nähe Namen aus.

Da gibt es Tipsi, ein wunderschönes, noch sehr junges und schüchternes Weibchen. Die meiste Zeit hockt sie in sicherem Abstand zur Gruppe und beobachtet. Besonders einen, Jakuti.

Er ist ein richtiger Draufgänger und Casanova und das scheint Tipsi wirklich sehr zu gefallen. Wenn er in ihre Nähe kommt, vergisst sie alles um sich herum. Aus diesem Grund ist sie schon öfter vom Baum gefallen.

Obwohl das herzzerreißend komisch ist, beachtet Jakuti sie gar nicht, weil sie eben doch noch viel zu jung ist, um sein Interesse zu wecken.

Zanka ist eigentlich schon ein Greis und scheinbar mit der rundlichen Lokita fast sein ganzes Leben zusammen. Die zwei sieht man immer nur gemeinsam. Sie bewegen sich etwas schwerfällig, darum glaube ich, dass sie schon recht alt sind. Darum scheinen sie auch das Oberhaupt der Gruppe zu bilden.

Wenn sich die beiden zanken, dann ist das im ganzen Wald zu hören, so laut schreien sie. Das Gekreische schallt schrill durch den Regenwald, dass die Vögel aufschrecken und sich gleichfalls kreischend davon machen.

Dabei gebärdet sich das Pärchen so wild, dass die Blätter wie dichter Schnee von den Bäumen fallen.

Ich habe gelernt, mich nicht in ihre Nähe zu wagen, bei solchen Streitereien.

Jumbino ist ein richtiger Streithengst, der sich mit jedem anlegt, der sich in sein Umfeld traut.

Er scheint ständig auf der Suche nach Ärger zu sein. Es ist ja auch nicht so ganz normal, dass Pandas in einer Gruppe zusammenleben. Sie sind fast immer Einzelgänger. Das wäre sicher auch für Jumbino das richtige Leben, denn er will sich gar nicht einfügen. Deshalb provoziert er ständig den Streit.

Kautuki wiederum, das dritte Männchen, sucht seine Nähe und streitet sich wohl gern mit ihm herum.

Sie scheinen immer ein Thema zu finden. Der kleinste Anlass führt dann zu stundenlangen Diskussionen.

Wenn ich nur wüsste, worum es geht, aber ich kann sie nicht verstehen und sie mich auch nicht. Vielleicht irre ich mich, aber untereinander kommunizieren sie alle, nur eben nicht mit mir. Ich bin der Außenseiter. Vielleicht ist es auch besser so, da habe ich meine Ruhe.

Auch mir habe ich Namen gegeben. Sogar zwei!

Geht es mir gut, nenne ich mich Jamali, denn der Schwung dieses Namens klingt so positiv.

Fühle ich mich unwohl, was leider die meiste Zeit so ist, dann heiße ich Konfera. In dem Wort liegen nur Mutlosigkeit und Pessimismus.

Wir sehen scheinbar alle gleich aus. Ich habe lange gebraucht, die kleinen Dinge zu entdecken, die uns voneinander unterscheiden.

Wir sind nicht besonders groß, aber auch nicht klein, haben ein wunderschönes Fell. Die Beine sind schwarz, bis auf Tipsi haben wir an unseren Stummelschwänzchen schwarze Spitzen. Jakutis schwarze Ränder um die Augen sind unterschiedlich groß, so dass sein Gesicht etwas unharmonisch wirkt, fast als würde er schielen. Jumbino hat nur ein schwarzes Ohr. Das sieht lustig aus und ich denke immer wieder, er streitet sich oft, weil die anderen über ihn lachen.

Zanka ist nicht nur der Älteste, sondern auch der Dickste in der Runde und ist scheinbar der Boss, wenn sich nicht gerade Lokita, die etwas kleiner ist, aber ihrem Mann im Leibesumfang nicht nachsteht, in den Vordergrund stellt.

Wie sehe ich aus? Keine Ahnung. Vielleicht weil wir uns nicht verstehen.

