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Psychoterror. Keine Lösegeldforderung. Panik. Der unsichtbare Täter macht weder vor Karls Exportfirma, noch vor seiner Familie halt. Unterstützt durch seine Psychotherapeutin Gisela, begibt sich Karl in einem Zustand hypnotischer Trance auf eine Reise in seine seelischen und familiengeschichtlichen Abgründe und kommt dem Täter Stück für Stück näher. Gleichzeitig läuft seine eigene Familie Gefahr, zu zerbrechen. Seine Frau, Charlotte, stürzt sich in eine Affäre mit einem geheimnisvollen Fremden, und seine sechzehnjährige Tochter treibt sich auf Partys für zwielichtige Erwachsene herum. Den Abgrund vor Augen, findet der konservative Karl ausgerechnet in einem Obdachlosen seinen engsten Verbündeten. "Ein Roman über die Vielschichtigkeit einer Ehe, die Macht der inneren Dämonen und die Möglichkeit zur Veränderung - ein inspirierender Erstling: spannend, amüsant und erschütternd." Dr. Peter Schröder, University College London
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Seitenzahl: 468
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Für meine Eltern
Florian Kohlstedt (Jahrgang 1973) studierte Geschichte und Politik. Idylle am Abgrund ist sein erster Roman. Er lebt und arbeitet in Hamburg.
Lila
Punkte oder Streifen
Wanted
Miau
Akt in einem roten Lehnstuhl
Unbemannt
Idylle am Abgrund
Housewife
Rebellion
Petticoat
Dame im Zentrum
Angst und Panik
Grauer Sonntag
Unbemannt 2
Frau ohne Kätzchen
Lansky
Ein neuer Tag
Incognito
Incognito 2
Eine Botschaft
Klimawandel
Lansky 2
Der Balkon
Agnieszka
Wolfgang
Rollenwechsel
Die Journalistin
Der König schläft
Lansky 3
Der alte Mann
Nachrichten
Die Chefin
Maskerade
Katzenhaare
Fotos
Der alte Mann 2
Alte Gefühle
Kommunikation
Power und Mut
Offensive
Neue Welt
Diddlmaus
Katzenohren
Vergebung?
Kunden und Lieferanten
Hamann
Trittbrettfahrer
Power und Mut 2
Mecklenburg-Vorpommern
On the road
Heftige Böen fegten hinter der großen Glasfront durch den Garten. Karl Peters sah kurz von seiner Zeitung auf, als eine besonders kräftige Regensalve gegen die Scheibe prasselte. Im ersten Stock hörte er seine beiden Töchter streiten, wie beinahe jeden Morgen ‒ vermutlich blockierte eine der beiden mal wieder zu lange das Badezimmer.
„Karl, noch Kaffee?“, fragte Charlotte und stupste mit der Kanne gegen seine Frankfurter Allgemeine. Er nickte nur. Dabei blieb er weiterhin auf den Wirtschaftsteil konzentriert. Ungünstige Entwicklung des deutschen Exportmarkts innerhalb Europas. Alarmierend, dachte er. Und nun musste man einige der europäischen Nachbarn auch noch subventionieren, damit sie weiterhin deutsche Produkte kaufen konnten. Seine eigene Firma betraf das gottlob nur bedingt, weil er ausschließlich nach Übersee exportierte. Aber trotzdem. Wieso nicht mal ein paar hundert Millionen nach Südamerika und Südostasien transferieren?
„Kommt jetzt frühstücken!“, rief Charlotte nach oben. Tanja, die Jüngere von beiden, kam prompt die Treppe heruntergelaufen.
„Morgen!“, jauchzte sie.
Karl lächelte sie an und schaute ihr wie jeden Morgen dabei zu, wie sie die Schiebetür zum Garten öffnete.
„Lila! Liiila!“, rief Tanja.
Normalerweise kam die Katze auf Tanjas Zuruf innerhalb weniger Sekunden aus dem Gebüsch angetrabt oder sprang in einem Satz von einem der alten Bäume, die dem Garten einerseits die Anmutung eines Parks verliehen, ihn zu Charlottes Leidwesen aber auch ziemlich verschatteten. Im Warmen angelangt, schüttelte die Katze sich in aller Regel ausgiebig und wischte ihre matschigen Dreckpfoten an einem der Perserteppiche ab, fuhr gleichzeitig ihre Krallen aus und streckte sich einmal kräftig. So lange, bis man ein kurzes Reißen des edlen Textilgewebes hören konnte. Doch an diesem Morgen kam Lila nicht.
„Hat jemand Lila gesehen?“, rief Tanja durch den Raum.
„Nein, Liebes“, antwortete Charlotte, „heute noch nicht. Und jetzt lass mal die Katze, du hast keine fünfzehn Minuten mehr. Wo bleibt eigentlich Verena?“
„Sie muss sich noch das Gesicht bleichen“, erklärte Tanja grinsend und Cornflakes kauend. Aus ihrem Mund blubberte ein Milchrinnsal.
Verena kam kerzengerade die Treppe herunterstolziert. Schwarzes Top über schwarzen Leggings. Ihr schneeweißes Dekolleté leuchtete wie ein liegender Halbmond.
Nachdem Karl die Mädchen an der Schule abgesetzt hatte, fuhr er den Volksdorfer Weg Richtung Innenstadt. Es regnete noch immer. Die kräftigen Scheibenwischer seines 7er BMW bewegten sich lautlos hin und her. Er liebte diese Minuten der Ruhe auf dem Weg zur Firma. Ein Gefühl der Abgeschirmtheit. Absolute Sicherheit, kein Stress. Wie in der Werbung. Er drehte den Oldie-Sender lauter und musste grinsen: Die Bee Gees sangen Stayin’ Alive.
In der Firma angekommen, rief er in alle Richtungen einmal laut und deutlich ‚Guten Morgen’ und verschwand dann in seinem Büro. Die Auszubildende Sonja Weber hatte ihm einen kleinen Stapel ausgedruckter Mails und ein paar kopierte Faxe auf den Tisch gelegt. Ein Kunde aus Asunción in Paraguay beteuerte zum dritten Mal, in absehbarer Zeit nun endlich zu zahlen. Es ging nicht um sehr viel Geld. Aber trotzdem musste dieser Idiot schleunigst bezahlen. Andernfalls würde Karl dafür sorgen, dass dieser Mensch nie wieder ein Geschäft mit einem deutschen Unternehmer abschließen würde. Er fuhr sich durch sein grau-blondes Haar und atmete einmal tief durch. Alles in allem blieb in so einem Fall nur eines: die Ruhe bewahren. Einen Teilbetrag hatte Señor Rosas ja schon überwiesen. Angeblich hatte es ein Problem mit seinem Abnehmer in Uruguay gegeben. Wie dem auch sein mochte, so eine Hinhaltetaktik ‒ das grenzte nach seinem Dafürhalten schon an Unverschämtheit. Er musste erneut tief durchatmen. Durch seine linke Schulter ging ein Zucken. Unregelmäßigkeiten wie diese machten ihn nervös und trieben seinen Blutdruck nach oben. Aber letztendlich würde der Südamerikaner zahlen. Er musste. Und es war sein Job, genau dafür zu sorgen. Das unterschied ihn als Außenhändler vom einfachen Großhändler. Außenhandel bedeutete, mit sämtlichen Risiken im Rahmen von Überseegeschäften klarzukommen. Insbesondere, wenn es sich bei den Kunden um kleinere Händler handelte. So wie Señor Rosas. Leider war Karl ihm auf seiner letzten Südamerikareise noch nicht begegnet. Andernfalls wüsste er jetzt schon etwas mehr über ihn. Vor Ort sein und die Menschen kennenlernen. Ein Gefühl für die Integrität eines Neukunden bekommen. Mit den Mitarbeitern reden. Der persönliche Kontakt war das Wichtigste. Auf der anderen Seite konnte man sich auch täuschen. Er hatte schon Händler getroffen, die nicht weit entfernt von irgendwelchen Favelas in besseren Wellblechhütten residierten, sich gleichwohl aber als äußerst zuverlässige Geschäftspartner erwiesen hatten.
Er drückte auf die Durchwahl von Frau Weber. Sie nahm sofort ab. „Kommen Sie bitte in mein Büro, ein Fax aufnehmen.“
„Ja, sofort, Herr Peters.“
Frau Weber sah in ihrem Kostüm wieder ganz niedlich aus, nahezu schick. Eher wie eine Geschäftsfrau als eine Auszubildende. Mitunter konnte es passieren, dass die Auszubildenden vergaßen, wer oder was sie waren. Und das schätzte er nicht sehr. Aber früher oder später hatte sich das bisher immer eingerenkt. Und mit Frau Weber war er eigentlich ganz zufrieden. Sehr schnell und arbeitswillig. Immer aufmerksam und höflich.
„Estimado Señor Rosas, nosotros no estamos de acuerdo …“, diktierte Karl. Herr Rosas solle sich klar über die Konsequenzen seines Handelns sein. Außerdem sei man enttäuscht ‒ ganz besonders enttäuscht ‒ und auch fassungslos. Und vor allem sei man so etwas überhaupt nicht gewohnt. Eine letzte Frist von zehn Tagen wolle man ihm einräumen.
