Ikarus fliegt noch - Sabine Kampermann - E-Book

Ikarus fliegt noch E-Book

Sabine Kampermann

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Beschreibung

Ein italienischer Katholik schwängert eine minderjährige Protestantin. Sie wird deshalb im protestantischen Heimatdorf ebenfalls zur Fremden. Ihn tötet die Verachtung der Dorfbewohner, trotzdem gibt sie niemals auf und bewirkt viel Gutes. Die Urenkelin erforscht ihre Familiengeschichte und erkennt: Trotz aller Schicksalsschläge sind die Urgroßeltern kraft ihrer Liebe wie Ikarus geflogen, und das ist bedeutender als der Absturz.

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Seitenzahl: 410

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Kurzbeschreibung:

Süddeutschland im Jahr 1900: In der Manzeller Bucht fiebern tausende Schaulustige dem Aufstieg des ersten Luftschiffes entgegen, während der italienische Katholik Angelo und die schwäbische Protestantin Frida zueinander finden. Doch ihre junge Liebe wird im Dorf Neckartailfingen mit Argusaugen verfolgt. Fridas Schwangerschaft sorgt kurz darauf für einen handfesten Skandal und macht aus ihr eine gefallene Frau. Gegen alle Widerstände wartet Angelo, bis sie volljährig ist, und heiratet sie. Frida verliert dabei ihre Staatsangehörigkeit, gewinnt jedoch eine neue Familie. Viele Jahre später begibt sich ihre Urenkelin Christine auf die Spuren ihrer Vorfahren: Warum ist Angelo so jung gestorben? Ist er ermordet worden, wie eine geheimnisvolle Notiz im Familienalbum behauptet? Ein lange gehütetes Geheimnis wartet darauf, endlich aufgedeckt zu werden …

Sabine Kampermann

Ikarus fliegt noch

Roman

Edel Elements

Edel Elements

Ein Verlag der Edel Germany GmbH

© 2018 Edel Germany GmbHNeumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Copyright © 2019 by Sabine Kampermann

Covergestaltung: Marie Wölk, Wolkenart

Lektorat: S. Lasthaus 

Korrektorat: Vera Baschlakow

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-96215-249-9

www.facebook.com/EdelElements/

www.edelelements.de/

Für meine Freundin Regine, deren Urgroßeltern mir für Frida und Angelo als Vorbild gedient haben.

Freiheit ist, die Fesseln selbst zu wählen

Inhalt

Christine

Angelo

Frida

Frida

Angelo

Frida

Angelo

Frida

Christine

Frida

Frida

Frida

Angelo

Frida

Frida

Angelo

Frida

Frida

Frida

Christine

Frida

Christine

Frida

Christine

Frida

Emma

Frida

Angelo

Frida

Christine

Frida

Fridas Mutter

Frida

Christine

Emma

Christine

Christine

Epilog

Glossar

Christine

Am Tag, als Angelo Lombardi starb und Walter Rathenau erschossen wurde, verdorrte südlich der Alpen auf dem Grab von Angelos Babbo der steinalte Granatapfelbaum. Seine einzige Frucht löste sich vom Zweig, fiel zu Boden, platzte auf und färbte die Erde rot.

Angelos Mamma betete dort täglich für das Seelenheil ihrer Söhne. Als sie nun Gott neben der Grabstätte anflehte, entdeckte sie blutende Sandkörner.

Ich starre auf das Papier und lese noch die beiden folgenden Sätze: Starb Angelo an gebrochenem Herzen, oder wurde er wie der jüdische Außenminister ermordet?

Der letzte Satz ist rot unterstrichen: Wenn Mord, wer trägt die Schuld daran?

Aus Versehen zerknittere ich den Papierfetzen mit meinen zittrigen Fingern. Der Zettel ist aus dem Familienalbum gefallen, als ich es aus dem hintersten Winkel des Regals gezogen habe.

Wer hat diese sechs Sätze hingekritzelt? Sie klingen wie ein Romananfang.

Ich glätte den Fetzen und betrachte die verschnörkelte Schrift. Sie gehört einer Frau, nehme ich an, und sie kommt mir vertraut vor, aber ich bin keine Expertin für Handschriften. Zudem ist das Papier alt und die Tinte verblichen.

Ich schnuppere daran, suche den Duft von Papier, doch er ist verschwunden. Die Staubschicht auf dem Fotoalbum hat ihn geschluckt. Ich wische das Album ab und blättere darin. Neben dem Kaiserreich und der Weimarer Republik enthält es Zeugnisse zweier Weltkriege und mindestens einer großen Liebe. Weniger die Kriege erkenne ich in den Bildern, mehr die Liebe. Das Album ist dick, zerfleddert und die Fotos bereits vergilbt. Ein Bild fällt aus den Seiten, ohne Klebstoff auf der Rückseite.

„Mädle, was suchst du bloß in dem alten Kruscht? Wie oft willst du deine Nase da noch hineinstecken?“, ruft meine Mutter in ihrem üblichen gequälten Hochdeutsch aus der Küche.

„Das letzte Mal ist schon lange her“, erwidere ich.

Ein Mädle mit fünfzig Jahren? Nun ja.

„Kannst du nichts Vernünftiges schaffen, Chrischtine?“

Ihre Stimme durchfährt mich wie ein Messer. „Könntest du meinen Namen endlich richtig aussprechen?“, zische ich vor mich hin.

Die Namen meiner Geschwister verschwäbelt sie nicht. Wohl, weil meiner nicht Christian lautet, Michael oder Thomas. Wieder nur ein Mädle, hat meine Mutter bei der Geburt meiner zweiten Tochter gewiss gedacht. Wenigstens hat sie es nicht mit Worten ausgedrückt, nur mit den Augen.

Sie kommt ins Wohnzimmer und nimmt mir gegenüber Platz. „Nutz deine Arbeitslosigkeit und kümmre dich mehr um deine Familie!“

„Ich bin nicht entlassen worden, sondern nehme ein Sabbatjahr“, entgegne ich so ruhig wie möglich.

„Sicher, das hab ich auch gar nicht behauptet und schrei mich nicht an! Empfindlich, wie du eben bist. Ich mein es doch gut.“

Schweigend balle ich hinter meinem Rücken die Hände zu Fäusten.

„Betracht es positiv! Du hast beide Töchter vernachlässigt. Denk nur an die Wochen, die du in der Klinik zugebracht hast. Michael musste sich allein um eure Kinder kümmern. Dein Mann hat wirklich Großes geleistet. Jetzt hast du Zeit für die Familie. Nutz das! Lara ist zu kräftig und Julia zu dünn.“

Die Entgegnung bleibt auf meiner Zunge kleben.

„Es ist doch wahr! Lara isst wie ein Müllschlucker und Julia wie eine sterbende Schlange.“

Ich zucke zusammen und schrumpfe von der erfahrenen Ärztin zu einem kleinen Mädchen. Meine Worte wollen nicht heraus, vergiftet von Mutters seltsamen Bildern. Warum nur habe ich keine Normkinder bekommen? Nach was genormt? Nach Schuhgröße, Umfang, Intellekt, Anzahl der Sommersprossen oder Zeckenbisse? Weiß sie es selbst?

„Du solltest dich im Spiegel sehen, Mädle, deinen Blick, die Stirnfalten. Dabei hab ich dir nichts getan, ich sag halt, was ich denk.“ Sie geht wieder in die Küche.

Ich atme auf. Lara hat wegen der Medikamente zugenommen.

„Chrischtine!“

Nein, nein, nein, ich brauche Ruhe und möchte nicht gestört werden, schon gar nicht von Mutter. Weshalb zerrt sie stets an meinen Nerven? Dabei meint sie es doch immer gut! Wieso fühle ich das nicht, trotz meiner Psychotherapie- und Hypnosesitzungen? Sie hat uns geliebt, liebt uns, uns alle fünf. Mich bringen zwei Kinder bereits an die Grenzen. Aus welchem Grund zittere ich in Mutters Gegenwart? Als ob sie mich als Säugling ersticken wollte. Das träume ich oft. Doch es sind bloß Träume.