Es ist oft furchtbar kalt hier im Wald. Wir leben in einer sehr hoch gelegenen Region des chinesischen Regenwaldes. Wo der Wald endet, sind nur noch nackte Felsen. Da gehe ich nicht gern hin, denn der Wind ist so heftig, dass er sich unangenehm in mein Fell gräbt. Auf dem Boden können wir uns gut vor den eisigen Stürmen verstecken, aber in den Bäumen brauchen wir sehr viel Kraft, um uns festzuhalten. Das ist sehr anstrengend und kostet viel Kraft.

Jakuti wollte uns einmal zeigen, dass er auch bei Sturm in den Wipfeln herumturnen kann.

Der Angeber!

Der Sturm heulte gewaltig, schleuderte die stärksten Äste hin und her und viele knickten ab. Jakuti lachte voller Übermut und turnte in den Bäumen umher. Doch dann erwischte ihn ein peitschender Ast und er flog im hohen Bogen durch das Geäst. Verzweifelt versuchte er wieder Halt zu bekommen. Immer wieder prallte er auf einen dicken Zweig, federte ab und stürzte weiter. Entweder hatte er sich seinem Schicksal ergeben oder er war tot, auf jeden Fall stürzte er leblos immer schneller auf den Waldboden zu.

Ich konnte gar nicht mehr hinschauen, als er mit solch einer Wucht aufschlug, dass der Boden erbebte. Zanka bewegte sich etwas träge auf Jakuti zu und schubste den reglosen Körper an. Auf dem Fell waren rote Flecken zu erkennen.

Die Äste hatten es an manchen Stellen durch das dichte Haar geschafft und die Haut verletzt. Zanka schimpfte lautstark und auch Lokita kam dazu und brüllte. Ich stand hinter den beiden und auch wenn ich schon gehört hatte, dass man beim Sturz von den Bäumen sterben konnte, so wollte ich das jetzt nicht glauben. Ich musste auch etwas sagen oder tun. Aber ich konnte ja nicht mit ihnen reden. Der böse, warnende Blick von Lokita brachte mich zum Stehen. Ich erstarrte vor Entsetzen und Traurigkeit machte sich breit. Jakuti und ich waren uns nie nahe gekommen, aber ich fühlte den Verlust ganz tief in mir.

Ich konnte und wollte ihn nicht im Stich lassen. Ich musste ihm helfen.

Plötzlich ertönte ein leises Stöhnen.

Jakuti war nicht tot.

Ich freute mich unglaublich darüber, aber die anderen machten mit ihrem Gezeter weiter, als wäre es ihnen völlig egal.

Sie drehten sich einfach um und verkrochen sich in ihrem Unterschlupf.

Ich blieb neben Jakuti sitzen, während der Sturm nicht nur in der Natur, sondern auch in mir, ganz langsam nachließ.

Jakuti hatte Schmerzen, denn immer wenn er sich aufzurichten versuchte, sackte er wieder stöhnend in sich zusammen. Es fiel mir schwer, ihn so leiden zu sehen.

Manchmal trafen sich unsere Blicke und ich glaubte, in seinen Augen die Frage zu lesen, was ich wohl hier mache. Es wurde immer dunkler und irgendwann schlief ich ein.

Irgendetwas unter meinem Kopf bewegte sich und machte Geräusche. Ich hatte mich im Schlaf näher an Jakuti gelegt und mein Kopf ruhte auf dem warmen, weichen Rücken meines Artgenossen.

Der wurde gerade wach, konnte sich langsam drehen und aufrichten. Mir war das unheimlich peinlich und sein Blick verhieß nichts Gutes. Er begann, seine Wunden zu lecken. Ich spürte genau seine Ablehnung und das kränkte mich sehr. Meine Empfindungen in dieser Situation fand ich sehr befremdlich.

Ich wollte helfen, aber es war nicht zu übersehen, dass ich verschwinde sollte.

Niedergeschlagen schlich ich davon.

Die Anderen hatten sich wieder in die Bäume zurückgezogen und mein Heißhunger trieb mich zu den Bambusblättern.

Die Ablehnung war förmlich sichtbar, wie eine riesige Mauer. Ich verstand einfach gar nichts mehr. Wieso war ihnen allen das Schicksal ihres Freundes so egal? Warum verachteten sie mich für meine Fürsorge?

