Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Sanja hat mit ihrer kriminellen Vergangenheit abgeschlossen. So glaubt sie. Doch dann überredet sie ihr ehemaliger Komplize Sebastian zu einem letzten großen Coup, einen Einbruch in eine luxuriöse Villa. Die Bewohner kehren früher zurück, als erwartet, sie muss fliehen und schwört, nie wieder einzubrechen. Aber sie gerät in einen Strudel von Verfolgung und tödlicher Bedrohung.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 221
Veröffentlichungsjahr: 2024
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Gisela Witte
Im Adrenalinrausch
Psychothriller
Ruhrkrimi-Verlag
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2024 Gisela Witte
© 2024 Ruhrkrimi-Verlag
Taschenbuch: ISBN 978-3-947848-86-7
Auch als ebook erhältlich
Originalausgabe
Covergestaltung: Tom Jay, Gundelsheim
Alle Personen, Namen und Ereignisse sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen, Namen und Ereignissen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Alle Rechte vorbehalten!
Die Verwendung von Text und Grafik ist auch auszugsweise ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.
https://www.ruhrkrimi.de
Gisela Witte ist gelernte Buchhändlerin und war auch als Galeristin tätig.
Lange Auslandsaufenthalte führten sie nach England, Frankreich, in die Schweiz, die USA und nach Indien.
Sesshaft geworden, schloss sie einen Diplomstudiengang in Erziehungswissenschaften ab. Es folgten Zusatzausbildungen in Kinderpsychotherapie, Familientherapie und Lerntherapie und die Tätigkeit in der psychosozialen Arbeit mit Kindern und Familien.
Sie arbeitet als freie Autorin in Berlin und veröffentlichte den Erzählband »Die silberne Kugel« und die Thriller »Herrenhaus« und »Kalt wie das Mondlicht« sowie zahlreiche Erzählungen und Kurzkrimis in Anthologien.
Gisela Witte ist Mitglied im VS und bei den »Mörderischen Schwestern«.
Sanja
Schon seit über einer Stunde starren wir durch eine Lücke in der Hecke auf die Haustür. Wann verschwinden sie endlich? Das Ehepaar wohnt dort alleine, das hatte Sebastian vorher ausgekundschaftet. Aber noch immer sind die Fenster hell erleuchtet. Sie sind noch zu Hause.
Silvesterraketen zischen in den Himmel, explodieren und hinterlassen Lichtfontänen. Das alte Jahr nähert sich seinem Ende.
Allmählich kriecht mir die Kälte die Beine hoch und meine Hände fühlen sich klamm an, trotz der Handschuhe. Auch werden meine Befürchtungen immer größer, dass wir einer Gefahr entgegen gehen. Hätte ich gewusst, welche Folgen dieser Abend für mich haben sollte, wäre ich auf der Stelle geflüchtet.
»Ach, Basti. Lass uns lieber abhauen und das Ganze abblasen. Mir wird ganz mulmig. Ich halte die Warterei nicht länger aus«, flüstere ich.
»Bleib cool, Sanja«, zischt er. »Nun verlier mal nicht die Nerven. So ne Gelegenheit bietet sich nie wieder. Nichts kann schiefgehen. Das gibt ordentlich Kohle mit den Sachen im Haus.« Er boxt mich leicht in die Seite. »Ohne Moos nix los. Von dem Geld kannst du dir ohne Ende teure Klamotten kaufen. Ach stimmt, das turnt dich ja nicht so an. Aber du könntest dich selbstständig machen.« Er reckt sein Kinn nach vorn und horcht. Seine Adlernase zeichnet sich im Profil als dunkler Schatten ab. Dann fährt er flüsternd fort: »Eine eigene physiotherapeutische Praxis. Wäre das nichts? Und ich nehme den Flieger nach Chicago. Route 66 von Chicago bis Los Angeles auf einer neuen Harley. Davon träume ich schon immer, das wäre der Burner.« Er lacht, umfasst meine Schulter und drückt mich an sich. Ich befürchte, dass er versuchen wird, mich zu küssen, wie neulich. Aber er gibt mich schnell wieder frei.
Es knistert. Sebastian wickelt einen Kaugummi aus, der einen scharfen Geruch nach Zimt verströmt und schiebt ihn in den Mund.