„Mein Apfelkuchen ist fertig“, ruft Mutter und läuft zum Ofen.

Ich höre die Schritte, sie ist noch gut zu Fuß für ihr Alter. Der Kuchen duftet verführerisch süß nach warmen Äpfeln und Zimt mit dem bitteren Hauch leicht angebrannter Rosinen. Sie hat ihn extra für mich gebacken, weil ich Bratäpfel liebe. Ein Wasserfall strömt über meinen Gaumen. Ich kann es kaum erwarten, bis das Gebäck abgekühlt ist.

Kurz sehe ich durch den Türspalt zu ihr hinüber, erkenne den lichten Haarschopf und die Sorgenfalten. Ja, selbst sie ist vom Leben gezeichnet, so wie die ganze Familie. Nur hat sie es verdient!

Wieder streiche ich über das Album. Die Staubschicht ist fort. Ich habe das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, ja etwas zu stehlen. Mutter wendet sich nun der Strickarbeit zu. Etwas Vernünftigem! Ich trage diese kratzigen Strickpullis nicht gerne, doch die Motten lieben sie.

Warum bewahrt Mutter die Fotoalben im hintersten Regal auf? Den Zettel verstecke ich in der Hosentasche. Das Foto hebe ich auf, drehe es um und betrachte es. Urgroßmutter Frida lächelt scheu in die Boxkamera, den Kopf geneigt, das blonde Haar hochgesteckt. Schüchtern soll sie sonst nicht gewesen sein, sondern widerspenstig und aufmüpfig, das schwarze Schaf der Familie.

Ich mustere die hellen, wachen Augen. Topasblau! Das weiß ich aus Erzählungen, das Schwarz-Weiß-Bild verrät es nicht. Sie schimmern wie Wasser und zwinkern mir zu, bloß eine Sinnestäuschung, trotzdem zwinkere ich zurück.

Die Farbe des Kleids kann ich nur erahnen. Noch wird geschnürt, die Brust raus- und der Bauch reingedrückt. Sie aber brauchte Luft zum Atmen. Wie ich. Deshalb zeichnet sich ein kleiner Bauchansatz unter dem Kleid ab – oder weil sie auf dem Bild schwanger ist? Falls dieses Foto sie als Siebzehnjährige zeigt.

Ich betrachte die anderen Familienbilder. Auf den Fotos wirken die Abgebildeten stets älter, Kinder wie Kindergreise. Ich blättere zu dem Bild von Frida zurück. Das Kleid hatte sie wohl selbst geschneidert und sich dabei von dem berühmten Modekünstler Charles Frederick Worth inspirieren lassen. Sie trägt kein Korsett, zeigt auf dem Foto aber trotzdem eine schmale Taille und mehr Busen, als sie in Wahrheit gehabt haben soll. Ihr Schnitt betont beides. Doch wer wusste ihr Geschick in einem engen schwäbischen Dorf zu würdigen?

Ich fixiere das Foto, die Hälfte fehlt, ist amputiert worden. Mit der rechten Hand umklammert Frida eine andere Hand, die eines Mannes, meines Uropas wahrscheinlich. Jemand hat Angelo abgeschnitten. Wer? Wer ermordet ein Foto? Das Warum kann ich mir denken. Wer hat das Bild gemacht und wer in das Album gesteckt und weshalb? Wird zwischen den Blättern ein Mord dokumentiert, und ich erkenne es nicht? Bin ich blind?

Hochzeitsbilder von Frida und Angelo finde ich keine. Ich weiß, wieso. Niemand hat sie entfernt. Es gibt sie nicht. Geheiratet haben sie im Verborgenen, allein mit den Trauzeugen.

„Wie romantisch“, habe ich gesagt und verträumt geseufzt, als ich nach meiner ersten unglücklichen Beziehung von der Liebe meiner Urgroßeltern hörte.

Dabei wurde mir diese Geschichte bereits an der Wiege eingeträufelt. Nur sollte sie mir zur Abschreckung dienen. Frida, die Dorfmatratze,hätten Kinder und Kindeskinder getuschelt. Die Nachbarn damals haben gewiss andere Ausdrücke benutzt, aber das Gleiche gemeint. Neid, nichts als Neid! Ich finde Frida und Angelo doch romantisch.

„Romantisch? Was denkst du da? Zwei uneheliche Kinder, beschämend ist das“, entgegneten meine Eltern einstimmig, als ich es aussprach. Sonst waren sie sich selten einig.

Abgesehen davon hatte Frida nur ein uneheliches Kind!

„Sie hat die gesamte Familie dem Gespött der Leute preisgegeben und etwas in Gang gesetzt, das sich nicht mehr hat aufhalten lassen. Es setzte sich über Generationen hin fort.“ Meine Mutter lächelte vielsagend und traurig zugleich.

„Eine furchtbare Schmach! Er hätte gehen sollen, dann wär alles anders gekommen“, pflichtete ihr mein Vater bei.

Beide funkelten mich an.

Ja, gewiss: Ich wäre nicht geboren worden, meine Mutter ebenso wenig. Sie haben Frida die Schande nie verziehen. Woher kam diese Wut? Die Oma liebt man doch!

Das lose Foto lege ich auf den Tisch, blättere im Fotoalbum und sehe mir die anderen Bilder genau an. Drei von Fridas vier Töchtern entdecke ich zwischen den Kindern und Ehemännern. Von Urgroßvater Angelo als jungem Mann gibt es in diesem Album kein Foto, nur Großvaterbilder mit silbrigen Haaren, Stirnfurchen und einem Jungengesicht. Aber er muss früher gut ausgesehen haben mit diesen dunklen, brennenden Augen. Sie sahen, ebenso wie die seiner drei Töchter, aus wie mit Kajal umrandet. Die vierte Tochter finde ich nicht, aber ich gehe davon aus, dass auch sie dieses Erbe teilt. Es macht den Blick sinnlich. Seine Augen wirken auch auf den Großvaterbildern ungewöhnlich. Eins dieser Fotos halte ich mir dicht vors Gesicht und versuche, in seinem Blick etwas über sein Leben zu entdecken. Ich schüttle den Kopf.

Wenn Mord, wer trägt die Schuld daran? Ich lese diesen Satz noch einmal und starre auf den roten Strich darunter. Welch seltsame Formulierung. Hat ihn tatsächlich jemand ermordet?

Der Zettel brennt zwischen den Fingern. Schon lange wollte ich die Geschichte der beiden Liebenden aufzeichnen und bin nie dazu gekommen. Jetzt habe ich Zeit, zwangsweise, dank meines Nervenzusammenbruchs vor Kurzem. Zuvor, nun ja ... Ich weiß es nicht. Mein Sabbatjahr wurde jedenfalls gewünscht, nicht von mir.

Mit den Fotos und Erzählungen der Kinder und Kindeskinder werde ich die Suche beginnen. Ich muss die Verwandten aufsuchen und fragen, auch meine Mutter. Sie sitzt noch immer im Raum nebenan und strickt. Mit ihr könnte ich beginnen. Ich müsste nur die Tür öffnen. Ich will nicht, noch nicht. Es gibt andere Möglichkeiten.

Angelo

„Noch dämmerte es. Dein Urgroßvater Angelo saß wie jede Woche neben seinem Vater, dem Babbo, auf dem Felsvorsprung mit der besten Aussicht. Dort wollte er dem Gluckern des Bachs und Babbos Geschichten lauschen. Bis zum Schulgong blieben ihnen noch einige Stunden“, beginnt meine Mutter.

Diese Quelle ist mir trotz allem am vertrautesten und sprudelt je nach Thema und Tagesverfassung gerne und ausgiebig. Deshalb habe ich meine Hemmungen im Moment überwunden und höre Mutter genau zu.

