Ilumnia - Letizia Morante - E-Book

Ilumnia E-Book

Letizia Morante

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Beschreibung

Ilumnia - Im Herzen der Wüste Nevadas hatte sich eine mysteriöse Organisation niedergelassen. Fernab jeglicher Bevölkerung, unter der Herrschaft des Counsellors, wurden hier draußen die Rekruten ausgebildet. Ausgebildet, um die Vereinigung zu schützen und ihre Herrschaft auf ewig zu sichern. Leticia hatte genug von der tristen Einöde der Wüste. Schon viel zu lange saß sie hier fest. Sie und ihre Freunde waren anders. Man nannte sie die Kinder der Propheten. Doch nach einem gescheiterten Fluchtversuch änderte sich auf einmal alles. Ein neuer Counsellor übernahm die Führung Ilumnias und noch immer gab es keine Nachricht von Marcus. Konnte es denn noch schlimmer kommen?

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Seitenzahl: 309

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Letizia Morante

Ilumnia

Vermisst

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Titel

Prolog

Chapter 1

Chapter 2

Chapter 3

Chapter 4

Chapter 5

Chapter 6

Chapter 7

Chapter 8

Chapter 9

Epilog

Und so geht es weiter im 2. Band:

Impressum neobooks

Titel

Letizia Morante

Ilumnia

Vermisst

2014

Ilumnia - Vermisst

1. Auflage 2014, Copyright Text©Letizia Morante

Alle Rechte vorbehalten

Alle handelten Personen sind frei erfunden

Coverdesign by Letizia Morante

Copyright Fotos©Letizia Morante &http://vegas4you.de

Besonderer Dank geht anhttp://vegas4you.defür

die Bereitstellung des Hintergrundbildes.

Quelle:

http://www.lasvegas-wallpaper.de/bild2007/canyon.jpg

Für Markus,

ohne dessen Hilfe dieses Buch niemals entstanden wäre und

der sich so manche Nacht mit mir um die Ohren geschlagen und

Prolog

Sie warf ihr braunes, zu einem Zopf gebundenes Haar zurück und sah ihn an. Ihre haselnussbraunen Augen fixierten dabei unentwegt seine zitternden Hände.

Für einige Momente sagte niemand etwas. Es lag eine beinahe unheimliche Stille über dem Cockpit der Boeing 747.

Der Pilot saß, nach wie vor erstarrt, auf seinem Stuhl, unfähig, sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Der Copilot kauerte verängstigt in einer Ecke und hielt sich das Knie. Die beiden wagten kaum zu atmen, geschweige denn, die Fremden in der Kabine anzusehen. Nach einigen Sekunden, die sich wie eine Ewigkeit anzufühlen schienen, begann sie zu sprechen.

Ihr Tonfall war ruhig und beherrscht, obwohl sie insgeheim genauso viel Angst hatte, wie der Rest der Passagiere.

Das Flugzeug raste indessen, gesteuert durch den Autopiloten, immer weiter. Völlig außerhalb der Kontrolle der Piloten.

"Unsere Aufgaben sind sich sehr ähnlich. Jedoch bist du derjenige, der sich hat blenden lassen. Blenden, von Menschen, die den rechten Pfad verlassen haben und nun auf wahrlich dünnem Eis wandeln."

Ihre Augen bewegten sich keinen Millimeter, obwohl es sie viel Kraft kostete, die Nerven und ihren ruhigen Tonfall zu behalten. Er starrte sie an. Sein eben noch eiskaltes, regungsloses Gesicht zeigte nun deutliche Spuren von Verwirrung. Noch immer fixierte er sie stotternd.

"Wer, in Allahs Namen, bist du?"

Ein leichtes Lächeln huschte über ihre Lippen. "Nun, ich bin die, die ihr alle Verehren solltet. Die Tochter eures Propheten."

Die Unsicherheit des Entführers nahm mit jeder Sekunde zu. „Wovon redest du?! Prophet Mohammed hatte keine Kinder."

Sie entspannte sich ein wenig, denn nun war klar, dass sie gewonnen hatte. "Ach nein? Nun, wieso kann ich dann dass hier?"

Sie öffnete ihre Handfläche, konzentrierte ihre Energie und ließ eine kleine, silberne Lichtkugel tanzen.

Nach einigen Sekunden verformte sich die Kugel und bildete nun edel geschwungene, arabische Wörter, die knapp über ihrer offenen Hand schwebten.

Phrasen aus dem Koran.

Er schluckte.

Für sie war es ein Leichtes, die Energie ihrer Aura zu konzentrieren und zu verformen.

Etwas, was sie schon seit frühester Kindheit konnte. Es zeigte jedoch genau die Wirkung, die sie sich erhofft hatte. Der Terrorist wich ehrwürdig zurück. Was auch immer die junge Frau da tat, es faszinierte und verängstigte ihn.

"Glaubst du mir nun?" Ihre Stimme hatte einen siegessicheren Ton angenommen.

"Das was du vor hast, ist nicht das, was Allah dir aufgetragen hat. Durch solche Taten kommst du nicht ins Paradies.."

Sie machte eine Pause.

"Menschen wie du, schmoren auf ewig in der Hölle. Du kannst mir glauben,

dort ist es nicht schön. Da möchtest du nicht sein."

Seine Zähne klapperten und das Sprechen fiel ihm sichtbar schwer. "Was...W-Was willst du von mir?"

Sie zog ihre Aura zurück und lies die silbernen Wortgebilde verschwinden. "Ich möchte, dass du das Ganze hier beendest. Mehr noch. Ich will, dass du

tust was ich dir sage. Noch ist es nicht zu spät. Noch hast du die Möglichkeit, umzukehren und Allahs Gunst zurück zu gewinnen."

Er sank auf die Knie. "Was soll ich tun?"

Sie jubelte innerlich. Der Kampf war vorbei.

Das Flugzeug und all seine Passagiere gerettet.

"Zuerst gibst du mir deine Waffen. Und zwar alle. Auch die Sprengsätze, da an deinem Gürtel. Schieb alles ganz vorsichtig zu mir rüber. Keine hastigen Bewegungen."