»Schmeiß bloß nicht das Papier auf den Boden. Wir wollen doch keine Spuren hinterlassen«, ermahne ich ihn.
»Nee, natürlich nich. Und mach dir keinen Kopf. Es ist hier alles sicher, zero risk. Hab alles perfekt vorbereitet. Hier, nimm dieses Handy.« Er gibt mir ein altmodisches Klapphandy. »Da ist nur meine Nummer als Kontakt gespeichert. Es ist auf vibrieren gestellt. Bei Gefahr warnen wir uns gegenseitig. Wenn wir hier fertig sind, entfernst du sofort die SIM-Karte.«
Ein weiteres Mal wiederholt er, welche reiche Beute uns erwartet. Im Vergleich zu seinen die Abenteuer von früher Peanuts, als wir Handtaschen in Restaurants geklaut haben und anschließend in die Wohnung der Besitzer eingebrochen sind.
Ich kenne meinen Kumpel Sebastian schon seit der Grundschulzeit. Damals war er so etwas wie mein Schützling. Er hat lange gebraucht, um mich zu dieser Aktion zu überreden. Ein allerletzter Coup, wie er beteuerte. Zunächst habe ich seinen Plan strikt abgelehnt, dann halbherzig zugestimmt. Am meisten reizt mich die Aussicht auf den Kick, dieses Hochgefühl, das mich packt, wenn ich mich in eine gefährliche Situation begebe. In der letzten Zeit habe ich dieses einzigartige Gefühl häufiger vermisst. Seit über drei Jahren habe ich mir nichts mehr zuschulden kommen lassen, habe mich in einem bürgerlichen Leben eingerichtet und eine Ausbildung zur Physiotherapeutin beendet. In meinem Job fühle ich mich anerkannt und geschätzt. Im Gegensatz zu früher habe ich jetzt eine Menge zu verlieren. Erst vor wenigen Monaten bin ich nach Berlin gezogen, um eine neue Stelle anzutreten und halte mich nur besuchsweise in Hannover auf.
Da knackt es im Gebüsch. Selbst Sebastian, der die ganze Zeit so bemüht cool tut, zuckt zusammen. Aber es ist nur die Hauskatze auf der Suche nach Gesellschaft. Sie streicht mir um die Beine und maunzt leise.
Endlich wird überall im Haus das Licht ausgeschaltet, nur das Schlafzimmer im Obergeschoss bleibt beleuchtet. Vermutlich soll das als Diebstahlsicherung dienen. Bei dem Gedanken muss ich unwillkürlich kichern. Wir kennen uns im Haus bestens aus, weil Sebastian mir einen Lageplan in die Hand gedrückt hat, den ich mir genau eingeprägt habe. So können wir uns selbst im Dunkeln zurechtfinden. Vorsorglich habe ich den Plan vernichtet. Seine Infos hat Sebastian von der Haushälterin, mit der er sich angefreundet hat. Von ihr hat er auch erfahren, dass die Herrschaft an diesem Abend zu einer Silvestergala eingeladen ist.
Sechs Wochen lang hat er dort unter falschem Namen als Gärtner gearbeitet, um diskret die Zahlenkombination des digitalen Türschlosses auszuspionieren.
Da erscheint das Ehepaar vor der Haustür. »Endlich«, murmele ich erleichtert. Sebastian stößt mich sanft in die Seite, damit ich die Klappe halte.
Die Frau, in einen vermutlich teuren Pelz gekleidet – in Gedanken bekommt sie dafür eine dicke Rüge von mir – bleibt vor der Tür stehen, bis der Gatte mit dem Auto vorfährt. Sie gleiten in ihrer Limousine die Auffahrt hinaus und verlassen das Grundstück.
»Wir warten noch etwas«, flüstert Sebastian.
Kein Laut ist zu hören, nur das ferne Rauschen des Verkehrs und gelegentlich zischt ein Böller.
Die Katze hat inzwischen Gefallen an meiner Gesellschaft gefunden. Sie ist nahe bei mir geblieben, drängt darauf, gestreichelt zu werden und erwartet vermutlich Futter von mir.
