Ich würd lieber fliegen - Simon Elsholz - E-Book

Ich würd lieber fliegen E-Book

Simon Elsholz

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Beschreibung

Kurzgeschichten über das Leben zwischen "Sorry, heute nicht" und "morgen vielleicht", zwischen einer Vergangenheit, die noch nicht ganz vorbei ist, und einer Zukunft, die noch nicht begonnen hat.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 103

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Simon Elsholz

Ich würd lieber fliegen

 

Kurzgeschichten

   

Simon Elsholz: Ich würd lieber fliegen

© Simon Elsholz 2025

© Schruf & Stipetic GbR, Berlin 2025

Gustav-Adolf-Str. 152

13086 Berlin

www.schruf-stipetic.de

info@schruf-stipetic.de

ISBN: 978-3-944359-62-2

 

Covergestaltung: JBC

Cover-Illustration: pixabay, pexels

 

Das Werk und alle seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten, ausdrücklich auch die Nutzung zum Zweck des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG. Jede unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Inhalt

Widmung

An meinem Schreibtisch

Kinderzimmer

All in

Heute nicht

Untote

Lass gut sein

Professional Liar

Würzburg

Weit weg

Auf hoher See

9 - 5

Fühlen kann ich noch

Letzte Stunde

Therapy

Erinnerst du dich?

Liebes Tagebuch

Vielleicht morgen

Betrunkener Astronaut

Liebe ist

Inspiration

Lügner

Berufliche Perspektiven

Call Me Maybe

Viele Augen

Zu Hause

In Napoleons Schlafzimmer

Heißhunger

Meinen Brüdern gewidmet

An meinem Schreibtisch

Theoretisch habe ich Zeit. Ich sitze ja hier. Kein Termin steht an. Ich checke trotzdem noch mal WhatsApp und so. Keine Chance, ich bin wirklich nicht verabredet, überhaupt nicht. Ich klappe meinen Laptop auf, aber das müsst ihr euch so vorstellen, als würde ich mit bloßen Händen einen Baum ausreißen, so fühlt sich das nämlich vom Aufwand her an, und ich atme tief ein und aus. Ich schaffe es, ein Dokument zu erstellen, und dann geh ich meine Notizen durch, ich brauch einen Ansatz, einen Start, ein Wort, Mann, bitte, einfach einen Buchstaben oder so. Ich tippe: W. Okay. W, und weiter? Was, vielleicht. Okay, Was. Ich gucke aus dem Fenster. Was machst du eigentlich mit deinem Leben, du Idiot, steht da jetzt auf einmal auf dem Bildschirm, und ich will es löschen, aber die Wahrheit kann man nicht löschen, und dann tipp ich trotzdem auf die Löschtaste, aber der Satz klebt und tropft an mir runter, und wenn irgendwas an einem selbst klebt und runtertropft, ist das ja eher unangenehm und demotivierend. Ich könnte über mein Leben schreiben, über meine Gedanken, ich denk sonst so viel, aber wenn ich dann eine Tastatur sehe, würd ich mich am liebsten erschießen. Ich beschließe, ein paar Seiten zu lesen, das ist kein Prokrastinieren, ich brauch ja den Input, das ist zielführend, und dann lese ich zehn Seiten und bin völlig am Boden, weil ich das so ja überhaupt nicht hinbekomme. Diese Schriftsteller sind Übermenschen, woher nehmen die diese Sätze? Benutzen die ChatGPT, bestimmt tun die das. Ich aber nicht, Konzentration jetzt, ich bleib einfach bei mir, dann muss ich mir nichts ausdenken. Ich schreib mein Leben auf und lass einfach ein paar Sachen weg. Dann hab ich auch was erfunden, nur halt in die andere Richtung. Ich klapp den Laptop wieder auf, reiß den nächsten Baum aus, ich brauch nur einen Ansatz, einen Start, ein Wort, einfach einen Buchstaben oder so. Mein Finger wandert zum W. Du willst mich doch verarschen, sag ich zu meinem Finger, aber der antwortet nicht. Draußen scheint die Sonne, ich sollte das Fenster aufmachen, Kinder spielen im Hof, Vögel zwitschern, die BSR holt seit drei Wochen keine Glasflaschen und keinen Papiermüll mehr ab. Da unten sieht es aus wie auf einem Schrottplatz, und die Kinder bauen kleine Häuser aus dem Pappmüll. Das alles könnte ich schreiben, aber das interessiert ja niemanden, und dann schreib ich Knut bei WhatsApp: ich brauch inspiration, hast du was? und Knut antwortet direkt, er schreibt auch Texte für seine Musik, er sagt, er guckt mal kurz nach, und ich sehe aus dem Fenster wie so eine Oma, die ein Kissen zum Abstützen auf die Fensterbank legt, damit sie länger gaffen kann, und ich verfolge ein Eichhörnchen, das mies gehetzt an einem Baum hochrennt. Hat bestimmt Tollwut, denk ich, und mein Handy vibriert, ich lese Knuts Texte und die demotivieren mich natürlich auch, weil die zehnmal kreativer sind als meine Sachen, und ich setz mich zurück an meinen Schreibtisch. Was machst du mit deinem Leben du Idiot?, steht da. Aber jetzt kann mich nichts mehr aufhalten. Es ist Ich gegen Ich, und ich darf nicht verlieren. Ich will der Größte sein, besser sein, mehr haben, aber meine Therapeutin meinte, ich soll nicht in Superlativen denken, also schalte ich doch einen Gang zurück und will nicht mehr der Allergrößte sein, aber doch schon irgendwie ganz gut. Draußen schreien die Kinder, bestimmt hat sie das Tollwut-Eichhörnchen angegriffen, ich schreibe das auf. Ich schreib alles auf, und dann lass ich ein bisschen was weg.

