Ikarus finden - Wolfgang Kofler - E-Book

Ikarus finden E-Book

Wolfgang Kofler

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Beschreibung

Hermann ist mit seinem Studium arg ins Stocken geraten, und mit seiner Freundin Luise läuft es auch nicht gut. Eines Tages eskaliert ein Streit zwischen den beiden. Er zieht sich nach seiner Art zurück auf seine Couch in die Scheinwelt seichter Abenteuerfilme. Schließlich schläft er ein und findet sich in einem Traum wieder, in dem ihm seine Helden leibhaftig begegnen. Er gerät in ein phantastisches Abenteuer, das weit ins Universum führt und dabei die Grenzen alles Möglichen überschreitet. Eine sagenhafte Geschichte rund um ein unglaubliches Vorhaben, garniert mit einem amüsanten mathematischen Rätsel. Eine Traumreise, die Hermann auf die richtige Spur für seine Zukunft führt. Und nicht nur das, sogar Vergangenes muss neu gedacht werden.

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Seitenzahl: 391

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Dieses Buch widme ich meinen Eltern, die mir stets Wachheit und Interesse gegenüber den unterschiedlichsten Dingen dieser Welt vorgelebt haben. Ihnen verdanke ich die Freude am kreativen Denken und Tun.

Es wäre jedoch nicht zustande gekommen, wenn nicht Menschen mit Rat und Tat dazu beigetragen hätten. Allen voran mein Freund Günther, der mich eines Abends mit einem feinen, scheinbar harmlosen mathematischen Rätsel überrascht hatte, und zwar in Form eines ungleichen Wettrennens zwischen einem großen, unermüdlichen Läufer und einem kleinen, unscheinbaren Tierchen. Die Lösung des Rätsels war bald gefunden, der unerwartete Ausgang des Rennens Anlass genug, die Geschichte fortzuspinnen. Eines kam zum anderen und schließlich entstand daraus die Idee, daraus einen Roman zu machen. Nicht nur dafür steht ihm der erste Dank zu. Ohne seine Tipps und Ratschläge würde der Geschichte der wesentliche Schwung fehlen.

Dass der Text schließlich zum Leben erweckt wurde und die handelnden Personen Gestalt angenommen haben, liegt vor allem an den kreativen Hinweisen meiner theaterbegeisterten Schwester Lisi und meinem Freund Anders. Von nicht geringerem Nutzen waren die Hinweise, die mir Konni durch ihren gezielten Blick auf die Struktur der Kapitel gegeben hat. Mein besonderer Dank gilt meinem Lektor Hans Augustin, der sich akribisch um Grammatik und Wahl geeigneter Worte gekümmert und darüber hinaus auch äußerst hilfreiche inhaltliche Hinweise gegeben hat. Für die liebevolle und professionelle Arbeit an Layout und Buchgestaltung bedanke ich mich bei Alexander Augustin. Er gab damit dem Buch das persönliche Aussehen. Nicht zuletzt danke ich meiner lieben Frau Anja, die für den geeigneten Rahmen gesorgt hat, um an dem Faden der Geschichte weben zu können.

Wolfgang Kofler im Sommer 2021

Inhalt

Der Countdown läuft

Der Traum beginnt …

Eine antike Begegnung

Der Lebensfaden

Der Plan des Dädalus

Wo und wann sind wir?

Der große Held tritt auf

Besuch aus der Tiefe

Diskurs am Felsplateau

Beliebig lang – die

Maßnehmung

des Dädalus

Die Nadel im Heuhaufen

Die Verabschiedung

Stairway to heaven

Unscheinbar sei des Größten Feind

Nobody is perfect

Ahnen, ohne zu wissen

Alles ist relativ

Im Stillstand der Zeit

Highway „zu hell“

… einen Moment später

… zwei Wochen später

Herakles und die Spinne

Glossar

Träume sind wie bunte Drachen im Wind.

Halten wir sie an der Schnur, damit sie uns nicht entgleiten.

(Lupomarcia, Conte von Siena, 1829)

DER COUNTDOWN LÄUFT

00:01:45 … 00:01:44 … 00:01:43 …

Einen Moment lang starrt er ungläubig auf die rote LED-Anzeige, die ihm herausfordernd entgegenblinkt. „Verdammt, viel Zeit bleibt nicht mehr …“, murmelt er aber sogleich mehr beiläufig als besorgt vor sich hin, als hätte er sich doch gar nichts anderes erwartet. Schweiß steht ihm auf der teils blut-, teils ölverschmierten Stirn. Angstschweiß ist es nicht. Angst steht nicht in seinem Drehbuch.

Wir befinden uns im letzten, alles entscheidenden Teil der Mission. Das, was bisher geschah, kann in wenigen Worten als kühn, nein viel mehr, als irre und halsbrecherisch bezeichnet werden. Im Einstieg das Meisterstück, Igors fiesem Plan auf die Spur zu kommen; seine geschickt getarnte Spur aufzunehmen und nicht mehr loszulassen, wie ein Hund, der sich in den Arm des flüchtenden Einbrechers verbeißt; die Hetzjagd quer über drei Kontinente, ein rastloser Kanon gegenseitigen Nachstellens, Auflauerns und Entrinnens; als wäre dies nicht genug, eine schwindelerregende Straßenrallye in der Rushhour einer Millionenstadt; ein unter allen denkbaren Umständen doch jedenfalls tödlicher Sprung von einem hundert Meter hohen Gebäude. Szenen, die sowohl für Verfolger als auch Verfolgten jeden Augenblick zum ausweglosen Verhängnis führen könnten, abgefilmt in einer Dichte, als müsste auch noch der abgebrühteste Zuschauer um jeden Preis davon abgehalten werden, auf einen anderen Kanal zu wechseln.

James Bond, mit Abstand verlässlichster Bösewichtentferner und Aushängeschild des britischen Geheimdienstes, hat es wieder einmal fast geschafft. Wie durch ein Wunder gelang es ihm, in dem weitläufigen Stollensystem unerkannt an den schwerbewaffneten Typen in den schwarzen Rollkragenpullovern vorbeizuhuschen, um schließlich den mehrfach gesicherten Eingang zum Kontrollzentrum der Bombe zu knacken. Lediglich bewaffnet mit Multifunktions-Armbanduhr und Schraubenschlüssel. Eben nur fast hat er es geschafft, denn an Erholung ist noch nicht zu denken. Nicht einmal für eine kurze Verschnaufpause bleibt Zeit. Steht er doch, gezeichnet von den zweistündigen Strapazen der neuen 007-Folge, im ramponierten, aber dennoch perfekt sitzenden Smoking vor dem schwarz glänzenden Stahlbehälter, der exakt bei Sekunde Null explodieren wird. Ein nagelneues Gerät, Behälter und Ventile in rostbeständiger Ausführung, energiesparende Lämpchen und hochauflösende Displays. Made in Japan, somit kaum Hoffnung auf Versagen des Auslösemechanismus. Auf dem Typenschild steht neben der Seriennummer in fett gedruckten Lettern: „Achtung, Lebensgefahr - Fünfzig Megatonnen!“ Die Uhr tickt und zählt ohne Rücksicht auf Held und Zuschauer Sekunde für Sekunde herunter. Bond weiß, dass sie nicht in die negativen Zahlen hinein und bis zum Nimmerleinstag weiterticken wird. Ihm ist glasklar, was passiert, wenn der Sekundenvorrat erschöpft ist.

Igor, der dieses Schlamassel eingefädelt hat, ist in einschlägigen Kreisen als Warlord wohlbekannt. Der ehemalige Proficatcher hat genau die rücksichtslos entschlossene Art für solche Geschäfte. Rasch hat er sich in der Branche einen Namen gemacht. Den entscheidenden Durchbruch in die oberste Liga schaffte er mit Waffenlieferungen an syrische Dschihadisten, die sich in der antiken Stadt Palmyra verschanzt hatten.