Er schluckte und ließ seine AK-47 zu ihr hinüber gleiten. Dann öffnete er mit zittrigen Händen seinen Gürtel mit den C-4 Plastiksprengköpfen und legte ihn ihr behutsam vor die Füße.

"Auch das Messer." Forderte sie barsch.

Er tat, wie ihm geheißen. Als alle Waffen vor ihr lagen, schloss sie die Augen, murmelte einige befremdlich klingende Worte und konzentrierte ihre Aura zuerst auf die Sprengsätze, dann auch das Maschinengewehr und zum Schluss auf das Messer.

Einige silbrig glänzenden Energiefäden verließen ihren Körper, schlangen sich um die vor ihr liegenden Gegenstände und ließen sie in Sekundenschnelle erst grell aufleuchten und dann zu silbernem Staub

zerfallen.

Damit könnte man niemanden mehr Schaden zufügen.

Der Terrorist wich weiter zurück und hockte nun in einer Ecke, starr vor Angst.

Es dauerte einen Moment, bis der Pilot begriff, was eben geschehen war.

Er registrierte erst nach einigen Sekunden, dass der eben noch wild mit seinem Maschinengewehr fuchtelnde Taliban nun unbewaffnet da kauerte. Entwaffnet von einer Fremden.

Einer jungen Frau, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Er wusste nicht, wer oder was sie war. Doch in diesem Moment interessierte ihn das auch nicht. Sein einziger Gedanke galt dem Flugzeug.

Er musste einen Notruf absetzen. Dringend.

Doch noch bevor er diesen Gedanken zu ende fassen und den Knopf berühren konnte, fuhr die Frau ihn ruppig an.

"Das wirst du nicht tun!"

Seine Hand verharrte gelähmt mitten in der Bewegung. Er war nicht mehr im Stande, den Notrufschalter zu betätigen.

Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Er wollte dass dieser Alptraum endlich vorbei war und er zuhause in seinem Bett aufwachte.

Doch im gleichen Moment wurde ihm bewusst, dass dies alles durchaus real war. Um einiges realer, als ihm lieb war...

Die Stimme der Frau nahm einen sanfteren Tonfall an. "Wir müssen das anders lösen."

Ein Notruf war das, was sie in ihrer Situation am wenigsten gebrauchen

konnte. Nicht jetzt.Würde der Pilot um Hilfe funken, dann würde am Flughafen innerhalb kürzester Zeit ein ganzes Kontingent an Polizei, Terrorismusabwehr, Militär und verschiedenster Geheimdienste bereitstehen. Nicht zu vergessen dem Heer an Journalisten, das eine solche Meldung auf den Plan rufen würde.

Genau die Menschen, die sie gerade überhaupt nicht gebrauchen konnte. Niemand durfte erfahren, dass sie sich hier, in diesem Flugzeug befand.

Dies wäre aber unvermeidbar, würde der Pilot nun einen Notruf absetzen. Außerdem war damit niemandem geholfen. Ganz im Gegenteil.

Würde man den Taliban der Justiz übergeben, würde er höchstwahrscheinlich den Rest seines Lebens in irgendwelchen Hochsicherheitsgefängnissen verbringen..

Nein, das durfte nicht sein.

Er tat ihr Leid, war er doch nichts anderes als das Ergebnis einer nicht funktionierenden Gesellschaft, einer Marionette der Mächtigen, ein Spielball derer Organisationen, welche sich dem Dunkel zugewandt hatten.

Sie hatten ihm, sowie vielen seines gleichen, eine Gehirnwäsche verpasst. Seine Gedanken manipuliert.

Er wusste nicht, was für ein Unheil er mit seinen Handlungen anrichtete. Sie musste einen anderen Ausweg aus dieser Situation finden.Besser noch, sie musste die letzte halbe Stunde ungeschehen machen. Die Zeit, vom Beginn der Flugzeugentführung bis jetzt, dem Ende, durfte nie existiert haben.

Es gab nur eine Möglichkeit. Sie musste die Erinnerungen aller Beteiligten manipulieren.

Angefangen bei dem Terroristen. Er sollte eine zweite Chance bekommen, fernab von seinem jetzigen Leben.

Sie würde ihm vorgaukeln, er wäre ein Geschäftsmann aus Dubai, der sich auf dem Weg nach London befand, um neue Geschäftsideen und Partner für sein neuestes Projekt, was das sein wollte, das sollte er selbst entscheiden, zu

finden.

Er sollte niemals Kontakt zu irgendwelchen dieser terroristischen Vereinigungen gehabt haben, sondern mehr noch, er solle sie verachten, abgrundtief hassen.

Sie sah ihn kurz an, dann streckte sie ihre rechte Hand aus, murmelte "Insentio" und ließ etwas Energie auf ihn übergehen.

Er verkrampfte sich, als der feine silberne Nebel ihn erreichte. Sie konzentrierte sich auf genau die Bilder, die sie ihm übermitteln wollte. Es war nicht schwer, in seine Gedanken einzudringen und kostete sie kaum Kraft, da er keinen Widerstand leistete.

Seine Erinnerungen wurde mühelos von ihren manipulierten Bildern überlagert.

Sobald die Gedankenübertragung beendet war, würde er denken, er wäre der aus Dubai stammende Architekt Ben Ali Hassan. Er würde sich an nichts Anderes mehr erinnern können.

Sie ließ ihre Hand sinken.

Der Anfang war erledigt.

Der ehemalige Terrorist saß verwirrt auf dem Boden und blickte benebelt um sich. Es würde einige Minuten dauern, bis er wieder klar denken konnte.

Zeit, die sie nutzen musste, um auch die Erinnerungen aller anderen zu verändern.

Als nächstes nahm sie sich die Piloten vor. Bei ihnen würde es noch einfacher und schneller gehen, da sie dieses Mal lediglich die Ereignisse des Fluges rückgängig machen und keinen kompletten Lebenslauf umschreiben musste.

Der Pilot konnte sich noch immer nicht rühren und beobachtete sie mit vor Angst geweiteten Augen an, während sie auf ihn zuging.

