Ihr spätes Erkennen - Sanne Ebald - E-Book

Ihr spätes Erkennen E-Book

Sanne Ebald

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Beschreibung

Bo, Frau und Mutter, gesteht sich erst mit fast fünfzig Jahren ein, dass sie lesbisch ist. Ihr Leben hätte so schön sein können. Gutbürgerlich aufgewachsen, nimmt ihr Leben zuerst einen ganz normalen Verlauf. Nach dem Abitur studiert sie, tritt erfolgreich ins Berufsleben ein und heiratet die erste große Liebe. Sie bekommen zwei Söhne. Finanziell ist die Familie gut aufgestellt. Alles scheint perfekt bis sie allmählich die Erkenntnis gewinnt, lesbisch zu sein und ihr Lebenskonstrukt beginnt zu bröckeln. Diese Erkenntnis jagt ihr vor allem die Angst ein, ihren Söhnen zu schaden. Sie zweifelt an der Möglichkeit, als Lesbe ihren Kindern eine gute Mutter sein zu können. Vielmehr überlegt sie durch Selbstmord der Situation zu entfliehen und ihre Kinder lieber allein zu lassen, als sie mit einem Coming-Out zu kompromittieren. Nur mit dem Mut der Verzweiflung und der Hilfe von Freund*innen kann sie ihre heterosexuelle Vergangenheit hinter sich lassen, um als Lesbe ein neues Leben aufzubauen. Am Ende einer langen Odysee gelingt es ihr sogar, alle direkt Beteiligten an einen Tisch zu bekommen. Sie feiern im Kreis einer Patchworkfamilie das Weihnachtsfest, bei dem Bo ihre lange Geschichte Revue passieren lässt.

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Seitenzahl: 357

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Weihnachten 2017: Eine ganz besondere Patchwork-Familie

Sommer 1976: Der erste Freund

Weihnachten 2017

1984: Ein Kribbeln auf der Kopfhaut

1988: Männer brauchen wir hier nicht

1991: Irgendwie musste es so kommen

Frühjahr 1994: Alles im grünen Bereich

1996: Kein Slogan der Welt kann sie locken

1997: Bo fehlt ein ruhiges Gespräch

2007: Ist das alles, was sie im Leben will?

Weihnachten 2017

Mai 2007: Nur so Gedanken

Weihnachten 2017

Frühjahr 2009: Ein Gedanke setzt sich in ihr fest

Sommer 2009: Was hat diese Frau?

Herbst 2009: Liebe auf andere Art

Winter 2009: Am liebsten würde sie das Leben aussperren

2010: Der Schrei in ihrem Innern

Weihnachten 2017

2010: Vor allem, will ich keinem weh tun

2010: Endlich mal wieder ein gemeinsamer Tag

2010: Vielleicht hast du eine falsche Vorstellung?

2010: Ich liebe Frauen

2010: Es kommt ihr wie Verrat vor

Weihnachten 2017

2010: Ich muss euch etwas sagen

2010: Es wird Zeit sich zu erklären

2010: Der nächste Schritt deiner Befreiung

2010: Bo ist auf der Lauer

2011: Ja, da bin ich

2011: Noch immer ist da diese Anziehungskraft der Tiefe

2011: Als wäre das Erklärung genug

2012: Zuhause? Wo genau ist das?

2012: Ein Lachen in ihrem Herzen

Frühjahr 2013: Aber manchmal gibt es Zufälle im Leben, die sind unbezahlbar

Mai 2013: Glück gehabt

Juli 2013: Fünfunddreißig Minuten

Weihnachten 2017

Eine ganz besondere Patchwork-Familie

Bo blickt versonnen durch die Scheiben des Wintergartens. Noch ist es still. Draußen legen sich sanft Schneeflocken wie Zuckerguss auf die noch jungen Büsche. Katrin und Bo, sie haben sich hier in der kleinen Reihenhaussiedlung ein gemütliches Reich geschaffen. Sie haben viel Energie hineingesteckt. Wie ein trauriges hässliches Entlein hatte ihr Haus ausgeschaut, doch sie haben es wieder erstrahlen lassen. So wie Katrin Bo zum Lachen gebracht hat. Ohne ihren Halt stünde sie jetzt nicht so glücklich hier, während sie auf ihre Söhne wartet. Und natürlich Vera. Ohne sie, die jetzt fern in der Schweiz wohnt, wäre die Geschichte vielleicht gar nicht ins Rollen gekommen.

Die Glocken des nahen Kirchturms läuten schon zur Weihnachtsmesse. Ein leichtes Kribbeln durchzieht ihren Körper. Ob es wirklich eine gute Idee ist, mit allen zusammen das Weihnachtsfest zu feiern? Gleich würde sie gemeinsam mit ihnen am Tisch sitzen. Eine seltsame Konstellation: Ihr Ex-Mann Frank mit seiner neuen Frau Judith, ihre Söhne Kai und Jannik - und ihre, Bos Frau Katrin, ihr spätes Glück. Vor ein paar Jahren hatte sie davon noch nicht zu träumen gehofft.

Sollte sie sich schon einmal überlegen, wo sie sich später hinsetzen würde? Oder es dem Zufall überlassen? Jetzt wird sie doch nervös. Ein Schweißfilm breitet sich unter ihren Achseln aus und ihre Hände zittern leicht, als sie die Kerzen auf dem Tisch anzündet.

„Wo sind die Servietten?“ Ihre Stimme kippt etwas. Katrins Kopf lugt durch die Küchentür. Ein sanftes Lächeln umspielt ihren Mund, während ihre Augen Bo schelmisch anfunkeln.

„Na, da wo du sie hingepackt hast. In der dritten Schublade.“ Bevor sie wieder verschwindet, zwinkert sie ihr zu. „Ganz ruhig, Bo, alles wird gut.“

Wahrscheinlich hat sie Recht, was soll schon geschehen. Den großen Feuerlauf hat sie schon hinter sich. Trotzdem durchzuckt sie der grelle Klingelton der Türschelle wie ein Stromschlag. Vorsichtig öffnet sie dem Besuch die Tür. Vier Augenpaare schauen sie erwartungsvoll an.

„Hallo“, unbefangen tänzelt Judith der Gruppe vorweg ins Wohnzimmer: „Schön habt ihr es hier! Und so nett dekoriert!“ Frank folgt ihr dicht auf den Fersen, als könne er sich hinter ihr verstecken wie hinter einem Schutzschild. Kai und Jannik dagegen schlendern betont lässig ins Haus. Franks Blick wandert zaghaft zwischen Judith und Bo hin und her. Ob er uns vergleicht? Wahrscheinlich.

„Setzt euch doch. Ich hol mal den Sekt!“ Dankbar für eine kurze Pause, huscht Bo in die Küche und kramt geräuschvoll im Kühlschrank nach der Flasche Mumm. Wenn es etwas Besonderes sein muss! Der Slogan klirrt durch ihren Kopf.

„Wer muss Auto fahren?“ Katrin schaut sich keck um. „Der kriegt nur Kranwasser.“ Sie kichert: „Okay, ein Gläschen ist erlaubt.“ Bos Ex-Mann sieht sie forschend an. Was geht ihm wohl durch den Kopf? Schließlich hat Katrin seine Stelle an ihrer Seite eingenommen. „Ich fahre. Ihr könnt trinken“, murmelt Frank in die Runde.