»Gleich geht’s los. Du weißt, was zu tun ist.« Sebastian spricht mit gedämpfter Stimme, obwohl sich weit und breit kein Mensch aufhält. »Ich laufe jetzt zur Haustür und tippe den Code ein. Du folgst mir, wenn die Tür offen ist.«
»Und was ist, wenn sie den Code geändert haben?«
»Dann hauen wir ab und chillen oder feiern Silvester.« Er erstickt ein Husten, indem er sich die behandschuhte Hand vor den Mund hält. »Also, du suchst, wie besprochen, die Räume im Parterre ab und ich im ersten Stock. Im worst case kannst du durch die Hintertür zum Garten von der Küche aus entkommen und ich vom Balkon aus auf einen Baum klettern. Und falls einer von uns geschnappt werden sollte, Klappe halten. Hörst du? Wir verraten einander nicht. Als Mittäter geben wir stattdessen einen gewissen Martin König an.« Er kichert und tippt mir auf die Schulter. »Den gibt’s wirklich. Merk dir den Namen. Kenne den Mann nur flüchtig. Wandert morgen aus. Philippinen. Da gibt es kein Auslieferungsabkommen.« Er zieht sich seine Mütze ins Gesicht. »Die nächsten drei Monate nehmen wir keinen Kontakt zueinander auf. Ruf mich auf keinen Fall an.«
Ich erschrecke, als er mich am Oberarm packt und eindringlich ansieht. »Ab sofort wird nicht mehr gequatscht. Good luck!«, sagt er leise, dabei legt er den Zeigefinger auf den Mund.
Mit klopfendem Herzen sehe ich ihm durch das Loch in der Hecke hinterher und nehme ihn als einen grauen Schatten wahr, der über die Wiese zum Haus huscht. Einen Moment bleibt er stehen. Vermutlich tippt er den Code ein. Die Tür öffnet sich und gibt ein dunkles Rechteck frei. Alles klappt nach Plan. Es geht los! Ich folge ihm, begleitet von der Katze, ins Haus. Ich schließe die Haustür hinter mir, spüre im Flur einen flauschigen Teppichboden unter meinen Sneakern.
Ein leises Knarren der Treppe zeigt mir, dass Sebastian nach oben steigt. Ab sofort bin ich allein auf mich gestellt. Ich drücke auf den Knopf meiner Stablampe. Der kreisrunde Lichtschein wandert über die Wände und zeigt drei Türen an der linken Seite. Ich will eine der Türen öffnen, aber die Katze lässt mich nicht in Ruhe. Ich schubse sie sanft von mir, doch sie kennt nur ein Ziel. Das Miauen wird lauter und fordernder. Ich mag Katzen. Schließlich gebe ich nach und lasse mich zur Küche führen. Auf Verdacht öffne ich die Kühlschranktür und entdecke eine angebrochene Dose Katzenfutter. Einen Teil des Inhalts fülle ich in den Napf auf dem Boden und höre es umgehend schmatzen. Aus der Sicht der Hausbesitzer wäre im Moment ein Wachhund nützlicher, als eine Schmusekatze, geht mir durch den Kopf.
Bei der Gelegenheit entdecke ich die Tür, die in den Garten führt.
Meine Hände werden feucht. Der Kick des Risikos, des Verbotenen, den ich von früher kenne, stellt sich wieder ein. Es ist, als hätte ich eine Droge geschluckt, die mich euphorisiert und gleichzeitig hochkonzentriert macht.
Nebenan liegt, laut Plan, das Arbeitszimmer des Hausherrn. Der Lichtkegel meiner Stablampe sucht den Raum nach geeigneter Beute ab und bleibt an dem silbernen Jugendstilleuchter auf dem Regal hängen. Nur rein damit in den Rucksack. Heute ist freie Auswahl, alles umsonst. Im Esszimmer entdecke ich eine kunstvoll gearbeitete Silberschale mit einem floralen Muster. Ich muss mich bremsen und entscheide, ab jetzt nur Geld und Schmuck mitzunehmen, um beweglicher zu bleiben.
