Ihr kennt mich nicht - Julie Héraclès - E-Book

Ihr kennt mich nicht E-Book

Julie Héraclès

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Beschreibung

Was macht eine junge Französin zur Nazi-Kollaborateurin? »Ihr kennt mich nicht« von der französischen Autorin Julie Héraclès ist ein fiktiver biografischer Roman – nach einer wahren Begebenheit, die sich am 16. August 1944 in Chartres ereignete. »Heute haben sie mir den Kopf rasiert und mich gebrandmarkt, und jetzt beleidigen sie mich. Aber Sie werden mich nicht zerstören. Denn ich bin mit einem unschätzbaren Schatz ausgestattet. Einem Schatz, den viele von ihnen ein ganzes Leben lang suchen und niemals finden. Ich habe geliebt. Und ich bin geliebt worden. Es ist egal, was mit mir am Ende dieses Tages passiert. Ich bemitleide die, die mich hassen, denn sie wissen nichts über mich.« So könnte es gewesen sein: ein bewegender historischer Roman, inspiriert vom weltberühmten Foto »La Tondue de Chartres« (»Die Geschorene von Chartres«) Am 16. August 1944 wird die 24-jährige Simone Touseau kahlgeschoren, auf der Stirn mit einem Hakenkreuz gebrandmarkt und anschließend durch die Straßen von Chartres getrieben. Man wirft ihr »horizontale Kollaboration« mit den Nazis vor. Der Kriegsfotograf Robert Capa hält fest, wie Simone ihr Baby durch einen johlenden Mob trägt. Aber was denkt und fühlt die Frau auf dem Foto? Wie wurde sie zu einer Kollaborateurin? Und welches Geheimnis gibt sie nicht preis? Diesen Fragen geht Julie Héraclès nach, ohne zu verurteilen oder einfache Antworten zu geben. Unterhaltung mit Tiefgang für Leser*innen von Mechtild Borrmann und Susanne Abel Julie Héraclès wirft einen bemerkenswert differenzierten Blick auf eine Zeit, die vielen Menschen alles abverlangt hat. In Frankreich wurde ihr historischer Roman bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. »Dieses Buch entschuldigt nichts. Es verurteilt nichts. Es hebt lediglich die Komplexität von Beweggründen hervor für menschliche Handlungen in unsicheren Zeiten.« Le Parisien

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Seitenzahl: 482

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Julie Héraclès

Ihr kennt mich nicht

Roman nach einer wahren Begebenheit

Aus dem Französischen von Elsbeth Ranke

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Am 16.August1944 wird die 24-jährige Simone Touseau kahl geschoren, auf der Stirn mit einem Hakenkreuz gebrandmarkt und anschließend mit ihrer neugeborenen Tochter durch die Straßen von Chartres getrieben. Man wirft ihr, die sich in einen Wehrmachtsoldaten verliebt hat, »horizontale Kollaboration« mit den Nazis vor.

»Aber ihr könnt mich nicht brechen. Ihr kommt nicht gegen diesen Funken an, der mich antreibt, immer weiter, durch dick und dünn. Denn heute bin ich, mehr noch als gestern, gestärkt, mit einem unendlich kostbaren Schatz. Einem Schatz, nach dem viele von euch ihr Leben lang suchen werden, ohne ihn je zu finden. Ich habe geliebt. Und ich wurde geliebt. Also, raus mit euren schönsten Flüchen, kotzt euch die Seele aus dem Leib. Es kommt nicht darauf an, was mir heute noch zustößt. Ihr tut mir leid, dass ihr mich hasst, ohne zu wissen. Denn ihr kennt mich nicht.«

Von wahren Begebenheiten inspiriert, erzählt Julie Héraclès das widersprüchliche Leben der Frau neu, die durch den Kriegsfotografen Robert Capa als »Geschorene von Chartres« weltberühmt wurde.

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de

Inhaltsübersicht

Widmung

Vorbemerkung

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

59. Kapitel

60. Kapitel

61. Kapitel

62. Kapitel

Dank

Für Stéphane

Vorbemerkung

Dieser Roman ist von einer wahren Geschichte inspiriert, stellt aber kein historisches Dokument dar. Daten und Orte wurden überwiegend gewahrt, doch der Ablauf der Ereignisse ist gänzlich fiktiv.

1

Chartres, 16. August 1944, im Morgengrauen

In drei Tagen werde ich dreiundzwanzig. Doch das werde ich nicht mehr erleben. Mich lassen die sich nicht entgehen. Eine Kugel in den Kopf, das Blut schießt hoch wie eine Fontäne und verschmiert mir die Augen. Die Welt wird rot, dann pechschwarz. Ich sacke zusammen, das Gesicht voraus aufs Pflaster. Ein lebloses Häufchen fürs Massengrab.

Seit Tagen habe ich diese Bilder vor Augen. Sie tanzen Polka in meinem Kopf, rumoren mir in den Eingeweiden. Für mich gibt es kein Mitleid. Mitleid existiert gar nicht. Nur Rache. 1942 haben die Deutschen draußen in Chavannes wie Hunde die Geiseln niedergeschossen. Heute stehen die Sieger im anderen Lager. Ich kann keine Milde erwarten. Die Nazihure wird abgeknallt.

 

Es tut mir gut, mir das Schlimmste vorzustellen. Wenn ich es mir vorstelle, ist es, als könnte es nicht passieren. Kerzengerade sitze ich auf der Bank am Küchentisch. Es ist dunkel. Wir haben Stromsperre, und durchs Fenster fällt nie viel Licht herein. Ich warte. Heute holen sie mich. Nichts hält sie mehr zurück. Seit gestern sind die Amis da. Das habe ich von Madeleine. Die weiß alles, hört alles. »Ganz ruhig, es wird schon werden, sie wollen bloß die letzten Deutschen verjagen. Du hast nichts zu befürchten, Simone.« Ziemlich nett, meine Schwester. Aber ich höre nie auf sie.

Gestern vor der Sperrstunde waren Schreie zu hören. Von der Unterstadt her. Ich wollte herausfinden, ob es Freudenrufe oder Angstgeschrei war. Seit Monaten verkrieche ich mich, versuche, nicht zu laut zu atmen, aber diesmal musste ich einfach nach draußen. Ich habe Françoise in Mamans Arm gelegt und bin losgelaufen. Ich musste Luft holen. Musste mich umschauen. Vielleicht war ich zum letzten Mal auf freiem Fuß in meiner Stadt unterwegs.

Die Abendhitze stieg mir zu Kopf. Ich rannte durch die engen, steilen Gassen, fast wäre ich auf den Stufen der Kathedrale gestürzt, am Ufer der Eure legte ich eine Schnaufpause ein. Ich war am Leben. Von der Minimes-Brücke aus sah ich Flammen aus dem Dach der Stiftskirche Saint-André schlagen. Da hatten die Deutschen ihr Lebensmittellager. »Die Boches haben Feuer gelegt!« Johlend rannten die Leute los, versuchten Konserven zu retten, Mehlsäcke. Es roch nach Karamell. Angeblich verbrannten die Deutschen die Zuckervorräte, damit ihre Feinde nur ja nichts davon abbekamen. Angeblich wollten sie auch das Guillaume-Tor in die Luft jagen. Ein letzter großer Knall. Ich lief schnell nach Hause. Madeleine empfing mich: »Bist du wahnsinnig? Dir hätte wer weiß was passieren können!«

Heute Nacht war in Chartres die Hölle los. Granaten, Maschinengewehre, das reinste Schlachtfeld. Dazu noch Gewitter. Donner, Bombenkrachen, alles durcheinander. Ich schlief trotzdem ein. Gegen drei Uhr morgens erzitterte das ganze Haus von einer Riesenexplosion. Wahrscheinlich das Guillaume-Tor. Françoise wimmerte. Ich holte sie in mein Bett. Hielt sie im Arm. Françoise, meine Kleine, ich lasse dich nicht im Stich, ich beschütze dich, versprochen.

 

Heute Morgen bin ich zur Stelle. Ich bin nicht abgehauen. Wohin soll ich auch. Aus dem Staub machen können sich bloß Reiche. Ich muss zahlen. Aber, komisch, ich habe keine Angst. Vielleicht glaube ich es doch nicht ganz.

Ich bin früh aufgestanden, vor Sonnenaufgang. In der Spüle habe ich mir den Kopf gewaschen, mit kaltem Wasser. Ich hatte noch ein Restchen Lavendelseife. Meine Haare duften. Ich habe sie mit einem Kamm zurückgesteckt. Das war Ottos Lieblingsfrisur. Ich habe mein dunkles Kleid angezogen. Das in Vichy-Karo, das mich so schlank macht. Dieses Kleid mag ich. Keiner kann wissen, dass es zwanzig Mal geflickt ist. Und um Françoise zu stillen, ist es praktisch. Ich brauche es nur vorne aufzuknöpfen.

Die Glocken vom Nonnenkloster Saint-Paul schlagen sechs Uhr. Ich will keinen Lärm machen. Oben schlafen noch alle. Maman, der Alte, Madeleine und Françoise. Wegen mir wird auch ihr Leben umgekrempelt. Aber ich bereue nichts. Was das Leben mir geschenkt hat, ist unbezahlbar. Niemand kann es mir nehmen. Auch wenn ich heute Abend sterbe.

