Illuminas' Dämonen - Lisa Hummel - E-Book

Illuminas' Dämonen E-Book

Lisa Hummel

0,0

Beschreibung

Dieses Buch ist für all jene, die gerne Geschichten über düstere Welten und schreckliche Kreaturen lesen! Fiese Dämonen, unheimliche Wälder, Jäger, die dem Wahnsinn anheim fielen... in diesem Buch gibt es mehr als nur eine dunkle Ecke, die auf den Leser wartet.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 560

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Lisa Hummel

Illuminas' Dämonen

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Ouvertüre

I

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

24.

25.

26.

27.

28.

29.

30.

31.

32.

33.

34.

35.

36.

37.

II

Intermezzo

38.

39.

40.

41.

42.

43.

44.

45.

46.

47.

48.

49.

50.

51.

52.

53.

54.

55.

56.

57.

58.

59.

60.

61.

62.

63.

64.

65.

66.

67.

III

68.

69.

70.

71.

72.

73.

74.

75.

76.

77.

78.

79.

80.

81.

82.

83.

84.

85.

86.

VI

Perimento

87.

88.

89.

90.

91.

92.

93.

94.

95.

96.

97.

98.

99.

100.

101.

102.

103.

104.

105.

106.

107.

108.

109.

110.

111.

112.

113.

114.

115.

116.

117.

118.

119.

120.

Morte

Impressum neobooks

Ouvertüre

Die Dämonen wohnen in jedem von uns. Die der meisten Menschen sind kleine Quälgeister, die fiese Dinge in die Ohren flüstern. Aber wenn man nicht aufpasst, werden sie zu riesengroßen Parasiten, die sich im Kopf und im Herzen einnisten, den Verstand vergiften und die Gefühle abtöten. Die ihren Wirt langsam von innen heraus leer fressen und aushöhlen, bis von ihm nur noch eine teilnahmslose, tote Hülle übrig bleibt, die mit der einstigen Person kaum noch etwas gemein hat. Manche von ihnen werden sogar so mächtig, dass sie sich manifestieren und zu unsagbaren Schreckgestalten heranwachsen, die sich nur schwerlich aufhalten lassen. Manche scheinen gar übermächtig, unbesiegbar...

Einige mutige Jäger gibt es, die sich in den Dienst der Menschheit gestellt haben, um diesen Dämonen Einhalt zu gebieten, wenn sonst nichts mehr bleibt und sie sonst nichts mehr aufhalten kann. Tapfere Männer und Frauen, die über Gaben verfügen, die gewöhnlichen Menschen versagt bleiben.

Die Jäger sind finstere Gesellen. Verschlossene Gestalten, die immer von einem Hauch Tod umgeben zu sein scheinen. Nicht viele sind von ihnen angetan, viele misstrauen ihnen oder wünschten sich gar, die Fremden, in ihre langen Mäntel und Umhänge gehüllt, würden von ihren Häusern fern bleiben. Und dennoch gibt es sonst niemanden, der die Menschheit von den unzähligen Dämonen erlösen kann, die in dunklen Nächten und an grauen Tagen durch die Lande streichen.

Aus Blut gegossen.

Aus Schatten geformt.

Aus der Asche gewachsen.

In der Nacht geschmiedet.

In der Kälte geschaffen.

Im Dunkeln geboren.

Im Winter verließ ich die Stadt. Ich legte mich in den weißen, unberührten Schnee und sah den Flocken dabei zu, wie sie leise und sanft gen Erde schwebten. Es war absolut still.

Noch nie war mein Herz so friedlich.

Im Frühling sah ich die Welt. Wälder, Wiesen, Felder, Meere, Seen, Flüsse, Berge, Hügel, Bäume, Blumen. Alles war grün. Alles war bunt. Alles war frisch. Alles war jung.

Noch nie war mein Herz so glücklich.

Im Sommer verliebte ich mich. Im Sommer verliebte ich mich unsterblich. Im Sommer lernte ich die Bedeutung von „für immer“ kennen.

Noch nie war mein Herz so vollständig.

Im Herbst trauerte ich. Ich sammelte die unzähligen kleinen Splitter meines Herzens auf und konnte nur einen Bruchteil finden. Mein Herz blieb kaputt, unvollständig.

Noch nie war mein Herz so traurig.

Im Winter kam ich zurück in die Stadt. Ich war wieder Zuhause. Zurück in der Hölle.

Noch nie war mein Herz so leer.

I

1.

„Weißt du, irgendwie mag ich dich.“

Manuela hatte dieses Lächeln aufgesetzt, das sie für verführerisch hielt, und warf Morten einen koketten Blick zu, während sie ihre Arme enger um seinen linken schlang. Er erwiderte ihr Lächeln kurz und nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Holzkrug.

In den ersten Stock des großen Gasthauses, der wie eine große dunkle Galerie aus Holz aufgebaut war, hatten sich einige Pärchen oder andere Grüppchen zurückgezogen. Über das Geländer konnte man hinunter in den Schankraum sehen, in dem sich viele Menschen um etliche Tische drängten, Bier und Wein und Met und andere Getränke in Strömen fließen ließen und kräftig miteinander anstießen. Viele lachten und unterhielten sich angeregt, manche waren dabei, sich zu küssen.

Obwohl dort unten gute Stimmung herrschte, war es hier relativ leise. Nur noch die fernen Echos der Stimmen drangen nach oben. Ähnlich verhielt es sich mit dem Licht. War es unten noch einigermaßen hell, dank der vielen Kerzen, fanden sich hier überwiegend Schatten ein, die vom schwachen Schein genährt wurden und sich zwischen Balken, Tische und Nischen drängten.

Morten kam es so vor, als beherbergte dieses Gebäude zwei verschiedene Welten. Unten die gewöhnlichen, feiernden Stadtbewohner und oben die dunklen Gestalten, die flüsternd Geheimnisse in der Finsternis tauschten oder Dinge mit Geld kauften, die anderswo unvorstellbar waren. Nur in der schützenden Anwesenheit der Nacht konnte man sich um solcherlei Dinge kümmern.

Manuela begann, mit ihren Händen über seinen Arm zu streichen, durch sein straßenköterblondes Haar zu fahren, deren goldener Glanz nicht ganz vom Staub der Straße getilgt werden konnte.

Morten nahm noch einen Schluck seines Bieres und sah zu seinem Kameraden Jacque, dessen massiger Körper im Dunkeln mit dem der Blondine zu verschmelzen schien, die er gerade wild und begierig küsste.

Hinter ihm, wie in jeder Nische sonst auch in diesem Stockwerk, befand sich ein großes Fenster, das aus vielen kleinen Scheiben bestand. Morten hatte von hier aus einen weiten Blick über die Straße, die sich an dem Gasthaus vorbei durch die Stadt Manrhay schlängelte.

Die Bewohner wussten es noch nicht, nein, dachten sogar, dass der Spuk sie heute Nacht vielleicht nicht heimsuchen würde, aber die Anzeichen der Schatten waren schon wahrnehmbar und bald würde es auf den Straßen nicht mehr sicher sein.

Manchmal überraschten die normalen Menschen Morten. Manchmal trauten sie sich tagelang nicht aus dem Haus, aus Angst, sie könnten die Nacht – oder vielleicht sogar den Tag – nicht überleben und manchmal schoben sie jede Angst, jede Gefahr beiseite und feierten als gäbe es kein Morgen mehr.

In gewisser Weise konnte Morten diesen plötzlichen Heißhunger auf Freude, Spaß, Glück sogar nachvollziehen, der die Menschen alle paar Tage, Wochen, Monate erfasste. Sie versuchten die Dunkelheit, in der sie den Großteil ihres Lebens verbrachten, mit Tanz und Musik und Lachen einfach mal beiseite zu schieben, wenn auch nur für kurze Zeit, und nicht daran zu denken, was ihnen in der Nacht oder am nächsten Tag widerfahren könnte.

Heute war keine dieser Nächte, in denen es ratsam war, sich außerhalb seines Hauses herumzutreiben und durch Lärm auf sich aufmerksam zu machen. Heute war eine dieser Nächte, in denen man besser dran war, wenn man im eigenen Haus alle Lichter löschte und Türen und Fenster fest verschlossen hielt.

Doch so war es nun mal im Leben, manchmal hatte man Glück, manchmal Pech.

Manuela schien zu denken, dass er ihre Streicheleinheiten genoss. Doch Morten hatte sich nicht zurückgelehnt und die Augen geschlossen, um sich zu entspannen, sondern um sich zu konzentrieren. Er lauschte auf die Geräusche der Schatten. Auf ihr Flüstern, ihr Klirren, ihr Rascheln.

Er fühlte praktisch, wie sich der Dämon draußen über die Straße schob. Mit langsamen Schritten kroch er beinahe wie eine Schnecke über das Kopfsteinpflaster. Als ein paar Wolken, den milchigen Mond freigaben, flutete das Licht über Straßen, Gebäude und über die massige Gestalt, die draußen umher streifte, hungrig, gierig nach Blut.

Die Silhouette des Dämons wurde ins Haus geworfen und unten erstarb plötzlich jedes Geräusch. Ein Lächeln stahl sich auf Mortens Lippen. Jetzt hatte auch der Einfältigste begriffen, dass heute keine gute Nacht zum Feiern war. Manuela krallte sich in seinen Ärmel und starrte verängstigt aus dem Fenster hinter ihr.

