Im Abseits der Lichter - Lina Kaiser - E-Book

Im Abseits der Lichter E-Book

Lina Kaiser

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Beschreibung

Die 17-jährige Katinka führt ein geordnetes Leben: ihre Familie ist intakt, sie spielt leidenschaftlich gern Fußball und macht bald ihr Abitur. Alles scheint bestens, bis der unerwartete Kuss einer Mannschaftskameradin Katinkas Welt erschüttert. Plötzlich glauben alle, sie sei lesbisch! Fluchtartig stürzt sie sich in einen Flirt mit einem Jungen, doch statt ihm kommt sie seiner Schwester näher, einem Vorzeigemädchen mit Streberattitüde. Das Gefühlschaos ist perfekt. Pendelnd zwischen Vereinsplatz und Theatersaal, Scheinheiligkeit und echten Gefühlen, muss Katinka erkennen, dass sich jeder hinter einer Maske versteckt - auch sie selbst.

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Seitenzahl: 246

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für mein jüngeres Ich und alle,

die sich fürchten, sie selbst zu sein.

Inhaltsverzeichnis

PROLOG

ERSTER AKT

ZWEITER AKT

DRITTER AKT

VIERTER AKT

FÜNFTER AKT

EPILOG

DANKSAGUNG

PROLOG

»Warte mal, Katinka.« Debora hält mich zurück.

»Was gibt es?«, frage ich und bleibe bei ihr stehen. Es ist bereits dunkel geworden. Der Wind pfeift durch die Äste der umliegenden Bäume. Meine Haare sind noch nicht ganz trocken nach dem Duschen und hier draußen wird mir prompt kalt. Ich habe keine Ahnung, was sie mit mir zu besprechen haben könnte. Wir haben uns noch nie viel zu sagen gehabt. Aber gut, ich folge ihr. Als Kapitänin der Mannschaft muss ich ein Ohr für alle haben. »Lass uns kurz unter vier Augen reden«, sagt Debora und nickt mit dem Kopf zur Seite. Sie will, dass ich ihr hinter das Vereinshaus folge. Die anderen Mädchen strömen aus der Umkleidekabine und verlassen nach und nach das Gelände. Aus den Fenstern des Vereinshauses schallen tiefe Stimmen, irgendeine Herrenmannschaft muss wohl noch anwesend sein. Vielleicht haben sie etwas zu feiern. Ich dagegen folge Debora missmutig zwischen Büschen und Wand um das Vereinshaus herum, bis wir dahinter zum Stehen kommen. »Also, schieß los«, sage ich schon leicht genervt. Soweit ich es bei diesen Lichtverhältnissen erkennen kann, mustert sie mich mit einem seltsamen Gesichtsausdruck.

»Ein super Spiel hast du gespielt«, sagt sie. Verhalten nickend bedanke ich mich. Ich weiß nicht, worauf das hinauslaufen soll.

»Du auch.«

Sie schaut verlegen zu Boden. Mir war nicht klar, dass Debora verlegen sein kann. »Die große Blonde, meine Gegenspielerin, fand dich ziemlich heiß«, sagt sie dann.

Nach einer kurzen Stille antworte ich: »Ah ja?« Dies sind die einzigen Worte, die mir einfallen. Was soll das? Ein mulmiges Gefühl überkommt mich.

»Ich dachte, ich frage dich einfach mal, wie du das findest?« Debora funkelt mich verwegen an. Die Situation wird zunehmend unangenehm. Will sie mich ärgern?

Ich stoße einen verächtlichen Lacher aus: »Sonst geht es dir gut, ja?« Ich will das Gespräch hier beenden, doch Debora kommt mir näher. Zu nah. Sie stellt sich mir in den Weg.

»Sei nicht so«, sagt, nein, flüstert sie. Sie nähert sich weiter an, so dass ich ein Stück zurückweiche.

»Kannst du mir verraten, was das soll? Ich bin müde, es ist kalt und ich will nach Hause. Halt mich nicht mit dummen Witzen auf.« Ich hoffe, sie kann meine Anspannung nicht heraushören. Jetzt ist ihr Gesicht direkt vor meinem. Uns trennen nur Zentimeter.