Rechts bewegt sich etwas. Eine Schabe. Sie kam aus dem Abfluss in der Spüle gekrochen. Dick ist sie, fett sogar. Von Hungersnot hat das Vieh noch nie gehört. Sie krabbelt in einem Wahnsinnstempo, Kurve links, geradeaus, Kehrtwende. Die Fühler zittern fast panisch. Normalerweise hätte ich ihr nachgesetzt, sie mit dem Schuh zerdrückt, bis es knackt. Heute ist mir nicht nach Töten. Soll sie doch ihr Kakerlakendasein weiterleben.

 

Ich bin bereit. Ich fahre über die Maserungen im Tisch. Weich ist dieses Nussbaumholz. Und lang ist so eine Wartezeit. Ich müsste etwas essen. Zu Kräften kommen. Gestern habe ich das letzte alte Brot mit Wasser und Schnaps aufgekocht. Das Gebräu ist immer noch im Topf. Zäh, klebrig, schwärzlich. Allein bei der Vorstellung von diesem Brei in meinem Mund wird mir übel. Egal, dann bleibt mein Magen eben leer.

Immerhin habe ich das Gefühl, bei klarem Verstand zu sein. Das ist die Hauptsache. Falls sie sich dazu herablassen, mir zuzuhören, falls sie mir die Ehre eines Prozesses erweisen, weiß ich, was ich ihnen zu sagen habe. Die werden sich wundern. Dann packe ich alles aus. Alles, von Anfang an.

2

Ich wurde am 19. August 1921 geboren. Im Haus meiner Großeltern, in der Rue de Beauvais, Chartres. Erster Stock, dritte Tür ganz hinten im Flur, das grüne Zimmer. Das, in dem keiner schläft und das ich nicht mehr betreten darf.

Maman hat oft erzählt, wie schwül es an dem Tag war, sie schwitzte wie ein Ochse. Das Einzige, was ihr zu meiner Geburt einfällt: Sie hat ein Baby geboren und literweise Wasser geschwitzt. Vom Rest kein Sterbenswörtchen. Ich weiß nicht, ob Maman sich über mich gefreut hat. Ich weiß nicht, ob der Alte da war, ob er ihr die Hand gehalten hat. Ich weiß bloß, dass es ein Schweißtag war.

3

Chartres, 16. August 1944, 6:15 Uhr

Plötzlich hämmern Absätze auf der Straße. Sie sind es, ich weiß es. Sie bleiben stehen, nehmen die Stufen, trommeln an unsere Tür. Ich reiße mich aus meiner Erstarrung. Schnell, schnell, die Kittelschürze über das Kleid. Allzu hübsch brauche ich nicht zu sein. Bloß mein Herz soll aufhören, Alarm zu schlagen.

»Im Namen des Gesetzes, aufmachen!« Ich öffne den Riegel. Da stehen sie vor mir. Zwei Männer. In Zivil. Eigentlich noch Jungen. Gewehre über der Schulter. Ich habe sie noch nie gesehen. Der Dünnere trägt eine schwarze Augenklappe. Er sagt: »Simone Grivise? Bist du das?« Am liebsten würde ich mit der Faust in sein übriges Auge schlagen.

Ich erwidere: »Ja, das bin ich.« Er lächelt. Sein Kumpel gibt ihm einen Rippenstoß und erklärt mit verpestet stinkendem Atem: »Du bist verhaftet.« Ich halte mir die Hand vor die Nase und erkläre: »Ich muss meine Tochter holen.« Der Mann schaut seinen Kumpanen an, dann mich: »Nein, nein, keinen Schreihals, die lässt du hier. Aber deine Eltern sollen den Hintern hochkriegen.«

 

Genau in diesem Moment kommt Madeleine in die Küche, mit Françoise im Arm. Meine Schwester hat sich keine Mühe gemacht: Molton-Morgenmantel, Oma-Pantoffeln. Sie schnauft wie eine Schwindsüchtige, macht den Mund auf, will etwas sagen, aber es kommt nichts, sie schüttelt meine Tochter, und schließlich stammelt sie monoton: »Schon gut, ei, ei, schon gut …« Offensichtlich sind die beiden von dem Singsang nicht begeistert. Piratenauge schnauzt: »Du, Rollmops, halt’s Maul.« Madeleine verstummt, ihre Augen glänzen. Françoise fängt an zu brüllen. Ich mache einen Satz. Meine Hüfte rammt die Tischkante. Ich krümme mich vor Schmerzen. Stinkemaul packt mich am Arm: »Wir haben gesagt, keinen Schreihals, bist du taub oder was!« Ich schlage um mich, befreie meinen Arm. Ich rufe: »Meine Tochter braucht mich! Ich muss sie mitnehmen!«

Françoise kreischt jetzt umso lauter. Madeleine starrt mich an. Von oben kommen Geräusche. Die Treppe quietscht so laut wie Françoise. Zuerst kommt der Alte, die Baskenmütze auf dem Kopf. Er weiß, dass es losgeht. Sein Blick ist niedergeschlagen wie bei einem, der aufgibt. Hinter ihm Maman, der Knoten verrutscht, graue Strähnen quer über der Stirn. Die Brille auf der Nase, als wollte sie sich kein Detail entgehen lassen. Von ihr kommt die Frage: »Was macht ihr hier? Ihr habt kein Recht, meiner Tochter wehzutun!« Der Einäugige erwidert: »Du, die Mutter, du solltest besser deinen breiten Mund halten. Ihr seid alle drei verhaftet, wegen unpatriotischem Verhalten. Mitkommen.« Maman reißt die Augen auf wie Untertassen, als hätte sie nichts kommen sehen.

4

Maman hat kein Glück. Sie hat einen Angsthasen geheiratet, und so fing für sie die Misere an. Schon auf dem Hochzeitsfoto schmollt sie, die Mundwinkel tief heruntergezogen. Und er ist so schmächtig, dass er unter dem Tüll des Hochzeitskleids regelrecht verschwindet. Wie verschluckt. Mein Vater. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich ihn so nenne. Mamans Mann ist mir lieber. Oder der Alte, noch lieber.

Dabei war es diesem jungen Mann nicht vorbestimmt, zum Waschlappen zu werden. Er hatte Kapital, wie man so sagt. Das hat mir Madeleine erzählt. Er sollte den Laden seiner Eltern übernehmen, in Paris, Avenue des Gobelins. Aber Vorsicht, nicht irgendeinen Laden, nein: ein Luxusgeschäft, Marmortresen, weiß lackierte Regale, fünf Angestellte. Es gab Tee, Schokolade, Kuchen mit kandierten Kirschen, Delikatessen für Reiche. Die Kundschaft war treu, der Laden brummte und konnte eigentlich nur gedeihen.

»Er hätte eine Ladenkette aufbauen können«, meinte Madeleine. »Er hatte einen Schulabschluss, er war fleißig und hatte gerade Maman geheiratet, die ihm im Laden helfen sollte.« Beste Voraussetzungen also. Aber da kam die erste Panne: der Krieg. Mobilisierung, Einberufung. Maman blieb allein in Paris, mit der neugeborenen Madeleine und einem Laden, den sie schmeißen sollte. Was der Alte trieb, ist unklar, vielleicht polierte er Granaten oder knackte Flöhe. Jedenfalls hatte er einen Drückebergerposten, weitab vom Kanonenfeuer. 1918 war er noch am Leben. Rund um ihn lauter Tote. Seine zwei Neffen, sein Schwager, seine drei Cousins: alle im Weltkrieg gefallen. Bloß er: nichts. Nicht einmal eine Narbe. Er stellte einen Antrag auf Kriegsrente. Abgelehnt, er hatte keine nennenswerten Verletzungen. Er bettelte um einen Orden. Abgelehnt, er hatte keine Heldentat vorzuweisen.

 

Nach dem Krieg war der Alte bereit, es mit seinem restlichen Leben aufzunehmen. Die zweite Panne: Der Laden in der Avenue des Gobelins hatte 1917 Pleite gemacht. Maman hatte Paris verlassen und war zu ihren Eltern nach Chartres gezogen. Und der Alte zog brav hinterher. Sie vergruben sich in diesem Haus in der Rue de Beauvais, wo es düster war, moderig, mit Salpeter an den Wänden, ohne Bad, Toilette im Hof. Und obendrein saßen ihm noch Großpapa und Großmama im Nacken.

Und da begannen die ewigen Vorhaltungen. Maman tischte ihm ordentlich auf. »Warum stehst du mir immer im Weg rum? Ich kriege Kopfweh, wenn du dich so im Kreis drehst! Kannst du nicht einfach mal raus? Ins Café, wie alle Typen? Dann hätte ich mal Ferien.« Und Großmama legte nach: »Weißt du, mein Sohn, wir hatten uns von dieser Heirat viel erhofft. Und das Ergebnis, wie soll ich sagen … wird unseren Erwartungen nicht gerecht.«

Da kniff der Alte den Schwanz ein und zog ab. Er ging früh, kam spät. Er nahm einen Aushilfsjob nach dem anderen an, Polsterer, Busschaffner, schmieriger Schlosser. »Ich dachte, ich würde einen Pariser Kaufmann heiraten, und als ich aufgewacht bin, war es ein Prolet aus der Provinz«, sagte Maman.