Frau Weber schaute von ihrem Block auf.
„Tippen Sie das als erstes“, sagte Karl.
„Okay, soll ich vorher noch schnell meine Luftfracht fertig machen, damit …“
„Fräuln … ähh … Frau Weber“, fiel ihr Karl ins Wort. „Machen Sie das hier jetzt sofort!“ Er hatte momentan einfach keine Geduld. Und wie so oft, war ihm wieder einmal viel zu warm in seinem Büro.
„Danke, Sie können gehen. Ja, und Frau Weber“, rief er ihr noch nach, „öffnen Sie doch bitte die Tür zum Balkon.“
Da hatte er wohl die richtigen Worte gefunden. Deutlicher konnte man in einem Brief kaum werden. Er sortierte gerade seine restliche Post auf dem väterlichen Eichentisch, als er vor Schreck zusammenfuhr und sich dabei sein hochschnellendes Knie an der Tischkante anschlug. Ein heißer Blutstrom durchfuhr seinen Körper und schien in seinem Kopf noch einmal beschleunigt zu werden. Es brauchte wirklich nicht viel, um einem Knie zumindest für Sekunden kaum zu beschreibende Schmerzen zuzufügen.
Jemand hatte geschrien. Und zwar laut und schrill. Frau Weber? Oder war es Frau Schröder gewesen? Karl ging in den kleinen Konferenzraum nebenan. In der Tür zum Balkon stand Frau Schröder. Mit geweiteten Augen sah sie ihn an wie eine erschreckte Eule. Dabei spannte sich irgendwie ihr Hals an, was ein leichtes Zurückziehen des Kopfes zur Folge hatte. Dann schaute sie, ohne eine erkennbare Veränderung in ihrer Miene, wieder in Richtung Balkon.
„Was ist passiert, Frau Schröder?“
Sie antwortete nicht. Um auf den Balkon zu gelangen, musste Karl sich an ihr vorbeizwängen. Mann, dachte er. Ihre schlaff herunterhängenden Arme berührten seinen Bauch. Gott, bitte! In dem Moment, als er auf den Balkon hinaustrat, stürzte eine würgende Frau Weber auf ihn zu. Sie hatte ihn offenbar nicht gesehen, so wie sie ihn ansprang. Er musste seine ganze Kraft aufbieten, um nicht zusammen mit ihr nach hinten auf Frau Schröder zu fallen.
„Um Gottes Willen, was ist los?“, stöhnte er und betete, dass Frau Weber sich doch bitte nicht auf sein Hemd übergeben würde.
Diese hatte sich an seinen Unterarmen festgekrallt und sah nun mit bleichem Gesicht zu ihm hoch. Er musste unwillkürlich an Verena denken. Frau Weber neigte ihren Kopf ein wenig zur Seite und gab so den Blick auf den Balkon frei. Da lag etwas, was definitiv nicht dorthin gehörte. Karl löste sich aus ihrem Klammergriff und trat auf den Balkon hinaus. Ein kleiner Windzug blies ihm das Haar ins Gesicht. Er wischte sich mit einer Hand die Sicht frei und glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Vor ihm lag der Kopf einer Katze. Halb schwarz, halb weiß.
„Lila“, flüsterte er.
Er ging in die Hocke. Ein heftiger Stich fuhr durch seinen Bauch.
Was in aller Welt war das? Lila, dachte er. Oder vielleicht doch nicht? Vor seinem inneren Auge glitt die Szenerie einer kleinen Trauergemeinde vorbei: Seine Töchter standen am noch offenen Grab der Katze und weinten. Er würde ein paar Worte sagen … Er erhob sich wieder und drehte sich um. Frau Weber war im Haus verschwunden. Zu Frau Schröder hatten sich noch Frau Steinmann und Herr Maurer gesellt. Was stehen die da so blöd herum, dachte er.
Nachdem er Herrn Maurer beauftragt hatte, den Katzenkopf zu entsorgen, ließ er sich völlig aufgewühlt in den Sessel neben seinem Schreibtisch fallen. Wer tat so etwas? Und wenn es sich tatsächlich um Lila handelte, wie war sie hierhergekommen? Irgendjemand musste sie angelockt und gefangen haben, um dann ihren abgetrennten Kopf, nachdem er ausgeblutet war, hier auf den Balkon zu werfen. Bis zum ersten Stock war es ja nicht besonders hoch. Karl schloss die Augen. Man hatte vor seinem Haus oder gar auf seinem Grundstück herumspioniert ‒ herumspioniert und eine Straftat begangen. Er nahm das Telefon von seinem Schreibtisch und bat darum, Frau Weber zu ihm zu schicken, wenn sie sich wieder erholt haben würde.
Wenige Minuten später betrat sie sein Büro. „Schließen Sie die Tür, bitte.“
Sonja Weber setzte sich. Sie sah immer noch sehr blass und benommen aus.
„Wie geht es Ihnen?“, fragte Karl.
Sonja Weber atmete langsam und tief ein.
„Das war so ein grauenhafter Anblick. Ich weiß wirklich nicht ‒ ich kann es gar nicht fassen.“
Karl nickte.
„Ja, unfassbar. Ein Verbrechen!“
Sie saßen da und schwiegen. Nach einer Weile lehnte sich Sonja Weber etwas zurück und räusperte sich.
„Sie sagten lila, was meinten Sie damit?“
Karl räusperte sich ebenfalls.
„Nun ‒ also, Lila … na ja …“
„Kannten Sie die Katze?“, unterbrach ihn Sonja.
Karl beugte sich nach vorn. Er neigte seinen Kopf ein Stück zur Seite und schloss für ein paar Sekunden die Augen. Als er sie wieder öffnete, hob er den Zeigefinger und flüsterte: „Es könnte sich um die Katze meiner Töchter handeln.“
„Oh Gott!“, hauchte Sonja und hielt beide Hände vor ihr Gesicht.
„Ja“, bestätigte Karl. „Ich bin mir aber noch nicht ganz sicher. Und wenn ich mir vorstelle, dass meine Töchter davon erfahren … also, bevor ich nicht genau weiß, was hier eigentlich vorgefallen ist, soll das besser auch gar nicht nach außen dringen. Ob Frau Schröder oder sonst jemand mitbekommen hat, dass ich den Katzenkopf, nun ja, mit Lila angesprochen habe, was meinen Sie?“
„Weiß nicht genau, aber ich glaube nicht.“
„Gut. Bitte reden Sie bis auf Weiteres mit niemandem darüber.“
Karl machte eine kurze Pause und zog sein Portemonnaie aus der Hosentasche. Er nahm zwei Hunderteuroscheine heraus und hielt sie ihr hin. „Hier, nehmen Sie! Als kleine Entschädigung für den grauenhaften Anblick.“
Frau Weber schaute ziemlich überrascht. Karl drückte ihr das Geld in die Hand und sagte:
„Sie können jetzt gehen. Und bitte sagen Sie allen Bescheid, dass wir uns um elf Uhr im Konferenzraum treffen.“
Sonja Weber lehnte an der hölzernen Fassade eines der Häuser am Schulterblatt. Die Eiskugel der Sorte ‚Strandperle’ schmolz in kleinen Häppchen cremig-mandelig auf ihrer Zunge ‒ süß wie die Sünde. Genüsslich schloss sie die Augen und führte das Eis erneut an ihren etwas geöffneten Kussmund. Sie drehte die Waffel langsam, so dass sich die äußerste Schicht der süßen Sahne an ihren Lippen löste und langsam unter ihre Zunge floss. Süße Verführung, dachte sie. Sie öffnete die Augen und blinzelte in die frühe Abendsonne, die ihr direkt ins Gesicht schien. Das Septemberwetter war wie im April. Während es am Morgen noch gegossen hatte, waren die Straßen mittlerweile wieder voller sonnenhungriger Menschen.
Zweihundert Euro war ihm ihr Schweigen wert. Ob er zuvor über die Summe nachgedacht hatte? Na ja, sie konnte ihn irgendwie verstehen. Nur gut, dass sie selbst nicht genötigt worden war, den Katzenkopf zu entsorgen. Der letzte Rest Eis schmeckte nun doch nicht mehr ganz so gut.
Mit ihrem Schweigegeld hatte sie kurzentschlossen die Schanzenstraße und das Schulterblatt abgegrast. Herausgekommen war eine ganz neue Richtung in ihrem Stilrepertoire. Sie hatte sich, wie abgetaucht in eine andere Zeit, in den 20-er bis 40-er-Jahren wiedergefunden. Die Kleider seien eine Hommage an das Pin-up-Girl, sinnlich und sexy, selbstironisch und eine Verbindung zwischen glorifizierter Weiblichkeit vergangener Jahrzehnte und der selbstbewussten Frau von heute, hatte sie in einem Zeitungsausschnitt gelesen, der neben den Streifenkleidern angebracht gewesen war. Fast zwei Stunden lang war sie von einem Kleid in das nächste geschlüpft: große Blumen, kleine Blumen, Streifen oder Punkte, blutiges Rot oder dezente Koralle. Gekauft hatte sie dann ein sehr dunkles blaues Kleid mit fast weißen, etwas abstrahierten Herzen. Am liebsten hätte sie es gleich anbehalten. Nie zuvor hatte sie ein derart elegantes wie auch laszives und provozierendes Kleidungsstück besessen. Nun fehlte eigentlich nur noch ein BH, der die passenden Brüste dazu formte: eher größer als kleiner, ohne dabei auf üppige Polsterungen zurückzugreifen. Außerdem sollten die Brüste aber auch nicht einfach gepusht, sondern eher in gewisser Weise schwerkraftunabhängig in waagerechter Position gehalten werden. Wie sich beim Anprobieren herausgestellt hatte, wurde diese Aufgabe glücklicherweise zu einem guten Teil vom Kleid selbst übernommen.