»Du kannst nicht gut schauspielern«, sagt sie leise. Bedrohlich. »Ich habe dich beobachtet. Ja, schon länger. Ich wollte dich schon längst darauf an gesprochen haben, aber ich wusste nicht wann. Also tu ich es jetzt. Tinka ... ich merke, wenn jemand mir lüstern auf Arsch und Brüste starrt.«

»Spinnst du?!«, platzt es aus mir heraus. Ich mache einen Schritt zurück, doch da ist die Wand, an die ich mich nun dränge. Und Debora lacht. »Aber das macht doch nichts. Pass mal auf ...«

Dann drückt sie mir ihre Lippen auf den Mund. Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Mein erster Impuls ist, sie weg zustoßen, doch sie drückt mich fest gegen die kalte Mauer des Gebäudes. Dabei küsst sie weiter, wobei Küssen ein zu harmloses Wort dafür ist – es ist eher, als würde sie versuchen, mich zu fressen. Fordernd. Dominant. Und auf einmal lässt sie von mir ab. »Siehst du?«, grinst sie höhnisch. »Du wehrst dich nicht ein mal.«

Ein Räuspern. Wir beide schrecken zusammen und springen auseinander. Neben dem Haus ist Daniel aufgetaucht. Daniel – der Sohn des Geschäftsführers, der Stürmer der A-Jugend, der Schwarm aller Mädchen. Er grinst uns breit und frech an: »Ach was, Mädels, lasst euch nicht stören. Ich wollte nur die Bälle wegschließen.«

Schockstarre.

»Hau ab, du Milchgesicht!«, faucht Debora. Sie stampft auf ihn zu und er geht kichernd weiter. Verschreckt und verstört lehne ich noch immer an der Wand, als Debora zurückkommt. Ohne Worte greift sie nach ihrer Sporttasche und wirft sie sich über die Schulter. Und ohne einen weiteren Blick lässt sie mich stehen.

ERSTER AKT

Drei Wochen sind vergangen seit jener unsäglichen Szene. Und seit drei Wochen ist mein Leben nicht mehr dasselbe. Eigentlich führe ich ein überschaubares, nahezu langweiliges Leben, welches bald 18 Jahre zählt. Aufgewachsen bin ich in einer intakten Familie, in einer behüteten Wohngegend, in einer netten kleinen Stadt. Ich besuche eine Schule mit gutem Ruf, treibe Sport, spiele seit sieben Jahren im Fußballverein als Stürmerin. Seit einem Jahr bin ich sogar Kapitänin. Ich habe Freunde, vielleicht nicht übermäßig viele, aber es reicht. Wenn ich in den Spiegel schaue, freue ich mich über meinen trainierten Körper, meine großen Augen, meine reine Haut. Mein Leben ist nicht nur unkompliziert, es ist sogar recht ansehnlich. Und doch fühle ich mich seit nun mehr drei Wochen ... beschissen.

Es ist ein unzufriedenes, angefressenes Gefühl. Es sitzt in meinem Bauch und rumort mal stärker, mal schwächer, doch es ist beständig und lässt mir keine Ruhe. Manchmal bricht es aus mir heraus, manchmal zerfrisst es mich innerlich. Wenn man mich fragt, was denn nur los sei, kann ich es nicht genau benennen. Ich müsste längst aus der Hochphase der Pubertät heraus sein, schon klar, aber ich kann es nicht ändern.

Ich bin nicht mehr beim Training gewesen. Meine Mannschafts- und Klassenkameradin Katja hat mich gestern noch gefragt, woran das läge. Ich würde fehlen, sagte sie. Sogar Debora hätte schon nach mir gefragt. Debora. Mir läuft es eiskalt den Rücken herunter, wenn ich diesen Namen höre.

»Du machst dir doch nichts aus dieser Geschichte, die man sich erzählt? Wegen Debora und dir? Also ich glaube, da redet bald eh keiner mehr drüber«, sagte Katja zu mir.

»Darüber denke ich überhaupt nicht nach.« Thema beendet. Ich wandte mich dem Unterricht zu und ignorierte Katja die ganze restliche Stunde.

Am liebsten wäre mir, ich würde wirklich nicht darüber nachdenken müssen. Doch wie kann ich mich dem entziehen, wenn ich ständig auf so plumpe Art daran erinnert werde? Es ist nicht nur Katja. Mir kommt es fast so vor, als fiele den Leuten gar kein anderes Thema mehr ein, sobald sie mich sehen. Kurz nachdem Daniel uns erwischt hatte und Debora davon gestürmt war, wusste der ganze Verein von dem Kuss. Sogar meine Schwester hatte davon Wind bekommen und belagerte mich noch am selben Abend – »Tinka, seit wann stehst du auf Frauen? Wieso hast du mir das nie erzählt? Wie küsst sie so?« Ich habe ihr die Tür vor der Nase zugeknallt, mich aufs Bett geschmissen und geheult. Ich weiß, über sowas sollte man eigentlich drüber stehen. Aber Debora hat mich in diese unangenehme Situation gebracht, ich kann rein gar nichts dafür! Wäre ich nur ein wenig schlauer gewesen, so wäre ich das nächste Mal erhobenen Hauptes zum Training gegangen – und wenn jemand mich darauf angesprochen hätte, so hätte ich mit einem freundlichen Lächeln an Debora verwiesen und: »Sie ist die Lesbe«, gesagt. Aber ich war nicht schlau. Ich drückte mich vor dem Training und Debora tat, was ich im umgekehrten Fall hätte tun sollen: Sie erzählte, der Kuss wäre von mir ausgegangen. Lockt mich in eine dunkle Ecke, stellt wirre Behauptungen auf und vergewaltigt mich beinahe, nur um dann zu erzählen, es wäre andersrum gewesen. Unfassbar, dass mir so etwas passiert. Dass sie es überhaupt gewagt hat!