Bo beäugt ihre Söhne, wie sie höflich an ihren Sektgläsern nippen. Sie sind erwachsen geworden. Groß und stattlich. Den jüngeren Jannik ärgern sogar schon die Geheimratsecken. Das filigrane Sektglas in seiner Hand wirkt etwas unplatziert. Seine Finger sind doch eher für kraftvolles Arbeiten an Fahrzeugen geeignet. Ganz der Opa.

Kai, der Ältere, kommt mehr nach Bo. Die schmale Figur, die schlanken Hände, der kleine Kopf. Nur die gebogene Nase ist vom Vater. Sie blinzelt heimlich von Frank zu Kai. Die Verwandtschaft ist nicht zu leugnen. Die Kinder werden sie für ewig verbinden. Gut so. Sie werden ja hoffentlich für den Rest ihres Lebens freundschaftlich verbunden bleiben. Bis dass der Tod euch scheidet. So hatte es vor dreißig Jahren bei ihrer Hochzeit geheißen.

„Prost! Auf unsere Zukunft!“ Judith reißt Bo aus ihren Gedanken. Alles ist anders gekommen als gedacht. Aber sie ist glücklicher als jemals zuvor.

„Prost! Auf das wir uns weiterhin so gut verstehen!“ Bos Lächeln hat wieder Sicherheit gewonnen und sie eilt erneut in die Küche. Was Vera, ohne die Bos Lebensweg höchstwahrscheinlich in alten, gewohnten Fahrwassern geblieben wäre, jetzt wohl sagen würde?

***

Hitzeblasen blubbern an der Oberfläche der Suppe. Vorsichtig füllt Bo die heiße Flüssigkeit in die Suppenschüssel. Zur Feier des Tages hat sie das hundertjährige Geschirr ihrer längst verstorbenen Eltern hervorgeholt. Wenn ihre Mutter das sehen könnte! Ein Essen im Kreise der Patchwork-Familie, alle in banger Erwartung, was der Abend wohl bringen wird. Ursprünglich gehörte das Goldrandgeschirr ihrer Oma, die es wahrscheinlich als Aussteuer zur Hochzeit bekommen hatte. Damals wäre so eine illustre Gesellschaft undenkbar gewesen.

Bo war in einer gutbürgerlichen Kleinfamilie groß geworden. Da zählte vor allem gutes Benehmen, Höflichkeit den älteren Menschen gegenüber und natürlich Fleiß. Luxus wie einen Ausflug oder gar Urlaub musste man sich verdienen. Ebenso die teure Markenjeans, die gab es nur zum Geburtstag oder Weihnachten. Wenn die Erwachsenen über Politik diskutierten, mussten Kinder schweigen. Über Ausländer, Sinti, Roma (die man zu der Zeit noch unverhohlen Zigeuner nannte) und Linksradikale schüttelte man mürrisch den Kopf. Das Thema Homosexualität, ja - das gab es irgendwie gar nicht. Damals war eben die Welt noch in Ordnung. Und wenn nicht, dann schwieg man halt. Hauptsache, die Nachbarn hatten einen guten Eindruck von der Familie.

Bo trägt die Schüssel ins Wohnzimmer, wo schon alle am Esstisch sitzen. Möglichst selbstbewusst tritt sie durch den Raum, bemüht so entspannt wie möglich zu gucken. Gut, dass man nicht hören kann, wie sehr ihr Herz klopft.

„So, hier die Vorspeise. Oma-Suppe.“

„Was ist denn Oma-Suppe?“ Judith reckt neugierig ihren Hals und schaut in die Schüssel.

„Oma-Suppe ist die beste Suppe, die es gibt.“ Jannik äugt in den Topf und beginnt die darin schwimmenden Klößchen zu zählen. „Wie viele Klößchen kriegt jeder?“

„Es sind genug da. Keine Panik.“ Bo nimmt den ersten Teller und beginnt die Suppe zu verteilen. „Eigentlich ist Oma-Suppe eine ganz normale Rindfleischsuppe mit vielen Markklößchen und Eierstich.“ Bo schaut Judith erklärend an. „Meine Mutter hat sie immer gemacht, wenn ein besonderer Tag war.“

„Am besten sind die Klößchen.“ Kai schielt auf den Teller seines Bruders. „Jannik hat einen mehr!“

„Du kommst nicht zu kurz.“ Franks Stimme dringt tadelnd aus der Ecke. Bisher hat er sich hinter Judith versteckt, die permanent plappert. „Ich will auch welche, wenn die so gut sind.“ Sie fuchtelt mit ihrem Löffel gefährlich nah an der Kerze vorbei, die schon ängstlich zittert. Dabei klimpert das Gewirr aus Kunstperlen und Metallkugeln, die an Judiths Handgelenk baumeln wie Tannenbaumglöckchen und Bo muss leicht schmunzelt. Sie dachte immer, Frank läge nichts an weiblichem Schnickschnack, wie er früher immer sagte. Aber anscheinend hatte er seine Meinung geändert. Im Gegensatz zu Bo ist Judith eine sehr frauliche Erscheinung im hautengen Blumenkleidchen, farbigen Netzstrümpfen und viel Schmuck. Während Frank wie eh und je in seiner Jeans mit leichtem Hochwasser und dem karierten Hemd die gleiche Figur wie seit 30 Jahren abgibt.

„Lecker.“ Jannik schlürft vernehmlich und angelt sich aus der Schüssel einen weiteren Kloß.

„Was gibt‘s danach?“ Kai schaut seine Mutter fragend an. „Ich muss ja entscheiden, ob ich noch mehr Suppe esse oder noch Platz lasse für den Rest.“ Grinsend streicht er sich über seinen Bauch. Dabei ist er gertenschlank. Er hat das Glück, essen zu können, so viel er will, ohne zuzunehmen, während sich bei Jannik ein wenig das Hemd spannt.

„Lasst euch überraschen.“ Katrin lächelt ihn spielerisch an. „Eure Mutter hat den ganzen Tag gekocht. Ich glaube, wir werden nicht verhungern.“ Liebevoll schaut sie kurz zu Bo, die schmunzelnd die Teller zusammen räumt. Bo äugt in die Runde: „Ich habe mir noch eine Überraschung überlegt.“ Sie hält kurz inne. „Bevor wir weiter essen, machen wir eine Nachtwanderung. Quasi einen Verdauungsspaziergang.“

„Hä?“ Jannik stutzt.

„Wieso nicht?“ Kai blitzt seinen Bruder an. „Ist doch cool. Besser als in die Kirche zu gehen.“ Er blickt auffordernd in die Runde. Früher war alles standardmäßig abgelaufen. Kirche – Essen – Geschenke auspacken. Das sollte heute anders sein.