Sonja schwebte in Gedanken in ihrem neuen Kleid durch die Büroräume. ‚Frau … äähhhhh …’ ‚Ja genau, Herr Peters, Weeeber! Dass Sie mich heute nicht erkennen, verstehe ich.’ Unfassbar! Dass es so etwas heute überhaupt noch gab. Keine Sekretärin, und auch kein Diktaphon. Stattdessen wurden Auszubildende zum Diktat gerufen. Ob da jemand der spanischen Sprache bereits mächtig war oder nicht, spielte keine Rolle. Es musste einfach nur fehlerfrei sein. Sonja schüttelte unwillkürlich den Kopf und musste gleichzeitig lächeln. Immerhin war man nah am Geschehen. Die Sprache des Chefs war schlicht und klar, mit leichtem Hang zu mittelalterlicher oder zumindest vorbundesrepublikanischer Blumigkeit. Bei Peters & Co GmbH gab es eigentlich nur drei Abteilungen: Buchhaltung, Einkauf und die Exportabteilung. Wobei Einkauf und Export im Wesentlichen ein und dasselbe waren, da die einzelnen Mitarbeiter jeweils bestimmte Kunden zu betreuen hatten. Und im Rahmen dieser Betreuung erledigte ein Sachbearbeiter häufig alles: von der Anfrage des Kunden über die Zahlungsabwicklung bis hin zum Transport. Der Vorteil dieser Struktur lag eindeutig darin, dass man die Gesamtzusammenhänge schneller begreifen konnte. Von Anfang an aufgefallen war Sonja der Stolz und die absolute Hingabe, mit der ihr Chef seinen Geschäften nachging. In so einem seit Generationen geführten Familienbetrieb gab es weniger Schnelllebigkeit als anderswo. Der Erfolg beruhte auf über viele Jahre gepflegten Geschäftsbeziehungen, die häufig beinahe schon freundschaftliche Qualitäten besaßen. Entsprechend rasend machte es den Peters dann, wenn sich ein Kunde einmal nicht von seiner integren Seite zeigte.
‚Kommen Sie ein Fax aufnehmen’, hatte er ihr am Telefon mitgeteilt. Dann musste es ganz ganz schnell gehen. Und Faxe, nun ja. Dass nicht mehr wirklich viel gefaxt wurde, hatte er wohl noch nicht mitbekommen. Er hatte zwar einen Computer auf seinem ehrwürdigen Schreibtisch stehen, benutzte diesen aber eigentlich nie. Tja, und dieser Jähzorn, dieses ganze autoritäre Gehabe! Kein Wunder, dass da jemand mal ein Zeichen setzte. Aber warum nur hatte die arme Katze seiner Kinder dran glauben müssen?? Echt gruselig, dachte Sonja und schüttelte sich.
Karl war ungewöhnlich früh nach Hause gefahren. Nach dem, was an diesem Tag passiert war, brauchte er Abstand und Ruhe, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Er schenkte sich einen Whiskey ein und ließ sich auf dem Sofa vor dem großen Panoramafenster nieder. Es war das erste Mal, dass er sich über das Erscheinen der Katze gefreut hätte. Ja, mehr noch: Er sehnte das Tier, das ihm bisher eher lästig gewesen war, förmlich herbei. Doch bis jetzt keine Spur von Lila. Tanja würde eine große Suchaktion starten und kleine Plakate mit einem Foto von Lila verteilen und an Bäumen und Laternenpfeilern anbringen. Und er würde dabei irgendwie mitspielen in dem Bewusstsein, dass Lila bereits in mindestens zwei Teilen auf einer Müllhalde verweste.
Wer tat so etwas?, fragte er sich erneut. Was für ein Motiv konnte dahinterstecken? Und warum auf dem Balkon der Firma? Musste er sich ernste Sorgen machen? Sorgen um seine Firma und vielleicht auch um seine Familie? Je länger er darüber nachdachte, desto unwirklicher erschien ihm das Ganze. Auch die Sitzung um elf Uhr hatte nichts zur Aufklärung dieses makabren Ereignisses beigetragen. Keiner seiner Mitarbeiter hatte zu irgendeinem Zeitpunkt irgendetwas Ungewöhnliches bemerkt. Und auch der aus dem Tiefschlaf geweckte und herbeizitierte Mann vom Sicherheitsdienst, der in der Nacht zuvor seine Runden um das Bürogebäude gedreht hatte, versicherte im Brustton der Überzeugung, weder etwas Auffälliges gesehen noch gehört zu haben.
War es möglich, dass einer seiner Angestellten dahintersteckte? Karl ging im Geist die einzelnen Mitarbeiter durch. Dass der Maurer ihn nicht sonderlich mochte, konnte er sich gut vorstellen. Das beruhte auf Gegenseitigkeit. Aber Phillip Maurer konnte was und arbeitete wirklich gut. Davon abgesehen war er allerdings ein merkwürdiger Typ. Irgendwie immer hektisch, hypernervös und irgendwie frustriert. Und ungeschickt im direkten Kundenkontakt. Am Telefon war das allerdings ganz anders. Da machte Maurer einen ganz souveränen Eindruck. Überhaupt war Karl schon häufiger aufgefallen, dass manche Menschen am Telefon deutlich offener und lockerer waren als bei einer persönlichen Begegnung. Das Telefon schien für sie eine Art Parallelwelt darzustellen, in der sie sich wesentlich freier und ungehemmter fühlten als im realen Hier und Jetzt. Wahrscheinlich waren Typen wie Maurer die prädestinierte Klientel für Telefonsex-Anbieterinnen. – Telefonsex? Wie war er denn nun darauf gekommen? Ein Zucken fuhr durch seinen Nacken. Er richtete sich wieder ein Stück auf und versuchte sich zu konzentrieren. Bei allem, was ihm über Maurer in den Sinn kam, hielt er es dennoch für ausgeschlossen, dass dieser fähig war, eine Katze zu töten.
Und die übrigen Angestellten? Ausgeschlossen. Zu Anita Krämer, der Buchhalterin, hatte er ein sehr angenehmes und vertrauensvolles Verhältnis. Und Manuela Schröder, seine Sachbearbeiterin, war eine große Tagträumerin, die manchmal so abwesend war, dass sie selbst das Telefonläuten überhörte oder erst abnahm, wenn der andere schon wieder aufgelegt hatte. Franziska Steinmann, seine zweite Sachbearbeiterin sowie Sonja Weber schloss er ohnehin aus. Und der junge Tomasz Wojcik kam ebenfalls nicht in Frage. Niemand arbeitete so konzentriert und ausdauernd wie er. Karl mochte ihn, echt ein grundanständiger Kerl. Tomasz Wojcik hatte dreieinhalb Jahre zuvor als Auszubildender in seiner Firma angefangen und war nun Kaufmannsgehilfe. Sogar dessen Eltern waren eines Tages bei Karl erschienen, hatten sich höflich vorgestellt und ihm für die Festanstellung ihres Sohnes gedankt. Seitdem hegte Karl für Tomasz Wojcik fast so etwas wie väterliche Gefühle. Einen Tomasz als Sohn. Das wäre ein würdiger Nachfolger für seine Firma.
Karl kam zu dem Schluss, dass es sich bei dem Täter um einen Verrückten handeln musste. Einen Verrückten, der die Adresse der Firma kannte. War ja auch nicht so schwierig, diese in Erfahrung zu bringen.
Erschrocken fuhr er aus seinen Überlegungen hoch: Tanja und Verena mussten jeden Augenblick vom Sport nach Hause kommen. Und Charlotte? Vermutlich war sie noch einkaufen. Kaum hatte er den Gedanken zu Ende gedacht, kam auch schon Leben ins Haus. Und wie zu erwarten gewesen war, ließen die ersten Rufe nach Lila nicht lange auf sich warten. Was für eine grässliche Situation! Seiner kleinen Tochter die Wahrheit zu sagen, schien ihm undenkbar, doch sich an der Suche nach der Katze zu beteiligen ‒ was für ein Schmierentheater! Aber es ging wohl nicht anders. Er musste die Sache für sich behalten. Und wie würde Charlotte reagieren? Vermutlich würde sie es mit der Angst zu tun bekommen. Was für eine Vorstellung: Ein Irrer schleicht ums Grundstück und fängt die Katze. Und was würde als nächstes passieren? Das würde sich Charlotte fragen.
Er hörte schnelle Trippelschritte. Es war Tanja, die ins Zimmer gelaufen kam.