Aus dem Nachbarraum duftet es nach teurem Parfüm. Ich habe einen feinen Geruchssinn und kann sie von billigen anhand ihrer Inhaltsstoffe unterscheiden. Madame muss sich hier länger aufgehalten haben. Ich richte die Taschenlampe auf die Wand und erblicke schemenhaft eine schwarze Gestalt, die sich bewegt. Mir entfährt ein unterdrückter Schrei, ich will fliehen, begreife eine Sekunde später, dass ich mein Spiegelbild angeleuchtet habe.
Auf der Kommode unter dem Spiegel entdecke ich den Schmuck. Hätte ich ihn doch dagelassen!
Madame versteht etwas von Schmuck. Sie muss ihre Preziosen aus dem Tresor genommen haben, um an diesem Abend deutlich ihren Wohlstand zu präsentieren. Dabei fiel ihr wohl die Auswahl schwer. Ich greife mit beiden Händen zu, zerre Broschen, Ringe, Brillantarmbänder und -ketten aus dem Schmuckkasten und aus Döschen, wickele sie in das mitgebrachte Handtuch und versenke alles im Rucksack. Aus Erfahrung weiß ich, wie gefährlich es ist, wenn man gierig wird und zu lange verweilt. Für diesen Abend habe ich genug und schleiche zur Hintertür. Das sollte sich als eine glückliche Entscheidung erweisen.
Im gleichen Moment, in dem ich das Haus durch die Tür zum Garten verlasse, höre ich die Haustür zuschlagen. Der Schreck fährt mir durch die Glieder. Sie sind zurück! Weshalb jetzt schon? Ich denke nicht lange nach, sondern lege einen Sprint ein und renne durch den Garten bis zum hinteren Ende des Grundstücks. Mein Atem geht stoßweise und ich erreiche den Komposthaufen. Es kommt mir zugute, dass ich regelmäßig Sport betreibe. Ich ziehe das Handy aus der Hosentasche, gebe Basti, wie vereinbart, ein Warnsignal. Ob Sebastian es rechtzeitig geschafft hat, den Baum hinunter zu klettern? Ich bin sicher, er ist schon längst entkommen. Vom höchsten Punkt des Komposthaufens springe ich über den Zaun. Ich habe Glück, der kleine Sandweg ist menschenleer.
Am Himmel blitzt und kracht es in immer kürzeren Abständen. Bald muss es Mitternacht sein.
Bevor ich in die Straße einbiege, wage ich einen Blick zurück und sehe die Villa in hellem Licht erstrahlen. Kurze Zeit später ist eine Polizeisirene zu hören.
Ich verlangsame meinen Schritt, reiße mir die schwarze Wollmütze vom Kopf, entferne den Haargummi, schüttele meine blonde Mähne und binde mir einen roten Schal um den Hals.
Allmählich beruhigt sich mein Herzschlag.
Dann kommt mir der Gedanke, dass er davon ausgegangen war, dass Madame zum Galaball ihren besten Schmuck aus dem Tresor im Schlafzimmer holen würde. Er hatte angenommen, dass sie dort eine Auswahl trifft, ihn anlegt und den Rest, in Eile, nicht wieder einschließt. Deshalb hatte er sich das gefährlichere Obergeschoss als Jagdrevier ausgesucht.
In der Hauptstraße erwartet mich mein Polo. Auf keinen Fall werde ich die Nacht in Hannover verbringen, wie ursprünglich geplant. Das ist zu riskant. Ich werde sofort nach Berlin zurückfahren.
Ich greife in die Jackentasche nach meinem Autoschlüssel. Da spüre ich etwas in der Hand, was vorher nicht dagewesen war. Ich halte es gegen das Licht der Laterne: Ein kleiner weißer Plastikbeutel, der totsicher Kokain enthält. Beinahe wäre er mir vor Schreck aus der Hand gefallen. Ich weiß, dass sich Sebastian regelmäßig einige Lines reinzieht. Er muss mir den Beutel in die Tasche gesteckt haben, als wir im Garten der Villa warteten, für den Fall, dass er erwischt würde. Genauso gut hätte es aber mich treffen können. Warum hat er den Beutel nicht im Garten entsorgt? Was ist in ihn gefahren? So sind wir nie miteinander umgegangen. Kein einziges Mal haben wir uns gegenseitig in Gefahr gebracht. So eine Ratte! Das werde ich ihm nie verzeihen.