 

Als kleines Mädchen stand ich zwischen den Fronten, und natürlich entschied ich mich für das stärkere Lager. Maman wirkte so selbstsicher. Eines Abends beim Schlafengehen, ich muss etwa sieben gewesen sein, versuchte ich auf gut Glück: »Sag, Maman, ich glaube, dein Mann ist gar nicht mein Vater.« Das war mir einfach so rausgerutscht, ohne viel nachzudenken. Maman verschlug es die Sprache. Sie runzelte die Stirn. Da war dieser senkrechte Strich zwischen ihren Brauen, eine Falte tief in ihrem Fleisch. Ein Zeichen, dass sie zornig war. Gleich würde es was setzen. Bisher hatte sie mich noch nie geschlagen, aber jetzt spürte ich schon, wie meine Wange unter ihren Fingern brannte. Ich schlug die Hände vors Gesicht.

Nach einer langen Pause hörte ich: »Warum sagst du mir das, Simone?« Ich blickte auf, öffnete die Augen. Maman hatte sich nicht gerührt, aber die Zornesfalte war weg. Ein leichtes Gefühl in der Brust. »Nicht böse sein. Ist bloß so ein Gefühl.« Maman hob die Schultern, und ich meinte eine Art Lächeln auf ihren Lippen zu sehen. Ich hakte nicht weiter nach. Was ich jetzt wusste, genügte mir.

5

Chartres, 16. August 1944, 6:30 Uhr

Es gibt keinen Ausweg. Ich werde diesen Typen folgen. Ein letzter Blick zu Françoise. Meine Kleine zurückzulassen tut mir in der Seele weh. Ich weiß nicht, wann ich sie wiedersehe. Ich weiß nicht einmal, ob ich sie je wiedersehen werde. Bloß nicht weinen. Nicht schwächeln. Madeleine wird sich um Françoise kümmern. Ich konnte zwei Dosen Milchpulver auftreiben. Es wird schon alles werden.

»Los, bewegt euch, wir haben nicht ewig Zeit!« Eine Gewehrmündung wird gegen meinen Nacken gedrückt. Unter dem kalten Metall zucke ich zusammen. Françoise brüllt immer noch. Die Stühle werden umgestoßen. Eine Trinkschale fällt vom Abtropfgitter und zerschellt auf den Bodenfliesen. Der Alte kippt beinahe um. Maman umklammert meinen Arm, im Nu stehen wir auf der Straße. »Wohin gehen wir?«, wagt Maman zu fragen. »Das geht dich gar nichts an, Alte, das erfährst du früh genug!« Die beiden Mistkerle lassen ihre Gewehrverschlüsse klappern. Falls wir an Flucht denken sollten.

 

Draußen ist es angenehm kühl. Der nächtliche Regen hat die Bürgersteige sauber gespült. Ich mag den Geruch nach nassem Pflaster und sauge ihn in tiefen Zügen ein. Nachher wird es wieder heiß werden. Ein idealer Tag zum Sonnenbaden an der Eure.

Unsere Rue de Beauvais ist menschenleer. Aber ich ahne, dass sich hinter jedem Vorhang, jedem Fensterladen unsere Nachbarn ins Fäustchen lachen. Die armen Idioten, irgendwie müssen sie ja ihr erbärmliches Leben füllen. Bis hier kann ich hören, was die alte Fruchard herumerzählt: Ich hätte ihren Mann denunziert, Lambert von der Versicherung und Pelletier, den Buchhalter. Und dann noch dies und das. Ich weiß, was ich getan habe, ich kann mir im Spiegel in die Augen schauen, und wenn es noch mal so käme, täte ich genau dasselbe noch einmal. Otto, das Ziel meines gewundenen Wegs warst du. Alles Übrige ist Nebensache. Otto. Deine warmen Hände auf meinem Bauch, auf meinen Hüften. Oh, könnte ich dich doch noch einmal umarmen. Ich hebe das Gesicht. Der Himmel ist makellos blau. Ich glaube immer noch an dich, heilige Bernadette. Obwohl ich in letzter Zeit weniger inbrünstig war. Verzeih mir, ich will meine Gebete wieder aufsagen. Beschütze Françoise. Und beschütze mich.

 

Wir nehmen die Rue des Lisses, vorbei an der Schule meiner Kindheit und ihrem Rattenschwanz an bösen Erinnerungen. Dann kommt das Gefängnis. Seine hohen, dicken, dreckigen Mauern machen mir Angst. Vielleicht bringen sie uns da hin. Ein Kerker, mit Stroh und Ratten. Wir passieren das Gefängnistor, schwer und uneinnehmbar. Unsere Schergen bleiben nicht stehen. Sie stürmen weiter. Plötzlich sehe ich ihre Armbinden von der Résistance. Ein ausgefranstes blau-weiß-rotes Stück Stoff mit den Buchstaben FFI. Das war mir eben gar nicht aufgefallen. Dabei springt es einem förmlich ins Auge. Brave kleine Patrioten und Partisanen.

»Was trödelst du so? Das hier ist kein Spaziergang. Mach vorwärts, Germanenbraut.« Einauge stößt mir das Gewehr gegen den Hintern. Ich unterdrücke einen Schrei, beiße die Zähne zusammen. Er grinst. Was er nicht weiß: Für mich ist Germanenbraut kein Schimpfwort. Es gab Zeiten in meinem Leben, in denen ich mich den Deutschen näher gefühlt habe als den Franzosen. Es gab sogar einen Tag, an dem ich ganz ergriffen war, wie das deutsche Volk seinem Führer zujubelte. Deutschland würde eine neue Welt erschaffen, davon war ich überzeugt. Ja, richtig, ich habe es geglaubt. Allerdings ist das lange her. Ich bin nicht mehr dieselbe. Inzwischen habe ich andere Gründe, um zu leben.

Meine Eltern rechts und links von mir sind traurige Gestalten. Der Alte ist um fünf Zentimeter geschrumpft. Er war vorher schon krumm, jetzt ist er buckelig. Bis auf die Schuhe lässt er die Nase hängen. Maman trabt flott vorwärts, aber ich weiß, dass ihr das alles zusetzt. Wenn sie so blass ist, heißt das nichts Gutes: Entweder heult sie gleich los, oder es gibt Ärger. Ich schaue weg. In jedem Fall wird Maman einstecken, die Ärmste. Mir kommen die Tränen.

Ich gehe weiter. Auf dem Weg grüßen uns die Stockrosen, wie gestern, als ob nichts wäre. Gleichgültig. Fleischig grüne Stängel, zartrosa Blüten. Ich fand sie schon immer unglaublich. Wie sie in den Pflasterritzen wachsen, ohne Erde, ohne Wasser. Sie bringen Leben, wo keines ist. Ich muss es machen wie sie. Dranbleiben. Weiter hoffen. Neu austreiben.

 

Da ist der Hydrant, das Ende der Rue des Lisses. Wir biegen rechts ab in die düstere Langgasse Rue du Cheval-Blanc. Es sieht so aus, als wären wir auf dem Weg zum Lycée Guéry, meinem Gymnasium, das jetzt provisorisch als Rathaus dient. Wahrscheinlich kümmern sie sich da um Franzosen wie mich. Ich habe keine Lust zu fragen, das würde sie zu sehr freuen. Meine Zunge ist ohnehin wie gelähmt. Ich habe das Gefühl, ich wäre nicht da. Als bewegte sich mein Körper in einer Parallelwelt zu meinem Verstand. Ich muss mich zusammenreißen. Ich werde alle meine Fähigkeiten brauchen.

Wir kommen ganz nah an dem Haus vorbei, in dem früher Eva gewohnt hat. Granatrote Tür hinter einer Glyzinie. Wie glücklich ich hier war. Und wie ich sie geliebt habe. Selbst jetzt noch, obwohl ich weiß, wozu sie imstande ist, kann ich sie nur bewundern. Sie hat sich mit ihrer Tochter aus dem Staub gemacht, sobald sie gemerkt hat, dass der Wind dreht. Ziemlich abgefeimt. Jetzt ist sie weit weg. Eva, ihre hautengen Röcke, ihre schwindelerregenden Dekolletés, ihre Art, die Beine übereinanderzuschlagen, ihr knallrotes Lächeln, keiner konnte ihr widerstehen. Bei Eva habe ich geahnt, dass ein anderes Leben denkbar ist, dass nicht alle Frauen dazu bestimmt sind, sich mit einem Mann herumzuschlagen und vor ihnen zu kriechen bis zum letzten Atemzug.

 

Das Haus mit der Glyzinie liegt hinter uns. Plötzlich bleibt der Typ mit der Augenbinde stehen. »Nein, nein, nicht da lang, gehen wir zur Kathedrale!« Sein Kamerad öffnet den Mund, schließt ihn wieder, gehorcht. Wir machen kehrt zu der Gasse, die zur Kathedrale führt. Was soll dieses Hin und Her. Anscheinend wissen sie gar nicht, wohin es geht. Oder sie wollen jede einzelne Straße passieren, damit das ganze Viertel von unserer Verhaftung erfährt. Wahrscheinlich ist es das. Diese Scheißkerle.

Mir ist warm. Ich habe zwei Schichten an, mein kariertes Kleid und die Kittelschürze. Allmählich rinnt mir der Schweiß zwischen den Brüsten hinab. Verdammt, meine Brüste. Wenn ich nicht in der nächsten Stunde stille, dann gute Nacht. Dann bekomme ich einen Milchstau, heiß wie Glut, hart wie Stein. Ich hätte Françoise vorhin wecken sollen. Hätte ich sie nur noch einmal gestillt.