Ich konnte sie noch nie leiden. Auch wenn sie eine sehr gute Verteidigern abgibt und für das Team unverzichtbar ist. Beim Fußball behandelte ich sie stets freundlich und lobte sie hin und wieder – sie muss es in den falschen Hals bekommen haben. Anders kann ich mir nicht er klären, wie sie auf die wirre Idee gekommen ist, mir könnte etwas an einem Kuss mit ihr liegen.

Ich merke es, wenn mir jemand lüstern auf Arsch und Brüste starrt, hat sie gesagt. Mir steigt jetzt noch die Schamesröte ins Gesicht, wenn ich an diesen Satz denke. Wie konnte sie nur so etwas sagen! Doch es nützt nichts. Jetzt ist es so. Die Leute glotzen, die Leute fragen. So lief es gestern und so lief es an jedem verdammten Tag der vergangenen drei Wochen.

Auch heute verfolgt mich dieser eine Moment wie ein Fluch. Mein bester Freund Milan dreht einen Bleistift zwischen den Fingern und grinst dabei gedankenverloren. »Weißt du, warum Debora beim Training nach dir fragt?«, sagt er zu mir gewandt. »Na weil sie das so geil mit dir fand! Die will dich!«

Die Fünfminutenpause vor dem Biologieunterricht genügt ihm schon, um meinen Tag nachhaltig zu versauen. Ich boxe ihn. »Weißt du, es gibt Dinge, die sind in keinster Weise lustig. Egal, wie du sie versuchst zu drehen«, sage ich betont vorwurfsvoll.

Er zuckt nur mit den Schultern und grinst weiter. Jedem anderen würde ich jetzt wohl an die Gurgel springen, doch ich weiß, dass Milan es nicht böse meint. Also bekommt er nur meinen missbilligenden Blick zu spüren.

»Mensch Tinka, echt, was bist du nur so empfindlich? Mädchen knutschen ständig miteinander, das ist doch keine große Sache. Außerdem hat sie sich doch auf dich gestürzt – du kannst nichts dafür«, legt Milan nun mit gesenkter Stimme und wissendem Blick nach, während unser Biologielehrer den Raum betritt. Ich merke, wie meine Wangen rot werden. Ein kurzer Blick durch die Klasse beruhigt mich halbwegs: Niemand schaut zu uns herüber. Dann wende ich mich wieder meinem Sitznachbarn zu: »Ich habe dir schon einmal gesagt: Ich will darüber nicht reden. Vor allem nicht hier!«

Immerhin ist Milan nun für den Rest der Stunde still. Aber in meinem Kopf rotieren wieder dieselben verstörenden Gedanken. Mein einst so angenehmes Leben ist zu einem angespannten geworden.

»Du musst das mal so sehen ...«, greift Milan das Thema später in der Pause wieder auf. »Wenn du weiterhin allergisch auf das Thema reagierst, werden alle Leute erst recht denken, dass da etwas dran ist!«

»Dass wo was dran ist?«

»Na, dass du ... dass du ...«

Ich sehe ihn an: »Dass ich lesbisch sein könnte?!« Die Worte kommen wie Schimpfwörter aus meinem Mund.

Milan schüttelt mitleidig den Kopf: »Du verziehst das Gesicht, als hättest du etwas Schlechtes gegessen. Hör bloß auf damit.«

Er stellt sich das so einfach vor. Anscheinend weiß er einfach nicht, was diese Gerüchte für mich bedeuten. Ich bin Mannschaftsführerin – wenn meine Mitspielerinnen denken, ich könnte auf sie stehen, werden sie mich nicht mehr ernst nehmen können. Kein Mensch wird mich mehr als normal betrachten. Im Gegenteil. Das ist einfach nur unfair. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, mit Debora herumzuknutschen. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, ihr auf Arsch und Brüste zu starren. Vielleicht hatte ich einmal hingeschaut, meine Güte, das kann ja wohl mal passieren, vielleicht – aber starren? Niemals! Und doch ziehen plötzlich alle Menschen um mich herum in Erwägung, ich könnte auf Frauen stehen. Unglaublich. Ich stiere auf den Tisch vor mir und versuche, die Röte, die mir ins Gesicht steigt, zu kontrollieren. Der weise Milan. Jetzt kann er sich schön aufspielen und so tun, als wäre ich unglaublich verklemmt. Aber hätte irgendjemand behauptet, Milan sei schwul, so würde er nicht anders reagieren als ich – darauf wette ich!

