4,99 €
In der schillernden Casinowelt von Las Vegas ist nichts wie es scheint. Für Leser:innen von Danielle Lori und Liz Tomforde »Ich war bereit den Preis dafür zu bezahlen, denn während unser neuer Spieler am Tisch alles gewonnen hatte, hatte ich mehr als nur eine ganze Menge Geld an ihn verloren.« Im Herzen von Las Vegas, wo das Schicksal an den Spieltischen entschieden wird, führt Mabelle ein Leben in Glamour. Als Erbin der Queen of Casino sind ihre Tage geprägt von Luxus, Risiko und den hohen Erwartungen ihrer Mutter. Sie beherrscht die Kunst der Täuschung und Strategie meisterhaft. Doch als der geheimnisvolle Ezra im Dubois Casino auftaucht und ihre Aufmerksamkeit auf sich zieht, wird Mabelle in ein Spiel verwickelt, dessen Regeln sie nicht kennt. Er zieht sie zunehmend in seinen Bann. Und je mehr sie sich dagegen wehrt, desto höher lässt er ihr Herz schlagen. Während sich die Intrigen um Mabelle verdichten, muss sie nicht nur Ezras Absichten entschlüsseln, sondern auch die wahren Motive ihrer eigenen Mutter. Wird Mabelle den Mut finden, alles zu riskieren, oder wird sie selbst zum Spielball der Mächtigen?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Mehr über unsere Autorinnen, Autoren und Bücher: www.piper.de
Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, schreiben Sie uns unter Nennung des Titels »If we go all in« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.
© Piper Verlag GmbH, München 2025
Redaktion: Laura Krammer
Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)
Covergestaltung: Emily Bähr, www.emilybaehr.de
Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com und Freepik.com genutzt
Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.
In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich der Piper Verlag die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.
Cover & Impressum
Triggerwarnung
Widmung
PLAYLIST
PROLOG
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
EPILOG
DANKSAGUNG
CONTENT NOTES
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
In diesem Buch sind Themen enthalten, die triggernd wirken können. Am Ende des Buches findet sich eine Aufzählung, die jedoch den Verlauf der Geschichte spoilern kann.
Wir wünschen ein bestmögliches Leseerlebnis.
Für Arne
I See Red – Everybody Loves An Outlaw
Vigilante Shit – Taylor Swift
Butterfly – Jason Mraz
Me And The Devil – Soap&Skin
Look What You Made Me Do – Taylor Swift
Dangerous Woman – Ariana Grande
Blinding Lights – The Weeknd
You Don’t Own Me – SAYGRACE, G-Eazy
Play with Fire – Sam Tinnesz, Yacht Money
Better Alone – Benson Boone
vampire – Olivia Rodrigo
Haunted (Taylor’s Version) – Taylor Swift
No Time To Die – Billie Eilish
Glück hatte in meinem Leben schon immer zwei Farben. Rot und Schwarz. Es gab kein Dazwischen, keinen Spielraum. Gewinnen oder verlieren. Sieg oder Niederlage. Rot oder Schwarz.
Das Leben bestand aus Rot und Schwarz. Verschiedenen Schattierungen, klitzekleinen Nuancen, und doch nur Rot und Schwarz.
Setzte man alles auf eine Karte und ging All-in, war man bereit, alles zu geben, bereit, alles zu verlieren. Man gab die Zügel aus der Hand, überließ dem Schicksal die Entscheidung, die Wahl zwischen Rot und Schwarz.
Man verliebte sich oder schloss sein Herz in einen Tresor. Nur eine Wahl. Das hatte ich früh gelernt. Hatte früh gelernt, wofür es sich zu kämpfen lohnte, wann man besser nicht verlor. Und doch stand ich am Ende immer wieder vor derselben endlosen Frage. Rot oder Schwarz. Immer wieder. Rot oder Schwarz.
Ich strich den seidenweichen Stoff meines schwarzen Kleides ein letztes Mal glatt, legte meine feuerroten Wellen sanft über die Schultern. Ein letzter Blick in den Spiegel, ein zartes Lächeln um meine Lippen. Alles war perfekt. Dann schritt ich hinaus in die heiligen Hallen des Dubois Casinos.
Unter mir roter Teppich, über mir goldene Kronleuchter, besetzt mit funkelnden Diamanten. Pokertisch reihte sich an Pokertisch. Black Jack, Russisch Roulette, blinkende Slotautomaten. Dazwischen Geld und Gier. Gewinnen und Verlieren. Überall Rot und Schwarz.
Augen, die vor Freude glitzerten. Augen, so leer und hoffnungslos.
Ich sah mich um, machte eine Bestandsaufnahme der Stimmung. Ausgelassen.
Dann schritt ich über den weichen Teppich, der sich wie ein Fluss durch den gesamten Saal zog. Mit jedem Schritt drehte sich eine weitere Person um, blickte zu mir. Die einen grüßten mich, lächelten mir wohlwollend zu. Andere Blicke trieften vor Missgunst, vor Anerkennung, vor Furcht. Ich wurde geliebt, genauso wie ich gefürchtet wurde. Aber es war genau das, womit ich aufgewachsen war, das, was ich kannte. Die Blicke prallten an mir ab, dank des dicken Panzers, den ich mir in all den Jahren angelegt hatte. Meine Mutter hatte mich früh gelehrt, wie man in diesen Kreisen überlebte. Sie war mein Rettungsring in einer Gesellschaft, durchzogen von männlicher Macht und mein Leuchtturm in einer unberechenbaren Welt. Ohne sie wäre ich nicht zu der Person geworden, die ich heute war.
Ich war Mabelle Dubois. Es war mein Name, der über dem goldenen Eingang funkelte wie tausend Sterne. Mein Name, den jeder in dieser Stadt kannte. Der Name meines Vaters, den meine Mutter und ich oben hielten und mit Würde trugen.
»Ms. Dubois!« Eine vertraute Stimme hallte durch das Rauschen des Casinos. Jubelrufe, gehemmtes Lachen und dazwischen leise Musik. Aber der Geruch von Furcht lag genauso in der Luft wie der Duft der Gier.
»Mr. Grandson, schön, Sie heute bei uns begrüßen zu dürfen. Ich hoffe, Sie können Ihren Aufenthalt in vollen Zügen genießen. Sollten Sie noch etwas benötigen, wenden Sie sich jederzeit an das Personal oder selbstverständlich auch direkt an mich.«
Der Blick meines Gegenübers lastete schwer auf meinem Dekolleté, meinem Körper. Mr. Grandson war einer unserer besten, einer unserer ältesten Kunden. Seit der ersten Stunde des Dubois besuchte er unsere Hallen, verspielte sein Geld an unseren Tischen. Er brachte Bekanntschaften mit, von denen seine Frau besser nichts wissen sollte und es auch gar nicht wollte.
