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Violet Ich wollte nie jemanden verletzen. Chloe war meine beste Freundin und wir sind nie vor einer Pflichtaufgabe zurückgeschreckt. Doch das eine Mal, dass sie es tat, habe ich es nicht zugelassen. Auch wenn es ein Unfall war, glaubt mir niemand. Ihre Bestrafungen schmerzen. Besonders seine. Ihr Bruder, der Eishockey-Captain, bei dem ich einst dachte, aus uns könnte eines Tages mehr werden. Jetzt hasst Wes mich auch. Und er macht keinen Hehl daraus. Wes Früher war Violet das Mädchen, das ich wollte, aber nicht haben konnte. Jetzt ist meine Schwester tot, und sie ist das Mädchen, das ich nicht leiden kann. Violet bekommt all das, was sie eigentlich nicht verdient hat. Schutz. Freiheit. Ihr Leben. Sie darf weiterleben, selbst nachdem sie meine Schwester unter die Erde gebracht hat. Also habe ich mein Team darauf angesetzt, ihr jede Sekunde ihres Lebens zur Hölle zu machen. Violet wird für das, was sie getan hat, bezahlen. Die Devils werden dafür sorgen.
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Seitenzahl: 427
Veröffentlichungsjahr: 2026
Harmony West
Übersetzt von Dejana Fulurija
If You Dare
IF YOU DARE
Copyright © 2023 by Harmony West
Published by Arrangement with GINGER CLARK LITERARY.
All Rights Reserved
Dieses Werk wurde vermittelt durch die PAUL & PETER FRITZ AG, Literary Agency, Neptunstrasse 20, 8032 Zurich, Switzerland.
Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel
»If You Dare«.
Translation Copyright © 2026 by VAJONA Verlag GmbH
Druck und Verarbeitung:
FINIDR, s.r.o.
Lípová 1965
737 01 Český Těšín
Czech republic
Übersetzung: Dejana Fulurija
Korrektorat: Katherina Kisner
Umschlaggestaltung: Stefanie Saw
Satz: VAJONA Verlag GmbH, Oelsnitz
VAJONA Verlag GmbH
Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3
08606 Oelsnitz
Teil der SCHÖCHE Verlagsgruppe GmbH
Für die Leser*innen, deren Lieblingseishockeyspieler eine Maske tragen
Ich habe meine beste Freundin getötet.
Ich wollte das nicht. Ich würde alles tun, um es rückgängig zu machen. Aber das spielt keine Rolle.
Ich habe meine beste Freundin getötet.
»Nicht schuldig.« Vor dem Gerichtsgebäude unterdrückt meine Mutter ein Schluchzen, indem sie sich den Mund zuhält.
Vor Chloe war Mom meine beste Freundin. Aber sie kann mich nicht mehr ansehen, seit sie die Nachricht Anfang des Sommers gehört hat.
Dass ihre Tochter eine Mörderin ist.
Ich schirme meine Augen gegen das Sonnenlicht ab. Ohne Chloe sollte kein Teil dieser Welt mehr leuchten.
Mom und ich machen uns schweigend auf den Weg zum Parkplatz.
Nicht schuldig. Ich bin nicht schuldig, zumindest nach Ansicht eines Richters. Aber sein Freispruch macht mich nicht weniger schuldig.
Die Anklage wegen grob fahrlässiger Gefährdung sah eine Haftstrafe von bis zu zwei Jahren und ein Bußgeld von mehreren Tausend Dollar vor. Selbst mit einem Pflichtverteidiger an meiner Seite entschied der Richter, mich gehen zu lassen. Wir waren betrunken; es war ein Unfall.
Vor dem Gerichtsgebäude tauchen die Novaks auf. Was einst ein perfektes Vierergespann war – eine Familie, die ich geliebt habe und der ich gerne angehören wollte –, ist nun ein einsames Dreiergespann in leicht formeller Kleidung. Zwei Eltern, die ein Kind verloren haben, und ein Bruder, der eine Schwester verloren hat.
Alles meinetwegen.
Mr Novak hält seinen Arm um die Taille seiner Frau geschlungen. Sie umklammert ihre Handtasche, ihre Nasenspitze ist rot. Beide schenken mir ein kleines Lächeln, als sie zu ihrem Geländewagen gehen. Irgendwie hassen sie mich nicht für den Mord an ihrer Tochter, auch wenn ich mich selbst hasse.
Wes ist eine andere Geschichte.
Von den Schultern abwärts ist er unbestreitbar perfekt. Das war er schon immer. Wes Novak, der bestaussehendste Hockeyspieler der Diamond University. Scheiße, er ist sogar der bestaussehendste Mann auf dem ganzen Campus. Das letzte Mal habe ich ihn bei Chloes Beerdigung in einem schwarzen Anzug mit grauem Hemd gesehen. Er hat ihn heute wieder getragen, weil er gehofft hat, dass er zu meiner Beerdigung kommen würde.
Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, ist er gar nicht erfreut, dass ich noch lebe.
Seine dicken Augenbrauen ziehen sich zusammen, die kantige Linie seines Kiefers ist hart wie Stahl. Mit seinen zusammengebissenen Zähnen könnte er eine Nuss knacken. Das für den Gerichtssaal gezähmte braune Haar ist jetzt widerspenstig, an den Stellen, an denen er mit den Händen hindurchgefahren ist, nachdem er mein Schicksal erfahren hatte. Ich kann nicht nachzählen, wie oft ich mir vorgestellt habe, mit meinen Händen durch dieses Haar zu fahren.
Seine normalerweise hellen, schelmischen blauen Augen durchbohren mich. Sie lodern vor weißglühender Wut.
Seine Eltern haben mir den Fehler, den ich in jener Nacht gemacht habe, vielleicht verziehen.
Aber Wes hat das nicht.
Da ist ein halb nackter Mann in meinem Wohnheimzimmer.
Als er mich sieht, stemmt er sich von dem ordentlich bezogenen Bett mit den rosa Laken hoch. Um seine Hüfte ist nichts weiter als ein weißes Handtuch gewickelt. Ich lasse fast die schwere Bücherkiste in meinen Händen fallen. Wir starren uns beide sprachlos an.
Er ist der heißeste Kerl, den ich in Natura gesehen habe. Er besitzt die Art von Schönheit, die es nur auf Zeitschriftencovern zu geben scheint. Die Art von Schönheit, die einen in Verlegenheit bringt, wenn man sie nur bemerkt, weil man weiß, dass man nicht wegsehen kann. Dunkles, nasses Haar, das auf seine nackten Schultern tropft. Pralle Bizeps, die mir die Spucke rauben. Ein sonnengebräuntes Sixpack und strahlend blaue Augen, die mich wie Magnete anziehen.
Er muss der Freund meiner Mitbewohnerin sein. Schön für sie, obwohl ich wahrscheinlich vor Eifersucht sterben werde.
»Bist du die neue Mitbewohnerin?« Er setzt ein schiefes Lächeln auf, als könne er meine Gedanken lesen.
»Ja«, quieke ich und hasse mich sofort dafür. »Ich bin Violet.« Für Typen, die so aussehen, bin ich nur Luft, geschweige denn, dass sie mit mir reden.
Ich bin hier völlig fehl am Platz. Weder weiß ich, was ich sagen soll, noch wohin ich schauen oder wie ich stehen soll. Ich weiß nicht mehr, wie man atmet.
»Keine Sorge, ich werde es mir nicht zur Gewohnheit machen, in einem Handtuch durch dein Wohnheim zu laufen.« Sein tiefer Bariton lässt in mir alles bis in die Zehenspitzen kribbeln. »Ich habe meiner Schwester beim Einzug geholfen und brauchte eine Dusche. Gerade warte ich nur auf sie, weil sie meinen Studentenausweis hat.«
Bruder.
Mein Herz tanzt geradezu, bevor mir einfällt, dass er immer noch eine Freundin haben könnte. Ein so gut aussehender Mann kann nicht halb nackt in Mädchenwohnheimen herumlaufen, ohne dass eine Million von ihnen Schlange stehen, um mit ihm auszugehen.