Die tosende Stille ermöglichte es Morten, die Geräusche zu analysieren, die die Schreckgestalt draußen erzeugte. Jacque mochte es nicht, wenn Morten dermaßen ruhig blieb und er konnte den brennenden, auffordernden Blick spüren, den er ihm zuwarf. Es fiel ihm schwer, das Grinsen zu unterdrücken, das sich anbahnte.

Die Aufmerksamkeit des Dämons lag voll und ganz auf dem Wirtshaus. Das Licht und der Lärm hatten ihn angelockt wie eine Motte. Er witterte und näherte sich langsam aber beständig den Fenstern, um hineinzuspähen. Wären sie nicht direkt in der Gefahrenzone, würde Jacque Morten ansprechen oder ihn anstupsen oder sonst was machen, aber so zögerte er und beließ es dabei, ihn weiter anzustarren, in der Hoffnung, dass endlich einmal Leben in ihn kommen würde.

Morten erlöste Jacque und öffnete endlich die Augen, um seinen verärgerten Blick mit einem entschuldigenden Lächeln zu beantworten. Morten wandte leicht den Kopf, um den Dämon in Augenschein zu nehmen.

Eine hässliche, große Kreatur stand dort draußen. Er schien eine Mischung aus Bär und Werwolf zu sein, irgendwie falsch zusammengebaut, aber das war nicht unüblich, so sahen die meisten aus. Nicht alle, aber die meisten. Lange, spitze Zähne, Mundwinkel, aus denen der Geifer troff, reflektierten das helle Mondlicht.

Heute Nacht stand der Erdtrabant beinahe voll und groß am Himmel. Ein Wunder, dass die Menschen nicht selbst darauf gekommen waren, dass heute Nacht die Geister Hunger hatten.

Morten schüttelte beinahe unmerklich den Kopf. Sie selbst hatten auch Hunger, zwar nach Leben und Lachen und Feiern, doch waren sie selbst auch nur Geister in diesem Leben, das durch gefährliche Nächte bestimmt wurde.

Der Dämon witterte, die schwarze Nase an der Spitze der langen Schnauze bewegte sich, als er versuchte, alle Gerüche der Umgebung aufzusaugen. Zähe Muskeln spannten unter der Haut. Den Dämon zu besiegen, würde kein Kinderspiel werden, aber Morten hatte schon Schlimmeres durchgestanden.

Jacque und Morten tauschten ein paar Blicke. Mit der Zeit hatten sie gelernt, sich auch stumm zu verständigen. Endlich entspannte sich Jacque. Er schüttelte den Kopf und lehnte sich zurück.

Manuela neben Morten zitterte und krallte sich noch immer an seinen Arm. Sie wagte es nicht, sich zu rühren und konnte ihre vor Schreck aufgerissen Augen nicht von dem Ungetüm draußen wenden.

Plötzlich wurden unten Stimmen laut. Ein Stuhl wurde umgeworfen, Menschen zur Seite geschubst, jemand rannte nach draußen und schlug dabei die Tür laut auf. Sobald sie wieder ins Schloss fiel, war es für endlos lange drei Sekunden totenstill. Die Stille, die eintrat, wenn ein Leben besiegelt war und alle es wussten.

Neugierig wandten sich Morten und die anderen im oberen Stockwerk den Fenstern zu und blickten hinunter auf die Straße. Ein junger Mann stand mit zu Fäusten geballten Händen direkt vor dem Dämon. Morten konnte von oben aus sehen, wie sehr seine Beine zitterten. Dennoch war der Mann mutig, das musste er ihm lassen. Dumm, aber mutig.

Für ein paar Augenblicke wusste das Ungeheuer selbst nicht, was es mit dem Mann vor sich anfangen sollte. Es war es nicht gewohnt, dass die Beute zu ihm kam, sonst musste es einiges dafür tun, um sich den Magen zu füllen.

„Was zum-?“, fragte Jacque verwirrt.

Der Werwolf-Bär brüllte laut. Speichel flog aus dem weit aufgerissenen Maul. Er ließ eine der mächtigen Tatzen auf den Mann nieder sausen, der es beinahe geschafft hätte zur Seite zu springen, jedoch noch getroffen und in ein paar Fässer geschossen wurde, die an einer Hauswand standen. Manuela quiekte leise. Die Fässer barsten und der Junge blieb liegen. Kleine Blutflecke schmückten das Kopfsteinpflaster.

„Ich wette um zehn Pfennige, dass der Bursche innerhalb der nächsten fünf Minuten seinen letzten Atemzug macht“, raunte Jacque Morten zu.

Morten begutachtete die Szenerie unten. Der Dämon wusste, dass der Junge nichts gegen ihn ausrichten konnte. Er hatte keinerlei Eile, seine Beute zu erledigen, er konnte es sich leisten, erst noch genüsslich mit ihr zu spielen, bis er seine riesigen Zähne in Menschenfleisch schlagen würde.

„Hmm, damit könntest du Recht haben“, antwortete Morten.

Noch war der übermütige Junge am Leben, wenn auch kaum noch bei Bewusstsein. Mühsam rappelte er sich auf und fuhr sich mit einer Hand über die Stirn. Morten fragte sich, ob er wohl schon verstanden hatte, dass sein letztes Sekündchen jeden Moment schlagen könnte?

„Ihr!“, brüllte plötzlich jemand hinter Morten.

Er und Jacque drehten sich irritiert um. Vor ihnen stand ein Mann mittleren Alters. Seine Hände waren zu Fäusten geballt, sein ganzer Körper war angespannt und er atmete schwer, unterdrückte seine Wut.

Morten begutachtete ihn neugierig, was jetzt wohl kommen mochte?

Auch Jacque bevorzugte es zu schweigen und sah den Mann nur abwartend an.

„Ihr!“, wiederholte er. „Ihr seid ein Jäger, der es mit diesem Dämon aufnehmen kann, und dennoch sitzt Ihr hier oben und versteckt euch, während mein Sohn dort unten sein Leben riskiert!“

„Euer Sohn riskiert nicht sein Leben, er wirft es gedankenlos weg. Wieso zum Teufel ist er nur auf die Idee gekommen, er könnte es mit einem Dämon aufnehmen? Euer Sohn ist ein Tor“, wandte Jacque ein.

Der Mann lief vor Wut rot an. „Er ist kein Tor! Wir warteten darauf, dass Ihr etwas unternehmt, Eure Aufgabe erfüllt und den bösen Geist beseitigt. Wir haben Euch vorhin hier reinkommen gesehen. Es war uns nicht Recht, aber da Ihr der Stadt Euren Dienst erweist, tolerieren wir euch. Da Ihr Eurer Pflicht jedoch nicht nachkommt, musste es jemand anderes machen und da hat mein Sohn eben die Bürde auf sich genommen!“

„Das könnt Ihr nicht wissen“, erwiderte Jacque, „Wenn ihr euch nur alle ruhig verhalten hättet, wäre das Ungetüm vielleicht weitergezogen und ihr alle wäret verschont geblieben. Das habt ihr eurer eigenen Dummheit zu verdanken.“

„Ihn ignorieren und ihn dann andere Menschen fressen zu lassen?“, spie er aus, „Habt Ihr denn gar keine Ehre in Eurem verdorbenen Leib?“

„Vorsicht“, drohte Jacque.

„Schon gut.“ Morten erhob sich, steckte seine Zwillingsklingen in den Gürtel, legte seinen schweren Umhang aus dunklem Leder an, schnallte die Armbrust um und setzte seinen Hut auf. Die Gäste im oberen Stockwerk beobachteten ihn bei jeder Bewegung. Als Morten fertig war, ging er an dem Mann vorbei, dessen Körper sich sofort anspannte, als er ihn passierte.

Während er die Treppe hinunter stieg, fühlte er, wie die zahllosen Blicke der Gäste auf ihn gerichtet waren, die versuchten, nur mit ihren Augen in sein Inneres zu blicken, was ihnen mit Sicherheit schwer fiel; wegen des hohen Kragens und des Huts waren von Mortens Gesicht nur noch die dunkelbraunen Augen zu sehen. Er ignorierte die Blicke. Er war es gewöhnt.

Seine festen Stiefel klangen laut in der herrschenden Stille.

Er schob die Türe auf und trat in die kühle Nacht hinaus. Ein Wunder, dass der Dämon den Jungen noch nicht zerrissen hatte, aber der saß noch immer benommen am Boden. Das Ungetüm witterte und wurde sofort vorsichtig. Es schien zu wissen, was Morten war – ein Jäger.

Morten hörte Jacque hinter sich auf die Straße treten.

„Du hast jede Menge neugieriger Zuschauer“, sagte er mit seiner tiefen, dröhnenden Stimme.

Morten zuckte mit den Achseln.

„Das ist mir egal. Sollen sie doch.“

Jacque verschränkte die Arme vor der Brust und verlagerte sein Gewicht auf ein Bein. Morten schätzte die stumme, zurückhaltende Unterstützung, die er ihm leistete.

Der Dämon taxierte ihn mit Blicken, die Morten entschlossen erwiderte. Einige Zeit standen sie sich einfach nur gegenüber, ohne dass einer von ihnen auch nur mit einem Muskel zuckte.