»Ein Service, wie ich es gewohnt bin. Schauen Sie sich um, es ist alles zu meiner Zufriedenheit.« Mit einer kurzen Handbewegung deutete er in die Mitte des Raumes und lenkte auch meine Aufmerksamkeit auf das rege Treiben.
Der goldene Saal glänzte in all seiner Pracht. Alle Tische waren gut gefüllt. Die Leute drängten sich um die Pokertische, warteten auf ihren Einsatz beim Blackjack. Das Roulette drehte sich unaufhörlich. Weiter hinten blinkten die Slotautomaten in ihrer gesamten Farbenpracht, zogen die Leute in ihren Bann und lockten das Geld aus ihren Geldbörsen. Es war nicht einmal Freitagabend, gerade einmal 17 Uhr, und doch war das Casino gefüllt, wie zu später Stunde. Hier gab es keinen Tag und keine Nacht, kein Sonnenlicht und keinen Mondschein. Alles verschwamm im Rausch des Spiels, in der Sucht nach mehr und mehr und mehr.
Immer wieder wurden Flüche durch den klimatisierten Raum geschickt. Immer gefolgt von einem unechten Lachen. Die Besucher des Dubois Casinos suchten Glamour und Exklusivität. Hier verkehrten die reichsten Menschen Las Vegas’, Amerikas, der ganzen Welt. Und doch waren verlorene Seelen unter ihnen. Zerbrochene Hoffnungen, genauso wie zerrüttete Schicksale. Mehr Schein als Sein, mehr Glanz als Wahrheit. Sie waren einmal reich gewesen, hatten ihr Geld sinnlos aufs Spiel gesetzt, im Casino genauso wie im echten Leben. Und jetzt war es nicht mehr als der Glaube an den großen Gewinn, der sie in unsere Hallen trieb. Für sie gab es nur noch die Hoffnung auf Rot oder Schwarz.
Ich verabschiedete mich von Mr. Grandson und folgte dem roten Teppich, trieb weiter durch klebrige Blicke. Hier und da grüßte ich einige Stammgäste, hielt Small Talk, ließ mich mit den neuesten Gerüchten über die High Society Las Vegas’ berieseln. Ich gab wenig auf Lästereien, wollte mich nicht beteiligen und fragte mich doch immer, was man wohl über mich sagte, wenn ich nicht anwesend war.
Ich schüttelte den Gedanken ab, wollte mich nicht von Hätte und Wenns beherrschen lassen, denn ich wusste, wohin das führte. Und dort wollte ich nicht sein. Das Hier und Jetzt war alles, was zählte. Alles, was mich interessierte.
»Na, wenn das nicht unsere Casino Queen höchstpersönlich ist.« Ich hatte die Mitte des großen Hauptraumes erreicht und lehnte mich an die Bar, an der Maxton, unser Chef de Bar, gerade die Kristallgläser auf ihre Politur überprüfte. Bei jeder Bewegung spannte das Hemd über seine trainierten Oberarme. Seine kurz geschorenen Haare lenkten meinen Fokus auf sein Gesicht, wo ich mich wieder einmal in seinen karamellbraunen Augen verlieren wollte. Gespielt genervt verdrehte ich die Augen.
»Du weißt, ich hasse es, wenn du mich so nennst.«
Ein Schmunzeln legte sich sanft um seine vollen Lippen, die sein makelloses Gesicht perfekt abrundeten.
»Ja, ich weiß, die Queen ist hier deine Mutter und du bist nur ein unschuldiges Vögelchen, verloren in der bösen Welt des Geldes.«
»Genauso ist es. Wobei ich das unschuldig streichen würde. Das wissen wir beide.«
Unschuldig war ich schon lange nicht mehr. Früh hatte ich gelernt, mich zu behaupten, nicht nachzugeben und immer knallhart zu sein. Auch wenn mich mein Panzer häufig einengte, sich wie ein Käfig um meine Flügel legte, wusste ich, wie wichtig er war. Er war meine schusssichere Weste, die mir mehr als einmal das Leben gerettet hatte.
Maxton hatte seine Inspektion beendet und mischte mir einen Gin Soda, der zwar nicht auf der Karte stand, jedoch zu meinen Lieblingsgetränken zählte. Tonic Water war mir zu bitter, zu traurig. Es überlagerte den aromatischen Geschmack des Wacholders und gab ihm nicht die nötige Kraft, sich zu entfalten. So zumindest meine Meinung. Unser Chef de Bar war da anderer Meinung und hatte mir in endlosen Diskussionen etwas über Botanicals und deren Wirkungen beibringen wollen. Aber ich ließ mich nicht überzeugen und bestand auf meinem Gin Soda. Mit dem Argument, wer hier die Gehälter bezahlte, bekam ich am Ende immer, was ich wollte.
»Heute Poker?«, fragte Maxton mich und schob mir die durchsichtige Flüssigkeit mit einer hauchzarten Zitrone an dessen Oberfläche über den Tresen.
»Ich weiß es noch nicht. Eigentlich wollte ich mich raushalten und nur hier und da Hallo sagen, aber ich werde schauen, wohin es mich verschlägt. Irgendjemand wird mich sicherlich zu einer Partie Baccara verleiten wollen.«
»Von unserer schönsten Bewohnerin Las Vegas’ möchte schließlich jeder etwas abhaben.«
»Du verstehst, wie das hier funktioniert.« Ich zwinkerte ihm zu und ging dann mit dem Glas in der Hand zu den abgetrennten Lounges.
Am Dubois Casino war alles exklusiv. Selbst die Toiletten glänzten in feinsten Goldnuancen. Und doch ging es immer noch ein wenig teurer, noch ein wenig pompöser.
Im hinteren Bereich führte ein Fahrstuhl eine Etage höher, zu den Räumen, die nur unseren besten Kunden vorbehalten waren. Dort wurden private Pokerrunden und rauschende Feste abgehalten, bei denen es nicht immer ganz sauber zuging. Hier gab es keine Kameras, keine Kontrolle. Die Sucht lauerte in jeder Ecke. Nicht nur die Sucht nach Alkohol und anderen Substanzen. Auch das Begehren von attraktiven Körpern und der endlosen Befriedigung saß hier mit am Tisch.
Sie waren eine Sache meiner Mutter. Ich mied diese Gatherings so gut es ging, wollte mich dieser Scham nicht aussetzen. Aber es wurde von mir erwartet. Ich war das Aushängeschild, das Gesicht hinter dem Dubois Casino. Die reiche Erbin der Casino-Göttin. Von mir wollte jeder etwas abhaben.
Ich blieb lieber im Hauptraum, dort, wo ich gesehen wurde. Nah an der Bar, weit weg von meiner Mutter. Langsam lief ich auf einen der Pokertische zu, der beinahe voll besetzt war. Nur ein Platz war leer und rief nach mir.