Er schreitet auf mich zu und legt die Hände auf die Kiste. Mein Herz setzt einen Schlag aus, als er mir näher kommt. Er steht wie ein Riese vor mir, und seine Augen werden immer dunkler, je näher er kommt. Ich bete, dass er nicht hören kann, wie ich schlucke.
»Ich bin Wes.« Er nimmt mir die Bücherkiste ab und stellt sie auf das leere Bett. Zu meinem Entsetzen reißt er sie auf.
»Warte, nicht …«
Aber schon nimmt er ein Buch in die Hand und begutachtet den Einband, dann den Klappentext auf der Rückseite. Ich möchte zu einer Pfütze zerfließen und in Ohnmacht fallen. Es ist eine Rom-Com mit einem niedlich illustrierten Umschlag und einem Klappentext über zwei Kollegen, die nicht miteinander arbeiten wollen, bis ein Auftrag sie zur Zusammenarbeit zwingt und sie sich ineinander verlieben.
Ich darf nicht zulassen, dass der Bruder meiner neuen Mitbewohnerin meine Sammlung von Alphamännchen-Romanen liest.
»Wow, du liest eine Menge Bücher. Du musst klug sein.«
Bei diesem Kompliment entfacht eine kleine Glut tief in meiner Brust.
Abgesehen von meiner Mutter, die mich mit Lob überschüttet, um meinem nicht vorhandenen Selbstwertgefühl entgegenzuwirken, hat noch nie jemand etwas Positives über meine Büchersammlung gesagt. Normalerweise bekomme ich nur Fragen darüber, warum meine Nase immer in einem Buch steckt und warum ich lieber lese, als irgendetwas anderes zu tun.
Ein schlankes Mädchen schlüpft in den Raum, und der Schleier ihres blonden Haars weht hinter ihr her. Sie zieht eine Grimasse, als sie Wes entdeckt. »Igitt, zieh dir was an. Du traumatisierst meine neue Mitbewohnerin.« Sie zaubert sich ein Megawattlächeln auf die Lippen und umarmt mich, viel kräftiger, als ich es von jemandem, der so zierlich ist, vermuten würde. »Hey, Mitbewohnerin!«
Seit wir vor ein paar Wochen erfahren haben, dass wir Mitbewohnerinnen sein werden, schicken Chloe und ich uns Nachrichten. So haben wir koordiniert, was jeder von uns mitbringt, und konnten sicherstellen, dass der andere kein Serienmörder ist. Wie ihr Bruder ist Chloe absolut umwerfend. Strahlend blaue Augen, perlweiße Zähne und eine freche Stupsnase. Sie sieht so engelsgleich und anmutig aus, dass man sie am liebsten pieksen würde, um sicherzugehen, dass sie echt ist.
»Brauchst du Hilfe beim Einräumen deiner Sachen?«, fragt mich Wes.
»Meine Mutter hilft mir.« Ich werfe einen Blick über die Schulter, aber Mom plaudert wohl immer noch mit dem studentischen Betreuer darüber, dass sie ein Auge auf mich haben müssen, weil ich bis jetzt noch nie von zu Hause weg war. Naiv und völlig unvorbereitet auf die reale Welt. Darauf, in meinem Zimmer Gespräche mit schönen, halb nackten Männern zu führen.
»Ich werde helfen«, sagt er einfach.
Mein Herz schlägt schneller, während ich mir schon unsere erzwungene Nähe für die nächste Stunde vorstelle. Wie ich sein Parfum einatme und ihm dabei zusehe, wie er meine schwersten Sachen mit den Bizepsen hebt, mit denen er meinen Schädel zerquetschen könnte. »Das ist okay. Du hast gerade geduscht. Ich habe nicht so viel Zeug.«
»Es ist keine große Sache …«
»Hör auf, mit uns zu reden, während du nackt bist!« Chloe schirmt ihre Augen ab und hält ihm seinen Studentenausweis hin. »Zieh dir ein paar verdammte Klamotten an. Du ekelst uns an.«
Wes schenkt mir ein arrogantes Grinsen und deutet auf seine Bauchmuskeln. »Was denkst du, Violet? Ist mein Körper eklig?«
Gott nein.
»Raus hier!«, befiehlt Chloe und Wes hört endlich auf sie, schnappt sich seinen Ausweis und geht glucksend zur Tür hinaus.
Sobald er weg ist, gleitet Chloe wie ein Gespenst durch den Raum und lässt sich auf ihr Bett fallen, den Kopf in die Hand gestützt. Ihre Seite des Zimmers ist bereits komplett dekoriert mit Lichterketten, Papierlaternen, einem Schreibtisch-Organizer, einem Fotoständer voller Bilder und einem Wandgemälde, auf dem sie mit einem Fuß in der Luft über das Eis läuft.
Sie hat diese unerreichbare Cool-Girl-Ausstrahlung und ist damit ein Mädchen, das mich in der Highschool – umgeben von Freunden, die viel lustiger, aufregender und mutiger waren, genau wie sie – übersehen hätte. Also all das, was ich nicht bin.
»Du findest meinen Bruder süß«, wirft sie mir vor.
Meine Augen fallen mir fast aus dem Kopf. Wenn ich meine Bücherkiste noch in der Hand hätte, hätte ich sie bestimmt fallen gelassen. »Was? Nein!«
Sie seufzt. »Es ist in Ordnung. Jeder tut das. Aber ich werde es dir jetzt sagen: mein Bruder datet nicht.«
»Schatz, dieser studentische Betreuer ist so ein Süßer! Wenn du ihn nicht nach einem Date fragst, dann werde ich es tun.« Mom stürmt in das Wohnheimzimmer und schleppt meinen Koffer hinter sich her. Als sie Chloe sieht, stellt sie ihn an der Tür ab und öffnet weit die Arme. »Du musst die berühmte Chloe sein!«
Meine Mitbewohnerin hüpft von dem Bett herunter, um Moms Umarmung zu erwidern, als wären sie alte Freunde, die sich wiedersehen, und nicht zwei völlig Fremde. »Wird auch Zeit, dass ich berühmt werde.«
»Du bist eine Eiskunstläuferin, richtig?«, frage ich.
»Zukünftige Olympionikin«, mischt sich eine tiefe Stimme ein.
Wes lehnt an der Tür, jetzt komplett bekleidet. Er trägt lange Shorts und ein weißes T-Shirt. Selbst angezogen, fällt es mir schwer, den Blickkontakt mit ihm zu halten.
»Sagt der zukünftige NHL-Spieler«, sagt Chloe. »Mrs Harris, das ist mein nerviger großer Bruder, Wes.«
Mom schaut Wes an, bevor ihr Kopf in meine Richtung schnellt und sie laut flüsternd sagt: »Vergiss den studentischen Betreuer.«
Oh, mein Gott. Ich werde sie umbringen.
Wes’ Brauen ziehen sich zusammen. »Was?«
Chloe hakt sich bei Mom ein, als wären sie bereits die besten Freundinnen. »Alles gut. Mach dir keine Sorgen. Komm schon. Du hast gesagt, du würdest Violets Sachen in unser Wohnheimzimmer reintragen.«
»Ich sagte, ich würde helfen«, korrigiert er sie, während ein amüsiertes Lächeln seine Lippen umspielt.
»Ich habe was von ›Sachen‹ gehört.« Über ihre Schulter zwinkert Chloe mir zu.
Ich habe bereits ein gutes Gefühl bei ihr. Bei beiden. Nur glaube ich, dass ich tatsächlich eine Chance habe, Chloes Freundin zu werden.
Aber bei dem hinreißenden, völlig unerreichbaren Eishockeyspieler? Bei ihm habe ich keine Chance.
Ich habe keine Zeit dafür, um andere zu stalken.
Zwischen dem morgendlichen Unterricht, den Übungen auf dem Eis oder im Fitnessstudio am Nachmittag, dem anschließenden Training, den stundenlangen Vorträgen von Coach und dem Lernen vor dem Schlafengehen ist mein Terminkalender vollgepackt.
Und doch bin ich hier. Hier bin ich, seit sie auf dem Campus aufgetaucht ist. Ich stalke Violet Harris.