 

Plötzlich krachen zwei Explosionen. Ich kann sie nicht orten. Über uns, glaube ich. Unser Trupp macht halt. Stinkemaul richtet das Gewehr in den Himmel. Ich weiß nicht, ob ich loslaufen oder mich in einen Türeingang retten soll. Ich begegne Mamans Blick. Augen wie Wagenräder. Sie hockt sich auf den Fußweg, die Hände über dem Kopf. »Verdammt, Alte, was treibst du? Los, Hintern hoch!« Der Typ stampft mit dem Fuß auf. Der Alte kommt, hält ihr eine Hand hin. Maman steht alleine auf. Wir traben weiter, ein Hampelmann vorne, einer hinten.

Die Kathedrale ist jetzt ganz nah. Ihre majestätische, ewige Gegenwart überwältigt mich wie immer. Nur traue ich mich heute nicht, den Blick zu den Türmen zu heben. Ich habe das Gefühl, die Schüsse kommen von da oben. Wir treten auf den Parvis von Notre-Dame, eine weite gekieste Fläche ohne einen Baum oder Busch. Weniger Deckung gibt es nicht. Wieder Gewehrfeuer, noch näher. Der Wachmann vorne rennt los wie von Sinnen, wir stürmen hinterher, meine Brüste schlackern, ich bekomme keine Luft mehr. Wir müssen weg von diesem verdammten Platz.

Endlich, da vorne das Rathaus. Gleich kann ich verschnaufen. Aber nein, der Wachmann bleibt nicht stehen, er läuft weiter, vorbei am Rathaus, noch ein paar Meter, über die Straße. Und da, Stopp. Anscheinend Endstation. Vor uns ragt das Gittertor zur Präfektur. Schwarz, schimmernd, mit scharfen Spitzen. Eine Sekunde lang sehe ich meinen Kopf auf diesen Lanzen stecken. Ich schwanke, klammere mich an Maman, wir taumeln, landen gemeinsam in der Gosse.

6

Maman, meine kleine Maman, nur ich kenne deine Geheimnisse. Für die anderen warst du immer die mürrische Nachbarin, die die Hosen anhat. Als dein Mann im Ersten Weltkrieg an der Front ist, hältst du in Paris den Familienbetrieb in Gang. Keiner hilft dir. Du hast deinen Säugling, Madeleine, bei Großmama und Großpapa in Chartres untergebracht. Und du gibst Gas. Verhandelst am Großmarkt mit den Lieferanten. Führst die beiden verbliebenen Angestellten. Lockst die Kunden, trotz der explodierenden Preise und der immer knapper werdenden Ware.

Dieser Pariser Feinkostladen bedeutete dir viel, Maman. Er war die Möglichkeit, den gesellschaftlichen Aufstieg deines Vaters fortzusetzen, der es vom bescheidenen Schlosser zum Chef eines Betriebs mit zwanzig Arbeitern gebracht hatte. Außerdem war er eine Revanche. Du warst nicht gebildet. Deine Lehrer hatten dich für zu mittelmäßig befunden, um irgendeinen Abschluss zu machen. Deine beiden großen Schwestern hatten immerhin den Volksschulabschluss. Aber du, das Nesthäkchen, musstest dich mit einer Haushaltsschule begnügen. Nähen, kochen und schrubben. Damit solltest du dein Leben verbringen. Das versetzte dich in Rage. Du wolltest der Welt, und dir selbst, beweisen, dass du etwas im Kopf hattest. Du wolltest reich werden. Dich in der Kohle suhlen. Um all den Idioten das Maul zu stopfen, die nicht an dich geglaubt hatten.

 

Aber das Leben tut eben, was es will: Bei Kriegsende wird das Geschäft für zahlungsunfähig erklärt. Madeleine sagte mir, es gab da ein paar Unregelmäßigkeiten, irgendetwas von einer Waage, deren Zeiger nie ganz auf null stand. Ein Fehler bei der Eichung. Es folgten Denunziation, Ermittlungen, Zwangsschließung, Abwicklung.

Ich glaube vor allem, Maman konnte nicht mit der Kundschaft umgehen. Ich habe sie später gesehen, in dem Milchladen, den sie in Chartres aufmachen konnte. Nie ein Lächeln. Kaum ein Gruß für die armen Teufel, die unvorsichtigerweise ihren Laden betraten. Wenn sie den Mund aufmachte, dachte man immer, sie würde bellen. Sie wirkte gereizt. Die Leute gingen ihr auf die Nerven.

 

Mit mir war Maman ganz anders. Zwar sprach sie nicht mit mir. Nie ein nettes Wort. Nie überhaupt ein Wort. Nur das Allernötigste, iss deine Suppe, bohr nicht in der Nase, geh schlafen. Aber ihre Hände liebkosten mich. Ihre Arme legten sich um mich. Als ich klein war, flocht sie mir jeden Morgen in aller Ruhe die Haare. Dabei summte sie sogar. Ich hatte damals noch glatte Haare, morgens waren sie voller Knoten. Und obwohl Maman tausend Dinge zu tun hatte, nahm sie sich die Zeit, meine langen braunen Haare zu bürsten, und passte auf, nicht zu ziepen, mir nicht die Haut vom Schädel zu reißen. Sie flocht mir einen Zopf, der mir bis an den Po reichte. Manchmal machte sie mir auch Schnecken, aufgerollt über den Ohren. Die mochte ich weniger als meinen Zopf, weil sie sich beim Himmel-und-Hölle-Hüpfen auflösten. Aber Maman schien so in ihrem Auftrag aufzugehen, dass ich mich nicht traute, ihr das zu sagen.

Manchmal fing ich ihren Blick auf mich auf und erkannte ihn nicht wieder. Verträumt, sanft, fast zärtlich. Die Falte, die normalerweise zwischen ihren Brauen stand, war glatt. Hinter ihren friedlichen Zügen erkannte ich die Spuren einer vergangenen Schönheit. Mandelförmige Augen, hervorstehende Wangenknochen, volle Lippen, sie musste hübsch gewesen sein. Dieser Blick verwandelte mich. Sie liebte mich. Das brauchte sie mir gar nicht zu sagen.

 

Mit Madeleine war Maman ganz anders. So anders, dass ich lange dachte, ich wäre ein Einzelkind. Madeleine musste einstecken. Maman redete mit ihr wie mit einem Aschenputtel. »Madeleine, die Wäsche wartet, beeil dich!«, oder: »Madeleine, da ist immer noch Geschirr in der Spüle!« Meine Schwester steckte bis zum Hals in Hausarbeit. Und sie muckte nicht. So war das eben. Ich war sieben Jahre jünger, ich war die Kleine, die nichts konnte. Also tat ich auch nichts.

Selbst bei den Ereignissen, für die man im Kalender ein Kreuz machte, behandelte Maman uns ungleich. Ich erinnere mich an meine erste Periode. Ich war elf Jahre alt. Niemand hatte daran gedacht, mich darauf vorzubereiten. Dann stellte ich eines Morgens beim Aufstehen fest: Mein Laken war rot, mein Höschen auch, ich begriff nicht, dass das Blut war. Und zwar mein Blut. Ich blieb lange starr sitzen, wie hypnotisiert von diesen Flecken. Madeleine rief mich zum Frühstück. Als ich nicht erschien, kam sie zu mir ins Zimmer. Sie lachte.

»Hör mal, Simone, du bist aber früh dran!«

»Früh dran? Womit?«

»Ich hatte sie erst mit dreizehn!«

»Was denn?«

»Na, meine Periode! Das da im Bett ist das Blut von deiner Periode!«

»Welches Blut?«

»Na, stell dich nicht dümmer, als du bist. Es ist sowieso nicht an mir, dir das zu erklären. Das ist Mamans Sache. Ich hoffe, sie ist ein bisschen netter als bei mir, meine Süße.«

Ich musste schlucken und stammelte:

»Aber ich kann doch nichts dafür, Madeleine …«

»Natürlich nicht, aber so ist das eben. Eine ordentliche Backpfeife, und du vergisst nie den Tag, an dem du zur Frau geworden bist.«

Maman hatte uns reden hören, plötzlich stand sie im Zimmer. Ein Blick auf das Laken. Sie musterte mich, trat zu mir und fasste mich am Handgelenk. Ich zitterte. Sie führte mich zur Waschschüssel in ihrem Zimmer. Da zog Maman mir das Nachthemd aus und wusch mich. Warmes Wasser auf meinem Bauch, der Lappen auf meiner Scham. Wortlos das Ganze. Nur dieser eine Satz: »Du bist jetzt ein großes Mädchen, Simone.« Ich nickte, wusste nicht recht, was ich davon halten sollte, so entzückt war ich, wie eine Prinzessin umsorgt zu werden. Bei mir gab es nicht den Hauch einer Ohrfeige.

Als wir in die Küche kamen, kaute meine Schwester gerade den letzten Bissen ihres Brots mit Quittengelee. Aus riesigen Augen schielte sie zu mir herüber. Ich blickte zu Boden, damit sie mein Lächeln nicht sah. Wir saßen definitiv nicht im selben Boot.