„Okay. Ich gehe vor und ihr werdet anhand von Leuchtstäben den Weg finden. Hoffe ich jedenfalls.“ Bo steht schon mit dem vorbereiteten Rucksack und dicker Jacke vor ihnen. „Ihr müsst mir nur zwanzig Minuten Vorsprung lassen.“ Sie eilt bepackt mit ihren Habseligkeiten zur Tür und sieht sich schelmisch um. „Und schön brav alle Aufgaben unterwegs erfüllen, ich passe genau auf!“

Sie huscht aus der Tür. Eilends läuft sie in Richtung Wald. Ob auch Frank und Judith diese Art von Weihnachtsspektakel gefällt? Frank ist ja mehr der Verfechter alter Rituale. Aber vor seiner neuen Frau muss er sich fortschrittlich zeigen. Bo grinst ein wenig. Da muss er durch - und sie betritt den dunklen Pfad im Wald.

***

„Puh, jetzt hab ich mir aber den Braten verdient!“ Judith wirft ihre Winterjacke auf den Haken. Frank steht noch etwas unschlüssig vor der Tür. „Wohin mit den schmutzigen Schuhen?“ Er schaut Katrin fragend an. „Alle dreckigen Schuhe einfach in die Flurecke.“ Katrin managt die schnatternde Horde wie die Leiterin einer Jugendzeltgruppe. „Braucht jemand eine saubere Hose?“

„Nö, alles gut. Aber Hunger hab ich.“ Jannik schiebt sich an allen vorbei zum Esstisch und lacht. „Ansonsten sing ich weiter.“

„Bloß nicht.“ Kai stupst ihn an. „Du singst nicht, du brummst.“

„Aber immerhin laut.“

Judith drapiert unterdessen ihre Kleidung richtig. „Ich fand das richtig super. Vor allem die Schnapsprobe im Fackelschein.“ Wie kleine aufgeregte Kinder schnattern alle durcheinander. Bo lächelt erleichtert. Die Nachtwanderung war ein voller Erfolg. Alle haben brav Weihnachtslieder gesungen, Gedichte aufgesagt und das alles bei Fackellicht im düsteren Wald. Sie selber hatte die Meute heimlich aus dem Dunkeln heraus beobachtet und erleichtert gesehen, wie der Bann gebrochen wurde und alle Beteiligten sich köstlich zusammen amüsiert haben.

„Tja, keine schlechte Idee.“ Frank räuspert sich. Als Einziger noch nüchtern, hat er es etwas schwerer die Euphorie der anderen zu teilen. Aber angesichts dessen, dass seine neue und alte Frau sich ganz gut zu verstehen scheinen, wirkt auch er gelockerter als zu Beginn des Abends.

„So, jetzt aber ran an den Braten.“ Katrin kommt mit dampfenden Knödeln und Sauerbraten aus der Küche.

„Jaaa, alles meins.“ Jannik lacht und greift schon nach den Knödeln. „Die haben wir uns verdient.“

In den nächsten Minuten ist fast nichts zu hören außer Geschirrklappern und leichtem Schmatzen. Bo kaut besonnen ihr Fleisch, als sie aus ihren Gedanken gerissen wird. Judith schaut sie geradewegs an, als wolle sie ihre Vorgängerin genauestens unter die Lupe nehmen.

„Ich bin einfach mal neugierig.“ Sie kichert wie ein Teenager und Frank blickt gespannt zu seiner Freundin.

„Das ist zu befürchten.“ Leichte Unruhe macht sich auf seinem Gesicht breit. Doch Bo nimmt die Spannung aus dem Raum und lächelt Judith an.

„Was willst du denn wissen?“

Judith zögert nicht lange.

„Also, du bist auch aus dem Münsterland, richtig?“ Bo nickt nur. „Wie habt ihr euch denn damals kennen gelernt? Ich finde so Geschichten immer spannend. Heutzutage sucht man ja einfach im Internet nach dem Richtigen.“ Sie lacht laut los, wobei sie Frank verliebt anschaut, der allerdings leicht rot anläuft. Doch bevor es zu indiskret werden könnte, setzt sich Bo gerade auf. Legt ihr Besteck zur Seite und nimmt einen Schluck Wein aus ihrem Glas. Dabei geht ihr Blick zu Frank, der wie gebannt dasitzt.

„Tja, wie war das damals.“

Für einen Moment verstummt sie. Ihre Augen wandern über die Gesichter, dann verschwindet ihr Blick in der Ferne.

Sommer 1976

Der erste Freund.

Ein heißer Sommertag neigt sich dem Ende zu. Alle sind froh, dass die Hitze der vergangenen Stunden einem kühlen Abend weicht. Bo betritt betont selbstbewusst den Eingang der Scheune. Allerdings kämpft sie in ihrem Inneren mit ungewohnter Aufregung. Ihre Eltern haben ihr erlaubt, dass sie mit ihren fünfzehn Jahren auf die große Bauernfete gehen darf. Aber um 22 Uhr bist du zu Hause!

Sie kann nicht behaupten, dass ihre Eltern zu streng sind. Aber sie haben doch Angst, Bo könnte mit ihren fünfzehn Jahren zu weit gehen und sich auf Liebespfade begeben.

Dabei ist sie dafür noch viel zu schüchtern. Sehr eindringlich hat sie ihre Mutter vor den Konsequenzen einer zu frühen Schwangerschaft gewarnt. Nicht wirklich mit Worten, darüber spricht man nicht in ihrem Elternhaus. Dazu sind ihre Eltern viel zu verklemmt. Nie hat sie sie mal nackt gesehen. Selbst der Schlafanzug wird keusch im Bademantel versteckt. Aber moralische Predigten kann man auch zwischen den Zeilen verkünden. Darin ist ihre Mutter ein Profi. Ein strenger Blick, das gehobene Kinn und der Satz:“ Mach mir keinen Kummer, du weißt was ich meine.“ Sie sieht wieder den strengen Blick ihrer Mutter vor sich.

Sie wird pünktlich sein. Klar, ansonsten ist es für lange Zeit die erste und letzte Party. Aber nun steht sie tatsächlich zwischen den vielen jungen Leuten und schaut sich zaghaft um.

„Bier und Wein gibt’s dahinten! Hallo, ich bin Monika. Bedien dich einfach.“ Eine freundliche junge Frau schaut sie neugierig an. „Oh, ich bin Bo. Ich hab von eurer Party gehört. Also, nett hier.“ Bo wird rot und es läuft ihr heiß den Rücken runter. Stell dich nicht so dämlich an, denkt sie und bemüht sich wieder um Coolness. Aber Monika spricht fröhlich weiter. „Autofahrer zahlen fünf Mark, die anderen acht. Später gibt’s auch Brötchen zu essen.“ Als müsse sie den Eintrittspreis verteidigen, schaut sie Bo lächelnd an. Sofort zückt Bo ihre acht Mark. „Es gibt noch einen Stempel. Sonst verliere ich den Überblick.“ Sie hebt die rechte Hand mit dem Smiley-Stempel. „Wohin?“ Schnell hält Bo ihr Handgelenk hin. Sie soll nicht merken, dass es für sie neu ist, abgestempelt zu werden.