Sie bemerkt den Schatten in ihrem Rücken nicht. Aber in den wenigen Tagen, seit ich sie kenne, habe ich mir ihren Tagesablauf und die Art, wie sie ihren Kaffee mag, eingeprägt. Ich weiß, welche Snacks sie aus dem Automaten bevorzugt. Ich weiß, wie sie lächelt, wenn sie sich aufrichtig freut, jemanden zu sehen, und wie sie lächelt, wenn sie bloß höflich sein will.
Stalking liegt mir nicht im Blut. Die Mädchen sind sonst immer hinter mir her, nicht andersherum. Was meine Besessenheit von Violet Harris zu einem verdammten Rätsel macht.
»Fragst du sie, ob sie mit dir ausgeht?«, schreit eine muntere Stimme fast.
Chloe setzt sich auf einen Stuhl an meinem Tisch. Violet bestellt sechs Meter vor uns ein Sandwich.
Alles an ihr schreit danach, dass sie ein Mädchen ist, das entweder nicht weiß, wie es auffallen soll, oder es nicht will. Lange braune Haare, die zu einem Pferdeschwanz hochgebunden sind, ein graues Shirt, das ihr viel zu groß ist, und runde, braungrüne Augen – wie die eines verängstigten Häschens. Ihre Oberschenkel sind unglaublich in diesen Shorts. Ich kann nur daran denken, wie sie sich anfühlen würden, wenn sie sich um meinen Rücken wickeln, während ich mit meinem Schwanz in sie hineinstoße.
»Sprich leiser«, zische ich. »Und nein. Ich date nicht.«
Chloe weiß das, aber sie tut gerne so, als ob ich eines Tages zur Vernunft kommen würde. »Gut.«
Ich hebe eine Augenbraue. »Warum ist das gut?«
»Weil Violet meine Mitbewohnerin ist, und wenn du anfängst, mit ihr auszugehen und ihr euch trennt, sitze ich zwischen zwei Stühlen.«
Ich schenke ihr ein hämisches Lächeln. »Wenn ich es mir recht überlege, mache ich vielleicht eine Ausnahme für sie.«
»Pech gehabt, sie ist verboten.«
Es ist mir wirklich scheißegal, mit wem Chloe mich zusammen haben will und mit wem nicht. Nach dem, was Britt getan hat, werde ich mich nie wieder für diesen Scheiß interessieren. Ich konzentriere mich auf das College, den Eishockey, meine Freunde, die Familie und das Ficken. Das war’s. Sich mit Beziehungen und Gefühlen und all dem Scheiß zu beschäftigen, ist der schnellste Weg, sich den Kopf zu zerbrechen und alles zu versauen. Diesen Fehler mache ich nicht noch einmal.
»Wie kommst du darauf, dass ich auf sie stehe? Ich habe das Mädchen gerade erst kennengelernt.«
»Warum verfolgst du sie dann wie ein Stalker?« Chloe wedelt mit dem Arm und lenkt damit Violets Blick auf sich.
Sie lächelt und kommt auf uns zu. Mein dummes Herz setzt einen Schlag aus. »Um sicherzugehen, dass sie keine Psychopathin ist, die dich im Schlaf umbringt.«
Chloe wirft mir einen Seitenblick zu. »Ich kenne dich, Wes. Du hast noch nie ein Mädchen so angeschaut.«
Eine Rückkehr an die Diamond University war nicht geplant. Aber meine Mutter hat meine Anwaltskosten bezahlt und sie hat gesagt, dass ich hierher komme, also bin ich hier.
»Vergiss deinen Bücherkarton nicht.« Mom sieht mich nicht an, als sie das sagt. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann sie mir das letzte Mal in die Augen gesehen hat.
Meine einzigen Freunde auf der Welt leben jetzt in diesen Büchern.
Chloe sollte hier sein. Wir sollten unser zweites Jahr am College zusammen beginnen und uns ein Zimmer im Studentenwohnheim teilen.
Aber ich habe das ruiniert. Ich habe ihr die Zukunft genommen. Ihr Leben.
Wir werden nie gleichzeitig einen Freund haben, wie wir es uns am Ende des letzten Semesters geschworen haben. Sie wird nie das Buch lesen, von dem ich immer wieder sage, dass ich es schreiben werde. Wir werden nie wieder über unsere schmutzigen Lieblingsszenen kichern oder von dem neuesten Promi schwärmen.
Dieses Jahr ist meine Mitbewohnerin eine Fremde. Wahrscheinlich ein Mädchen aus dem Erstsemester, so wie ihre Zimmerseite aussieht. Sie hat ihr Bett, ihren Schreibtisch und ihre Wand bereits mit bunten Farben und Fußball Sammlerstücken dekoriert. So bunt und fröhlich, dass ich kotzen möchte.
Ich habe meine Mutter angefleht, mich an eine andere Universität als die Diamond University gehen zu lassen, und ich habe versucht, sie davon zu überzeugen, dass ich überall Englisch studieren kann. Aber sie will sich nicht mit dem Ärger herumschlagen, wenn ich die Universität wechsle. Ich habe die Diamond University ausgewählt – oder besser gesagt, die Diamond University hat mich für ein volles Stipendium ausgewählt – und Moms Meinung nach muss ich das auch durchziehen. Da ich ohne sie mittellos bin, habe ich keine andere Wahl.
Während die Familien in den anderen Wohnheimen plaudern, lachen und weinen, schweigen Mom und ich, als wir meine Kisten und Taschen in das Zimmer bringen. Letztes Jahr haben Chloe und Wes uns geholfen, meine Sachen einzuräumen. Ich war so nervös – eine rehäugige Studienanfängerin, die keine Ahnung hatte, was das nächste Jahr für sie bereithielt.
Ich würde alles dafür geben, in diese Zeit zurückzukehren. Ich würde versuchen, die Ereignisse, die mich hierher ohne Chloe gebracht haben, rückgängig zu machen.
Sobald alle meine Sachen im Wohnheim sind, steht Mom unbeholfen in der Mitte des Zimmers und kramt in ihrer Handtasche.
»Danke, dass du mir beim Einzug geholfen hast«, bringe ich heraus.
Jemand vor dem Zimmer quietscht, und ein großes Mädchen kommt hereinspaziert.
Meine Mitbewohnerin ist absolut umwerfend. Wunderschönes schwarzes Haar und strahlende Haut, die nur noch von ihrem strahlenden Lächeln übertroffen wird. Letztes Jahr hätte ihre Schönheit noch Neid in mir hervorgerufen. Jetzt kann ich mich nicht dazu durchringen, irgendetwas zu fühlen.
»Hey! Ich bin Aneesa.« Ich erwarte, dass sie ihre Hand zum Schütteln ausstreckt, aber stattdessen umarmt sie mich. Ihr blumiges Parfum raubt mir den Atem.
Das letzte Mal, als mich jemand umarmt hat, lag ich im Krankenhaus und zitterte in dem Badeanzug, den ich immer noch trug, und einem Handtuch um meine Schultern. Mom weinte mit mir in ihren Armen. Ich konnte mich noch nicht dazu durchringen, Tränen um Chloe zu vergießen. Ihren Tod hatte ich immer noch nicht realisiert.
Manchmal ist das immer noch der Fall.
Aneesa löst sich aus der Umarmung, behält aber ihre Hände auf meinen Schultern. »Du bist im zweiten Studienjahr, richtig? Hauptfach Englisch? Ich habe über dich recherchiert.«
Ich bringe ein schwaches Lächeln hervor. »Richtig.« Die Erinnerung versetzt mir einen Stich. Eine Anglistikstudentin, die seit Monaten kein Wort mehr geschrieben oder ein Buch aufgeschlagen hat. Die beiden größten Leidenschaften in meinem ganzen Leben, und seit ihrem Tod hat mich keine von beiden angezogen.
Aneesa lässt mich los. »Ich bin ein Ersti. Hauptfach Bio, zur Vorbereitung aufs Medizinstudium.« Sie lächelt Mom an. Ein wunderschönes Genie, welches es gewohnt ist, von Erwachsenen die Bestätigung zu bekommen, dass es das klügste und begabteste Mädchen im Raum ist.