 

Dass Maman Madeleine und mich so unterschiedlich behandelte, ging mir manchmal zu Herzen. Aber ich konnte nichts dafür. Maman musste schon ihre Gründe haben. Ich forschte nicht weiter nach. Aber dann, eines Tages, begriff ich. Es war ein Montagnachmittag, ich kam aus der Schule. Montags arbeitete Maman nicht. Sie machte mir dann immer eine Schale Milch warm. Doch an diesem Tag war kein Mensch in der Küche. Ich ging nach oben. Im Flur ein Lichtstreifen. Das grüne Zimmer. Die Tür stand offen. Ich trat näher: ein Wimmern, ein Schnäuzen. Ich steckte den Kopf durch den Türrahmen.

»Maman?«

»Ja, Simone?«

Maman saß auf dem Bett. Sie tupfte sich die Augen ab.

»Du weinst?«

»Ja, das kommt vor, weißt du. Aber es geht vorüber.«

»Warum weinst du?«

»Mach dir keine Gedanken, mein Kind. Es ist nichts, reden wir nicht mehr davon.«

Mit den Fingern umklammerte Maman ein Foto mit gezacktem Rand. Flüchtig sah ich einen Mann in Uniform. Einen Soldaten.

»Wer ist das, Maman?«

Es war, als bemerkte sie erst jetzt diesen Mann zwischen uns. Sie musterte ihn. Minuten vergingen. Dann zerriss sie abrupt das Bild in kleine Fetzen. Ich machte den Mund auf, aber kein Laut drang heraus. Maman sammelte die Überreste des Bilds auf, schniefte ein letztes Mal, stand auf und zog mich nach draußen.

»So, Simone, genug jetzt, geh spielen. Und dieses Zimmer betrittst du nie wieder. Verstanden?«

Maman schloss die Tür. Der dunkle Korridor umschloss uns. Aber tief in mir war gleichsam ein Licht aufgegangen. Ein Etwas, an das ich lange glaubte. Diesen Soldaten auf dem Foto hatte Maman geliebt, todsicher. Vielleicht war es ihr Cousin, ihr Neffe. An diesem Tag beschloss ich, dass es mein Vater war. Mein echter Vater. Maman hatte einen anderen Mann in ihrem Leben. Madeleine und ich hatten nicht denselben Erzeuger. Der Alte war ihrer. Und meiner war dieser Soldat mit verschwommenem Gesicht.

7

1926 ist Maman dreiunddreißig und beschließt, das Elend hinter sich zu lassen. Sie entscheidet sich für den einzigen Beruf, den sie kennt: Kauffrau. Mit Großpapas gesamtem Erbe – er ist kürzlich gestorben – leistet sie sich einen neuen Milchwarenladen in Chartres. Und zwar nicht irgendwo, sondern in der Rue de la Pie, wo die edlen Feinkostgeschäfte logieren. Mamans Laden steht stolz an der Straßenecke, neben dem Bäcker, gegenüber vom Weinhändler. Brot, Wein, Käse, eine ideale Kombination, um in Scharen Kunden zu locken. Und Maman spart nicht an der Fassade: ein großes, blitzblankes Fenster, weißer Stuck und ein Ladenschild mit goldenen Lettern: »À la bonne crème«.

Schon auf der Ladenschwelle dringt einem der Geruch des kräftigen Maroilles in die Nase. Nach ein paar Minuten hat man sich gewöhnt, und dann beginnt der Augenschmaus. In der Auslage liegen dicht an dicht, neben- und übereinander Dutzende Käsesorten. Einer eleganter als der andere: Mimolette mit der orangenen Rinde, schneeweißer Vacherin, kleine Ziegenkäse mit Kräuterkruste, alle Farben sind vertreten.

 

Morgens will ich nur eines: mit Maman in den Laden. Madeleine geht zur Schule, der Alte zur Arbeit, und ich soll eigentlich mit Großmama zu Hause bleiben. Ein Martyrium. Ich mag diese Alte nicht, sie lächelt nie, strickt pausenlos und wischt mir mit der eigenen Spucke die Wangen sauber. Noch jetzt ekelt es mich, wenn ich daran denke. Und sie verschreckt mich mit ihren Sprüchen. »Simone, das Brot: immer richtig herum auf den Tisch, sonst lockst du den Teufel ins Haus.«

Schlaftrunken schlüpfe ich im Morgengrauen in meine Kleider und dränge mich an Maman. »Willst du wirklich, Simone? Sehr spannend ist es ja nicht für dich …« Ich klimpere mit den Augen, versuche ein Lächeln. Maman zuckt mit den Schultern. Sie bürstet und flicht mir die Haare. Dann gehen wir beide durch die morgendliche Stille, während nur zögerlich die Dunkelheit weicht. Die menschenleere Stadt gehört uns. Maman ist mit großen Schritten unterwegs zu ihrem erträumten Vermögen, und ich renne hinterher, um mitzuhalten. Sie hat mich zu ihrer Begleiterin auserwählt. Um nichts in der Welt würde ich diesen Platz hergeben.

In den Laden kommen nur wenige Kunden. Ich sitze immer hinten auf dem Holzhocker, auf den Maman klettert, wenn sie an die oberen Regale muss. Ich habe einen Auftrag: die weißen, schwarz umrandeten Namensschilder ordnen, die Maman auf den Käse stellt. »Hier ist das Alphabet, Simone. Damit kannst du die Namen sortieren.« Meine erste Leseerfahrung: Ich entziffere den Anfangsbuchstaben und suche dann, ob Fourme d’Ambert vor oder nach Livarot gehört. Mein Zeigefinger gleitet über Mamans Liste. Wenn ich den Buchstaben gefunden habe, stecke ich das Schild an seinen Platz in einer Metalldose, in der früher Butterkekse waren.

 

Eines Sonntags beim Abendessen verkündet Maman, dass es Zeit wird, dass ich in die Schule komme.

»Simone geht im Oktober auf Sainte-Bernadette.«

Bei diesen Worten verschluckt sich der Alte an seinem billigen Wein. Er stammelt:

»Sainte-Bernadette? Aber die nehmen Schulgeld!«

Maman verdreht die Augen und erwidert:

»Ja, und?«

»Na ja, Jacqueline, du weißt ja, dass wir nicht auf Gold gebettet sind!«

»Schon richtig, mit deinem Lohn haben wir nicht gerade das große Los gezogen!«

»Hör auf damit. Warum soll Simone nicht auf die Volksschule wie Madeleine?«

»Weil ich für Simone das Beste will.«

Der Alte murmelt etwas Unverständliches. Der Entschluss steht fest. Ich werde bald in die École Sainte-Bernadette in der Rue des Lisses gehen, im Schatten der Kathedrale, nur einen Sprung von zu Hause, und nur einen Sprung vom Gefängnis.

Eine katholische Mädchenschule. Für die Töchter der Honoratioren unserer kleinen Provinzstadt. Einer Stadt, die im ewigen Rhythmus ihres katholischen Jahreskalenders lebt, mit Messen, Wallfahrt und Osterwoche. Zitternd betrete ich zum ersten Mal den Hof von Sainte-Bernadette. Meine Trauer, Maman zu verlassen, verschmilzt mit der Euphorie, eine neue Welt zu erobern. Der Hof ist winzig, eingeklemmt zwischen einer Kapelle, zwei Häusern, in denen der Unterricht stattfindet, und einem Kastanienbaum mit gelblichen Blättern. Auf dem Asphalt prangt ein richtiges Himmel-und-Hölle-Spiel. Mädchen in meinem Alter mit Zöpfen und ordentlichen Kitteln warten, bis sie aufgerufen werden. Auch ich trage einen dunkelblauen Kittel. Auf den Kragen hat Madeleine eine Hyazinthe gestickt, auf die ich sehr stolz bin. Hinter den großen Fenstern erkenne ich die Tafel und die Schulbänke. All dieses Neue: als würde mein Leben beginnen. Ich bebe.

 

Doch schon bald ist der Wurm drin. Nicht was das Schulische angeht, ich lerne mit links. Nichts leichter als das Zählen mit dem Rechenschieber. Mit der Fibel bin ich nach drei Monaten durch. Nein, das Problem sind die Zicken in meiner Klasse. Eine vor allem, Juliette, eine elende Schnüfflerin. Sie sagt, ich rede nicht anständig. »Sie hat den Mund voller Schimpfwörter. Bei mir zu Hause ist das verboten.« Wenn ich komme, kneift sie sich theatralisch die Nase zu und kreischt: »Findet ihr nicht, dass es hier plötzlich nach altem Camembert stinkt?« Die anderen Mädchen kichern, ich balle die Fäuste, zwinge mich, keine Fußtritte zu verteilen, schiele auf ihre Lackschühchen. Ich habe klobige Stiefel, abgelegte von Madeleine.

So kann es nicht weitergehen. Ich muss reagieren. Ich entscheide mich für eine weniger frontale Taktik als bloße Gewalt. Spielverderberei. Ich reiße der blinden Kuh das Tuch von den Augen, schnappe mir die Anweisung für die Schatzsuche, halte mit dem Fuß ein schwingendes Springseil auf. Ich ernte Fiepen, Quieken, Kreischen. Und ich lache mich kaputt. Ich bin die Königin des Schulhofs, ich bleibe nicht mehr links liegen, die Plagen können mich mal gernhaben.