Der Copilot saß zitternd mit seinem schmerzenden Knie in der Ecke und wagte nicht, sich zu rühren. Der Terrorist hatte ihn durch einem Schlag mit seinem Gewehr verletzt.

Egal. Dachte sie. Er ist beim Rückweg von der Toilette gestürzt.

Wieder hob sie ihre rechte Hand, murmelte "Insentio" und ließ etwas ihrer silbernen Energie auf beide übergehen.

Auch diesmal fiel es ihr nicht schwer, in ihre Köpfe einzudringen. Sie waren viel zu verwirrt und verängstigt, um eine Gedankenblockade zu errichten. Wobei sie ohnehin nicht glaubte, dass überhaupt einer von ihnen dies beherrschte.

Im Grunde musste sie den beiden bloß einen reibungslosen Überflug vorspielen. Sie sollten lediglich denken, das Flugzeug wäre wie geplant von Rom nach London geflogen und sie würden in Kürze, nach einem völlig ruhigen Flug, in London Heathrow landen.

Sie ließ ihre Energie zurückfließen und nickte zufrieden. Auch das war geschafft. Beide würden sich an nichts erinnern.

Weder an die Entführung des Flugzeuges, noch an sie.

Sie würden sie lediglich für eine völlig normale Passagierin halten. Unauffällig und uninteressant.

Sie dachten, sie hätte den ganzen Flug über in der Economy Klasse gesessen, wie die meisten anderen der Fluggäste.

Ihr blieben noch einige Minuten, bis der Terrorist und die Piloten wieder zu

sich kamen. Diese benötigte sie, um auch die Erinnerungen der anderen Passagiere zu verändern.

Zwar hatten diese glücklicherweise nicht viel mitbekommen, jedoch hatte eine Stewardess sie darüber informiert, dass es Komplikationen im Cockpit gab und dazu aufgerufen, Ruhe zu bewahren.

Es gebe mit Sicherheit Fragen, wenn sie nicht auch diese Erinnerungen löschen würde.

Sie konnte es sich nicht leisten, dass irgendjemand irgendetwas von den Vorkommnissen auf diesem Flug erfuhr.

Die Menschen sollten denken, eine völlig normalen Reise erlebt zu haben. Auch das sollte nicht schwer werden.

Das Einzige, was Probleme verursachen könnte, war, dass dort hinten in der Kabine über 200 Personen saßen. Um sich um jeden einzeln zu kümmern, reichte die verbleibende Zeit nicht aus. Sie musste alle auf einmal manipulieren.

Sie konzentrierte sich, hob beide Hände und aktivierte ihre Aura.

Langsam erschien ein feiner, silbernen Nebel, der sie bald völlig umschloss und geheimnisvoll leuchten ließ.

Sie konzentrierte sich noch stärker. Es musste ihr nun gelingen, ihre Energie auf das gesamte Flugzeug auszudehnen, um wirklich alle einzuschließen. Egal wo an Bord sich diese gerade befanden, sie musste jeden erreichen.

Sie biss die Zähne zusammen und gab noch mehr ihrer Energie an das Flugzeug ab.

Mittlerweile füllte der silbrig schimmernde Nebel das gesamte Cockpit und silbrige Fäden schlängelten sich über den Boden der Passagierkabine.

Noch nie musste sie einen so großen Raum ausfüllen und stellte erschrocken fest, dass ihre Reserven zu Ende gingen.

Sie musste, ob sie es wollte oder nicht, die nächste Stufe aktivieren um die Kraft ihrer Aura zu verdoppeln, wenn es so weiter ging.

Dies aber wollte sie um jeden Preis vermeiden, da die Aktivierung einer höheren Stufe immer starke magieenergetische Signale hervorrief.

Signale, die sehr einfach aufgefangen und geortet werden konnten. Nein, eine Stufe würde sie nur im äußersten Notfall aktivieren.

Noch hatte sie einige Kraftreserven, das musste reichen. Schließlich würde es nicht lange dauern, die Leute zu manipulieren. Dafür sollte ihre grundlegende Magie hoffentlich ausreichen.

Zumal sie nicht wusste, wie die Elektronik des Flugzeuges auf die starke Energieentladung, die bei einer Stufenerhöhung erfolgt, reagieren würde. Denn was hatte sie davon, wenn sie die Geräte des Flugzeuges blockierte und es damit eventuell zum Absturz brachte?

Sie ballte ihre Hände zu Fäusten und biss die Zähne zusammen, so stark sie konnte. Nur noch ein bisschen, dann hatte sie das komplette Flugzeug

eingeschlossen.

Sie war absolut konzentriert.

Ein Fehler und der Zauber wurde sofort unterbrochen.

Nach scheinbar nie enden wollenden Sekunden spürte sie endlich erleichtert, dass sie es geschafft hatte. Die gesamte Maschine war von ihrer Energie umschlossen und silberne Dunstfäden ringelten sich in der Luft.

Sie waren so fein, dass die Menschen sie nur unter großer Anstrengung

ausmachen konnten. Es gab also keine Gefahr, dass einer der Passagiere darauf aufmerksam wurde.

Und wenn doch, dann würde man diesem Flimmern der Luft wahrscheinlich keine weitere Bedeutung zumessen. Die Fluggäste würden sich ohnehin gleich an nichts mehr erinnern können.

Sie konzentrierte sich auf die Bilder, die sie den Passagieren vermitteln wollte. Eine letzte Anstrengung noch, dann hatte sie es geschafft.

Nachdem sie sicher war, auch den Letzten mit ihrer Magie erreicht zu haben und die Erinnerungen aller, an diese Vorfälle, gelöscht waren, seufzte sie erleichtert und ließ ihre Energie langsam zurückfließen. Bloß nicht zu hektisch sein, dachte sie. Würde sie die Energie zu schnell wieder aufnehmen, könnte es dennoch ungewollt zu einer Entladung kommen.

Sie achtete darauf, ihre Kraft langsam und gleichmäßig zu sich zurückzuziehen. Ein leichtes Unterfangen, jedoch zerrte jede verstreichende Sekunde an ihren Nerven. Ihr Verstand sagte ihr zwar, dass sie noch genug Zeit hatte, bevor der Erste wieder vollkommen klar denken und seine Umwelt wahrnehmen konnte, jedoch versetze sie ihre Situation in Panik.