»Schön, dich kennenzulernen, Aneesa. Viel Glück für dein erstes Studienjahr.« Mom räuspert sich. »Ich werde jetzt gehen, Violet. Gib mir Bescheid, wenn du etwas brauchst.«
Sie bringt ein kleines Lächeln und einen kurzen Blickkontakt zustande, bevor sie den Raum verlässt. Sie umarmt mich nicht und bricht auch nicht in Tränen aus wie im letzten Jahr. Ich bin ihr einziges Kind und ihre größte Enttäuschung.
Aneesa schaut ihr stirnrunzelnd hinterher. »Alles in Ordnung mit deiner Mutter?«
Vielleicht weiß sie irgendwie nicht von dem Unfall. Die Diamond University ist ein weitläufiger Campus, der viele internationale Studenten und Austauschstudenten anzieht. Aber Diamond ist immer noch eine kleine Universitätsstadt. Es gibt nichts, was größere Begeisterung auslöst als Klatsch und Tratsch oder ein rätselhafter Mordfall.
Nur gibt es in meinem Fall kein Rätsel zu lösen. Meine beste Freundin ist gestorben. Ich bin diejenige, die dafür verantwortlich ist. Fall abgeschlossen.
Das einzige Mysterium ist, wie ich ungestraft davongekommen bin.
»Ja. Alles gut«, sage ich zu Aneesa und mache mich daran, mein Bett zu beziehen. »Nur Familienkram.«
Aneesa ist in Sekundenschnelle auf den Beinen und hilft mir. Ein Kloß bildet sich in meinem Hals bei der freundlichen Geste. »Ist sie immer noch wütend auf dich, wegen dem … was passiert ist?«
Ich hätte wissen müssen, dass es nicht möglich ist, dass irgendjemand auf diesem Campus noch nicht über den schlimmsten Moment in meinem Leben gehört hat. Von der schlimmsten Sache, die ich je getan habe. Ich war eine Idiotin, weil ich gehofft hatte, ich könnte mit jemandem neu anfangen. Dass ich mich wenigstens ein paar Stunden lang normal fühlen könnte, bevor meiner Mitbewohnerin jemand die Wahrheit über mich erzählt.
Dass sie sich besser vorsehen sollte, weil ich anscheinend gerne meine Mitbewohnerinnen umbringe.
»Ja. Sie hasst mich so ziemlich«, sage ich und unterdrücke die Emotionen, bevor sie hochkochen und explodieren können.
Tief im Inneren weiß ich, dass meine Mutter mich nicht wirklich hasst. Sie liebt mich bedingungslos. Aber sie hat mich seit jener Nacht nicht mehr so angesehen wie zuvor. Wahrscheinlich wird sie das auch nie.
»Ich bin sicher, dass sie dich nicht hasst«, betont Aneesa. »Es war ein Unfall.«
»Es war dumm. Ich war betrunken. Ich habe nicht klar gedacht, und jemand ist meinetwegen gestorben. Ich habe das Leben von so vielen Menschen ruiniert. Ihrer Familie, meiner Familie. Ich mache keinem von ihnen einen Vorwurf, dass sie mich hassen, denn das sollten sie tun.«
Chloes Blut klebt an meinen Händen, und ich habe immer noch nicht herausgefunden, wie ich es abwaschen kann. Meine Haut wird für den Rest meines Lebens damit befleckt sein.
Aneesa lässt das Bettlaken fallen und wendet sich mir zu. »Ich kann mir gar nicht vorstellen, was du durchmachst«, sagt sie mit sanfter Stimme. »Aber … du kannst dich nicht ewig bestrafen. Das wird weder dir noch sonst jemandem gut tun. Es wird deine Freundin nicht zurückbringen.«
Mir steigen Tränen in die Augen, und ich bringe es nicht über mich, etwas zu sagen, denn wenn ich versuche, zu reden, werde ich schluchzen, und ich werde nicht beim ersten Treffen mit meiner Mitbewohnerin anfangen zu heulen. Ich konzentriere mich darauf, mein Bett zu beziehen, und Aneesa überlässt uns dem Schweigen.
Als ich fertig bin, schnappt sie sich ihr Schlüsselband. »Ich wollte gerade zum Mittagessen gehen. Willst du mitkommen?«
Sie weiß das Schlimmste über mich und ist trotzdem noch bereit, mit mir in der Öffentlichkeit gesehen zu werden. Nicht einmal ich selbst würde mich mit mir sehen lassen wollen.
»Sicher. Danke«, sage ich zu ihr.
Sie wird bald wieder zur Vernunft kommen. Wenn sie diejenigen bemerkt, die mich mit den Blicken über den Campus verfolgen werden. Wenn sie all das Getuschel hört und schlussendlich die Nase voll davon hat, mit der Mörderin befreundet zu sein.
Aber im Moment schenke ich ihr für ihre Freundlichkeit, die ich nicht verdient habe, ein dankbares Lächeln.
Wes
»Wes, das ist dein vierter Teller Pancakes heute Morgen.«
»Ich bin im Training, Mom.« Ich schaufle einen weiteren Bissen hinein, obwohl ich seit dem Tod meiner Schwester keinen Hunger mehr habe.
Auf der anderen Seite des Tisches schüttelt Mom den Kopf. Sie hat meinen Schwachsinn immer durchschaut. Sie zieht ihre Jacke über ihre Bluse. Meine Mutter kann nicht länger hierbleiben und sich mit meinem trübseligen Arsch beschäftigen – die Bank wird sich nicht von selbst leiten. »Du trödelst hier, damit du nicht zum Campus gehen musst. Du kannst Violet nicht ewig aus dem Weg gehen.«
Ich versteife mich. Ich hasse es, ihren verdammten Namen zu hören.
Von seinem Platz vor dem Herd aus wendet Dad den letzten Pancake. Er hat immer noch seine Pyjamahose an. Dad ist ein pensionierter NHL-Spieler, der nachmittags als Coach arbeitet. »Du weißt, dass sie über Chloes Tod genauso bestürzt ist wie wir. Du musst einen Weg finden, ihr zu vergeben, Sohn.«
Ich weiß nicht, wie einer von ihnen das sagen kann. Vergebung. Das ist das Letzte, was Violet Harris verdient. Sie hat meine Schwester getötet. Sie hat unser Leben ruiniert. Meine Eltern kannten Violet weniger als ein Jahr. Sie haben sie mit offenen Armen in unserem Haus und unserer Familie willkommen geheißen. Jetzt ist ihre Tochter ihretwegen tot, und sie haben ihr einfach … verziehen.
Ich bin der Einzige in diesem Haus, der bei ihrem Namen die Hände zu Fäusten ballt. Sie verdient den Tod für das, was sie getan hat. Zumindest aber hat sie eine Gefängnisstrafe verdient. Für eine lange Zeit. Aber nicht einmal die hat sie bekommen. Grob fahrlässige Gefährdung. Das ist alles, wofür sie angeklagt wurde.
Kein verdammter Mord, auch wenn es genau das war. Sie sollte eingesperrt werden.
Stattdessen haben sie sie laufen lassen.
Jetzt hat sie nicht einmal den Anstand, auf eine andere Universität zu wechseln. Sie schert sich einen Dreck darum, was es für mich bedeutet, die Mörderin meiner Schwester jeden Tag auf dem Campus zu sehen.
»Sie hat Chloe getötet.« Ich greife die Gabel so fest, dass sich das Metall verbiegt. »Sie ist eine Mörderin, und sie ist davongekommen. Ich werde ihr nie verzeihen, dass sie uns Chloe genommen hat.«
Moms blaue Augen – die gleichen wie die meiner Schwester –, werden weich. Mitleidig. Das lässt mich die Gabel nur noch fester umklammern. »Deine Unfähigkeit zu vergeben, wird Violet nicht schaden, Wes. Sie wird nur dich selbst verletzen.«
Mach dir keine Sorgen, Mom. Ich sorge dafür, dass sie auch Violet verletzt.
Kufen schneiden durch das Eis, und der Puck schlägt gegen das Netz. Die Schreie dringen kaum durch das Summen in meinen Ohren. Ein paar Jungs knallen mir gegen die Brust. Der Siegestreffer, und ich feiere nicht einmal.