Es ist Mittwoch. Heute wäre wieder Training. Noch vor Beginn der nächsten Stunde kommt Katja zu meinem Tisch und schaut mich auffordernd an. »Ich weiß noch nicht, ob ich komme«, sage ich direkt und will, dass sie verschwindet. Aber ihr rundes Gesicht sieht aus, als hätte sich im Hirn dahinter ein wichtiger Gedanke festgesetzt. Ein Lächeln breitet sich darauf aus und sie sagt: »Debora kommt heute nicht.« Als würde das viel ändern. Ich nicke und sie macht sich vom Acker. Es tut mir irgendwie leid, so kühl zu reagieren, aber ich kann gerade nicht anders. Selbst wenn sie mich nicht direkt auf den Fauxpas mit Debora anspricht, so schwingt das Thema trotzdem mit. Und daran lässt sich in etwa abschätzen, welche weitreichenden Folgen das kleine, miese Gerücht mit sich bringt. Ich muss mich irgendwie dagegen wehren, aber noch fehlt mir die richtige Strategie.

Unser Mathelehrer betritt die Klasse. Er ist ein komischer Kauz, mit Schnäuzer und sehr wenigen Haaren auf dem Kopf, die er über seine Glatze gekämmt hat. Immer schlecht gelaunt. Fast wie ich. Ein Mädchen mit langem, braunen Haar und Mausgesicht stellt sich an seine Seite. Es ist unsere Schülersprecherin, Emilia Weidering, und die Miene vom Mathekauz wird beinahe freundlich. Er wendet sich der Klasse zu und mahnt zur Ruhe, da unsere Schülersprecherin uns etwas zu sagen hätte. Mit autoritärem Blick schaut sie durch die Reihen und setzt zum Sprechen an, doch einer der Jungs aus der letzten Reihe kommt ihr zuvor: »Ja, am Wochenende ist Vorabiparty. Ja, wir sollen alle kommen. Sonst noch was?!«

Milan, der zuvor den Kopf auf der Tischplatte liegen hatte, schreckt auf und raunt: »Halt die Klappe, Mann.«

»Danke, Milan«, sagt die Schülersprecherin und schenkt meinem Sitznachbarn einen anerkennenden Blick. Ich glaube nicht, dass Milan das ihr zum Gefallen gesagt hat. Ich glaube eher, dass er weiterschlafen möchte.

»Wie ihr bereits gehört habt, feiern wir an diesem Samstag unsere erste Vorabiparty ...«, beginnt Emilia ihre Ansprache und ich stelle das Zuhören ein. Mich interessieren diese Partys herzlich wenig. Sich mit den ganzen komischen Leuten aus meiner Stufe zu betrinken, womöglich noch mit ihnen zu tanzen und so etwas wie Freundschaft zu heucheln, ist mir einfach zu doof. Das Mädchen vor der Klasse sieht das ganz anders als ich. So unterschiedlich können Menschen sein. Emilia ist genau der Typ Mädchen, der schon auf den ersten Blick völlige Andersartigkeit verglichen mit mir verrät. Diese ordentlich zusammengesteckten Haare, das gut gebügelte Blüschen, die sauberen, weißen Schuhe ... Mein Haar hängt mir in unkontrollierten Strähnen ins Gesicht, mein Oberteil hat noch nie ein Bügeleisen gesehen, meine Converse weisen bereits erste Löcher an den Seiten auf. Sicherlich würde kein Mensch bei einem Püppchen wie Emilia jemals den Gedanken zulassen, dass sie ein Mädchen geküsst haben könnte. Was sie ganz gewiss auch noch nie getan hat. Aber bei mir, der Fußballerin, ist es natürlich absolut denkbar. Verdammt! Emilia fängt meinen Blick auf. Sie sieht etwas irritiert aus, aber ich tu ihr nicht den Gefallen, wegzuschauen. Ich glotze. Sehe ich da so etwas wie Unsicherheit in ihren Augen? Wahrscheinlich denkt sie, ich würde auf sie stehen. Ich schaue weg.

»Kommst du mit am Samstag?«, fragt mich Milan auf dem Weg zum Bus.

»Wohin?«

»Mann! Zur Vorabi natürlich«, sagt er im Brustton der Überzeugung.