Der junge Mann, der ursprünglich die Beute des Dämons hätte sein sollen, wurde endlich von seiner Benommenheit erlöst und verlor sogleich die Nerven. Er versuchte, sich aufzurappeln und geriet ins Stolpern. Der Werbär stürzte sich auf ihn und schlug mit seinen Pranken nach ihm. Morten sprang dazwischen und blockte die langen, spitzen Krallen mit seinen Zwillingsklingen ab.

Mortens Sinne waren geschärft, in diesem Moment hätte er einen Schweißtropfen fallen hören. Er holte tief Luft, der Sauerstoff rauschte in seinem Körper, während er sich seinen Weg in Mortens Lunge bahnte, Morten holte aus und schnitt dem Dämon die Pulsadern der rechten Pranke auf.

Umgehend schossen Ströme dunklen Blutes aus dem Bein, die das Kopfsteinpflaster besudelten. Der Dämon jaulte, es glitzerte gefährlich in seinen Augen und Morten wusste, dass es vorbei war. Mit jeder Sekunde, die verstrich, floss das kostbare Lebenselixier aus dem pelzigen Körper und schon bald würde das Ungetüm zu schwach sein, als dass es noch eine große Bedrohung darstellte.

Während Morten darauf wartete, dass er dem Monstrum den Gnadenstoß geben konnte, wanderte sein Blick für einen Moment zu Jacque, der mit seinem stets mürrischen Gesichtsausdruck den jungen Mann verarztete. Die Fenster des Wirtshaus waren mit hellen Gesichtern der Leute gespickt, die dem Kampf folgten. Im ersten Stock konnte er Manuela und Jacques Blondine erkennen.

Er widmete sich wieder dem Werbären, der keuchend dastand, unter ihm hatte sich das Blut schon in einer Pfütze gesammelt. Um ganz sicher zu gehen, dass der Bär keine große Gefahr mehr darstellte, sollte Morten zwar eigentlich noch warten, aber er wollte es hinter sich bringen.

Er rannte auf den Dämon zu, der mit seiner unversehrten Pranke nach ihm schlug, wich dieser aus und durchtrennte ihm die Sehnen am linken Vorderbein. Der Koloss ging unter Heulen in die Knie und Morten rammte ihm die Klinge, die er in der rechten Hand hielt, in den Hals. Mit einem gurgelnden Geräusch brach das Ungetüm vollständig zusammen und Morten gab ihm den Gnadenstoß.

2.

Nach einem letzten Seufzen des Dämons war es still. Nur das sanfte Rascheln des Windes in den trockenen Blättern einiger Bäume war zu hören. Auf Mortens Klingen glitzerte das dunkle Blut des Ungetüms, das er soeben niedergestreckt hatte. Er wischte sie am Fell des Bären ab und schob sie zurück in die Scheiden.

„Respekt. Und das ohne einen Kratzer“, sagte Jacque, als Morten zu ihm trat.

Morten schwieg und betrachtete den jungen Mann, der einst dem Glauben verfallen war, er könnte tatsächlich etwas gegen den Dämon ausrichten. Jacque hatte ihn als Tor bezeichnet. Morten fand diese Bezeichnung äußerst passend.

„Was ist nur in dich gefahren?“, fragte Jacque den Jungen. „Hast du im Ernst gedacht, du könntest gegen diesen Dämon bestehen? Ich sag dir jetzt mal was: Du bist ein schwächlicher Volltrottel und wenn du das nächste Mal meinst, du musst dich mit einem waschechten, ausgewachsenen Dämon anlegen, dann helfen wir dir nicht aus der Patsche und das schwöre ich dir bei all den verdorbenen Göttern, die du auch immer anbeten magst.“

Der Mann biss sich auf die Lippen und senkte den Kopf. Er beließ es dabei, nicht zu antworten, was wohl besser war.

Zögerlich kamen nun auch andere Dorfbewohner aus dem Wirtshaus. Der Vater des jungen Mannes eilte zu ihm und untersuchte seine Blessuren. Als er feststellte, dass alles in Ordnung zu sein schien, entspannte er sich. Ohne ein weiteres Wort verließen sie den Ort des Geschehens, um nach Hause zu gehen.

„Undankbares, von Maden zerfressenes Pack“, murmelte Jacque.

Seine Ärmel waren hochgekrempelt, dichtes schwarzes Haar bedeckte seine massigen Unterarme.

Ein paar der Gäste, die sich nach draußen getraut hatten, scharrten sich um den Dämon.

„Ganz schön groß...“, murmelte einer.

„Schau dir diese Zähne an...“, raunte eine Frau.

„Lasst ihn uns irgendwo aufstellen, dann dient er als Abschreckung“, schlug ein alter Mann vor.

Jacque schnaubte abfällig.

„Wir sollten das morgen machen. Heute Nacht ist es nicht sicher“, sagte eine Frau.

Die Städter murmelten zustimmende Sätze. Sie ließen den Kadaver liegen und trollten sich. Die meisten von ihnen sahen weder zu Jacque noch zu Morten während sie gingen und auch die beiden Mädchen, die eher am Abend noch ihre Gesellschaft genossen hatten, machten sich auf, ohne ein letztes Wort.

Morten war dies nur recht, aber er wusste, dass Jacque darüber nicht so glücklich war. Die Blondine war genau sein Typ gewesen.

„Tut mir leid, dass ich dir den Abend versaut habe“, sagte Morten.

Jacque sah ihn an. Das mürrische Gesicht schreckte viele Leute ab, Morten wusste seinen Charakter und sein Können zu schätzen. Nicht nur als Unterstützung, die einige Vorteile mit sich brachte, sondern auch als Freund. Jäger hatten normalerweise keine Freunde.

„Es war ja nicht deine Schuld, sondern die dieser ... Kreatur da. Außerdem gibt es Wichtigeres im Leben.“

„Dämonen töten?“

Jacques Blick fiel auf den toten Werbären. „Muss ja.“

Für einen Moment betrachteten sie das niedergestreckte Biest, ohne etwas zu sagen.

„Wollt ihr heute Nacht noch hier übernachten?“, rief der Wirt ihnen von der Tür aus zu. „Entscheidet euch, ich verbarrikadier' jetzt die Tür.“

Jacque und Morten sahen noch einmal zu dem Dämon, dann wandten sie sich um und gingen auf ihre Zimmer, um in wohlverdienten Schlaf zu sinken.

Als Morten am nächsten Vormittag – es war beinahe schon Mittag – in die Stube des Wirtshauses kam, um zu frühstücken, war Jacque noch nicht da. Obwohl Morten auch kein Frühaufsteher war, übertraf Jacque ihn noch. Morten störte sich nicht daran, er hatte nichts dagegen, Zeit alleine zu verbringen.

Er setzte sich an einen Tisch am Fenster, damit er die Straße im Auge hatte. Ein paar Städter hatten sich zusammengefunden, um den Kadaver des Dämons an den dicken Stamm des Baumes zu nageln, der neben dem Wirtshaus wuchs.

Der Wirt trat an seinen Tisch und brummte: „Kaffee?“

In der Hand hielt er eine verbeulte Blechkanne, aus deren Öffnung Dampf stieg. Sein Hemd und die Schürze, die er um die Hüften gebunden hatte, waren fleckig.

„Ja, bitte.“

„Frühstück?“

Morten nickte, der Wirt schenkte ihm ein und verdrückte sich dann in einen anderen Raum. Morten nippte an seinem Becher, doch der Kaffee war noch sehr heiß und so widmete er sich wieder dem Geschehen draußen, während er das Getränk abkühlen ließ.

Ein Mann etwa um die dreißig setzte sich zu ihm an den Tisch. Er war hoch gewachsen und ziemlich dünn. Er hatte kurzes hellbraunes Haar, war glatt rasiert und trug eine Brille.

Steve Merchante. Er war ein komischer Kauz. Beim Sprechen riss er für gewöhnlich die Augen weit auf und viele Leute, die sich mit ihm unterhielten, fühlten sich in seiner Gegenwart unwohl. Er hatte etwas an sich, das die meisten Menschen daran erinnerte, dass sie eine Leiche im Keller hatten. Oder zwei.

Morten lehnte sich zurück und betrachtete Steve, der ihn angrinste. Morten war sich nie sicher, ob Steve ihn mochte oder ob er ihm egal war. Steve war meistens freundlich, doch wusste er nicht, wann es besser war, den Mund zu halten.

„Guten Morgen, Morten. Oder sollte ich guten Mittag sagen?“

Der Wirt stellte Mortens Frühstück auf den Tisch und ging ohne ein Wort wieder. Die meisten zogen es vor zu verschwinden, wenn sie Steve sahen. Er war selten Bote guter Nachrichten. Eigentlich nie.

„Oh, du frühstückst jetzt noch? Das hättest du dir eigentlich sparen können und gleich zum Mittagessen übergehen können.“ Er gluckste.

„Steve, willst du etwas Bestimmtes von mir?“

Morten nahm Gabel und Messer in die Hand und begann, seine Kartoffelröstis zu essen. Steve beobachtete ihn einen Moment dabei, ehe er antwortete.

„Dein neuester Erfolg spricht sich in der Stadt schon rum. Ich bin gekommen, um es mir mit eigenen Augen anzusehen.“

Morten aß weiter ohne etwas zu erwidern. Bei Steve sagte er lieber zu wenig als zu viel.