„Hallo Papa.“
„Hallo Tanja, wie war es beim Hockey?“
„Ja, ganz gut. Hast du Lila gesehen?“
„Lila? Hm, nein, bis jetzt noch nicht.“
Tanja blieb vor der Terrassentür stehen und legte ihren Kopf an die Scheibe. Sie sah ernsthaft besorgt aus.
„Schon heute Morgen war sie nicht da. Und jetzt ist sie immer noch nicht da. Sonst kommt sie doch immer, wenn ich sie rufe. Immer! Ich glaube, ihr ist etwas passiert.“
„Oh Gott, Tanja! Das wollen wir nicht hoffen. Also, der Tag ist ja noch nicht ganz vorbei. Lass uns doch noch ein wenig Geduld haben.“
Tanja schaute grimmig drein und zog einen Schmollmund. Dann trottete sie langsam aus dem Zimmer. Ein scheußliches Gefühl machte sich in seiner Magengegend breit.
Als nächstes tauchte Charlotte auf. Sie kam direkt zum Sofa und strich ihm sanft über die Wange.
„Karl, bist du krank? Ist etwas passiert?“
Sie war nicht blöd, hatte ein gutes Gespür für feine Zwischentöne.
„Nein nein, Schatz, alles soweit in Ordnung. War etwas anstrengend heute. Vielleicht ist es auch das wechselhafte Wetter“, erwiderte er so beiläufig wie möglich.
„Na gut. Dann ruh dich aus. Ich rufe dich zum Abendbrot.“ An der Tür drehte sie sich noch einmal um und lächelte: „Ich habe Pfifferlinge mitgebracht. Die gibt es gleich mit Rührei und Schnittlauch.“
Karl lächelte zurück, diesmal ganz ohne Verstellung. Dann schloss er die Augen und freute sich auf die Konsistenz der Pfifferlinge zwischen seinen Zähnen.
Verena ließ wie immer ein paar Minuten auf sich warten.
„Vereeenchen!“, rief Charlotte.
„Es schmeckt ganz toll, Schatz“, sagte Karl.
Charlotte lächelte ihr zufriedenes, mütterliches Lächeln. Tanja aß lustlos und schaute traurig auf ihren Teller.
„Tanja, Liebes“, versuchte Charlotte sie zu ermuntern, „wenn Lila morgen immer noch nicht da ist, dann überlegen wir uns was, okay?“
Tanja nickte.
Oben hörte man eine Tür, und wenig später kam Verena herunter. Wie immer mit einem etwas steifen, aufgesetzten Gehabe, aber diesmal in einem Kleid. Ein schwarzes, äußerst eng tailliertes Kleid mit zahlreichen Rüschen. Es war hoch geschlossen, hatte aber so einen Schnitt, der die Brüste betonte. Karl zog unwillkürlich die Stirn in Falten. Er hatte das merkwürdige Gefühl eines Déjà-vu. Er legte die Gabel hin und lehnte sich zurück. Dann fiel es ihm ein. Er fühlte sich an Jugendfotos von seiner Mutter erinnert. Ja, und an alte Filme musste er denken.
Mittlerweile war Verena vor ihrem Stuhl angelangt. Sie lächelte ihr dezentes Mona-Lisa-Lächeln. Auch Charlotte war sichtlich überrascht.
„Verena, das steht dir aber gut!“, rief sie bewundernd aus.
Karl nickte zustimmend. Tanja hatte offenbar ihre Sorgen um Lila kurz vergessen und grinste. Sie liebte ihre ältere Schwester sehr, obwohl diese manchmal ziemlich ruppig zu ihr war. Tanja selbst zeichnete in Karls Augen eher eine Art natürlicher Schönheit aus, eine üppige Frische wie ein roter Apfel. Und er hoffte sehr, dass ihr offenes, natürliches Wesen durch die Pubertät nicht so arg in Mitleidenschaft gezogen würde, wie das bei Verena der Fall war. Unzugänglich, spröde und eigen, so erlebte er seine Große seit geraumer Zeit.
Verena setzte sich. Unter der hellen Lampe über dem Tisch fiel ihm auf, dass sie nicht mehr ganz so bleich wie sonst war. Immer noch eher blass, aber nicht mehr bleich. Um die Wangenknochen herum hatte sie sogar einen Hauch von Rouge aufgelegt. Farbe im Gesicht und ein Kleid, dachte Karl, und damit gleichzeitig ganz andere Formen.
„Sehr elegant“, bemerkte er.
Verena schaute etwas ungläubig.
„Ja, wirklich Schatz. Da hat Papa recht. Gut erkannt, Karl“, fügte Charlotte noch hinzu.
Verena verdrehte kurz die Augen und füllte ihren Teller. „Danke, danke“, säuselte sie.
„Das sind die Vierziger“, entschied Charlotte, „vielleicht auch die Sechziger.“
„Mama, es sind die Zwanziger und die Dreißiger“, korrigierte sie Verena.
„Ach so. Ja, das kann auch sein“, lenkte Charlotte ein. „ Ein schöner Rückgriff auf alte Zeiten.“
„Stil“, sagte Verena.
„Was?“, fragte Tanja.
Verena schaute zu ihrer Schwester und hob die Augenlieder: „Stil, sagte ich. Stil, Klasse.“
Tanja sah fragend zu ihrer Mutter.
„Schatz, jede Zeit hat ihren eigenen Stil. Also zum Beispiel, die Art und Weise, wie man sich kleidet. Und sogar die Art und Weise, wie Menschen miteinander umgehen. Die Art und Weise, wie sie sich ausdrücken. Und, na ja ‒ Verena findet’s klasse.“
Charlotte musste über ihren eigenen Witz laut lachen. Ohne eine schnelle Handbewegung zu ihrem Mund wären möglicherweise ein Paar Pilzstückchen über den Tisch auf Karls Seite geflogen. Ihre helle Haut begann zu leuchten.
Verena bedachte ihre Mutter mit einem missbilligenden Blick.
„Das hatte jetzt eher keine Klasse“, stellte sie fest.
„Also, ich finde es jedenfalls gut“, schloss Karl das Thema ab.
Die Katze war, natürlich, trotz eifrigen Rufens auch an diesem Morgen nicht aufgetaucht. Karl saß vor seinem Schreibtisch und freute sich über einen Vierzigtausend-Euro-Auftrag über Spezialgläser für Laboratorien. Diese Gläser ließ er in einer kleinen, aber erstklassigen Manufaktur in Brandenburg herstellen. Seit zwei Jahren verkaufte er diese Produkte unter eigenem Namen beziehungsweise unter dem Label ‚Peter’s Laboratory Glassware’. Die Qualität dieser Gläser der Marke Peters hatte sich in einigen Ländern Südamerikas ‒ insbesondere in Uruguay und Guatemala ‒ in kurzer Zeit herumgesprochen. Tolle Idee mit der eigenen Marke, dachte Karl, so, als würde hier im Keller am neuen Wall unter seiner Regie fleißig Glas geblasen werden. Nun, einen ehrlichen Hamburger Kaufmann zeichnete eben nicht nur seine Integrität, sondern auch sein Sinn für Innovation und Weitsicht aus.
Um neun Uhr brachte Frau Weber die Post. Als sie in sein Büro trat, drehte sie eine Pirouette und ließ den Briefstapel nach vollendeter Drehung zielgenau auf seinem Schreibtisch landen. Aber nicht nur deshalb verschlug es ihm kurz die Sprache. Sie sah so anders aus. Im ersten Moment glaubte er seine Tochter vor sich zu haben. Denn sie hatte ein Kleid an, dass fast so aussah wie das von Verena, mit dem Unterschied, dass es nicht einfarbig war, sondern ein helles Muster hatte. Sie strahlte. Toll, dachte Karl.
„Die zweihundert Euro“, zwitscherte Sonja Weber. Dabei machte sie eine lächelnde Geste mit nach hinten geworfenen Händen.
Herzerwärmend, fand Karl. Wildes blondes Kätzchen, wie in einer alten Coca-Cola-Werbung.
„Schön, dass ich Ihnen eine Freude machen konnte, gern geschehen.“
„Jaha, und es ist immer noch Sommer“, flötete sie und verschwand in Richtung Kopierraum.
Dann kam Frau Steinmann kurz herein, um ihn über den Stand der Aufträge zu informieren. Stramme Jeans, dachte Karl, als sie wieder gegangen war und er begann, die Post zu öffnen. Franziska Steinmann war zweiunddreißig Jahre alt und ungefähr so groß wie er selbst. Sie wog bestimmt gute siebzig Kilo. Aber das war bei ihrer Größe überhaupt kein Problem. Alles enorm gut proportioniert. Eine schöne Taille, straffe Schenkel, vermutete er, und eine wirklich ganz enorme Oberweite. Schon oft hatte er während seiner zwanzigminütigen Mittagsruhe in seinem Sessel an diese Brüste denken müssen. Charlottes Brüste waren auch nicht zu übersehen. Aber das war einfach was anderes. Wenn er mittags in seinem Sessel döste, kamen ihm immer die gleichen Szenen in den Sinn: Frau Steinmann kam zur Jahresbesprechung in sein Büro und schloss die Tür. Die Jalousien waren heruntergelassen. Sie trug eine dunkelgrüne Bluse, setzte sich ihm gegenüber und blickte, wenn er sie nach ihrer persönlichen Bilanz des vergangenen Geschäftsjahres fragte, errötend zu Boden … Allerdings zeichnete sich die tatsächliche Atmosphäre zwischen Frau Steinmann und ihm weder durch Intimität, noch durch irgendeine Art sexuellen Kontakts aus. Außerdem blickte sie niemals beschämt zu Boden. Ganz im Gegenteil: Franziska Steinmann war ausgesprochen selbstbewusst. Darüber hinaus gab es bei Peters & Co. gar keine Jahresbesprechungen. Wozu auch?