Ich bin etwas perplex: »Du willst da wirklich hin? Mit wem?«

Er streicht sich die mittlerweile viel zu langen Haare aus der Stirn und schaut verschlagen drein. »Weißt du, ich habe Freunde.«

Idiot. »Und ich dachte, du hättest geschlafen, als das Fräulein ihre Ansprache hielt«, murmele ich. Wir erreichen die Haltestelle und bleiben etwas abseits der anderen Leute stehen.

Milan nickt und meint: »Habe ich auch. Aber ich plane schon länger, dahin zu gehen. Das wird lustig. Guck nicht so!«

Bis eben noch dachte ich, Milan und ich würden uns gut verstehen. Aber das tun wir wohl doch nicht. Wir kennen uns seit dem Kindergarten und saßen bislang in jedem Schuljahr nebeneinander. Eigentlich kenne ich ihn besser als meine eigene Schwester.

»Tinka, sorry, aber ich habe das Gefühl, du weißt gar nicht mehr, was lustig bedeutet. Du lachst nicht mehr, du hast keine Lust auf nichts und überhaupt ...«

»Da kommt der Bus«, unterbreche ich ihn und gehe zum Straßenrand. Solche Diskussionen müssen nicht sein. Wenn er zu dieser Feier gehen möchte, dann soll er gehen – aber mich soll er damit in Ruhe lassen. Im Bus setze ich mich ganz nach hinten und erhasche einen Blick auf Milans Gesicht, als sich das Fahrzeug in Bewegung setzt. Er schaut demonstrativ weg. Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe gar keine Verbündeten auf dieser Welt. Das war nicht immer so. Aber jetzt gerade in diesem Moment, ohne Zweifel.

Zu Hause fläze ich mich im Wohnzimmer aufs Sofa und schalte den Fernseher ein. Meine Mutter lässt in der Küche die Töpfe klirren. Sie ist so eine typische Mutter. Die Haustür öffnet sich und meine Schwester kommt herein, im Schlepptau hat sie ihren neuen Freund Tobias. Lea ist 15 und Tobias ist, ich tippe mal, ihr vierter Freund in drei Monaten. Auch Lea ist ganz anders als ich.

»Hey Tinka«, haucht sie in meine Richtung und zieht Tobias die Treppe rauf. Ich kann die beiden im Spiegel dabei beobachten, wie sie Händchen haltend nach oben steigen.

»Junge Liebe«, sagt meine Mutter, die den Esstisch deckt. Sie zwinkert mir zu.

Ich seufze: »Mama, es tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber nächste Woche bringt sie wahrscheinlich wieder einen anderen, pickeligen Jungen mit.«

Daraufhin zuckt meine Mutter mit den Schultern und verschwindet wieder in der Küche. Sie freut sich für Lea. Ich glaube sogar, dass sie selbst in ihrer Jugend so sprunghaft von der einen großen Liebe zur nächsten gehopst ist. Irgendwann sagte sie einmal: »Katinka kommt eben mehr auf ihren Vater. Sie wartet so lange mit der Liebe, bis sie sich ganz sicher ist, dass sie diesen Menschen heiraten will.« Daraufhin lächelten meine Eltern sich vertraut an und mir wurde ein bisschen übel. Ich freue mich ja über ihre beständige Beziehung, aber mir ist unangenehm, dass sie sich offenbar auch über meine nicht vorhandenen Beziehungen Gedanken machen. Ich kann keinen Druck gebrauchen.

Später am Esstisch wird der arme Tobias nach Strich und Faden auseinandergenommen. »Und was machen deine Eltern so, Tobi?«, fragt meine Mutter in dem freundlichsten Ton, den sie fähig ist zu sprechen. Er antwortet brav, dass seine Eltern beide Lehrer sind, was meine Mutter unglaublich interessant findet, zumindest tut sie so, und schenkt ihm noch etwas Wasser ein. Lea schaut dabei immer kurz zwischen ihrem Freund und unserer Mutter hin und her, so als versuchte sie, zu deuten, ob er gut ankommt oder nicht. Eigentlich sollte sie mittlerweile wissen, dass hier jeder gut ankommt. Man könnte meiner Mutter einen drogenabhängigen Schläger vorsetzen, sie würde sich vermutlich mit leuchtenden Augen seine Lebensgeschichte anhören. So ist sie einfach.

Nach ein paar Minuten kehrt gefräßiges Schweigen ein, doch das hält nicht lange, denn weder meine Mutter noch meine Schwester können Stille ertragen. So fragt meine Mutter schließlich: »Gehst du heute zum Training, Tinka?« Während ich mir noch eine Antwort zurechtlege, ergreift Lea das Wort: »Tinka traut sich nicht mehr, seit dieser Geschichte.«

Um Selbstbeherrschung bemüht, presse ich meine Lippen aufeinander. Wie kann Lea sowas am Tisch erwähnen? Vor Mama? Vor ihrem komischen Tobias?