Nun filtere ich das Quellwasser und erzähle mit eigenen Worten:

Diesmal jedoch schwieg der Babbo, und auch der Bach war versiegt. Die Waldesruhe störten allein die Koloratur-Arien der Nachtigallen. Angelo bedrückte die Stille, außerdem erwartete er eine spannende Erzählung. Nur dafür stand er so früh auf.

Für seine Geschichten war der Babbo im ganzen Dorf berühmt. Am liebsten hörte Angelo etwas über die Flüge des Ikarus. Wenn der Babbo erzählte, konnte er die knorrigen Olivenbäume ganz klein unter sich zusammenschrumpfen sehen. Außerdem spürte er den Wind seine dichten Haare zerzausen, als wäre er selbst Ikarus, ein ganz besonderer Junge. Allerdings hatte er inzwischen Lesen und Schreiben gelernt und kannte diesen Mythos nun auch aus dem Schulbuch.

„Babbo, du irrst dich“, begann er, als er die Stille nicht länger ertrug. „Ikarus fliegt nicht mehr und ist nicht so viel und nie so weit geflogen, wie du behauptest. Weil er zu hoch aufgestiegen ist, hat er die Götter erzürnt und seinem Babbo das Herz gebrochen. Er stürzte ziemlich jung ab und starb. Das steht im Buch!“

Müde entgegnete der Babbo: „Das alles hat sich vor langer, langer Zeit ereignet. Niemand kann sich genau daran erinnern, was sich damals tatsächlich zugetragen hat. Und wer bitte, sag mir, kennt den Willen der Götter?“

„Aber was sagst du da! Der Padre kennt Gott und seine Gebote sehr gut.“

„Ich spreche von den alten Göttern. Jeder Mensch stürzt irgendwann ab und stirbt. Denk nicht zu viel darüber nach! Du bist noch jung, genieße das Leben. Ich habe übrigens etwas für dich dabei. Für deine Brüder wollte ich auch etwas Ähnliches anfertigen, aber ...“ Seufzend reichte ihm der Babbo ein dünnes, handgebundenes Buch.

Er nahm es und schlug es auf. Gebannt starrte er auf die Zeichnung einer Flugmaschine aus Holz und Federn, Zahnrädern und Drähten. Vorsichtig blätterte er die Seite um und sah ein anderes, ebenso ausgefallenes Luftfahrzeug aus Metall und Glas. Das ganze Buch war voll von Entwürfen ungewöhnlicher Flugmaschinen.

„Hast du die gezeichnet?“, flüsterte er, und seine Stimme vibrierte vor Ehrfurcht.

„Skizziert ja, erfunden haben sie größere Künstler als ich. Meine eigenen Pläne eignen sich nicht für unsere Welt. Niemand würde meine Luftfahrzeuge zum Fliegen bringen.“ Der Babbo blätterte im Buch und zeigte auf einige Bilder. „Dieses Fluggerät stammt von Leonardo da Vinci, auch einem Italiener, und ist schon etwa vierhundert Jahre alt. Dieses hier hat Jules Verne entwickelt, ein Franzose. Keine dieser Konstruktionen verleiht jedoch solche Kräfte wie die Flügel des Ikarus. Vergiss das nicht! Egal, was im Schulbuch steht. Schulbücher haben ihre Schwächen. Schließlich bin ich Lehrer und weiß das nur zu gut.“ Sanft strich er über die Seiten wie über die Haut eines Säuglings. „Ich wünsche mir etwas von dir, mein Sohn.“

Erwartungsvoll blickte ihm Angelo in die samtbraunen Augen.

„Nun, mir wird es nicht mehr gelingen, leider. Aber du musst irgendwann fliegen. Es ist deine Pflicht! Versprichst du mir das?“

Verwirrt nickte er und betrachtete nochmals die Skizzen. Auch er strich zärtlich über das Papier.

Später nahm er das Buch mit zur Schule. Abends, als seine beiden Brüder bereits schliefen, schlich er sich ins gemeinsame Schlafzimmer. Das Skizzenbuch bettete er neben sich und deckte es liebevoll zu.

Am nächsten Morgen saß die Familie schweigend am großen, runden Holztisch in der ordentlich ausgestatteten Wohnküche. Das Haus war hell und freundlich, klein aber solide. Nirgends regnete es hinein, und die Eltern hatten ein eigenes Schlafzimmer. Das gute Leben verdankten sie Babbos festem Einkommen. Die Mamma arbeitete nur unregelmäßig als Näherin und Wäscherin.

Marcello, der Jüngste, sollte sich erholen und schlief noch. Er fieberte und hustete. Roberto, der mittlere Bruder, gähnte und rieb sich die Augen. Normalerweise maulte er morgens, weil der Unterricht zu früh begann. Er besuchte die Schule erst seit einigen Wochen. An diesem Morgen aß er sein Brot schweigend.

Die Mamma schien etwas zu hören, lauschte und stand auf. Angelo bewunderte ihre schwarzen Locken und ihren wiegenden Gang. Er betrachtete sie gerne. Als sie ihn anlächelte, schien für ihn die Sonne. Dies war in den vergangenen Wochen selten geschehen. Ein strenger Zug hatte sich um ihren Mund eingeschlichen, und ihre Augen, schwarz wie reife Oliven, hatten an Glanz verloren. Angelo half ihr, so gut er konnte, aber auch er brachte das Strahlen der Augen nicht zurück. Sie verließ die Küche, um nach Marcello zu sehen.

Das Buch mit den Flugmaschinen hatte er in die Schultasche gepackt, obwohl er es den Mitschülern nicht zeigen wollte, nicht an diesem Tag und auch nicht später. Sie könnten es ihm wegnehmen und zerstören. Denn keiner von ihnen besaß etwas Vergleichbares.

Zum Unterricht ging er gern. Vor allem das Lesen gefiel ihm, wenn auch nicht so sehr, wie dem Babbo zu lauschen. Er war stets eine Weile unterwegs bis zum Schulhaus, fast eine Stunde. Bei allzu schlechtem Wetter durfte er nicht hin, damit er sich keine Lungenentzündung zuzog. Oft schlenderten er und sein Bruder neben dem Babbo her, der die beiden ältesten Klassen unterrichtete, die ein Klassenzimmer für sich hatten. An diesem Tag aber hatte der Babbo frei. Die Sonne schien, und die Jungen liefen allein los, blieben allerdings hinter der nächsten Biegung stehen, sahen den Krähen nach und verfielen dann in Trödelei. Steine in den Bach zu werfen, sodass sie mehrfach von der Wasseroberfläche abprallten und in die Luft sprangen wie Frösche, erschien ihnen so viel interessanter, als dem Lehrer zu lauschen.

Angelo schaffte es gerade noch rechtzeitig zum Schulgong. Roberto schlich sich etwas zu spät ins gemeinsame Klassenzimmer und wurde nicht erwischt. Die höheren Klassen saßen vorn, Roberto als Neuling ganz hinten.

Die Erstklässler hatten an diesem Tag länger Unterricht, deshalb bummelte Angelo allein nach Hause. Nach der halben Strecke setzte er sich auf einen Baumstamm und blätterte in Babbos Skizzenbuch. Er fand immer neue Details und vergaß darüber die Zeit.

Er sollte fliegen lernen. Das wünschte sich der Babbo von ihm, und diesen Wunsch konnte er nicht abschlagen. Welches Fluggerät wäre wohl das beste? Das mit den Federn? Nein, es erschien ihm zwar schwerelos, aber kaum stabil genug. Nun, bis er fliegen lernen konnte, würde viel Zeit vergehen. Noch war er ein Schuljunge. Zuerst musste er erwachsen werden und der Mamma und den Brüdern helfen. Die Sonne verschwand hinter einer Wolke, schlagartig wurde es dunkler. Er blickte zum Himmel. Regen kündigte sich an. Sehnsüchtig warf er einen letzten Blick in das Buch, klappte es langsam und vorsichtig zu, strich über den Einband, packte es ein und verweilte doch noch einige Minuten in Gedanken.