»Ihre Einsätze bitte.« René, ein französischer Dealer mit Fokus auf klassischem Poker, blickte in die Runde und nahm die Chips der Blinds entgegen. Ein rundlicher Mann mit Halbglatze schob René einen weißen Chip und einer Frau mit dunkelblauer Robe einen roten Chip zu. Die Runde hatte gerade erst gestartet, die Stapel vor den Spielern waren noch hoch, genauso wie der Wille zu gewinnen.
René wandte sich mir zu, bevor er die Karten umdrehte. »Ms. Dubois, möchten Sie einsteigen?« Normalerweise duzte das Personal mich. Sie waren wie meine Familie, hatten mich vermutlich mehr aufwachsen sehen als meine Mutter, doch vor den Gästen wahrten wir eine professionelle Beziehung. Zum Schutz aller.
»Vielen Dank, ich schaue lieber zu.«
»Es wäre mir eine Ehre, heute Abend mit Ihnen zu spielen.« Der Mann mit der Halbglatze erhob das Wort.
»Ich bedanke mich für die Einladung, doch muss ich sie leider verwehren. Ich schaue Ihnen aber gerne zu und erfreue mich auf diese Art an Ihrem Spiel.«
Der Ausdruck in seinen dunklen Augen durchdrang mich, als wollte er sich nicht mit meiner Ablehnung zufriedengeben. Doch dann nickte er und gab mich wieder frei.
René fuhr mit der Runde fort, deckte zuerst drei der fünf Karten auf, die verdeckt in der Mitte des Tisches lagen. Ich studierte die Gesichter der Spieler, die nicht alle ein Pokerface wahren konnten. Seit Jahren verbrachte ich Tag für Tag, Abend für Abend zwischen Menschen, die alles auf eine Karte setzten. Ich wusste, wie es aussah, wenn jemand bluffte. Genauso wusste ich, wenn jemand ein wirklich gutes Blatt auf der Hand hatte. Ich kannte die Ticks, die mimischem Aussetzer und Masken. Ich sah, wenn jemand log. Es war, als könnte ich direkt in ihre Seelen schauen, sehen, was sie sehen, und so die Spiele für mich entscheiden.
Für mich war das alles nur ein Spiel, eine Rolle, die ich verkörperte. Ich hatte nichts zu verlieren. Wir spielten mit ihrem Geld, das sie verloren, ich aber nie gewinnen würde.
»Mabelle, meine Schöne.« Langsam senkte ich die Lider, bevor ich mich zu dem Ursprung der hohen Sopranstimme umdrehte. Meine Mutter stand in einem roten Paillettenkleid vor mir, mit dem sie sich kaum von dem roten Teppich abhob. Ihre Haare fielen in ebenso weichen Wellen, genau wie meine, nur waren ihre pechschwarz. Meine Haarfarbe hatte ich von meinem Vater, genauso wie meinen Namen. Er hatte mich stets Ma belle genannt. Französisch für meine Schöne. Meine Mutter hatte mir früher oft von seinem französischen Akzent erzählt, dem französischen Charme. Doch er war bei einer Schießerei gestorben, gerade als ich alt genug war, es zu verstehen. Aber meinen Namen ließ er mir zurück. Jetzt erinnerte dieser mich an den Mann, dessen Herz aus purem Gold gewesen war.
»Mutter«, begrüßte ich sie und ließ mir zwei Küsschen auf die Wangen hauchen. Wir lebten im gleichen Gebäude, mit einem direkten Zugang zum Casino und doch sahen wir uns manchmal tagelang nicht. Sie war beschäftigt mit ihren Geschäften und ich mit meinen.
»Wirst du hier gebraucht?«
Zu gerne hätte ich Ja gesagt, wäre einfach hier geblieben. Doch meine Anwesenheit war tatsächlich nicht vonnöten. Die Runde lief gut, das Geld saß locker, und René hatte alles im Griff.
»Nein. Ich habe nur einmal kurz vorbeigeschaut und unsere Gäste in unseren Hallen willkommen geheißen.« Mit einem sanften Lächeln deutete ich in Richtung des Tisches.
»Das trifft sich gut. In meiner Lounge wartet eine Gruppe williger Black Jack-Spieler, die sich über deine Anwesenheit freuen würden.«
Ihr Blick sagte mehr, als nötig gewesen wäre. Die exklusivsten und reichsten Gäste empfing meine Mutter gerne persönlich. Jedoch überließ sie die gemeinsamen Runden mir. Sie hielt mich für charmanter, was so viel wie jünger und attraktiver bedeutete. Sie kümmerte sich dafür um die Geschäftsabschlüsse und die wirklich hart zu knackenden Kunden. Was auch immer das genau bedeutete.
Erwartungsvoll hob sie eine Augenbraue. »Also?«
»Ich komme.« Noch einmal nickte ich in die Runde, dann folgte ich meiner Mutter einmal quer durch den Hauptraum des Casinos. Immer wieder trafen uns Blicke. Sie klebten an uns, als wären wir der Honig und sie die Bienen. Ich liebte es und hasste es gleichzeitig noch so viel mehr.
Wir erreichten den hinteren Teil des Casinos. Es öffnete sich die Tür des Fahrstuhles, der uns in die erste Etage, auf eine höhere Ebene des Luxus beförderte. Wir traten hinaus in den Flur, in dem sich nur acht schwarze Türen befanden. Türen, die nicht so prächtig aussahen wie das, was sie verbargen.
»Sei nicht so fies zu ihnen und gib ihnen eine Chance.« Gehässig zwinkerte meine Mutter mir zu. Die Tür öffnete sich von innen und gab den Blick auf einen großen, mit grünem Samt ausgelegten Tisch frei. An ihm saßen bereits vier Männer, vor ihnen dickwandige Gläser mit goldenen Flüssigkeiten. In der Luft lag der schwere Geruch von Parfum und Aftershave, der erbarmungslos meine Sinne vernebelte. Ich wollte husten, wieder umdrehen, doch ich wusste, was für ein Bild es hinterlassen würde. Schwach würde von da an auf meiner Stirn stehen und mich zur Zielscheibe der Gesellschaft machen. Also blieb mir nichts anderes übrig. Ich verzog meine Mundwinkel zu einem Lächeln, obwohl mich jede Regung so viel Überwindung kostete. Meine Mutter riss mich aus meinen Gedanken.
»Meine Herren, wie versprochen, darf ich Ihnen Ihre heutige Mitspielerin vorstellen.«
Die gierigen Augen schnellten sofort zu mir. Sie kosteten von meiner Silhouette, meiner gesamten Erscheinung, wie Piranhas, die nur noch ein leeres Skelett zurückließen.
