Ihr sehnlichster Wunsch - Clarice Tartufari - E-Book

Ihr sehnlichster Wunsch E-Book

Clarice Tartufari

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Beschreibung

Eine italienische Madame Bovary Rom im 19. Jahrhundert. Die junge Ginevra stammt aus bescheidenen Verhältnissen und träumt von der großen Welt und der Liebe. Als ihr in einem kleinen Städtchen bei Frascati eine Stelle als Lehrerin angeboten wird, scheint ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung gegangen zu sein: Ein freies, unabhängiges Leben liegt vor ihr. Doch während Ginevra im Zug nach Frascati sitzt und vom Dampf der Lokomotive fortgetragen wird, ahnt sie bereits, dass alles ganz anders kommen wird. Und dass der Traum von der großen Liebe nicht leicht zu erfüllen ist … «Anrührend!» (Deutschlandradio Kultur) «Lesenswert!» (Berliner Morgenpost)

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Seitenzahl: 107

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Clarice Tartufari

Ihr sehnlichster Wunsch

Roman

Deutsch von Suse Vetterlein

Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Marc Föcking

1.Kapitel

Maddalena, die sonst immer so müde aussah, wie jemand, der zu viel arbeitet und stets gezwungen ist, gegen die Nöte des Lebens zu kämpfen, war an diesem Tag fröhlich, und auf den ersten Blick erriet man, dass die gute Frau glücklich war.

War doch Ginevra, ihre einzige und geliebte Tochter, in die höhere Schule aufgenommen worden, die sie nach drei Jahren Ausbildung als Grundschullehrerin verlassen würde.

Maddalena dachte überhaupt nicht daran, wie lang diese drei Jahren werden könnten, sie dachte nicht an all die Hürden, die einen guten Abschluss verzögern oder gar verhindern könnten; sie machte sich keine Gedanken um die Opfer, die sie und ihr Mann bringen müssten, um für die Kosten der Bücher, der Gebühren und der Kleidung aufzukommen.

Sie glaubte schon, den Neid und die Bewunderung anderer Mütter aus der Nachbarschaft zu spüren; schon sah sie Ginevra, wie sie ihren Beruf ausübte und dabei das Nötige verdiente, um sich und ihre Familie zu ernähren, ohne jeden Centesimo zweimal umdrehen zu müssen.

Dann würde auch die arme Maddalena endlich einmal zur Ruhe kommen! Sie fühlte, wie nötig sie das hatte, nachdem sie in ihrer achtzehnjährigen Ehe nicht einen ruhigen Moment hatte genießen können, immer das Bügeleisen in der Hand, von früh bis spät, um sich als Büglerin mühsam ein bisschen Geld zu verdienen.

Zunächst war man sich einig gewesen, dass Ginevra nach vier Jahren Volksschule Schneiderin werden sollte, doch eines Tages hatte die Rektorin zu Maddalena gesagt, das Mädchen sei sehr begabt und sie müssten eine Lehrerin aus ihr machen. Der armen Frau war diese Idee so glänzend und gleichzeitig so aussichtslos erschienen, dass sie damals sogleich den Kopf geschüttelt und gesagt hatte, daran sei gar nicht zu denken. Aber an diesem Tag dachte sie sehr wohl daran, und auch an den darauffolgenden Tagen, und mit der Zeit kam ihr das, was ihr zunächst unmöglich erschienen war, plötzlich durchaus machbar vor, eigentlich ohne weiteres machbar, und so sprach sie mit ihrem Mann darüber und zählte eine ganze Reihe von Gründen auf, um ihn zu einem Einverständnis zu bewegen.

Giuseppe, der als Briefträger arbeitete und fast nie zu Hause war, brummte zunächst irgendetwas vor sich hin, doch dann erschien auch ihm die Idee, Ginevra könne Lehrerin werden, durchaus verlockend, und er erklärte sich einverstanden.

Was das Mädchen anging, so nahm es die Entscheidung der Eltern freudig an und begann sofort mit großem Eifer zu lernen, um sich möglichst gut auf die Zulassungsprüfung vorzubereiten. Zu guter Letzt war Ginevra – nach Tagen voller Unruhe, Angst und Sorgen – im ersten Ausbildungsjahr eingeschrieben.