„Okay, danke und viel Spaß.“ Monika wendet sich den nächsten Ankömmlingen zu und überlässt Bo wieder ihrer Unsicherheit. Am liebsten hätte sie sich an Monikas Fersen geheftet. Stattdessen sucht sie sich eine sichere Stelle neben der großen Musikbox. Mit der beruhigenden Wand im Rücken, kann sie erstmal die Menge beobachten. Zumindest sieht sie, dass ihr Outfit richtig gewählt ist. Mit Latzhose, T-shirt und Birkenstocksandalen reiht sie sich perfekt in die Reihe der Gäste ein.

Das Licht im Innern der Scheune ist gedämpft. Auf den Biertischen ringsum brennen Teelichter in alten Gläsern, während im Takt der Musik die Scheinwerfer ihr Licht auf die Tanzfläche werfen. Inzwischen ist die Party im vollen Gange und zum Sound von Phil Collins wogt die tanzende Menge auf und ab. Vereinzeltes Lachen, freudiges Wiedersehen und aufmunterndes Zuprosten durchbricht die Musik.

Bo muss sich jetzt nur noch trauen zur Musik von Patty Smith ihre langen ungekämmten Locken auf der Tanzfläche zum Schwingen zu bringen. Aber noch fehlt ihr die letzte Courage. Da sieht sie ihn.

Mitten in dieser fröhlichen Meute bewegt er sich betont lässig in kaputten Jeans, halboffenem Flanellhemd und schulterlangen Locken. Er schiebt sich durch die Tanzenden. Verwirrt bemerkt Bo, dass er direkt auf sie zusteuert. Unsicher blinzelt sie nach rechts und links. Kein Zweifel. Sie steht allein an der Wand. Er kommt tatsächlich auf sie zu.

„Hey, neu hier?“ Seine tiefe Stimme dringt Bo nur verschwommen an ihr Ohr. Inzwischen hat Manfred Mann‘s Earth Band die lautstarke Regie übernommen und sie müssen sich schon anschreien, um ein Wort zu verstehen.

„Ich bin Frank. Hast du Lust zu tanzen?“ Er stellt sein Bierglas auf die Musikbox und deutet mit dem Kopf in Richtung Tanzfläche. Sie überlegt nicht lange und folgt ihm.

Bos Puls bebt. Ihr T-shirt klebt ihr schon im Rücken und ihre Knie zittern leicht. Doch auf der Tanzfläche fühlt sie sich wohl. Da kann sie sich frei zur Musik bewegen. Ihre Haare fliegen im Takt um ihren Kopf und je länger sie in der Menge mitschwingt, um so sicherer wird sie. Frank ist nicht unbedingt der geborene Tänzer, aber frei von Selbstzweifeln. Er gibt ihr schnell das Gefühl, sich völlig unbefangen bewegen zu können. Inmitten dieser fröhlichen Menschen fühlt sie sich grenzenlos. Natürlich bemerkt sie die neugierigen Blicke der anderen, die sie beobachten. Verschmitzt lächelnd zwinkert sie Frank zu und er erwidert es mit einem unbeschwerten Lachen.

„Ich hol uns nochmal was zu trinken.“ Frank brüllt ihr ins Ohr und verschwindet in Richtung Theke. Gleich umringen sie andere Tänzer und lachen ihr zu. Bo gewinnt immer mehr das Gefühl, aufgenommen zu sein in dieser großen Gemeinschaft Gleichgesinnter.

Langsam steigt die Temperatur durch die schwitzenden Körper ins Unerträgliche. Bo schaut suchend nach Frank. Da sieht sie ihn mit zwei Bier durch die Masse bugsieren, was in der Enge schwierig ist. Der ein oder andere Schluck schwappt ihm über die Finger, deshalb zeigt er lächelnd an, zum Scheunentor zu gehen.

„Hier, dein Bier. Unterwegs ist leider etwas verloren gegangen.“ Er prostet ihr zu. Bo kann ihm unmöglich sagen, dass sie eigentlich nur Wasser trinken will. Schüchtern nimmt sie einen Schluck. Ihre Sicherheit ist kribbelnder Aufregung gewichen, doch nach außen versucht sie cool zu erscheinen.

„Gefällt es dir hier?“ Frank schaut sie fragend an. Er hat kleine Augen, die sich keck über einer etwas zu großen Nase unter den Augenbrauen ducken. Seine schmalen Lippen sind umsäumt von ersten Bartstoppeln, in denen sich Bierschaum verirrt hat.

„Gute Party. Kennt ihr euch alle hier?“ Bo schaut auf die wogende Menge. Eine kollektive Ausgelassenheit bestimmt die Atmosphäre und packt auch sie.

„Na ja, fast alle. Wir machen hier oft Feten und jeder aus unserer Clique bringt immer mal neue Leute mit. So wächst der Haufen ständig.“

Bo horcht auf. „Das heißt, du wohnst hier?“

„Genau.“ Frank grinst. „Jetzt muss ich leider Dienst schieben.“ Er deutet auf die Ecke vom Mischpult. „Musik machen. Aber später übernimmt wieder ein anderer den Posten.“ Frank sieht Bo fragend an. „Du kannst mir ja Gesellschaft leisten.“

Er fasst vorsichtig nach ihrer freien Hand und zieht sie mit zur Musikanlage. Drei improvisierte Stufen führen auf eine kleine Plattform, auf der eine komplette Musikanlage aufgebaut ist. Plattenspieler, Tonbandgerät, Kassettenrecorder, Mischpult. Bo schaut neugierig auf die viele Technik. Von dort oben hat sie einen perfekten Blick auf die tanzende Menge. Bo setzt sich auf einen alten Schemel direkt hinter Frank, der sofort konzentriert nach der nächsten LP sucht. So viele Schallplatten hat Bo noch nie gesehen, abgesehen von ihren Besuchen im Musikladen. Frank blättert flink durch die teilweise schon sehr abgewetzten Hüllen der LP‘s.

„Weißt du denn, wonach du suchst?“ Bo ist beeindruckt. „Ich kenne die Titel gar nicht alle, geschweige denn die dazugehörigen Gruppen.“ Sie schaut Frank weiter zu, der geschickt das Ende des einen Liedes mit dem Anfang des nächsten Liedes überblendet. Dazu verschiebt er zwei Regler auf einem Pult mit unzähligen Knöpfen sacht in entgegengesetzte Richtung und schon kreischt Tina Turner durch die Halle. Ein euphorischer Jubel erschallt auf der Tanzfläche und vor allem die Frauen bewegen sich im Rhythmus der Musik.

Frank ist jetzt völlig in seine Aufgabe versunken. Per Kopfhörer sucht er schon nach dem nächsten Lied und Bo kann ihn unverhohlen betrachten. Seine langen Locken kleben ihm im Nacken. Unter dem verschwitzten Hemd zeichnen sich seine schmalen Schultern ab. Er hat nicht gerade die Figur eines Arnold Schwarzeneggers, aber seine Armmuskeln zeugen doch von einer gewissen Sportlichkeit.

Erneut legt er eine andere Schallplatte auf und für einen kurzen Moment nimmt er den Kopfhörer ab.

„Tut mir leid, wenn ich jetzt nicht viel Zeit habe, aber die Musik muss laufen, sonst gibt es Gemecker.“ Entschuldigend blickt er Bo in die Augen, während er schon wieder den Hörer aufsetzt. Bo winkt verständnisvoll mit der Hand ab und lächelt ihn an. So kann sie herrlich von ihrem erhöhten Platz die Feier beobachten und die Stimmung genießen.