Historische Stätten hatten ihn immer schon angezogen. Nicht, dass er sich für Architektur oder Kunst des Altertums interessierte. Nein, absolut nicht. Gewichte statt Geschichte, Gewehre statt Lehre. So lautet seine Devise. Vielmehr bildet er sich ein, dass historische Weichenstellungen an ebensolchen Örtlichkeiten passieren sollten. Natürlich auch Bombenattentate.

Unglücklicherweise war das Geschäft in Palmyra aufgrund des unerbittlichen Vorrückens der syrischen Regierungstruppen nicht von Dauer. Hals über Kopf musste Igor über die türkische Grenze nach Westen flüchten. Seine nächste Idee war, von der antiken Stadt Mykene aus eine Rakete in Richtung Marmarameer zu schicken, um den marinen Zugang der Russen zum Mittelmeer zu blockieren und gleichzeitig die bisher zurückhaltenden Europäer in das militärische Hütchenspiel hineinzuziehen. Auch daraus wurde nichts, weil sich Mykene mit seinen weltberühmten Ausgrabungen zu einem stark frequentierten Reiseziel selfieverliebter Tagesurlauber entwickelt hat. Besucherströme quasi rund um die Uhr. Es wäre nicht möglich gewesen, auch nur einen Kasten Bier auf unbemerkte Weise in die unterirdischen Gänge zu schmuggeln, geschweige denn eine ausgewachsene Megatonnenbombe.

Ein Mann wie Igor lässt sich aber nicht so einfach von der Idee abbringen, seine Duftnote in die Weltgeschichte zu setzen. Kurzerhand nahm er seinen Schulatlas zur Hand und fand rasch das nächste Ziel, nämlich durch die Sprengung des auf der europäischen Seite gelegenen Felsens von Gibraltar gleich die ganze Meeresenge für die Schifffahrt unbrauchbar zu machen, wodurch die im Mittelmeerhafen von Gaeta stationierte sechste Flotte der US-Marine vom Atlantik abgeschnitten und isoliert werden sollte.

Der Felsen von Gibraltar gleicht einem von Borkenkäfern befallenen Baumstrunk, durchzogen von Höhlen und Stollensystemen, verwinkelt und verzweigt, mit schwer einsehbaren Zugängen von Land und Wasser. Die kaum erschlossene Gorham-Höhle eignet sich perfekt für Igors schlimme Sache. In Mäandern verläuft sie vom Eingang auf Meereshöhe hinauf bis fast zum Gipfel. Ideal für Transport und Unterbringung der Bombe. Perfekt für eine geheime wie gemeine Operation dieser Art.

Ich mag solche Filme. James Bond ist mein Superheld, cool und lässig in jeder noch so hoffnungslosen Situation, von messerscharfem Verstand und unerschütterlicher Entschlossenheit. Normalerweise würde ich in packenden Szenen glatt aufspringen und luftboxend mitkämpfen. Heute jedoch nicht. Heute will ich nicht mehr tun, als mich eingerollt in die Couch drücken, Bier trinken und fernsehen.

Normalerweise trinke ich nicht, na ja, selten, jedenfalls nicht regelmäßig. Aber heute ist „Ausnahmsweise“. Ich habe keine Ahnung, wie oft ich schon zum Kühlschrank gegangen bin, um eine Dose Bier zu holen. Ein fürchterlicher Tag. Aber daran mag ich jetzt nicht denken. Am liebsten mag ich heute gar nichts mehr denken. Und dafür kommt mir Bond gerade recht. Da kann ich mich ablenken. Den Film habe ich zwar schon gesehen, aber das stört mich nicht.

Schon in Bubenzeiten hatte ich Abenteuer- und Heldengeschichten verschlungen, die Schatzinsel, Tom Sawyer und Huckleberry Finn, Kapitän Nemo, die Reise zum Mond.

Später, hinausgewachsen aus den Kinderschuhen Klassiker wie Robinson Crusoe, der Graf von Monte Christo und auch die sagenhaften Abenteuer der griechischen Helden und Halbgötter, wie die Irrfahrten des Odysseus, die Argonautensage und Geschichten der Kämpfer um Troja. Nicht zuletzt auch die Abenteuer von Winnetou und Old Shatterhand, weil man sich auf deren Strickmuster verlassen konnte: Die Bösen werden bestraft, die Guten gerettet. Die Besten schneiden sich am Ende gegenseitig in den Finger, um Blutsbruderschaft zu schließen.

Die Wunderkräfte-Comicfiguren, wie Super-, Bat- und Spiderman, die sich infolge ihrer Kryptoninfektion ohne Beulen und Kratzer aus dem heillosesten Schlamassel herauswinden, kann ich nicht leiden. Diesen Typen ist wohl überhaupt nicht beizukommen. Genauso wie diese autistischen Superhirn-Detektive, die in unerträglicher Perfektion anhand eines verwischten Fußabdrucks Psyche, Absicht und Aufenthalt des durchgeknallten Serientäters entlarven. Die sind in unwirklicher Weise durchkonstruiert, die Story Endprodukt rückwärts geschriebener Drehbücher.

Ich bin nicht so naiv, zu glauben, ein wirkliches Heldenleben wäre auch nur ansatzweise vergleichbar mit einem Filmabenteuer. Dennoch habe ich mich nicht davor wehren können, mich dann und wann als supercoolen Agenten vorzustellen, wohlwissend, dass sich ein solcher Job außer Reichweite befindet. Abgesehen davon, dass ich nicht über die dafür notwendige Kraft in Armen und Beinen verfüge, mag ich auch nicht berufsmäßig in der Welt herumgondeln. Diese Typen sind doch ständig auf Achse. Terroristen und andere Spinner, die aus irgendwelchen kranken Motiven die Welt bedrohen oder gar zerstören wollen, verstecken sich ja meist besonders gut. Erst muss man sie ewig suchen und wenn man sie endlich gefunden hat, laufen sie gleich wieder davon. Dann heißt es hinterherfliegen, rennen, klettern, tauchen und was sonst noch alles. Jedenfalls Außendienst extrem, und das ist nichts für mich.

Dafür hatte ich einen anderen Traum, einen ganz ernsthaften. Ich wollte Mathematiker werden, und zwar ein richtig berühmter. Einer von der Art, die mit gerunzelter Stirn und zerzausten Haaren komplizierte Formeln wälzen. Das war kein Hirngespinst wie die Idee mit dem Agenten, nein, da war ernsthaftes, tiefes

Verlangen in mir. Nicht zuletzt hielt ich auch diesen Weg für mächtig heldenhaft, nur eben nicht mit Schießen und Bomben entschärfen, sondern durch Entschlüsseln der Geheimnisse des Universums. Ein James Bond der Wissenschaft!

Die fixe Idee vom Mathematiker kam nicht über Nacht. Schon in frühen Jugendjahren hatte ich begeistert mit Zahlen herumgespielt und mathematische Rätsel geknackt. Meine Mutter war mächtig stolz auf mich. „Hermann“, hatte sie immer wieder gesagt, „du bist ja ein richtiges kleines Genie. Aus dir wird einmal ganz ein Großer!“ In der Schule hatte ich mich toll gefühlt, wenn ich als Erster der Klasse mit der gelösten Rechenaufgabe vor dem Lehrer stand, und noch überragender, wenn er mich vor den anderen als angehender Zahlenzauberer hervorhob.