»Alter«, ruft Trey, »ich weiß, dass Eishockey ein gewalttätiger Sport ist, aber musst du das wirklich an deinen Mitspielern auslassen? Es ist doch nur Training.«
Ich muss dieses Jahr das Zimmer wieder mit Trey teilen. Das Zusammenleben mit ihm ist nicht schlecht, aber er duscht nicht oft genug und er hat noch nie in seinem Leben auch nur ein Geschirr abgespült. Wenn er nicht auf dem Eis oder im Fitnessstudio ist, betrinkt er sich auf Verbindungspartys. Ich bin erstaunt, dass er es bis zu seinem Abschlussjahr geschafft hat. Er ist nur sauer, weil ich ihn zehn Minuten nach dem Anpfiff des Trainers auf das Eis geknallt habe. Trey ist kein schlechter Verteidiger, aber er ist auch nicht gut genug. Nicht, wenn wir gewinnen wollen, und ein Sieg ist alles, was mir gerade bleibt.
»Was glaubst du, wofür das Training da ist, Trey?«, frage ich. »Boston wird dich nicht schonen, warum sollte ich es also tun?«
Trey schüttelt den Kopf. »Wie auch immer, Mann. Du bräuchtest mal wieder einen ordentlichen Fick.«
Damit hat er nicht unrecht.
Luke, mein Torwart, stützt sich auf seinen Schläger. »Sie ist heute wieder da, nicht wahr?«
Alle Jungs in unserer Nähe warten auf meine Reaktion. Sie wissen genau, was ich für Violet Harris empfinde. »Ja«, stoße ich hervor. »Das ist sie.«
Aber nicht für lange. Ich habe vor, alles zu tun, was nötig ist, um sie von diesem Campus zu vertreiben.
»Jetzt lernst du das Hockeyteam kennen.« Chloe hakt sich bei mir ein und führt mich zum Village – eine der beliebtesten Mensen in Diamond. »Zumindest einige der Spieler.«
In der Cafeteria strömt mir der köstliche Duft von Tortellini entgegen. Der Raum ist hell erleuchtet mit Stapeln von bunten Tellern. Chloe führt mich an der Nudelbar entlang, und ich greife nach allem, was sie auch nimmt, weil ich zu erschöpft und überwältigt von meiner ersten Unterrichtswoche bin, um mir Gedanken darüber zu machen, was ich essen möchte.
Die Mensa raubt mir fast den Atem. Eine hohe Decke mit riesigen Fenstern, die sich zwischen Steinwänden befinden. Prächtige Kronleuchter hängen über Dutzenden von langen Mahagonitischen herab, die voll mit Studenten und Lehrkräften sind. Es herrscht ein buntes Treiben. Die ganze Woche über war ich von einer Mischung aus Nervosität und Aufregung erfüllt. Einem Gefühl der Möglichkeiten, wie ich es noch nie zuvor hatte. Dass dies vielleicht ein neuer Anfang für mich ist.
Chloe führt uns zu einem Tisch in der Mitte des Speisesaals, und ich weiß sofort, wohin sie uns bringt. Drei hünenhafte Hockeyspieler, die fast so groß sind wie Wes, überragen ihre Sitze.
Das Hockeyteam der Diamond University.
Die Devils.
»Sie sind alle sehr attraktiv«, flüstert sie mir wie eine Warnung zu. »Aber mach dir keine Hoffnungen, wenn du eine Beziehung willst. Sie haben zu viele Puck-Bunnys in den Startlöchern, um nur mit einem Mädchen sesshaft zu werden. Außer Luke, der ist süß. Aber den habe ich mir schon reserviert.«
»Woher kennst du sie alle?«
»Ich war unter dem Vorwand, Wes als Schwester zu unterstützen, bei seinen Spielen dabei. Aber in Wirklichkeit bin ich dort gewesen, um mir die anderen Spieler anzuschauen.« Sie bleibt am Ende des Tisches stehen und strahlt. »Jungs, das ist meine Mitbewohnerin Violet.« Alle drehen sich um und starren mich an, und ich möchte dahinschmelzen. »Violet, das sind Luke, Brody und Trey.«
Chloe hatte recht. Sie sind alle attraktiv. Luke erinnert mich auf Anhieb an einen Golden Retriever – dunkelblondes Haar, kantiges Kinn und ein strahlendes, freundliches Lächeln. Seine Augen leuchten auf, als sie Chloe erblicken, und ich habe das Gefühl, dass auch Luke sie für sich beansprucht hat. Brody ist eher eine störrische Katze mit zerzausten braunen Haaren, einer römischen Nase und misstrauischen dunklen Augen. Trey starrt mich an wie eine Hyäne, die gerade eine verwundete Gazelle entdeckt hat. Das Kinn auf die Hand gestützt, mit Belustigung in den grünen Augen und einem schiefen Lächeln, das mir das Gefühl gibt, in Öl getaucht worden zu sein.
»Sag mir, Violet.« Treys melodiöse Stimme jagt mir einen Schauer über den Rücken. »Wurdest du bereits entjungfert?«
Brody ist der Einzige, der lacht. Chloe umrundet den Tisch und verpasst Trey einen Klaps, kurz bevor eine massige Gestalt neben mich tritt.
Mir stockt der Atem.
Wes.
Wie kann er ständig so gut aussehen? Seine wasserblauen Augen starren uns an, sein Haar ist trocken genauso dunkel wie nass, während seine vollen Lippen emotionslos bleiben und nichts verraten.
»Deine Schwester greift mich an«, sagt Trey ihm.
»Vielleicht solltest du lernen, deinen Mund zu halten, dann müsste sie das nicht tun.«
Trey zieht die Augenbrauen zusammen, aber alle anderen lachen.
Wes blickt auf mich herab, und ein Lächeln liegt auf seinem Gesicht, das meine Beine in Wackelpudding verwandelt. Es ist nicht gerade warm oder freundlich. Fast schon … besitzergreifend. Als wüsste er bereits, dass er meine Glieder schwach macht. »Setzt du dich zu uns, Violet?«
Gott, die Art und Weise, wie er meinen Namen sagt … ein verrückter Teil von mir möchte vor Anbetung auf die Knie fallen. Alles tun, was ich tun muss, damit er meinen Namen immer und immer wieder sagt.
Ich kann nur nicken und setze mich neben Chloe. Als Wes den anderen Platz neben mir einnimmt, dreht sich mir der Magen um. Er ist so nah, dass sein Knie fast meins unter dem Tisch streift. Ich kann mein Essen kaum herunterschlucken.
Mir wird schnell klar, dass Chloes Mitbewohnerin zu sein, bedeutet, dass ich in der Nähe von Wes Novak mit ständiger Atemnot zu kämpfen haben werde.
Wes
Violet steht auf mich, aber so, wie sie keinen Ton herausbringt und den Blickkontakt vermeidet, hat sie keine Ahnung, dass die Anziehung auf Gegenseitigkeit beruht.
Etwas an ihr fasziniert mich. Jede kleine Bewegung, jedes Mal, wenn ihr die Farbe in die Wangen schießt, jedes Mal, wenn sie mich ansieht, bevor sie schnell wegschaut. Sie war noch nie mit einem Mann zusammen, so viel ist klar. Der Gedanke, der Erste zu sein, der sie ins Bett bekommt, der Erste, der sie kommen lässt und der erste Schwanz, den sie in sich aufnimmt, macht mich hart.
Chloe bringt die Jungs dazu, über Hockey zu reden, und ich grinse. Sie denkt, sie kann mich von Violet fernhalten, aber ich werde das Mädchen nicht stoppen, wenn sie sich mir auf dem Silbertablett anbietet.
»Also, was ist dein Hauptfach?«, frage ich sie.
Sie schluckt mühsam, bevor sie antwortet. »Ähm. Englisch.«
»Cool. Willst du Englischlehrerin werden?« Ich wette, sie wäre eine beliebte Lehrerin. Zumindest bei den männlichen Schülern. Vor allem, wenn sie anfängt, Kleidung zu tragen, die ihren strammen, kleinen Körper zeigt, anstatt ihn zu verstecken.