Lang geht das nicht gut. Eines Tages vor dem Mittagessen muss ich zur Direktorin, Schwester Solange. Mit einem Knoten im Magen stehe ich an der Tür zu ihrem Büro. Vor allem darf Maman nichts davon erfahren, es würde sie bekümmern, sie hat schon genug Sorgen. Andererseits werde ich mich nicht bestrafen lassen, wo ich doch nicht die einzige Schuldige bin. Schwester Solange steht im Gegenlicht vor dem Fenster. Sie trägt nicht ihren Schleier, Strähnen umstehen ihr Gesicht, sie sieht jung aus. Sie wendet sich mir zu, die Hände gefaltet, die Brauen erhoben.

»Simone, Ihre Kameradinnen beschweren sich ständig über Ihre Streiche. Was haben Sie damit im Sinn?«

Ihre Stimme klingt sanft, ich fasse Vertrauen.

»Ehrwürdige Schwester, ich weiß nicht, was Sie meinen.«

»Ich weiß ja, dass es nicht leicht für Sie ist, Simone. Aber Sie sind ein kluges Mädchen. Sie müssen verstehen, dass es Dinge gibt, die man nicht tut.«

»Ich …«

»Ich möchte Ihnen keine Moralpredigt halten. Ich erwarte von Ihnen nur eines: Hören Sie auf, Streit anzuzetteln. Damit geht es allen besser, vor allen Ihnen selbst.«

Erleichtert verlasse ich das Büro. Keine Strafe, kein Brief an Maman. Ich habe mir nur ein Wort gemerkt: klug. Ich höre auf mit der Spielverderberei, wohl oder übel. Ich fange ein neues Spiel an. Etwas noch Aufregenderes. In den Pausen wähle ich mit Bedacht meine Beute, schleiche mich heran, und hopp, hebe ich einen Rock an. Die Mädchen kreischen, unentschlossen, ob sie lachen oder mich mit Flüchen überschütten sollen. Ich aber verschwinde schnell hinter dem Kastanienbaum, mein Herz hüpft, weil ich auf dem Schulhof mehr denn je im Mittelpunkt stehe.

 

Sehr bald schon muss ich wieder zu Schwester Solange. Diesmal trägt die Direktorin ihren Schleier. Ganz aufrecht sitzt sie am Schreibtisch. Kein Blatt Papier, nur die lederne Schreibunterlage und der metallene Federhalter. Schwester Solange hat die Stirn in Falten gelegt. Meine Knie zittern.

»Simone, das ist inakzeptabel.«

»Ehrwürdige Schwester, es ist nicht meine Schuld …«

»Still. Die Sache ist ernst. Die Mutter Ihrer Kameradin Juliette sitzt in der Bibliothek, sie erwartet Ihre Entschuldigung.«

Der Schweiß steht mir auf dem Rücken. Ich haspele:

»Aber ich habe nicht angefangen …«

Schwester Solange fällt mir ins Wort:

»Es ist ganz egal, wer angefangen hat. Darum geht es nicht mehr. Sie haben über die Stränge geschlagen, Simone. Sie müssen sich entschuldigen.«

Ich stelle mir die Szene vor: Ich, die Ameise, gezwungen, vor einer Menschenfresserin zu buckeln. Ich schüttele den Kopf. Schwester Solange schlägt mit den Fäusten auf den Tisch.

»Muss ich Sie erinnern, dass Juliettes Vater Direktor der Banque de France ist? Und Sie, Simone, Sie sind nichts.«

»Nein, nein, das kann ich nicht!«

»Simone, hier steht der Ruf meiner Schule auf dem Spiel. Wenn Sie sich nicht entschuldigen, setzt es eine exemplarische Strafe.«

Ohne zu überlegen, rufe ich:

»Das ist mir immer noch lieber!«

 

Sichtlich bekümmert nickt Schwester Solange. Sie tritt zu mir, in der Hand eine Nadel und ein Band. Sie kniet nieder. Ich wage keine Bewegung. Schnell ein paar Nadelstiche. Im Nu ist von hinten mein Rock angehoben, das Höschen freigelegt. Schwester Solange hat das eine Ende des Bands an meinen Rocksaum genäht und das andere in das Gummi einer meiner Zöpfe gesteckt.

»Und jetzt drehen Sie Runden über den Hof!«

Die Direktorin öffnet die Tür. Es ist gerade Pause, man hört das fröhliche Stimmengewirr. Ich habe einen dicken Kloß im Hals.

»Oh, nein, nicht das, ich flehe Sie an!«

Ich versuche das Band abzureißen. Schwester Solange verdreht mir das Handgelenk. Ich reiße mich los, versuche von der Tür zu flüchten, stolpere beinahe. Die Direktorin fasst mich bei den Schultern. Dann schiebt sie mich mit der flachen Hand in den Hof.

Innerhalb einer Sekunde liegen alle Blicke auf mir, die Spiele brechen ab, Stille kehrt ein. Auf den Stufen zur Bibliothek sehe ich eine Frau, sehr schlank, ein Kleid im Hahnentrittmuster mit passendem Hut. Sie starrt mich an. Die Zeit bleibt stehen, alle halten den Atem an. Plötzlich, unter dem Regendach, ein Glucksen. Ich weiß, Dutzende werden folgen. Ich werde sie nicht hören. Die Zicken werden nicht gewinnen. Ich werde die Stärkere sein. Ich schlucke meine Tränen hinunter, trete vor, den Kopf erhoben, den Blick auf die Türme der Kathedrale gerichtet, die über der Schulmauer stehen. Auf sie gehe ich zu. All die grinsenden Gesichter um mich sind stumm. Ich gehe nicht mehr, ich schwebe, ich steige auf in den Himmel. Ein Luftzug dringt zwischen meine Beine, bringt das Gummi meines Höschens zum Zittern. Ein angenehmes Gefühl.

8

In meiner Familie hat nie jemand davon erfahren. Glaube ich zumindest. Von mir jedenfalls kein Wort. Als hätte die Sache nie stattgefunden. Ich gehe weiter zur Schule, den Geschmack von Galle im Mund, aber fest entschlossen, jenen verdammten Tag zu begraben. Ich denke, ich habe es geschafft, als ein Unglück über mich kommt. Mir fallen die Haare aus. Nicht zwei oder drei auf dem Kopfkissen, nein, ganze Büschel davon. Sobald ich sie bürste, sobald ich mit der Hand hindurchfahre: ein Kahlschlag.

Maman merkt es sofort. Bestürzt bringt sie mich zur Apotheke an der Place des Halles. Läuse, Kahlgrind, alle möglichen Diagnosen werden gestellt. Ich behalte ein Wort, dessen Klang mir gefällt: Alopezie, kreisrunder Haarausfall. Ich bekomme eine Medizin, die angeblich unfehlbar ist. »Du wirst sehen, deine Haare wachsen noch schöner nach als vorher«, versichert mir der Apotheker. Er trägt Maman auf, mir jeden Abend vor dem Schlafengehen den Schädel mit Rizinusöl einzureiben. Klebrig ist das. Und teuer. Vor allem aber zwecklos. Meine Haare fallen weiter aus.

Ich fühle mich hässlich. Sosehr sich Maman auch bemüht, meine übrigen Haare zu einem Kranz zu flechten, ich weiß, dass ich nicht darüber hinwegtäuschen kann. Die Mädchen aus meiner Klasse gehen mir aus dem Weg. Die Hänseleien sind laut genug, dass ich sie höre. »Popohaut« mögen sie am liebsten. Sogar wenn mich im Laden Kundinnen sehen, verlieren sie die Fassung und starren mich mit offenem Mund an. In dieser Zeit fängt neben meinem Herzen eine merkwürdige Schwellung zu wachsen an. Eine Blase voller eitriger Galle. Die ganze Welt ekelt mich an.

 

Zum Glück habe ich Bernadette; nur schade, dass sie schon tot ist. Bernadette Soubirous von Lourdes. Im Klassensaal hängt ihr fast lebensgroßes Porträt zwischen der Karte mit den Gebirgen Frankreichs und der Großbuchstaben-Tafel, es stellt alles in den Schatten. Tag für Tag mustere ich ihr Gesicht. Sie trägt das Kopftuch einer Bäuerin, aber mit der Haltung einer Königin.

»Wissen Sie, dass die heilige Bernadette Ihnen ganz ähnlich war?«, sagte eines Tages unsere Lehrerin, Schwester Marie-Claire. »Sie war wie Sie, ein einfaches kleines Mädchen, das von ganzem Herzen an die Jungfrau Maria glaubte. Sie hatte ein reines Herz und wurde auserkoren.« Diese Worte sind mir eine Erleuchtung. Auch ich möchte auserkoren werden. Schließlich bin ich nicht zufällig in Chartres geboren, der mystischen Stadt am Jakobsweg. Ganz sicher ist mir ein ruhmreiches Schicksal bestimmt. Vielleicht werde auch ich Erscheinungen haben. Vielleicht wird auch zu mir die Jungfrau sprechen. Ich habe nur noch eine Obsession: die Bernadette Soubirous von Chartres zu werden.

 

Ich halte Ausschau nach dem kleinsten Zeichen, überall, ständig. Ich ertappe mich, wie ich in der Rue de Beauvais auf einen Mauervorsprung schiele, der für die Wiederkehr der Jungfrau ideal geeignet wäre. Abends in meinem Zimmer verordne ich mir, zehnAve-Maria in Folge aufzusagen. An manchen Tagen gehe ich nach der Schule nicht nach Hause, sondern zu Maman in den Milchladen. Eigentlich geht es mir darum, ganz nah an der Kathedrale vorbeizumüssen und mich vor den gewaltigen Ausmaßen des tausendjährigen Bauwerks winzig klein zu fühlen. Gerne sehe ich auf zu den beiden Türmen, die über mir zu kreisen scheinen. »Was sich da bewegt, sind die Wolken, nicht die Türme«, hat Madeleine mir erklärt. Ich würde gerne zur Messe gehen, aber Maman wüsste nicht, warum. Ich gelobe, eines Tages den Mut aufzubringen, das Allerheiligste zu betreten, das Portal der Kathedrale zu öffnen.