Mit einem Seufzen widmete sich Karl wieder seiner Post. ‚Ritsch, ritsch, ritsch’ wurde Brief für Brief geöffnet. Karl mochte diese Tätigkeit. „Ritsch-ratsch“, frohlockte er und ließ seine Schultern ein wenig in den Rhythmus mit einsteigen. Beim Herausziehen der Schriftstücke fiel ihm gegen Ende des Stapels ein Umschlag mit interessant gedruckten Lettern auf. Der Brief trug keinen Absender und war mit einem Streifen Tesafilm verschlossen. Er öffnete ihn wie alle anderen mit seinem Brieföffner, zog das Schriftstück heraus und entfaltete es. Es handelte sich um einen weißen Bogen Papier mit einem einzigen handschriftlich geschriebenen Wort: Miau. Unter diesem in äußerst großer Schrift verfassten Wort befand sich eine Zeichnung: eine Katze, oder vielmehr ein Kater, der auf seinen Hinterbeinen stand und Männchen machte. Das Tier besaß einen Penis, der in seinem erigierten Zustand fast so groß wie der Kater selbst war.
Karl sackte in sich zusammen. Eigentlich war er auf bestem Wege gewesen, die unselige Katzengeschichte zu verdrängen. Doch jetzt erschien ihm der abgetrennte Kopf wieder vor Augen ‒ fürchterlich. Hinten im Großraumbüro war das laute Lachen von Frau Weber und Frau Steinmann zu hören. Plötzlich spürte Karl Zorn in sich aufsteigen. Ein Gefühl von Zorn und Wut und noch irgendetwas anderem, von dem er aber nicht genau wusste, was es war. Er war immer ein Mann des Handelns gewesen. Ein Mann, der die Dinge unter Kontrolle hatte. Auch genoss er eine tadellose Reputation und war hoch angesehen in der Stadt. Und das, was hier vor sich ging, war alles andere als hinnehmbar. Eine makabre Frechheit sondergleichen. Eine rücksichtslose Schweinerei. Wer hatte das getan? Und warum? Wollte sich da jemand an ihm rächen? Oder an seiner Familie, seinen Töchtern? Karl schlug mit beiden Händen auf den Tisch. Was wollte dieser verdammte Idiot? Stand ja nichts dabei. So ließ sich weder kämpfen noch verhandeln.
Er betrachtete die Zeichnung noch einmal etwas genauer. Ein Kunstwerk war es nicht gerade. Aber immerhin war es dem Urheber gelungen, einige der typischen Attribute einer Katze deutlich zu machen, wenn man mal von dem eher menschlich anmutenden Geschlechtsteil absah. Zwei riesige dreieckige Ohren ragten über dem Kopf des Tieres auf, und ein riesiger Katzenschwanz schlängelte sich über das Blatt Papier. Hatte er Feinde? So sehr er auch darüber nachdachte, es fiel ihm einfach niemand ein. Hatte es vielleicht in der Nachbarschaft zu Hause in Volksdorf Unstimmigkeiten gegeben, von denen er nichts mitbekommen hatte? Eventuell irgendwelche Probleme in der Schule? War ja nicht auszuschließen, dass man ihm zu Hause irgendetwas verschwieg. So lange er es vermied, von der toten Katze zu erzählen, konnte er seine Familie natürlich auch nicht wirklich zielführend befragen.
Das Telefon klingelte. „Nein, jetzt nicht“, sagte er. Man solle den Anruf an Herrn Maurer weiterleiten. Dann kam Herr Wojcik in sein Büro, um ihn über die sehr hohen Luftfrachtkosten einer Ladung optischer Gläser zu informieren. Karl riss sich zusammen. Wenn der Kunde die Lieferung per Luftfracht wolle, dann müsse man ihm wohl den Gefallen tun.
„Ja, schon“, entgegnete Tomasz, „allerdings hat dieser Händler noch nie in diesem Umfang geordert. Es handelt sich um die Spezialgläser für das La-Silla-Observatorium in Chile. Die haben mein Angebot ja bestätigt, aber mein Gefühl sagt mir, dass die sich über den Preisunterschied der Transportkosten nicht ganz im Klaren sind.“
„Also, das ist sehr umsichtig von Ihnen, Herr Wojcik, dass Sie sich den Kopf für unsere Kunden zerbrechen. Aber vielleicht gibt es ja neue Sterne am Himmel von Chile, für die sie die neuen Gläser möglichst schnell brauchen. Schicken Sie doch einen zusätzlichen Hinweis per Fax oder Mail mit einem entsprechenden Alternativangebot per Seefracht. Danke, Herr Wojcik“, schloss Karl.
Um besser nachdenken zu können, zog sich Karl in das Konferenzzimmer zurück. Wenn er dort die Türen hinter sich schloss, wussten seine Angestellten, dass er nicht gestört werden durfte. Wenn eine weitere makabre Nachricht einging oder etwas Ähnliches passierte, würde er wohl doch die Polizei einschalten müssen. Dann war das eben so. Dann musste auch seine Familie von Lilas Tod erfahren und damit klarkommen. Denn mit Sicherheit würde die Polizei die Familienangehörigen zuerst befragen. Karl starrte an die stuckverzierte Decke. Die weißen Ornamente begannen allmählich vor seinen Augen zu verschwimmen, wie unter einer vor Hitze flimmernden Oberfläche. Er atmete tief ein und aus und ging noch einmal alle möglichen Motive durch: Hass auf sein Unternehmen, Rache, makabres Spiel, Hass auf seine Töchter, Neid, Missgunst, Ärger in der Nachbarschaft … Und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Die Gedanken an Nachbarschaft und Hass hatten ein Bild auf die Stuckdecke projiziert. Und zwar das Bild von Markus, dem Sohn guter Freunde aus Volksdorf. Familie Pfeiffer wohnte nur ein paar Straßen weiter, und die Kinder gingen auf dieselbe Schule. Karl spielte seit Jahren jeden Freitagabend in seiner Firma Schach mit Dr. Klaus Pfeiffer und zwei weiteren Freunden. Und Markus Pfeiffer war angeblich mit Verena befreundet oder zusammen gewesen. So ganz genau wusste Karl darüber nicht Bescheid. Charlotte hatte ihm nur zugetragen, dass Verena den Markus ganz gemein abserviert hatte. Irgendetwas ganz Hässliches hätte sie sich wohl in der Schule mit ihm geleistet. Jedenfalls sei das die Version von Markus’ Mutter gewesen. „Aber dazu gehören immer zwei“, hatte er Charlottes Bericht
kommentiert. Ja, aber die Frage sei doch, wer von beiden sich wie verhalten habe, meinte Charlotte. Und da hatte sie natürlich auch recht. Karl wusste, dass Verena schwierig sein konnte, und zwar nicht erst seit Kurzem, als sie sechzehn geworden war. Und so ein zurückgewiesener oder gar bloßgestellter Junge, da war ein Racheakt nicht auszuschließen. Zu dieser Geschichte konnte er Charlotte ja einfach interessehalber mal befragen. Ein ganz normales väterliches Interesse am Leben seiner Tochter.
Der Donnerstag war Charlottes Frauentag. Das bedeutete, dass sie sich mit ihren Freundinnen Claudia und Martha in der Stadt traf und etwas unternahm, und zwar jeden Donnerstag. Claudia war Werberin. Sie hatte eine eigene kleine Agentur, die auch ziemlich gut lief. Aber donnerstags ging sie immer früher, ganz konsequent. Claudia war eine ziemlich attraktive, lebenshungrige Brünette, die mindestens zehn Jahre jünger aussah, als sie war. Und: Sie war überzeugte Junggesellin. Martha besaß einen Blumenladen im Karoviertel. Sie sah ein wenig aus wie Martina Gedeck, und die vielen Blumen mit all ihren Farben schienen auf ihr Wesen Einfluss zu nehmen. Sie duftete und strahlte, war aber viel ruhiger als Claudia. Martha war alleinerziehende Mutter eines zwölfjährigen Jungen und wohnte direkt über ihrem Geschäft. Von allen dreien lebte sie, Charlotte, wohl das unspektakulärste Leben, vermutete sie jedenfalls. Sie waren alle Mitte vierzig. Und was Claudia und Martha betraf, waren Männerbekanntschaften ein ständiges Thema, auch an ihren Donnerstagen. Für Charlotte war das manchmal ziemlich anstrengend. Aber sie hatte Verständnis dafür. Sie selbst war von ihren Freundinnen vor einiger Zeit einmal als blondes Vollweib mit einem Mangel an entzündeter Lava unterm Krater bezeichnet worden. Letzteres hatte sie ziemlich verletzt. Gleichwohl hatte sie daraufhin einige Gedanken an ihr bisheriges Leben, an die Gegenwart und die Zukunft verschwendet. Mit der Erkenntnis, dass sie eigentlich noch gern einige Jahre in ihrem erlernten Beruf als Grundschullehrerin gearbeitet hätte. Dummerweise war sie gleich nach dem Referendariat mit Verena schwanger geworden.