Bo blickt heimlich auf ihre Uhr. Mist, schon so spät. Immer muss sie gehen, wenn es nett wird. Ihre Freundinnen dürfen schon viel länger ausgehen. Nur sie muss schon gegen zehn Uhr wieder Zuhause sein. Bo tippt Frank auf die Schulter.

„Ich kann leider nicht so lange bleiben.“ Verlegen schaut sie auf den Boden. Wie peinlich, denkt sie. Was muss er jetzt denken? Doch Frank lächelt sie an. „Dann komm doch morgen zum Frühstück wieder. Nicht zu früh versteht sich.“ Er lacht schallend. „Die meisten zelten hier und morgens wird dann zusammen gefrühstückt. Ganz gemütlich.“ Er wechselt schnell eine Schallplatte. „So circa 10-11 Uhr. Okay?“

„Ich schau mal.“ Immer cool bleiben, sonst denkt er noch, du bist ein Küken. „Okay, ich versuch zu kommen.“

„Ja dann.“ Unsicher schauen sie sich an. Bo reicht ihm die Hand und er hält sie fest. „Ich würde mich freuen, wenn du morgen wieder kommst.“ Er beugt sich vor und haucht ihr einen schüchternen Kuss auf den Mund. Dabei schmeckt Bo einen leichten Salzgeschmack und spürt für eine Sekunde die pieksenden Bartstoppeln. Ihre Wangen röten sich, was er im Halbdunkeln der Empore aber zum Glück nicht bemerkt. Ihr Herz klopft schneller und ihre Unerfahrenheit lässt sie zaudern. Bevor Frank jedoch reagieren kann, hüpft sie vom Stuhl, winkt ihm zu und drängt sich durch die Menge nach draußen.

Die Musik schallt über den ganzen Hof, als Bo zu ihrem Fahrrad geht. Wie in Trance trampelt sie den langen Weg nach Hause. Der Kuss von Frank klebt noch immer auf ihren Lippen und sie beginnt lächelnd zu singen. Doch schon kommen Zweifel auf. Was soll sie nur ihren Eltern erzählen, warum sie morgen noch einmal zurück möchte?

***

Bo streckt sich in ihrem Bett noch einmal lang aus und gähnt. Sie lächelt bei dem Gedanken an gestern Abend und überlegt, was sie gleich ihren Eltern erzählen könnte.

„Zum Frühstück?“ Ungläubig zieht ihre Mutter die Augenbrauen hoch. „Was ist das denn für eine Feier, wo alle in Zelten übernachten?“

„Du denkst immer gleich an ‚Hottentotten‘. Das sind alles nette Leute, die zusammen feiern. Und wenn sie was getrunken haben, eben dort zelten. Ist doch vernünftig.“ Bo schaut ihre Mutter genervt an. Was sie immer gleich denkt, fährt es ihr durch den Kopf. „Du kannst ja gucken kommen!“ Insgeheim erschrickt Bo bei dem Gedanken, ihre Eltern könnten sie begleiten. Das wäre die peinlichste Geschichte, die in die Analen eingehen würde.

„Ich kenne den Hof. Zumindest die Nachbarn.“ Bos Vater mischt sich ein, was selten geschieht. „Das sind ganz ordentliche Leute. Also lass ihr doch den Spaß.“

Ihre Mutter zieht die Lippen kraus. „Dann fahr, aber benimm dich.“ Bo hört nur noch halb zu. Schon flitzt sie zu ihrem Rad und trampelt los. Während sie so Kilometer um Kilometer durch die angenehme Morgenluft radelt, kommen ihr die ersten Bedenken. Was ist eigentlich, wenn Frank sie gleich gar nicht beachtet? Sie konnte sich doch nicht so einfach zu den anderen gesellen? Bo fährt langsamer. Leichte Zweifel machen sich in breit. Ach, Quatsch. Dann fahr ich halt wieder. Laut spricht sie mit einer Krähe, die krächzend vom Straßenrand auffliegt. In dem Moment kommt hupend ein Auto heran.

„Hey, bis gleich!“ Ein winkender Arm aus dem Seitenfenster tuschiert sie beinah und Bo blickt erschrocken in Monikas Gesicht. „Ich denke, du kommst zu uns?“ Monika lacht und zeigt auf den Rücksitz. „Wir haben gerade 120 Brötchen geholt. Die ersten Gestalten sind schon dabei, Kaffee zu kochen.“ Bo versucht mit dem Wagen mitzuhalten.

„Ja klar, bis gleich“, brüllt sie etwas zu laut in den röhrenden Käfer und schon knattert der Wagen davon. Beschwingt tritt Bo in die Pedalen. Alle Zweifel fallen von ihr ab. Die sind wirklich nett und unkompliziert, geht es ihr durch den Kopf. Während der Wagen in der Ferne auf den Bauernhof einbiegt, betrachtet Bo das bunte Meer an Zelten auf der Wiese neben dem Hof. Wie gerne hätte sie auch dort übernachtet, aber ob ihre Eltern das jemals erlauben werden?

Leicht verschwitzt erreicht sie die Einfahrt. Nun klopft ihr das Herz aber doch wieder und das nicht nur vor Anstrengung. Während sie ihr Rad abstellt, sucht sie verstohlen nach Frank. Unsicher geht sie auf die gedeckten Tische zu, die schon einladend in der Sonne stehen.

„Morgen!“

„Morgen.“ Leicht verkaterte, aber lächelnde Gesichter schauen sie an.

„Komm, hier ist noch Platz genug.“ Aufmunternd zeigt eine zerzauste junge Frau auf eine freie Stelle ihr gegenüber. „Aber am besten holst du dir vorher dort hinten einen Kaffee.“

Als wäre Bo eine von ihnen, nehmen sie sie auf und Bos Unsicherheit verfliegt ein wenig. Als sie noch unschlüssig überlegt, was sie als erstes tun soll, legt sich wie selbstverständlich ein Arm um ihre Schulter. Bo zuckt leicht zusammen und blickt in Franks Gesicht.

„Guten Morgen. Schön dich zu sehen.“ Seine blauen Augen lachen sie unverhohlen an, diesmal etwas versteckt hinter einer Nickelbrille. „Komm, wir setzen uns da hin.“ Und er schiebt sie einfach zum nächsten freien Platz.

„Bist du gut nach Hause gekommen?“

„Ja klar. Kein Problem.“

Bo räuspert sich kurz und lächelt. So einfach ist das also! Sie fühlt sich im siebten Himmel. Ist das gerade der Anfang einer Freundschaft?

Bo äugt vorsichtig um sich, während sie versucht eines der Brötchen, die fertig geschmiert vor ihr auf dem Tisch liegen, zu essen. Vor Aufregung bleibt ihr fast jeder Bissen im Halse stecken und sie trinkt Unmengen Milchkaffee, um nicht zu ersticken.