»Nein, im Ernst? Tinka, du traust dich nicht mehr, wegen dieser Debora?«, fragt meine Mutter und schaut mich verwundert an. Daraufhin schaue ich Lea verwundert, nein, entsetzt an und versuche, ihr telepathisch mitzuteilen: Wieso weiß Mama davon?!

Meine Schwester schaut mich schuldbewusst an und ich raste innerlich aus. Sie hat es also weitererzählt. Meine eigene Schwester!

»Also, ich an deiner Stelle würde das Ganze einfach vergessen«, spricht meine Mutter freimütig weiter. »Ihr seid eine Mannschaft und müsst zusammenhalten, egal was sich intern für Dramen abspielen. Du hast Debora jetzt wahrscheinlich das Herz gebrochen, aber du bist trotzdem noch Kapitän des Teams.« Dabei pikst sie weiter in ihren Nudeln herum, als würden wir gerade über etwas so belangloses wie das Wetter reden. Mir fehlen die Worte. Alles ist so furchtbar peinlich! »Dein Trainer hat auch schon an gerufen«, höre ich meine Mutter noch sagen, doch da habe ich bereits meinen Teller genommen und verlasse den Tisch. Ich will alleine sein.

In meinem Zimmer ist es dunkel. Der Tag draußen ist grau und wirft sein kaltes Licht durch meine Fenster. Ein hässlicher Tag. Jetzt hat mich dieses große Missverständnis schon bis nach Hause verfolgt. Wie komisch, dass Mama mich nicht schon früher darauf angesprochen hat. Wahrscheinlich ist es ihr unangenehm gewesen. Das kann ich nur zu gut verstehen.

Auf meinem Bett sitzend lasse ich den Blick durch den kleinen Raum schweifen. Er ist definitiv zu voll gestopft. Verglichen zu Milans Zimmer, und Milan ist immerhin männlich, ist mein Zimmer das reinste Chaos. Zusammengewürfelte Möbel voller Kram. Wenn das eigene Zimmer einen Menschen repräsentiert, so könnte man sich Sorgen um mich machen. Auf meinem Schreibtisch stapeln sich Papier und Hefte, auf dem Boden liegen Anziehsachen verstreut. In einer Ecke gammeln meine Fußballschuhe. Die Regale biegen sich unter der Last von Büchern und, mir wird schwer ums Herz, Fußballpokalen. Vier Stück stehen da. Es gab eine Zeit, da war unser Team sehr erfolgreich und egal, gegen wen wir antraten, wir haben einfach alles gewonnen. Aus dieser Zeit stammen die Trophäen, doch diese Ära ist schon lange vorbei. Neben ihnen steht ein Bild von unserer Mannschaft, das mittlerweile ein Jahr alt sein müsste. Auf dem Foto stehe ich ganz links, direkt neben unserem Trainer Rolf. Da sind Denise, Leonie und Britta ... Letztere ist nicht mehr dabei. Sie war einmal unsere beste Spielerin. Und eine gute Freundin. Aber sie ist weggezogen und seither bin ich Kapitänin. Vorne kniet Katja, damals noch dicker als heute. Und hinter ihr steht Debora. Hier sieht sie nahezu nett aus, doch das täuscht. Eine auffällige Erscheinung inmitten all dieser mehr oder minder athletischen Mädchen ist sie schon. Muskulöse Statur, ein Stückchen größer als ich ... Ziemlich dunkle Haut. Ihre schwarzen Augen funkeln selbstbewusst. Neben ihr wirke ich klein, bleich und beinahe zerbrechlich.

Ich wende mich ab und suche meinen Spiegel. Zwei braune Augen schauen missmutig auf sich selbst zurück. Eine schmale Nase führt zu meinen etwas dünn geratenen Lippen. Mein Teint ist blass. Widerspenstige Haare umrahmen das Gesamtkonstrukt. Heute bin ich nicht zufrieden. Je länger ich schaue, desto sicherer bin ich, dass man mein Gesicht zwar als fein geschnitten – aber absolut 08/15 bezeichnen kann. Sieht so eine Lesbe aus? Meine Mutter hat Recht. Ich sollte das Ganze vergessen! Es kann nicht sein, dass ich mich wegen so eines Unfugs nicht mehr auf den Platz traue. Und doch ... Meine Mutter hat leicht reden. Unser Team hat sich immer damit gebrüstet, das wohl einzige Team im Kreis zu sein, das vollkommen heterosexuell sei. Ich weiß, es ist eine bescheuerte Sache, darauf besonders stolz zu sein; aber so war und ist es eben. Ich kenne durch den Fußball sehr viele junge Frauen. Ich habe schon gegen unzählige gespielt und einige davon sahen aus wie kleine Jungs. Um die machte ich auf und außerhalb des Platzes lieber immer einen Bogen.