»Ms. Dubois.« Mr. Sacary stand auf und trat einige Schritte auf mich zu. Er griff nach meiner Hand und hauchte einen viel zu warmen Kuss auf meinen Handrücken. Er war der einzige Mann, den ich in der Runde kannte, und obwohl er regelmäßig mit uns verkehrte, war mir seine Anwesenheit noch immer unangenehm. Seine schwarzen Haare waren streng zurückgegelt und die ebenso dunklen Augen stachen aus seinem blassen Gesicht hervor. In seinen Iriden lagen Geheimnisse und Intrigen. Das konnte ich sehen. Er wusste nur zu gut, wie er sie mit einem charmanten Lächeln überdecken konnte.
Mr. Sacary hielt noch immer meine Hand und führte mich zu dem letzten freien Platz direkt neben ihm. Im Vorbeigehen nickte ich auch den anderen Herren kurz zu und widerstand dabei dem Drang, meine Hand aus seinem schwitzigen Griff zu befreien. Ich war stärker als mein Instinkt. So wie ich es immer war.
»Ich wünsche Ihnen dann einen angenehmen Abend. Falls Sie etwas brauchen, zögern Sie nicht, es uns wissen zu lassen. Ich werde mich später sicherlich erneut zu Ihnen gesellen.«
Dann ließ sie mich zurück, ohne mich noch einmal zu beachten.
Hilfe suchend sah ich zu Marcus, unserem Dealer. Doch er beachtete mich ebenso wenig wie meine eigene Mutter. Das hier war ein Haifischbecken und ich das blutige Stück Fleisch, um das alle herumschwammen, nur um im richtigen Moment zuzuschnappen.
Ich kannte es, wusste wie es ablief. An manchen
Tagen machte es mir nichts aus. An diesen Tagen setzte ich eine Maske auf, war die Mabelle Dubois, die man erwartete, und liebte es sogar. Ich liebte das Flair, die Menschen, die Endorphine. Aber in diesen Zimmern, weit über den Dächern von Las Vegas, wo es längst nicht mehr nur um das Streben nach Glück ging, fühlte ich mich falsch, verloren, vergessen.
Hier war der Rausch so viel dunkler, getrieben von Macht und allem, wovor ich mich fürchtete.
Ich nahm einen großen Schluck der dunklen, dampfenden Flüssigkeit in meiner Tasse. Die weichen Polster unserer Couch nahmen mich in sich auf, betteten meine müden Knochen wie auf Wolken. Das Leder war kalt, griff nach der nackten Haut meiner Beine. Mein Körper war aufgeheizt von einer unruhigen Nacht. In den Laken meines Bettes verknotet, war ich immer wieder aufgewacht, wurde von Träumen heimgesucht, die keinen Sinn ergaben und nur Verwirrung zurückließen.
Der Kaffee floss meinen Rachen hinab, bitter und herb. Das Koffein infiltrierte nach nur wenigen Schlucken meine Blutbahn und ließ mich die wenigen Stunden Schlaf vergessen.
Aus einer Runde Blackjack waren zwei geworden. Aus Zweien drei. Und nach der fünften hatte ich aufgehört zu zählen. Meine Lider waren schwer geworden, und meine soziale Verträglichkeit hatte von Karte zu Karte abgenommen. Sie hatten sich die größte Mühe gegeben, mich zu bezirzen, mir Komplimente zu machen und mir Insiderinformationen zu entlocken. Aber ich war dagegen gewappnet und gab nur so viel preis, wie ich wollte, egal, wie bohrend und penetrant ihre Fragen waren. Fragen zu meiner Mutter, zum Casino, zu mir. Aber es ging sie nichts an. Nichts davon. Sie waren da, um ihr Geld an unseren Tischen zu lassen. Nicht mehr, nicht weniger.
Irgendwann hatte ich die Chance genutzt, mich verabschiedet, andere Gäste vorgeschoben, dabei war ich geradewegs in meine Suite gegangen. Das Spielen laugte mich aus, nahm mir meine Kraft und ließ nicht mehr als eine leere, kalte Hülle meiner selbst zurück. Dabei hatte ich nicht einmal etwas zu verlieren. Ich spielte mit meinem Geld, das geradewegs auf mein Konto ging. Ich durfte nur nicht zu oft ein schlechtes Blatt haben, aber das Glück war stets mit mir.
Früher war es anders gewesen. Als meine Mutter mich in die Casinogesellschaft eingeführt hatte, war ich wild darauf gewesen, endlich dort rauszugehen, endlich meinem Namen alle Ehre zu machen. Tagsüber hatte ich mein Studium in Betriebswirtschaftslehre und Management über mich ergehen lassen. Doch jede Stunde hatte ich nur darauf gewartet, dass der Tag zu Ende gehen und endlich die Nacht anbrechen würde. Nacht um Nacht hatte ich mir um die Ohren geschlagen, Kontakte gepflegt, an meinen Spieltechniken gefeilt.
Aber irgendwann war der Zauber verloren gegangen. Irgendwann hatte ich verstanden, wie traurig diese Welt war.
»Schätzchen, du bist ja schon wach.«
»Offensichtlich ganz im Gegensatz zu dir, Mutter.«
Meine Mutter schlurfte die Treppe hinunter, die zu ihrer privaten Suite gehörte. Das Loft, das wir zusammen bewohnten, lag direkt über dem Casino und konnte von dort aus betreten werden. Zuerst erreichte man die Büroräume und den großen Konferenzsaal. Die dicke Staubschicht auf dem Tisch sprach für sich. Für meine Mutter war der einzig adäquate Meetingbereich ein privates Pokerzimmer. Schließlich sind wir ein Casino und keine Wohltätigkeitsveranstaltung.
An die Büroräume schloss sich unsere Wohnung an.
In der Mitte erstreckte sich ein großer Wohnbereich mit der ledernen Couchgarnitur, die die Hälfte des Raumes einnahm. Daneben ein Esstisch aus Mahagoni, an denen bereits das ein oder andere Dinner in meinem Leben abgehalten wurde. Die wichtigen Räume erreichte man jedoch über zwei weitere Treppen, die jeweils in die privaten Suiten führten.
Die linke Treppe hatte ich in den letzten Jahren so gut es ging gemieden. Sie führte zu den zwei Zimmern und dem Badezimmer meiner Mutter. Doch ich wusste, was sie dort veranstaltete. Oder vielmehr glaubte ich es zu wissen, denn das kehlige Stöhnen, das regelmäßig durch unsere Räume drang, war recht eindeutig.
»Ich steh doch hier und bin …« Das letzte Wort verschluckt von ihrem Gähnen. Das zum Thema.