Ihre Nase rümpft sich entzückend. »Nein. Eigentlich … will ich Schriftstellerin werden.« Da ist wieder dieses Erröten.
»Was schreibst du so?«
»Ähm.« Sie beißt sich auf die Lippe und schiebt die Nudeln auf ihrem Teller hin und her, als würde sie nach einer Antwort suchen.
»Was? Schreibst du Erotikromane oder so was?« Als sich ihre Augen weiten, bleibt mir der Mund offen stehen, bevor ich lache. »Schreibst du die? Ich muss es lesen.«
Sie ist jetzt ganz kirschrot. »Nein! Nur … Liebesromane.«
»Liebesromane, hm?«
Ich frage mich, über was für Typen sie schreibt, in die sie sich verliebt. Nicht in Typen wie mich, das ist sicher. Wahrscheinlich über süße, rückgratlose Prinzen, die alles sagen, was sie hören will. Nicht über einen Kerl, der seinen Gürtel um ihre Kehle wickelt und sie so hart fickt, dass ihre Nägel sich in die Matratze krallen.
Ich lehne mich zu ihr, um ihr ins Ohr zu flüstern, und starre auf ihre Arme hinunter, während meine Stimme ihr eine Gänsehaut beschert. »Ich will es immer noch lesen, auch wenn es mich nicht zum Kommen bringt.«
Sie hustet und trinkt hastig einen Schluck ihres Wassers. »Oh. Äh, na ja, ich habe noch kein Buch geschrieben, also habe ich sowieso nichts, was du lesen könntest.«
»Das solltest du ändern. Ich wette, du wärst gut im Schreiben.«
Zum ersten Mal, seit ich sie kenne, lächelt sie mich an. Ein schüchternes, kleines Lächeln, das mir verrät, dass ich das Richtige gesagt habe. Gott, sie ist bereits Wachs in meinen Händen. Ich wette, wenn ich sie als schön bezeichnen würde, würde sie heute Abend um einen Platz in meinem Bett betteln.
»Du bist dran, mir eine Frage zu stellen«, sage ich ihr.
»Ähm. Wie alt bist du?«
»Zwanzig. Ich bin im dritten Jahr.«
»Was ist dein Hauptfach?«
»Finanzwirtschaft. Ich hoffe, dass ich in die NHL komme, aber wenn das nicht klappt, werde ich wohl einer dieser unausstehlichen Finanztypen.«
Sie kichert und fuck. Das Geräusch ist verdammt noch mal magisch. Weich und zart, genau wie sie. »Wenn das so ist, hoffe ich, dass das mit der NHL klappt.«
Sie hat einen Sinn für Humor. Das gefällt mir. »Das hat mein Vater auch gemacht. Jetzt ist er im Ruhestand und trainiert, aber ich hätte gern einen Ersatzplan. Etwas, das mich beschäftigt, wenn ich mit dreißig in den Ruhestand gezwungen werde.«
»Das ist schlau.«
Obwohl ich das Mädchen kaum kenne, löst ihre Bestätigung in meiner Brust einen Anflug von Stolz aus. Ich schüttle das Gefühl von mir ab. Sie muss mich nicht für klug halten, um mit mir ficken zu wollen. »Ich habe meine lichten Momente. Ich bin nicht der blöde Sportler, für den du mich wahrscheinlich gehalten hast.«
Die meisten Mädchen denken, dass ich genau der bin. Der Typ mit den großen Muskeln und dem kleinen Gehirn, der nur zum Kämpfen und Ficken gut ist.
Violet schüttelt den Kopf, den Blick auf ihren Teller gerichtet. »Das habe ich nicht gedacht.«
Das sollten sie nicht, aber ihre Worte bringen mich zum Lächeln.
Chloe steht auf, wobei der Stuhl quietscht. »Bist du bereit, zurück ins Wohnheim zu gehen, Violet? Wir haben eine Menge Tratsch auszutauschen. Hast du Treys Haare gesehen?«
Trey schüttelt den Kopf, aber ich gluckse. Er ist ein Arschloch, das gerne jeden anscheißt, aber es selbst nicht einstecken kann. Ich liebe es, zu sehen, wie meine Schwester es ihm zurückgibt.
Obwohl Violet kaum die Hälfte des Essens auf ihrem Teller gegessen hat, nickt sie schnell und steht auf, begierig darauf, von mir und der Wirkung, die ich auf ihr Höschen habe, wegzukommen. Gott, ich würde so gerne wissen, wie feucht sie für mich ist.
»Ich begleite euch zurück«, sage ich.
Chloe verdreht die Augen. »Es sind buchstäblich nur fünf Minuten zu Fuß und es ist noch nicht einmal dunkel.«
Ich zeige auf Trey. »Glaubst du, er ist der einzige Creep auf diesem Campus?«
Sie blickt auf Trey hinunter, der uns ignoriert. »Du hast recht. Du kommst besser mit uns.«
Auf dem Weg aus der Mensa halte ich ihnen die Tür auf. Chloe weiß genau, was ich tue, aber Violet schenkt mir ein kleines Lächeln und murmelt ein Dankeschön, während ich dabei zusehe, wie ihr Hintern wackelt, als sie an mir vorbeigeht. Was würde ich nicht alles dafür geben, ihn jetzt zu packen und zuzudrücken.
Noch nicht. Sie ist die Art von Mädchen, die leicht zu erschrecken ist. Die den ersten Kuss, das erste Arschgrapschen und den ersten Fick schon kommen sehen will. Chloe stupst sie an. »Was denkst du, Violet? Die sind doch süß, oder? Wes, du solltest uns mit ein paar von deinen Teamkameraden verkuppeln, damit wir auf Doppeldates gehen können.«
Meine Schultern versteifen sich. Sie weiß genau, was sie tut. »Auf keinen Fall. Du hältst dich von diesen Arschlöchern fern.«
»Trey ist ein Arschloch. Aber Luke ist süß. Und dieser bezaubernde Südstaaten-Akzent.« Sie presst eine Hand auf ihre Brust und gibt vor, wie eine der Südstaatenschönheiten in Ohnmacht zu fallen. Gott.
»Dir ist es nicht erlaubt, zu daten, bis du dreißig bist.«
Chloe verdreht die Augen. »Was ist mit Violet?«
Violet hält fast den Atem an, als mein Blick auf ihr landet. »Keine Eishockeyspieler für sie. Sie muss einen netten Nerd in der Bibliothek treffen.«
Diese Antwort gefällt ihr nicht. Sie blickt mit ihren wunderschönen braungrünen Augen auf den Bürgersteig vor uns und verschränkt die Arme vor der Brust. Das ist gut. Vielleicht bedeutet das, dass sie nicht darauf aus ist, von einem netten Kerl gefickt zu werden.
Chloe stöhnt. »Das ist nicht fair, ich will einen heißen Nerd.«
Das entlockt Violet ein Lachen. Ungewollt bläst der schöne Klang etwas in meiner Brust wie einen Luftballon auf.
Als wir ihr Wohnheimzimmer erreichen, steht Chloe mit der Hand auf der Türklinke da, während ich im Türrahmen stehen bleibe. »Okay, wir haben es in einem Stück in unser Zimmer geschafft. Du kannst jetzt gehen.«
»Warte.« Ich lege eine Hand auf die Tür, um sie daran zu hindern, sie mir vor der Nase zuzuschlagen. »Das sind die Regeln. Erstens: Du bist zu jung für Partys.« Chloe verdreht dramatisch die Augen. »Und zweitens: Du bist zu jung zum Trinken.«
Sie seufzt. »O mein Go–«
»Aber wenn ihr das doch tut«, fahre ich fort, »und ihr in eine schlimme Situation geratet, ruft ihr mich an. Ihr beide.«
Violet lächelt. Der Gedanke, dass irgendein Kerl sie anfasst, während sie betrunken ist – oder sie überhaupt berührt – bringt mein Blut zum Kochen, auch wenn es das nicht sollte. Auch wenn mich ein Mädchen, das ich gerade erst kennengelernt habe, weniger interessieren sollte. Aber sie hat etwas an sich. Etwas, das bereits seine Krallen in mich gegraben hat und mich nicht mehr loslassen will.