„Hast du heute mehr Zeit?“ Frank sieht sie aufmerksam an. „Wir räumen gleich zusammen alles auf und dann genießen wir den Rest des Tages in der Sonne.“

Frank legt erneut den Arm um Bos Schulter, als wäre es das Normalste von der Welt. „Und heute nachmittag gibt es den besten Erdbeerkuchen von meiner Mutter. Aber nur für die Familienmitglieder.“ Er zwinkert ihr zu. Bo wird es glühend heiß im Rücken. Familienmitglieder. Und sie soll dabei sein.

***

„Das ist Bo.“ Frank schiebt sie in die Wohnküche. Ein Geruch von alten Möbeln, frisch gewaschenen Gardinen und duftendem Kuchen liegt in der Luft. Bo drückt sich auf die Eckbank und lächelt schüchtern.

„Hallo Mädchen.“ Ein prüfender Blick von Franks Mutter klebt an Bo vom Scheitel bis zur Sohle. „Lasst es euch schmecken.“ Und sie setzt den frisch gebackenen Erdbeerkuchen auf den Esstisch, dessen alte Holzplatte von einer bunt geblümten Plastikdecke versteckt ist. Am liebsten hätte Bo sich nun doch lieber entfernt oder zumindest unterm Tisch versteckt, aber eingekeilt zwischen Frank und seinen Geschwistern ist kein Entkommen. Ein Stück Kuchen lacht sie an, als auch schon die ersten Fragen kommen.

„Bist du vom Dorf? Du warst so früh weg.“

„Wo wohnst du denn?“

„Hat‘s dir gefallen?“

Bo kommt mit ihren Antworten gar nicht hinterher.

„Nun lasst das Mädchen doch mal essen!“ Die Mutter rettet sie aus der Fragestunde und Bo schaut sie dankbar an.

„Ja, ich wohne im Dorf. Im Neubaugebiet.“

„Ah, bei meinem Bruder hinter der Weide.“

Als würde diese Aussage Bo als guten Menschen darstellen, geht die Mutter ihrer Arbeit in der Küche nach und überlässt den jungen Leuten das Feld. Scheinbar hat Bo die erste Prüfung überstanden. Auch die Geschwister lassen ab von der Befragung und widmen sich lieber dem Kuchen. Franks Arm berührt wie selbstverständlich ihren Arm, so nahe ist er an ihre Seite gerückt. Bos Herz klopft. So ist das also, wenn man den ersten Freund seines Lebens hat und sie fühlt sich um Jahre erwachsener.

Insgeheim freut sie sich auf den nächsten Kuss, doch sie lässt sich nichts anmerken. Dabei betrachtet sie Franks Hände und fragt sich im Stillen wie es ist, wenn diese über ihre Haut streichen.

Weihnachten 2017

Die Kerzen auf dem Tisch sind schon ein Stück heruntergebrannt und längst ist das Essen verspeist. Aber niemand macht den Anschein, gehen zu wollen. Im Gegenteil. Während draußen die Nacht ihre Arme ausbreitet, hängen drinnen alle gebannt an Bos Lippen. Längst hat der Wein sein Werk vollbracht und Bo erzählt ohne Hemmungen aus der Vergangenheit. Die Beine lässig verschränkt, den Arm um Katrins Schultern, berichtet sie aus der Zeit, die ihr fern erscheint. Inzwischen ist soviel geschehen, dass sie es noch immer nicht alles glauben kann. Aber die Wärme, die von Katrin ausgeht, beweist ihr, dass alles seine Richtigkeit hat.

„Na, das ging ja recht flott mit euch.“ Judith zwinkert Bo zu, wobei sie Franks Hand hält. „Bei mir war er etwas zögerlicher. Aber nach einer Scheidung ist man natürlich vorsichtig, was eine neue Liebe angeht.“ Jetzt klingt Judith gar nicht mehr so teenagerhaft, sondern die Erfahrung der letzten Jahre lassen ihre Stimme bedächtig klingen. „Ich weiß ja auch, wovon ich rede. Bin ebenfalls geschieden und war ganz schön verletzt und traurig. Vor allem durcheinander, was die Zukunft angeht. Alles fällt plötzlich zusammen. Da muss man erstmal sein Leben sortieren. Aber scheinbar halten Beziehungen der Westfalen sehr lange. Das beruhigt.“

„Ja. Wir sind quasi zusammen erwachsen geworden. Was nicht heißt, dass es immer reibungslos verlief.“ Bo runzelt die Stirn. „Natürlich gab es auch mal Höhen und Tiefen.“

„Was denn zum Beispiel?“ Kai mischt sich ein. Neugierig will er mehr von seinen Eltern erfahren. Bo blickt ihren Sohn ernst an.

„Ihr wart und seid auf jeden Fall was besonders Schönes.“

„Und was war nicht so schön?“ Auch Jannik horcht auf, wobei Frank ihr lauernd in die Augen schaut.

„Na, zum Beispiel, dass ich immer auf Frank warten musste, bis er gewillt war, sein Hobby liegen zu lassen, damit wir gemeinsam etwas unternehmen konnten.“ Bo hebt ihre Schultern. „Das war oft zum verzweifeln.“

„Und das scheint er heute noch so zu handhaben.“ Judith guckt etwas konsterniert. Da ergreift auch Frank mal das Wort.

„Es ist eben mein Hobby an Autos zu basteln. Da vergisst man schon mal die Zeit.“

Doch bevor die Stimmung kippt, grätscht Katrin dazwischen.

„Anscheinend müsst ihr da noch etwas dran arbeiten. Aber das dürfte heute Abend nicht gelingen.“ Sie wendet sich an Bo. „Wie ging es denn weiter mit euch, damals?“

Dankbar schauen Kai und Jannik auf Katrin.

„Ja, Mama, erzähl mal weiter.“

1984

Ein Kribbeln auf der Kopfhaut.

Wenn es eins ist, dann ist ihr Leben todnormal. Aus der ersten zarten Romanze ihres Lebens wurde eine feste Bindung und aus einem Jahr wurden Jahre. Bo und Frank sind noch immer ein Paar. Ihre Beziehung ist nicht aufregend, aber verlässlich. Sie sind sich treu. Anders hätte eine Beziehung auch nicht funktionieren können, denn inzwischen trennen sie hunderte Kilometer. Frank studiert in Trier. Bo in Dortmund. Ohne what‘s app, Skype und Twitter erfährt man unter der Woche nichts vom dem anderen. Aber Vertrauen und Treue ist Ehrensache.

Auch außerhalb ihrer Beziehung gibt es kaum Aufregung. Außenpolitisch ist es die Zeit von Glasnost und Perestroika. Die Supermächte lassen endlich ab vom ewigen Aufrüsten und die Studenten haben kaum noch Grund zu demonstrieren. Was Bos Elternhaus angeht, beruhigt sich auch dort der Sturm der letzten Jahre. Bos Leben war lange beeinflusst von ihrer krebskranken Mutter. Der Alltag aus Pflicht und Sorge für die Mutter hat ein Ende, als sie verstirbt. Bo ist da erst 25 Jahre alt. Ab dann genießt sie ihr Studentenleben.

Bo sitzt inmitten einer lustigen Frauenrunde. Mit dem wenigen Geld, das sie als Studentinnen haben, sind ein paar billige Flaschen Wein gekauft worden und nun hockt Bo zwischen ihren Kommilitoninnen auf dem Teppichboden ihrer Altbauwohnung.