Böse Blicke und das Gezeter von Lokita brachten mich zu Verzweiflung. Ich wollte weg!

Aber wohin? Die Einsamkeit war kaum zu ertragen. Unsagbarer Schmerz machte sich in meinem Inneren breit.

Zurzeit war ich wieder nur Konfera.

Ich fraß und fraß und fraß und wusste nicht, wieso sooo viel von diesem schrecklichen Zeug in mich hineinpasste. Wenn ich so an mir herunterschaute, dann dachte ich: Ich bin dick, nein, sogar fett. Eigentlich sollte ich viel, viel weniger essen, aber der Hunger war immer da und ich konnte nichts dagegen tun.

„Konfera ist hässlich!“

Konnte es noch schlimmer kommen?

Völlig deprimiert suchte ich mir ein Fleckchen zum Schlafen. Morgen werde ich mich auf die Wanderschaft begeben und mir eine andere Gruppe suchen, bei der ich leben kann. Es muss doch Artgenossen genug geben, die mich so akzeptieren, wie ich bin.

Schnee! Ich hatte ihn noch nie gesehen oder gefühlt, aber ich wusste, das war Schnee, was da so flockig vom Himmel fiel und alles ganz sanft weiß färbte. Das sah einfach herrlich aus. Ich tobte wie eine Verrückte und wirbelte die Flocken auf, sperrte meinen Mund auf und schmeckte den Schnee auf der Zunge.

Tipsi, Lokita und Jumbino kamen langsam näher und ihre Gebärden sahen sehr bedrohlich aus. Was hatte ich denn jetzt schon wieder gemacht? Ich bekam es mit der Angst zu tun und zog mich langsam zurück. Plötzlich stand Zanka hinter mir. Er war einen Kopf größer und sein riesiger Körper im Rücken erschreckte mich zutiefst. Wollte er mich beißen oder mich mit seinen Pranken verletzen? Alle fingen an, laut zu kreischen.

Nichts wie weg. So schnell es ging.

Schmerz

Ich rannte um mein Leben. Meine Pfoten versanken immer tiefer im Schnee, doch er hinderte mich nicht daran, den Abstand zu meinem vorherigen Leben immer mehr zu vergrößern. Viele Stunden war ich unterwegs und legte dabei vor Angst keine Pause ein.

Jetzt meldete sich der Hunger wieder. Gab es hier Bambus? Egal wohin ich blickte, ich konnte keinen erkennen. Ich hatte noch nie etwas anderes gegessen. Vorsichtig pflückte ich mir ein paar Blätter vom nächsten Baum, schlang sie gierig herunter und spuckte ich sie wieder aus. Pfui Teufel. Ungenießbar. Ich musste Bambus finden. Das war wohl das einzige, was man essen konnte. Also wanderte ich weiter.

Es war nicht einfach, die Bäume und ihre Blätter zu erkennen, denn der Schnee, der mich so fasziniert hatte, verdeckte alles. Mit knurrendem Magen legte ich mich in eine Kuhle unter einem dicken Baum und schlief vor Erschöpfung ein.

Ein neuer Tag begann. Der Schneefall hatte aufgehört und ein wenig blitzte die Sonne zwischen den Baumgipfeln durch.

Hunger! Ich kletterte auf den nächsten Baum und stopfte mich mit Blättern voll. Egal wie sie schmeckten, ich musste essen, brauchte Kraft um weiterzugehen. Kein anderes größeres Lebewesen begegnete mir. Ich hatte auch noch nicht viele gesehen, schon mal gar nicht aus der Nähe.

Als mir heute ein Käfer begegnete, war ich sehr verunsichert und machte einen großen Bogen um das unbekannte Tier. Später sah ich eine Spinne, die in ihrem Netz auf Beute lauerte. Ekel kam in mir hoch. Dieses Gefühl war mir neu. Instinktiv blieb ich auf Abstand und ging meines Weges.

Was war denn jetzt schon wieder los?