Zweieinhalb Jahre später
Sanja
Ich drehe mich vor dem Spiegel hin und her, zupfe das Kleid zurecht. Der feine Stoff fühlt sich angenehm auf der Haut an. Ärmellos, nicht zu tief ausgeschnitten, mit einem weiten Rock und hübsch anzusehen, mit den kleinen schwarzen Blumen auf rotem Untergrund. Ein passendes Outfit für dieses heiße Wetter und für das Treffen mit meiner braven Schwester und deren Tochter Olivia.
Das Kaffeetrinken mit ihnen ist für sechzehn Uhr vereinbart. Nur deswegen bin ich heute nach Hannover gekommen. Oh je! Ich sehe auf meine Uhr. Himmel, ich bin spät dran. Schnell wieder zurück in die Kabine und umziehen. Ein letztes Mal lächele ich meinem Spiegelbild anerkennend zu. Das Kleid ist so gut wie gekauft.
Mein Blick fällt durch den halbgeöffneten Vorhang in den Verkaufsraum und bleibt an einer Person hängen. Ich traue meinen Augen nicht, für den Bruchteil einer Sekunde bin ich wie erstarrt. Dann flüchte ich in die Kabine und ziehe reflexartig den Vorhang zu. Das darf nicht wahr sein! Sebastian! Erst bei näherem Hinsehen habe ich ihn erkannt. Schlanker und muskulöser ist er geworden. Er ist der Letzte, den ich in diesem Moment, dazu noch in der Damenabteilung eines Kaufhauses, erwartet hätte. Mit seiner vorzeitigen Entlassung habe ich nicht gerechnet, ich bin innerlich nicht darauf vorbereitet. War er nicht ursprünglich zu vier Jahren verurteilt worden?
Ob er mich gesehen hat? Die Erinnerungen an den Silvesterabend vor zwei Jahren stürzen auf mich ein. Ich spüre ein Summen in den Ohren und mein Herz hämmert bis zum Hals. Die schlimmste Befürchtung, die mich so manche Nacht wachgehalten hat, ist Wirklichkeit geworden: Sebastian ist wieder frei und wird mich zur Rechenschaft ziehen. Offensichtlich ist er wegen guter Führung vorzeitig entlassen worden. Er weiß, dass ich kostbaren Schmuck gestohlen habe. Das wird er im Prozess vor seiner Verurteilung erfahren haben. In meinen Wiederholungsträumen tauchte er wütend auf. Er baute sich vor mir auf und forderte in drohender Haltung seinen Anteil an der Beute ein. »Du schuldest mir, wie abgemacht, die Hälfte von dem, was du für den Schmuck bekommen hast. Schließlich habe ich den Ort klargemacht und dich nicht verpfiffen. Du wärst sonst auch im Bau gelandet.«
Mir wird schwindlig, ich lasse mich auf dem Hocker in der Kabine nieder und schlage die Hände vors Gesicht.
Allmählich beruhigt sich mein Puls. Auf keinen Fall darfst du jetzt die Nerven verlieren, rede ich mir gut zu.
Mühsam richte ich mich auf. Eines ist sicher: Wenn er mich gesehen hätte, wäre er schon längst hereingestürmt. Dass die Umkleidekabine nur für Damen ist, hätte ihn nicht abgehalten. Nur fort von hier. Ich muss jetzt unauffällig durch das Treppenhaus verschwinden, unbemerkt das Parkhaus erreichen und sofort Hannover verlassen.
Ich erhebe mich, streife mechanisch das Kleid ab und hänge es auf einen Bügel. Dann schlüpfe ich in meine Leinenhose und knöpfe die Bluse zu.
Zögernd betrete ich den Verkaufsraum. Hinter einen Kleiderständer geduckt, blicke ich mich nach allen Seiten um. Mit Scannerblick suche ich sorgfältig jeden Quadratzentimeter ab. Sebastian ist nicht mehr zu sehen, er muss die Etage verlassen haben, stelle ich erleichtert fest. Die Hand, mit der ich mich auf den Ständer stütze, zittert unkontrolliert. Reiß dich zusammen. Er ist längst gegangen, die Luft ist rein, spreche ich mir Mut zu.