Sie hat keine Ahnung, was ich sie fühlen lassen kann. Was ich mit ihr anstellen kann.
Auch wenn ich niemandem in die Augen blicke, spüre ich die Blicke der Mitschüler auf mir, als ich in den Kurs für fortgeschrittenes belletristisches Schreiben hineinschlüpfe. Ich war so aufgeregt, als ich mich letztes Semester für diesen Kurs angemeldet habe, fest entschlossen, endlich herauszufinden, wie ich mein erstes Buch schreiben würde.
Jetzt will ich nur noch abhauen.
Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal einen Stift zu Papier gebracht oder einen einzigen Buchstaben in ein Textverarbeitungsprogramm getippt habe.
Der Stuhl neben mir knarrt. »Hey, Violet.«
Eine vertraute, zarte Stimme und rote Haare. Maxwell. Erleichterung strömt durch mich hindurch. Er schenkt mir ein kleines Lächeln. Er ist die einzige Person in diesem Raum, die mich nicht hasst.
Letztes Jahr hat Chloe mich auf einer Party herausgefordert, mit Maxwell zu flirten. Zuerst war es total demütigend, aber am Ende haben wir uns nett unterhalten. Abgesehen von Aneesa ist er mein einziger Verbündeter.
»Hey, wie war dein Sommer?«, bringe ich heraus.
»Gut.«
Er macht sich nicht die Mühe, nach meinem Sommer zu fragen. Er weiß genau, wie er gelaufen ist.
Professorin Tate betritt den Raum und bemerkt die Aufmerksamkeit, die mir entgegengebracht wird, entweder gar nicht oder sie ignoriert sie bewusst. So oder so – ich bin dankbar dafür. Letztes Jahr war sie meine Lieblingsprofessorin, und ich bin erleichtert, dass ich wieder einen Kurs bei ihr habe. Sie hat meinen Einführungskurs fürs belletristische Schreiben unterrichtet, und ich mochte sie vom ersten Tag an. Sie ist lässig, hat immer ein freundliches Lächeln auf den Lippen und lässt uns in dem Genre schreiben, das wir bevorzugen.
Gott sei Dank zwingt sie uns nicht, uns dem Rest der Klasse vorzustellen, wie es andere Professoren am ersten Tag tun. Sie verbringt die meiste Zeit damit, uns den Lehrplan und das, was wir in diesem Semester lernen werden, zu erklären.
Als wir noch zehn Minuten Zeit haben, weist sie uns an, etwas zum Schreiben zu finden. »Ihr werdet einen freien Text schreiben. Ich möchte, dass ihr jeden Tag zu Beginn des Unterrichts frei schreibt, um eure Kreativität anzukurbeln. Betrachtet es als eine Art Stretching und Aufwärmen vor einem Lauf. Für dieses freie Schreiben möchte ich, dass ihr über eure prägnanteste Erinnerung nachdenkt und darüber schreibt. Keine Unterbrechung. Ihr müsst die ganzen fünf Minuten lang weiterschreiben. Es ist mir egal, ob es heißt: Ich weiß nicht, was ich schreiben soll, bis der nächste Gedanke in eurem Kopf auftaucht. Aber der Stift – oder die Finger – dürfen nicht aufhören, sich zu bewegen. Schreibt ab jetzt!«
Ich schnappe mir schnell meinen Stift und beginne, die prägnanteste Erinnerung, die mir durch den Kopf schießt, aufzuschreiben.
Die Nacht, in der Chloe starb.
Meine Hand erstarrt neben den mit Tinte hingekritzelten Buchstaben, die bereits durch das Papier bluten.
»Nicht aufhören, Violet«, ruft Professorin Tate mir zu.
Aber mir dreht sich der Magen um und Schweißperlen kribbeln in meinem Nacken, während der Raum immer heißer wird. Ein Summen dröhnt in meinen Ohren, welches die Geräusche meiner Kommilitonen übertönt, die auf ihre Heftseiten kritzeln oder auf ihren Laptops tippen.
Die gedämpfte Stimme von Professorin Tate durchbricht das Summen. »Violet?«
Jetzt sind wieder alle Augen auf mich gerichtet.
Ich kann nicht zulassen, dass meine Gedanken zu dieser Nacht zurückkehren. Das werde ich nicht tun.
Galle steigt in meiner Kehle auf.
Ich halte mir die Hand vor den Mund und renne aus dem Zimmer.
Obwohl ich am liebsten in mein Wohnheimzimmer zurückkehren, meinen Kopf unter der Bettdecke vergraben und weinen würde, kann ich meinen ersten Arbeitstag nicht ausfallen lassen.
Die Mischung aus Arbeit und Studium ist Teil meines Stipendiums an der Diamond University. Wenn ich nicht arbeite, kann ich nicht weiter studieren. Zum Glück hat die Bibliothek nach Leuten gesucht.
Das Lesen und Schreiben sind schon mein ganzes Leben lang mein Trost. Mein Vater starb, als ich vier Jahre alt war, also gab es fast immer nur mich und meine Mutter. Alleinerziehend zu sein bedeutete, dass sie sich den Arsch aufreißen musste, während sie zwei oder drei Jobs hatte, also verbrachte ich die meiste Zeit allein zu Hause. In der Schule hat nie jemand verstanden, warum ich nur noch lesen und schreiben wollte. Meine Mutter unterstützte mich, aber auch sie verstand meine Besessenheit nicht ganz. Warum ich aufs College gehen wollte für einen Englischabschluss, welcher mir nur wenige Jobchancen bietet, wo ich doch mein ganzes Leben lang gesehen habe, wie sie sich abmüht. Aber das Schreiben und die Bücher sind alles, was ich je gekannt habe.
Chloe würde sich so für mich freuen, wenn sie wüsste, dass ich einen Job in der Bibliothek bekommen habe. Leider ist es hier so ruhig, dass ich meine Gedanken in keine andere Richtung als Chloe lenken kann.
»Das sollte eine leichte Aufgabe für dich sein. Normalerweise kommen die Studenten in die Bibliothek, um zu lernen oder ein Buch für ihre Kurse zu finden.« Edith ist eine ältere Bibliothekarin mit weißem, kurz geschnittenem Haar, einer dünn umrandeten Brille und einer Vorliebe für heiße Liebesromane.
Ich mag sie jetzt schon.
»Dein Job ist es, dafür zu sorgen, dass ich meinen nicht machen muss.« Sie sitzt auf einem Stuhl knapp über dem Boden. So niedrig, dass man sie hinter der Ausleihtheke fast nicht sehen kann. Sie tätschelt sich die Beine. »Diese alten Dinger sind nicht mehr das, was sie mal waren. Deine Aufgabe ist es, Bücher einzuräumen und dafür zu sorgen, dass ich meine Nase in meinem neuesten Roman stecken lassen kann. Wenn du das schaffst, ist es mir egal, was du in deiner Freizeit machst. Lerne, mach Hausaufgaben, lies ein Buch, schreib deinem Freund Nachrichten, scroll auf TikTok; was auch immer ihr Kids heutzutage so macht.«
Ich grinse. »Ich glaube, das schaffe ich.«
Sie erklärt mir, wie ich den Computer und das Bibliothekssystem benutze, bevor ich den vollen Bücherwagen zurück zu den Regalen schiebe. Edith verschwindet im hinteren Teil der Bibliothek, um ungestört zu lesen.
Während ich einräume, öffnet sich die Tür zur Bibliothek. Jemand klingelt am Tresen.
»Ich bin gleich da!«, rufe ich.
Ich hoffe, Edith hat recht, dass dies ein unbedeutender Job ist, bei dem ich hoffentlich nur wenig mit meinen Kommilitonen zu tun habe. Aber ich kann nicht so tun, als ob ich die Blicke ignorieren würde. Es war sogar noch schlimmer, wieder auf dem Campus zu sein, als ich es mir vorgestellt hatte.
Aber das ist es, was ich verdiene.
Ein Paar schwerer Stiefel kommt näher. Ich behalte den Bücherstapel vor mir im Auge, bis die Schritte beunruhigend nahekommen. Die Härchen in meinem Nacken stellen sich auf.