In meinem Bauch waren Geräusche und irgendwie auch Schmerzen. Was waren Schmerzen? Jetzt weiß ich es, denn es wurde immer schlimmer. Ich krümmte mich vor Krämpfen auf dem Waldboden. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass mein Fell zu warm für mich war und ich dringend etwas Kaltes brauchte. Mein Fell klebte und ich erlebte im Delirium seltsame Dinge.

Esschaukelte mit mir und ich hörte Stimmen und Lachen. Ich hatte kein Fell, sondern wunderschöne glatte Haut und spürte die warme Sonne. Das hübsche Kleid, rot mit kleinen weißen Blümchen, stand mir hervorragend und schmeichelte meiner schlanken Figur. Es war ein herrlicher Sommertag. Warm genug für den Garten und das kleine Schwimmbecken, nicht zu heiß, um in der Sonne zu liegen. Die Hängematte war zwischen zwei dicke Bäume gespannt und sie hing somit eine Zeit in der Sonne oder im Schatten. Ich genoss es sehr, wenn ich die Muße hatte, in der Hängematte zu relaxen. Auf einmal bemerkte ich eine nasse Zunge auf meinem Gesicht.

Endlich etwas Kaltes, Feuchtes. Ich kam langsam wieder zu mir und dies brachte mir ein wenig Linderung. Doch ich hatte immer noch starke Schmerzen im Bauch. Ständig krampften sich meine Eingeweide zusammen.

Ich stank grauenhaft, denn ich hatte meinen Darm und Magen nicht mehr unter Kontrolle. Es war ekelhaft. Um meinen Mund klebte Erbrochenes und das roch widerlich. Ich brauchte ein Bad. Nur eine Pfütze würde mir reichen, ein Bach oder Teich wäre toll. Oder ich musste mir das Fell sauber lecken? Zu allem war ich zu schwach und so schlief wieder ein.

Kinderlachen weckte mich auf. Meine beiden Mädchen plantschten in dem kleinen Pool in unserem Garten und hatten dabei viel Spaß. Meine Familie war mein größtes Glück. Das spürte ich gerade in solchen Momenten. Neben mir lag unsere Labradorhündin Sina, die versuchte, mich zum Streicheln zu bewegen und an meiner Hand leckte.

Aber mir war so heiß.

Das Einzige, was ich jetzt wollte, war einfach einmal in Ruhe gelassen zu werden. Doch Kinder und Hund waren damit nicht einverstanden.

Dann eben lieber zu den Kindern in den Pool.

Wo war ich nur? Wieso war mir so heiß? Was ist ein Pool?

An mehr aus meinen Träumen konnte ich mich nicht erinnern. Doch langsam kam mein Bewusstsein wieder zurück. Ich war auf der Flucht und krank. Die Blätter haben schuld. Sie waren nicht für meinen Magen geschaffen. Ganz vorsichtig richtete ich mich auf, kratzte etwas Schnee zusammen und leckte ihn von meiner Pfote. Das war gut. Die Kristalle prickelten auf meiner Zunge und belebten mich wieder etwas. Noch zu schwach, um auf den Beinen zu stehen, zog ich mich mit letzter Kraft unter ein Gebüsch. Wieder völlig erschöpft, schlief ich ein.

Einkleines Mädchen mit blonden Locken und blauen Augen kam auf mich zugelaufen und sein hübsches Gesicht war eine einzige Zornesfratze.

„Was ist denn wieder los mit euch beiden? Seid ihr wieder nur am streiten?“

„Lilli spritzt mich immer wieder nass und ich will das nicht mehr“, so vermeldete meine älteste Tochter Emma. Dabei strengte sich sehr an, damit auch eine Träne sichtbar wurde. Das Spielchen kannte ich schon und ich würde auch jetzt nicht darauf hereinfallen. Ich zitierte Lilli zu uns und ohne auf die Einwürfe der Streitenden zu achten, sollten sie sich die Hände reichen und sich vertragen. Das taten sie dann auch, doch jede verzog sich danach schmollend in eine andere Ecke. Nun konnte ich wieder entspannen, pflückte mir einen reifen Apfel von unserem Baum und legte mich in die Hängematte.