Kinderzimmer

Ich muss wirklich hier raus, ganz dringend. Auf den Gardinen sind noch rote und gelbe Monde und Sterne, als wär ich acht oder so. An der Kommode kleben Fußballsticker. Marko Pantelic bei Hertha, Saison 2008/09, klebt da. Hab versucht, ihn abzukratzen, geht aber nicht. Er ist mit dem Holz der Schublade verwachsen, genau wie meine Eltern mit dem ganzen Haus verwachsen sind, und mein Vater läuft die Treppe hoch, ich erkenn es an den Schritten und daran, dass es zwei Uhr morgens ist. Er schläft kaum und legt sich erst spät in der Nacht hin. Genau wie der Typ bei No Country for Old Men, der immer nur im Sitzen schläft, mit einer Schrotflinte zwischen den Beinen. Wer weiß schon, was kommt, ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass ich keine roten und gelben Sterne und Monde mehr sehen und keine Schritte auf der Treppe mehr hören kann. Meine Freundin ist jetzt meine Ex-Freundin, ist schon okay. Mein großer Bruder sagt, die erste Liebe hält nie, und ich wollte ihm das Gegenteil beweisen, aber ich kann keine Gefühle reparieren, ich bin kein Zauberer und kein Handwerker. Alle sagen, das wird schon wieder, und ich glaube manchmal dran und manchmal nicht. Erfahrene Freunde sagen, reflektier dich, weniger erfahrene sagen, vergiss sie. Ich mach es mir einfach und betäub mich, auch an einem Mittwoch um zwei Uhr. Das gehört dazu, sagen manche, aber ich frag mich echt, wie lange noch. Man kann das bestimmt irgendwie anders verarbeiten. Tagebuch schreiben und weinen oder so, oder Trauer umwandeln in Stärke, Joggen vielleicht, Fitnessstudiomitgliedschaft. Aber ich hab es nicht mal geschafft, heute Morgen Zähne zu putzen, und duschen war auch eine Nummer zu groß. Die Wäsche liegt seit zwölf Stunden in der Waschmaschine. Nennt man das Depression? Ich hab mal gehört, dass Wäsche erst nach zwölf Stunden in der Waschmaschine anfängt zu stinken, also all good noch, ich muss es einfach nur heute noch erledigen, aber sag das mal jemandem, der seine Zähne nicht putzt. Wir wollten zusammenziehen und so. Hätt ich ja gesagt, wär sie vielleicht noch da, aber stattdessen guckt mich jetzt Pantelic von der Kommode aus blöd an. Manchmal weiß man ja, was man will. Aber ich wusste nur, was ich nicht will, und das war ihr zu wenig, und das versteh ich. Das ist, glaub ich, dieser Ernst des Lebens, von dem alle immer reden, aber ich spür ihn nur gedämpft durch die Wände meines Kinderzimmers. Vielleicht ist es gut, dass ich noch hier bin, die roten und gelben Sterne beschützen mich, sie lassen nichts rein, aber raus lassen sie auch nichts, und das ist das Problem, weil dann stauen sich Trauer und Hass, weißt du, was ich meine? Es gibt kein Ventil, und dann wird die Trauer größer. Und der Hass auch. Größer, als die Liebe es je war, aber vielleicht hab ich dann einfach nie richtig geliebt.

All in

All in, sage ich, und Nikita lächelt. Ja, sagt er und wirft einen Blick auf seine Karten, ich denke, ich muss mitgehen. Er wirft die Chips in die Mitte und zeigt mir ein Pik-Ass und eine Dame. Sieht schlecht für mich aus. Er nimmt den Kartenstapel in die Hand, dreht die ersten drei Karten um, und keine davon hilft mir auch nur ansatzweise. Ich stehe auf und greife nach meiner Jacke. Ist noch nicht vorbei, sagt er lächelnd und wir wissen beide, dass es vorbei ist. Ich schiebe ihm meine Chips rüber und er deckt die vierte Karte auf. Der Rauch der Joints mischt sich mit dem Rauch der Zigaretten und wandert langsam von links nach rechts über den Tisch und wieder zurück. Der Feuermelder blinkt ab und zu, die Fenster sind geschlossen, die Heizung auf 4, es ist Dezember, ich habe 50 Euro verloren und bald ist Weihnachten.