Mein Blick glitt zu meiner Mutter, verharrte kurz auf ihrem Äußeren. Am liebsten hätte ich den Kopf geschüttelt. Ihr Haar hing zerzaust von ihrem Kopf, verdeckte das verschmierte Make-up nur in Teilen. Sie trug nicht mehr als ein rotes Negligé, das nur aus feinster Spitze bestand. Es verdeckte nichts, nicht einmal die Stellen, die man von seiner Mutter definitiv nicht sehen wollte. Ich wandte den Blick ab und sah zu meinem Kaffee, der mich verlockend angrinste.
»Du kannst ruhig gucken.« Ein wissendes Lächeln umspielte ihre Lippen, als ihre Augen sich zu kleinen Schlitzen verengten und ihre Wangen sich leicht hoben.
Ich konnte das verächtliche Schnauben nicht zurückhalten. Wollte es auch gar nicht. Manchmal fühlte ich mich wie die Vernünftige, die mit einer liebestrunkenen Teenagerin zusammenwohnte.
»Hattest du gestern Abend Spaß?« Auf unsicheren Beinen schwankend, als kämpfte sie gegen die Gesetze der Schwerkraft, kam sie hinüber zur Couch. Glitt unsanft auf die Sitzfläche gegenüber von mir. Keine Spur mehr von Gravitation.
»Nicht so viel wie du, schätze ich.«
»Spricht da etwa der Neid aus dir?«
Ein bitteres Lachen entrang sich meiner Kehle, rau und ungefiltert. Meine Lippen verzogen sich zu einem schiefen Grinsen, während ich den Geschmack von Verbitterung auf meiner Zunge spürte. »Wohl nicht. Ich habe gearbeitet, während du was gemacht hast?«
»Ich habe Kontakte gepflegt. Nur auf meine ganz eigene Art und Weise«, erklärte sie verschwörerisch. »Wie lange ist es bei dir her? Wochen? Monate? Jahre?«
»Jetzt übertreib nicht. Es kann nicht jeder so ein blühendes Liebesleben haben wie du. Ich habe andere Prioritäten. Und nur weil ich dich nicht akustisch an meinem Liebesleben teilnehmen lasse, heißt es nicht, dass es nicht existent ist.«
Ich hatte Sex. Guten Sex. Nur außerhalb dieser Welt, in der mich jeder kannte.
»Ein bisschen Spaß würde dir dennoch nicht schaden.« Ihre Mundwinkel zuckten, doch sie verkniff sich ein erneutes Lächeln. Besser für sie. Ich hatte die Diskussionen über mein Liebesleben satt. Sie hatte definitiv kein Anrecht auf Informationen.
»Irgendjemand muss ja einen klaren Kopf behalten, wenn du ständig ominöse Gäste zu uns einlädst.«
Sie schnaubte. Ihre Augen wurden schmaler, genauso wie ihre Lippen. Ernsthaftigkeit trat in jeden ihrer Züge.
»Du weißt genau, dass alles, was ich tue, nur dem Wohl des Casinos und dem Namen Dubois dient.«
»Weiß ich das?«
»Das solltest du nach all den Jahren wissen.«
Ihre Worte trafen mich. Es war nur ein loser Fitzel, ein Gedanke, der durch meinen Kopf schwirrte und sich zunehmend festsetzte. Irgendetwas hatte sich verändert. Bei meiner Mutter, bei mir. Aber vor allem zwischen uns. Wir waren nicht mehr das Team, dass wir einmal gewesen waren. Mittlerweile stand nur noch der Profit im Mittelpunkt. Ich sollte funktionieren, das war alles, was sie interessierte.
Früher einmal war das Casino ein Herzensprojekt meiner Eltern gewesen. Sie hatten beide das Risiko geliebt, das Glück, den Rausch. Das Spiel an sich war es, was sie zusammengebracht und ihre Liebe besiegelt hatte. Zumindest laut den Erzählungen meiner Mutter.
Aber dann war der Name Dubois groß geworden. Aus silbernen Kronleuchtern waren goldene geworden und aus ein paar Tischen Dutzende. Und dann war mein Vater gestorben. Von jetzt an war gleich alles anders gewesen. Liebe war aus meinem Leben getreten, genauso wie Hoffnung. An dessen Stelle trat Ehrfurcht. Ich wollte ihn stolz machen. Wollte die starke Frau werden, die er immer in mir gesehen hatte. Und ich hatte es geschafft. Ich hatte gekämpft, alles darangesetzt, meiner Mutter eine ebenbürtige Partnerin zu werden. Doch seit ich genau das war, hielt sie mich nur noch an der kurzen Leine.
»Ist heute der Empfang der Women for Health Care Association?«
Träge nickte ich. Ich wusste, dass es mein Part war, zu Wohltätigkeitsbällen und Spendengalas zu gehen. Die Leute wollten eine junge Frau sehen, die Geld hatte, es aber für die richtigen Zwecke nutzte.
Das Image aufpolieren.
Das Glücksspiel in ein besseres Licht rücken.
Unseren Namen reinwaschen.
Die Aufgaben, die meine Mutter mir immer und immer wieder predigte. Und immer schön lächeln. Das war das Wichtigste.
»Ich werde dich begleiten.« Die Worte meiner Mutter waren beiläufig, keine große Sache. Doch ihre Bedeutung war so schwer, dass es dauerte, bis sie bei mir ankam.
»Du wirst was?«
»Dich begleiten.«
Meine Emotionen entglitten mir. Entgeistert schaute ich meine Mutter an, wartete darauf, dass sie gleich loslachen und sagen würde, es sei nur ein Scherz. Aber nichts dergleichen passierte.
Sie meinte es ernst.
Meine Mutter war niemand, der auf soziale Anlässe ging. Sie passte nicht dorthin, scherte sich noch weniger um das Wohlergehen anderer Menschen. Dass sie mich nun begleiten wollte, würde für Aufsehen sorgen. Die Leute würden tuscheln, und ich konnte den Abend so nicht genießen. Charlize würde ein Klotz an meinem Bein sein, auf den ich lieber verzichten würde.
Bis zuletzt hatte ich darauf gehofft, doch am Ende saß sie in einer extravaganten Robe neben mir in der Limousine.
Das Dunkelblau des Samtstoffes umfing sie wie eine tiefe Nacht. Perlen säumten ihren Körper, wie Tausende Sterne.
Neben ihr war ich nicht mehr als ein blasser Schein. Ihre Anwesenheit verunsicherte mich.
Sie würde mich niemals ohne Hintergedanken begleiten.
Meine Mutter tat nichts ohne Absicht. Das war die goldene Regel. Sie tat nichts, ohne nicht vorher genauestens ihren Nutzen kalkuliert zu haben.
»Was erhoffst du dir von diesem Abend?«
Es waren die ersten Worte, seit wir im Auto saßen. Sie umfingen uns wie Teer, schwer und zäh.