Der Apfel schmeckte herrlich, doch ich aß gar keinen. Im Gegenteil, ich hatte Hunger und das machte mich fast verrückt. Ich musste unbedingt etwas zu essen finden, sonst würde ich sterben. Keine Ahnung, wie lange ich überhaupt hier gelegen hatte. Langsam richtete ich mich auf und bewegte mich durch den Wald, immer auf der Suche nach Bambus.

Der Bauch schmerzte noch bei jedem Schritt. Die Kraft zum laufen fehlte mir in den Beinen und so kam ich nur sehr langsam mit unsicheren Schritten vorwärts.

Es gab einfach nirgendwo Bambus. Wie konnte das sein? Ich konnte mich gar nicht erinnern, einen Tag ohne meine vertraute Nahrung verbracht zu haben. Sicher, meine Artgenossen zogen auch durch die Gegend und kletterten auf vielen unterschiedlichen Bäumen herum, Bambus war immer reichlich in der Nähe gewesen. Hier jedoch hatte ich schon seit Tagen keinen mehr gesehen.

So kam ich an eine Lichtung aus deren leichter Schneedecke Krokusse in allen Farben blitzten. Das sah so herrlich einladend aus, dass ich mich darin wälzte und einfach wieder etwas Freude spürte.

Ich kullerte mich mit dem Rücken und dem Bauch durch diese Pracht, schob meine Nase flach auf dem Boden durch die Blüten und den Schnee. Dabei hatte ich ein paar Blüten herausgerissen. Nun lag eine direkt vor meiner Nase und verströmte einen wunderbaren Duft.

Was so gut roch, sollte doch auch schmecken?

Oder würde ich dann wieder so schlimme Schmerzen bekommen?

Ganz vorsichtig nahm ich ein paar Blütenblätter in den Mund. Oh, sie schmeckten herrlich. Trotzdem hatte ich Angst, wieder krank zu werden und wartete eine Weile, was mein Bauch sagen würde. Es blieb alles ruhig und ich wurde mutiger. Erst ließ ich mir viel Zeit für ein paar Happen, doch dann war ich nicht mehr zu bremsen. Mit beiden Pfoten stopfte ich mir eine Blüte nach der anderen ins Maul und spürte, wie ich langsam wieder zu Kräften kam.

Hier würde ich erst einmal bleiben, legte mich in das feuchte Gras und blickte in den Himmel.

Kleine Erinnerungsfetzen schwirrten durch meinen Kopf. Was hatte ich da geträumt? Nichts davon ergab irgendeinen Sinn. Alles war vollkommen fremd und doch irgendwie vertraut.

Tage verbrachte ich auf der Lichtung und stellte mit einem Male fest, dass ich alle Blüten aufgefressen hatte und meinen Hunger nicht mehr stillen konnte.

Auch wenn meine Artgenossen mich verstoßen hatten, ich vermisste ihre Gesellschaft. Das kleine bisschen Glücksgefühl wurde von meiner Traurigkeit vernichtet.

Ich musste weiter.

Also machte ich mich erneut auf den Weg. Stundenlang waren nicht ein Bambus oder eine Blüte zu sehen. Die Erinnerung allein machte nicht satt. Ich hatte begonnen, an jeder unbekannten Pflanze am Wegesrand zu riechen, aber nichts roch einladend genug, es auch zu fressen.

Dann aber entdeckte meine Nase doch etwas. Grüne, gut riechende kleine Blätter. Eine dicke fette Spinne hatte ihr Netz davor gesponnen und lag auf der Lauer. Vorsichtig berührte ich mit meiner Nase das Netz und prompt blieb es kleben.

„Igitt, war das ekelhaft.“

Ich wollte mich zurückziehen, aber das Netz hielt meine Nase fest. Die Unruhe im Netz hatte die Spinne geweckt. Die kam langsam immer näher auf meine Augen zugekrabbelt und wurde immer größer.

„Du liebe Güte! Hab ich je schon so etwas Hässliches gesehen?“

Haariger Körper, dünne lange Beine und gierige Augen. Panik machte sich breit. Mein Herz schlug immer schneller. Wie konnte ich entkommen? Das grauenhafte Monster schlich auf mich zu.