„Na ja, und wie man sieht, hast du Manrhay mal wieder um ein Übel erleichtert“, fuhr er fort. „Glückwunsch. Gut gemacht.“

Morten zuckte mit den Schultern. „Du weißt doch, was man sagt: Alles, was einen nicht umbringt, macht einen härter.“

Steve grinste. „Du solltest dir schnell deine Belohnung abholen.“

„Ja, ja.“, murmelte Morten.

„Ich werde euch dann natürlich zurück begleiten... Wann habt ihr denn vor zu gehen?“

Morten sah auf seinen Teller, der noch gut gefüllt war. Jacque war noch nicht einmal aufgestanden und auch er wollte mit Sicherheit noch etwas essen, ehe er das Wirtshaus verließ.

„Kommt drauf an, wann Jacque aufsteht und gegessen hat.“

„Hmm, wollt ihr nicht schon eher losgehen?“

Morten lehnte sich zurück. „Nur zu. Geh nach oben und weck ihn. Ich esse hier so lange fertig.“

Steve dachte kurz nach, entschied sich dann jedoch dagegen. Jacque war sehr groß und breit. Er wirkte auf andere mürrisch und schlecht gelaunt, weswegen er nicht oft von anderen Menschen wegen irgendwelcher Nichtigkeiten belästigt wurde. Eine Eigenschaft, die Morten zu schätzen wusste. Natürlich war Jacque bei Weitem nicht so fies, wie er aussah, doch das wussten die meisten nicht.

„Na ja, vielleicht könnte ich auch eine Mahlzeit vertragen, während wir warten.“

Steve winkte den Wirt herbei und bestellte sich ein Gericht. Morten aß still weiter. Er hoffte, dass Jacque bald aufstehen würde. Es war unbehaglich, alleine mit Steve an einem Tisch zu sitzen und oberflächliche Konversation zu betreiben. Hoffentlich würde Jacque nicht auf dem Absatz kehrt machen und wieder in seinem Zimmer verschwinden, wenn er Steve sah...

Einige Zeit später brachte der Wirt Steve grauen Haferschleim. Morten hätte sich nichts Faderes als diese unappetitliche Pampe bestellen können.

„'Nen Guten“, wünschte er Steve dennoch.

„Danke.“ Steve probierte einen Löffel. „Oh, ich denke, da fehlt eine Prise Salz.“ Er erhob sich und ging zum Wirt an den Tresen.

Morten lehnte sich zurück und beobachtete ihn dabei, wie Steve versuchte, die Aufmerksamkeit des Wirtes auf sich zu ziehen. Als er sie ergattert hatte, fragte er nach Salz. Der Wirt runzelte die Stirn und Morten fragte sich, ob er wohl in den nächsten Sekunden eine auf die Nase bekäme.

Das Essen hier war ... in Ordnung. Eine Mahlzeit, von der man satt wurde, doch einen Gaumenschmauß fand man hier vergeblich. An schlechten Tagen war der Wirt beinahe noch mürrischer als Jacque und nach Salz zu fragen, war nicht gerade etwas Kluges, was man hier tun konnte.

Während Morten noch immer Steve dabei beobachtete, wie er sich womöglich Hausverbot bis an sein Lebensende einhandelte, setzte sich Jacque zu ihm an den Tisch.

„Morgen...“, brummelte er.

„Morgen.“

„Seit wann isst du denn Haferschleim?“

„Das ist nicht meiner.“

Jacque hob fragend eine Braue, Morten nickte mit dem Kopf in Richtung Steve.

„Was will der denn hier?“

„Keine Ahnung. Er meinte, er wollte hier vorbeischauen, weil er von dem Dämon von letzter Nacht gehört hat. Du weißt ja, dass die Beamten der Kirche ab und zu Kontrollbesuche machen.“

„Vollkommen überflüssig, wenn du mich fragst.“

„Er will mitkommen, wenn wir die Belohnung abholen. Ich glaube, er hat Angst, alleine zurückzugehen.“

„Vielleicht frisst ihn ein Dämon.“

„Eine menschliche Version des Haferschleims?“

Jacque lachte. „Nein, aber jetzt mal im Ernst. Wir gehen nicht mit ihm zurück, oder? Ist mir doch egal, ob der gefressen wird.“

„Zu spät, er hat uns gesehen. Den werden wir so schnell nicht mehr los.“

„Mist.“

„Guten Mittag, Jacque. Das ist ja schön, dich zu sehen!“, flötete Steve, als er mit einem Salzstreuer zurück zum Tisch kam. „Wie ich sehe, brauchst du immer noch so lange, um in die Gänge zu kommen.“ Er gluckste.

Jacque warf ihm einen tödlichen Blick zu, den Steve nicht bemerkte, da er damit beschäftigt war, seinen Haferschleim in Salz zu ertränken. Hinter seinem Rücken zog Morten eine Grimasse, die Jacque wenigstens ein bisschen aufheiterte und ihn daran hinderte, Steve den Kopf abzureißen, weil er ihm schon so kurz nach dem Aufstehen auf die Nerven ging.

„Was darf's sein?“, blaffte der Wirt in Jacques Richtung.

Morten war sich nicht sicher, ob der Wirt so entnervt wegen Steve war, oder weil er wegen jedem von ihnen extra an den Tisch kommen musste, um die Bestellung aufzunehmen. Jacque entschied sich für ein sehr fleischhaltiges Gericht. Um die Stimmung ein wenig zu beruhigen, bestellte Morten einen weiteren Becher Kaffe.

„Wie läuft's denn allgemein so mit der Dämonenjagd?“, fragte Jacque Steve. Obwohl er ihn nicht wirklich mochte, interessierte diese Frage ihn brennend.

Steve wurde ernst und hielt im Haferschleimlöffeln inne.

„Na ja, ihr wisst es ja selber. Der Jägerberuf ist kein Zuckerschlecken. Jede Weile sterben mehr als gut ist...“

„Hmm...“ Morten nippte nachdenklich an seinem Becher.

„Hast du manche dieser Lappen mal gesehen?“, fragte Jacque. „Die eine Hälfte besteht aus ahnungslosen Tölpeln, die nur mit Glück überleben, die andere Hälfte aus selbstverliebten Psychopathen, die mehr darauf achten, den harten Hund heraushängen zu lassen, als Dämonen auszuschalten.“

„Du vergisst, dass sich die Leute nicht gerade darum reißen, Jäger zu sein.“, erwiderte Steve. „Jedes Jahr gibt es weniger Schüler an der Akademie. Wer Jäger ist oder es werden will, muss mit dem schlechten Ruf zurechtkommen, der an diesem Beruf haftet. Hinzu kommen noch das hohe Risiko, die enorme Belastung und die schier unendlichen Arbeitszeiten. Nur wenige entscheiden sich aus freien Stücken dafür, diesen Weg einzuschlagen. Viele tun es nur, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Manche fliehen gar nach der Ausbildung ganz aus der Stadt, sobald sie merken, was sie sich da wirklich eingebrockt haben. Wenn sie es überhaupt so weit schaffen, viele brechen schon viel eher ab. Und die Dämonen nehmen kein Ende. Jeden Tag hört man von neuen Sichtungen oder Vorfällen. Manche Leute sind sogar der Meinung, dass ihre Zahl wächst und sie uns in naher Zukunft alle vernichten.“

Alle drei schwiegen für einen Moment. Wenn Jacque auch selbst kein Jäger war, wusste er doch, was der Beruf für Entbehrungen mit sich brachte. Morten war in vielerlei Hinsicht verschwiegen und es gab sogar einige Bereiche seiner Persönlichkeit und seiner Vergangenheit, von denen Jacque nicht das Geringste wusste.Das war nicht ungewöhnlich, in seinen fünfunddreißig Lebensjahren war Jacque einigen Jägern begegnet und jeder von ihnen hatte mindestens ein Geheimnis, das er hütete wie seinen Augapfel. Sie wären töricht, wenn sie es nicht täten. Geheimnisse waren häufig auch Schwachpunkte.

Die Tage – und vor allem die Nächte – die die Jäger durchlebten waren hart und gefährlich. Man konnte sich nie sicher sein, ob man den nächsten Morgen erlebte. Diese permanente Haftung des Todes, der an den Jägern hing wie eine schwarze Wolke, trieb viele in die Einsamkeit. Die meisten waren einsame Wölfe, die durch die Gegend streiften und ihr Leben im Dunklen riskierten, damit die undankbaren Bewohner von Manrhay und im Umland zumindest an manchen Tagen so tun konnten, als wäre alles normal, alles sicher und schön. Außer Morten gab es nur wenige, die in Gesellschaft ihrer Tätigkeit nachgingen.

„Deswegen werden erfolgreich erlegte Dämonen auch einigermaßen gewinnbringend entlohnt, würde ich sagen“, meinte Steve. „Damit es wenigstens einen Pluspunkt gibt, der die Leute dazu animiert, Jäger zu werden und den Menschen zu helfen.“

„Die Menschen hassen die Jäger“, warf Jacque ein.

Er beugte sich über seinen Teller und aß von der Schweinshaxe, die in Bratensoße schwamm.