Ein Käuzchen rief, und das am Tag. Erschrocken fuhr er auf und sah nach dem Stand der Sonne, die sich gerade aus den Wolkenschlieren kämpfte. Da er nicht wusste, wie viel Zeit er vertrödelt hatte, rannte er das letzte Stück nach Hause.

Ein Schrei durchschnitt die Stille. Er ähnelte dem Heulen eines Wolfes mit der Stimme der Mamma. Außer Atem hielt er inne, stand still und spähte zum Häuschen hin. Die Nackenhaare stellten sich auf. Er erkannte etwas, einen Umriss, etwas Düsteres, einen dunklen Engel.

Wie betäubt ging er weiter, erkannte ihn und erkannte ihn nicht. Er wollte ihn nicht sehen, aber wegsehen war nicht mehr möglich. Der dunkle Engel lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden, die Arme wie Flügel ausgestreckt. Schweigend kniete er sich neben ihn und berührte diese seltsamen Schwingen. Die Mamma kauerte auf der anderen Seite des vertrauten Mannes, der nun zu einem Fremden geworden war, und starrte Angelo in die Augen.

„Das hat er nun von seinen Flugübungen.“ In ihrer Stimme schwang neben unendlichem Leid ein gewisser Groll mit.

Angelo hörte Marcello husten. Die Mamma stand auf, wischte sich die Tränen ab und schlurfte ins Haus. Er blieb neben dem Babbo und gewahrte erstmalig, wie klein und schmächtig der war. Bisher war er ihm groß und stark erschienen, dabei hatte seine Haut schon länger fahl und verbraucht ausgesehen und krank. Angelo berührte die blasse Hand, sie war kalt und starr. Krank darf man nicht fliegen, dachte er. Der Babbo hatte ihm erzählt, dass Ikarus die Flügel nur gebrauchte, wenn es ihm gut ging. Schließlich wollte er nicht riskieren, abzustürzen.

Angelo merkte nicht, wie die Zeit verstrich. Sein Schmerz quälte unermesslich. Er nahm ansonsten nichts mehr wahr, konnte sich kaum rühren und auch nicht sagen, wie lange er inzwischen neben dem reglosen Mann verharrte. Irgendwann tropfte es vom Himmel, die Mamma kam und zerrte ihn weg. Sie nahm ihn in die Arme, trug ihn ins Schlafzimmer und legte ihn neben sich ins Bett. Das Skizzenbuch blieb draußen.

„Deine Stirn ist heiß“, sagte sie. „Dir geht es schlechter als Marcello.“

Als er am nächsten Morgen erwachte, regnete es noch immer. Trotzdem zog er sich eilig an, schlich aus dem Zimmer und trat vor die Tür. Das Buch lag noch da, mit triefenden Seiten. Der Babbo war weg. Ihn musste der Regen fortgeschwemmt haben.

Sieben Jahre später begleitete Angelo die Mamma wie jede Woche zu Babbos Grab. Die ersten Sonnenstrahlen erhellten die Waldesruhe und beleuchteten die Gräber. Über dem schlichtesten Grabstein und dem verwitterten Holzkreuz erhob sich wie ein Ehrenmal der dorfälteste Granatapfelbaum und warf einen endlosen Schatten.

Angelo streckte sich und bog einen Ast nach unten. Einen überreifen Granatapfel vom Vorjahr pflückte er ab und reichte der Mamma die rote Frucht. Sie nahm sie nicht und drehte den Kopf einmal nach links und einmal nach rechts.

„Dein Babbo“, sie hielt inne und seufzte, „der Baum trinkt täglich von seinem Blut. Bloß damit reifen diese Äpfel.“ Anschließend stampfte sie mit dem Fuß auf und wandte den Blick ab.

Er brach die harte Frucht auf, die den Winter nur durch ein Wunder überstanden hatte. Die blutummantelten Kerne kratzte er mit den Fingern aus dem Fruchtfleisch und steckte sie in den Mund. Die Mäntel saugte er aus, spürte, wie der süßsaure Saft den Gaumen zusammenzog, und spuckte die hellen Kerne in den Sand.

„Lass das! Dein Babbo hat schon genug davon verteilt, anstatt den Arzt aufzusuchen. Damals hätten wir uns einen Arztbesuch durchaus leisten können.“

Verwirrt hob er den Blick und musterte sie.

„Hier wachsen zu viele Granatapfelbäume, und jeder einzelne erinnert mich an ihn, als hätte er hundert Gräber.“ Die Mamma betrachtete die Samen, pulte sie schließlich aus dem Sand und zählte sie. Allerdings verzählte sie sich und begann nochmals von vorn. Einige Minuten später gab sie auf und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich weiß auch so, wie viele es sind.“

„Ach ja?“

„613 Samen enthält jeder Apfel.“

„Oh! Bist du sicher?“

„Natürlich. Das ist Gottes Wille, muss es sein. Ebenso viele Gesetze gibt es im Alten Testament. Bestimmt kein seltsamer Zufall. Trotzdem wurden die Granatapfelbäume den alten Göttern zugeschrieben, den Göttern der Unterwelt, Proserpina und Pluto. Weißt du das?“

Er nickte.

„Ja, nicht nur dein Babbo hat viel gelesen. Dieser Granatapfelbaum hier ist uralt, älter als unsere Dorfkirche.“

Etwas in dieser Art erzählte sie ihm bei jedem Grabbesuch. Er betrachtete den Baum. Sein Holz wirkte wahrhaftig uralt und runzlig. Ob er tatsächlich tausend Jahre zählte, wussten bloß die Götter. Welche? Wie auch immer, jedenfalls verwandelte der Baum, dessen Form fast einer Kugel glich, dieses Grab dank der Früchte und feuerfarbenen Blüten in eine ansehnliche Ruhestätte. Ansonsten verliehen nur die ehemals einheitlichen Holzkreuze dem verwilderten Friedhof etwas Ähnliches wie eine Struktur.

Angelo mochte klare Strukturen. Für die Struktur des Gemeindelebens liebte er die Kirche. Die Gemeinde verschmolz zu etwas Einförmigem, wenn sie während der Predigt gehorsam die Köpfe senkte. Aus einer bestimmten Entfernung ähnelte die Kirchengemeinschaft Mammas Nadelkissen, denn sie steckte die Nadeln alle im gleichen Winkel in den Stoff.

Der kalte Wind fuhr durch die Zweige und zerzauste Angelos Haar. Er fröstelte und überblickte die ihm am nächsten stehende Linie aus Holzkreuzen. Die Verwitterung hatte dort nicht einheitlich zugeschlagen. Tanzten da etwa einige Kreuze aus der Reihe?Von irgendwoher rief ein Käuzchen, einmal, zweimal. Er schrak zusammen. Seltsam, so früh am Morgen hört man diese Vögel sonst kaum. Das letzte Mal ...

„Liegt jemand im Sterben?“, flüsterte er, zitterte und spähte zur Mamma hin.

Sie schien ein wenig zu frösteln und zog ihren zerschlissenen Umhang enger um sich.

„Nicht, dass ich wüsste. Freilich weiß ich nicht alles. Aber nicht immer kündigen Eulen einen Todesfall an. Zuweilen begrüßen sie auch ein neues Leben.“

Er berührte den dicksten Stamm des Granatapfelbaums, der ebenso wie die dünneren fast im Buschwerk der Zweige und Blätter verschwand. Alle Stämme, ob dick oder dünn, ob lang oder kurz, zählten gleich viel. Dieser Baum flößte ihm Kraft ein, da ihn kein Hauptstamm auszeichnete, der den anderen Stämmen seinen Willen aufdrücken konnte.