»Ich möchte einfach einen netten Abend mit meiner Tochter verbringen und nebenbei etwas Wohltätiges für unsere Gesellschaft tun.«
Sie griff nach meiner Hand, als wäre es das Normalste der Welt. Als würde sie das regelmäßig machen. Ihre weichen Finger um meine Hand fühlten sich falsch an. Bleischwer lagen sie auf meinen, gaben mir keine Chance mich zu wehren, mich dieser Geste zu entziehen.
»Ich meine ja nur. Deine Anwesenheit bei solchen Veranstaltungen ist nun mal eher ungewöhnlich.«
»Das möchte ich ändern. Du weißt, wie sehr mir das Wohl unserer Gesellschaft und der gute Einfluss von Dubois am Herzen liegt.«
Ich wusste nichts davon und wollte es auch nicht wissen.
Die Nacht legte sich wie ein glitzernder Schleier über Las Vegas, während wir durch die pulsierenden Straßen fuhren. Neonlichter flackerten, spiegelten sich in den glänzenden Fassaden der Hotels, tanzten auf den Gehwegen. Ich fuhr das Fenster herunter, wollte die vorüberziehende Atmosphäre aufsaugen.
Der süße Duft von Karamellpopcorn mischte sich mit dem rauchigen Aroma gegrillter Würstchen, das von einem Straßenstand herüberwehte. Stimmengewirr und das metallische Klirren von Münzen in Spielautomaten drangen aus den offenen Türen der Casinos.
Vor mir ragte das Bellagio auf, seine hohen Glasfronten schimmerten im künstlichen Licht. Plötzlich schossen Wasserfontänen in den Himmel, bewegten sich im Takt zu einer orchestralen Melodie, während Touristen mit offenen Mündern und gezückten Handys am Rand des Brunnens standen. Ich blieb kurz stehen, ließ mich von der Eleganz der Wasserbewegungen einfangen, bevor wir weiterfuhren.
Ein paar Meter weiter streifte mein Blick das nachtschwarze Eiffelturm-Double des Paris Hotels, dessen Spitze funkelte wie ein Juwel. Der Geruch von frisch gebackenen Croissants strömte aus einer Patisserie an der Ecke, und für einen Moment fühlte es sich an, als wäre ich nicht mehr in der Wüste Nevadas, sondern irgendwo an der Seine.
Auch bei Nacht pulsierte die Stadt, wie es anderswo nicht einmal bei Tag war.
Wir bogen in den Las Vegas Boulevard ein, wo das Mirage mit seinen goldenen Fenstern glühte. Gerade noch rechtzeitig sah ich, wie aus dem künstlichen Vulkan am Eingang ein Feuerstoß zischte, Hitze auf meiner Haut. Ein Raunen ging durch die Menge, schwappte durch das offene Fenster ins Auto.
Mein Blick glitt weiter über das Panorama der Stadt, während wir daran vorbeirauschten. Das Riesenrad des High Rollers drehte sich langsam, seine Gondeln leuchteten wie schwebende Sterne über dem Strip. In der Ferne blitzte das berühmte Welcome to Fabulous Las Vegas-Schild auf, umringt von Besuchern, die lachend für Erinnerungsfotos posierten.
Ich atmete tief durch, spürte die elektrisierende Energie dieser Stadt in meinen Adern. Las Vegas schlief nie, und für einen Moment fühlte es sich an, als würde ich es auch nicht tun.
Die Limousine hielt neben einer Traube Menschen und einem roten Teppich an.
Der Empfang der Women for Health Care Association fand in einem der schicken Luxusresorts in Las Vegas statt. Das Exquisité war ein Palast mit sechsunddreißig Stockwerken, die sich bis in den pinken Abendhimmel erstreckten.
Die Fassade glänzte golden im Licht der untergehenden Sonne. Genauso, wie es meine Maske tat, die ich aufsetzte, sobald die Türen der Limousine geöffnet wurden und ich hinaus ins Scheinwerferlicht trat.
Paparazzi standen an den Seiten des gesäumten Teppichs und sparten nicht mit unangenehmen Fragen. Meine Mutter suhlte sich im Blitzlichtgewitter, als wäre es ihre Luft zum Atmen. Sie legte ihren Arm um mich, zog mich enger an sich. Wir waren eins und doch so verschieden. Die Fotografen zögerten nicht, nahmen ihr Angebot entgegen. Meine Gesichtszüge wie versteinert, zwang ich mich schließlich zu dem strahlenden Lächeln, das in den Magazinen gut aussah. Und uns neue Gäste bescheren würde.
Charlize Dubois kostete jeden Moment bis ins kleinste Detail aus. Erst als uns ein Security-Mitarbeiter freundlich anwies, hineinzugehen, befreite sie mich aus ihrer Umklammerung.
Das Innere des Exquisités stand seinem Namen in nichts nach. Weißer Marmor erstreckte sich von den Böden bis hin zu den Decken. Dazwischen goldene Kleckse. Statuen und Vasen. Alles aus purem Gold. Der rote Teppich führte durch die große Eingangshalle hindurch zwischen zwei geschwungenen Treppen in einen Saal Ton in Ton mit der Eingangshalle.
Die Elite von Las Vegas hatte sich bereits dort eingefunden. Frauen jeden Alters. Glitzernde Kleider, aufwendige Roben. Hier würde meine Mutter sich wohlfühlen. Ich drehte mich zu ihr um, wollte ihre gierigen Augen sehen, doch sie war längst nicht mehr da. Ungläubig blickte ich mich um, suchte zwischen den Frauen nach meinem Ebenbild. Doch wurde bitter enttäuscht. Es war nur ein kleiner Funken gewesen, der sich tief in meinem Magen angesiedelt hatte. Die Hoffnung, es würde sich etwas ändern. Der Glaube, Charlize würde einmal mit ehrlichen Absichten auftreten. Er war noch zu klein gewesen, aber er hatte gereicht, um mich nun zu bestrafen.
Auch den Rest des Abends glänzte sie mit Abwesenheit. Es ärgerte mich, wie naiv ich gewesen war. Ein ungutes Gefühl nagte an meinen Eingeweiden, während ich Small Talk hielt und mich nach den neuesten Errungenschaften in der Forschung erkundigte. Meine Mutter bei dieser Festivität zu wissen, sie aber nicht im Auge zu haben, bereitete mir zunehmend Bauchschmerzen.
»Man munkelt, Charlize Dubois verweilt heute Abend unter uns?« Liza Bringe, die Vorsitzende der Association, gesellte sich zu unserer Runde.