Diese mit Häckchen und Sternchen verzierten Zahlen und Buchstaben, grüppchenweise durch runde und eckige Bögen in die einzig möglich sinnstiftende Ordnung gebracht, haben was ganz Besonderes an sich. Eine Geheimsprache, ein Code für Auserlesene. Je komplizierter eine Formel aussah, je weniger Ahnung ich hatte, was sie bedeuten könnte, umso mehr zog sie mich an. Zuweilen fertigte ich kleine Zettelchen mit spontan hingekritzelten Zahlen- und Buchstabenmonstern an, die ich wie zufällig da und dort verlor, in der vielversprechenden Hoffnung, dass sie jemand finden und sogleich in ehrfürchtige Bewunderung verfallen würde.

Dass ich einst Mathematik studieren werde, stand jedenfalls außer Zweifel. Ein Plan ohne Alternative. Die ersten Semester verliefen auch so, wie ich es mir vorgestellt hatte, lernte ich doch im tieferen Sinn verstehen, was in der Mittelschule an der Oberfläche durchschwommen wurde. Wie das Abtauchen in die Tiefe der Zahlenwelt. Der Tauchgang am sonnengefluteten Riff der Analysis war jedoch bald vorbei. Es ging tiefer, und mit der Tiefe wurde es zusehends diffuser und unheimlicher. Wie gerne wäre ich geblieben, Jahre noch hätte ich mich auf minus zwölf Metern mit Differentialrechnen beschäftigen können.

Fast hätte ich im Frühjahr den ersten Studienabschnitt geschafft. Fast, weil in den vergangenen Monaten mein Fortschritt arg ins Stocken geraten ist. Zurzeit hänge ich bei Theoretischer Informatik. Dabei geht es um enorme Datenmengen verschiedenster Art, die mathematisch in den Griff zu bekommen sind. Gerade bei diesen Theorien und Algorithmen habe ich das Gefühl, dass ich sie nicht greifen kann. Keine Anwendung von vorgedachten Rechenabläufen, die geradewegs auf klare, eindeutige Ergebnisse hinzielen, sondern Ansätze, die in unerschlossene Räume führen. Zuweilen verstehe ich nicht einmal, worum es überhaupt geht und komme mir richtiggehend verloren vor. Wie ein Tiefseetaucher, der an dem kurzen Ende der durchtrennten Verbindungsschnur von seiner Unterwasserstation in die unbekannte Weite des Ozeans davontriftet.

Sicherlich geht es den meisten meiner Kollegen genauso. Nur die Allerwenigsten scheinen keine Schwierigkeiten zu haben und sind schon im zweiten Studienabschnitt. Entweder verwenden sie Nitrox in der Tauchflasche, haben Kiemen oder nehmen die Sache nicht so genau wie ich und tauchen auf einer ganz eigenen, mir unbekannten Weise durch.

Natürlich weiß ich, dass Studieren nicht nur angenehm oder gar lustig ist. Ein berühmter Mathematiker wird man nicht mit einmal tiefer Luft holen. Nur weil man frech seine Zunge herausstreckt, wird man kein Albert Einstein. So wie man sich nicht bloß deshalb als Maler unsterblich macht, indem man sich ein Ohr abschneidet.

Mich beschleicht die Angst, jeder Stufe der Erkenntnis könnte eine noch tiefere folgen. Je länger ich in die Welt der Mathematik blicke, umso dunkler und weiter wird sie, als wolle das große Wissen vor mir fliehen. Hoffentlich werde ich irgendwann doch noch glücklich auftauchen und dann sehen wir weiter.

00:01:09 … 00:01:08 … 00:01:07 …

Bond hat keine Schwierigkeiten, in Nullkommanix die Zerstörungskraft der Bombe abzuschätzen, schließlich war er in der Agentenschule der Hellste und Schnellste seines Jahrgangs. Hell beim Auswendiglernen von passenden Sprüchen für alle Lebenslagen, schnell beim Nummernschlossknacken und Zapfenrechnen. Die Explosion würde nach seiner Kalkulation glatt den ganzen Gibraltarfelsen zum Bersten bringen. Grauenhafte Bilder einer monströsen Flutwelle, eines unbewohnbaren Trümmerhaufens zwischen Europa und Afrika nehmen vor seinen Augen Gestalt an.

„Genug damit“, murmelt er in sich hinein, „jetzt heißt es klaren Kopf bewahren.“ Er muss sich losreißen von diesen Gedanken, jede Ablenkung wäre tödlich. Zu allem Überdruss hat er sich beim Aussteigen aus dem Schlauchboot die Schulter derart unglücklich gezerrt, dass ihm bei jeder Bewegung ein stechender Schmerz durch den Körper fährt. Aber auch darauf darf er jetzt keine Rücksicht nehmen. Keine Zeit für Kinkerlitzchen, kein Nerv für Wehwehchen.

Er lässt seinen Blick über den Auslöseapparat der Bombe schweifen. Schalter, Kästchen und haufenweise Drähte, aus anderen Missionen wohlvertraut in den Farben blau, rot und grün. In der Mitte des technischen Wirrwarrs grinst ihm die fiese Grimasse des gläsernen Behälters mit der giftgrünen Flüssigkeit entgegen, der mit einem leisen Klick den unheilvollen Zündmechanismus in Gang setzen wird. Der berüchtigte point of no return. Solange das Gefäß in Ruhe ist, ist alles gut, kann alles noch gestoppt werden. Sobald es sich aber – klick - zu entleeren beginnt, ist es gelaufen. Ohne Widerruf. Ab diesem Zeitpunkt kann die Explosion nicht mehr verhindert werden.

Die letzten Sekunden ziehen sich unheimlich in die Länge. Das ist in solchen Filmen meistens so. Vorher trippeln die schönen Fräuleins wie ein Windhauch viel zu rasch über den Bildschirm. Dann, wenn es gefährlich wird und keine Zeit mehr bleibt, kommt einem jede Sekunde wie eine Ewigkeit vor.

Obwohl das Abenteuer auch ohne mich seinen vorbestimmten Lauf nimmt, kann ich nicht einfach nur tatenlos zuschauen. Die Paprikachips gehen zur Neige. Ein paar klebrige Brösel hängen noch am Boden der Tüte. Beim Herausfischen verschmiere ich mir die Hand bis zum Ärmel mit einem Gemisch aus Salz und Fett und der Alkohol zeigt immer mehr seine Wirkung.

Der Film biegt in die entscheidende Schlussphase ein und es ist nichts mehr da, sie angemessen versorgt mitzuerleben. Geht es sich noch aus, eine weitere Dose

Bier und etwas Salziges zu organisieren? Vermutlich nicht, das Schicksal der westlichen Welt würde entschieden, während ich im geöffneten Kühlschrank herumkrame.

Ich bin schlagartig hellwach. Jetzt heißt es, kaltschnäuzig und präzise sein, wie Bond. Ohne zu zögern drücke ich die Pausetaste, renne in die Küche und munitioniere mich für das Überleben der nächsten folgenschweren Sekunden auf. Ins Wohnzimmer zurück begebe ich mich deutlich bedächtiger, wäre ich am Hinweg doch beinahe über meine alte Ledertasche gestolpert. Außerdem kann ich mir sicher sein, dass die Fernbedienung des Fernsehapparats ohne meinen Eingriff nichts unternehmen wird.

00:00:29 … 00:00:28 … 00:00:27 …

Elena, eine überaus attraktive Frau mit dunklen Augen und Haaren war der eigentliche Schlüssel zu Igors geheimen Bombenlager. Ohne sie wäre Bond vermutlich noch bis zum Ende des Countdown im Inneren des Felsens herumgeirrt. Sie war es, die über den bösen Plan bis ins Kleinste Bescheid wusste, war sie doch über ein Jahr lang Igors engste Vertraute.