„Aber nein, so würde ich es nicht sagen“, erwiderte Steve. „Die Leute fürchten sich vor den Jägern, weil sie die Dämonen niederstrecken, gegen die normale Menschen keine Chance haben. Dass Jäger hin und wieder auch Stadtbewohner ermorden, ist da nicht unbedingt ein Pluspunkt...“

„Menschen, die von Jägern umgebracht werden, wurden von ihren eigenen Dämonen überwältigt“, sagte Morten.

Steve runzelte die Stirn, er war nicht überzeugt. „Davon habe ich schon gehört, dass Menschen hin und wieder von Dämonen besessen sind. Aber ich bin mir nicht sicher, ob Jäger wirklich in der Position sind, das ohne weiteres zu erkennen.“

„Es passiert öfter, als du denkst. Gram, Lügen, Hass, Verzweiflung, Trauer, Unzufriedenheit, Hunger, Begierde... All diese Gefühle nähren die Dämonen, die in jedem von uns wohnen. Wenn man einen schwachen Charakter hat und sich seinen dunklen Seiten hingibt, anstatt sie zu bekämpfen, wird man zu einer hohlen Hülle, zu einem Schatten seiner selbst, der immer hungrig durch die Straßen zieht und die Dämonen nur noch mächtiger macht. Egal ob intern oder extern.“

Steve kicherte leise. „Das ist einer der Gründe, warum ich dich mag, Morten. Du drückst dich immer so philosophisch aus.“

Morten zog die Brauen hoch und zog es vor, darauf nicht zu antworten.

„Tja, aber deine Angst vor Dämonen scheint ziemlich ausgeprägt und real zu sein, dafür, dass du die Kompetenz der Jäger anzweifelst“, mischte sich Jacque ein.

Steve zuckte mit den Schultern. „Ich wäre ein Narr, wenn ich mich nicht von Dämonen fern halten und auf Nummer sicher gehen würde, was meinen Geleitschutz anbelangt.“

„Mit anderen Worten, wir sind für dich nur Mittel zum Zweck.“

„Ist nicht jeder, der einen Beruf ausführt, Mittel zum Zweck von irgendjemandem?“

Jacque biss in die Haxe und starrte Steve nieder, der sich dann ziemlich schnell und ziemlich gründlich um die letzten Reste seines Haferschleims kümmerte, die noch auf dem Boden seines Tellers zu finden waren.

Morten grinste Jacque an und sah abermals nach draußen zu den Städtern, die mit Hilfe eines Seilzuges und massiven Ketten dabei waren, den Kadaver des Dämons zu befestigen. Die meisten von ihnen waren blass – ihre Haut war gräulich – und hager. Ihre Kleidung war zerschlissen, manchen waren die Lumpen, die sie trugen, zu groß.

Morten würde sich nicht wundern, wenn er irgendwann in naher oder ferner Zukunft den ein oder anderen von ihnen beseitigen müsste. Es gab viel zu viele Schrecken, die Jäger zu gut kannten, gewöhnliche Menschen jedoch noch nie gesehen hatten.

Er wusste nicht einmal mehr, wann er das letzte Mal die Sonne gesehen hatte.

3.

Der Tag war grau und düster. So wie jeder andere. Irgendwo über den Nebelschwaden und den Wolken befand sich die Sonne, das wusste Morten, aber genauso wusste er auch, dass die wärmenden Strahlen auch heute nicht bis hier unten durchdringen würden.

Steve plauderte ununterbrochen vor sich hin, während sie die langen, breiten Steintreppen zum Kathedralenplatz hochstiegen, der armen Menschen in Gefahr eine Zuflucht schenkte – wenn sie Glück hatten und sie es rechtzeitig hinter die schützenden Tore einer der Kirchen schafften. Nicht jedem gelang es, sich in Sicherheit zu bringen, ehe die dunklen Schatten sie ergriffen und mit Haut und Haar verspeisten...

Jacque und Morten ließen Steve reden. Beide waren nicht gerade darauf versessen, sich mit dem Beamten auszutauschen. Sie waren eigentlich ganz glücklich über seine Monologe, die sie davor bewahrten, in nervenaufreibende Gespräche verstrickt zu werden.

Entlang der vielen steinernen Treppen standen in regelmäßigen Abständen Statuen, die die Gestalt von vermummten Personen hatten. Die Stadt war so alt, dass Morten nicht wusste, wen diese Skulpturen darstellen sollten. Einige von ihnen wurden in so verrenkten Haltungen dargestellt, dass sie nur noch an verzerrte Ebenbilder von Menschen erinnerten.

Manche von ihnen wurden von den Bewohnern, die sich selten aus ihren Häusern wagten, als Laternen oder als kleine Altäre verwendet, die Licht, und auf eine bizarre Art und Weise manchen Menschen sogar Hoffnung, spendeten. Auch wenn die Flammen der unförmigen Kerzen zumeist nur blass und schwach schienen und deshalb manche Statuen mit einer kleinen Armee der Lichtquellen gespickt waren.

Dabei wusste Morten nicht einmal, ob diese Skulpturen schon lange toten Jägern huldigten oder gar Dämonen. In dieser gottverlassenen Stadt war alles möglich.

Überall in Manrhay waren solche Plastiken zu finden, die sich zwischen den Nebeln herausschälten und man im ernsten Moment nicht wusste, ob dort nur eine leblose Steinstatue stand oder eine lebende – oder zumindest existierende – Kreatur dort auf unbedachte Passanten wartete, um sie zu verspeisen oder anderweitig grausam zu töten.

Nach all den Jahren, in denen Morten hier lebte, hatte er sich noch immer nicht an die zahlreichen Figuren gewöhnt und auch wenn er es äußerlich nicht mehr so deutlich zeigte, erschrak er innerlich viel zu häufig und viel zu sehr.

„Es ist kein Wunder, dass nur so wenige Leute Zuflucht in den Kathedralen suchen. Der Weg hier rauf ist mit Sicherheit ... ziemlich abschreckend auf viele“, sagte Morten.

Steve sah ihn nachdenklich an. „Du hast recht, aber in dieser Stadt, wo auf jeder Straße der Tod umhergeht, ist kein Weg sicher.“

„Zu dumm, dass der Weg zu den Kathedralen so weit ist“, mischte sich Jacque ein. „Ich kann mir vorstellen, dass hier ein beliebter Jagdplatz von Dämonen ist, die sich hier irgendwo auf die Lauer legen, um vorbeigehende Menschen anzufallen. Ich kann mir gut vorstellen, dass nicht jeder oben ankommt, der sich einmal auf den Weg gemacht hat.“

„Tja, das Leben meint es eben nur selten gut mit uns...“, murmelte Steve. „Aber dafür gibt es ja euch Jäger, damit der Alptraum vielleicht irgendwann einmal ein Ende hat und wir alle wieder gefahrlos durch die Stadt gehen können, wie es unsere Vorfahren vermutlich einmal getan haben.“ Er lächelte Morten breit an, doch als er merkte, dass Morten es nicht erwiderte, sondern ihn viel eher ernst ansah, erstarb sein Lächeln und er fügte leise hinzu, sodass man ihn kaum hören konnte: „Vielleicht ja eines Tages...“

Morten schloss für eine Sekunde die Augen und atmete tief durch.

„Na ja, wir haben einige vielversprechende Schüler an unserer Akademie aufgenommen. Vielleicht wird es ja eine der zukünftigen Generationen schaffen, die Plage der Dämonen aus Manrhay zu vertreiben“, wechselte Steve das Thema.

Jacque und Morten schwiegen. Es war schwierig, das Problem in den Griff zu bekommen. Schon seit Generationen kämpften die Menschen gegen die Dämonen, deren Anzahl nicht zu schrumpfen schien. Es war noch lange kein Ende in Sicht und niemand wusste genau, wie viele der dunklen Kreaturen sich noch in der Stadt und im Umland herumtrieben.

Mit jedem Jahr, das Jäger in ihrem Beruf verbrachten, verloren sie an Mut. Viele hatten das Gefühl, dass auf einen getöteten Dämon zehn neue kamen. Es war ein Kampf gegen Windmühlen. Viele zogen sich ab einem gewissen Alter einfach in die Einsamkeit zurück. Manche, weil sie keine Kraft, andere, weil sie keine Hoffnung oder keinen Glauben mehr hatten.

Dabei war der Zeitpunkt, bei dem sie ins Exil gingen, von Person zu Person unterschiedlich. Die Harten hielten bis ins hohe Alter durch und bissen sich durch Kämpfe, bis ihre Körper nachgaben und sie im Kampf starben. Manche hingegen, und das hieß nicht zwingend, dass sie schwach waren, manchmal kam einfach das Leben dazwischen, das sie beutelte, stiegen schon kurz nach Abschluss der Akademie aus und suchten ihr Heil weit abgelegen von jeglichen Zeichen der Zivilisation. Falls man das Leben in Manrhay denn überhaupt so nennen konnte.

Viel zu viele brachen unter dem harten Schicksal zusammen, das die Jäger begleitete wie einen Schatten. Morten wusste, dass der Kollaps einen gnadenlos erfasste, sobald man die Gedanken zuließ. Wer grübelte und nach einem Sinn suchte, der war schon verloren.

Das Problem war nur, dass niemand diese Gedanken abschalten konnte. Manche konnten vielleicht lange davor weglaufen, doch niemand war ganz frei davon.

„Wir werden verfolgt“, sagte Jacque leise.