Ein dritter Eulenruf drang durch das Geäst. Angelo lauschte, nun jedoch blieb es still. Leben oder Tod?, dachte er. Er würde es mit einem Käuzchen aufnehmen und hörte auf zu zittern. Besonnen hob er den Kopf und überblickte das ganze Olivenhaintal. Vom Anfang des Himmels erstreckte es sich bis zum Fuß der Berge, mit Olivenbäumen so alt wie das Tal. Zwischen den eigenwilligen Bäumen leuchteten Mohnblumen in einer ähnlichen Farbe wie die der Granatapfelblüten. Doch kein Ölbaum konnte sich mit dem Blattwerk des Granatapfelbaums messen.

Verborgen in den Zweigen kauerte zwischen Spatzen und Zikaden Babbos Seele. Er hatte das Dorf Vinegàta zu sehr geliebt, um es ganz zu verlassen. Jeder hier wusste das, noch immer erzählte man Geschichten über ihn.

Ein Eichhörnchen steckte den Kopf durch das Blätterdach, entblößte die nadelspitzen Zähne und grinste Angelo an. Er scheuchte es fort, nahm die Wasserkanne, goss damit den Baum und entfernte das tote Holz. Das brachte ihm einen giftigen Blick der Mamma ein. Doch dank der sorgsamen Pflege würde der Baum hoffentlich auch dieses Jahr neue, pralle Granatäpfel tragen, die man noch fern vom Grab leuchten sehen konnte. Der Babbo hatte diese Früchte geliebt.

Er hörte die Mamma etwas vor sich hin murmeln. Sie richtete den Blick wie gewöhnlich an diesem geheiligten Ort gen Boden und kratzte mit den Fingernägeln das Moos vom Grabstein. Bloß ab und an hob sie den Kopf, lauschte und hoffte wohl, eine Antwort zu erhalten. Er beobachtete sie genau. Plötzlich wandte sie sich ihm zu und musterte ihn.

„Traurigkeit liegt über dem Tal. Siehst du sie?“ Sie fasste ihn am Kopf und drehte ihn, sodass er das Tal überblicken konnte.

Zaghaft nickte er.

„Wir sollten dem Herrn nachher eine Kerze der Freude anzünden. Damit können wir der Schwermut entkommen“, sagte sie, bückte sich und machte sich wieder daran, das Grab zu säubern.

Er schwieg, diese Sitte mochte er nicht. Nachdem die Mamma den Stein auch von der letzten Moosspore befreit hatte, winkte sie ihm zu. Das war ihr Zeichen. Nun ist alles Notwendige vollbracht, und wir könnten den Heimweg einschlagen.Vielleicht lässt sich der Kirchgang ja vermeiden, dachte er. Schnurstracks nahm er den direkten Weg. Sie folgte ihm jedoch hurtig, packte ihn am Ärmel und hielt ihn zurück.

„Lass uns zuvor noch in die Kirche gehen und die Kerze anzünden“, bat sie mit nun weinerlicher Stimme.

Lustlos aber ergeben stimmte er zu. Dabei fühlte er sich in der Kirche geborgen. Sie war fest im Dorf verwurzelt, aus den gleichen, kargen Steinen erbaut wie die Häuser und Hütten ringsum, schlicht, mit Ziegeldach und nicht übermäßig groß für ein Gotteshaus. Trotzdem blieb sie das respektabelste Bauwerk des Ortes mit intaktem Mauerwerk, ordentlich verputzt und ohne Ritzen und Scharten, die der Regen nutzen konnte. Der Kirchturm überragte sogar den höchsten Baum Vinegàtas und warf im Licht der aufgehenden Sonne stets einen gigantischen Schatten.

„Komm!“, flüsterte die Mamma und zog ihn mit sich.

„Hm“, entgegnete er und machte sich los.

Mit gesenktem Kopf trat sie unter dem Torbogen hindurch, an dem sie sich auch aufrecht nicht gestoßen hätte. Angelo betrachtete die kleine Frau, die seit dem Tod des Vaters schlecht hörte und nach Greisin roch. Der Anblick schmerzte ihm in der Seele. Das graue Haar trug sie längst wie eine alte Frau zu einem Dutt gesteckt und verbarg es nicht überzeugend unter einem zerfransten Kopftuch. Einst war sie größer gewesen, um einen Kopf bestimmt, und schön, sofern er den Fotos glauben konnte. Erinnern konnte er sich nur verschwommen, und war die Mamma für kleine Jungen nicht immer schön? Wenn sie weiterhin schrumpfte und der Tradition gemäß hochbetagt wurde, musste er irgendwann gewiss darauf achten, sie nicht zu zertreten. Die Gesichtshaut war vom Wetter gegerbt; rau und ungeschminkt und stellenweise gerötet trotzte sie jedem Gewitter. Ihre ausgeblichenen und altmodischen Kleider würde die Mamma tragen, bis sie zerfielen. Für neue Kleidung reichte das Geld nicht. Er starrte auf das Flickwerk, das den ausgemergelten Körper mehr verunstaltete als kleidete. Wie viele Jahre musste er noch warten, bis er endlich eigenes Geld verdiente? Wann konnte er der Mamma Kleider kaufen, die mehr aus Stoff bestanden statt aus Löchern und Flicken?

Er blinzelte, das Sonnenlicht fiel durch die Kirchenfenster und blendete ihn. Die Mamma schlurfte neben ihm über den Steinboden. Sie war erst Mitte dreißig, ihr Gang sagte allerdings siebzig, ebenso die Falten. Wie Ackerfurchen gruben sie sich um den Mund und in die Stirn und umspielten vor allem die kleinen Augen. Nicht erst seit Tagen lagen diese tief in den Höhlen und verloren die Farbe. Nur hier in der Kirche leuchteten sie lebhaft auf. Bloß konnte er nicht mehr sagen ob meerblau, moosgrün, erdbraun, rußschwarz oder mehrfarbig.

Sie neigte sich über den Altar und spendete als gute Christin wie alle Frauen des Dorfes trotz des Notstands gleich mehrere Kerzen.

„Komm her ins Licht“, sagte sie.

Er trat an den Opfertisch heran und sah zu, wie sie die dritte Kerze anzündete und im Schein lächelte. Kerzenlicht mochte er, es strahlte etwas Heiliges aus.

Zuerst sah er zu der Madonna hin. Sie lächelte verklärt. Angelo wusste nicht, ob glücklich oder traurig oder beides zugleich. Er mochte sie, seine Schutzheilige.

Danach blickte er zu dem gekreuzigten Jesus auf. Der Bildhauer hatte ihn abgezehrt gestaltet, mit leidendem Gesichtsausdruck, bunt bemalt und mit echten Nägeln an das Holzkreuz geschlagen. Die Augen der Figur blickten gebrochen und leer auf die Gemeinde herab. Angelo fühlte sich nicht wohl unter diesem Blick, der nichts und alles wahrzunehmen schien. Nein, dem Blick dieses Augenpaars wollte er sich nicht allzu oft aussetzen.

„Er hat gruselige Augen“, sagte er.

„Du hast ein schlechtes Gewissen“, entgegnete die Mamma.

„Weshalb denn?“

„Was fragst du mich? Ich kann dir das nicht sagen. Aber du wirst es schon wissen.“

Jeden Sonntag ging sie zur Beichte, ließ sich von Nichtigkeiten lossprechen und erwartete von ihm und den Brüdern das Gleiche. Er weigerte sich oft, sie zu begleiten, nicht allein wegen der Jesusfigur, sondern weil sie sich eine Belohnung im Jenseits erhoffte, wenn sie der Kirche und dem Padre dort nicht nur drei Kerzen schenkte, sondern auch drei Söhne. Das sah er ihr an, auch wenn er nicht sagen konnte, weshalb.