Wer auch immer die Person ist, sie kommt näher und näher. In letzter Sekunde wird mir klar, dass sie nicht die Absicht hat, an mir vorbeizulaufen.
Als ich mich endlich umdrehe, nehme ich eine plötzliche Bewegung wahr, bevor ich gegen das Bücherregal gestoßen werde. Meine Wirbelsäule knallt gegen das Holz und ein Keuchen entweicht meinen Lippen. Er packt mich an den Schultern und steht mit wütenden, blauen Augen über mir.
Wes Novak.
Als ich mir unser Wiedersehen nach Chloes Tod vorgestellt habe, habe ich gedacht, dass Wes mich in eine warme, feste Umarmung hüllen würde. Dass er in meinen Armen schluchzen würde, während ich versuchen würde, ihn zu trösten. Dass wir gemeinsam weinen und im dunkelsten Moment unseres Lebens Trost beim anderen finden würden.
Aber er hat nichts Warmes oder Tröstliches mehr an sich. Der Duft seines Zedernholzparfums steigt mir in die Nase.
Weg ist der Typ, der früher lange Shorts, ein einfaches T-Shirt und alte Turnschuhe getragen hat. Der Hockeyspieler mit dem jungenhaften Lächeln und dem markanten, guten Aussehen. Auffallend blaue Augen, einen Meter dreiundneunzig groß, braunes, sex-zerzaustes Haar und Arme, die aussehen, als könnten sie mich hochheben und werfen.
Der Mann vor mir trägt eine dunkle Jeans, ein Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln und ein Paar schwarze Kampfstiefel, die ich noch nie gesehen habe. Stiefel, die er trägt, um mich in die Erde zu stampfen.
Dieser Mann will meinen Tod.
»Was zum Teufel machst du hier?«, knurrt er. Sein strenges, kantiges Kinn spannt sich an. Die Muskeln an seinem Bizeps sind auf beiden Seiten von mir steinhart. Bevor Chloe starb, hätte ich alles dafür gegeben, in dieser Position mit Wes zu sein.
Jetzt ist es erschreckend.
Das ist das erste Mal seit jener Nacht, dass er mit mir spricht. Seit er mir gesagt hat, ich solle die Klappe halten, weil ich über der Leiche seiner kleinen Schwester herumgeschrien habe.
Ich bin so dreist und sehe weg, verzweifelt auf der Suche nach Augenkontakt mit jemandem, der mich vielleicht retten kann. Aber es ist niemand da.
Ich bin ganz allein mit Wes Novak, dem Captain der Devils.
»Ich … Ich arbeite hier«, stottere ich mit zitternden Beinen.
Sein finsterer Blick vertieft sich, und er kommt nur einen Zentimeter näher, aber die Wände schließen sich um mich. Ich bin eine Maus in der Falle, und die Schlange bereitet sich auf den Angriff vor.
»Nicht in der Bibliothek.« Sein Knurren schabt mir den Rücken hinunter. »Auf diesem Campus. Meinem Campus. Ihrem Campus. Du gehörst nicht mehr hierher.«
Er hat recht. Ich gehöre nicht hierher. Und in diesem Moment wünsche ich mir, ich wäre irgendwo anders. Meine Knie zittern. »Meine Mom hat mich gezwungen zurückzukommen. Glaub mir«, flüstere ich, »das war nicht meine Entscheidung.«
Wie hatte Mom nicht ahnen können, dass das passieren würde? Es konnte ihr nicht entgangen sein, wie Wes mich angestarrt hat, als wir das Gerichtsgebäude verlassen haben. Sie muss wissen, dass er auf Blut aus ist. Vielleicht ist es ihr inzwischen egal, was mit mir passiert.
Der Muskel in seinem Kiefer zuckt leicht. So als ob er mir nicht glaubt, dass ich gegen meinen Willen hier bin. Als ob ich an all meine Erlebnisse mit Chloe erinnert werden möchte. An all die Dinge, die sie und ich nie zusammen erleben werden. Daran erinnert zu werden, was ich getan habe.
»Du solltest im Gefängnis sein.«
»Ich weiß«, flüstere ich.
Wes lehnt sich näher heran. So nah, dass man meinen könnte, er beuge sich vor, um mich zu küssen. Ich warte fast darauf, dass er die Hand ausstreckt und mit einem Finger über meine Wange streicht. Um mit seinen Lippen über meine zu streichen.
Aber die Wut in seinen Augen sagt mir, wenn er mich berührt, wird es nicht sanft sein. Er wird es schmerzhaft machen.
»Der Richter hat dich vielleicht ungestraft davonkommen lassen, aber ich werde nicht denselben Fehler machen.« Seine Stimme ist tief und hallt bis in meine Zehen. Früher habe ich seine Stimme in meinen Träumen gehört. Jetzt wird sie in meinen Albträumen widerhallen. »Wenn du diesen Campus nicht verlässt, mache ich dir das Leben zur Hölle. Ich werde dich für deine Taten bezahlen lassen. Du wirst schlimmer leiden, als sie wegen dir gelitten hat. Wenn ich mit dir fertig bin, wirst du um eine Gefängniszelle betteln.«
Ich schlucke schwer, kann kaum ein Wort herausbringen. Er hasst mich.
Ich bin noch nie gehasst worden, aber ich verdiene nichts weniger als das. »Ich verspreche, dass du mich nie sehen wirst«, flehe ich. »Ich werde dir aus dem Weg gehen.«
Er ist so beschäftigt mit seinen Vorlesungen und dem Hockey, dass sich unsere Wege nicht kreuzen sollten. Wir können uns mit minimalem Aufwand aus dem Weg gehen. Ich werde mich von jeder Ecke des Campus fernhalten, von der er es will, und alle Gebäude und Mensen meiden, in denen er sich immer aufhält. Er wird vergessen, dass ich existiere.
Wes stößt sich vom Regal ab und weg von mir. Ich hole so tief Luft wie ein gestrandeter Fisch am Ufer.
»Das reicht nicht.« Seine Stimme ist monoton und leblos. Furchteinflößender als seine Wut. »Ich will, dass du verschwindest.«
Ich kann den Blick nicht von der Entschlossenheit in seinen Augen abwenden, so sehr ich mich auch danach sehne. Ein Reh, das nicht mehr tun kann, als auf die blendenden Scheinwerfer zu starren. Auf den Tod, der auf es zurollt.
Diamond war die einzige Universität, die mir ein volles Stipendium gewährt hat. Das prestigeträchtige Programm für kreatives Schreiben ist eines der besten im ganzen Land. Meine einzige Hoffnung, das Buch fertigzustellen, das ich Chloe versprochen habe. Ich verstehe, warum Wes mich hier nicht haben will, aber der Gedanke von hier wegzugehen, tut weh.
Abscheu kräuselt seine Lippen, als ich schweige, und verzerrt sein schönes Gesicht. Er schüttelt den Kopf und ist gezwungen, den Blick von mir abzuwenden und die Hände zu Fäusten zu ballen, bevor er mich hier in dieser Bibliothek erwürgen kann.
Bitte geh einfach weg.
Stattdessen bohren sich seine stechenden blauen Augen erneut in mich. Und dieses Mal werde ich mich nicht davon erholen. »Ich sage es dir jetzt, Violet. Wenn du nicht von diesem Campus verschwindest, bringe ich dich persönlich um.«
Mein Bein wippt, während ich mit geballten Händen im Schoß vor dem Büro auf den Dekan für Studierendenangelegenheiten warte. Das muss ein verdammter Scherz sein. Ein Versehen. Wer lässt eine verdammte Mörderin auf einen College-Campus zurückkehren? So blöd können diese Leute doch nicht sein.
Als sich die Tür endlich öffnet, zucken meine Hände wie von selbst, um meinen Kragen zu richten. Jetzt, wo ich in meinem letzten Jahr bin, haben mir meine Professoren alle dazu geraten, mich für die College-Messen besonders zu kleiden, um die Anwerber zu beeindrucken. Zufälligerweise ist mein Hemd auch für ein offizielles Treffen mit dem Dekan gut geeignet.