Morten nickte zustimmend. Irgendwo hinter den Nebeln schlich ein Schatten umher, der sie seit geraumer Zeit beobachtete, ihren Schritten folgte.

Steve wandte sich beunruhigt um und versuchte zwischen die Schwaden zu blicken. Überall könnte dort etwas lauern.

4.

„Seid ihr euch sicher, dass dort etwas ist?“, fragte Steve zaghaft. „Ich kann gar nichts erkennen...“

„Es ist ja auch neblig“, antwortete Jacque.

„Aber woher wisst ihr dann, dass dort etwas ist?“

„Was glaubst du denn? Wir verbringen jeden Tag und jede gottverdammte Nacht mit der Jagd. Unsere Sinne sind geschärft. Sonst lägen wir schon längst tot unter der Erde.“

„Und was machen wir dann jetzt?“

„Na das.“

Jacque warf ein Messer in die Nebelschwaden. Ein hohes Kreischen ertönte und zwei Gestalten fielen vor ihnen auf die Treppe. Ein Mädchen und ein Junge, beide etwa um die sechzehn, vielleicht siebzehn, mit hellblondem, wilden Haar. Sie sahen sich so ähnlich, sie mussten Zwillinge zu sein.

„Wer seid ihr?“, fragte Jacque. „Und was wollt ihr?“

Das Mädchen schob trotzig ihr Kinn hervor. Sie war nicht hässlich, aber auch keine Schönheit, ihr Gesicht war zu hart, zu unebenmäßig, zu klobig.

„Woher wusstet ihr, dass wir dort im Nebel waren?“, fragte sie.

„Ihr hättet mit Fanfaren antanzen können, das wäre kaum unauffälliger gewesen. Ihr wart laut wie Wildschweine“, antwortete Jacque.

Das Mädchen verzog das Gesicht. Morten konnte ihr ansehen, dass sie nicht mit Jacques Aussage einverstanden war. Sie war von sich überzeugt, glaubte, dass es an etwas anderem gelegen hatte, dass sie sie entdeckt hatten. An ihrer männlichen Begleitung vielleicht.

„Was wollt ihr?“, wiederholte Jacque seine Frage.

„Ihr seid ein Jäger“, sagte der Junge fasziniert, als wäre das Antwort genug. „Wir haben Euch an Eurem Gewand erkannt und waren neugierig.“ Sein Blick ruhte auf Morten, der die Stirn runzelte.

„Keine schlaue Entscheidung von euch, uns an solch düsteren Tagen zu folgen. Wisst ihr denn nicht, dass hier überall der Tod auf euch wartet?“

Jacque grinste fies. Er versuchte, die beiden einzuschüchtern, was ihm nur bedingt gelang. Der Junge sah zwar verängstigt aus, das Mädchen hingegen erwiderte Jacques Blick fest und unnachgiebig. Morten hatte keine Ahnung, wem sie etwas beweisen musste.

„Und ob die beiden das wissen“, mischte sich Steve ein. „Das Mädchen trägt die Kleidung der Akademie. Du wirst zur Jägerin ausgebildet, oder? Wie heißt du?“

Sie zögerte, ehe sie sich schließlich dazu entschloss zu antworten.

„Mein Name ist Walburga. Das ist mein Bruder Burkhart.“

„Wie weit bist du in deiner Ausbildung?“, frage Steve.

„In drei Wochen endet mein erstes Jahr.“

„Ihr solltet schauen, dass ihr nach Hause kommt“, riet Jacque.

Walburga schnaubte. „Ich bin Jägerin. Ich weiß mich durchaus zu verteidigen.“

„Du hattest bislang fast nur theoretischen Unterricht. Sei nicht töricht und überschätze dich nicht“, mischte Morten sich ein.

Er wusste selbst zu gut, wo man an welchem Zeitpunkt der Ausbildung in etwa stand. Selbst wenn sie ein Naturtalent war, Jäger in der Ausbildung kamen erst nach dem dritten Jahr allein in Kontakt mit wirklich gefährlichen Dämonen. Davor jagten sie nur in Gruppen und nur kleine Biester, die den Menschen die Nerven raubten, im Großen und Ganzen jedoch relativ ungefährlich waren. Wenn die Schüler endlich so weit waren, dass sie ohne Mitstreiter auf einen wilden, großen Dämon trafen, dann das anfangs auch nur unter Aufsicht von anderen, bereits ausgebildeten Jägern.

Walburga funkelte ihn wütend an, sparte sich jedoch eine bissige Antwort, die sie Jacque womöglich gegeben hätte. Mortens Blick fiel auf Burkhart, der still und etwas unsicher neben seiner Schwester stand und der Konversation mit leicht gerunzelter Stirn folgte.

„Allein schon wegen deinem Bruder solltest du dir gefährliche Selbstmordkommandos sparen“, fügte Morten hinzu.

Ihr Gesicht wurde rot, als die Wut ihr in den Kopf stieg. Ihr Schwachpunkt war zu offensichtlich. Morten war sich nicht sicher, ob das nicht noch ein großes Hindernis für ihre Karriere darstellen würde.

„Morten hat recht. Ihr solltet euch nicht hier herumtreiben.“ Steve schlug eine der Akten auf, die er bei sich trug und blätterte, bis er ein leeres Blatt fand. Er fischte einen Kohlestift aus seiner Tasche und leckte einmal kurz an der Spitze. „Sag mir deinen Namen, das sollte ich mir vermerken.“

„Wir finden ihn eh raus“, mischte sich Jacque ein, als die beiden ihr Schweigen nicht brechen wollten.

„Vielleicht sollten wir es ihnen einfach sagen und nach Hause gehen“, raunte Burkhart, doch Walburga blieb stur.

„Hör auf deinen Bruder, Mädchen. So ersparst du dir viel Ärger“, sagte Jacque.

„Ich sag gar nichts.“ Walburga verschränkte die Arme vor der Brust. „Es gibt nirgends die Regel, dass sich Bürger dieser Stadt nicht frei in ihr bewegen dürfen.“

„Das vielleicht nicht“, gab Jacque zu. „Aber dein Lehrer hört bestimmt nicht gern, dass du es ausreizt, Dämonen zu begegnen und dabei auch noch wichtige Persönlichkeiten der Stadt verfolgst.“

Walburga schwieg. Schließlich wurde Burkhart die Situation zu viel.

„,Lichtbringer'“, sagte er. „Wir heißen ,Lichtbringer'.“

„Sag mal, spinnst du?“, fuhr Walburga ihn an.

Burkhart war wegen ihres plötzlichen Ausbruchs stark irritiert und sah unsicher zu den anderen. Steve, Morten und Jacque starrten die beiden an

„Scheiße, wirklich...?“, murmelte Jacque.

„Na ja, das muss nichts heißen...“, entgegnete Morten unschlüssig.

„Doch, ich glaube schon...“

„Du weißt doch, dass wir unseren echten Nachnamen geheim halten müssen!“, sagte Walburga wütend zu Burkhart.

„Aber sie sind doch Jäger! Früher oder später müssen wir es jemandem erzählen...“

„Aber doch nicht irgendwelchen Wildfremden, die wir kaum kennen! Manchmal würde ich dich echt am liebsten...“

„Nun kommt mal runter.“ Jacque hob beschwichtigend die Hände. „Ich glaube, Steve weiß am besten, was jetzt zu tun ist.“

Steve schob lächelnd seine Brille höher. „Oh ja, ich weiß genau, was jetzt zu tun ist. Ich würde mal sagen, ihr beide habt jetzt eine neue Aufgabe.“

Er kicherte leise in sich hinein.

„Äh, warte mal, was?“ Jacque sah Steve verärgert an.

Morten runzelte die Stirn. Ihm gefiel nicht, in welche Richtung das Ganze ging.

„Na ja, wir brauchen jemanden, der sich um unseren Lichtbringer kümmert, ihn beschützt, ihn davor bewahrt, in brutaler Weise getötet zu werden.“

„Warum gerade wir?“

„Weil alle Jäger bei Amtsantritt schwören, dass sie den Lichtbringer finden werden, ihn so lange beschützen werden, bis er seine wahre Aufgabe erfüllt und er endlich das dunkle Los, das die Menschheit gezogen hat, beendet.“

Morten blickte düster drein. „Ich hatte das eher als Subtext verstanden oder mir den Lichtbringer als Gegenstand vorgestellt... Das ist doch alles nur Gerede. Woher wollen wir denn wissen, dass es sich bei einem von den beiden tatsächlich um den sagenumwobenen ,Lichtbringer' handelt? Immerhin könnte das nur einfach ein Märchen sein. Ich meine schau dir den Jungen doch mal an, wie soll der denn bitte das Grauen und die Existenz aller Dämonen beenden?“

„Du hast natürlich recht, Morten“, erwiderte Steve. „Natürlich können wir vollkommen falsch liegen und die beiden sind nur ganz gewöhnliche Menschen. Aber wir müssen auf Nummer sicher gehen. Ich werde ein paar Nachforschungen anstellen und mit den Oberhäuptern der Kirche sprechen müssen. Ihr habt bis dahin eben die schöne Aufgabe, euch um den Jungen zu kümmern. Wir wollen ja nicht, dass ihm etwas zustößt.“

„Woher willst du denn wissen, dass es dich um den Jungen handelt?“, fragte Jacque. „Vielleicht ist das Mädchen der Lichtbringer.“