Es war einfach zu dumm, dass ausgerechnet das Flugzeug, das sie von Rom hinaus nach London, in die Freiheit, bringen sollte, entführt wurde.

So ein Pech hatte auch nur sie...

Es dauerte bloß wenige Minuten, bis sie ihre gesamte Energie zurückgezogen und wieder aufgenommen hatte.

Ihr kam es jedoch wie mehrere Stunden vor und als es endlich geschafft war,

musste sie sich vor Erschöpfung an der Wand abstützen.

Nun war sie vollkommen fertig, fertig aber erleichtert.

Ein kurzer Blick auf den schweren, 24 karätiken Goldring an ihrem Finger rief sie abrupt zurück in die Realität.

Erschrocken sah sie, dass die eingravierten goldenen Buchstaben silbern zu leuchten angefangen hatten.

In hoc signo Vinces - In diesem Zeichen wirst du siegen.

Ja, sie hatte in diesem Kampf gesiegt. Gleichzeitig wurde ihr jedoch schmerzlich bewusst, dass ihre Flucht soeben gescheitert war.

In Heathrow würde bereits eine Militärmaschine bereitstehen und auf sie warten, um sie zurück zu bringen.

Zurück zu den Anderen.

Sie schluckte schwer. Beinahe ihr ganzes Leben hatte sie in der Einöde Nevadas verbracht.

Fernab jeglicher Zivilisation, umgeben von Wüste, grauen Steinen und Kakteen.

Ihr erster und gleichzeitig wohl einziger Fluchtversuch war misslungen. Gescheitert an einem dummen Zufall.

Warum hatte sie auch nicht besser aufgepasst? Ihre Energie hatte den Siegelring aktiviert.

Dabei wusste doch jeder, wie sensibel diese Dinger auf jegliche Form von Magie reagierten...

Sie hätte ihn, wie geplant, in Rom abmachen und ins Meer werfen sollen. Doch das hatte sie nicht geschafft.

Sie trug diesen Ring seit sie denken konnte. Jeder von ihnen besaß einen. Einen, mit seinem ganz persönlichen Spruch.

Das durch die goldene Krone laufende Kreuz, ein Symbol, welches in der Mitte des Ringes prangte, schien sie hämisch anzugrinsen.

Die darum verlaufenden Buchstaben glühten noch immer silbern. Sie brauchte den Ring.

Er war ihre einzige Möglichkeit Kontakt zu... Sie brach diesen Gedanken ab. Für so etwas hatte sie keine Zeit.

Sie musste überlegen, wie sie aus dieser Misere herauskam. Als Erstes aber, musste sie das Cockpit verlassen und sich zurück auf ihren Platz setzen.

Bevor die Piloten wieder ganz bei Sinnen waren.

Sie zerrte den Terroristen mit hinaus in der Gang der Passagierkabine und lehnte ihn an einen der Sitze. Ihm war halt schlecht geworden.

Die Menschen starrten noch immer verwirrt vor sich hin und nahmen sie nicht wahr.

Gut so. Dachte sie und lief eilig zurück in die Economy Klasse.

Erschöpft lies sie sich in den Sitz fallen. Jetzt gab es ohnehin nichts mehr, was sie tun konnte. Also konnte sie den Rest des Fluges auch schlafen.

Schlafen, oder sich wenigstens ausruhen.

Noch bevor sie den Gedanken beendet hatte, fielen ihre Augen zu und sie schlief ein.

*

Als sie wieder aufwachte, brauchte sie einen Moment, um zu sich zu kommen.

Wo war sie?

Sie blickte sich um und sah, dass sie sich noch immer im Flugzeug befand. Wie lange hatte sie geschlafen? Irgendetwas irritierte sie.

Etwas war anders.

Sie sah sich noch einmal um und bemerkte erst auf den zweiten Blick, dass die Sitze um sie herum leer waren. Alle anderen Passagiere waren verschwunden.

Prüfend warf sie einen Blick aus dem Fenster, ins Freie.

Keine Wolken mehr. Das Flugzeug stand still am Boden. Sie hatten Heathrow also mittlerweile erreicht.

Doch warum hatte man sie schlafen lassen? Sie hatte nicht einmal mitbekommen, dass sie in der Zwischenzeit gelandet waren.

Sie wollte sich gerade strecken und aufstehen, als eine Hand ihre Schulter berührte und sie zurück in den Sitz drücke.

"Na Prinzessin? Zurück aus dem Traumland?"

Noch bevor sie den Mann ansah, wusste sie um wen es sich handelte. Major Adrian.

Sie waren also bereits da. Wie erwartet.

Sein bärtiges Gesicht schob sich in ihr Blickfeld und die freundlichen, grauen Augen strahlten sie belustigt an. "Was hast du dir bloß dabei gedacht?"

Sie sagte nichts, sondern schob trotzig die Unterlippe nach vorn.

Klar, sie mochte Major Adrian. Fast jeder mochte ihn, den beinahe zwei Meter großen ehemaligen Marine.

Jedoch schien es ihr in diesem Moment der reinste Spott, dass ausgerechnet Major Adrian sie zurückholen kam.

Der, den sie bisher immer als einen der Vernünftigen, ja sogar ihrer Verbündeten eingeschätzt hatte. Widerwillig stand sie auf und lies sich von Adrian aus dem Flugzeug führen. Was hätte sie auch anderes tun sollen?

Sie war sich sicher, dass er nicht allein gekommen war. So etwas leistete sich die Vereinigung nicht. Wenn er da war, dann gab es im Hintergrund noch mindestens ein Bataillon der Defense. Für den Fall, dass sie Ärger machte.

Es hatte also keinen Sinn sich zu wehren.

Die Mittagshitze flimmerte auf der langen Rollbahn, als der Major sie behutsam, aber bestimmend in Richtung des Militärflugzeuges schob.

In wenigen Stunden hatte die Wüste von Nevada sie zurück.