Grollend trat er gegen eine Säule und zischte: „Ich bin keine Spende.“

Der Padre sollte bloß die Finger von ihm lassen. Er mochte den schlaffen Händedruck des Kirchenmannes nicht und mied ihn, soweit möglich. Aber dessen durchdringender Stimme konnte sich niemand entziehen. Ihr Nachhall ließ ihn erzittern. Dem sollte er die Sünden beichten? Welche denn? Bei all den Aufgaben, die er für die Familie erledigen musste, blieb ihm kaum Zeit zum Sündigen. Die Fälle von Selbstbefleckung könnte er offenbaren, vor allem, seit er die wunderschöne Sofia kannte, von der er regelmäßig träumte. Nur … einmal reichte! Außerdem hatte dieses Schuldbekenntnis nichts genutzt.

Vater unser im Himmel ... Diese Worte schwirrten in seinem Kopf herum, ohne dass er darüber nachdenken musste, und ebenso: Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.

Was bedeutete dieses gebenedeit? Dass Maria verführerisch war? Natürlich. Hätte Gott sie sonst erwählt? Er war schließlich ein Mann. Die Mutter Jesu musste überirdisch schön sein. Keine der unzähligen Heiligen konnte ihr das Weihwasser reichen. Sie hatte gewiss eine kurvenreiche Figur und volle Brüste. Nachts stellte er sie sich oft genug vor, manchmal nackt, mal schlank, mal füllig. Er schüttelte den Kopf. Die Rosenkränze machten aber auch gar nichts besser. Im Gegenteil, er musste währenddessen immer an sie denken und an ihren heiligen, entblößten Körper. Dabei rann ihm der Schweiß über die Stirn, und laut wiederholen wollte er das Bekenntnis auf keinen Fall. Allein deshalb nicht, weil er dann das Gesicht des Padres vor sich sähe ‒ trotz des Vorhangs.

In diesem Moment erblickte Angelo die Jungfrau. Sie schwebte über dem Altar und war keineswegs klein und unscheinbar wie die Madonna, die heilige Barbara oder die heilige Bernadette. Es musste ein gutes Zeichen sein, dass sie sich ihm zeigte. Der Schemen verschwand so schnell er erschienen war. Angelo starrte noch eine Weile hin, doch die Erscheinung blieb verschwunden.

Beichten würde er das auf keinen Fall. Der Padre ließe sich gewiss kein Wort entgehen, betete vielmehr jedes einzelne nach, rollte es auf der Zunge und saugte zugleich seine Gedanken auf. Immerhin hatte Angelo dank Onan, dem Kommunionsunterricht und der Vorliebe des Padres für lateinische Ausdrücke erfahren, was der Coitus interruptus verhindern könnte. Nur fehlte es ihm leider an Gelegenheiten, das Gelernte in die Tat umzusetzen.

Endlich hatte die Mamma dem Wachs lange genug beim Herunterlaufen zugesehen und wandte sich zum Gehen.

„Komm“, sagte sie und zog ihn mit sich.

Sie liefen nicht lange zu dem baufälligen Zwei-Raum-Hüttchen, in dem sie inzwischen zusammen mit seinen beiden Brüdern lebten. Vielmehr überlebten. Das Häuschen, in dem er die Kindheit verbracht hatte, hatte sich die Mamma nach Babbos Tod nicht länger leisten können. Das Geld für den Erlös war mit den Jahren zusammengeschmolzen. Ohne den Babbo reichte es vorne und hinten nicht, er war viel zu jung gestorben.

Alt wurden die Männer in dieser Sippe nie, keine fünfzig, das verlangte die Tradition. Die Frauen hingegen lebten meist so lange, dass die Angehörigen über kurz oder lang nicht mehr mit ihrem Ableben rechneten. Der Allmächtige, glaubten sie, hätte die Greisinnen schlichtweg vergessen. Angelos Urgroßmutter war mit etwa hundertzwanzig Jahren einfach verschwunden, hatte sich in Luft aufgelöst und war womöglich direkt in den Himmel gefahren. Gefahren oder geflogen? Fahren dauerte zu lang, sogar mit solch einem neumodischen Automobil. Er hatte bisher nur zwei dieser Fahrzeuge gesehen und noch nie in einem gesessen.

„Beeile dich“, rief die Mamma, „wir haben noch viel zu tun.“ Dabei lief er vor ihr her.

Vor ihrer Unterkunft wartete er auf sie und betrachtete die Wäscheleine vor der Eingangstür. Die immer gleichen grauen Wäschefetzen schaukelten im Wind. Kam man öfter hier vorbei, musste man annehmen: Die Wäschestücke würden nie gewechselt werden.

Schwalben flogen hin und her und begannen über der Tür mit dem Nestbau. Von der Fassade der winzigen Heimstatt blätterte der Putz ab, und nackte Mauersteine lugten hervor. Das Hüttchen war derartig unscheinbar, dass sich nicht einmal Angelo merken konnte, wie es aussah. Ab und an hatte er deshalb an der falschen Tür geklopft. Allerdings wusste er genau, wie es sich darin anfühlte. Insekten, Spinnen und Würmer, aber vor allem der Regen drangen durch die Mauerritzen und machten es sich bequem. Die Feuchtigkeit nistete sich ein ins Mauerwerk, blieb auch dann, wenn die Sonne schien, und hinterließ nicht allein ihren Geruch – Schimmel malte orakelhafte Muster auf die Wände.

Er trat ein und starrte diese Muster an. Vor seinen Augen verschwammen sie zu Bildern von Monstern mit Klauen so scharf wie Babbos Rasiermesser.

Im Schlaf krallten sie sich ihn.

Frida

Vier Jahre später auf der anderen Seite der Alpen schritt meine Urgroßmutter Frida wie jeden Sonntagmorgen neben den Eltern her.

„Eins und zwei und eins und zwei …“, zählte sie monoton vor sich hin. Im Backfischalter musste sie angemessen schreiten, vor allem auf dem Weg zum Gottesdienst. Bloß dann, wenn der gestrenge Vater nicht hinsah, erlaubte sie sich einen kleinen Hopser, und weiß Gott, nur einen unbeträchtlichen.

In der Martinskirche setzte sich die Familie in eine der vorderen Reihen in gleichmäßigem Abstand nebeneinander und lauschte der schnarrenden Stimme des Pfarrers.

Frida unterdrückte ein Gähnen und betete: „Bitte, lieber Gott, mach, dass etwas geschieht! Egal was und möglichst bald bitte, bevor ich hier erstarre.“

Nur ein klein wenig rutschte sie zur Seite, sodass der Abstand zu ihren Sitznachbarn ungleich ausfiel. Demnächst würde sie versteinern, oder sie erstickte, es sei denn, Gott befreite sie endlich aus der Eintönigkeit des Dorflebens.

Indessen leierte der Pfarrer irgendwelche Bibelstellen herunter: „Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann Herr sei, sondern sie sei still. Denn Adam wurde zuerst gemacht, danach Eva. Und Adam wurde nicht verführt, die Frau aber hat sich zur Übertretung verführen lassen ...“

Bla, bla, bla, dachte Frida. Diese alten Märchen mochte sie nicht, sie verströmten abgestandenen Mief. In der Kirche roch es nach Bewegungslosigkeit und Gefangenschaft, sie unterdrückte den Hustenreiz. Während der Predigt hob sie den Kopf nicht und starrte die Ameisen auf dem Boden an. Zweifellos wirkte sie ergriffen und fromm, dabei wollte sie nur den Pfarrer nicht ansehen müssen, sein glattes Gesicht und diese wintergrauen Augen. Womöglich bildete sie sich die Kälte der Augen nur ein, doch wenn sie ihn ansah, fror sie.

Lautlos zählte sie die Tage bis zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag. Ab tausend Tagen wollte sie eine Strichliste führen. Aber bis zu diesem Zeitpunkt war es noch lange hin, über tausend Tage, zusammen über zweitausend, fünfundsiebzig Monate, mehr als dreihundert Wochen. Bis dahin musste sie die Mutter bei den jüngeren Geschwistern noch mindestens hundertmal vertreten. Ihr ältester Bruder Thomas zeigte sich auch diese Woche nicht im Gottesdienst.