Und da geschieht ein Wunder. Nach sechs Monaten Alopezie fangen meine Haare wieder zu wachsen an. Die Stellen, an denen meine Schädelhaut sichtbar ist, sind von einem Flaum überzogen. Zuerst seidig wie ein Küken, dann kraus. Es lässt sich nicht leugnen: Ich bekomme Locken. Nicht einfach nur gewelltes Haar, nein richtige Kringel, Korkenzieherlocken. Dabei hatte ich bisher immer glattes Haar. Maman ist irritiert. Mir gefallen diese Haare. Und vor allem sind sie das Zeichen, auf das ich warte. Bernadette persönlich hat mich erwählt. Ich bin auf dem richtigen Weg. Ich muss weitermachen.

 

Es wird Frühling, die Bäume schlagen aus. Mir bleiben nur noch ein paar Monate bis zu den Prüfungen für den Volksschulabschluss. Ich habe ordentliche Noten, ohne mich wirklich anzustrengen. Mein stotternder Glaube nimmt mich völlig in Beschlag. An einem Nachmittag im April mache ich, statt an der Kathedrale entlangzugehen, einen Umweg. Ich beschließe, die Rue du Cheval-Blanc zu nehmen, eine dunkle Gasse, in der die Dächer der Häuser so eng zusammenrücken, dass der Himmel nicht hereindringt. Am Ende der Gasse liegt die katholische Buchhandlung »Zur Heiligen Jungfrau«.

Ich mustere die Auslage und staune über die Unmengen von toten Fliegen, die an den Aufstellern kleben. Und da sehe ich es. Bescheiden, elfenbeinfarben, fast verloren zwischen den prunkvollen Werken zur religiösen Kunst. Es heißt: Das Leben der heiligen Bernadette. Die Vertraute der Unbefleckten. Ein Stich zeigt Bernadette Soubirous in ihrem Ordensgewand. Sie sieht nicht aus wie auf dem Porträt im Klassensaal. Sie wirkt älter, weniger bestimmt, sanft. Dieses Buch birgt die Geheimnisse, wie man heilig wird: kein Zweifel. Mich überfällt ein heftiger, beinahe lebenswichtiger Drang. Ich muss dieses Buch haben.

Ich betrete die Buchhandlung. Die Tür schleift über den Boden, die Glühbirne knistert. Drinnen stapeln sich die Bücher auf Holztritten, verkehrt herum, richtig herum, ein einziger Wust. Es riecht nach muffigem Papier. Eine Frau mit grauen Haaren, die in einer Ecke hockt, richtet sich auf. Sie kratzt sich mit einem Bleistift am Kopf und mustert mich.

»Guten Tag, meine Kleine. Was darf es sein? Wenn du Lose für die Tombola verkaufen möchtest, ich habe kein Kleingeld mehr.«

»Nein, nein, es ist wegen der heiligen Bernadette.«

Ich trete an die Auslage, um ihr das Buch zu zeigen.

»Na, na, Finger weg, du fasst mir hier nichts an.«

»Ich möchte nur ein Buch durchblättern.«

»Hast du Geld?«

»Nein, aber ich …«

»Dann komm mit einem Portemonnaie wieder! Falls du das Buch über die heilige Bernadette meinst, das kostet sechzehn Franc.«

Mit ausgestreckter Hand zeigt sie auf die Tür. Ich will etwas erwidern, erröte, mache mich davon.

 

Keuchend komme ich zu Hause an. Der Gedanke, dass es ganz in meiner Nähe ein Buch gibt, das mein Leben verändern könnte, lässt mich nicht los. Ich kann an nichts anderes mehr denken. Nach dem Abendessen halte ich es nicht mehr aus. Als Maman aufsteht, um ins Bett zu gehen, schnappe ich sie mir.

»Maman, würdest du mir etwas schenken?«

»Etwas schenken? Es ist doch nicht Weihnachten!«

»Ja, ich weiß, aber dieses eine Mal … Es ist ein Buch.«

»Ein Buch? Du willst ein Buch von mir?«

»Ja, darf ich? Gibst du mir das Geld?«

»Immer langsam, was für ein Buch ist es denn?«

»Eines über die heilige Bernadette.«

»Ah, ein Pfaffenbuch! Ich weiß nicht, ob dir das bei der Rechtschreibung hilft.«

»Maman, es ist wichtig …«

»Hör zu, ich schenke dir das Buch, wenn du in der Schule ein Bildchen bekommst.«

Als ich das höre, tut sich unter meinen Füßen ein Abgrund auf. Für ein Bildchen braucht man zehn Fleißpunkte. Und für einen Fleißpunkt muss man eine Rechenaufgabe oder ein Diktat ohne Fehler geschrieben oder untadeliges Betragen vorgewiesen haben. In anderen Worten, Fleißpunkte und Bildchen sind für mich unerreichbar.

»Maman, das schaffe ich nie …«

»Doch, Simone, genau so wirst du in der Schule einmal glänzen. Es soll doch zu etwas gut sein, dass wir sie bezahlen. Ich weiß, dass du das kannst.«

Ich lasse es dabei. Die Bettelei ist mühsam. Und ich weiß, dass Maman ihre Meinung ohnehin nie ändert. Am nächsten Tag gehe ich noch einmal an der Auslage der Buchhandlung vorbei, um herauszufinden, wie ernst es mir ist. Ja, Das Leben der heiligen Bernadette liegt immer noch da. Ja, ich muss schlucken bei dem Gedanken, dass dieses Buch mir verboten ist. Ja, ich könnte stundenlang den Einband studieren. Aber als das Gesicht der Buchhändlerin auftaucht, trolle ich mich.

Mein Entschluss steht. Für meinen Volksschulabschluss lerne ich mit bisher ungekanntem Fleiß. Sobald ich von der Schule zurück bin, setze ich mich mit Heften, Tintenfass und Löschpapier an den Esszimmertisch. Und ich lese, lerne, schreibe ab. Maman freut sich über diese Neuerung. Sie rechnet diesen Erfolg sich selbst an. Ich bekomme einen Fleißpunkt für das Gedicht, das gerade aufzusagen ist: Die Grille und die Ameise. Dann noch einen für eine Rechenaufgabe mit Weizenfeldern. Meine Mühe wird belohnt. Bald werde ich mir das ersehnte Buch kaufen können.

 

An einem Montag Ende Mai reicht mir Schwester Marie-Claire meinen achten Fleißpunkt. »Glückwunsch, Mademoiselle Grivise! Viel kann ja nicht mehr fehlen für ein Bildchen!« An diesem Tag sitze ich verträumt an meiner Bank und lasse die Augen schweifen. Bald ist Mittagspause, Sonnenstrahlen dringen in den Saal, das Porträt der heiligen Bernadette schimmert. Ich stecke die Hand in meine Federmappe und berühre meine Fleißpunkte, kleine rote Kärtchen aus weichem Karton, das Versprechen einer nahen Offenbarung.

Plötzlich sehe ich, wie rechts zwei Reihen vor mir die Klassenstreberin Renée einen blechernen Federkasten öffnet. Sie legt eine Achatmurmel hinein, und ich sehe ihr Häufchen Fleißpunkte. Auch sie muss die zehn bald beieinanderhaben. Klar, schließlich meldet sie sich ständig, redet, um zu reden, das gefällt natürlich Schwester Marie-Claire. Dabei ist sie auch nicht klüger als ich. Und sie ist nicht die Letzte, die mir ihre Gemeinheiten nachruft. Ein Bildchen verdient sie jedenfalls nicht.

Das ohrenbetäubende Schrillen der Essensglocke reißt mich von der Bank. Rundum rumort es, schnatternde Mädchen stürzen in den Hof hinaus. Schwester Marie-Claire wischt die Tafel. Renée ist weg. Ich gehe dicht an ihrem Pult vorbei und schnappe mir einen Fleißpunkt. Heimlich, still und leise, ich tue niemandem weh, sorge nur für etwas Gerechtigkeit. Ich renne nach draußen, meine Hände sind feucht, mein Herz jubiliert.

Nach dem Essen komme ich als eine der Letzten in den Saal zurück. Ich setze mich. Vor mir zappelt Renées Rücken: Sie flüstert mit ihrer Nachbarin, durchwühlt ihren Pultkasten. Unsere Lehrerin räuspert sich.

»Mesdemoiselles, Ihre Mitschülerin Renée hat mir eben mitgeteilt, dass ihr ein Fleißpunkt fehlt. Weiß eine von Ihnen, was da vorgefallen ist?«

Aufregung in den Bänken. Schwester Marie-Claire schlägt mit dem Lineal auf das Katheder. Ich zucke zusammen.

»Still, Mesdemoiselles! Ein Fleißpunkt löst sich nicht in Luft auf. Unter Ihnen ist eine Diebin. Wir werden nicht weiterarbeiten, wir werden nicht in die Pause gehen, bevor wir nicht wissen, wer Renée einen Fleißpunkt gestohlen hat.«

Ich sitze kerzengerade, mein ganzer Körper erstarrt. Alle Mädchen spähen um sich. Prüfende Blicke, abschätzendes Mustern. Die geringste Bewegung könnte ein Eingeständnis sein.