Chapter 1

Marcus zitterte am ganzen Körper und draußen wütete der Schneesturm noch immer, obwohl er sein Iglu so gut es ging abgedichtet hatte pfiff es eiskalt durch den, nur mit einem Brett verbarrikadierten, Eingang.

Der Sturm tobte nun seit bereits drei Tagen und bisher war kein Ende in Sicht. Langsam glaubte er, es würde ewig so weitergehen.

Das kleine Feuer in der Mitte des Iglus flackerte wild.

Selbst der schwere, darüber hängende Kochtopf wiegte sanft im eiskalten Luftzug.

Marcus sträubte sich gegen das Verlangen, seine notdürftige Behausung mit Magie zu beheizen. Selbst wenn er sich hier direkt am Nordpol befand, der Stelle, an der das Magnetfeld bekanntlich am schwächsten ausgeprägt war und somit der höchste Einfluss kosmischer Strahlung herrschte und andere Signale abschirmte, wollte er es nicht riskieren.

Klar, die starke kosmische Strahlung sollte seine Magie überdecken.

In der Theorie zumindest. Jedoch war er sich nicht sicher, inwieweit dies tatsächlich funktionieren würde.

Wegzulaufen war wahrscheinlich ohnehin ein Fehler.

Seit zwei Monaten harrte er nun schon hier, am Ende der Welt, aus, ohne auch nur annähernd einen Plan zu haben, wie es weitergehen sollte.

Schließlich konnte er nicht auf ewig am Nordpol sitzen und hoffen, nicht gefunden zu werden.

Er sehnte sich nach seinem Zimmer, seinem Bett, der Hitze Nevadas. Er hätte nie fliehen dürfen. Auch wenn ihn der Gedanke der Freiheit reizte, rein logisch gesehen hatte er davon nichts.

Was brachte es ihm denn schon?

Er hatte kein Geld, keine Freunde außerhalb der Vereinigung und keinen Ort, an dem er bleiben konnte.

Früher oder später würden sie ihn ohnehin finden. Jemanden wie ihn ließ man nicht einfach davonlaufen. Irgendwann würde man auf die Idee kommen, ihn auch hier, am abgelegensten Ort des Planeten, zu suchen.

Niemand wurde gefragt, ob er sich der Vereinigung anschließen wollte.

Am allerwenigsten die, die wie er, anders waren.

Gehörte man einmal der Vereinigung an, gab es kein Entkommen mehr.

Man war Mitglied für immer.

Er blickte auf seinen Ring. Ein Zeichen der Vereinigung.

Damit waren sie untereinander verbunden. Jeder besaß einen und jeder hatte seinen eigenen, lateinischen Spruch eingraviert.

Auf Marcus Ring stand

Silendo Libertatem Servo - Durch Schweigen bewahre ich die Freiheit.

Nicht zum ersten Mal dachte er daran, wie ironisch dies eigentlich war. Es war einer der Sätze, die ganz am Anfang, bei der Gründung der Vereinigung, zu einem der Leitbilder gehört hatte.

Doch die Gründungszeit lag tausende Jahre zurück.

Geschwiegen wurde zwar noch immer, wahrscheinlich sogar mehr denn je, von Freiheit gab es jedoch keine Spur.

Die Vereinigung hatte an Freiheit auch kein Interesse.

Andernfalls hätte sie ihren Sitz schon lange verlagert. Weg aus der unwirtlichen Wüste, irgendwo in die Karibik. Dort wo es Natur und Vegetation gab.

Und Zivilisation.

Aber nein, sie saßen noch immer in der nordamerikanischen Wüste.

Die Menschen mieden dieses Gebiet, rund um Area 51. Die Vereinigung hatte alles getan, um Neugierige Besucher fernzuhalten.

Offiziell handelte es sich bei diesem Areal um einen Stützpunkt des US-Militärs.

Lächerlich, dachte Marcus.

Nicht einmal das Militär wusste, was sich wirklich hinter den hohen, mit Stacheldraht gesäumten Mauern, verbarg

Es gab die wildesten Spekulationen um Area 51.

Einige behaupteten, es wären Außerirdische gelandet, andere redeten von einer amerikanischen Verschwörung, wieder andere dachten, dort befänden sich streng geheime Forschungslabore der Waffenindustrie.

Es gab eigentlich keine Story, die man im Zusammenhang mit Area 51 noch nicht gehört hatte. Der Vereinigung war das ganz recht.

Sollte die Bevölkerung doch an fliegende Untertassen und kleine grüne Männchen denken. Ganz so falsch war dies ja nicht einmal.

Was dort geschah, war nicht von dieser Welt.

Und Untertassen fliegen lassen... Das beherrschte dort jeder im Schlaf.

Dennoch war es Marcus zuwider.

Er wollte endlich einmal das tun, was er wollte. Nicht das, was die Vereinigung von ihm verlangte.

Aber er wusste sehr genau, dass dies nie der Fall sein würde. Die Vereinigung hatte ihm das Leben geschenkt. Ihn erschaffen.

Es stand ihm nicht zu, sich ihr zu widersetzen.

Sie nannten sie die Kinder der Propheten.

Ihn, Marcus und Leticia, Moshe, Arina sowie Sajit.

Jeder von ihnen verfügte über unwahrscheinlich starke Kräfte. Und jeder von ihnen besaß Fähigkeiten, die über die der normalen Vereinigungsmitglieder weit hinaus gingen.

Marcus konnte in der Zeit reisen.

Eine Fähigkeit, die er eher durch Zufall vor einigen Jahren entdeckt hatte. Damals saß er mitten im Biologieunterricht und langweilte sich schrecklich, da sie zum mindestens 4. mal die Evolutionstheorie durchgingen.

Er wollte nichts mehr von Dinosauriern, Amphibien und dem Urknall hören und hatte seinen Kopf auf die Arme gelegt um ein wenig vor sich hin zu dösen, bis auf einmal alles um ihn herum in tiefer Schwärze versank und er sich im nächsten Moment unsanft auf dem Erdboden wiederfand.

Umgeben, von mannshohen Farnen sowie meterdicken Bäumen und Gräsern, die ihn weit überragten.