„In den alten Schriften ist die Rede von dem Lichtbringer. Aber ihr solltet lieber trotzdem gut auf beide aufpassen. Sicher ist sicher. Ich muss mir das nur noch mal ordentlich notieren. Natürlich kann Walburga nicht zum Unterricht kommen, sie muss ja mit euch mitgehen... Sag mal, wieso finde ich dich auf meiner Liste gar nicht? Normalerweise hätte ja schon viel früher auffallen müssen, dass ihr womöglich sehr wichtige Persönlichkeiten seid. Hat da jemand etwa geschlampt?“

Steve sah fragend zu Walburga, die nach kurzer Schmoll-Zeit schließlich nachgab und widerwillig antwortete: „Ich habe mich mit dem Nachnamen meiner Mutter angemeldet: ,Graustein'.“

„Ah ja, ,Graustein', hier haben wir's. Gut...“

„Ich weiß ja nicht, was daran gut sein soll...“, murmelte Jacque.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr euch schnell an diese neue Situation gewöhnen werdet. Wer weiß, vielleicht profitiert ihr ja alle davon?“

„Das glaube ich kaum...“, erwiderte Jacque. „Aber schon klar, dass du dich darüber königlich amüsierst, du bist echt einer der miesesten...“

Steve zog eine Braue nach oben und erwartete geduldig den Rest von Jacques Satz, doch der brummelte den Rest vor sich hin, was vermutlich das Schlaueste war, was Jacque in dieser Situation tun konnte. Stattdessen sagte er: „Warum müssen wir uns eigentlich um die kümmern? Ich bin mir sicher, dass es viel fähigere Jäger gibt, denen du diese Aufgabe anvertrauen kannst.“

„Hmm, das würde ich jetzt nicht unbedingt sagen. Morten ist immerhin einer der besten Jäger, die wir haben. Außerdem wisst ihr als einzige davon. Euch ist doch sicher bewusst, dass ihr das alles geheim halten müsst?“

„Wir sind ja keine Deppen...“, murmelte Jacque.

Morten seufzte frustriert. „Lasst uns das Geld holen und dann...“ Er wechselte einen Blick mit Jacque.

„... und uns dann besaufen“, vervollständigte er Mortens Satz.

Steve sah missbilligend drein, sparte sich aber angesichts der schlechten Stimmung, die die anderen vier ausstrahlten, jeden weiteren Kommentar.

5.

„Scheiße... Dass uns Steve echt noch so einen verdammten Vertrag unter die Nase gehalten hat, den wir unterschreiben mussten... Als ob wir wirklich einfach die beiden Rotzgören irgendwo in der Stadt hätten abmurksen lassen...“, wetterte Jacque leise vor sich hin.

Er lief neben Morten, die beiden Geschwister folgten ihnen in einigem Abstand.

„Hätten wir nicht?“, fragte Morten.

Jacque zögerte. „Okay, vermutlich nach ein paar Monaten ... oder Wochen ... oder Tagen schon, aber ja nicht gleich sofort...“

Morten schmunzelte. „Vielleicht hat Steve ja recht und einer von ihnen ist wirklich der Lichtbringer...“

„Weiß nicht... Du hast mir nur einmal davon erzählt und ich hab das Meiste wieder vergessen. Ich glaub, ich war besoffen. Um was genau geht es da noch gleich? Ich weiß nur noch, dass es etwas Wichtiges war.“ Er spähte über die Schulter. „He, ihr da! Schaut gefälligst, dass ihr nicht verloren geht, sonst schwör' ich, finde ich euch und bring euch um!“

„Ja, ja, ist ja schon gut“, ertönte es entnervt von hinten.

„Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, Lichtbringer.“

„Ehrlich gesagt, wissen die Jäger auch nicht so wirklich, was das ist. Aber es gibt in der Bibliothek eine Schrift, ein Buch, in dem die Geschichte der Stadt steht. Es berichtet davon, wann die ersten Dämonen auftauchten und wann die Manrhay in Ungnade fiel...“

„Was war damals?“

Morten zögerte, er legte sich die Worte zurecht. „Du weißt, dass negative Gefühle und Gedanken von Menschen Besitz ergreifen können? Vor allem wenn sie schwache Persönlichkeiten haben und sich diesen negativen Empfindungen auch noch hingeben, sind sie irgendwann in der Gefahr, von ihren inneren Dämonen ausgehöhlt zu werden und das sind dann diese vor sich hin vegetierenden Kreaturen, um die wir uns manchmal kümmern. Sie sind nicht wirklich gefährlich, aber auch nicht zu unterschätzen.

Aber zum eigentlichen Punkt: Vor dreihundert Jahren gab es einen Mann, dessen Charakter so verdorben war, dass ungeheure Dämonen entstanden, die ihn eines Tages von innen heraus zerrissen. Jedes noch so kleine Bruchstück seines boshaften Charakters mutierte zu einem Dämon und einer war mächtiger als der andere. Selbst seine positiven Eigenschaften wurden zu Dämonen, wenn auch nur zu kleinen.

Als die Dämonen, die Manrhay und seine Bewohner terrorisierten, sich mehr und mehr verbreiteten, die Sonne sich immer mehr zurückzog und Wolken, Nebel und Dunkelheit langsam die Oberhand gewannen und Angst und Hoffnungslosigkeit von mehr und mehr Menschen Besitz ergriffen, begannen manche damit, die dunklen Kreaturen zu bekämpfen und so bildeten sich die ersten Jägergilden, die schließlich in den Dienst der Kirche eintraten und die Akademie gegründet wurde, um weitere Kämpfer auszubilden.

Leider war das noch nicht genug. Wie du ja weißt, gibt es Dämonen zu genüge und immer weniger Jäger, die sich um die Plage kümmern.

Im Theorieunterricht erfahren die Schüler zum ersten Mal von dem Buch und von den Hintergründen der Dämonenvorkommen. Darin steht auch, dass ein Lichtbringer das alles, das ganze verdammte Chaos, beenden wird, aber eigentlich glaubt kein Jäger wirklich daran, dass es so etwas wie einen Lichtbringer tatsächlich gibt. Wir leisten einfach nur unseren Schwur, ihn zu finden und zu beschützen, weil es von uns erwartet wird. Für die meisten von uns steckt nicht mehr dahinter als eine alberne Geschichte.“

„Glaubst du denn daran?“

Morten schüttelte den Kopf.

„Wohin gehen wir überhaupt?“, wollte Walburga wissen. „Da wir ja jetzt aneinander gebunden zu sein scheinen, würden wir das gerne mal wissen.“

„Na ja, wir sollten euch vielleicht zurück zu euren Eltern bringen... und dann mal schauen“, sagte Morten.

„Das wird schwer, unsere Eltern sind tot“, erwiderte Walburga trocken.

„Müssen wir uns gegenseitig jetzt so ankeifen?“, fragte Morten entnervt. „Wir hängen da jetzt nun mal gemeinsam drin, gewöhn' dich dran. Wir sind genauso wenig glücklich darüber wie ihr.“

Walburga schwieg und wandte sich ab.

„Du bist Morten Nebelwandler, richtig?“, fragte Burkhart.

Morten betrachtete den schlaksigen jungen Erwachsenen. Er war größer als seine Schwester, aber dünner, ziemlich blass.

„Ja“, sagte Morten.

„Wir haben dich gesehen. Im Wirtshaus. Als du hinunter kamst. Und deinen Kampf gegen den Dämon.“

Morten schwieg.

„Und?“, fragte Jacque. „Was ist damit?“

„Du bist der Welt eine Frage“, antwortete Burkhart an Morten gewandt.

Morten zuckte mit den Lidern. Nur unmerklich. „Ich bin ein Jäger., sagte er leise. „Natürlich bin ich eine Frage für die Welt.“

Burkhart schüttelte den Kopf. „Nein. Du bist anders als andere Jäger. Noch schwerer einzuschätzen.“

„Wie kommst du darauf?“, fragte Jacque. „Du solltest doch selbst wissen, was für einen Ruf Jäger haben. Viele Stadtbewohner bezeichnen Jäger als ,verfluchte Bestien' und für viele sind Jäger fast genauso wie Dämonen. Falls sie da überhaupt eine Unterscheidung machen.“

Burkhart zögerte. „Die Leute im Wirtshaus haben über Morten geredet. Dass er undurchschaubar wäre. Dass die Leute nicht wüssten, was er für eine Person sei ... und andere Dinge.“

„Lass dein Psychogequatsche.“, erwiderte Jacque. „Über alle Jäger wird so geredet. Da gibt es keinen Unterschied.“

„Rede nicht so mit meinem Bruder!“

„Jetzt kriegt euch alle mal wieder ein!“, sagte Morten. „Wir gehen jetzt was essen. Vielleicht fällt es uns am Tisch leichter, uns wie zivilisierte Menschen zu benehmen.“

„Das bezweifle ich...“, murmelte Jacque.

Doch die Aussicht auf etwas Warmes zu essen heiterte ihn auf.

6.

Die Stimmung am Tisch war trotz der aufgetischten Mahlzeiten nicht gut. Keiner von ihnen hatte Lust, mit dem anderen zu sprechen. Schließlich brach Burkhart das Schweigen

„Die starren uns komisch an...“, flüsterte er.