Um vier Uhr nachmittags vernahm Maddalena, die schon die ganze Zeit die Ohren gespitzt hatte, die leisen Schritte ihrer Tochter auf der Treppe und öffnete aufgeregt, mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht, die Tür.

Das Mädchen sah leicht anämisch aus, der Gang war müde, wie bei fast allen Mädchen, die das Unglück haben, in den engen Vierteln einer großen Stadt aufzuwachsen, wo die Häuser dicht an dicht stehen, in jenen tristen, feucht-kalten Vierteln, in die nur selten die Sonne dringt, wo der Atem der zu vielen Menschen die Luft ungesund macht. Auf den ersten Blick wirkte das junge Mädchen eher farblos, die Klatschbasen aus der Nachbarschaft bezeichneten es sogar als hässlich und bemängelten das blasse Gesicht und die schmächtige Figur. Doch ein aufmerksamer Beobachter hätte an ihr viele Vorzüge entdecken können, die zunächst nicht auffielen: Das kastanienbraune Haar war weich und kräftig; die schmalen, schön geschwungenen Augenbrauen verliehen ihr eine naive, fast kindliche Ausstrahlung, die verführerisch wirkte; sie hatte einen sanften, gutherzigen Blick, und wenn sie lächelte, kamen ihre weißen, geraden Zähne zum Vorschein, ihr ganzes Gesicht strahlte, sodass sie in solchen Momenten sehr anmutig wirkte.

Maddalena nahm der Tochter die Schultasche ab und bestürmte sie mit tausend Fragen.

«Und, was hast du heute gelernt? Was haben die Professoren gesagt? Sind die anderen Schülerinnen genauso gut wie du…?»

Ginevra musste über die neugierigen und naiven Fragen ihrer Mutter lachen.

«Was soll ich in den paar Stunden schon gelernt haben? Und was sollen die Professoren schon sagen? Wir sind doch so viele, da hätten sie ziemlich viel zu tun, wenn sie mit jedem Einzelnen reden müssten! Und was meine Mitschülerinnen angeht, da kann ich dir sagen, dass alle viel besser gekleidet waren als ich. Beim Hinausgehen habe ich sogar gehört, wie mich eine aus dem dritten Jahr Lumpenweib nannte!»

Die gute Maddalena fühlte sich gedemütigt, als ihre Tochter von den Kränkungen erzählte, und von diesem Tag an sollte diese immer ihr graues Wollkleid tragen, das bisher achtsam gehütet und nur für besondere Anlässe aus dem Schrank geholt worden war.

Die drei Jahre verliefen regelmäßig und eintönig, ohne dass besondere Ereignisse das Leben der Familie Gabrielli erschüttert hätten.

Maddalena sah mit Freuden dem großen Tag entgegen, da die Tochter Lehrerin sein und Wohlstand ins elterliche Heim bringen würde. Ginevra nährte die übertriebene Hoffnung der Mutter zwar nicht, doch ihre jugendliche Phantasie spiegelte ihr eine märchenhafte Zukunft vor, sie stellte sich vor, dass sie glücklich in einer sauberen, ordentlichen Schule wohnen würde, umgeben von einer rosigen und lächelnden Kinderschar.

Es fehlten nur noch wenige Monate bis zur Zeit der Abschlussprüfung, als ein Neffe Maddalenas, ein Kunsttischler aus einem kleinen Provinzstädtchen, den Entschluss fasste, nach Rom zu gehen, um dort Arbeit zu finden und ein wenig Geld zu machen.

Man beschloss, den Jungen in einem kleinen Zimmer im Haus der Tante wohnen zu lassen und in die Familie aufzunehmen, wenn er jeden Monat eine bescheidene Summe zahlte.

Carlo war ein liebenswerter, tüchtiger junger Mann, der sich fast nie betrank, nur in allerhöchstem Zorn fluchte und seinem Beruf mit einer gewissen Leidenschaft nachging.