Als ein Tyrannosaurus nur wenige Meter an ihm vorbei stampfte, packte ihn die Panik und er schrie völlig aus Reflex "Returnus!".

Sofort befand er sich wieder in seinem Klassenzimmer, umringt von seinen Mitschülern und dem Lehrer, der ihn gleich darauf zum Counsellor zerrte. Seit dem, bemühte man sich, bisher vergeblich, ihm beizubringen, diese Fähigkeit zu kontrollieren und bewusst einzusetzen.

Noch gelang es ihm nicht, seine Zeitreisen zu steuern, sondern es passierte einfach.

Mal fand er sich ungewollt im alten Rom wieder, dann im 18. Jahrhundert, danach plötzlich im antiken Griechenland.

Bisher hatte er nur gelernt, wie er von diesen Zeitreisen zurückkehren konnte. Wollte er in seine Zeit zurückkehren, reichte es, wenn er sich auf die Situation, in der er sich in seiner Zeit in diesem Moment befand, also beispielsweise dem Schulunterricht, dem Mittagessen oder seinem Zimmer, konzentrierte und sich mit dem Befehl Returnus zurück in die Gegenwart versetzte.

Die Vereinigung versuchte verzweifelt, herauszufinden, wie sie diese meist ungeplanten Zeitsprünge kontrollieren und zu ihren Zwecken einsetzen konnte.

Würde es gelingen, Marcus Zeitreisen zu steuern, könnte man mit seiner Hilfe die Erdgeschichte umschreiben.

Mehr noch, würde man es irgendwie schaffen seine Fähigkeit auf andere auszudehnen, ihm also beibringen, andere Personen mitreisen zu lassen, könnte man die Geschichte nicht nur verändern, sondern völlig neu schreiben.

Man könnte beispielsweise große Wissenschaftler ihrer jeweiligen Epochen

nehmen und in die Gegenwart bringen. Oder verlorene Aufzeichnungen, wie etwa die ägyptischen Chroniken der Antike, welche bei einem Brand der Alexandrinischen Bibliothek vollständig zerstört wurden, retten und ebenfalls mit in die heutige Zeit bringen.

Eventuell könnte man sogar die verlorenen Götter zurückholen.

Die Welt wäre mehr denn je in den Händen der Vereinigung.

Doch bisher misslang jeder Versuch, diese Reisen zu kontrollieren. Einerseits war Marcus froh darüber, andererseits wäre dies eine Fähigkeit, die ihm unwahrscheinlich helfen würde.

Könnte er seine Zeitsprünge kontrollieren, dann müsste er nicht jetzt hier am Nordpol sitzen und frieren, sondern könnte einfach ein paar Jahrhunderte zurückreisen und es sich irgendwo in Südafrika gemütlich machen.

Ein großes Problem war jedoch, dass er sich bei seinen Reisen in die Vergangenheit nicht entmaterialisierte. Bei einem Zeitsprung blieben sein Körper und ein Teil von ihm bewusstlos in der Gegenwart zurück. Wahrscheinlich war das notwendig, damit er zurückkehren konnte.

Jedoch würde es, wenn er seine Fähigkeiten für sich selbst nutzen wollte, früher oder später wahrscheinlich zu Problemen führen.

Denn selbst wenn er sich bewusst in die Vergangenheit versetzen könnte, würde es der Vereinigung vielleicht gelingen, ihn in der Gegenwart aufzuspüren und zurück nach Nevada zu bringen. Seiner Theorie nach, würde er dann, bei seiner Reise zurück in die Gegenwart, dort aufwachen, nicht mehr an dem Ort, von dem aus er den Zeitsprung gestartet hatte.

Bisher war es zumindest immer so gewesen.

Die Vereinigung hatte ihn bei einem Zeitsprung daher vollkommen in der Hand.

Eventuell würde es ihm irgendwann gelingen, sich bei Zeitreisen vollständig in andere Epochen zu versetzen und aus der Gegenwart zu verschwinden, jedoch fehlte ihm dazu bisher das nötige Wissen um seine Fähigkeit.

Auch wusste er nicht, wie er sich in der Gegenwart entmaterialisieren sollte. Klar, unsichtbar werden war kein Problem. Das war eine der Grundübungen, welche jedes Mitglied der Vereinigung beherrschte.

Aber unsichtbar werden war kein Verschwinden.

Arina hingegen konnte das. Sie beherrschte es perfekt, sich an einem Ort vollständig aufzulösen und an einem anderen wieder zu erscheinen. Teleportieren nannte die Vereinigung es bei ihr.

Allerdings fehlte ihr die Fähigkeit, in der Zeit zu reisen. Sie konnte ihre Kräfte lediglich in der Gegenwart einsetzen.

Die Vereinigung nutze es dennoch sehr häufig. Wann immer man einen Kurier brauchte um irgendetwas schnell von einem Ort zum nächsten zu bringen, dann wurde mit Sicherheit Arina dafür ausgewählt.

Sie konnte Entfernungen von mehreren tausend Kilometern innerhalb weniger Sekunden zurücklegen.

Marcus war sich sicher, dass es auch Arina sein würde, die ihn letztendlich fand.

Er rechnete jeden Tag damit, dass sie plötzlich, ohne jegliche Ankündigung, in seinem Iglu auftauchte um ihn zurückzubringen.

Arina war der Vereinigung gegenüber vollkommen loyal. Sie stelle keine

Fragen, meuterte nie, widersprach nie. Sie war das perfekte Mitglied.

Ruhig, ausgeglichen, vollkommen kontrollierbar.

Sie würde niemals versuchen zu fliehen.

Sie hatte die Vereinigung als ihr zuhause akzeptiert und genoss die Aufmerksamkeit, die ihr entgegen gebracht wurde. Sie war mit ihrer Rolle, der Tochter Buddhas, vollkommen zufrieden.

Als Kinder der Propheten standen ihnen viele Annehmlichkeiten zu, die den normalen Mitgliedern verwehrt blieben.

Jeder von ihnen besaß sein eigenes Zimmer, bekam, wenn er es wollte, privaten Unterricht und in der Regel wurde ihm jeder Wunsch erfüllt. Jedoch nur, solange es innerhalb der Regeln der Vereinigung blieb.