Wer weiß, was mit ihr geschehen wäre, hätte sie nicht an jenem lauen Abend auf der Terrasse des Casinos den eloquenten Gentleman kennengelernt, in Geist und Gestalt das glatte Gegenteil von Igor. Natürlich war es alles andere als eine zufällige Bekanntschaft vor romantischer Kulisse, die Begegnung hatte Bond ganz gezielt eingefädelt. Jedenfalls konnte er Elena von der anmaßenden Niederträchtigkeit des Vorhabens überzeugen. Was wirklich entscheidend war, sein unwiderstehlicher Charme oder die unleugbare Kraft des Faktischen, ist unklar. Egal. Jedenfalls wechselte die Schöne schnurstracks auf die Seite des Guten und klebt seitdem an des Agenten Augen und Ärmel.

Als ehemalige Mitarbeiterin des Bösewichts in der ersten Führungsebene ist Elena bestens ausgebildet und krisenerprobt. Dennoch scheint ihr die momentane Zukunftsaussicht einigermaßen zu schaffen zu machen. Sowohl die Kontrolle über die Situation als auch über sich selbst verloren, fuchtelt sie panisch mit ihrer Nagelschere über dem Drahtgewirr herum.

Bond weiß, dass er im Moment auf die Lady nicht zählen kann. Er legt seine Hand auf die ihre und bemüht sich um einen gelassenen Tonfall: „Elena, Baby – bleib cool. Ich verspreche dir, alles wird gut“, und, nachdem ihn die eigenen Worte selbst nicht so richtig überzeugen, „und wenn nicht, warst in jedem Fall Du die große Liebe meines Lebens.“

Recht spät die Worte der Offenbarung, Sekunden vor der drohenden Katastrophe, aber sie tun gut und geben Perspektive, wenn auch nur durch einen schmalen Spalt. „Warum hast du das nicht schon früher gesagt, James“, flüstert sie hervor, „jetzt wird es gleich zu spät sein für uns zwei!“

„Die rechte Zeit war noch nicht gekommen“, wendet er ein. Aber jetzt sei er sich gewiss und wenn es wirklich die allerletzte Gelegenheit sein sollte, dürfe sie auf keinen Fall verpasst werden.

Bonds Cream-Tea-süße Worte verfehlen ihre Wirkung nicht. Fast schlagartig schwinden Elenas hektische Bewegungen über der Bombe. Sie ist eins mit sich, Bond und der trüben Aussicht. Ein zittriges Lächeln flieht über ihr Gesicht. Er bemerkt im Augenwinkel, wie ihre Wangen leicht erröten. Das war ihm schon am Abend zuvor im Hotelzimmer aufgefallen, als er den Verschluss der sündteuren Halskette geöffnet und dabei nicht zufällig ihren Hals berührt hatte. Da ahnte er bereits, dass diese Frau etwas ganz Besonderes hätte und er noch Gelegenheit suchen wird, sie nicht nur als Agentengehilfin für sich zu gewinnen.

Ich richte die Utensilien für den nunmehr heikelsten Teil der Mission in Griffweite zurecht und spule den Film um ein, zwei Minuten zurück, um an einer vertrauten Stelle wieder einzusteigen. Wie beiläufig öffne ich die Bierdose mit einer Hand und lasse zeitgleich mit der anderen den Plastikdeckel der Keksdose springen.

„Auch ich kann simultan und präzise arbeiten. Nicht nur du, mein guter James“, grinse ich spöttisch dem Fernsehapparat entgegen. Diese Handgriffe habe ich immerhin oft genug trainiert. Nebenbei könnte ich sogar noch einer angebeteten Schönheit in knappen, auserlesenen Worten und tiefgründiger Stimmlage die ewige Liebe versprechen.

Können würde ich das ganz bestimmt, da hege ich in der momentanen Bierlaune keinen Zweifel. Blöderweise fehlt mir aber dazu die schöne Agentin oder überhaupt eine Frau, die schon bei meiner geringsten Berührung hormondurchströmt erröten würde. Nicht, dass mir so eine Elena noch nie begegnet wäre, das hätte schon sein können. Das mit den Frauen ist keine einfache Sache, und heute schon gar nicht. Ich fürchte sogar, dass mit dem heutigen Tag das Thema Beziehung für mich wieder einmal in weite Ferne gerückt ist.

An die zwei Jahre dürfte es her sein, dass ich Luise kennengelernt habe. Es geschah auf einem Universitätsfest im Park des Campusgeländes, als meine Augen an ihren grünen fröhlich flackernden hängengeblieben waren. Bis zum Morgengrauen unterhielten wir uns, scherzten und philosophierten über Gott und die

Welt. Hals über Kopf hatte ich mich in dieses quirlige Energiebündel verliebt. Wenn sie lachte, blitzten ihre Zähne hervor und an den vergnügten Augenwinkeln strebten zarte Fältchen auseinander. Wenn sie etwas erzählte, tat sie dies zuweilen mit Händen und Füßen und setzte dabei ihre schlanke Figur geschickt in Szene.

Ursprünglich spielte Luise mit dem Gedanken, in Geschichte zu immatrikulieren. Besonders interessierte sie sich für Alte Geschichte. Der wohl einzige

Grund, es nicht zu tun, war ihre Befürchtung, im späteren Berufsalltag im Keller eines Museums sitzen und alte Knochen oder Tonscherben nummerieren zu müssen. Absolut nachvollziehbar, jemand wie sie wäre wohl kaum geeignet für ein solch bedächtig blutleeres Tun.

Schließlich entschied sie sich für Sport und Geographie, um das Angenehme mit dem Notwendigen zu verbinden. Mit dieser Ausbildung will sie einen Job finden, der ihr die weite Welt öffnen würde. Sie will unterwegs sein, von einem

Projekt zum nächsten reisen. Jedenfalls keine Arbeit mit vorgegebenem Stundenplan, nichts mit Stempeluhr und Jausenbox.

Lernen macht ihr nichts aus, zumindest lässt sie sich nichts anmerken. Sie macht sich keine tiefschürfenden Gedanken über Sinn und Unsinn verschiedener Fächer, sondern tut einfach, was zu tun ist: Pauken, was der Studienplan vorgibt, in jener leichtfüßigen Art, wie ich sie kennengelernt habe.

In dieser Hinsicht sind wir recht unterschiedlich. Oder auch: Waren wir? Möglicherweise ist es nun vorbei mit uns, oder doch nicht? Ich habe keine Ahnung, was ich denken soll. Wie gesagt, will und kann ich heute nicht mehr denken.

Wir hatten eine richtige Beziehung miteinander, jedenfalls eine, die unter Studenten als solche gilt. Zwei- bis dreimal in der Woche verabredeten wir uns, gingen aus, trafen Freunde oder unternahmen sonst etwas. Am liebsten saß ich mit ihr in meiner Stammkneipe, wo wir uns dann und wann unsere Zukunft ausmalten. Anfangs hörte sie mir interessiert zu, wenn ich von meinem Traum des berühmten Mathematikers schwärmte, aber im Laufe der Zeit störte sie sich immer öfter daran. Dann meinte sie, dass es nicht Wert wäre, sich über ferne Zukunft Gedanken zu machen. Es wäre doch viel spannender, heute zu leben als von übermorgen zu träumen.

Ab und zu gingen wir gemeinsam laufen. Sport finde ich gut, aber nicht auf allzu fanatische Weise oder gar als Wettkampf. Deshalb halte ich auch nichts von Pulsuhren, Trainingsplänen und solchen Dingen. „Aber Hermann, das macht doch nichts. Ich bin ja auch nicht die Beste in meiner Laufgruppe. Wir wollen uns nur gemeinsam bewegen und nicht mehr“, versicherte sie mir. Das war wohl ehrlich gemeint, aber funktioniert hat es nicht; denn es schaltete sich dabei ein ganz sonderbarer Mechanismus ein, nein, eher ein dummes, kindisches Spiel. Anfangs unscheinbar und fast zufällig, dann immer regelmäßiger und nerviger.