Den Blick nach vorne gerichtet husche ich zum Treppenhaus, das nur wenige Meter entfernt ist.
Die Tür lässt sich nur schwer bewegen. Mit einem saugenden Geräusch öffnet sie sich und genau so langsam, schließt sie hinter mir.
Geblendet vom gleißenden Sonnenlicht kneife ich die Augen zu. Als ich sie blinzelnd öffne, finde ich mich in einer anderen Welt wieder, tauche in eine unwirkliche Atmosphäre ein.
Den gleichmäßigen Geräuschpegel in den Verkaufsräumen nehme ich entfernt, wie durch einen Filter, wahr. Die Sonne dringt durch die hohen geschlossenen Fenster und verbreitet eine drückende Hitze, die Luft ist dick und reglos. Binnen weniger Minuten steht mir der Schweiß auf der Stirn und auf den Armen bildet sich ein feuchter Film.
Geht da im Stockwerk unter mir eine Tür auf? Dringt da Lärm aus den Verkaufsräumen? An das Geländer gelehnt bleibe ich stehen und lausche. Ich muss mich getäuscht haben. Im Treppenhaus herrscht Stille, keine Stimmen, keine Schritte, nur das Summen der Fliegen.
Ich stolpere die Treppen hinunter, vorbei an Schwärmen von Fliegen, die gegen die Glasscheiben schlagen und an den toten Artgenossen auf den Fensterbrettern.
Was, wenn Sebastian den gleichen Weg nimmt wie ich, überraschend vor mir auftaucht, und mich angreift? Bei der Vorstellung fröstele ich trotz der drückenden Hitze. Jetzt nur keine Panik, ermahne ich mich.
Ich bin an der Tür zum Parkhaus angelangt und öffne sie behutsam. Einen Moment lang bleibe ich stehen und orientiere mich im Halbdunkel. Bis auf wenige freie Parkplätze ist alles besetzt. Niemand ist zu sehen, kein Wagen der einparkt oder losfährt.
Ich laufe zu meinem Auto, öffne es mit der Fernbedienung und gleite rasch auf den Sitz. Noch bin ich nicht in Sicherheit. Die wildesten Szenarien schießen mir durch den Kopf: Sebastian reißt die Autotür auf und zerrt mich heraus oder springt aus dem Hinterhalt vor die Kühlerhaube, um zu verhindern, dass ich losfahre. Ich drücke auf die Zentralverriegelung und fahre los. Geschafft! Bloß weg von hier, raus aus dem Stadtzentrum. Unterwegs werde ich kurz anhalten und meiner Nichte Olivia eine WhatsApp schicken, dass ich verhindert bin. Sie und meine Schwester werden furchtbar enttäuscht sein, dass ich so plötzlich absage. Aber ich kann nicht mit ihnen persönlich sprechen, mir fehlt die Kraft, sie anzulügen. Jetzt muss ich nur noch mein Gepäck von der Pension abholen und dann nichts wie zurück nach Berlin.
Das Sprichwort Stadtluft macht frei drängt sich mir auf und gewinnt eine persönliche Bedeutung. Eigentlich müsste es heißen: Großstadtluft macht frei.
Sebastian
Er lässt das Stadtzentrum hinter sich. Während der Fahrt wirft er einen Blick auf den Beifahrersitz, wo eine große Papiertüte mit neuer Garderobe knistert. Im Kaufhaus hat er günstig einen Blazer, einen Pullover, Jeans und eine Sommerjacke erworben. Fast sein ganzes Geld ist dafür draufgegangen. Der grüne Windbreaker mit dem Aufnäher, den er ständig trägt, ist etwas aus der Mode gekommen. So wie alles andere, was er an Kleidung besitzt. Wenn er sich für einen neuen Job vorstellt, muss er anständig aussehen. Außerdem hat er in der JVA Hannover abgenommen durch das tägliche Training. Bei der Entlassung hatte ihm der Beamte bestätigt, er sehe jetzt wesentlich markanter und durchtrainierter aus als bei der Einweisung.