Frida spürte Vaters warmen Atem im Nacken, drehte sich zu ihm um und fuhr zusammen. Sein Blick ließ sie frösteln. Weshalb verstand er sich mit dem Lieblingsbruder nicht? Die grauschwarze Wolke wollte sich nicht heben und umhüllte die Beziehung von Vater und Sohn. Thomas betete oft im Gotteshaus außerhalb der Andachten. War er wegen Vater nicht mitgekommen? Sie sackte zusammen und rutschte fast von der Bank.

Die älteste Schwester stieß sie in die Seite. „Setz dich ordentlich hin! Du bist doch wohl kein Blaustrumpf wie diese Elsi und willst gegen jede Regel rebellieren? Deine seltsame Freundin meidet übrigens mal wieder den Gottesdienst. Auch solltest du dir züchtigere Kleider nähen, obwohl Vater dir alles durchgehen lässt. Pass bloß auf, sonst bist du sein Liebling gewesen“, flüsterte sie.

War das Neid? Für einen Blaustrumpf war Elsi eindeutig zu hübsch. Außerdem fand die Schwester die Predigten selbst oft langweilig, und ihre Nähversuche hatten bisher nur zu Putzlumpen geführt. Frida hingegen konnte mit ihren vierzehn Jahren keineswegs nur nähen und schneidern. Doch da ihr die höhere Schulbildung im Gegensatz zur Freundin verwehrt wurde, beschäftigte sie sich am liebsten mit Näharbeiten, leider viel zu selten. Auch konnte sie die selbstgefertigten Kunstwerke nur zu wenigen Gelegenheiten anziehen. So verführerisch wie Elsi war sie auch in dem weinroten Kleid nicht, das sie nun im Gottesdienst trug. Die zu klein geratenen Brüste überspielte die Nähkunst nicht ganz, die Beine waren ein wenig zu kurz geraten, die Taille nicht schlank genug, die Lippen zu blass.

Endlich läuteten die Glocken den Gottesdienst aus. Die Gemeinde strömte zum Ausgang.

„Frevlerin, du stinkst nach Sünde! Du Metze! Du solltest dich schämen, ein solches Kleid zu tragen, und das in so jungen Jahren!“, schrie die alte Berte, als Frida die Kirche gerade verließ.

Die aufgebrachte Frau erstickte fast, rang nach Luft und japste. Die gesamte Dorfgemeinschaft drehte sich im selben Moment zu Frida um und starrte sie und ihr Kleid mit offenen Mündern an. Sie blickte in lauter schwarze Löcher. Jemand kicherte und hielt die Hand vor den Mund.

Die Geschwister blieben stumm bis auf die älteste Schwester, die nuschelte: „Hab ich es dir nicht gesagt?“

Nicht einmal der Vater verteidigte sie. In Tübingen oder vermutlich schon im nächsten Dorf hätte sie kein Aufsehen erregt. Ein wenig hatte sie sich das sogar gewünscht, nur das Ausmaß unterschätzt. Jetzt wanderte die Einsamkeit direkt in ihre Seele und nistete sich ein. Sie würde diesen Tag nie wieder vergessen. Im Augenblick wünschte sie sich, der Boden würde sich auftun, und sie in ein tiefes Loch fallen, das sich über ihr schloss. Denn auch wenn sie niemand sonst beschimpfte und die alte Berte als nicht ganz richtig im Kopf galt, würde jeder, der in Neckartailfingen wohnte, in Kürze von dieser Sache erfahren. Solche Geschichten klopften an jede Haustür. Wie Stechmücken verbreiteten sie sich und drangen bis in die engsten Gässchen.

Frida wünschte sich weit fort und faltete im Stehen die Hände. Die Fingernägel krallte sie dabei so fest in die Handrücken, dass sich kleine rote Halbkreise abzeichneten. Sie betete oft, nur war Gott wohl zu beschäftigt, um sie zu hören.

Mit gesenktem Kopf ließ sie sich im Strom treiben und spazierte stoisch neben den Eltern und Geschwistern her, nun ohne Hopser. Diesmal entdeckte sie keine Ameisen, stattdessen beobachtete sie die Spiegelbilder in den Pfützen.

Zu Hause setzte sie sich sofort an die Nähmaschine. Die Tür flog auf.

„Frida, nähst du mir die Knöpfe an?“ Die älteste Schwester warf eine Bluse auf den Nähtisch und verschwand, ohne die Antwort abzuwarten.

Der Tag verging wie unzählige andere zuvor. Vertraute Laute drangen zu ihr. Die jüngeren Geschwister zankten sich, spielten im nächsten Augenblick wieder miteinander und verrichteten zwischendurch kleinere Hausarbeiten. Müßiggang wurde schließlich nicht geduldet.

Die Tür zu ihrer Kammer flog ein weiteres Mal auf, die jüngste Schwester Johanna sprang herein, umarmte sie und drückte ihr fast die Luft ab. Frida spürte ihren warmen Atem und ihr weiches Haar. Nur widerstrebend löste sie sich aus den Armen des Mädchens.

„Kannst du mir die Schuhe binden?“, bat die Kleine.

Sie lächelte und bückte sich. Die Gänse schnatterten im Hintergrund. Ansonsten war es ruhig auf dem Hof und eintönig wie immer. Sie wartete, bis die Schwester wieder verschwunden war, begutachtete die Näharbeit und ging danach zeitig zu Bett.

Am nächsten Morgen erwachte sie früh. Die ersten Schneeflocken fielen, obwohl es erst Anfang November war. Sie betrachtete die Schneekristalle an der Fensterscheibe und hauchte von innen dagegen. Ihr Atem färbte die Scheibe weiß. Anschließend zog sie sich warm an.

„Bald ist Martinstag, hurra“, krähte der jüngste Bruder.

Ein Festtag füralle außer ihr! Betrübt nahm sie einen mit Blättern gefüllten Jutesack, in dem sie eine Weinflasche und ein Glas versteckte, und trieb die Gänse hinaus. Jede nannte sie dabei beim Namen. Die Tiere tauchten in das kalte Flusswasser ein und schwammen die gewohnten Bahnen. Frida setzte sich am Neckarufer auf den Sack und träumte vor sich hin. Diese Stunden der Muße genoss sie trotz des drohenden Martinstags.

„Du solltest ihnen keine Namen geben. Wie willst du eine Gans verspeisen, die Erika heißt?“

„Gänsefleisch werde ich niemals essen“, antwortete sie, drehte sich um, warf den letzten Rest der Niedergeschlagenheit ab und strahlte.

„Du weißt gar nicht, was dir entgeht.“

„Schade, dass du mein Bruder bist. In dich könnte ich mich verlieben, Thomas.“ Sie umarmte ihn. „Wie hast du mich gefunden?“

Er grinste sie an. Neben seinem kräftigen, dunklen Körper wirkte sie klein und bleich. Obwohl seine Volljährigkeit nahte und er groß vor ihr aufragte, sah er noch aus wie ein Junge, vor allem, wenn er dieses Grinsen aufsetzte. Das geschah allerdings immer seltener und nur noch, wenn sie mit ihm allein war.

„Die Gänse schnattern nicht eben leise“, sagte er, machte sich los und half ihr, die Tiere zu besänftigen. „Du wirst schon einen passenden Mann finden. Außerdem willst du doch eine angesehene Schneiderin werden.“ Freundlich zwinkerte er ihr zu.

Sie wuschelte ihm durch die schwarzen Haare. Er meinte ernst, was er sagte.

„Möchtest du etwas trinken?“, fragte sie, zog den Rotwein aus dem Sack und schenkte Thomas ein.

Die Flasche stammte aus dem Weinkeller des Vaters, und sie versteckte sie am Flussufer. Sie trank, damit überhaupt etwas geschah, und auch nur kleine Gläser.