»Das ist richtig, Mrs. Bringe. Meine Mutter wollte mich gerne begleiten, und wie hätte ich ihr diesen Wunsch abschlagen können? Vielen Dank auch noch einmal für die Einladung. Es ist uns wie immer eine Ehre, für so ein wichtiges Thema wie die Frauengesundheit einstehen zu können.«
Liza Bringe quittierte meinen Dank mit einem erzwungenen Lächeln, lenkte das Thema dann aber weg von meiner Mutter und mir. Erzählte mir von den Affären einflussreicher Frauen, die ebenfalls anwesend waren. Hielt mir Vorträge über die Relevanz von Spenden für die Ärmsten unter uns. Doch ich hörte nur halbherzig zu.
Das ungute Gefühl wollte nicht von mir ablassen. Unauffällig blickte ich mich um, in der Hoffnung, ihren schwarzen Schopf in der Menge zu entdecken. Schließlich entschuldigte ich mich, um nach ihr zu suchen und meiner Vorahnung etwas entgegenzusetzen.
Und doch sollte sie recht behalten. Meine Mutter war nirgendwo zu finden. Dieser Empfang hatte Charlize Dubois verschluckt und nicht vor, sie wieder auszuspucken. Also verließ ich allein das Resort. Die Anspannung unerbittlich im Nacken.
24 Stunden am Tag. 7 Tage die Woche. 365 Tage im Jahr. Das Dubois Casino war nie geschlossen. Die endlose Macht des Geldes schlief nie, genauso wenig wie die Sünden der Menschen.
Es war egal, zu welcher Tages- oder Nachtzeit ich meine Wohnung verließ und über den Aufzug das Casino betrat, hier herrschte immer Betrieb. Es saß immer jemand an den Tischen, es arbeitete immer jemand an der Bar, es war immer jemand für mich da.
Auch jetzt. Es war kurz nach 6 Uhr morgens, das Casino lag im gleichen Schein wie immer. Gedämpftes Licht, leise Musik, blinkende Automaten, Gelächter. Die Halle hatte sich deutlich geleert, doch es gab noch immer Seelen, die nach dem großen Ganzen suchten und hofften, es bei uns zu finden.
Ich wusste, draußen war bereits ein neuer Tag angebrochen, von dem man hier drin nichts mitbekam. Ich hätte den Hinterausgang nehmen können. Meine Mutter wollte nicht, dass ich mich unseren Gästen so zeigte.
Zu nahbar. Zu angreifbar. Ihre Stimme hallte in meinem Kopf wider, als stünde sie direkt neben mir. Ihre Standpauken waren ihre Art von Zuneigung, von Mutterliebe. Sie liebte es zu kritisieren, was ich ohnehin nicht ändern konnte. Wie oft hatte sie mich für mein ausgeprägtes Interesse am Glücksspiel kritisiert. Mir eingebläut, wie ich mich zu verhalten hatte. Ich sollte das Gewinnen lieber unseren Spielern überlassen und nicht selbst das Blatt an mich reißen. Doch war das nicht meine Art. Nicht meine Art zu spielen, nicht meine Art zu leben. Verlieren stand nicht auf dem Plan und war kein Teil meines Wortschatzes. Wenn ich etwas tat, dann nur mit Herz und Seele, mit allem, was ich geben konnte. Und dazu gehörte ebenfalls, dass ich nicht vorgab, jemand anders zu sein. Heute Morgen war eben das meine Version.
Ungeschminkt, in Sportkleidung, weit weg von glamourös. Das passte nicht in ihre Welt. Aber mir war nicht nach Verstecken. Niemand würde sich um mich scheren, abgesehen von unserem Personal, das meine Familie war.
»Bist du nicht erst vor knappen vier Stunden an mir vorbeigekommen?« Nika hob eine Augenbraue und musterte mein Outfit, ein kaum wahrnehmbares Lächeln umspielte ihre Lippen, als ob sie einen stillen Kommentar abgab. Sie hatte die Nachtschicht an der Bar und nicht unrecht mit ihrer Aussage. Ich war erst um 2 Uhr in der Nacht von der Benefizgala nach Hause gekommen und hatte da nicht mehr als einen kurzen Gruß für sie übrig gehabt. Meine Augenlider waren schwer gewesen. Noch schwerer als meine Glieder. Mein Kopf getränkt von Informationen aus Gesprächen, die ich nicht einmal führen wollte. Doch gehörten sie dazu, genauso wie Runden Black Jack. Egal, wie weit sie sich auch in die Nacht zogen. Ich war es gewohnt, lange wach zu bleiben, zu lächeln, egal, wie müde ich war. Wenig Schlaf war mein Rezept für produktive Tage. So funktionierte ich in einer Welt, die niemals schlief.
»Das ist wahr. Aber du weißt doch, ich brauche nicht viel Schlaf. Und schon bin ich wieder wach und bereit für den Tag.« Ich hatte die Müdigkeit als einen Teil meiner Identität akzeptiert. Wenn man nicht überholt werden wollte, musste man Opfer bringen.
»Die klassische Joggingrunde?« Sie deutete auf meine grünen Leggings und das farblich passende Top, das unter der dünnen Laufjacke hervorblitzte. Es war schon Oktober, und doch konnten die Temperaturen am Tag auf 30 Grad klettern. Nachts wurde es dafür kühler, verschaffte uns Luft, dank des Wüstenklimas.
»Ja, bevor es zu warm wird. Ich konnte aber auch nicht mehr liegen. Irgendwie konnte ich nicht gut schlafen.«
Immer wieder waren meine Gedanken zu meiner Mutter und ihrer plötzlichen Anwesenheit gedriftet. Obwohl es in meinen Ohren von den Eindrücken des Abends gerauscht hatte, hatte mein Kopf nicht stillgestanden. Ganz im Gegenteil. Jedes Gespräch war ich noch einmal durchgegangen, während über allem die Frage schwebte, wieso Charlize mich zu diesem Event hatte begleiten wollen.
Nika schob eine letzte Likörflasche in die perfekt sortierte Reihe und lehnte sich dann auf den Tresen. Ihre Augenbrauen tanzten.
»Du wusstest wahrscheinlich, dass du hier unten ordentlich was verpasst.«
Meine Augen weiteten sich, und ich lehnte mich ein Stück näher zu ihr. Nika hielt nicht viel von Klatsch und Tratsch. Hinter dieser Andeutung musste mehr stecken.
»Ich höre?«
»Wir haben einen neuen Gambler«, sagte sie. Die Worte kamen trocken über ihre Lippen, als wäre es eine Nebensächlichkeit.
Ich zog scharf die Luft ein. Adrenalin flutete meinen Körper in großen Wellen, setzte meinen Neuronen auf höchste Aufmerksamkeitsstufe.
»Ein neuer Gambler?« Ich traute mich kaum, die Worte selbst auszusprechen. Zu lange war es her. Wie berauscht hing ich an Nikas Lippen, folgte ihrer Erzählung.