Meist liefen wir der Hauptstraße entlang stadtauswärts, durch den Park und über einen Hügel wieder zurück. Insgesamt so an die sieben Kilometer. Diese Strecke mag ich gern, da weiß ich, was mir bevorsteht und kann meine Kräfte gut einteilen.

„Mein Lieber, du bestimmst das Tempo und ich laufe einen oder zwei Schritte hinter dir“, meinte sie, damit ich als der schwächere Läufer das Tempo bestimmen könnte. Ein guter Vorschlag. Nach kurzer Zeit, spätestens beim ersten Anstieg ging das immer wiederkehrende Spielchen aber los: Luise rückt von hinten heran, als wolle sie mich wie ein Schaf den Anstieg hinauftreiben. So etwas vertrage ich nicht, da fühle ich mich unter Druck gesetzt. Natürlich lasse ich sie an mir vorbeiziehen und laufe mein Tempo weiter. Was soll ich denn machen? Sie merkt natürlich, dass sie gerade gegen ihre eigene Regel verstößt, schaut stirnrunzelnd um und ordnet sich wieder ein. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass sich dieses Spielchen dann alle paar Meter wiederholt. Ein tolles Gefühl, auf diese Weise gesagt zu bekommen, dass ich zu langsam bin.

Als ich dies eines Tages zum Thema machte, reagierte sie genervt: „Du bist ein typischer Vorläufer! Weißt du eigentlich, wie mühsam das für die anderen ist?“, platzte es aus ihr heraus.

„Wir laufen ja nicht um die Wette“, rechtfertigte ich mich, „sondern jeder so wie er mag und kann. Wenn du schneller laufen willst, dann tu das doch einfach. Ich habe kein Problem damit, ich habe mein Tempo und du kannst …“

„Was, dein Tempo? Eben nicht. Sobald du meinst, zu langsam zu sein, wirst du noch langsamer!“

„Ach, das kommt dir nur so vor …“

„Doch! Solange du keine Konkurrenz spürst, ziehst du an. Sobald jemand nur ein bisschen schneller, besser oder gescheiter oder sonst was ist, klinkst du aus. Wenn du dich immer nur nach denen hinter dir orientierst, wirst du irgendwann merken, dass dich alle anderen überholt haben.“

„Na ja, dann sollen sie doch überholen, wenn sie schon meinen …“

„Das wäre ja auch in Ordnung, passt aber überhaupt nicht zu deinem großen

Traum vom berühmten Mathematiker. Wenn du ihn ernst nehmen würdest, müsstest du diejenigen, die vor dir sind, im Blick haben, mit ihnen mithalten und, noch besser, versuchen sie zu überholen.“

„Wie, jemanden besiegen, nur um sich vielleicht irgendwie besser zu fühlen? Das überlasse ich anderen …“

„Aber nein, so meine ich das doch nicht. Nicht, um jemand anderen zu besiegen, sondern um dich selbst zu übertreffen. Das Spannende im Leben ist doch, sich seinen Träumen zu stellen und sie zu verfolgen. Du solltest Verfolger sein, nicht Vorläufer!“

Nun, das mag ihre Theorie sein, meinetwegen. Aber beim Laufen läuft es nicht so, das ist schon einmal klar. Da kann sie diesen Mechanismus noch so oft anstoßen, das beweist überhaupt nichts. Das habe ich nämlich gerechnet. Ich kann das, bin ja Mathematiker. Für Dinge, die man rechnen kann, braucht es keine abenteuerlichen psychologischen Erklärungen.

Ich mag Dinge, die man rechnen kann, für die es ein entweder und oder gibt, die am Ende der Überlegung klar und unbestritten auf dem Tisch liegen. Da fühle ich mich sicher und auf dem rechten Weg.

Als Startbedingung gehe ich davon aus, dass wir mit gleicher Geschwindigkeit gemütlich dahinlaufen. Ich voraus und Luise einen Schritt dahinter, genau nach ihrer Regel. Zur bestimmten Zeit bricht sie aus und überholt. Um die ursprüngliche Situation wiederherzustellen, muss ich Gas geben. Damit sind wir wieder im Takt, allerdings um eine Spur schneller. Das Spiel beginnt von vorne. Sie bricht aus, ich bin hinten und muss gleich wieder beschleunigen. Mit jedem

Zyklus werden wir schneller, immer schneller. Bald würden wir wie verrückt dahinrennen und uns ständig gegenseitig einzuholen versuchen, wie zwei Huskys, die bis zum Umfallen dahinjagen.

Ich habe das Laufschema fein säuberlich auf Papier gebracht und eine hübsche mathematische Reihe entwickelt. Übrigens eine wirklich spannende und praktische Rechnung. Jedenfalls ergibt sich ein Geschwindigkeitsverlauf, der zwar in kleinen Schritten, jedoch in gnadenloser Stetigkeit gegen unendlich strebt. Also: keine gute Idee, Luise nach ihrer Theorie hinterherlaufen zu wollen.

Als ich ihr nicht ohne Stolz mein Ergebnis präsentierte, erntete ich Unverständnis. Kopfschüttelnd entgegnete sie, dass dies erstens gar nichts beweisen würde und zweitens es nicht um theoretischen Krimskrams, sondern um das echte Leben ginge. Und überhaupt, meinte sie, würde ich mich offensichtlich lieber durch weit hergeholte Gedankenspielereien ablenken lassen, als mich endlich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren.

Das hat gesessen! Mit solch harscher Kritik hatte ich nicht gerechnet. Wütend schmiss ich mein schönes Diagramm in die Ecke und meldete mich ein paar Tage lang nicht mehr. Wenn ich mit etwas Abstand darüber nachdenke, muss ich mir aber doch eingestehen, dass da etwas dran sein könnte. Es wäre vielleicht wirklich gescheiter gewesen, auf die Informatikprüfung zu lernen, statt den ganzen Nachmittag mit dem Laufschema zu verbringen.

Was die sportliche Aktivität betrifft, musste es so kommen, dass sie sich immer mehr aus unserer Gemeinsamkeit verabschiedete. Der kleine, unscheinbare wie hartnäckige Mechanismus versperrte die Möglichkeit eines weniger belasteten Zugangs zu diesem Thema.

Heute Mittag war es schließlich soweit. Luise und ich waren in der Stadt zum Essen verabredet. Ich habe dummerweise vergessen, dass ich einem Kollegen zugesagt hatte, ihn mit dem Auto ein Stück des Weges mitzunehmen, weil es regnete. Durch den Umweg verspätete ich mich etwas. Luise war pünktlich und in ihrer Tasse nur noch ein Rest lauwarmen Kaffees. Der Begrüßungskuss fiel noch abgekühlter aus. Nachdem wir uns über das trübe Wetter ausgetauscht hatten, erzählte sie von einer Einladung bei Hans und Sandra, einem befreundeten Paar. Die beiden waren von einer dreiwöchigen Trekkingtour in Nepal zurückgekehrt und wollten davon berichten.

„Das klingt toll, da gehen wir auf jeden Fall hin, oder?“, meinte ich gekünstelt lächelnd, um die angespannte Stimmung aufzulockern. „Samstag ist perfekt.“ Das war es tatsächlich, wollte ich mir doch am Sonntag mit einem Freund die Oldtimer-Parade in der Stadt ansehen. Mehr als vierzig chromblitzende Autos aus den sechziger und siebziger Jahren werden durchfahren. Phantastisch, das wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen.

Eigentlich hatte ich mir wegen der bevorstehenden Informatikprüfung ein recht dichtes Lernwochenende vorgenommen. Den Prüfungstermin hatte ich schon zweimal verschoben, weil ich den Stoff noch nicht gut genug beherrschte. Noch einmal zu verschieben, wäre zwar peinlich, aber durchfallen will ich generell nicht. Da trete ich lieber nicht an.