„Gewöhn' dich lieber dran. Das ist das tägliche Geschäft des Jägers. Deine reizende Schwester wird schon noch bald ihre eigenen Erfahrungen machen“, entgegnete Jacque.

Walburga verzog das Gesicht. „Das ist mir egal, was andere Leute von mir denken.“

Jacque hob eine Braue. „Ach ja?“

„Ja.“

„Na dann.“

„Liegt es daran, dass sie vor Jägern Angst haben?“, wollte Burkhart wissen.

„Auch“, antwortete Jacque. „Es kommt aber auch noch Neid dazu.“

„Neid?“

„Schau doch nur mal was für Köstlichkeiten hier auf unserem Tisch stehen und davon nicht zu knapp. Wenn es eines gibt, woran es Jägern nicht mangelt – okay, woran es guten Jägern nicht mangelt – dann ist das Geld. Das Töten der meisten Dämonen, zumindest das der gefährlichen, wird hoch honoriert und du verdienst mehr Geld als du ausgeben kannst. Viele Stadtbewohner hungern. Es ist schwer, sich um ein ordentliches Geschäft zu kümmern, wenn du jeden Tag damit rechnen musst, in einer nebligen Ecke getötet zu werden. Und weil Jäger immer Geld haben, denken die Leute noch mehr, dass sie in fadenscheinige Geschäfte verwickelt sind. Einerseits sind sie auf sie angewiesen, weil sie die einzigen sind, die sich um die Dämonen kümmern, anderseits verachten sie sie, weil sie alles haben, was ihnen fehlt: genügend Geld für diverse Güter, Freiheit, sich auf den Straßen möglichst ungefährdet zu bewegen...“

„Aber für Jäger besteht doch eine ebenso hohe Wahrscheinlichkeit, den nächsten Tag nicht zu erleben wie für gewöhnliche Menschen auch!“, wandte Burkhart ein.

„Du weißt das, ich weiß das, aber sag das mal denen.“

„... Ich wünschte, du würdest nicht Jägerin werden...“, murmelte er bedrückt.

„Du weißt, dass es nicht anders geht“, antwortete Waldburga.

„Warum geht es nicht anders?“, fragte Jacque. „Warum wirst du Jägerin?“

„Ich muss Burkhart beschützen“, antwortete sie leise.

„Ach ja? Weil er angeblich der Lichtbringer ist?“, entgegnete Jacque.

„Nicht nur deswegen.“

„Weil er schwach ist.“

„Hey! Ich bin nicht schwach!“

„Darf ich dich an deinen schrillen Schrei erinnern, als ihr vor uns auf die Treppe gepurzelt seid?“, grinste Jacque.

Burkhart lief rot an und stocherte in seinem Essen.

„Lass ihn. Er ist eben nicht so ein Haudrauf wie ihr es seid...“

„Wir sind doch keine Haudraufs.“

„Okay, vielleicht keine Haudraufs, aber ihr seid halt ... Jäger.“

„Du meinst, dass Jäger harte Hunde sind“, stellte Jacque fest.

„Na ja, du musst doch zugeben, dass man als Jäger eine gewisse Härte besitzen muss. Die schlechten sterben früh, die guten leben lange.“

„Nee, so würde ich das nicht sagen. Da kommen noch viel mehr Faktoren hinzu. Was glaubst du, wie oft wir schon fast ins Gras gebissen hätten.“

Walburga warf einen prüfenden Blick zu Morten, der knapp nickte, während er an seinem Bier nippte. Die Antwort schien ihr nicht zu gefallen, denn sie zog die Stirn in Falten.

Morten lehnte sich zurück. „Besser, du gewöhnst dich dran oder du suchst dir schleunigst einen neuen Job.“

Walburga kaute auf ihrer Unterlippe. Morten beobachtete sie. Ihr innerer Kampf war ihr deutlich anzusehen. Er fragte sich, was wohl wirklich hinter ihrem Berufswunsch steckte – insofern es denn tatsächlich ihr Wille allein war, Jägerin zu werden. War der Schutz ihres Bruders ihr einziges Motiv?

Morten leerte seinen Krug. „Esst auf.“

Die anderen sahen ihn verwirrt an.

„Was hast du vor?“, fragte Jacque.

„Wir sollten uns mal ansehen, was Walburga wirklich drauf hat.“

„Was?“ Sie sah ihn misstrauisch an.

„Na, du meintest doch, dass du dich zu verteidigen weißt. Nun bin ich neugierig, ob du das auch tatsächlich tust.“

„Aha“, antwortete Walburga zögerlich. „Wie willst du das denn heraus finden?“

„Das wirst du schon sehen. Esst auf.“

7.

„Jetzt bin ich aber mal gespannt...“

Jacque verschränkte die Arme vor der Brust.

Nachdem sie alle aufgegessen hatten, hatten sie Manrhay verlassen und waren in den Wald gegangen.

„Ist es hier überhaupt sicher für uns?“, fragte Burkhart.

Zwischen den hohen Baumstämmen wirkte er verloren.

„Auf dieser Welt ist es nirgends sicher für uns“, entgegnete Jacque.

Er lehnte sich gegen einen breiten Baum und verschränkte die Arme vor der Brust.

Morten reichte Walburga einen langen, geraden Ast. „Hier. Das nehmen wir als Waffe.“

In der anderen Hand hielt er einen ähnlichen Stock. Er ging ein paar Schritte und stellte sich ihr gegenüber. „Okay. Los geht's. Zeig, was du drauf hast!“

Walburga wirkte unschlüssig. Sie wog den Ast in der rechten Hand und trat von einem Bein auf das andere. Morten entging keine ihrer Bewegungen, jedes Muskelzucken beobachte er genau.

„Oder ist es dir lieber, wenn ich den ersten Schlag mache?“, fragte er.

„Mensch, jetzt gib mir doch kurz Zeit, um einen klaren Kopf zu fassen!“, entgegnete sie pampig.

Morten ging drei Schritte in einem kleinen Halbkreis nach rechts, was sie sichtlich nervös machte.

„Wenn dich ein Dämon angreift, hast du auch keine Zeit, um einen klaren Kopf zu fassen, aber bitte, nimm dir ein paar Sekunden. Ich würde dir aber raten, nicht allzu lange zu warten. Vielleicht bin ich nicht gerade geduldig.“

Ihr Blick flackerte kurz, aber sie ging auf seine Provokation nicht ein. Sie atmete tief durch und fixierte ihn mit ihren hellblauen Augen. Dann schien der richtige Moment für sie gekommen zu sein. Sie preschte auf ihn zu, mit dem Stock voraus.

Morten wollte ihren Schlag blocken, doch sie hatte nur angetäuscht und den Ast bereits wieder zurück gezogen, um seine linke Flanke zu attackieren. Er ging einen Schritt vor und brachte sie zu Fall. Von ihrem eigenen Schwung angetrieben, flog sie einen kurzen Moment durch die Luft und fiel eine kleine Böschung hinab, direkt in ein Gebüsch.

„Walli!“, rief Burkhart.

Morten rutschte die Senkung hinab und versuchte Walburga zwischen all den Ästen zu erkennen.

„Walburga? Ist alles okay bei dir?“, fragte er. „Wo bist du?“

„Alles gut...“

Walburga kämpfte sich aus den Büschen hoch. Ihr Haar stand wirr in alle Richtungen ab, überall hingen ihr Blätter und kleine Zweige. Sie hatte einige Striemen im Gesicht und mit Sicherheit hatte sie ein paar blaue Flecke, aber im Großen und Ganzen schien es ihr gut zu gehen. Ihre Lederkleidung hatte den Großteil der Verletzungen verhindert, die sie sonst vielleicht erlitten hätte – auch wenn es wahrscheinlich nur ein paar Kratzer gewesen wären.

„Die wüste Wali.“, grinste Morten.

Walburga lief knallrot an. „Nenn mich nicht so“, knirschte sie.

Morten sah sie überrascht an. Sie schien ein ernsthaftes Wutproblem zu haben...

„Hast du dich verletzt?“, fragte er.

Sie entspannte sich und schüttelte den Kopf. „Nein. Nicht wirklich.“

„Sicher?“

Sie senkte den Kopf und klaubte Blätter und Äste von ihrer Kleidung. „Ja, ich hab nichts abbekommen.“

„Gut. Weiter geht's.“

Morten vollführte den nächsten Angriff. Walburga konnte seine nächsten Schläge alle parieren konnte. Mit jedem abgewehrten Hieb wuchs ihr Selbstbewusstsein. Wenn sie kleine Schwächen in Mortens Abwehr entdeckte, wagte sie einen Schlag ihrerseits. Sie waren zwar noch leicht vorherzusehen und es war leicht für Morten, alle samt abzuwehren, aber eine Entwicklung war doch zu erkennen.

„Nicht schlecht“, lobte Morten in einer kleinen Pause anerkennend. Er grinste Walburga an, die die Hände auf die Knie gestützt hatte und Luft holte. „Du machst Fortschritte und lernst schnell, Wali.“

Sie lächelte dankbar und auch etwas stolz. Burkhart klatschte in die Hände und rief: „Super, Walburga, weiter so!“

„Sieh an, du nimmst jetzt also Privatschüler auf?“, fragte eine Stimme.

„Wer spricht da?“, fragte Walburga und sah sich suchend um.

Es war schwer, zwischen all den Bäumen und Sträuchern den Sprecher zu orten.