Der Teppich ist schon arg in die Jahre gekommen. Sein ursprüngliches Beige ist einem schmuddeligen Braun gewichen und zahlreiche Flecken machen ihn zu einem Mosaik aus vergangenen Geschichten. So stört es Bo auch nicht, wenn zusätzliche Weintropfen ihre Spuren hinterlassen.

Im Gegensatz zum Teppich strahlen die weiß gestrichenen Wände, so dass die bunten Bilder gut zur Geltung kommen. Bo und die anderen Frauen studieren allesamt Grafik-Design. Ein Studium, indem sich die Welt um Kunst und Werbung dreht. Jeden Tag beschäftigen sie sich mit Malerei und Fotografie. Da ist es nicht verwunderlich, dass viele Arbeiten die Wohnung schmücken. Die wenigen Möbel von Bo sind dagegen ein Sammelsurium vom Speermüll und abgelegten Stücken der Verwandtschaft.

Besonders beliebt ist der alte Ohrensessel, dessen Stoff an vielen Stellen verschlissen ist, aber seine Gemütlichkeit hat er nicht verloren. Diesmal hat ihre Mitbewohnerin Sabine sich den bequemen Platz ergattert, während die anderen auf dem Boden hocken.

Bo fühlt sich wohl inmitten dieser Gruppe. Das Leben ist herrlich. Alltagsprobleme verschwinden hinter den ausgelassenen Abenden zusammen mit ihren Freundinnen.

„Prooooost!“ Bo hebt ihr Glas und lacht. „Wer von euch kann mir denn mal die Haare schneiden?“ Beschwipst schaut sie in die Runde. „Ich seh‘ euch schon gar nicht mehr.“ Demonstrativ lässt sie ihre Locken ins Gesicht fallen und versteckt ihre Augen.

„Das geht doch ratzfatz“, lacht Sabine. „Gib mir mal den Cutter.“ Sie nimmt sich das scharfe Messer, das Allzweckwerkzeug jeder Grafikerin zum Schneiden von Papier und Pappe.

„Lass Anette ran, die macht das immer gut!“

Übermütige Stimmen umschwirren Bo.

„Okay, wo ist denn eine Schere?“ Anette meldet sich zu Wort. Schnell werden Kamm und Schere aus dem Bad geholt. Mit geübten Handgriffen kämmt Anette die Haare von Bo. Mit sanften, aber gezielten Fingerstrichen fährt sie über die Locken. Ein wohliges Gefühl macht sich in Bo breit. Während der Kamm in Anettes Händen seine Furchen durch Bos Haar zieht, verbreitet sich ein Kribbeln auf ihrer Kopfhaut, bis hinunter in den Rücken.

Sie genießt die Berührung und schließt die Augen. Sie denkt an Franks Hände. Immer etwas rau haben sie nichts gemeinsam mit den sanften Händen von Anette. Wie viel feinfühliger doch die Hände einer Frau sind, schießt es ihr durch den Kopf. Für eine Weile taucht sie ganz ein in die Berührungen und nur das Schnipsen der Schere unterbricht ihre Gedanken.

„Hey, nicht einschlafen.“ Sabine schubst sie an und beinah hätte Anette eine Kerbe in Bos Haare geschnitten.

„Pass doch auf!“ Anette funkelt Sabine wütend an. „So, das reicht. Kurz genug.“ Anette betrachtet ihre Arbeit und Bo bleibt nichts anders übrig, als ihre Augen zu öffnen und in die Runde zurückzukehren. Dabei würde sie das Gefühl von zarten Frauenfingern gerne noch länger spüren.

„Danke, Anette.“ Bo blinzelt sie an. „Damit hast du dir ein Glas Wein verdient.“

Lachend schaut sie in die Runde, doch die anderen beachten sie gar nicht. Sabine hängt verträumt im Ohrensessel: „Wie findet ihr eigentlich unseren neuen Proff?“

„Der ist süß! Hast du gesehen, was er für schmale Hände hat?“

„Eben ein Künstler“, brüllt eine aus der hinteren Ecke des Zimmers.

Der Geräuschpegel nimmt mit jedem Glas Wein stetig zu.

Bos Herz klopft im Rhythmus der Musik, die aus dem Kassettenrecorder dringt. Sie eilt zum Bad, um kurz für sich zu sein. Sie betrachtet ihr Gesicht im Spiegel. Perfekt geschnitten, alle Achtung, geht es ihr durch den Kopf.

„Danke Anette.“ Sie nickt ihrem Spiegelbild zu und verlässt das Bad.

„Gibt es noch Wein?“ Lässig sinkt sie zwischen den Frauen auf den Teppich.

1988

Männer brauchen wir hier nicht.

Als wäre ihr Leben am Reißbrett geplant, ist der Ablauf leicht vorhersehbar. Da bei Franks Studium noch kein Ende in Sicht ist, zieht Bo nach ihrem erfolgreichem Diplom zu ihm und tritt ihre erste Stelle als Grafikerin an.

Die Arbeit in einer Werbeagentur öffnet ihr zum ersten Mal im Leben völlige Freiheit. Bo verdient ihr eigenes Geld, das sie ohne Gewissensbisse ausgeben kann. Dazu eine quirlige Stadt, nette Kollegen und die Zweisamkeit mit Frank. Bo hat keine Zweifel an ihrem Lebensweg. Es läuft doch alles wie am Schnürchen und der nächste Lebensabschnitt beginnt.

Sie muss lächeln. Eine Werbung läuft vor ihrem inneren Auge ab. Da sitzt ein Mann vor seinem besten Freund und auf die Frage nach seinem Leben, zückt dieser einfach ein paar Fotos und knallt sie dem Gegenüber auf den Tisch: mein Haus, mein Garten, mein Auto und meine Familie – und seine Lebensversicherung. Na ja, so weit ist sie noch nicht, aber es scheint alles darauf hinaus zu laufen.

Sie schaut in ihr Spiegelbild. Seit sie in der Agentur arbeitet, muss ihre legere Kleidung zuhause bleiben. Allerdings tut sie sich schwer bei dem Gedanken, sich mit Modeaccessoires heraus zu putzen und wählt den Zwischenweg. Eine gute Jeans und eine modische Bluse müssen genügen. Zum Glück hat sie auch Kolleginnen, die sich nicht kleiden, als wären sie dem aktuellsten Modeprospekt entsprungen und sie macht sich auf den Weg zur Arbeit.

Es ist ein Frühlingsmorgen wie sie ihn mag. Die Sonne wirft die ersten Schatten durch die Häuserschluchten. Trier ist geprägt von stattlichen Altbauten mit kunstvollen Verzierungen. Die Hohe Domkirche St. Peter ist die älteste Bischofskirche Deutschlands und die Mutterkirche des Bistums Trier. Sie ist ein bedeutendes Zeugnis abendländischer sakraler Baukunst.

Aber auch andere Bauten lassen das Herz des Betrachters höher schlagen und setzt der Phantasie, welche Geschichte hinter jedem Haus stecken könnte, keine Grenzen. So bleibt es dem Auge des einzelnen Betrachters frei, sich an den verschiedenen Prachtbauten zu erfreuen.