Und er hat auch einen Beruf erlernt. Kfz-Mechatroniker. Diese Arbeit liegt ihm und macht ihn zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft, wie sein Ausbilder immer predigte. Auch war er der Einzige im Knast, der auf Anhieb die Prüfung bestanden hat. Das erfüllt ihn mit Stolz. Früher nannte sich der Beruf Kraftfahrzeugmechaniker. Aber moderne Autos sind eben technisch komplizierter konstruiert, was sich auch auf das Berufsbild auswirkt. Ein Durchschnittsgehalt läge so um die dreitausend Euro, wurde gesagt. Auf einen Neuanfang mit selbstverdientem Geld freut er sich. Er könnte ein völlig anderes Leben führen, als bisher. So hat er die Zeit genutzt und das Beste aus dem Knastaufenthalt gemacht.
Seine Gedanken wandern zu Sanja. Sie kann nicht wissen, dass er vorzeitig entlassen wurde. Ob sie ihm die Hälfte dessen überlassen wird, was sie für den Schmuck bekommen hat? Er hat sie als zuverlässig und fair in Erinnerung. Aber sie hatte sich verändert. Bei ihren letzten Treffen vor fast drei Jahren war sie nicht mehr die Frau gewesen, die er kannte. Sie war nicht länger der Kumpel von früher, die motorradfahrende, laute Powerfrau. Jetzt trug sie Designerklamotten, ein dezentes Make-up und redete wohlartikuliert in gemäßigter Lautstärke. Vermutlich verkehrt sie nur noch mit feineren Leuten.
Letzte Nacht war Sanja wieder in seinen Träumen aufgetaucht. Lichtumflort stand sie im Flur der Villa, in der sie eingebrochen waren und zeigte auf ihn. Sie war nicht allein. Die Polizisten, die sie begleiteten, stürzten sich auf ihn und nahmen ihn fest. Daraufhin verfiel sie in ein hämisches, endloses Gelächter. Der Traum ist nicht so weit von der Realität entfernt, findet er. Hatte sie ihn nicht viel zu spät mit dem vereinbarten Klingelzeichen des Handys gewarnt? Als er durch das Fenster auf den Baum entkommen wollte, hielt ihn der Hausbesitzer fest, zerrte ihn zurück in den Raum und schlug ihn mit einem Baseballschläger nieder. Hatte Sanja ihn verraten? Er möchte es nicht glauben, aber dieser Gedanke quält ihn seit jener Nacht und will ihn nicht loslassen.
In seiner Brust breitet sich wieder das Gefühl aus, als würde sein Oberkörper zerplatzen. Er hält am Straßenrand, legt eine Hand auf die linke Brustseite und atmetet tief durch. Immer mit der Ruhe. »Alles wird gut«, sagt er laut. Er greift zu der Packung Betablocker und der Wasserflasche auf dem Beifahrersitz, wirft eine Tablette ein und spült sie mit dem Wasser hinunter. Die Packung enthält nur noch drei Tabletten. Er muss dringend für Nachschub sorgen. Aber das Medikament wirkt. Allmählich lässt der Druck nach und er kann seine Fahrt fortsetzen.
Schmuck im Wert von einer halben Million hatte sie mitgehen lassen. So stand es in der Zeitung. Selbst wenn sie ihn nur für ein Drittel des Wertes verkaufen konnte, hatte sie eine Menge Geld kassiert.
Sanja sollte ihm dankbar sein. Bei der Polizei hatte er dichtgehalten und sie geschont. Nun gut, eine Sache war nicht ganz fair gewesen. Er hätte ihr das Kokain nicht in die Tasche schieben sollen. Aber ihr war ja nichts geschehen.
Seinen Anteil braucht er dringend. Die Schrottmühle, mit der er durch die Gegend fährt, bricht bald auseinander. Und die Gartenlaube, die ihm ein Kumpel überlassen hat, ist keine dauerhafte Lösung. Weiß Sanja, dass er vorzeitig entlassen wurde? Er muss sie finden. Aber wie? Ob sie noch in Berlin lebt? Über das Einwohnermeldeamt hat er die Auskunft erhalten, dass sie hier in Hannover bei ihrer Schwester gemeldet ist. Dort wird er jetzt hinfahren.