Wegen seines unbekümmerten, fröhlichen Gemüts, wie man es mit fünfundzwanzig eben hat, schlossen ihn Onkel, Tante und Cousine sofort in ihr Herz, und oft machte sich Ginevra abends den Spaß, ein paar seiner sprachlichen Fehler zu korrigieren oder ihm ein Gedicht zu erklären, um einen gebildeten Mann aus ihm zu machen, wie sie zu sagen pflegte – oder um ihn verdummen zu lassen, wie er behauptete. Aber er meinte das nicht ernst, denn diese abendlichen Lektionen waren für ihn ganz im Gegenteil seine einzige Erholung, teils, weil er noch viel lernen wollte, um sich dem Niveau der Cousine anzunähern, teils weil er es genoss, von seiner reizenden Lehrerin gelobt oder getadelt zu werden. Ginevra nahm ihre Sache sehr ernst und behandelte ihn tatsächlich wie ein Schulkind: Sie setzte sich neben ihn und überprüfte das Diktat, sie schaute ihm über die Schultern, um das Gekritzel in seinem Heft zu entziffern, sie legte seine Hände ordentlich auf den Tisch, sie drohte ihm mit strenger Miene, wenn er krumm dasaß oder ihm ein besonders grober Fehler unterlief. Wenn sie neben Carlo saß, wurde seine Schrift unleserlich, denn der listige Schüler hielt dann die Schreibfeder wie einen Meißel, damit die junge Lehrerin seine Hand nehmen und ihm zeigen musste, wie man es richtig macht.

Für Ginevra war ihr Cousin nichts anderes als ein harmloser großer Junge, mit dem man sich unbeschwert die Zeit vertreiben konnte, und niemals wäre sie auf die Idee gekommen, der arme Kerl könnte für sie mehr empfinden als die herzliche Sympathie oder die geschwisterliche Zuneigung, die sie ihm entgegenbrachte. Außerdem entsprach Carlo nicht ihrem Idealbild von einem Mann. Sie kannte die vorzüglichen Qualitäten ihres Cousins und wusste sie zu schätzen, mehr aber auch nicht.

An dem Tag, als Ginevra endlich ihr Diplom als Lehrerin erhielt, bereitete Maddalena einen Festschmaus, Giuseppe lud zwei Freunde und deren Frauen ein, und so wurde der langersehnte Augenblick ausgiebig gefeiert. Wenn man sie so fröhlich und freudestrahlend um den Festtagstisch sitzen sah, von ihren großartigen Plänen, die sie schmiedeten, reden hörte, oder davon, was im Haus alles erneuert werden könnte, so schien es, das Schicksal hätte die kleine Familie ganz unvermittelt mit reichlich Glück beschenkt.

Tagelang wiederholte Maddalena immer wieder aufs Neue:

«Das hat Ginevra gesagt, und die ist Lehrerin! Jetzt, wo meine Tochter doch Lehrerin ist! Das muss ich Ginevra fragen, die ist schließlich Lehrerin!» Und ihre Nachbarinnen wurden nicht müde, sie immer wieder zu hänseln – teils weil sie es nicht mehr hören konnten, teils aus Neid.

Wer sich am wenigsten freute, war Carlo, der seit geraumer Zeit weder fröhlich noch redselig war, denn dem Armen schien es, als hätte sich zwischen ihm und seiner Cousine eine unüberwindliche Mauer hochgezogen, seit sie Lehrerin war. Da Carlo jeden Tag mit Ginevra zusammen gewesen war, viel Zeit mit ihr verbracht und immerzu ihre Stimme gehört hatte, hatte er sich im Laufe der Zeit Hals über Kopf in sie verliebt. Doch wenn er an den Unterschied zwischen sich, dem einfachen Handwerker, und ihr, dem so gebildeten, reizenden Mädchen, dachte, verbarg er schnell seine Gefühle, sie erschienen ihm allzu töricht.

Ginevra hatte bereits ein Gesuch eingereicht, um alsbald eine Anstellung zu finden, sie war gar nicht erst auf die Idee gekommen, dass ihre Anfrage abgelehnt werden könnte. Doch die Ernüchterung stellte sich schnell ein, denn der November rückte näher, und noch immer hatte sie keine Antwort erhalten. So beschloss die junge Frau, sich an den Schulinspektor zu wenden, mit dem sie nach drei erfolglosen Versuchen schließlich auch sprechen konnte.