Sie konnten wählen, was sie essen wollten, konnten sich wünschen, was immer sie besitzen wollten, sei es Kleidung, die neueste Technik oder Bücher.

Auch waren sie die Einzigen, die nicht verpflichtet waren, die Uniformen der Vereinigung zu tragen. Arina tat dies trotzdem.

Sie liebte es, Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Nur selten trug sie ihre eigene Kleidung.

Ganz anders war Leticia.

Sie war seine beste Freundin. Starrköpfig, herrisch und aufbrausend.

Lety diskutierte für ihr Leben gern und hatte schon mindestens ein Dutzend der Regeln innerhalb der Vereinigung gebrochen.

Letztendlich führte auch sie die Aufträge aus, das war klar, jedoch gehorchte sie nie ohne Widerstand. Sie war die absolute Rebellin innerhalb der

Vereinigung und der Schreck sämtlicher Ausbilder.

Sie hatte ihm oft erzählt, wie gern sie fliehen und normal leben wollte.

Am liebsten irgendwo in Europa, in einem netten Häuschen am Strand, in unmittelbarer Nähe eines Einkaufszentrums.

Shoppen war ihre großen Leidenschaft... Sie liebte es, neue Dinge zu bekommen und auszuprobieren. Mehrmals die Woche trafen Pakete für sie ein.

Immer randvoll mit Klamotten, Technik und allem möglichen neuen Kram.

Sie hatte ihm oft gesagt, wie gern sie einmal selbst ein Kaufhaus durchstöbern wollte, um einfach das mitzunehmen, was ihr gefiel.

Doch die Vereinigung untersagte so etwas.

Wollte Leticia etwas haben, dann musste sie es der Defense melden.

Ein Mitglied dieser Verteidigungstruppe wurde dann ausgesandt, um ihre Einkäufe zu erledigen und ihr zu bringen.

Sie selbst durften das Gelände der Vereinigung nicht ohne Auftrag verlassen.

Bei dem Gedanken an Lety wurde ihm bewusst, wie einsam er hier draußen eigentlich war. Seit zwei Monaten alleine in der Eiswüste.

Schon oft hatte er darüber nachgedacht, einfach aufzugeben und von sich aus zurückzukehren. Sicher erwarteten sie ohnehin, dass er dies tat, denn auf ewig verstecken konnte er sich nicht. Das wusste er selbst.

Aber wenn er jetzt aufgab, wäre alles umsonst gewesen. Die wochenlangen Vorbereitungen seiner Flucht. Die letzten Monate hier am Nordpol... Außerdem wollte er nicht wieder zur Werkzeug der Vereinigung werden. Sie würden ihn sofort wieder für irgendwelche Aufträge einteilen, nachdem sie

ihm eine Strafpredigt bezüglich seines Benehmens gehalten hatten.

Im Grunde war dies seine Bestimmung.

Die Vereinigung hatte ihn für ihre Zwecke gemacht. Nicht damit er irgendwelchen völlig absurden Phantasien nachhing.

Er stellte sich oft vor, wie es wäre, ein völlig normaler Mensch zu sein. Nach menschlicher Zeitrechnung wäre er jetzt wahrscheinlich Anfang zwanzig.

Er könnte ein Haus mit Garten haben, einen Hund und eine normale Arbeit. Nach der Zeitrechnung der Vereinigung war er jedoch mehrere tausend Jahre alt.

Sie bezeichneten ihn als den Sohn Jesus.

Eine Rolle, mit der er sich überhaupt nicht abfinden wollte, da Religion ihn schon immer gelangweilt hatte. Er hatte, anders als die meisten anderen Vereinigungsmitglieder, kein Interesse daran, irgendeinen Gott anzubeten. Im Gegenteil. Man sollte ihm erst einmal beweisen, dass es überhaupt irgendwelche Götter gab. Danach würde er darüber nachdenken, ob er an sie glauben wollte oder nicht.

Aber an etwas glauben, was er nicht sehen konnte? Nein, das war nichts für ihn.

Trotz seiner dicken Bärenfellkleidung fror er entsetzlich. Lange würde er diese Kälte nicht mehr aushalten.

Immer wenn es zu schlimm wurde, lies er ein wenig Energie entweichen, aktivierte seine Aura und wärmte sich kurzzeitig dadurch auf. Jedoch tat er dies nie länger als einige Sekunden, da ihm die Gefahr, gefunden zu werden, andernfalls viel zu hoch war.

Irgendetwas würde ihm schon einfallen, um sich aus dieser Lage zu befreien. Es war nur blöd, dass er nie gelernt hatte, ohne Magie zu leben.

Von Anfang an, hatte man ihm beigebracht, seine Kräfte zu nutzen. Und im Alltag der Vereinigung tat dies auch jeder.

Ein Leben ohne magische Kräfte war für die meisten völlig unvorstellbar. Einige der ganz jungen Anwärter konnten sich nicht einmal ohne Hilfe von Magie die Schnürsenkel binden.

Es wäre für ihn auch nicht weiter schwer gewesen, den Schneesturm mit einer kleinen Konzentrationsübung verschwinden zu lassen. Aber jeder Einsatz von Magie, selbst wenn er noch so klein war, rief magische Schwingungen hervor und lief dadurch Gefahr, durch die weltweit platzierten Radarsysteme der Vereinigung, aufgefangen zu werden.

Wann immer es irgendwo auf der Welt zu nicht autorisierten magischen Signalen kam, war die Vereinigung sofort zur Stelle um die verursachende Person zu rekrutieren, wie sie es nannten.

In Wahrheit war es jedoch mehr eine Entführung als eine Rekrutierung.

Die Menschen, meist Kleinkinder, bei welchen sich die Magie gerade erst zeigte, wurden, ohne sie nach ihrem Willen zu fragen, nach Nevada verschleppt und dort magisch getestet.

Bestanden sie den Test, dann wurden sie als Anwärter der Vereinigung aufgenommen, bestanden sie ihn nicht, wurde ihre Erinnerung gelöscht und man brachte sie zurück in ihre Heimat.