Er parkt in der Nähe eines weiß getünchten Einfamilienhauses, das von einer hohen Hecke umgeben ist, dem Haus von Sanjas Schwester Stefanie. Sanja hat hier vor Jahren zeitweilig gewohnt. Und ihre Nichte Olivia? Lebt sie noch bei den Eltern? Sanja hatte eine enge Beziehung zu ihr. Sanja in Berlin zu suchen, ohne nähere Informationen wäre sinnlos. Wenn er Olivia und Stefanie nachspürt, könnte er vielleicht Sanjas neue Handynummer erfahren.
Er steigt aus dem Auto und läuft zum Haus. Unter der Klingel ist ein Kupferschild mit dem Namen Schüler angebracht. So heißt die Schwester. Er wagt es nicht zu klingeln, Stefanie ist ihm früher immer sehr ablehnend begegnet.
Sebastian setzt sich wieder in seinen Fiat. Es ist still in der kleinen Straße. Am Himmel ziehen Wolken vorbei, die Schatten auf das Pflaster werfen. Eine Frau mit einer Einkaufstasche in der Hand kommt die Straße entlang, öffnet das Gartentor zum Nachbarhaus. Ein Mann erscheint an der Haustür und lässt sie hinein. Eine getigerte Katze überquert gemächlich die Fahrbahn und verschwindet im Gebüsch.
Der Alltag eines Privatdetektivs muss stinklangweilig sein. Da war sein Job als Dieb, ein Profi – so hatte er damals von sich gedacht - wesentlich abwechslungsreicher und aufregender gewesen. Aber in keiner Weise vergleichbar mit seinem jetzigen Beruf des Mechatronikers. Er seufzt laut. Jetzt wartet er schon seit fast zwei Stunden und nichts passiert. Er löst einen Kaugummi aus der Verpackung und schiebt ihn in den Mund. Der scharfe Geschmack verursacht ein anregendes Prickeln der Schleimhäute und macht ihn munter.
Da! Endlich! Er richtet sich auf. Die Tür wird geöffnet und eine junge Frau verlässt das Haus, das er observiert. Das muss Olivia sein. Die Familienähnlichkeit mit Sanja ist verblüffend. Ein einziges Mal hat er Olivia aus der Ferne gesehen. Das liegt schon fast vier Jahre zurück. Inzwischen ist sie zu einer jungen, attraktiven Frau herangewachsen.
Er nimmt all seinen Mut zusammen, springt aus dem Auto, tritt ihr an der Gartentür entgegen und fragt nach Sanja.
»Die wohnt hier nicht«, antwortet Olivia kurz angebunden, wendet sich ab und steigt in ein Auto.
Warum fertigt sie ihn so schroff ab? Ob sie von Sanja dazu beauftragt wurde? Weiß die Kleine überhaupt, wer er ist? Er hätte gleich nachfragen sollen, ob Sanja in Berlin lebt. Wie dumm von ihm. Aber vermutlich hätte sie ihm dann genauso knapp und nichtssagend geantwortet.
Er läuft zurück zu seinem grauen Fiat. Jetzt muss er sich beeilen, Olivia fährt rechts um die Ecke und ist nicht mehr zu sehen. Eine Straße weiter holt er sie ein. Es ist nicht immer leicht, den Abstand zu halten. Im Moment ist er froh, eine so unauffällige Kiste von Auto zu fahren. So unauffällig wie ich selbst, denkt er. Aber manchmal kann das von Vorteil sein. Olivia fährt in Richtung Kirchrode. Hier kennt er sich gut aus, weil auch der Schrebergarten, in dem er untergekommen ist, dort liegt.
Sie parkt vor einem einstöckigen Haus, das von einem großen verwilderten Garten umgeben ist. Dann schließt sie die Gartentür auf, läuft den mit Steinplatten ausgelegten Weg entlang und verschwindet im Haus. Wohnt Olivia hier? Sebastian will es genau wissen. Er wartet einige Minuten, bevor er aus dem Wagen steigt. Auf dem Klingelschild sind fünf Namen angegeben, unter anderem Olivias.
Sanja
In einer Lücke finde ich einen Parkplatz, gleich gegenüber von meinem Wohnhaus. Nachdem ich aus dem Auto gestiegen bin, schaue ich mich auf der Straße um.