Es klopft. Meine Mutter steckt den Kopf durch den Türspalt. »Tinka, möchtest du vielleicht reden?«, sagt sie und schaut mich mit diesem besorgten Mutterblick an. Dass aber auch niemand versteht, dass ich eben nicht reden will!

»Mama, da gibt es nichts zu reden.«

»Naja, ich glaube aber doch. Wenn du seit Wochen nicht mehr zum Fußball gehst, muss irgendetwas sein. Und wir scheinen die Ursache ja gefunden zu haben.«

Sie kommt herein und schließt die Tür. Ich bemühe mich, einen entspannten Eindruck zu machen. »Nein, es ist alles in Ordnung. Mir fehlt es lediglich an der Lust, zum Fußball zu gehen. Ich weiß, was Lea dir erzählt hat, aber da brauchst du dir keine Gedanken drüber zu machen«, sage ich und ringe mir sogar ein Lächeln ab.

Sie scheint nachzudenken und tritt von einem Bein auf das andere. Wie ein kleines Mädchen. Dann atmet sie tief ein und sagt: »Es ist nichts schlimmes, auf Frauen zu stehen.«

»Hör auf damit«, reagiere ich direkt. Ich fasse es nicht! »Warum schließt ihr alle darauf, dass ich auf Frauen stehen könnte? Ich stehe überhaupt nicht auf Frauen! Ich starre nie mandem auf Arsch und Brüste. Das ist alles doch nur ein fieses Komplott, um mich aus dem Team zu mobben – und du, sogar du, meine eigene Mutter, fällst darauf herein.«

Am liebsten würde ich mit irgendetwas schmeißen, doch gerade habe ich nichts zur Hand. Meine Mutter sieht mich immer noch besorgt an und schüttelt den Kopf: »Beruhige dich, bitte. Schatz, was weiß ich schon, was mit dir los ist? Du lässt mich ja nicht gerade viel teilhaben. Aber ich sehe, dass du grübelst und dich in deinem Zimmer verkriechst.«

Ich antworte mit Schulterzucken. Dann greife ich meine dicke Sporttasche und werfe sie auf das Bett. Aus dem Schrank ziehe ich Sportbekleidung und packe alles in die Tasche. Meine Mutter steht schweigend zwischen Bett und Tür und zieht die Augenbrauen hoch. »Also geht es heute doch zum Training?«, fragt sie, als ich den Reißverschluss schließe.

»Ich habe gerade ungeheure Lust, mich auszupowern.«

Als ich das Vereinsgelände erreiche, ist diese Lust verflogen. Aber es ist zu spät, um umzukehren. Weder Schweigen noch Reden hat irgendetwas genützt. Ich muss wohl Taten sprechen lassen, damit die Leute mich in Ruhe lassen. Ich durchschreite das Eingangstor. Links und rechts von dem Weg, der ein paar Meter weiter eine Treppe hoch und auf den Platz führt, befinden sich kleine Bauten, in denen unsere Umkleidekabinen liegen. Sie sind schon etwas älter, und wenn man sie betritt, steigt einem immer ein leicht modriger Duft in die Nase. Verrückt, aber irgendwie merke ich gleich, als ich ihn wahrnehme, dass mir dieser Ort gefehlt hat. Unsere Kabine ist die letzte auf dem schmalen Gang. Bevor ich die Tür zu ihr öffne, bleibe ich kurz stehen und versuche mich zu sammeln, denn mein Herz schlägt viel zu wild. Es geht nicht. Ich bin nervös. Egal.

Entschlossen betrete ich die kahle Kabine und gehe schnellen Schrittes auf das letzte Schließfach in der hintersten Ecke zu. Dort war immer mein Platz. Mit einem Tunnelblick laufe ich an den Anderen vorbei und sehe nicht einmal, wer sie sind. Ganz automatisch beginne ich, mich umzuziehen. Die anderen, es sind drei, sprechen mich nicht an. Somit herrscht ein seltsames Schweigen, doch ich bin dankbar dafür. In Windeseile stülpe ich mir meinen Trainingsanzug über, schnüre meine Schuhe und gehe genau so starr wie ein paar Minuten zuvor wieder hinaus. Entschlossen erklimme ich die paar Stufen zum Sportplatz, und während ich auf diesen zusteuere, binde ich mir die Haare zu einem Zopf. Ich schwitze jetzt schon.