Während sie an einer Ampel auf Grün wartet, lächelt eine Frauenbüste auf sie herab. Die Statue hat leichte Moosflecken auf den Schultern und eine schlafende Stadttaube hockt darauf.

Mit dem Strom der müde guckenden Menschen überquert sie die Straße und geht weiter durch die schmalen Gassen zur Arbeit. Je weiter sie ins Zentrum läuft, betritt sie die barocke Altstadt, welche vom Dom und der Porta Nigra dominiert wird.

Eine alte Frau bückt sich über ihren Dackel, tätschelt seinen Kopf und bindet ihn vor einer Bäckerei fest.

Soll sie sich auch noch schnell ein Rosinenbrötchen holen? Bo verharrt kurz und blinzelt den Dackel an, der sie freudig anwedelt. Ihr läuft bei dem Gedanken an ein frisches Brötchen das Wasser im Munde zusammen. Eigentlich liebt sie ja eher pikante Speisen wie den ‚Kappes Teerdisch‘, eine Spezialität mit Sauerkraut, Gewürzen, Pürree und deftiger Wurst. Oder die Flieten, frittierte Hühnerflügel mit Brot. Aber das ist ja nichts zum Frühstück. Doch sie eilt weiter. Sie will nicht zu spät kommen und schließlich hat sie ja ein Butterbrot von zuhause mitgenommen.

„Guten Morgen.“

„Morgen.“

Aus den offenen Bürotüren erklingen die allseitigen Begrüßungen und Bo erreicht ihren Arbeitsplatz. Einen recht nüchternen Schreibtisch mit wenig privatem Krempel, aber mit Blick über die Dächer. Die Agentur befindet sich mitten in der Altstadt im vierten Stockwerk einer Passage. Sie wirft noch einen Blick auf den majestätischen Dom, bevor sie sich über hunderte Fotoabzüge eines Modeshootings hermacht. Ihre Aufgabe ist es heute, die besten Aufnahmen herauszufiltern und daraus einen Werbeprospekt für junge Leute zu entwerfen. Sie teilt sich das Büro mit der kleinen, quirligen Simone, deren mitreißendes Lachen bei jeder Gelegenheit über den Flur schallt. Dabei klatscht sie sich noch zusätzlich auf ihre Oberschenkel, so dass es unmöglich ist, nicht mitzulachen.

Während im nächsten Büro Kollegen über eine gestrige Fernsehshow diskutieren, macht sie sich an die Arbeit. Sie ist es nicht gewöhnt, ihre Zeit zu vertrödeln. Sobald sie eine Aufgabe bekommt, zieht sie sie straff durch und guckt erst auf, wenn sie beendet ist. Sie kennt es nicht anders. Selbst als Jugendliche hatte sie selten Müssiggang. Wenn die eine Aufgabe fertig war, folgte schon die Nächste. Mit ihrer kranken Mutter gab es selten viel Freizeit.

Ihre Kollegin reißt sie aus der Konzentration. Nach stundenlanger Arbeit dröhnt ihr der Kopf und sie braucht einen Moment, bis die Frage zu ihr durchdringt.

„Kommst du nach der Arbeit auch mit? Wir gehen noch zum ‚Simpel‘ auf ein Bier.“ Simone lächelt Bo an. Mit ihren 23 Jahren ist sie eine der jüngeren Kolleginnen. Sie steht vor Bo in verschlissenen Jeans und verwaschenem T-Shirt. Ihr ist das Modegehabe in der Agentur völlig egal.

Das Simpel, richtig Simplicissimus genannt, ist eine Studentenkneipe, wo selbst berühmte Gäste wie Wolfgang Niedecken die Gelegenheit nutzen sich beim Plausch mit Studenten und beim Feierabendbier am Kicker zu entspannen.

Bo zaudert. Was wird Frank sagen, wenn sie nicht nach Hause kommt, sondern noch mit Kolleginnen in die Stadt geht? Ihr Pflichtgefühl meldet sich. Ein Unbehagen zieht kurz durch ihren Magen. Dann hebt sie trotzig ihren Kopf und blickt Simone lächelnd an.

„Ich sag nur schnell Frank Bescheid.“ Sie greift zum Hörer, während ihre Kolleginnen die Jacken anziehen.

„Ja bitte.“ Franks sonore Stimme brummt tief durch die Leitung.

„Ich bin‘s.“ Bo sucht nach den richtigen Worten. „Ich gehe noch mit meinen Kolleginnen in die Stadt. Es wird also später.“

„Kannst dich ja anscheinend nicht von ihnen trennen.“ Frank klingt mürrisch. „Reicht es nicht, wenn du so oft Überstunden machst?“

Bos Laune sinkt. Unsicherheit packt sie, doch dann gibt sie sich einen Ruck.

„Du willst heute Abend doch sowieso den Thriller im Fernsehen gucken. Dann kann ich auch was anderes machen. Bis später.“ Bevor Frank etwas erwidern kann, legt sie auf. Im Augenwinkel sieht sie Simone, die wartend im Türrahmen steht.

„Probleme?“

„Nein, nein – alles gut.“ Sie schnappt nach ihrer Jacke. „Ich habe Durst, lass uns gehen.“ Sie schüttelt ihre Lockenmähne, als könne sie ihre Zweifel damit abwerfen. Die beiden Frauen eilen den anderen hinterher, die schon zum Simpel unterwegs sind. Da sitzen sie beim ersten Bier und prosten ihnen zu.

„Endlich, wir haben schon für euch bestellt.“ Die ansonsten kühle Martina lacht in die Runde. Dabei bleibt ihr Blick etwas länger auf Andrea hängen. Bo sieht, wie die Zwei sich zuzwinkern, und stutzt. Und bevor sie sich lange fragen muss, ob dieser Blick etwas zu bedeuten hat, küssen sich die beiden völlig ungeniert. Peinlich berührt blickt Bo zu den anderen Frauen, die sich über nichts zu wundern scheinen. Alle wissen offenbar, dass Andrea und Martina ein Paar sind.

Bo setzt sich an die Ecke des Tisches und beobachtet sie heimlich. In der Agentur geben sich die beiden immer freundlich, aber reserviert. Anscheinend gibt es selbst in einem modernen Unternehmen noch immer Vorurteile, sonst würden sie doch offen damit umgehen, dass sie ein Paar sind. Hier, im Dunkeln der Kneipe, fühlen sie sich sicher. Ihre gute Laune greift auf Bo über und sie vergisst sogar ihr schlechtes Gewissen. Die schummerige Kneipe ist voll besetzt. Aus allen Ecken dringt Gelächter und eine gemütliche Feierabendlaune. Brennende Kerzen in leeren Weinflaschenhälsen flackern wild und Zigarettenqualm wabert durch die Luft. Es hat sich schon eine dicke Dunstglocke über den Köpfen gebildet. Laute Musik untermalt die Atmosphäre, wobei eine Unterhaltung dadurch schwieriger wird. Bo muss die Stimme heben, um sich verständlich zu machen.

„Die nächste Runde geht auf mich.“ Übermütig hebt sie ihr Glas und deutet dem Kellner an, noch mehr Getränke zu bringen.