„Was ist denn los mit dir, mein Lieber? Du hängst mit den Prüfungen in den Seilen und verbringst deine Zeit mit allem möglichen. Sind dir alte Autos fremder Leute wichtiger als dein Studium?“

„Na ja, so oft bekommt man das nicht zu sehen. Außerdem habe ich mich mit Hans schon vor Wochen dazu verabredet und kann nicht einfach zurückziehen …“

„Aber sicher, warum denn nicht? Das wird er doch verstehen.“

„Es wird sich schon ausgehen. Wir müssen bei Hans und Sandra ja nicht ewig bleiben, oder? Die beiden wollen mit ihrer Abenteuerreise ohnehin nur angeben.“

„Aber das stimmt doch gar nicht. Außerdem können wir wohl kaum mittendrin aufbrechen, bloß weil du deine Zeit mit Nebensächlichkeiten vergeudest!“

„Ach was, vergeuden? Was soll denn das heißen? Es gibt eben noch anderes für mich, und diese Gelegenheit kommt sicher lange nicht mehr …“

„Und du? Was ist mit dir? Wenn du so weitermachst, wirst du dir bald eine andere Uni suchen müssen!“

„Aber Luise, komm, beruhige dich doch. Die Leute schauen schon …“ Tatsächlich spürte ich bereits die Blicke anderer Gäste auf meinem Rücken.

Sie kümmerte das überhaupt nicht: „Ach was, die geht das gar nichts an. Du lernst und lernst, und gleichzeitig verschiebst du ständig deine Prüfungstermine. So kommst du doch nicht weiter!“

„Ja, ich mache das eben gründlich. Und es kommt nun hin und wieder etwas dazwischen. So ist das Leben.“ Ich hasse es, wenn ich mich nur mehr in der Verteidigung bewege.

„Na toll, und deshalb nun schon der dritte Versuch! Weißt du was? Wir sagen bei unseren Freunden ab, damit dir noch genug Zeit bleibt, dich vorzubereiten. In Ordnung?“ Das Angebot klang vernünftig und ich dachte mir, damit könnten wir diese leidige Diskussion beenden.

„Ja, wenn du meinst, dann machen wir es so. Aber am Sonntag werde ich mir doch …“

Das war zu viel. Luise knallte ihren Löffel so laut auf den Tisch, dass die Gäste drei Tische weiter noch vor Schreck zusammenzuckten. Heftig gestikulierend warf sie mir vor, was denn da überhaupt herauskommen soll, mein ganzes Leben würde ich mit Zögern und Zaudern verbringen. Die Angelegenheiten, die in meiner Hand lägen, würde ich bis zum Nimmerleinstag herumkneten. Anstatt sie zu Ende zu bringen, würde ich von anderen träumen, die sich weit außerhalb meiner Reichweite befinden. Irgendwann würde ich nur mehr in irgendwelchen Luftschlössern leben, mich wichtigmachen und selbst dabei auf der Stelle treten.

Das ließ ich mir natürlich nicht gefallen, schon gar nicht hier in aller Öffentlichkeit. Ich bemühte mich vergeblich, meine Stimme gedämpft zu halten, stattdessen heizte ich kräftig nach: „Ach was, wichtigmachen? Mich interessieren eben so viele Dinge. Und jetzt sind es eben Oldtimer, die du als alte Autos bezeichnest …“ „Ach, ich rede doch gar nicht von deinen Oldtimern“, feuerte sie zurück, „du weißt genau, wovon ich rede. Du lenkst dich doch nur deshalb ab, weil dir der Mut fehlt, deine Sachen zu greifen und zu Ende zu bringen. Anstatt deinen Arm auszustrecken und anzupacken, was du erreichen kannst, beschäftigst du dich am liebsten mit irgendwelcher Träumerei!“

Damit konnte ich mich auch nicht mehr zurückhalten, schmiss die Serviette hin, wobei ich mich noch zusätzlich ärgern musste, weil sie fast lautlos am Boden landete: „Was, Träumerei? Was machst denn du? Herumhüpfen und immer gleich woanders sein wollen! Irgendwo, Hauptsache woanders! Da frage ich mich schon, wer von uns beiden ...“

Jetzt brannte das Feuer, lichterloh! Es konnte uns nichts mehr aufhalten, die

Emotionen übernahmen das Kommando. Gegenseitige Anklagen, wer sein Leben wohl besser im Griff habe. Ausdrücke, die sich mit jedem Schlagabtausch an Gemeinheit übertrafen. Sie hieß mich Verzögerungsgenießer, lobverwöhnten Trau-mich-nicht, Zauderer und sonst noch einiges. Ich schoss zurück, sie lebe in einem Tunnel und würde deshalb links oder rechts von ihr nichts wahrnehmen. Außerdem habe sie nur eines im Sinn, nämlich immerzu die Erste sein zu wollen. Die Gespräche der übrigen Gäste waren mittlerweile verstummt. Peinlich berührt stocherten sie mit ihren Gabeln in Tellern oder nippten an Gläsern. Es muss für sie eine wahre Erlösung gewesen sein, als Luise aufsprang, ihren Mantel packte und mit glühendem Gesicht und wehenden Haaren aus dem Lokal stürzte, nicht ohne noch hinterherzuschicken, dass es damit wohl erledigt wäre und ich ihr nur mehr leidtäte.

Unfähig jeglicher Reaktion blieb ich sitzen, zugleich leer und überschwemmt von sich überstürzenden Gedanken, in der unwahrscheinlichen Erwartung, dass irgendetwas passieren könnte. Wäre es nicht möglich gewesen, dass ein mitfühlender Geist herabstiege und die Löschtaste drückte?

Ich bestellte kleinlaut ein Bier, nachdem sich die Gäste wieder ihrer Unterhaltung zugewandt hatten und blieb sitzen, bis die meisten von ihnen die Bar verlassen hatten. Früher zu gehen wäre ich nicht in der Lage gewesen, die anklagenden Blicke hätte ich nicht ertragen. Erst zwei oder drei weitere Gläser später verließ ich das Lokal, ließ mein Auto stehen und fuhr mit dem Taxi durch den strömenden Regen nach Hause.

Stunden später kauere ich nun auf meiner Couch mit dem immer noch bohrenden Gefühlsmix aus Zorn, Scham und Reue. Der Cocktail aus Bier und Scheinwelt des Fernsehapparats scheint mir im Moment das Einzige zu sein, der trostlosen Realität auszuweichen.

00:00:02

Die so gut wie ausweglose Lage im Angesicht der tickenden Bombe schwenkt erwartungsgemäß ihrem entschärften Ende entgegen. Bond gelingt, den richtigen Draht zur rechten Zeit zu kappen. Es handelt sich um den roten. Er lag nicht nur gut zugänglich obenauf, sondern war auch recht filigran und konnte somit Elenas Nagelschere nicht widerstehen.

Igors Plan ist gescheitert. Seine Schergen humpeln ächzend aus dem Stollenlabyrinth. Er selbst verschwindet spurlos. James Bond hat sich wieder einmal durchgesetzt. Die Bombe ist gesichert, die Welt dreht sich weiter.

Ich muss mir eingestehen, dass Luise irgendwie Recht hat. Mich einer Sache so richtig hinzugeben fällt mir nicht leicht. Wenn ich meinen Arm ausstrecken und etwas anpacken sollte, bin ich mir oft nicht sicher. Auch suche ich nicht unbedingt die Konkurrenz anderer, die mir ebenbürtig oder gar voraus sind. Vielleicht deshalb mein Traum von dem unverstandenen Wissenschaftler, der ganz für sich und in sich gekehrt in seinem elfenbeinernen Turm an bedeutsamen Formeln herumforscht. Dieses Bild trage ich in mir, seitdem ich in meiner Jugend als heranwachsendes Genie und Zahlenzauberer gelobt wurde. Sollten sich Mutter und Lehrer in mir getäuscht haben? Oder war ihr Lob gar nicht echt und wirklich, sondern nur so dahingesagt?