»Ja, du hast richtig gehört. Und er ist heiß, so richtig heiß.«
»Jetzt lass dir doch nicht alles einzeln aus der Nase ziehen.«
Ein neuer Gambler war ein Code. Jeden Tag kamen neue wie bekannte Gesichter ins Casino, um ihr Glück auf die Probe zu stellen. Manche wollten das schnelle Geld, manche einfach nur Spaß. Es gab High Roller, die viel Geld hatten und noch mehr wollten. Für sie konnten Einsätze nicht hoch genug sein. Sich gegenseitig zu übertrumpfen war ihr Benzin, das sie auch nur allzu gerne ins Feuer gaben. Ihnen ging es nicht ums Spiel, sondern nur ums Gewinnen. Aber dann gab es die Gambler. Sie kamen regelmäßig, immer wieder und wussten verdammt noch mal, was sie taten. Sie kannten ihr Handwerk, beherrschten es und waren ernst zu nehmende Gegner. Meist blieben sie unter sich. Sie waren hier, um zu gewinnen, und wollten das nur gegen die Besten tun. Nur ging es ihnen dabei nicht um das Geld, sondern ganz allein um den Rausch. Sie suchten sich ihr Stammcasino, sorgten für Aufsehen, für Aufmerksamkeit. Für das Casino waren sie ein Aushängeschild, waren Stars in unserer Branche. Wir kannten sie alle. Jeder wollte gegen sie spielen, nur suchten sie sich aus, wer gegen sie verlor. Doch in den vergangenen Monaten hatte ein Gambler nach dem anderen das Spielfeld geräumt. Manche waren abgewandert, andere scheuten den Kommerz. Wenn sie gingen, nahmen sie einen Teil des Zaubers mit. Aber jetzt war dort jemand Neues, jemand, der die Karten neu mischte.
»Viel weiß ich auch nicht. Er war bei René am Tisch. Mehrere Runden Poker, dann Black Jack. Man sagt, er habe nicht eine Runde verloren. Keine einzige. Sein Pokerface soll eisern sein. Ich habe ihn nur kurz gesehen und auch nur von Weitem. Aber Gott, dieses Blau werde ich niemals vergessen können.« In Nikas Augen tanzte die Euphorie, denn sie wussten alle, wie sehr wir so eine Person bei uns gebrauchen konnten.
»Du meinst seine Augen?«
»Ja, verdammt. Eisblaue Iriden und ein Smoking, der genau die richtigen Stellen betont.«
Es klang zu schön, um wahr zu sein. Nach einem Märchen mit passendem Prinzen.
»Und du bist dir sicher?«
»René war eindeutig. Er ist ein neuer Spieler.«
»Ist er noch da?« Ich drehte mich um und durchsuchte den Raum mit einem flüchtigen Blick, ohne recht zu wissen, wonach ich suchen musste. Aber ich konnte nicht länger warten, wollte mich nicht gedulden.
Langsam schüttelte sie den Kopf. »Nein, leider nicht. Er muss vor einer guten Stunde gegangen sein.«
Ein schwerer Seufzer entwich meinen Lippen, meine Schultern sanken in sich zusammen. Ich war zu spät. Warum musste gestern Abend nur diese Gala gewesen sein. Wäre ich hier gewesen, hätte ich ihn nicht verpasst, sondern hätte mich direkt selbst von seinem Talent überzeugen können. Und ihn vor allem für das Dubois Casino gewinnen. Denn das war mein Job.
»Glaubst du, er kommt wieder?«, fragte ich zögerlich.
»Ich hoffe es!« Ihr Blick verlor sich in der Ferne, ein unverkennbares Glänzen in den Augen.
»Weiß meine Mutter schon davon?«
Nika schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, zumindest habe ich sie letzte Nacht nicht gesehen.«
Das war kein Wunder.
»Sie war mit mir bei diesem Empfang.« Ungläubig schüttelte ich den Kopf. Dann habe ich sie auch nicht mehr gesehen. Aber das spielte jetzt keine Rolle. »Gut, dann soll das auch so bleiben. Ich rede mit René, und du gibst es bei Schichtübergabe an Marcus weiter. Ich möchte unseren Gast erst auf unsere Seite bringen, bevor wir meine Mutter auf ihn loslassen. Sie verschreckt ihn nur mit ihrem Charme.« Das letzte Wort setzte ich in angedeutete Anführungszeichen.
Mein Tatendrang war geweckt, hatte jeden Hauch von Müdigkeit davongeblasen. Ich wartete nicht auf eine Reaktion von Nika, sondern wandte mich direkt von der Theke ab. Gleich war die Nachtschicht vorbei, und ich musste unbedingt noch René erwischen, um weitere Informationen aus erster Hand zu bekommen und zu verhindern, dass meine Mutter Wind von der Sache bekam.
René bestätigte, was Nika bereits angedeutet hatte. Mit seinem französischen Akzent gab er mir jegliche Spielzüge und Bluffs wieder. Er schwärmte von seiner Technik, als wäre er ein Schachmeister. Jedoch verzichtete er auf die Betonung seines Aussehens und fokussierte sich eher auf seine Spielweise, seine ganze Art, sein Verhalten. Aber auch er war sich sicher: Wir hatten es hier mit einem neuen Gambler zu tun. Und das war mein persönlicher Jackpot. Ich musste diesen Mann kennenlernen.
Das Einzige, was bisher niemand sicher sagen konnte, war, wie sein Name lautete oder woher er so plötzlich kam. Meistens wurden neue Spieler von anderen in die Gesellschaft eingeführt. Aber dieses Mal hatten wir es mit einem unbeschriebenen Blatt zu tun. Alles, woran ich mich klammern konnte, waren seine blauen Augen und die Hoffnung, er würde wieder kommen und mir die Chance geben, ihn persönlich kennenzulernen.
Die Aussicht auf das, was vor uns liegen könnte, setzte sich in meinem Kopf fest. Mit jedem Atemzug verankerte sich die Hoffnung darauf tiefer in meinen Fasern. Das hier könnte alles verändern.
Ein neuer Gambler würde uns mehr Aufmerksamkeit bringen, das Dubois Casino wieder in den Mittelpunkt von Las Vegas rücken. Und hoffentlich auch meine Lust am Spiel zurückbringen.
Meine Gedanken rasten unaufhörlich, zuckten wie Blitze durch meinen Kopf. Der neue Gambler. Das merkwürdige Verhalten meiner Mutter. Mein Gefühl sagte mir, diese beiden Themen würden mir noch den Schlaf rauben.
Ich blickte mich um. Überfordert von meinen Gedanken, verloren in mir selbst. Ich wusste nicht mehr, wieso ich hergekommen war oder was ich um diese Uhrzeit in diesem Aufzug hier wollte. Dann durchfuhr mich die Erkenntnis. Ich wollte joggen gehen. Genau das Richtige, um dem Chaos in meinem Kopf Einhalt zu gebieten.