Mein Herz schlug wie ein Trommelfeuer. Die Beine versagten ihren Dienst und ich war wie erstarrt.

Da ließ ich mich nach hinten fallen und das Netz zerriss. Die entsetzliche Spinne wurde in ihre eigenen Fäden gewickelt und davon geschleudert. Was auch immer da so lecker gerochen hatte, ich wollte es nicht mehr!

Wieder vergingen Stunden, doch dann fand ich diese Pflanze noch einmal und sie schmeckte wunderbar. Es war nur einfach zu wenig, meinen grimmigen, beißenden Hunger zu stillen.

Einsam und mit leerem Magen schlief ich irgendwann, irgendwo ein.

Etwaskitzelte in meinem Gesicht und leises Gekicher war zu hören. Meine Mädchen waren wieder einmal ein Herz und eine Seele, wenn es darum ging, ihre Mama zu ärgern. Sie fuchtelten beide mit einem Grashalm in meinem Gesicht herum. Ich stellte mich schlafend und versuchte immer, das vermeintliche Insekt zu vertreiben. Je länger das dauerte, umso lauter lachten die Kinder, bis ich dann doch endlich aufwachte.

Schnell verschwanden die Mädchen hinter der Hecke. Ich tat so, als wolle ich weiterschlafen. Da schlichen sie sich wieder an und begannen ihr Spielchen von vorn.

Es bereitete ihnen einen Riesenspaß, wenn ich mit meinen Händen herumfuchtelte.

Plötzlich, noch mit geschlossenen Augen, schnappte ich Lillis Hand. Sie erschrak so heftig, dass sie ins Gras fiel und mich mit von der Hängematte riss.

Einsam

Verschreckt wachte ich auf. Mit meinen Pfoten schlug ich um mich. Ein schriller Vogelschrei hatte mich wohl geweckt?

Hunger! Hunger! Hunger!

Es schneite wieder etwas und ich merkte, dass auch der feuchte Schnee meinen Hunger etwas stillte. Erneut machte ich mich auf den Weg. Stundenlang war ich unterwegs und der Mut verließ mich immer mehr.

Wusste ich eigentlich, wohin ich ging?

Gab es überhaupt noch andere meiner Art hier im Wald?

Fand ich noch einmal Bambus, das Einzige, was mich wohl richtig satt machte?

Seltsamerweise war der Wald sehr still. Sonst hörte man immer irgendwelche Vögel schreien oder auch mal Töne unbekannter Tiere. Aber jetzt war es so leise, dass ich glaubte, allein auf der Welt zu sein. Meine Einsamkeit lag wie ein Berg auf mir.

Alles war so fremd, als ob ich gar nicht hierher gehörte. Lustlos, deprimiert marschierte ich

weiter und war fast zu erschöpft, um auf mein Umfeld zu achten.

In diesem Zustand wäre ich wahrscheinlich durch einen Bambushain gelaufen, ohne ihn zu bemerken.

Der ständig knurrende Magen erinnerte mich jedoch daran. Ich musste etwas Essbares finden. Bald!

Gott sei Dank fand ich an diesem und auch an den nächsten Tagen kleinere genießbare Pflanzen. Diese probierte ich immer ganz vorsichtig und aß dann erst nach einer längeren Wartezeit weiter. Es reichte nicht aus, meinen Hunger zu stillen, doch ich blieb bei Kräften und konnte weiterziehen.

Eines Morgens wachte ich auf, weil ich ein leises Knistern in der Nähe hörte. Da krabbelte ein seltsames Tier. Es war länger als meine Pfote und hatte unzählig viele Beine. Noch nie hatte ich so etwas gesehen. Einfach mal anfassen und sehen, was passierte.

„Ich bin ja viel größer, es wird mir nichts tun können.“

Vorsichtig stupste ich das Wesen an. Zuck, dieser lange Körper hatte sich wie eine Kugel zusammengerollt.

Ich machte vor Schreck einen Überschlag nach hinten. Aus sicherer Entfernung beobachte