Er empfing sie im Stehen, gehetzt, ganz wie jemand, der gewisser Besucher überdrüssig war, und schon nach wenigen Worten verabschiedete er sie wieder:

«Ich werde versuchen, an Sie zu denken, Signorina, aber wir haben so viele Anfragen, dass wir für jedes Kind eine eigene Lehrerin ernennen müssten, wenn wir allen stattgeben würden!»

Ginevra ging traurig und entmutigt nach Hause. Es widerstrebte ihr, etwas erbetteln zu müssen, von dem sie glaubte, es stünde ihr rechtmäßig zu; andererseits quälte sie der Gedanke, dass sie ihre Eltern enttäuscht hatte, die doch so viel für sie getan und all ihre Hoffnung auf sie gesetzt hatten.

Eine Signora, für die Maddalena schon seit Jahren bügelte, verwies sie an einen Ministerialrat im Bildungsministerium.

Zu diesem begab sich Ginevra schließlich mit ihrer Mutter, und schon beim Betreten des Palazzo della Minerva lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken: Die Amtsdiener, die sie so unverschämt musterten und sich kaum dazu herabließen, ihr mit einer Handbewegung den Weg zu zeigen; die Geschäftigkeit der vielen Leute, die nach dem Stand ihrer Eingaben fragen wollten; die angespannten Gesichter derer, die hinaufgingen, und die meist bedrückten Mienen derer, die herunterkamen – all das bewirkte, dass Ginevra diese endlosen Stufen mit unbeschreiblichem Herzklopfen hinaufstieg.

Als sie das kleine Vorzimmer vor dem Büro des Ministerialrats betraten, trafen sie dort einen Amtsdiener an, und als dieser die bescheidene Kleidung der zwei Frauen und ihr schüchtern-verlegenes Verhalten bemerkte, überschüttete er sie unter großem Gebaren mit Fragen, als würde er tatsächlich etwas bedeuten.

«Mit wem wünschen Sie zu sprechen?»

«Mit Herrn Ministerialrat Galli.»

«Tut mir leid, er ist gerade beschäftigt und kann niemanden empfangen.»

«Dieses Schreiben ist für ihn», erwiderte Maddalena schroff – sie war Formalitäten nicht gewohnt und als echte Römerin auch nicht gerade geduldig.

«Ist das Schreiben von einem Abgeordneten?»

«Nein, von einer Dame!»

«Schon gut, geben Sie es her! Ich werde es ihm aushändigen.»

«Niemals! Und wenn ich dafür die Füße des Heiligen Vaters küssen dürfte», brummte Maddalena, doch ein flehender Blick der Tochter brachte sie zum Schweigen.

Nach wenigen Minuten kehrte der Amtsdiener zurück und forderte sie auf einzutreten.

Die beiden Frauen sahen den Ministerialrat gerade einige Formulare unterschreiben, er war so vertieft in seine Arbeit, dass er sich durch nichts ablenken ließ, bis er fertig war; dann läutete er eine kleine Glocke, überreichte dem Amtsdiener die Unterlagen und entschied sich endlich, sich den beiden Frauen zuzuwenden, die verlegen vor ihm standen und wegen des wenig freundlichen Empfangs nur noch schüchterner waren.

«Nun… die Signorina hat also in Rom studiert?», fragte der Ministerialrat, nachdem er einen flüchtigen Blick auf das Schriftstück mit Ginevras Empfehlung geworfen hatte.

«Jawohl!», antworteten Mutter und Tochter im Chor.

«Und nun wünschen Sie zu arbeiten, nehme ich an.»

«Ich wünsche es mir nicht, ich muss…», murmelte Ginevra und errötete.

«Das ist nicht ganz einfach, denn hier findet jeden Tag eine regelrechte Prozession von Vätern und Müttern statt, die eine Arbeit für ihre Töchter wünschen. Mein Gott, alle wollen Lehrerin werden, eine richtige Manie ist das!»

Maddalena fand den Mut, mit zitternder Stimme zu insistieren:

«Dann ist das erst der Anfang unseres Unglücks, wo wir dachten, jetzt wäre alles überstanden? Wir hatten gehofft, Ginevra könnte uns unterstützen, und jetzt, nach all den Opfern, die wir gebracht haben, nach all den Strapazen, findet meine Tochter keine Anstellung?»