Der Film würde nun die letzte Kurve nehmen. Bond würde eine schmale Felsenkluft entdecken, durch die ein zarter Lichtstrahl in die Höhle fällt. Er würde Elena Mut zusprechen und mit ihr ins Freie klettern. Dort angekommen, würde er ihr noch einmal in aller Gelassenheit die große Liebe erklären, worauf die beiden ihre dreiminütige Zukunft bis zum Nachspann des Films in nicht endenwollender Umarmung verbracht hätten.

Das wäre das Happy End, so wie es sich für einen James Bond Film gehört. Perfekt. Nicht aber für mich an diesem Tag. „Nein, mein guter James, heute nicht! Ich bin gar nicht in Stimmung für Sonnenuntergangsromantik, sorry“, raune ich ihm zu, greife nach der Fernbedienung und zappe weiter. Geschafft, nur keine Liebesszenen an einem solchen Tag!

Die Erleichterung, auf einem belanglosen Shoppingkanal gelandet zu sein, währt kurz. Meine Gedanken haben sich bereits dorthin begeben, wo ich sie heute nicht mehr treffen will. Ohne einen klaren Grund dafür nennen zu können, hatte ich nie ernsthaft daran gedacht, Luise meine große Liebe anzuvertrauen. Da dürfte schon Liebe dabei gewesen sein, ganz gewiss. Aber da war auch so etwas wie eine innere Stimme, die mich daran gehindert hatte, es zu tun.

Das flaue Gefühl, als würde ich mit meinem Geständnis heimatlichen Boden verlassen und eine unbestimmte Zukunft betreten müssen. Hätte ich es getan, wenn ich mit ihr vor der sprichwörtlich tickenden Bombe gestanden wäre? Hätte ich ihr in diesem schicksalhaften Augenblick meine entkleideten Gefühle in bond’scher Lässigkeit ins Ohr geflüstert?

„Wer weiß, vielleicht oder auch nicht“, versuche ich den Gedanken ziehen zu lassen. „Egal. Was vorbei ist, ist eben vorbei. Ach, meine Luise – wo bist du?“

Nachdem ich in meinem vom Alkohol benebelten Zustand an eine Rückkehr ins Leben nicht denken mag und das letzte Bier nicht getrunken ist, wandere ich weiter durch die Senderliste auf der Suche nach Ablenkung.

Auf Kanal Nummer sieben läuft ein Science-Fiction Film. Genau das Richtige. Ein Asteroid droht, auf die Erde zu stürzen. Nachdem alle Interventionen von Regierung und Militär gescheitert sind, kann das tonnenschwere steinerne Projektil nur mehr mit Hilfe der improvisierten Berechnungen eines verkrachten Astrophysikers abgelenkt werden. Um Haaresbreite rauscht es an der Menschheit vorbei. Wie zu erwarten auch hier in letzter Sekunde.

„Jetzt reicht es“, rülpse ich aus mir heraus. Mir ist schlecht. Ich bin sturzbetrunken und will diesen verheerenden Tag endlich hinter mich bringen, schalte den Fernsehapparat ab, hinterlasse eine Halde leerer Dosen und Chipstüten und wanke dem Schlafzimmer entgegen. Zu allem Überfluss stolpere ich nun doch noch über meine blöde, alte Ledertasche und schlage mir am Schuhschrank das Schienbein auf.

Irgendwie gelingt es mir, ins Bett zu finden. Die Zimmerdecke über mir dreht Kreise, das Bein schmerzt, der Kopf dröhnt. Ich warte halb betäubt auf Erlösung im Schlaf, aber die Gedanken wollen nicht zur Ruhe kommen. Sie wandern ziellos umher, vom Streit in der Bar zur bevorstehenden Prüfung, zur dahinschmelzenden Vorstellung des berühmten Mathematikers, zu Bond und Elena …

DER TRAUM BEGINNT …

Wo bin ich?

Es ist anders. Ich kann es nicht beschreiben, es ist mehr ein Gefühl. Die Luft ist warm und trocken und die Sonne steht hoch über dem Felsen, vor dem ich mich befinde. Auf dem sandigen Boden wachsen zwischen gelblich braunen Gräsern halbhohe Sträucher und vereinzelt krumme Pinien. Da und dort treten aus dem Boden abgeschliffene Felsen hervor, wie überdimensionale Rücken urzeitlicher Schildkröten.

Ich habe keine Ahnung, wie ich plötzlich hierher gelangt sein könnte, jedoch kommt mir die Landschaft irgendwie vertraut vor. Meine Gedanken gleiten zurück in frühe Jahre, als ich mit meinen Eltern im Sommer in den Süden fuhr. An den steilen, zum Wasser hin abfallenden Ufern fand sich auch dieses dem Wind und der Trockenheit trotzende Gestrüpp. Vor allem aber sind es die in der Höhe kreischenden Möwen, die mich an Ferien am Meer erinnern.

Zwischen dem Gehölz ist so etwas wie ein Steig auszumachen, der steil nach oben führt, vielleicht aus der Laune der Natur heraus entstanden oder vor langer Zeit von Menschenhand geschlagen. Ich gehe locker und mühelos aufwärts, spüre nicht einmal die Bewegung meiner Beine. Ein völlig unerwartetes Gefühl, müsste ich mich doch mit hochrotem Kopf den Berg hinaufschleppen. Ich überlasse den Beinen das, was sie gerade tun. Ich habe keinen Einfluss darauf, wohin sie mich tragen. Es spielt auch keine Rolle, wüsste nämlich nicht, wohin ich sie lenken sollte.

Schließlich bleiben meine Augen an einer Pinie mit weit ausladender Baumkrone hängen. Pinien werden diese Bäume ohne Grund genannt, denn eigentlich sind es Kiefern, und in diesem Fall handelt es sich um Aleppokiefern. Das habe ich kürzlich gelesen, interessiere mich aber an und für sich nicht besonders für solche Dinge. Es ist auch nicht der Baum selbst, der meinen Blick anzieht, sondern die Silhouette eines Menschen, der halb verborgen in seinem Schatten steht. In einer Gegend wie dieser würde man einen Bauern oder Hirten mit breitem Strohhut und braunen, grob gewebten Beinkleidern erwarten, aber eine Frauengestalt in leuchtend bunt gestreiften Hosen passt nicht hierher. Noch ein paar Schritte nähergekommen, bleibe ich unvermittelt stehen. Mir stockt der Atem.

„Luise?“ Kein Zweifel, sie ist es. Luise! Sie trägt ihre Sportklamotten, denen ich so oft hinterhergelaufen bin. Ihre Hände hält sie in die Hüfte gestützt, so wie sie es tut, wenn sie beim Laufen auf mich warten muss. „Luise! Wie ist das möglich?“ Sie lächelt mir zu, als würde sie mich geradezu sehnsüchtig erwarten. Ich nähere mich und kann die Fältchen an ihren Augenwinkeln erahnen. Rascher als ich mir es gewünscht haben könnte, stehe ich vor ihr.

„Hermann.“ Lächelt. „Endlich bist du da – schön, dass du gekommen bist.“

Mehr als ein verwundertes „Luise …?“ bringe ich nicht hervor. Mit einem flüchtigen Wink deutet sie an, dass nichts zu sagen wäre und streckt mir ihre Hand entgegen. Wie von einer unsichtbaren Kraft bewegt nähern wir uns, bis wir uns schließlich in einer alles vergessenden Umarmung wiederfinden.