Martha und Claudia warteten bereits am Ausgang der Wandelhalle Richtung Spitaler Straße. Sie umarmten einander und schlenderten dann Richtung Rathaus und Jungfernstieg. Im Alsterhaus brachten sie geschlagene zwei Stunden in den Umkleidekabinen zu. Und da sie auch reichlich zu kaufen gedachten, wurde ihnen von einem netten schwulen Angestellten Sekt kredenzt. Sie amüsierten sich prächtig, und irgendwann tummelten sie sich nur noch gemeinsam in einer der Umkleidekabinen ‒ und kicherten wie Teenager.
Nach ihrer Einkaufstour einigten sie sich auf Marthas Wunsch hin auf einen Besuch in der Galerie der Gegenwart in der Nähe des Hauptbahnhofs. Obwohl es dorthin nur ein Katzensprung entlang der Binnenalster war, sahen sie sich wegen ihrer vielen Einkaufstüten gezwungen, ein Taxi zu nehmen.
In der Kunsthalle war es angenehm leer. Sie entschieden sich, eine schnelle Runde durch die ständige Sammlung zu machen und sich anschließend die Ausstellung ‚Idylle am Abgrund’ mit Gemälden von Vallotton anzuschauen.
Die Ausstellung befand sich im Untergeschoss. Sie schlenderten langsam von Bild zu Bild und von Raum zu Raum. Meistens blieben sie zu dritt und sahen sich gemeinsam die Bilder und Zeichnungen an. Mitunter schlenderten aber auch zwei von ihnen weiter, während eine noch eine Weile vor einem der Gemälde verharrte. Es herrschte eine angenehme Stille, nur von leisen Schritten und dezent geführten Gesprächen untermalt. Charlotte und Claudia hatten Martha bereits mehrere Küsse aufgedrückt, da sich die Ausstellung als wahrer Glücksgriff herausstellte. Man musste tatsächlich kein Kunstkenner sein, um von Vallottons Bildern fasziniert zu sein. Von deren Kühle und tiefen Melancholie. Schön und traurig, traurig und schön, fand Charlotte. Einen Raum weiter konnte sie ihre Freundinnen mit ein paar jungen Männern im Gespräch erkennen. Insbesondere für Claudia war das hier sicher ein rundum interessanter Ort.
Besonders stachen Charlotte die trostlos-schönen Landschaftsausschnitte und Straßenszenen ins Auge. Eine ähnliche Atmosphäre verströmten auch Vallottons Aktgemälde. Ganz automatisch beugte sie sich immer vor, in der Hoffnung, dadurch dem Geheimnis der abgebildeten Menschen etwas näherzukommen. Alle äußerst ungeschönt, wie sie so traurig dastanden oder lagen, nackt und bloß in doppelter Hinsicht, dachte Charlotte, als sie unvermittelt einen Schatten an ihrer rechten Seite wahrnahm.
„Ob sie schläft? Oder denkt sie nach?“, fragte die Stimme eines Mannes.
Charlotte war einen Augenblick lang völlig überfordert. Sie holte tief Luft und warf einen flüchtigen Blick zur Seite, bevor sie ihre Konzentration wieder auf das Gemälde richtete: Eine leicht verhärmt wirkende Frau mittleren Alters, auf einem kleinen roten Sessel. Die Frau war nackt. Sie saß etwas seitlich und hatte ihre Beine angezogen. Ihr Kopf lag zur Seite geneigt an der Rückenlehne. Dann wurde Charlotte bewusst, dass der Sessel auf der rechten Seite eine Lehne hatte. Über dieser Lehne hing der rechte Arm der Frau. Ihre Augen waren geschlossen. Charlotte blickte nun noch einmal zur Seite, wo der Mann schweigend dastand und anscheinend das Bild auf sich wirken ließ, ohne eine schnelle Antwort von Charlotte zu erwarten.
„Ich glaube, sie döst“, sagte Charlotte, „sie hat sich zurückgezogen, auf diesen Stuhl. Sie hat sich zurückgezogen und ihre Gedanken nach innen gekehrt. Und dabei ist sie ins Dösen geraten.“
Der Mann hielt Mittel- und Zeigefinger seiner linken Hand an sein Kinn und nickte.
„Ja, so in etwa könnte es gewesen sein“, meinte er. Seine Stimme war leise, tief und weich. Dann sah er Charlotte an und fragte: „Und worüber sinnt sie nach? Und warum ist sie nackt?“
„Hmm…“, Charlotte überlegte. „Vielleicht über ihr Leben, über ihr bisheriges Leben. Und auch über die Zukunft. Über die Zukunft, wie sie sich wahrscheinlich entwickeln wird und auch über die Zukunft, wie sie diese gern hätte. Vielleicht ist sie traurig. Und warum nackt? Schwer zu sagen.“
„Traurig darüber, dass sich die Zukunft vermutlich nicht so entwickeln wird, wie sie es sich wünscht?“
„Ja, vielleicht.“
Charlotte schaute noch einmal zur Seite. Diesmal etwas länger. Der Mann war etwas größer als sie, etwa Mitte vierzig, hatte volles, hellbraunes Haar, das sich etwas wirr, aber trotzdem elegant nach hinten wellte. Er hatte ein angenehmes, ebenmäßiges Gesicht mit vollen Lippen und weichen Zügen. Weich, aber trotzdem männlich, dachte sie.
Der Mann beugte sich wieder etwas zu ihr hin und fragte: „Und was meinen Sie, was wünscht sie sich?“
Ein warmer Strom pochte durch Charlottes Schläfen. Sie fühlte sich dem Bild jetzt viel näher als noch zwei Minuten zuvor.
„Geborgenheit und Liebe.“
„Geborgenheit und Liebe“, wiederholte er leise.
„Ja.“
„Ja, Geborgenheit und Liebe“, wiederholte er noch einmal. „Und vielleicht sehnt sie sich auch danach, dass sie so sein kann, wie sie ist und sich nicht verstellen muss. Dass sie so, wie sie ist, gemocht, geliebt und begehrt wird.“
„Ja, gut möglich“, antwortete Charlotte.
„Und wissen Sie, weshalb die Frau nackt ist?“
„Hm. Sie ist nackt, weil sie genau so ist. Nackt ist sie, wie sie ist. Ganz echt und ganz unverkleidet. Und dadurch besonders verletzlich. Und sie träumt davon, dass sie sich, so verletzlich, wie sie ist, zeigen kann.“ Charlotte merkte, wie ihr die Worte nun viel leichter über die Lippen kamen.
Der Mann nickte. „Eine schöne Beschreibung. Vielleicht haben Sie einen Zugang zu ihr gefunden. Vielleicht können Sie sich gut einfühlen.“
„Vielleicht.“
„Möglicherweise ist sie verheiratet“, fügte er hinzu.
„Ja, möglicherweise.“ Charlotte nickte.
„Und sie denkt also über ihre bisherige Ehe nach, und auch über die Zukunft ihrer Ehe.“
„Die Zukunft, kann man wohl vermuten, wird sich von der Vergangenheit nicht so sehr unterscheiden.“
„Vermutlich nicht“, pflichtete er ihr bei. „Und das macht sie traurig.“
„Ja.“
„Und was genau braucht sie jetzt?“
Charlotte wurde wieder heiß. Sie atmete tief ein und seufzte. Sie stellte sich vor, wie die Frau ihren Fuß vom Polster nehmen und auf den Boden stellen würde.
„Sie braucht eine angenehme Temperatur“, sagte sie und lächelte.
„Sie friert?“
„Könnte zumindest sein. Jedenfalls hat sie keine Decke. Und der Raum selbst ist zwar rundum rot und grün, strahlt aber keine Wärme aus. Und zu dieser Zeit, wenn es vielleicht gerade Winter ist, ließen sich die Räume möglicherweise nicht so richtig komfortabel heizen. Vielleicht gab es nur einen Holzofen für das ganze Haus.“
„Gut möglich.“
Er nickte jedes Mal, wenn sie etwas gesagt hatte.