Den ersten Schluck hatte ihr Elsi angeboten. Er hatte furchtbar geschmeckt. Elsi liebte Verbotenes. Für Frida war Wein zu trinken fast das einzig Unerlaubte, das sie sich zu tun traute, und es erschien ihr wahrhaftig gewagt. Normalerweise bediente sie sich am Mostfass. Niemand kontrollierte den Stand des selbstgegorenen Apfelmosts. Sie konnte sich so viele Krüge abfüllen, wie sie wollte. Es war vollkommen ungefährlich, für diesen Tag zu harmlos.

Thomas nippte nur und gab ihr das Glas zurück.

„Lass dich bloß nicht erwischen und trink nicht zu viel! Nicht, dass du die Beherrschung verlierst, du zitterst jetzt schon“, sagte er und zwinkerte ihr abermals zu.

Er umarmte sie wieder und verabschiedete sich viel zu früh. Sie blickte ihm nach. Er sollte fortgehen, bevor er vertrocknete. Was bot sich Thomas denn hier im Dorf schon für eine Zukunft? Aber er machte bereits einem Mädchen aus der Nachbarschaft den Hof. Von Verlobung war die Rede. Er sollte es lassen und diesem Ort endlich den Rücken kehren. Sie betete täglich für ihn. Für ihre Gebete brauchte sie keine Kirche.

Kaum war sie wieder zu Hause, wurde ihr inbrünstigstes Gebet erhört. Sie setzte sich in ihrem Zimmer aufs Bett und sah hinaus in die Wolken. Über den Dächern ballten sie sich zusammen, leuchteten rot in der Abendsonne. Sie kündigten ein Gewitter an. Die Stimmung weckte Fridas Neugier. Jetzt musste etwas geschehen! Sie sah es. Gott hatte sie erhört.

Noch immer war es still, sie genoss die Ruhe und beobachtete das Schauspiel der Natur. Die Luft knisterte seltsam, und die schweren Wolken türmten sich einer Festung ähnelnd über ihr auf.

Plötzlich vernahm sie die Stimme des Vaters aus dem Keller: „Thomas, du Faulpelz! Ich werde dich noch lehren zu arbeiten. Wird’s bald!“

Erschrocken sprang sie auf und rannte zur Kellertreppe. In gebührendem Abstand blieb sie auf der untersten Stufe stehen und starrte in das blau angelaufene Gesicht des Vaters.

Warum? Thomas schleppte täglich so viel Holz und Wasser wie die anderen Brüder und Schwestern zusammen. Der Schweiß in den Achselhöhlen bildete stets Ränder auf den Hemden, die sie auswaschen musste. Seine Schultern hingen herunter, und der Rücken krümmte sich bereits jetzt.

Frida hörte den Vater erneut brüllen und fröstelte. Wieder ein blitzartiger Wutausbruch, und wieder entlud er sich ausschließlich über Thomas. Sie schwieg mit einem Kloß im Hals, ebenso der Bruder, dessen Gesicht bleich schimmerte. Der Vater war fort oder hatte sich in einen anderen Menschen verwandelt. Einen Menschen? Zumindest würde er Thomas nicht mehr schlagen, dafür war der inzwischen zu alt. Oder zu kräftig? Vor Kurzem hatte er sich gewehrt. Nun leuchtete das linke Auge des Vaters blau als böses Omen und klagte den Jungen an.

Es donnerte, und sie schrak zusammen, nicht wegen des Gewitters. Der Bruder warf ihr von Weitem einen flüchtigen Blick zu und blätterte wortlos in seinem Buch.

Mittlerweile hatte sich die restliche Familie auf der Kellertreppe eingefunden. Die Stille kroch schlagartig zwischen sie, legte sich auf die Schultern und drückte sie nach unten. In den Augen der Mutter flackerte es nervös.

Der Vater schrie: „Nichtsnutziger Bursche! Was kannst du überhaupt? Bücher lesen! Schwitzen sollst du, Faulpelz! Buch weg! Benutze die Hände! Arbeite endlich etwas Anständiges!“ Er verengte die Augen zu zwei Schlitzen, Falten formten sich auf der Stirn. Sein Blick durchbohrte den Jungen und hinterließ Löcher in dessen Leib.

Frida sah Thomas zusammenzucken. Dann erhob er sich jedoch, näherte sich dem Vater mit schweren Schritten und packte ihn an den Schultern. Er schüttelte ihn, schob ihn aus dem Raum und schlug ihm die Kellertür vor der Nase zu.

Die Geschwister flohen mit der Mutter nach oben und löschten das Licht, Frida folgte ihnen. Ihr letzter Rest Speichel schmeckte nach Bittermandeln.

Der Vater versetzte der Tür einen Tritt, bollerte mit den Fäusten dagegen und schrie. Frida verstand die Worte nicht, die Wut ebenso wenig. Sie zitterte am ganzen Körper. Schritt für Schritt stieg sie die Treppe wieder hinunter, näherte sich dem Vater und lauschte. Der Bruder antwortete nicht, zumindest hörte sie nichts.

Zögernd schlich sie die Treppe weiter hinab und drehte sich etliche Male um, obwohl sie im Halbdunkel kaum etwas sehen konnte.

Wieder brüllte der Vater: „Drecksbücher! Vergiss den Buchladen! Kapiert? Morgen hilfst du mir! Verstanden?!“ Er senkte die Stimme und betonte Wort für Wort: „Das gehört zu deinen Pflichten, Junge. Du sollst Vater und Mutter ehren! Das gilt immer! Auch für dich! Den Worten des Pfarrers magst du entgehen, da du zur eigenen Schande den Gottesdienst meidest. Doch nützt dir das nichts, der Herrgott sieht es. Was für Blicke mir der Pfarrer deinetwegen zuwirft! Beschämend! Aber mir wirst du Respekt entgegenbringen. Den bringe ich dir bei! Hörst du? Unterschätze meine Möglichkeiten nicht!“

Sie spitzte die Ohren, vernahm jedoch noch immer keinen Laut vom Bruder. Der Vater entfernte sich von der Tür. Sie atmete auf, schlich die Treppe wieder hinauf und drückte sich im Schutz der Dunkelheit in eine Nische. Der Vater lief an ihr vorbei, ohne auf sie zu reagieren. Sie hörte Atemzüge und lauschte dem Klang der Schritte.

Erst, als er außer Hörweite war, verließ sie das Versteck und begegnete der Mutter, deren Gesicht sich kaum von der weißen Wand abhob. Frida wollte etwas Tröstendes sagen, brachte jedoch kein Wort heraus, der Hals war zu trocken. Auch das Bittere schmeckte sie nicht mehr, nein, gar nichts. Den Bruder sah sie an diesem Abend nicht mehr.

Mit Magenschmerzen ging sie zu Bett. Irgendetwas nagte an ihr. Bald ereignete sich etwas, das ihre bisherige Welt verändern könnte! Sie spürte es. Aber es würde nicht das sein, worum sie in jedem Gottesdienst und unter freiem Himmel gebetet hatte. Sie faltete die Hände, nur fiel ihr kein Gebet ein.

Regentropfen prasselten gegen die milchige Fensterscheibe und rannen am Glas hinab. Sie sah durch die Wasserspuren hinaus in rote Wolkentürme. Sie bluteten, natürlich. So mussten sie aussehen, das passte. Es donnerte nicht mehr. Gott erschien ihr im Himmel weit entfernt, zu weit weg. Niemand hatte so große Ohren, um so weit zu hören. Sie bettete den Kopf auf ihr Daunenkissen und wälzte sich hin und her. Schließlich schlief sie ein, fand jedoch auch im Schlaf keine Ruhe. Albträume peinigten sie die ganze Nacht. Sie hörte es wispern:

„Du wirst es erleben: Irgendwann erschlägt einer von beiden den anderen.“