Ich spüre ihren Atem an meinem Hals und nehme den leicht herben Geruch ihrer Haare auf, sauge die schwebende Nähe behutsam ein, als müsse ich sie mit Vorsicht in ihrem Zustand halten, als drohe eine unbedachte Bewegung den Augenblick zu zerstören. Irgendwann lösen wir die Umarmung, ohne uns loszulassen. „Ja, da bin ich – und vor allem, wir sind da“, flüstere ich ihr ins Ohr. Worte, die auf meine Lippen gelangen, ohne einen rechten Sinn zu suchen. Auch wenn ich mich darum bemühte, würde mir nichts Geistreiches einfallen, so sehr schwebe ich im wunschlosen Jetzt. Ihr dürfte es nicht anders gehen. Langsam nähern sich unsere Lippen, bis sie einander in einem unendlich langen Kuss berühren.

Viel zu früh endet die Unendlichkeit. Luise schaut mich erwartungsvoll, geradezu auffordernd an. Ich stehe da wie hypnotisiert und weiß nicht, wie mir geschieht. Schließlich fasst sie mich an der Hand: „Komm. Ich denke, wir sollten gehen“, und deutet in Richtung des ansteigenden Hügels.

Als wir uns in Bewegung setzen, blicke ich kurz an mir hinab und sehe mich in meinem blau und weiß karierten Flanellhemd und der braunen Schnürlsamthose. Eigenartig. Ich habe auch meine alte Ledertasche in der Hand, in der ich seinerzeit Schreibsachen mit mir herumtrug, in der Absicht, das, was mir unterwegs zufliegen könnte, auf Papier zu bringen, um es nicht gleich wieder zu vergessen. Das meinen Einfällen harrende Papier blieb bis auf wenige Ausnahmen jungfräulich, weshalb ich mir irgendwann diese unnütze Marotte abgewöhnt hatte.

Wir folgen dem Verlauf des Steigs, Luise voraus, ich hinterher. Über Steinplatten und Geröll zwischen knorrigen Sträuchern geht es bergauf. Am höchsten Punkt angekommen, bleiben wir stehen und sehen uns um. Wir befinden uns auf einem mächtigen Felsmassiv, das eine langgezogene, schräge Hochebene bildet. Zwischen dem Gebüsch verlaufen da und dort langgezogene Felsspalten, die sich irgendwo in der Tiefe verlieren.

Einige hundert Meter unter uns erstreckt sich türkisblaues Meer. Nicht weit entfernt ist im Dunst des warmen Lichtes die Kontur eines majestätisch aufragenden Gebirgsstockes zu sehen. Er dürfte demjenigen ähneln, auf dem wir uns gerade befinden.

„Was für ein phantastischer Blick! Aber wo sind wir …“, gebe ich von mir, während meine Augen über die Landschaft schweifen. Bevor ich weiterversprechen kann, tippt Luise mit dem Rücken ihrer Hand an meinen Arm: „Schau, dort drüben.“

An der höchsten Stelle des Felsens steht eine steinerne Säule. Sie ist vielleicht an die fünf Meter hoch, ebenmäßig und gerade gebaut und trägt einen viereckigen Schlussstein auf ihrer flachen Spitze, ganz in der Art einer Tempelsäule, wie sie

in Griechenland hundertfach als Reste einer längst vergangenen Kultur herumstehen. Üblicherweise sind dort aber mehrere in erkennbaren Fluchten angeordnet, wodurch man sich eine Vorstellung des seinerzeitigen Tempels, Herrschergebäudes oder noblen Wohnsitzes machen kann. Nicht hier. Die Säule steht, völlig intakt, jedoch einsam und allein in der Landschaft. Weit und breit keine Reste eines übrigen Bauwerks.

EINE ANTIKE BEGEGNUNG

Die seltsame Säule hat mich so in den Bann gezogen, dass ich erst auf dem zweiten Blick einen Mann wahrnehme, der auf den Knien kauernd damit beschäftigt ist, diese zu bemalen. Bedächtig und konzentriert trägt er mit einem Kohlestück schwarze Farbe auf den Stein auf, völlig in seine Arbeit versunken. Als er uns bemerkt, schnellt er hoch, wie ein Graffitikünstler, der gerade auf frischer Tat ertappt worden ist. Er rennt aber nicht davon, sondern starrt uns bewegungslos an. Irritiert von seiner abrupten Bewegung halte ich inne. Luise greift nach meiner Hand und zieht mich sanft voran. Wir gehen weiter auf den einsamen Maler an der Säule zu.

Der Mann ist von schmächtiger Statur, hat ein hageres Gesicht mit markant vorspringender Nase und dunklen, gelockten Haaren. Auffallend ist seine Kleidung, so etwas in der Art einer Tunika. Spontan fällt mir der alte Druide aus der Comicserie Asterix ein, der mit seinem langen weißen Bart vielleicht sein Vater sein könnte. „Was ist denn das für ein eigenwilliger Typ? Miraculix Junior?“, flüstere ich Luise zu.

„Oder eine deiner sagenhaften Heldenfiguren …“, meint sie augenzwinkernd. Schließlich stehen wir dem Mann gegenüber. Seine dunklen Augen gehen zwischen uns beiden hin und her, um schließlich an mir haften zu bleiben. Mit gestrengem Blick mustert er mich von oben nach unten, von unten nach oben. Das Lächeln ist mir schon einmal vergangen. Ich will mir nichts anmerken lassen und grüße höflich: „Hallo, Grüß Gott!“

Er schrickt auf: „Wie, Gott? Ich möge Gott grüßen – welchen Gott denn möge ich grüßen?“, erwidert er mit dünner, schneidend scharfer Stimme.

Was ist denn das für ein komischer Kauz, und was für eine seltsame Redensart?

Wer sagt denn heutzutage schon ich möge? Ich versuche, meine Irritation zu verbergen: „Nein, nein, nicht Gott natürlich, ich heiße Hermann. Ich grüße Sie und wünsche Ihnen einen guten Tag.“

Der Fremde brummelt unverständlich: „Seid gegrüßt auch Ihr. Ich wünsche Euch einen guten Tag.“

Er schaut mich weiter an und schüttelt mehrmals den Kopf. Ich komme mir vor wie eine Gestalt aus einer anderen Welt. Nun, mir geht es mit ihm auch nicht anders.

Nachdem er sich an unsere Anwesenheit gewöhnt zu haben scheint, wendet er sich Luise zu. Sie versucht, die unverhohlene Dreistigkeit seiner Blicke zu ignorieren. Als seine Augen über ihre Laufleggings streichen, unterbricht er schlagartig sein Unterfangen und senkt wie untertänig seinen Kopf.

„N-i-k-e? Ihr seid Nike?“ Seine Stimme bebt.

„Götter des Olymp1, vergebt, ich konnte es nicht gleich erahnen.

Welch Ehre über den Maßen gar: Nike, Göttin des Sieges!

Oh hehre Göttin, die Zeus2 im Kampf gegen wilde Titanen

Schützend zum Sieg und zur Macht über alles verholfen hatte.“

Luise schüttelt den Kopf und winkt mit ihrer Hand ab, aber er ist nicht zu bremsen:

„Verzeiht … ich wusste nicht … Ihr seid’s. Doch Eure flammenden Flügel …?“

Woher Nike? Und warum schon wieder so etwas mit Gott? Sie nutzt sein kurzes

Zögern und wirft ein: „Nein, aber nein – nicht Nike! Ich heiße Luise: L-u-i-s-e.“

„Aber wie soll denn …?“

„Luise. Mein Herr, Luise. Nicht Nike.“

„Aber dies steht doch geschrieben, h