Dann sagte er: „Sie braucht also Wärme. Vielleicht braucht sie auch Berührung?“
Charlotte streckte ihre Schultern: „Mit höherer Raumtemperatur und Berührungen würde sie sich besser fühlen. Dann würde sie sich entspannen und ihre Haltung ändern.“
„Wie würde sich ihre Haltung verändern?“
„Sie würde ihren rechten Fuß auf den Boden stellen und sich lockern.“
Nun beugte er sich vor und betrachtete eingehend das Bild, als warte er auf eine mögliche Bewegung der Frau. Aber er hatte offenbar die kleine Tafel seitlich des Bildes studiert. „Akt in einem roten Lehnstuhl“, las er vor. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Das könnte ich mir auch vorstellen, dass sie ihren Fuß auf den Boden setzt.“
„Es wäre auch vorstellbar, dass sie das Bein etwas ausstreckt.“
„Es könnte auch ein wenig zur Seite abknicken.“
„Das könnte es. Das … tut es ganz von selbst.“
Der Mann schmunzelte. Dann trat er einen Schritt zurück, ging langsam um Charlotte herum und schaute aus der neuen Perspektive auf das Gemälde. Auf dem Weg zu Charlottes linker Seite hatte er den kleinen Finger ihrer rechten Hand berührt. Ganz kurz, ganz beiläufig, vielleicht zufällig. Charlotte schmunzelte. Sie hatte sich seit Minuten nicht von der Stelle bewegt. Das gedimmte Licht der Umgebung war angenehm. Die sichtbaren Lichtquellen waren auf die Gemälde gerichtet. Im Nebenraum hörte sie ein paar klackende Schritte. Charlotte hatte plötzlich die Empfindung, sich in einem durchsichtigen Kokon zu befinden, der mit warmer Luft gefüllt war.
„Vielleicht lassen wir sie einen Moment in Ruhe, damit sie sich ungestört entspannen kann“, schlug der Mann vor. Daraufhin setzte er sich langsam in Bewegung, während er Charlottes Handgelenk ‒ jedoch nun viel deutlicher ‒ berührte. Wie eine unausgesprochene Aufforderung, ihm zu folgen.
„Dieser Frau geht’s deutlich besser“, sagte er, und wies auf ein anderes Gemälde.
„Oh ja. Und das Kätzchen zu ihren Füssen. Es bekommt Milch.“ „Sehr liebevoll.“
Charlotte lächelte.
Dann sagte er: „Das Kätzchen bekommt Zuneigung und Nahrung und Schutz. Es fühlt sich zu Hause.“ Dann fuhr er fort: „Diese hockende Frau unterscheidet sich in vielem von der Frau im Lehnstuhl. Sie hat auch etwas bekommen, so wie die Katze.“
„Was hat sie bekommen?“
„Was hat sie bekommen“, wiederholte er langsam. „Sie hat schöne volle Brüste.“
Während er das sagte, spürte Charlotte seinen Blick, der auf sie gerichtet war. Auf ihren Hals, auf ihre Brüste.
„Ja, sehr weiblich.“
„So wie Sie.“
Charlotte ging ein Schauer durch den Körper. Gleichzeitig sah sie sich selbst, hingehockt in einem roten Raum, den Blick zur Seite gerichtet, hinter sich ein paar Schritte hörend und den Blick eines Mannes auf ihrem zur Schau gestellten Hintern spürend. Unwillkürlich fügte sich noch das Bild eines Kätzchens hinzu. Allerdings kein schwarzes, so wie auf dem Gemälde. Sondern ein schwarzweißes. Lila, dachte sie. In diesem Moment fühlte sie sich nicht mehr so warm und wohl wie noch ein paar Augenblicke zuvor. Was war das? Es war zu viel. Zu viel auf einmal. Zu viel Unerwartetes und Unbekanntes. Zu viele äußere und innere Bilder. Zu viel, um es noch ordnen und überblicken zu können. Charlotte gab ihre angewurzelte Position auf und wandte sich dem Mann zu.
„Ich muss zurück zu meinen Freundinnen.“
Der Mann nickte verständnisvoll. Dann reichte er ihr die Hand und sagte: „Es war schön, die Gedanken mit Ihnen zu teilen. Mein Name ist Cornelius Holzmann.“
„Charlotte Peters.“
„Freut mich sehr. Vielleicht können wir ja den Gedankenaustausch gelegentlich fortsetzen?“
Der warme Kokon war zerrissen, und für Charlotte fühlte sich plötzlich alles wieder sehr real an.
„Sie müssen sich nicht gleich entscheiden“, sagte der Mann und reichte ihr eine Karte. „Melden Sie sich einfach, wenn Ihnen danach ist. Es würde mich sehr freuen.“
„Gut, danke. Auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen.“
Diesen Donnerstagnachmittag nutzte Phillip, um ein paar seiner zahlreichen Überstunden abzubummeln. Das Wetter spielte mit, sodass er zu Hause nur noch schnell sein Auto belud und dann nach Billbrook ins Gewerbegebiet fuhr. Es war immer wieder ein Erlebnis, wenn er herumfuhr, um neue abgelegene und einigermaßen verwaiste Gegenden zu erkunden. In Billbrook gab es jede Menge alte Lagerhallen, Fabriken, baufällige Häuser, Schrottplätze und breite Straßen, die LKWs als Parkplatz dienten. Mancherorts wurde gearbeitet, rangiert oder Bier getrunken. Probleme hatte er hier aber noch nie bekommen. Phillip parkte seinen Daihatsu auf einem heruntergekommenen Gelände direkt vor einem alten Lagerhaus. Der einst rote Klinker war schon fast ganz schwarz verfärbt. Die meisten Fensterscheiben waren zerbrochen, und an den Wänden rankte vereinzelt Efeu empor. Er lehnte sich an seinen Wagen und zündete sich eine West an. Auf diese Weise konnte man ganz gut runterkommen, stellte er nicht zum ersten Mal fest. Ein paar Krähen landeten auf der halb geöffneten Stahltür des Gebäudes. Sie schauten reglos zu ihm rüber.
Einige Wochen zuvor hatte er dort Jugendliche beobachtet, die auf einer Halde mit monströsen ausrangierten Stahlbetonteilen herumgelaufen waren. Wobei es eigentlich kein Laufen gewesen war, sondern eher ein Springen, Hüpfen und Fliegen. Es war bemerkenswert gewesen, fast schon etwas wahnsinnig. Und bei längerem Hinsehen hatte ihn einer dieser Akteure an Tomasz aus der Firma erinnert. Allerdings war er nicht nahe genug dran gewesen, um sich sicher zu sein. Und dann hatte er das gemacht, was er hier immer tat: Er hatte eine seiner Drohnen starten und diese dann über die springende Gruppe von Jugendlichen fliegen lassen. Aber auch dabei war er vorsichtig gewesen und hatte seine Drohne in etwa dreißig Metern Höhe fliegen lassen. Auf den von oben gemachten Filmaufnahmen hatte er ebenfalls nicht mit Sicherheit erkennen können, ob Tomasz einer der Kletterer gewesen war. Phillip hatte sich daraufhin vorgenommen, noch öfter hierher zu kommen. Das interessierte ihn schon sehr. Denn zu den offiziellen Hobbys von Tomasz gehörte diese Sorte Zeitvertreib jedenfalls nicht. Es war sicher nützlich, überall an sämtlichen Wänden entlang- und hinaufklettern zu können. Außerdem hatte er vor, zu testen, inwieweit er aus den Filmaufnahmen durch eine professionelle Nachbearbeitung noch mehr herausholen konnte.
Phillip startete sein Training an diesem Tag mit einer vergleichsweise kleinen Drohne mit vier Rotoren. Überdies war sie auch noch angenehm leise und insbesondere deshalb für Spionageflüge und Ähnliches äußerst gut geeignet. Das Innere des Gebäudes schien für Übungszwecke wie geschaffen. Die Decke war sehr hoch, an verschiedenen Stellen verliefen in halber Höhe Stahlträger. Auf der rechten Seite des Raumes befand sich ein Zugang zu einem weiteren Raum, von welchem eine Treppe abging, die nach oben in ein separates Büro führte. Die Decke des Büros war allerdings nicht mehr vorhanden, was Phillip durchaus entgegenkam.
Phillip ließ seine Drohne erst einmal die Innenwände abfliegen, langsam und mit höchstens einem Meter Abstand zur Wand. Es hatte mehrere Wochen gebraucht, um diese Sicherheit beim Steuern zu erlangen. Die Drohnen waren extrem wendig. Man konnte im Prinzip alles mit ihnen machen, wenn man die sensible Handhabung der Fernbedienung begriffen und verinnerlicht hatte. Er stellte sich vor, wie er die Drohne durch den Nachthimmel steuerte, durch Fenster filmte oder sie über einen Fluss lenkte, um auf der anderen Seite einen präparierten Briefumschlag aufzulesen und diesen dann unerkannt zurück über den Fluss in Sicherheit brachte. Und hier wartete nun eine neue Herausforderung auf ihn: Er folgte der Drohne, die jetzt knapp über dem Boden schwebte, in Richtung des rechts gelegenen Raumes. Dort ließ er sie langsam die Treppe hochschweben. Er ging ihr hinterher und musste konzentriert darauf achten, dass die Rotoren nicht mit den Wänden oder dem Geländer in Berührung kamen. Nach der Treppe, die zweimal in einem Neunzig-Grad-Winkel verlief, wurde der Raum wieder weiter, und nach oben gab es ja keine Begrenzung. In etwa drei Metern Höhe über dem Boden des Raumes ließ er die Drohne in der Luft stehen. Dann kam sein GPS zum Einsatz. Der komplizierte Flug die Treppe hinauf war gespeichert worden, sodass es nun möglich war, die Drohne ohne manuelle Bedienung den gleichen Weg zurückfliegen zu lassen. Als Phillip wieder in der Haupthalle angelangt war, startete er das Programm. Nun blieb ihm nichts anderes zu tun als abzuwarten, denn er hatte keinen direkten Einfluss mehr auf das Geschehen, zumal er auch keinen Blickkontakt zur Drohne hatte, während sich diese die Treppe nach unten schlängelte. Nach etwa vierzig Sekunden hörte er ein leises Summen, und kurz danach flog ihm seine Drohne langsam in die Arme.