Im Flutlicht wirkt unser Platz viel beeindruckender als bei Tageslicht. Unser Verein verfügt lediglich über dieses eine Spielfeld, das dazu auch noch aus Asche statt Kunstrasen oder gar Rasen besteht. Um ihn herum befindet sich eine 400 Meter Bahn, aus den Zeiten, als hier auch noch Leichtathletik trainiert wurde. Sie ist uneben und die Linien sind kaum noch erkennbar, aber sie wird noch gerne als Foltermittel, für Konditionstraining und Strafrunden, genutzt. Auf der gegenüberliegenden Seite des Eingangsbereiches befindet sich der einzige Stolz unseres Vereins. Es ist eine kleine, aber recht neue Tribüne, die uns irgendein Gönner vor ein paar Jahren gesponsert hat. Andere haben so etwas nicht. Es sitzen zwar nie viele Leute dort, aber Hauptsache, wir haben so etwas. Ich muss schmunzeln. Mein Verein ist überschaubar, aber hier fühle ich mich wohl. Ich sehe Trainer Rolf direkt auf dem Mittelkreis des Platzes mit einem Netz voller Bälle in der Hand. Als er mich bemerkt, lächelt er.

Nach und nach treffen meine Mannschaftskolleginnen ein und wir versammeln uns bei Rolf. Niemand sagt etwas zu mir, noch nicht einmal Hallo, was mich schon wieder stört, aber es sieht mich auch niemand komisch von der Seite an. Debora ist, Gott sei Dank, nicht dabei. Rolf, der in seinem gut gefütterten Trainingsanzug wie eine kleine Kugel mit Mütze aussieht, ergreift das Wort: »Alles klar, Mädels. Die letzten Spiele waren Mist, das wisst ihr so gut wie ich. Aber wir werden aus den Niederlagen lernen! Außerdem freue ich mich, dass die Kapitänin wohl doch nicht von Bord gegangen ist.«

Jetzt schauen sie mich komisch von der Seite an. Ich betrachte die feinen Steinchen des Ascheplatzes und versuche, gelassen zu wirken.

Erst als Rolf uns zum Warmlaufen auf die Folterbahn schickt, schaue ich wieder auf. Wie habe ich das vermisst! Nach ein paar Minuten merke ich bereits, wie gut es mir tut, mich endlich wieder zu bewegen. Die Schwere meiner Glieder verschwindet, ich kann mein Blut pulsieren fühlen und wieder frei durchatmen. Und mit den Minuten schwindet auch die Anspannung in meinem Bauch. Katja ist die Erste, die sich traut, mich anzusprechen. »Na Katinka, kannst du denn überhaupt noch rennen?«, fragt sie und fordert mich zu einem Schlusssprint heraus. Da sage ich nicht Nein. Ohne Probleme lasse ich Katja hinter mir und lache erleichtert auf. Alles ist halb so wild. Am meisten Spaß habe ich heute bei den Schussübungen. Schießen war schon immer meine Spezialität, aber selten habe ich es als so erfüllend empfunden wie heute. Der Ball ist mein Frust und ich trete ihn tot. Torhüterin Leonie hat ebenfalls ihren Spaß an meinen Schüssen. »Wenn ich die Dinger halten kann, mache ich mir keine Sorgen für das nächste Spiel«, ruft sie und die anderen stimmen ihr zu. Ich mag mein Team. Wie konnte ich es so lange allein lassen?!

»Bist du Samstag dabei?«, fragt mich Katja hinterher in der Kabine.

Diese Frage habe ich doch schon einmal gehört. »Sprichst du von der Vorabiparty?«

»Klar. Findet im Bunker statt, ist voll gut da.«

»Na, ich weiß ja nicht ...«

»Ach komm schon«, schaltet sich auch Leonie ein. Sie zieht sich ihr T-Shirt über den Kopf.

»Ich bin ja eigentlich nicht so die Partymaus ...«, meine ich.

Katja schüttelt den Kopf: »Beim Sommerfest warst du die Betrunkenste von allen!«

Alle lachen. Ja, das Sommerfest ist tatsächlich lustig gewesen. Ich kann mir schon vorstellen, dass ich mir auch die Vorabi-Party lustig trinken könnte. Leonie streift ihren Sport-BH ab. Ich schnelle zu meinen Schnürsenkeln herunter und fummele daran herum. Alle anderen Mädels entkleiden sich wie nach jedem Training und ich würde mich am liebsten ohrfeigen – ich hatte völlig vergessen, dass nun alle duschen gehen würden. In der Sammeldusche. Nackt nebeneinander. Wie immer.