Ich steige Wilmersdorfer Straße in die letzte U7, es ist Sonntag, es nieselt und ich sollte jetzt schlafen, aber ich habe noch Bargeld und ich habe noch Zeit. Die U-Bahn rast durch den Tunnel und ich stehe an der Tür und starre auf das Brandenburger Tor, das an den Fenstern und Türen der Berliner U-Bahn klebt. Ein Mann mit Rucksack und fleckiger Jogginghose sitzt auf einem Viererplatz und hält sich ein Handy ans Ohr. Aus seinen Lautsprechern strömt Musik in den Waggon. Eine Frau im Wintermantel sitzt am anderen Ende mit einer Handtasche in der einen und Pfefferspray in der anderen Hand. Der Mann mit Rucksack steht auf und wankt zu mir rüber. Wann Rathaus Neukölln?, fragt er und sieht mich konzentriert an. Fährt nur bis Hermannplatz, sage ich. Er braucht ein paar Sekunden um das zu verarbeiten. Wie, nur Hermann?, fragt er dann. Rathaus Neukölln gibt’s nicht mehr, sag ich. Er versteht nicht und zaubert ein Bier aus seinem Rucksack.

Am Potsdamer Platz weht ein kalter Wind. Ich atme zweimal tief durch. Das erste Mal seit Langem atme ich frische Luft, und als ich in die Seitenstraße einbiege, sehe ich von Weitem das Auge der Spielbank. Es blinkt rot, und ich weiß, dass die Chancen gegen mich stehen. Das hat man ja schon mal irgendwo gehört oder gelesen, dass Glücksspiel meist eher dem Anbieter als dem Spieler Glück bringt. Jetzt bin ich aber schon hier, zu weit gekommen, um umzukehren, zu spät, um mich umzuentscheiden, und eigentlich will ich es ja auch. Am Eingang wird mein Ausweis verlangt, ich bekomme zwei Getränkemarken und viel Glück gewünscht vom Angestellten. Ich gebe meine Jacke ab, bekomme noch eine Marke und gucke mich um. Im Erdgeschoss stehen die Automaten und an jedem sitzt eine verlorene Seele und drückt auf einen Knopf. Ich gucke weg, die Augen zielstrebig auf die Treppen zum zweiten Stock gerichtet. Dort, wo Black Jack und Roulette gespielt werden. Ich fühle mich den Croupiers untergeordnet. Sie blicken auf einen herab. Sie wissen, dass man weiß, dass die Bank immer gewinnt. Und sie sehen, dass man trotzdem hier ist. Spieler sind masochistisch veranlagt, denken sie wahrscheinlich, und das trifft vielleicht auch zu. Die wenigsten sind zum Spaß hier. Ich sehe eine Gruppe Männer, sie lachen alle und tragen alle das gleiche Hemd, mit irgendetwas Eingesticktem auf der Brust. Es ist ein Junggesellenabschied und sie betrinken sich und ihnen sind jegliche finanziellen Verluste an diesem Abend völlig egal, und das ist dann auch wieder irgendwie vertretbar. Junggesellenabschied. Ein schreckliches Wort. Geselle. Wie wenn jemand sagt, er fährt übers Wochenende in die Heimat. Auch so ein Wort, bei dem ich Gänsehaut bekomme. Und ich versuche weiter über die Heimat-Thematik nachzudenken, an alles Mögliche zu denken. Hauptsache irgendwas, was der Wirklichkeit nicht zu viel Raum gibt, aber ich stehe jetzt im zweiten Stock. Vor mir sechs oder sieben Roulette-Tische. Vier Black-Jack-Tische. Die Menschen rennen zwischen ihnen hin und her, und wenn es vorbei ist, gibt es ja immer noch die Geldautomaten.

Ich gehe zum Schalter, stelle mich an. Vor mir packt irgendein Familienvater 10.000 in Chips auf den Tisch, und der Croupier fängt an zu zählen. Ich warte geduldig. Dann winkt er mich ran. 150 in Zehnern, sage ich und fühle mich wie ein Verlierer, obwohl ja faktisch noch alles da ist. Er zählt, gibt, sieht mir in die Augen und sagt: Viel Glück. Ich drehe mich um. Sofort zu den Tischen, mehr menschliche Interaktionen kann ich heute nicht ertragen. Es ist schließlich schon halb zwei, auch wenn hier drin die Regeln von Raum und Zeit nicht gelten.

Ich fahre mit dem Daumen über die Chips in meiner Hand. Sie sind grün und am Rand ist eine kleine 10 eingraviert. Tisch 5 sieht leer aus, ich stelle mich ans Tableau.