Zu Hause öffnete sich Phillip eine Flasche Weißwein. Sie kam direkt aus dem Kühlschrank und war eiskalt. Das erste Glas kippte er in wenigen Zügen hinunter. Mit Rotwein ginge so etwas nicht, dachte er. Die Füße hochgelegt, schenkte er nach. Es war zur Gewohnheit geworden, dieses Trinken. Irgendwie hielt sich das schon noch in gewissen Grenzen, aber ganz ohne ging es eigentlich auch nicht mehr so richtig gut. Diese Art der Entspannung war ihm wichtig geworden. Der ganze Scheißstress musste abgebaut werden. Der Stress und der Ärger über die Selbstgefälligkeit und Überheblichkeit von Peters. Phillip fühlte sich behandelt wie ein unfähiger Sachbearbeiter mit einer x-beliebigen Nummer auf dem Rücken. Der Wahnsinnstrick von Peters war, dass er ja lediglich Sachbearbeiter brauchte. Abteilungsleiter brauchte der nicht, und Mitglieder der Geschäftsführung auch nicht. Wozu auch, wenn man die gleiche Tätigkeit genauso gut von Sachbearbeitern mit entsprechender Bezahlung ‒ natürlich sehr nah am Tarifmindestlohn ‒ erledigen lassen konnte. Phillip schüttelte ungläubig und mit einem bitteren Lächeln den Kopf. Er selbst war derjenige, der die mit Abstand meisten Fachkompetenzen besaß. Sah man genau hin, liefen bei ihm die meisten Fäden zusammen. Er war mindestens so viel wert wie ein Abteilungsleiter. Und Franziska, die geile Tittensau, konnte es eventuell in zehn Jahren werden. Peters hatte ja keinen Sohn. Und dass die eingebildete und verzogene Verena einmal in den Außenhandel wollte, konnte sich Phillip kaum vorstellen. Und Sonja, die war ihm auch irgendwie ein kleinerer Dorn im Auge. Blonde Schnepfe, Angebersau. Wenn es mal dazu kam, dass sie am Telefon englisch sprechen konnte, dann redete sie extra laut. Durch die gesamte Firma war sie dann mit ihrem amerikanischen Akzent zu hören. Aber Peters fand’s wohl gut. Damit konnte sie bei ihm punkten ‒ wer weiß, womit noch alles. Manchmal würde er am liebsten einfach vom Stuhl aufspringen und die Weiber so richtig zur Sau machen. Und dem Peters direkt mal die Bürotür eintreten. Die Bürotür seines mit Jalousien verdunkelbaren Büros, das aussah wie das Office von Harry Callahans Boss in Dirty Harry.
Phillip stand extrem auf Clint Eastwood. Und zwar nicht nur in den Dirty-Harry-Filmen. Zuletzt hatte er sich dreimal hintereinander Gran Torino angesehen. So in etwa musste man eigentlich sein, damit die Dinge richtig liefen, dachte er. ‚Ich bin ein Mann, der die Dinge zu Ende bringt’, oder ‚Schon mal bemerkt, dass man ab und zu vor jemandem steht, dem man besser nicht blöd kommt? … So einer bin ich!’, ging es Phillip durch den Kopf. Er drehte sich zum Wandspiegel und nickte: „Ja, so einer bin ich. Einer, dem man besser nicht blöd kommt.“ Nur dass er selbst nicht so der Feuerwaffentyp war. Eigentlich gar kein Haudrauf, sondern eher ein Spezialist mit Köpfchen.
Phillip ging mit dem Glas Wein an seinen Schreibtisch und startete den Computer. Vielleicht ließ sich aus den Videoaufnahmen doch noch das eine oder andere herausholen. Er lud den Film mit den springenden Jungs hoch und versuchte ein wenig daran herumzudrehen, musste aber schnell feststellen, dass er weder die technischen Möglichkeiten, noch sonst über das nötige Know-how verfügte. Er beschloss, Raphael anzurufen. Raphael war sein einziger guter Kumpel, sie waren schon gemeinsam zur Schule gegangen. Und Raphael war Phillip in Sachen Lockerheit und Draufgängertum immer ein Vorbild gewesen. Andererseits ergänzten sie sich durch ihre unterschiedliche Art auf wunderbare Weise: Er mit seinem Köpfchen, Raphael mit der nötigen Chuzpe, wenn’s drauf ankam.
Raphael nahm sofort ab.
„Joa.“
„Rapha, hier ist Phillip.“
„Phillip, joa, wo brennt’s denn?“
Phillip nickte ins Telefon.
„Ja genau, es brennt. Und zwar …“
„Brauchsd du’n Porno?“, unterbrach ihn Raphael und kicherte.
„Nein, nein. Ich brauche keinen Porno. Ich brauche …“
„Warte mal“, wurde er erneut unterbrochen, „ich daddel gerade mit ein paar Leuten, hihi ‒ Moment noch ‒, eigentlich hatte ich sie schon fast am Arsch, die kleinen Wichser.“
„Aha. Wen denn?“
„Weiß nicht, irgendwelche Russen oder Finnen, warte mal“, sagte Raphael und kicherte vor sich hin, während er herumtippte und dabei offenbar irgendetwas vom Tisch stieß. „Scheiße. Die Ente mit Erdnusssauce, warte mal.“
„Ja ja - Oh Gott, warte mal, warte mal“, flüsterte Phillip am Hörer vorbei und musste unweigerlich grinsen. Raphaels beknackte Art war ansteckend. Er tat, wie ihm geheißen und schenkte sich noch einmal nach.
„So, sach’ schon, was brauchst du?“, kam es etwas plötzlich durch den Hörer.
Phillip wollte gerade schlucken und bekam etwas Wein in die Luftröhre. Er konnte gar nicht wieder aufhören zu husten.
„Warte mal“, keuchte er in den Hörer. Er konnte schon wieder Raphaels Gegacker hören.
„So, geht wieder“, erklärte Phillip, als er ausgehustet hatte, „ich brauch deine Hilfe.“
„Ja, und sach’, was denn?“
„Ich hab einen Film mit einer Drohne gedreht. Und da ist jemand drauf, den ich vielleicht kenne, bin mir aber nicht ganz sicher. Und da habe ich gedacht, ob du da was machen kannst. Also …“
„Ja, kein Problem. Ich guck’s mir an, schick’ einfach rüber den Streifen. Aber jetzt muss ich noch ein paar Finnen besiegen.“
„Okay, vielen Dank, und …“
„Alles klar, ich melde mich.“ Dann war die Leitung tot.
Zurzeit wurde wirklich überall gebaut. Karl war auf dem Weg ins Büro und stand am Ende vom Volksdorfer Weg kurz vor der Abzweigung Saseler Chaussee im Stau. Über eine Strecke von etwa dreißig Metern war nur eine Fahrbahn frei. Vor der Baustelle stand eine kleine provisorische Ampel, die immer nur zwischen fünf und sieben Autos durchließ, bis sie wieder auf Rot umsprang. Und blöd, wie die Leute waren, brauchten sie verflucht lange, bis sie ihre Autos auf Touren brachten. Kaum dass sich die Minikolonne in Bewegung gesetzt hatte, stand sie auch schon wieder. Und dann stellten diese ökologisch angehauchten Gutmenschen auch noch an jeder Ampel den Motor ab, um diesen im entscheidenden Moment nicht wieder rechtzeitig in Gang zu bringen. Karl schüttelte den Kopf. Mindestens noch viermal Rot, dachte er. Ziemlich zermürbend, das alles, und seiner Stimmung keineswegs zuträglich. Dazu kam zu allem Überfluss noch seine Müdigkeit. Er war so gut wie nie müde, hatte immer einen sehr gesunden Schlaf gehabt. In den letzten Nächten war das allerdings anders gewesen. Vergangene Nacht hatte er vielleicht gefühlte zwei Stunden geschlafen. Er stellte die Rückenlehne etwas tiefer und versuchte, sich ein wenig zu entspannen.
Charlotte war abends recht spät erst aus der Stadt zurückgekommen. Schön sei es gewesen. Tolle Bilder in der Kunsthalle. Und ein neues Kleid, angeblich dem Kleid Verenas nicht unähnlich. Und dann war sie einfach vor ihm eingeschlafen. Sogar geschnarcht hatte sie, ein bisschen jedenfalls. Tanja hatte ihre Suchaktion durchgezogen, und zwar generalstabsmäßig. Die gesamte Umgebung war nun mit Katzenplakaten zugepflastert. Sogar erste Hinweise waren angeblich schon innerhalb der ersten Stunde eingegangen. Man habe die Katze gesehen und erkannt ‒ und zwar zweifelsfrei. Daraufhin war Tanja wohl mit dem Fahrrad laut rufend sämtliche Ecken abgefahren, wo die Leute die Katze gesehen haben wollten.