Die meisten, die getestet wurden bestanden den Test.

Immer wieder kam es vor, dass irgendwo auf der Welt, Menschen mit

magischen Fähigkeiten geboren wurden. Menschen, deren Potenzial man nutzen konnte um sie auszubilden und für die Vereinigung zu nutzen.

Mehrmals pro Jahr kamen neue Anwärter hinzu und die Vereinigung musste nie fürchten, einmal zu wenige neue Rekruten zu haben.

Im Grunde besaß jeder Mensch magische Fähigkeiten.

Bei den meisten waren diese Energien jedoch so schwach ausgeprägt, dass sie nichts davon bemerken und dass es somit unmöglich war, sie so auszubilden, dass sie diese verwenden konnte.

Solche Leute interessierten die Vereinigung nicht. Die Vereinigung rekrutierte erst ab einem bestimmten Energiepotenzial.

Früher hatte Marcus es gemocht, etwas Besonderes zu sein.

Mehr zu können, als all die Anderen. Da er kein normaler Mensch war, waren seine Fähigkeiten schon immer ausgesprochen stark ausgeprägt und im Unterricht war er daher stets einer der Besten.

Während andere Rekruten wochenlang daran gearbeitet hatten, kleine Dinge fliegen zu lassen und ihre Gedanken vor den Lehrern abzuschirmen, kostete es Marcus lediglich ein klein wenig Konzentration, schon lies er Gegenstände in der Luft tanzen, Möbel kopfstehen und wenn er sich sehr anstrengte sogar seine Mitschüler einige Zentimeter über dem Boden schweben.

Etwas, womit er seine Freunde früher sehr gern geärgert hatte.

Auch Gedankenblockaden konnte er ohne weiteres errichten. Noch nie war es einem seiner Mitschüler gelungen, seine Gedanken zu lesen oder gar zu

manipulieren.

Egal wie sehr sie sich anstrengten.

Auch die Ausbilder der Vereinigung hatten diesbezüglich kaum noch eine Chance.

Einzig und allein der Elite, den stärksten aller Vereinigungsmitgliedern, gelang dies noch gelegentlich. Doch auch das nur, wenn Marcus durch irgendetwas dermaßen abgelenkt war, dass er sich nicht vollständig darauf konzentrierte.

Unter normalen Umständen waren seine Gedanken absolut sicher.

Ein Grund, weshalb viele der anderen Mitglieder ihn um Rat fragten, wenn sie bei irgendetwas Probleme hatte.

Denn nur bei ihm konnten sie sicher sein, dass ihre Geheimnisse sicher verwahrt wurden.

*

Der Flieger setze sanft auf der riesigen Landebahn auf und kam nach kurzerAusrollphasezum Stehen.Leticiablickte abwesend aus dem Fenster.

Das Flugfeld was bis auf einige Mitglieder der Defense, die einen ihrer Hubschrauber wuschen, leer, was nicht weiter verwunderlich war, da an einem Montagnachmittag selten viel Flugverkehr herrschte.

DieVersorgungsmaschinenflogen für gewöhnlich immer mittwochs und freitags. Ansonsten startete oder landeten nur gelegentlich Maschinen,dieVereinigungsmitgliederaus oder einflogen oder neue Rekruten zum Testen brachten.

Für so wenig Flugverkehr war der gigantische Flughafen viel zu groß bemessen.

Aber die Vereinigung setzte neben Zweckmäßigkeit vor allem auf Repräsentation.

Sollte jemand die Vereinigung besuchen, sollte er ihr ihre Macht direkt Ansehen.

Alles hier war überdimensional groß und pompös. Riesige Rollfelder, riesige, sehr luxuriöse Gebäude und Parkanlagen inmitten der Wüste zeigten jedem, dass sie Vereinigung in erster Linie eines hatte. Reichtum.

Es kam selten vor, dass hier Besuch empfangen wurde. Einzig und allein der Papst wurde gelegentlich zu Konferenzen geladen. Selten auch einige hochrangige Politiker.

Diese waren jedoch große Ausnahmen und es kam nur vor, wenn die politische Lage irgendwo auf der Welt es verlangte.Der amerikanische Präsident war während seiner momentanen Amtszeit nur ein einziges Mal hier gewesen. Auch das war eine Ausnahme, da die Vereinigung normalerweise keine gewöhnlichen Menschen duldete.

Nur ganz wenige wussten überhaupt von ihrer Existenz. Und so sollte es bleiben.Leticiastand auf und ging zur sich eben geöffneten Tür.

Den Weg zum Hauptgebäude würde sie allein finden.

Die Moralpredigt würde wohl noch bis zum Abend auf sich warten lassen,

da der Tagesbetrieb hier immer Vorrang hatte.

Noch lief der Unterricht der Rekruten und dieser würde noch bis etwa 17 Uhr andauern.Sie nickte dem Piloten zu und ging in Richtung Campus.

Der Beton des Flugfeldes kochte beinahe und reflektierte die Hitze unangenehm.

Leticia wischte sich den Schweiß von der Stirn. Vom Mittag bis zum Nachmittag war es hier draußen kaum auszuhalten.

Sie würde wahrscheinlich erst einmal ein Bad nehmen. Um diese Zeit sollte der große, angenehm kühle, Pool im Hof der Wohnanlage beinahe leer sein. Sie war unglaublich froh, als sie das Flugfeldgelände endlich hinter sich gelassen und die Kieswege in Richtung Campus erreicht hatte. Hier war es weniger unerträglich.

Die umstehenden Gebäude warfen angenehme Schatten und durch die immer häufiger werdenden Bewässerungsanlagen gab es hier und da bereits Gras und Pflanzen. Die richtige Vegetation würde jedoch erst im Campusinneren einsetzen, da nur dort ausreichend viele Bewässerungsanlagen vorhanden waren. Mannannte das Areal daher auch diegrüne Oaseder Anlage.

Auf dem Rest des Geländes herrschte die Wüste. Dort wuchs nichts außer Kakteen.Leticiaerreichte den Eingang zum Hauptcampus und ging ohne eine Reaktion an dem, in seinem Häuschen sitzenden, Pförtner vorbei.