»Mesdemoiselles, ich habe Zeit, wissen Sie. Ich möchte, dass die Diebin sich hier und jetzt stellt. Dann können wir das Problem unter uns lösen.«

Minuten vergehen. Die Mädchen ziehen Grimassen. Die Luft schwirrt vor Spannung, aus Angst vor der Strafe. Ich rühre mich nicht, aber mir ist heiß, mein Gehirn kocht, meine Achseln triefen.

»Mesdemoiselles, wenn niemand sich meldet, werde ich die Direktorin um ihr Eingreifen bitten.«

In diesem Augenblick kippe ich um. Ich liege stocksteif am Boden. Zwei Ohrfeigen der Lehrerin bringen mich wieder zu Bewusstsein. Ich öffne die Augen. Schwester Marie-Claire beugt sich über mich, ihre unreine Haut nur ein paar Millimeter vor meinen Augen.

»Na, Mademoiselle Grivise, Sie waren es, oder? Ihre Ohnmacht ist ein Geständnis.«

Ich wehre mich und schreie aus Leibeskräften:

»Nein, nein, ich war es nicht, es war die heilige Bernadette!«

9

Chartres, 16. August 1944, gegen 7 Uhr

Was treibt ihr da? Los, los, bewegt euch!«

Benommen stehe ich auf. Ich helfe Maman auf die Beine. Wir könnten beide einen Muntermacher gebrauchen, für Maman einen Pflaumenschnaps, für mich einen trockenen Weißwein. Der FFI-Mann wedelt mit der Hand: »Los, los, Abmarsch!« In der Ferne krachen weiter die Detonationen. Brandgeruch liegt in der Luft. Wir kommen zur Präfektur, drei Stockwerke, die cremeweiße Fassade, die die halbe Straße einnimmt, und Dutzende Fenster, hinter denen die schweren roten Vorhänge zu erahnen sind.

Da also wird es für mich zu Ende gehen, in der Präfektur. Das haben sich die Partisanen clever ausgedacht. Denn da hat für sie alles begonnen: Jean Moulin als Präfekt, der erste Sabotageakt gegen die Deutschen, die Résistance. Das Gewehrrohr bohrt sich in mein Schulterblatt. Ich werde auf die schwarze Metalltür rechts vom Gittertor zugetrieben. Zum ersten Mal betrete ich das Pflaster des Ehrenhofs.

 

Drinnen herrscht aufgeregtes Gewimmel. Ausschließlich Männer; manche noch in ihren grünen Bauernkitteln, andere in Hemdsärmeln, aber alle haben sich schnell die Armbinde angelegt. Alle sind recht und schlecht bewaffnet, hier ein Gewehr, dort eine Pistole. Sogar eine Maschinenpistole fällt mir ins Auge, schräg über einer Schulter hängend. Überall heftige Debatten, Begeisterung und Ungeduld.

Plötzlich schwingt das schwarze Gittertor auf. Man hört die Reifen eines Renault Juvaquatre quietschen. Ich dränge mich an Maman, damit ich nicht überfahren werde. Auf der Rückbank thront eine Frau, den Hutschleier auf der Stirn. Durch die Scheibe schweift ihr Blick über den Hof, als suchte sie Trost. Er bleibt abschätzend an mir hängen. Ich wende den Kopf ab. In solchen Momenten gibt es keine Solidarität. Es ist jede für sich. Ich habe niemanden denunziert. Ich habe Otto geliebt. Ich habe mit ihm Françoise gezeugt. Das war’s.

Wir steigen die Stufen zum Eingang hinauf und durchqueren einen Vorraum. Schwarz-weiße Marmorfliesen auf dem Boden. Keine Zeit, sie zu bestaunen. Schon sind wir hindurch, wieder Stufen, diesmal treppab.

Wir gelangen in einen zweiten Hof. Er ist kleiner, dunkler, von einer hohen Mauer umgeben, keinerlei Zugang zur Straße. Hier sind die cremeweißen Fassaden mausgrau, keine Vorhänge mehr an den Fenstern. Das Gewimmel vom Ehrenhof klingt hier gedämpft. Da sind immer noch FFIs, die durch die Luft fuchteln, aber sie sind nicht mehr von Begeisterung getrieben, sondern von Argwohn. In einer Ecke, unübersehbar, Männer, Frauen, ein knappes Dutzend. Sie stehen mit gesenktem Blick, als versuchten sie, mit der Mauer zu verschmelzen. Wir werden zu ihnen geführt. Einauge lässt endlich meinen Arm los. »An die Mauer, und keine Bewegung, ihr Nazikumpane!«

 

Ich stelle mich zwischen Maman und den Alten und massiere mir den schmerzenden Arm. Aus den Augenwinkeln blicke ich mich unauffällig um. Und da sehe ich ihn. Von hinten nur, aber kein Zweifel, das ist eindeutig sein schmaler Nacken, der mich vor langer Zeit so verrückt gemacht hat. Seine schwarzen, glänzenden Locken. Pierre. Ich wusste, dass wir einander noch einmal begegnen würden. Wie habe ich dich gehasst. Die Galle brennt mir im Magen, steigt mir den Rachen hoch, ich kann mich nicht mehr beherrschen. Ich schließe die Augen, sauge durch die Nase die Luft ein, und plötzlich kann ich nicht mehr an mich halten: Ich spucke ein gelbliches Klümpchen aus. Meine Kehle brennt, ich habe einen ätzenden Geschmack im Mund, aber ich fühle mich besser. Jetzt ist kein Hass mehr in mir. Das ist alles Vergangenheit.

Pierre hat sich umgedreht. Mit gerunzelter Stirn mustert er die Gefangenen an der Mauer. Unsere Blicke stoßen hart aneinander. Ganz kurz wissen Pierres Pupillen nicht wohin, sie flattern nach rechts, nach links. Er hat mich erkannt. Er beugt sich zu einem Kameraden. Und was jetzt kommt, kann ich kaum glauben: Der Mann, an den Pierre sich wendet, ist Lucien, einer der Doriot-Anhänger am Lycée Guéry. Gestern noch Jungvolk bei den Faschisten, heute glühender Résistant. Pierre und Lucien nicken einander stumm zu. Sie haben beschlossen, mich nicht zu kennen. Ich wende das Gesicht ab, wende den Körper ab, mir doch egal, sie interessieren mich gar nicht mehr.

 

Die beiden FFIs, die uns heute Morgen abgeholt haben, halten jetzt Wache. Die feine Dame aus dem Auto wird zu uns gebracht. Ihr Hutschleier baumelt, ihre losen Haare fallen ihr bis ins Kreuz, aber ihr beiges Kleid sitzt einwandfrei an ihrer Taille. Es muss ein Vermögen gekostet haben. Die Frau kommt auf mich zu. Sie verströmt einen sauren Schweißgeruch.

Plötzlich überkommt den Alten ein Anfall. Wie ein Verrückter jault er: »Ihr habt kein Recht, uns hier einzusperren! Diese Verhaftung ist gegen das Gesetz! Meine Familie hat sich nichts vorzuwerfen!« Maman und ich reißen die Augen auf. Unser Bewacher erwidert: »Nichts vorzuwerfen, du liebe Scheiße, ja! Warte bisschen, dann kapierst du’s schon!« Er stößt dem Alten den Gewehrkolben in den Magen. Der sackt ächzend an die Mauer. Er macht keinen Piep mehr. Fast habe ich Mitleid mit ihm.

 

Keine Spur mehr von Pierre und Lucien. Sie haben sich in Luft aufgelöst. Auf der anderen Seite des Hofs werden gerade drei Männer hereingebracht, die Hände hinter dem Rücken gefesselt. Die Leute scharen sich um sie. Auch unsere Bewacher lassen von uns ab, so verlockend finden sie das neue Schauspiel. Diese drei Männer kenne ich irgendwoher, jedenfalls zwei von ihnen. Ja, richtig: Sie waren bei den Faschisten in der Französischen Volkspartei. Wahrscheinlich bin ich ihnen bei der Parteisitzung an der Place Billard begegnet, wo ich einmal war. Das waren keine führenden Köpfe, bloß kleine Handlanger. Denen droht gar nichts, höchstens ein paar Ohrfeigen.

Aus der Schar, die sie umringt, erheben sich Stimmfetzen über das allgemeine Gemurmel. Ein hagerer Mann mit Schnurrbart brüllt:

»Und, Tadieu, dieser Dreckskerl hat dich also denunziert?«

»Ja, ja, er war es. Aber nimm die Waffe runter, wenn du mit mir redest.«

»Von dir lass ich mir nichts befehlen, klar? Wenn dieses Schwein dich verpfiffen hat, dann knall ihn ab! Da, nimm meine Knarre!«

Der Mann in Handschellen winselt. Tadieu, ein zierlicher, bartloser Jungspund, schüttelt den Kopf.

»Hör auf, man knallt nicht einfach so Leute ab!«

»Da kneifst du! Aber auf unserer Seite stehst du schon, oder?«

»Hör auf mit dem Blödsinn. Willst du sein wie sie? Die Hände voller Blut?«

»Du hast eben keine Eier! Schau zu, wie man Nazikumpane umlegt!«